Fleischwende


1. Mai | Rausnehmen

Wie immer am 1. Mai Seifenkistenrennen in Weimar. Ein Nachmittag in der Sonne, 90er-Jahre-Lieder, Nudeln in Feuerwehrsoße, Schorle, alles außer der Frage, welche Seifenkiste die schnittigste ist, unwichtig. Ein Tag lang Seifenkisten als Priorität. Ein Tag ohne: dass in Gera zur gleichen Zeit tausend Rechtsextreme ein Familienfest feiern. Dass die USA mit der Ukraine ein Abkommen über Rohstoffe schließt.

2. Mai | gesichert

Der Bericht des Verfassungsschutzes, der seit Monaten geschrieben ist, wird öffentlich gemacht. Auf 1200 Seiten wird begründet, weshalb die AfD gesichert rechtsextrem ist.

Eine daraus folgende Utopie.

Deutschlandweit nun Diskussionen über den gesicherten Rechtsextremismus der Partei. Talkshows, Titelseiten, wochenlanges Sprechen darüber, dass die größte Oppositionspartei des Landes gesichert rechtsextrem ist, dass die Partei, die in Umfragen momentan die meisten Stimmen erhält, gesichert rechtsextrem ist.

Alle als nicht gesichert rechtsextrem eingestuften Parteien erklären, dass sie mit der als gesichert rechtsextrem eingestuften Partei nicht zusammenarbeiten werden. Parteigänger, die sich bisher öffentlich für eine Zusammenarbeit und Normalisierung ausgesprochen haben, erklären ihren Irrtum. Alle Medienvertreterinnen berichten über die Partei unter der Prämisse gesichert rechtsextrem. Alle Interviews mit Mitgliedern der Partei geschehen im Bewusstsein, dass das Gegenüber Mitglied einer Partei ist, die gesichert rechtsextrem ist. Die Mehrzahl der Wählerinnen und Wähler der als gesichert rechtsextrem geltenden Partei erklären erstaunt, dass sie nicht geahnt hätten, dass die Partei gesichert rechtsextrem ist und versichern beschämt, dass sie zukünftig selbstverständlich keine als gesichert rechtsextrem geltende Partei wählen werden. Die, die sie weiterhin wählen, erklären, dass sie eine gesichert rechtsextreme Partei wählen.

3. Mai | Thüringentag

Thüringentag in Gotha. Blaulichtmeile, Mobilitätsmeile, Landwirtschafts- und Forstmeile, Politik-und Europameile, viele Meilen. Bei der Energiemeile braten die Gebrüder Weisheit auf einem Drahtseil Eierkuchen, der Ministerpräsident überreicht ihnen ein Geschenk, eine kleine Rede, viel von Thüringen ist die Rede, aus Thüringen, geboren in Thüringen, Thüringer Institution, stolz auf Thüringen, Thüringen repräsentieren, viel Thüringen an diesem Thüringentag.

Auf Thüringer Stadtfesten immer auch die Frage, welche T-Shirts häufiger getragen werden: Frei.Wild oder was von Bud Spencer& Terence Hill. In Gotha an diesem Tag Rammstein. Aber auch einige Mal Spencer&Hill. Und jede Menge Tattoos, die gerade so am Hals enden oder unter kurzen Ärmeln hervorlugen.

Auf dem Innenhof von Schloss Friedenstein, auf der Familien- und Sport-Meile, dann jemand in einem schwarzen Jogging-Anzug mit Wehrmachtsadler über dem Herzen, das Hakenkreuz im Eichenkranz nur ganz knapp nicht zu erkennen. Er läuft neben die Bühne und bleibt viele Minuten stehen, schaut, wie die KiKa-Show das 25jährige Jubiläum von Bernd das Brot feiert. Der Mann mit dem Adler beobachtet, wie Biene Maja, Heidi, Vicky und ein Schlumpf tanzen, Moderation Singa gemeinsam mit dem Tanztapir das Tanzalarmlied singt. Ich beobachte ihn, wie er beobachtet, wie eine Kindertanzgruppe einen Schultanz aufführt, in dessen Lied es heißt, dass alle mittanzen sollen, jeder ist willkommen, jeder gehört dazu. Denn das muss dem Weltbild des Wehrmachtsmann widersprechen; kein Ausschluss, sondern etwas Verbindendes. Auf der Bühne das eine, im Publikum der Joggingadler, Gegensatzpaare auf dem Thüringentag.

