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Trypophobia

Am Strand von St. Pete finde ich eine Muschel, deren Gehäuse mit vielen kleinen Muscheln besetzt ist. Wie leere Augen starren sie zurück. Ein Schaudern überkommt mich, wenn ich eine Metapher verwenden wollte, dann die einer Gänsehaut, die sich innen kräuselt, mehr noch ein Gänsehauttier, das mit weichem Flaum langsam meinen Körper entlangwandert und sich in meinem Kopf einnistet und auf jede Nervenzelle eine Hand mit kaltem Pelz legt.

Keine Augen sind es, die mich anstarren, ich starre in Löcher, winzige Löcher. Ich google »Angst von kleinen Löchern« und finde das Wort »Trypophobia«: die Angst von unregelmäßigen Löchern in natürlichem Gewebe, asymmetrische Cluster, Einzelteilchen, die als ein Ganzes betrachtet werden könnten, Waben, Poren, Schwämme. Ursache des Ekels könnte die Urangst vor giftigen Tieren sein, die durch bunte Farbmuster warnen - der blaugeringelte Kraken - oder die Furcht vor Parasiten und Krankheiten, welche die Haut befallen und sie durchlöchern, pockenartige Objekte, vielleicht das Internet, wenn das Sprechen über die Bilder erst die unangenehmen Assoziationen weckt, eine Art Priming.

Am stärksten reagiere ich auf das Bild einer Kapsel mit Lotussamen, eine Erdbeere, deren Kerne grün sprießen, die Suranim Kröte, auch bekannt als Wabenkröte, aus deren Rücken Krötenbabys schlüpfen. Ich schaue und schaudere, empfinde intensive Abscheu, die mich zwingt, weiter zu starren, weitere Bilder zu suchen, später Videos von Wasserkäfern, Maden aus Löchern kriechend, verkrusteter Schlamm, Bienenwaben, immer wieder Pflanzen mit Lochmustern.

Das Unwohlsein ist umfassend und doch genieße ich die schauderhafte Empfindung, flüchte nur widerwillig davor, selbst wenn ich weiß, dass das Fokussieren darauf erst recht die Phobie wachsen lässt und ich bald in allem, was mich umgibt, diese Muster finden werde, in harmloser Raufasertapete, Regentropfen an Fenstern, dem Querschnitt eines Brokkoli, Granatäpfeln, Insektenhotels, wenn ich voll und ganz ein Trypophobiker geworden bin.

 
Kadya #4

Sderot Yerushalayim. Im zwölften Stock wohnen wir, der Fahrstuhl hält in jeder zweiten Etage und ist mit einem Ventilator ausgestattet. Die Klimaanlage funktioniert in einem Zimmer allein, was ungünstig ist angesichts einer Hitzewelle, die tagsüber bis zu 36 Grad bringt. Von neun bis dreiundzwanzig Uhr sind wir üblicherweise unterwegs. Der Plan, währenddessen Durchzug durch geöffnete Fenster zu erzeugen, scheitert an den in die Zimmer fliegenden Tauben. Nachts kräht ein Hahn lauter als die Müllabfuhr, von der See kommt ein leichter Wind auf.

 
Kadya #6
Der Hafen Jaffas, nahe der historischen Altstadt. Viel dieses Viertels wurde von den Briten zerstört, die so Kontrolle über die aufständischen Einheimischen erlangen wollten. Heute wird hier vornehmlich gegessen. Schiffe legen an, auf einem hat ein alternder Playboy ein Sofa platziert und lädt dort sitzend hübsche, junge Frauen an Bord. Von da aus die Promenade entlang. In der nahen Ferne die Skyline von Tel Aviv, die Hochhäuser, von denen noch die Rede sein wird. Die Brandung tobt, das Mittelmeer ist eine See, sie zieht die Unvorsichtigen mit Kraft zu sich.

Wellen also, darauf zeitweise alle paar Meter Surfende. Das Wasser hat die Wärme der letzten Tage gespeichert, viele Quallen spült es in den Sand, oft greifen Hände danach und werfen sie ähnlich einem Spiel zurück in die Gischt.

Wenn es dunkel wird, treten aus dem Himmel die Lichter der auf den Flughafen Ben Gurion hinabsinkenden Flieger, allesamt auf einer Linie reihen sie sich hintereinander ein, das Blinken wie ordentliche Leuchtkäfer. Auf den Rasenstreifen neben der Promenade Plastikstühle, Grille, der Geruch von Fleisch, E-Bikes umkreisen verliebte Schlendernde.

Später in der Nacht walzt ein Traktor den Sand entlang, trägt den Müll des Tages fort. Über einem Boot steigt ein Leuchtfeuer hoch, doch ist niemand beunruhigt, hier am Wasser.

