Herbst der Entscheidungen


1. Oktober | zusammensitzen, vorstellen

Wir sitzen am Abend zusammen und reden über die Rapture. Wir reden über Endzeiterwartung, Peter Thiels Armageddon und über welche Mittel er verfügt, dieser Vorstellung von der nahen Zukunft Vorschub zu leisen. Wir reden über die Streichungen zu Gunsten derer, die viel haben. Wir reden darüber, wie in den USA die Armee auf einen Kampf gegen den Feind von innen eingeschworen wird. Wir reden über 3 Grad.

Wir merken, dass wir uns die Zukunft nicht vorstellen können. Wie 2070 aussehen könnte, 2050. Selbst die Vorstellung von 2030 ist unmöglich. Ja, na klar, die Szenarien. Klar gibt es Bilder und Ausmalungen. Wie es sein könnte ist möglich. Aber dass es so könnte? Selbst, wenn das alles vor uns auf dem Tisch liegt? Kann es wirklich so kommen?

Es heißt, die Zukunft ist ungeschrieben. Aber ich habe das Gefühl, dass jeden Tag so viel daran geschrieben wird, dass uns langsam die Kapitel ausgehen. Wir sitzen zusammen, lachen, tratschen, trinken Bier, Aperol, erzählen auch Quatsch. Wir sprechen über das Morgen. Wir können uns nicht vorstellen, dass die Zukunft höllisch wird. Es fällt uns an diesem Abend in Weimar genauso schwer, sich vorzustellen, wie es anders kommen könnte.

2. Oktober | Jane

Jane Goodall ist gestorben und ich weiß nicht, ob das in diese Einträge gehört, aber ich bin sehr traurig deshalb, weil sie immer auch so ein Ideal verkörpert hat, wie wir uns anderen Lebewesen gegenüber verhalten sollten, mit Güte und Mitgefühl und Herzlichkeit und Rücksicht und Barmherzigkeit und Wärme. Und auch diese Traurigkeit, weil so offensichtlich ist, dass gerade eine Bewegung auf dem Vormarsch ist, die das Gegenteil davon nicht nur tut, sondern es lustvoll feiert, sie genüsslich zeigt und zelebriert, diese Freude an der Rücksichtslosigkeit und Heimtücke und Hartherzigkeit und Gnadenlosigkeit und Kälte.

3. Oktober | Tag der Einheit Jörg Pilawa

Wieder ein Tag der Einheit und eigentlich gedacht, dass diesmal der Eintrag sein soll, dass ich keinen Take dazu habe.

Dann höre ich im Radio ein Feature über Menschen, die in Brandenburg leben und voranbringen mit Zuversicht und Tatkraft, welche, die etwas tun und aktiv werden und damit Gutes schaffen.

Dann sehe ich eine Webseite, www.zweiteroktober90.de, eine Onlinedokumentation von rechtsextremen Verbrechen, die am 2./3. Oktober 1990 stattfanden, die Einheit auch damit begann, Weimar ist ebenfalls vertreten, Angriff auf die Gerber.

Dann sehe ich ein Foto auf instagram.com/bundespraesident.steinmeier zur offiziellen Einheitsfeier, die diesmal turnusgemäß im Saarland stattfindet. Auf dem Foto sind Menschen, die offiziell für das Repräsentieren Deutschlands für die Einheit stehen sollen, sind lauter Menschen in Funktionen und deren Partner:innen und keine/r von ihnen hat eine ostdeutsche Sozialisierung, aber Jörg Pilawa ist dabei, weil er der neue Lebensabschnittsgefährte von Bundestagspräsidentin Klöckner ist.

Und vielleicht ist alles drei – Zuversicht, Benennen, offizielles ostdeutschlandloses Repräsentieren – dann doch genau dieser Tag der deutschen Einheit.

4. Oktober | 7. große Treffen der 25+1 Bundesstaaten

In Weimar heute tausend Reichsbürger am Platz der Demokratie, das 7. große Treffen der 25+1 Bundesstaaten, Klassenfahrt ins Herzogtum Sachsen-Weimar. Nachmittagsregen auf die historischen Schärpen und buntgestreiften Kopfbedeckungen, die Perücken und Capes, die Reichsadler und Schillerimitatoren, auf Frieden Freiheit Souveränität, auf die Freundschaftsbekundungen zu den Osmanen und die Gäste Mosambiks, Regen auf das Gedenken an die Ahnen, die keine Verbrecher waren, Regen auf die Pickelhauben und Russlandfahnen, auf Ein Zeisig wird immer ein Zeisig bleiben / Ein Fink wird immer ein Fink bleiben / … Und mit uns halt auch so / Wir können nicht anders sein / Deutsch ist der Stamm / Deutsch unsere Art / Deutsch sind wir und bleiben dabei (Und wichtig zu verstehen ist, dass wir für alle Völker und alle Kulturen dieser Welt stehen … Ja, liebe Menschen in Weimar, einen schönen guten Tag. So, was haben wir denn hier? Da sind wir einer Meinung. Nazis raus, sind wir einverstanden. Nazis raus, sind wir einverstanden. Nazis raus, sind wir einverstanden. Jawohl. Nie wieder Faschismus sind wir einverstanden. Regen auf die, die ohne Kostüm zwischen den Kostümierten stehen. Regen auf Meine Tochter hat zu mir gesagt: Mami, Traurigkeit ist gut, aber du musst in die Wut kommen. Regen auf die auf der Bühne eingeblendeten Power-Points mit »Vergleich Deutsches Reich – BRiD«, Wilhelm II hat nie abgedankt, Somit ist auch begründet, weshalb alle nachfolgenden Regierungen und Regierungsformen keinen staatsrechtlichen Anspruch sowie eine Rechtsnachfolge besitzen und demzufolge sich nur noch in einem Treuhandverhältnis befinden können, ein großes Schaulaufen über alten Pflasterstein, Regen vor dem Stadtschloss, der graue Himmel schwarz-weiß-rot beflaggt.