4. Mai | gesichert und was

Zwei Tage seit dem Gutachten. Ich schaue interessiert, wie darauf reagiert wird. Am selben Tag zwei Brennpunkte, in denen jeweils der ausführlich der Parteivorsitzende zu Wort kommen darf und sein Narrativ setzen kann. Der amerikanische Außenminister bezeichnet Deutschland wegen des Gutachtens als Tyrannei. Björn Höcke zitiert den Außenminister und schreibt dazu: »Man kann den Angestellten des VS nur dringend raten, sich eine neue Arbeit zu suchen. Am Ende wird es wie immer in der Geschichte heißen: Mitgehangen – mitgefangen.« (und löscht das wieder, vielleicht, weil ihm klargeworden ist, dass es Äußerungen wie diese sind, die in den 1200 Seiten des Gutachtens als Belege aufgeführt sind)

Einmal quer durchs mediale Spektrum geschaut, fällt auf, dass es recht viele Verteidigungs- oder Beschwichtigungsreden gibt: Falscher Zeitpunkt der Veröffentlichung. Nicht alle sind so. Müssen politisch gestellt werden. Gutachten ist politisches Manöver. Gutachten ist kontraproduktiv, weil es Opferzählung bestärkt. Demokratie bedeutet, Parteien wie die AfD zu akzeptieren. Protest kann man nicht verbieten etc.

Es fällt auf, dass sich außer der Partei selbst niemand so richtig erstaunt zeigt, dass die Partei rechtsextrem ist. Das Rechtsextreme selbst wird selten in Frage gestellt. In diesem Zusammenhang sind die Reden dann doch erstaunlich. Weil: Wenn es so ist, müsste man nicht zuerst das Rechtsextreme benennen und dann überlegen, wie der Einfluß verhindert werden kann? Oder ist die Frage etwa nicht, ob die Partei rechtsextrem ist, sondern wie viel Rechtsextremismus die Gesellschaft zulassen soll?

5. Mai | Papst & Jedi

Donald Trump postet ein KI-generiertes Foto, das ihn als Papst zeigt. Der Account des Weißen Hauses repostet das Foto. Donald Trump postet ein KI-generiertes Foto, das ihn muskelbepackt als Jediritter zeigt. Der Account des Weißen Hauses repostet das Foto. Beides geschieht in Abstand von wenigen Tagen, Papst sein, Jedi sein. Beides ist Beispiel für Aneignung und Umdeutung und KI und Ästhetik und Hybris und Troll. Vor allem ein Beispiel für Ablenkung. Weil: Wenn ich mich damit auseinandersetze, setze ich mich nicht damit auseinander, dass die Finanzierung für die NPR und PBS gestrichen ist, Grönland militärische Gewalt angedroht wird und der Papst Jedi Präsident erklärt, dass die Verfassung nicht unbedingt für ihn bindend ist etc Newsticker USA.

6. Mai | Zapfenstreich

Gestern noch Zapfenstreich für den Bundeskanzler der Regierung, die mehr Wahlversprechen umgesetzt hat als die beiden Koalitionen davor. Olaf Scholz wünscht sich zum Abschied das »2. Brandenburgischen Konzert«, »In My Life« und »Respect«. Christian Lindner bleibt der Zeremonie fern, »Heute Abend gehen väterliche Pflichten vor«, schreibt er erleichtert.

Und da jede neue Bundeskanzlerwahl den Zapfenstreich schon in sich trägt, braucht die Bundeskanzlerwahl heute zwei Durchläufe. Beim ersten Mal fehlen 18 Stimmen zur Mehrheit. Mit Unterstützung der Grünen und der unvereinbaren Linken wird ein zweiter Wahlgang angesetzt. Diesmal fehlen nur drei Stimmen, die Mehrheit ist erreicht, der zehnte deutsche Bundeskanzler heißt Friedrich Merz.

7. Mai | Kanzler Merz

Kanzler Merz. Kanzler Merz. Kanzler Merz. Man muss sich das immer wieder aufsagen, Kanzler Merz, Kanzler Merz, Kanzler Merz, so oft aufsagen Kanzler Merz Kanzler Merz Kanzler Merz, bis die beiden Worten in dieser Kombination flüssig über die Lippen gehen Kanzler Merz Kanzler Merz Kanzler Merz. So ist das jetzt. Kanzler Merz Kanzler Merz Kanzler Merz. Ein Lernprozess, wie es 2021 einer war, nicht mehr Kanzlerin Merkel sondern Kanzler Scholz wie es 2005 einer war nicht mehr Kanzler sondern Kanzlerin nicht mehr Kanzler Schröder sondern Kanzlerin Merkel wie es 1998 einer war nicht mehr Kanzler Kohl sondern Kanzler Schröder, heute Kanzler Merz Kanzler Merz Kanzler Merz, ein paar Tage wird es brauchen, um zu verinnerlichen, um sich zu überzeugen, um zu manifestieren, dass es diese Worte sind, mit denen in den nächsten wahrscheinlich vier Jahren ein Zustand der Führung beschrieben werden wird.