 
Kadya #10
Jerusalem. Der Kadyachor betritt die Altstadt durch das Damaskustor. Dahinter passiert so viel gleichzeitig, unmöglich ist es, mehr als Fetzen wahrzunehmen: Da ein Stand mit Minnie-Maus-Handyhüllen, dort einer mit Kopfbedeckungen, Dutzende mit frischgepressten Säften, Gewürze natürlich, T-Shirtstände, Motive sind Frozen, Spiderman, Arafat, oft das Gebiet Israels mit der Fahne Palästinas bedeckt. Durch die engen, abschüssigen Gassen schieben sich Touristengruppen, Flaneure, Einkäufer, Motorräder, Kinder auf Fahrrädern hupen sich selbstbewusst Wege frei. Wer stehenbleibt, sollte es aus Überzeugung tun.

Je näher wir einer drei heiligen Stätten kommen, desto größer die Dichte von Reliquientrödel. Wir wollen zur al-Aqsa-Moschee, unser Guide hat einen Zutritt organisiert, in unserer Gruppe sind Muslime, Juden, Katholiken, Protestanten, Atheisten. Die Hände der israelischen Mädchen greifen wie selbstverständlich nach Kleidungsstücken, die das Haar bedecken, für die deutschen Mädchen sind es ungewohnte Bewegungen. Als die weiblichen Haare bedeckt sind und die männlichen nicht und wir so vor die Soldaten treten, die die Tür, das Gate, bewachen, werden wir abgewiesen, was vielleicht an uns, dem so offensichtlichen Filmteam liegt, vielleicht an anderen Gründen, ganz klar wird das nicht.

Auch der Zugang zur Klagemauer wird uns verwehrt, die Sicherheitskontrolle dort ähnelt der am Flughafen Ben Gurion. In die Grabeskirche gelangen wir, Gruppen tragen Holzkreuze durch Weihrauchdampf. Vor dem Golgotafelsen werfen sich Menschen auf den Boden, küssen dem Stein, mehrmals, machen Selfies davor, zünden Kerzen an, die ein Verantwortlicher im Gewand alle paar Minuten ausbläst und abräumt.

Der zweite Versuch an der Klagemauer klappt, es hilft, dass eine der arabischen Kadyas ihre traditionelle Kopfbedeckung abgelegt hat. Vor der Mauer ist der größere Teil den Männern vorbehalten, die Frauen werden von ihnen separiert. Eine der deutschen Kadyas weiß nichts von dieser Trennung. Also geht sie auf die Männerseite, niemand bemerkt sie dabei. Dort steht sie, auf dem Platz ohne Schatten.

 
Von der Abschaffung

Eines der traurigen Bilder des frühen 21. Jahrhunderts ist das von Supermarktkassiererinnen, die Supermarktkunden die Funktionsweise von Selbstbedienungskassen erklären.

Eines der natürlichen Bilder des frühen 21. Jahrhunderts ist das von Männern, die nachts in der Straße Müll oberkörperfrei sortieren: Plastik zu Plastik, Papier zu Papier, Bio zu Bio.

 
Schneebälle

Am Freitag war ich in Buchenwald. Strahlend blau der Himmel, weit und weiß lag Schnee auf dem Gelände, die entsetzliche Leere. Zehn vor zwei liefen ein paar Jungs Richtung Parkplatz, »Da isser, er kommt« riefen sie einander zu und »Nicht plärren. Nicht schubsen. Nur Schneebälle.« Gleich darauf kehrten sie unverrichteter Dinge zurück, der Fraktionsvorsitzende hatte einen sehr kurzen Auftritt gehabt.

Die Gedenkveranstaltung begann mit einiger Verzögerung. Einer der Sätze war: »Innehalten genügt nicht mehr.« Zwei Landtagsabgeordnete der Alternative, einer im schwarzen Mantel, eine im weißen Pelz, hatten sich unter die Anwesenden gemischt. Sie wurden erkannt, »Sie sind eine Schande für das Land« wurde gerufen und der im Mantel zückte sofort sein Smartphone, filmte, rief: »Nein, Sie sollten sich schämen.« Nachdem sie einem Journalisten Antworten in den Block diktiert hatten, verließen sie das Gelände.

Es ist die Schrödingers Katze der Alternative, nur ein Zustand ist letztlich möglich: Entweder legt man einen Kranz in Buchenwald nieder. Oder man belässt einen mit einer Dresdner Rede in der Partei. Beide Zustände zugleich sind unmöglich. In beiden Zuständen agieren zu wollen, ist die Entscheidung für einen Zustand, eine Schlussfolgerung so lange schon so offensichtlich, dass sie nicht aufgeschrieben werden müsste, selbst für Wähler*innen der Alternative nicht mehr.