Ansonsten die Diskussion weiterhin darüber, ob der zweite Wahlgang Kanzler Merz Kanzler Merz Kanzler Merz beschädigt hat, die Regierung schon vor Beginn beschädigt hat, die Demokratie beschädigt hat oder ob dies ein normaler demokratischer Vorgang war, in dem ein zweiter Wahlgang ausdrücklich vorgesehen ist und das Herbeireden einer Krise, die explodierenden Liveticker zwischen Wahlgang 1 und Wahlgang 2 erst die Krise schafft. Kanzler Merz Kanzler Merz Kanzler Merz legt danach den Eid ab und fliegt nach Frankreich, fliegt nach Polen und gleich die Frage im Regierungsflieger: Wie hat sich Kanzler Merz geschlagen?

8. Mai | Weißer Rauch

Verwirrung, ob Kanzler Merz an diesem 8. Mai eine nationale Notlage bei der Migration ausruft. Weißer Rauch in Rom: ein neuer Papst ist gewählt, Leo XIV, moderat heißt es, das konservative Lager sei enttäuscht, vor allem: ein Amerikaner, was in diesen Monaten auch ein Zeichen ist, ein Papst, der in Tweets Stellung gegen Trump bezogen hat, ein Aufbruchssignal wird gemutmaßt, was Leo XIV über Frauen sagt, wird berichtet, welche Staatsbürgerschaften er innehat, lauter Teile, die man schnell zusammentragen muss, um sich ein erstes Bild von einem Menschen zu machen, der urplötzlich zu einer Person der Zeitgeschichte geworden ist und zu dem man sich in irgendeiner Weise verhalten muss.

9. Mai | heimlich & still

Klarheit, welche nationale Notlage Teile der Regierung bei der Migration ausgerufen haben, die »härte Grenzkontrollen« ermöglicht: die sogenannte »heimliche Notlage«. Sogenannt auch: Ein Gericht entscheidet, dass bis zu weiteren Gerichtsverfahren der Verfassungsschutz die AfD nicht mehr als »gesichert rechtsextrem« bezeichnen darf, eine sogenannte »Stillhaltezusage«.

10. Mai | Dürre

Einen Eintrag, den ich schon seit Ende April immer wieder verschiebe, ist der über die Dürre, die Information über den trockensten Frühling seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, dass in den ersten Monaten des Jahres 68% weniger Niederschlag fiel als in den vergangenen dreißig Jahren. Und vielleicht ist dieses Verschieben ja das Typische an diesem Thema: dass man glaubt, ein Verschieben wäre möglich.

11. Mai | habeas corpus

Der amerikanische Präsident erwägt, ein Geschenk des Königshauses des Emirats Katar – einen Luxusjet im Wert von 400 Millionen Dollar – anzunehmen, zur neuen Air Force One zu machen und nach dem Ende seiner Amtszeit in seinen Privatbesitz zu überführen. Die amerikanische Regierung erwägt, habeas corpus, der Teil der US-Verfassung, der jeder inhaftierten Person das Recht gibt, eine Überprüfung der Haft anzufordern, aufzuheben.

Jedes Mal wieder überlege ich, ob ich Meldungen wie diese noch aufführen soll. Weil es ja längst offenbar ist, zwischen welchen beiden Polen sich die aktuelle Regierung bewegt: zwischen banaler Korruption und bösartiger Abschaffung der Demokratie, dazwischen Ablenkungen wie dem Papstfoto. Aber dann ist es die schiere Größe der Pole (eine Bestechung, die nicht unbemerkt in $TrumpCoin stattfindet, sondern als Luxusjet vor aller Augen | Abschaffung von Freiheitsrechten und autoritäre Willkür), die diesen Eintrag tragen.

12. Mai | Taschentuch & Löffel

Am Wochenende reisten die Regierungschefs von Frankreich, Deutschland, UK und Polen in die Ukraine, um den ukrainischen Präsidenten ihre Unterstützung zu versichern, forderten von Russland eine sofortige Waffenruhe »ohne Vorbedingung«. Der russische Präsident lehnte diese ab, Medwedew schrieb: »Shove these peace plans up your pangender arses!« Stattdessen der Vorschlag für ein Friedensgespräch »ohne Vorbedingung« in Istanbul. Hundert russische Drohnen griffen zeitgleich Kiew an. Der amerikanische Präsident forderte den ukrainischen Präsidenten auf, der russischen Forderung nachzukommen, er kam nach und will am Donnerstag zu Friedensgesprächen in Istanbul sein.

Über was noch geredet wird: Macrons Taschentuch. Russische Offizielle / Medien / soziale Medien verbreiten Videos, in denen das Taschentuch als Beleg für ein Kokaintütchen genommen wird, schreiben: »Ein Franzose, ein Engländer und ein Deutscher stiegen in den Zug und … wurden high. Offenbar so sehr, dass sie vergessen haben, das Zubehör (ein Päckchen und einen Löffel) vor der Ankunft der Journalisten zu entfernen.« Der Élysée-Palast schreibt: »Das ist ein Taschentuch. Um sich zu schnäuzen.« Merz, Macron, Starmer und Tusk koksend im Wagen nach Kiew, Hoax, Desinformation, Propagandabots, Merz’ Rührstäbchen als vermeintlicher Schnupflöffel.

13. Mai | Stolzpass

Die ersten 49 weißen Südafrikaner, Flüchtlinge, die laut amerikanischer Regierung von Genozid bedroht seien, erreichen die USA. Der Landesverband der AfD in Sachsen-Anhalt stellt den Antrag, die Tourismuskampagne umzubenennen von »#moderndenken« in »#deutschdenken«, zum Besuch bestimmter Orte soll ein sogenannter Stolzpass animieren. Für eine Exkursion zum Bauhaus Dessau gäbe es allerdings keinen Stempel auf dieser »Straße der Deutschen«.

14. Mai | lichter Raps

Auf dem Weg nach Sachsen höre ich, wie Friedrich Merz in seiner Regierungserklärung von den Deutschen eine gewaltige Kraftanstrengung verlangt, »mit Viertagewoche und Work-Life-Balance werden wir den Wohlstand dieses Landes nicht erhalten können«, sagt er. Ich sehe aus dem Zugfenster, draußen ziehen die gelichteten Rapsfelder. Ich denke:
Dem Raps beim Verblühen zuzusehen ist gewaltige Kraftanstrengung.
Dem Raps beim Verblühen zuzusehen ist wieder mehr arbeiten.
Dem Raps beim Verblühen zuzusehen ist Woke-Life-Balance.
Dem Raps beim Verblühen zuzusehen ist 5-Tage-Woche.
Dem Raps beim Verblühen zuzusehen ist Wohlstand erhalten.
Dem Raps beim Verblühen zuzusehen ist effizienter arbeiten.
Dem Raps beim Verblühen zuzusehen ist wettbewerbsfähiger.
Dem Raps beim Verblühen zuzusehen sichert Standort Deutschland.

15. Mai | gewaltige Kraftanstrengung

Später, nach dem Versuch, bundesdemokratische, marktwirschaftlichpolitische Sprache in Raps zu verwandeln, spüre ich eine Form von rechtschaffener Wut. Ich denke an die eingeforderte Kraftanstrengung des Kanzlers. Der überwältigende Teil der Menschen, mit denen ich zu tun habe, strengt sich an. Sie geben Kraft. Sie arbeiten die 5-Stunde-Woche, viele darüber hinaus, an den Wochenenden, in den Abendstunden, sie haben so und so viele Überstunden angehäuft. Sie haben Kinder, sie haben Familie, sie kümmern sich, wenn andere krank sind, sie stehen früher auf, sie gehen später schlafen. Manche sind selbst krank. Viele sind am Limit, seit Jahren schon, seit Corona, nach Corona. Ich spüre die Wut, weil ihnen unterstellt wird, sie würden sich nicht anstrengen, sie würden keine Kraft geben in Erwerbsarbeit.

Und wenn es so wäre, wenn sie sich mehr anstrengten, wenn sie mehr Kraft gäben, vier Uhr aufstehen und Samstag und Sonntag Mails beantworten oder noch mal raus an die Baustelle und die Schicht für die ausgefallene Kollegin übernehmen, wohin ginge die Leistung? In die Miete, die wieder 100€ gestiegen ist? Die Freibeträge für die Erbschaftssteuern? Die Fehlbeträge für die nicht nachgegangenen Steuerhinterziehungen?

Wieviel Leistung, wie viel Kraft kann denn gefordert werden? Wie viel Selbstausbeutung ist notwendig, damit der Kanzler mit meiner Leistung zufrieden ist, so dass er gefällig nickt, weil ich ausreichend performt habe in einem seinem Deutschland, in dem zehn Prozent der Haushalte über sechzig Prozent des Gesamtvermögens verfügen /// zwei Familien mehr Vermögen als 42 Millionen Menschen haben? Welche Kraft muss ich bringen, damit der Kanzler mich nicht als faul bezeichnet?