 
Lavawelt

Wir sind am Feuer und überlegen, ob wir, wenn wir jetzt in Berlin wären, mehr zu beschreiben hätten. Der Baum da zum Beispiel: Passiert da nicht genauso viel wie gerade am Alexanderplatz? Unter der Rinde die Vorgänge, das Wachsen, die Tiere, das Moos, die Pilze, das Fließen der Säfte, das Knospen der Blätter, die Zweige im Wind? Und erst das Feuer? Alle Lavawelten in einem Areal von ein mal einem Meter. Als wir später, um die Glut zu löschen, Wasser aus Mineralwasserflaschen darüber geben, schält sich ein neues, ein unerwartetes Geräusch aus dem Feuer, fast so, als ob Regen tropft, klingt es nun, ein letztes Räkeln in der Nacht.

 
Gefahren
In ausgedachten Geschichten so wie dieser kann ich die Gefahr suchen. Im wirklichen Leben besser nicht. Das wirkliche Leben lässt keine nachträgliche Korrektur zu. Was mir alles drohen könnte auf Sommerfrische im Salzkammergut: ein falscher Tritt und daraus folgend ein tödlicher Sturz. Steinschlag von der Felswand. Eine Lawine. Ein Zeckenbiss, der in einem halben Jahr für eine Hirnhautentzündung sorgen könnte, denn das Salzkammergut ist erhöhtes Risikogebiet. Die Salzkammergutbahn könnte mit mir darin entgleisen. Ein Ausflugsboot könnte kentern und ich würde im Mondsee ertrinken, ein Ortsname, der sich poetisch in meiner Traueranzeige machte, aber existenziell unvorteilhaft in der Vita. Höhensonnenbrand mit Spätfolgen. Lebensmittelvergiftung durch zu viel Gulasch. Angriffe durch aggressive Kuhherden, die nachweislich jedes Jahr mehrere Wanderer zu Tode bringen. Einen anaphylaktischen Schock durch einen Hornissenstich. Fuchsbandwurm durch das Verspeisen von Himbeeren am Wegesrand. Herzinfarkt aufgrund der ungewohnten Anstrengung. Hitzeschlag. Die Möglichkeiten, Opfer eines tödlichen Unglücks zu werden, sind auf Sommerfrische nahezu unendlich, größer jedenfalls als in einem Hotelzimmer. Ich bezweifle, dass das Risiko zu Sterben einen möglichen Gewinn durch Erholung aufwiegt.
 
RAM
Eine Stunde später habe ich schon vergessen, was mich eben noch begeistert hat. Das Wissen flüchtet, es rinnt aus mir heraus. Platz wird geschaffen. Ich bin ein RAM-Speicher und deshalb in der Lage, ständig neu von der Welt um mich herum beschrieben zu werden. Notiere ich nicht, was ich eben für bedeutsam hielt, ist es unwiederbringlich verloren. Nichts wird je den Moment und meinen Standpunkt dazu rekonstruieren können.
 
Kulisse
Was mir geschah, gefiel mir. Es war beruhigend. Ich wusste nichts von dem, was hinter den Kulissen geschah. Kulisse war alles. Die Häuser. Die Fenster. Die Keller, die Dachböden. Dahinter geschah immer etwas. Es ging mich nichts an. Es interessierte mich dennoch. Wen sollte ich dazu befragen? Wer würde mir antworten? Wer würde mir antworten, wenn er wüsste, dass ich darüber schreiben könnte?
 
Ranzen
Ich sehe die Kinder mit ihren schweren Ranzen. Manche sind in Gruppen, andere stehen einzeln. Alle Kinder, so jung sie auch sind, kennen diesen Ort besser als ich. Er ist ihre Welt. Sie nehmen an, dass er die Welt wäre. Der Rasen, der Spielplatz, der Beton, die Verbotsschilder, die Wäscheleinen, die Enten, die faul und platt am Morgen auf den Wiesen liegen, das alles ist ihnen selbstverständlich. Sie hinterfragen nicht. Sie nehmen an, was sie umgibt. Für die Widersprüche, das Absurde, das Falsche, das Richtige haben sie noch keine passenden Worte. Aber sie fühlen alles.
 
Volksfest

Volksfest. Hier findet sich Erlösung nur in fettigen, industriegefertigten Käsespätzle. Am Markt werden sämtliche Altersgruppen eines Rundlaufes ausgezeichnet. Der Ort nimmt gelangweilt bis ergriffen daran Anteil. Auf der Bühne ähnliche Figuren wie überall, nur dass sie mir hier persönlich unbekannt sind. Die Funktionen hingegen sind die gleichen: der hemdsärmlige Bürgermeister, der solide Sparkassenvorstand, der hyperventilierende Moderator, der dynamische Sportvereinsvorsitzende etc. Männer eben. Städtchen eben. Systeme eben. Kindergangs rotten sich vor Zuckerwatteständen zusammen, die Eltern hauen sich Brathendlflügel rein. Alles ist heiß und glüht und ein Toilettengang kostet 50 Cent. Auch mit veganem Eis im Fegefeuer.

 
 
 
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