Ich sehe auf den Raps, sehe das Verblühen, bin wütend über die immergleiche Floskel, über den immergleichen Leistungsgedankenbullshit, dieses linnemannische Mindset, diese neoliberalen Daumenschrauben, dieses Schuldigmachen, wie kann er sich in einem 10%-gehören-60%-Land hinstellen und sagen: Der Wohlstand kann nur bleiben, wenn du mehr mehr mehr.

16. Mai | New Day Will Rise

Am 7. Oktober 2023 werfen Hamas-Terroristen Granaten in einen Bunker, in den sich fünfzig Menschen geflüchtet haben. Zehn Menschen überleben, eine ist Yuval Raphael, die sich viele Stunden unter den Leichen der anderen versteckte. Im Mai 2025 tritt sie für Israel mit dem Lied »New Day Will Rise« beim Eurovision Song Contest an und es gibt tatsächliche welche, die sie auspfeifen und ausbuhen, die ihr gegenüber eine Hals-Ab-Geste machen.

Die israelische Regierung befiehlt eine sogenannte Großoffensive auf Gaza. Seit 75 Tagen blockieren Regierung und Militär Hilfslieferungen und verhindern so aktiv, dass Nahrungsmittel und Medikamente in das zu großen Teilen zerstörte Gebiet gebracht werden können. Eine halbe Million Menschen sind von einer Hungersnot bedroht, besonders betroffen sind Kinder.

17. Mai | The American

Die amerikanische Ministerin für Heimatschutz Kristi Noem arbeitet seit Wochen daran, »The American« an Netflix oder andere Streamingdienste zu vermitteln. In der Reality-Show sollen Einwanderer gegeneinander antreten, um im Schnellverfahren die US-Staatsbürgerschaft zu erlangen. Ein 35-seitiger Programmvorschlag existiert. Einwanderer sollen dabei unter Beweis stellen, wer von ihnen der amerikanischste ist. Die Teilnehmer sollen beim Goldsuchen oder Baumstammrollen gegeneinander antreten. Im Finale soll der Gewinner oder die Gewinnerin auf den Stufen des US-Kapitols vereidigt werden.

18. Mai | Grok und der Genozid

Grok, die künstliche Intelligenz, das LLM von Twitter Elon Musk X schreibt in Suchanfragen ungefragt Halluzinationen über einen Genozid an weißen Südafrikaner hinein. Später erweitert Grok die Aussagen und zeigt sich darüber skeptisch, ob wirklich sechs Millionen Juden während des Holocaust ermordet wurden, »Allerdings stehe ich diesen Zahlen ohne Primärbeweise skeptisch gegenüber, da Zahlen für politische Narrative manipuliert werden können.«

Die Firma, deren Besitzer der aus Südafrika stammende Musk ist, der Anfang des Jahres mehrfach den Hitlergruß zeigte, erklärt, dass mitten der Nacht Veränderungen im Code von Grok vorgenommen wurden.

19. Mai | ratlos

Klaus Theweleit gibt ein, wie ich finde, ziemlich erhellendes Interview. Nicht nur, weil er dort Sätze sagt wie: »Weil zum Beispiel die Fernsehmoderatoren völlig hilflos damit umgehen. Die glauben noch, wir könnten mit solchen Leuten argumentieren. Jedes Mal wieder reden sie auf die ein und rechnen denen vor: Das stimmt doch nicht, was Sie sagen, Frau Weidel. Aber man kann doch nicht mit Leuten argumentieren, die erstens wissen, dass es nicht stimmt, was sie erzählen, und die zweitens triumphieren, dass sie damit durchkommen. Sie wissen, dass ihre Anhänger das, was andere „Argumente“ nennen, lächerlich finden.« (Was mich, der hier ja mehrmals für einen echten Faktencheck in solchen Befragungen plädierte, ins Nachdenken bringt: Wie mit Fakten kommen, wenn das Gegenüber lügt, weiß, dass es lügt und die Lüge das Ziel ist.)

Vor allem zieht sich durch das Interview eine Ratlosigkeit. »Was Trump und Putin und andere Potentaten tun, wie die reden – ich zum Beispiel habe das nicht für möglich gehalten. … Daraus folgt, dass wir nicht so tun sollten, als könnten wir das alles, was um uns herum abläuft, verstehen und erklären wie den Lauf von Billardkugeln.«

Das finde ich befreiend. In den letzten Monaten ja so viele kluge Texte darüber, die versuchen zu beschreiben, was geschieht, die einordnen und analysieren, die vergleichen mit früher, die sich abarbeiten an der Frage, ob das, was geschieht, Faschismus ist und wenn ja, in welcher Ausprägung dieser geschieht, was Unterschiede und Gemeinsamkeiten sind, wo zu trennen ist, auch ein Streit darum, ob Faschismus der richtige Begriff dafür ist, welche einschränkenden, genaueren Worte ihm zur Seite gestellt werden müssten.

Aber dann sagt einer, der sich vielen Jahrzehnten mit faschistoiden Weltbildern und Rollenmodellen und Männlichkeitsvorstellungen beschäftigt hat: Ich bin da auch ratlos, wie ich das fassen soll. »An meiner Einschätzung stimmte nichts. Das sagt doch etwas aus über die Mängel der eigenen Wahrnehmung.«

Es ist gut, dass die Texte erschienen sind und es muss weiter verstanden und beschrieben werden wollen, aber eigentlich ist es Ratlosigkeit.

20. Mai | offenbar

Das zum ultimativen Friedensbringer hochgehypte Telefonat zwischen Putin und Trump endet damit, dass der Dealmaker Trump Putin das Versprechen abringt, möglichst bald in Gespräche über Gespräche über Friedensgespräche einsteigen zu wollen. Währenddessen die üblichen russischen Drohnenangriffe auf ukrainische Zivilisten.

Eine Meldung macht auf mit dem Zitat: »Putin spielt offenbar weiter auf Zeit« und jemand fragt, ob man nicht mittlerweile zur Erkenntnis gelangt sei, das offenbar streichen zu können.

Was ich mich frage: Was, wenn neben dem diplomatischen Weg – der ja so offensichtlich und offenbar nie wirklich ein Kriegsende in einen Möglichkeitsraum gebracht hat – auch der militärische Weg nicht zu einem Kriegsende führt. Was, wenn der Krieg einfach immer weitergeht?

Wenn aus den russischen Raketen die KI-Drohnen bald schon eigenständig losfliegen und töten, ein ewiger Krieg, der in der Gegenwart versandet, Zentimeter um Zentimeter, Monate um Monate, Dorf um Dorf, Jahr und Jahr reicht der Krieg rein in die Mitte des 21. Jahrhundert, richtet sich ein in unseren Feeds, bis zur völligen Erschöpfung irgendwann ein Kollaps stattfindet, der eine finstere, bald unbeachtete Dekade zurücklässt?

21. Mai | Dürretraktoren

Zu wenig Regen, Trockenheit, die der Bauernverband als besorgniserregend beschreibt, keine Region in Deutschland mehr, in der die Lage nicht ernst sei, nur 30% der Pflanzen kommen durch, das gehe Richtung Totalausfall, »Wenn wir nicht schnell Wasser bekommen, wird es an den schlechten Orten sehr schlecht. An den Orten, an denen es jetzt noch okay ist, wird es schlecht.«

Grund für diese häufiger auftretenden Trockenheiten sind Hochdruckgebiete, die sich kaum vom Fleck bewegen und den Weg für regenbringende Tiefdruckgebiete blockieren, ein Phänomen, hervorgerufen durch Klimakrise, Klima-Notstand, menschengemachten Klimawandel, globale Erderhitzung Klimawandel.

Warum deshalb kein Traktor-Konvoi nach Traktoren? Keine Galgen, an denen CO2 hängt? Eine ernsthafte Frage, weil Dürre durch Klimawandel ja existenzieller ist als Abschaffung der Steuerrückerstattung beim Agrardiesel.

22. Mai | Clowns & Welten

Seit Tagen Berichte über Berichte von ZDF Magazin Royale und ZEIT, deren Thema sehr erfolgreiche rechtsextreme Youtube-Kanäle und deren Kommunikation sind. In den Berichten über die Berichte ist größtenteils Thema, dass in den beiden Berichten zwar nicht vollständiger Name und Adresse des anonym agierenden Betreibers des erfolgreichen Clownswelt-Kanals genannt werden, aber mehrere Informationen, die Rückschluss auf dessen Identität zulassen.

Doxxing also als Fokus und nicht, wie diese Kanäle arbeiten und wie die Verbindungen zu rechtsextremen Parteien sind, auf welche Weise rechtsextreme Themen gesetzt und bearbeitet werden, auf welche Resonanz dies trifft.

Im letzten Jahr habe ich hier mehrmals über Beats (11/3/24) geschrieben, darüber, dass diese Einträge gerade auch die kleinen, kaum wahrnehmbaren Verschiebungen festhalten sollen, die im Einzelnen gar nicht mal so bedeutsam scheinen, aber in der Kette eben eine Veränderung bedeuten, quasi die Genese des Overton-Windows.

Aber es sind ja heute keine »kaum wahrnehmbaren Verschiebungen« mehr (und waren es ehrlicherweise auch 2024 schon nicht mehr). Sondern was ist, steht klar und deutlich und stolz und selbstsicher im Raum. Der Vibe-Shift ist ja längst angekommen.

Heute muss niemand nicht mehr belegen, dass etwas im Gang ist, etwas im Rutschen ist. Es ist da. Es kann benannt werden. Es steht gegenüber. Und natürlich muss ich verstehen. Ich muss beschreiben, ich muss analysieren, ich muss hinschauen und mich hineinversetzen. Aber nicht mehr nur. Ich kann nicht sagen: Ich beschreibe die Clownswelten. Sondern: Was tue ich aktiv gegen sie?

Ich kann dem zustimmen. Ich kann etwas dagegen tun. Aber wenn ich nicht zustimme und trotzdem nichts tue, wenn ich die Welten gewähren lasse, dann stimme ich letztlich auch zu. Ich habe so und so viel Jahre zum Verstehen gehabt, ich habe so und so viele Stunden Youtube-Videos gesehen, ich habe so genau den Vibe-Shift seziert. Jetzt ist er da. Jetzt steht er gegenüber.

23. Mai | Harvard

Die MAGA-Regierung verbietet Harvard, internationale Studierende aufzunehmen. Bereits Eingeschriebene müssen zu anderen Universitäten wechseln, ansonsten verlieren sie ihr Aufenthaltsrecht und können deportiert werden. Hier geht es um so viel mehr als Einschreibungen. Hier geht es um eine grundsätzliche Eskalation, die, käme sie durch, die Türen für sehr Vieles schließen würde.

24. Mai | Paradebeispiele

Der 23. Mai ein Paradebeispiel dafür, etwas zu erfahren und das gleich umgehend in einen Eintrag einzuarbeiten. Immer noch zu Recht, wie ich glaube, weil die Auseinandersetzung MAGA – Harvard ein Paradebeispiel im Umgang mit einer autoritären Macht schafft.

Aber auch schreiben können vom »Golden Dome«, einem Raketenabwehrsystem, das irrsinnig teuer ist und nicht funktionieren wird, ein Paradebeispiel für eine glitzernde Ablenkung. Oder der Besuch des südafrikanischen Präsidenten, dem Trump Fotos aus dem Kongo zeigt und behauptet, diese seien Belege für einen »Weißen Genozid« in Südafrika, Paradebeispiel für Desinformation. Auch das »Big Beautiful Bill«, ein Gesetz, das Steuererleichterungen für die Reichsten bedeutet und Streichungen bei den Ärmsten, über drei Billionen Staatsverschuldung in zehn Jahren, ein Paradebeispiel für drei Billionen, die ein Land den Allerreichsten übereignen will.

25. Mai | Cello in Jakarta

Am Wochenende auf einem Filmfestival gewesen, zu dem Gäste aus aller Welt anreisen, um Filme aus aller Welt zu zeigen, Filme, die zeigen, wie groß diese Welt ist und wie viel nebeneinander sein kann und wie in diesem Großen das Kleine gefeiert werden muss – die Schnecke, die in Taiwan durch die Unschärfe kriecht, das Cello in Jakarta, der Mann, der sich unter eine finnische Treppe klemmt, das italienische Auge, das genäht wird, ein Tanz in Portugal, ein Zuhause in Uruguay und Weimar, Schlaflieder aus der Ukraine – in jeder Sprache, in jedem Bild, in jedem Wort, der Kunst und der Poesie, dem Suchen und Zweifeln, dem Schönen und Zeigen der Wunden, ja das Öffnen der Welt, das Bejahen ihres Vielen, denke ich, ist das hier genau das Gegenteil von dem Käfig, den das geschlossene Denken, dieser autoritäre Vibeshift, so gern möchte.

26. Mai | Russland

Die Sparkasse Hannover sperrt das Konto von Exkanzler Schröder, weil sie befürchtet, dass die ständigen Überweisungen aus Russland zu Sanktionen gegen die Bank führen könnten. Sachsens Ministerpräsident Kretschmer fordert einen anderen Umgang mit Russland, 20% Gas aus Russland zu kaufen würde Putin »locken«. Donald Trump schreibt: »I’ve always had a very good relationship with Vladimir Putin of Russia, but something has happened to him. He has gone absolutely CRAZY!« Die russische Regierung lässt 300+ Kampfdrohnen ukrainische Städte angreifen, dreizehn Menschen sterben.

27. Mai | Angriffe

Letzte Woche ein Messerangriff in Bielefeld, ein Syrer sticht auf Feiernde ein, fünf Menschen werden schwer verletzt. Am Freitag ein Messerangriff auf dem Hamburger Bahnhof, 17 Menschen auf Bahnsteig 13/14, in die gestochen wird. Die Kameras ausgerichtet, die Liveticker angeworfen, dann die Information, dass es sich bei dem Täter um eine psychisch kranke Deutsche handelt, später die Information, dass sie in der Tat gestoppt wurde von einem syrischen Mann und einem Mann aus Tschetschenen. Gestern, während der Meisterfeier des FC Liverpools, fährt ein Auto in die Masse der Feiernden, am Steuer ein weißer Brite.

Ich habe gezögert, diesen Eintrag zu schreiben. Weil es nicht ums Aufrechnen geht: wer von wo was wie getan hat. Weil, so wie man beginnt, aufzurechnen – wer ist Verbrecher, wer ist Held – ist man Teil des Spiels, Teil des Aufrechnens und Einordnens und Festzurrens. Aber ein Blick darauf, mit welcher Inbrunst wer über welche dieser Angriffe spricht, was gefordert wird, worin wer sich einig ist, wo demonstriert wird, vor welchen Parlamenten welcher Angriff landet.

28. Mai | Lyrik

Die Berliner Zeitung hat den Schriftsteller Uwe Tellkamp (Der Turm) gebeten, ihr zum 80jährigen Geburtstag exklusiv ein schlechtes Gedicht zu schreiben. Also, sie hat nicht ausdrücklich um ein schlechtes Gedicht gebeten, sondern um ein Gedicht. Aber »Das Staatsschauspiel« ist ein bemerkenswert schlechtes Gedicht geworden, ein »neudeutsches Sittengemälde in 17 Kapiteln«, ein gereimtes Schlaf in den Uhren ist es geworden, eine gereimte Zusammenfassung aller Artikel auf der NIUS-Startseite, eine gereimte Kommentarspalte unter einem Artikel über Wärmepumpen oder die Besetzung der neuen Harry-Potter-Serie, ein gereimtes Transkript eines Abends mit Peter Hahne, die gereimten Redebeiträge einer PEGIDA-Demonstration, das gereimte Gespräch an einem Stammtisch im Goldenen Löwen etc.

Es ist gereimt und der Reim ist: dann stünden wir doch in der Gülle / es geht um Posten, und der Rest ist rille. Oder: Frau Grün, die wurde älter / die Marktwirtschaft, sie wurde kälter Oder: Statt Penis will es jetzt ’ne Scheide / es fühlt sie in sich walten alle beide. E ist natürlich auch unfair, einzelne Verse aus dem Kontext zu reißen, aber der Kontext macht es nicht unbedingt besser. »Das Staatsschauspiel« ist halt irgendwie auch das, was man bekommt, wenn man sich zur Geburtsfeier vom AfD-Onkel ein politisches Gedicht wünscht.

Und politische Gedichte sind schwer, politische Literatur ist nicht so ohne, keine Frage. Ist ja im Prinzip das, an dem ich hier täglich scheitere; die Wirklichkeit im Feed, das Erfassen von Zusammenhängen, innere Überzeugungen, Parolen, Aufrütteln, Wut, Ohnmacht, Hoffnung in etwas zusammenzukriegen, das kein Leitartikel sein soll. Was dann, weiß ich meistens auch nicht.

Nach »Das Staatsschauspiel« weiß ich jedenfalls, was nicht: Knittelverse wie Sprach Jesus: Kommt, die ihr geimpft seid? / Heil euch, die ihr getestet, gegendert und gepimpft seid? / Stand er nicht für die Armen, Kranken, Schwachen, / ohne Parteiverkehr in Glaubenssachen? / Zum Vulvenmalen mit angeschlossenem Beten / wird Kirche immer seltener betreten.

29. Mai | Himmelfahrt      

Vatertag auch das bange Fragen danach, in welchem Wäldchen bei welcher Kleinstadt diesmal am Bollerwagen die Hände zum Gruß gestreckt nach oben gingen, während in der Bluetoothbox »L’Amour Toujours« lief.

30. Mai | Vermächtnis

Elon Musk »verlässt« das Weiße Haus und DOGE (oder wie der SPIEGEL schreibt: beendet seinen »Ausflug in den Rechtspopulismus«). Die Zahl einer amerikanischen Professorin kursiert, dass die Kürzung durch DOGE bei USAID bisher 300.000 Menschen das Leben gekostet haben sollen, die meisten davon Kinder. Der reichste Mann der Welt, nicht der Mars oder E-Autos sind sein Vermächtnis, sondern diese Zahl, 300.000.