5. Oktober | jedes halbe Jahr

Jedes halbe Jahr hier ein hilfloser Eintrag über Nahost, Israel, Gaza, der Versuch, die Hilflosigkeit einzutragen, irgendwie deutlich machen, so viel Leid und Tod und Gewalt und dahinter das Systemische zu sehen und Prozesse zu benennen und Akteure, die das forcieren, lauer Hilflosigkeiten. Und es wird auch nicht besser. Jan Böhmermann mit seiner Ausstellung und Konzerten am 7.10. mit Künstlern, die vielleicht / gar nicht / auf jeden Fall dafür oder gegen etwas stehen und Böhmermann sagt das Konzert kommentarlos und unsouverän ab und wütende Reels für das Absagen und Schulterklopfen von NIUS, Hab ichs doch gesagt, diese Gazafreunde, und im Prinzip ist das alles unwichtig, auch wie Herta Müller sich dazu äußert und dass Oliver Pocher eine Reise nach Nahost macht und ernste Reels auf Insta postet und Robbie Williams Konzert in Istanbul abgesagt wird, weil seine Frau Jüdin ist, alles unwichtig, auch meine Ansicht dazu irrelevant, ich schreibe diesen Eintrag, weil ich Einträge schreibe, das, was ich nicht schreibe, auch etwas sagt, aber das ist nicht wichtig. Was ist denn wichtig? und Hunderttausend auf den Straßen und jede Äußerung ist eine Eskalation, Genozid Gaza, der Versuch, zu benennen, ein Volk zu vernichten, zu begreifen, es ist offensichtlich und so einfach zu sehen, was sind die Begriffe, um Leid zu beschreiben, um System zu beschreiben, um zu vergleichen, um vorwärtszukommen, stell dich auf eine Seite meine Seite ist die der Leidenden das ist die feige Seite weil du damit keine Positionen beziehen musst Seite Seite Seite hilft nicht sag wer die Seiten macht das Leid wer angreift zerstört tötet systematisch sag Seite.

Die Seite ist Und dann wird Greta Thunberg während der Global Sumud Flotilla festgenommen und wird von israelischen Streitkräften gezwungen, die israelische Fahne zu küssen, sagen Aktivisten, und Israel weist diese Beschuldigung als dreiste Lüge und Propaganda zurück und ich habe erst einmal keine Chance, eines von beidem nicht zu schreiben, weil beides heute gerade in der Welt ist. Und ein Attentat auf eine Synagoge in Manchester, Tote, weitere Tote, was Akteure erwartungsgemäß als grundsätzlichen Beleg nehmen, so viel Wut in mir auf dieses und Traurigkeit und Hilflosigkeit, wovon ich in jedem dieser Einträge schreibe, auch, um Einträge irgendwie zu rechtfertigen, mich, und im Grunde gibt es keine Änderung in dieser Hilflosigkeit, außer in den letzten Tagen, als ein Mann, der so viel Schlechtes getan hat und sich gern als dreißig-Meter-hohe Goldstatue in Gazarivera sehen würde, einen schlechten Plan vorschlägt, der doch besser sein könnte als andere Pläne davor, die Frieden bringen sollten, wer spricht mit wem und wer wird nicht gefragt und deshalb ist der Eintrag auch einer, der nicht von Hoffnung schreibt, aber zumindest von einer Schicht Schwarz, die abgetragen werden könnte, ich weiß nicht, in einem halben Jahr wieder.

6. Oktober | Herbst der Entscheidungen

Eingeschworen werden auf den Herbst der Entscheidungen. Das bedeutet momentan, einzuschwören auf: Streichen der Pflegestufe 1. Streichen der Übernahme von Zahnarztkosten durch Krankenversicherung. Wegfall von Arbeitsweg als versicherter Weg. Streichen des Kulturpasses für Jugendliche. Ende der Karenzzeit für Wohnungen beim Bürgergeld. Erhöhung des Deutschlandtickets. Herbst der Entscheidungen heißt nicht: Intensivierung der Verfolgung von Finanzkriminalität. Vermögensteuer. Erbschaftssteuerreform. Streichung umweltschädlicher Subventionen.

Wütend werden. Nicht nur wegen der Unlogik: Wie viel Geld gespart werden könnte, wie viel Geld gespart wird. Wegen der offensichtlichen Ungerechtigkeit, die daraus resultiert. Der Unwucht. Sondern auch, weil so klar ist, dass diese Streichungen und Nichtstreichungen kaum ein Problem lösen werden, nicht das angehen, was ins Wanken geraten ist. Sondern verschärfen werden, weiter destabilisieren, weil so das Leben sehr Vieler schlechter werden wird und nur von wenigen wird es besser. Trotz allem Wissen, allem Rat diese Streichungen und Nichtstreichungen.

Wenig überraschend und doch, jetzt, in diesem Entscheidungsherbst, der Herbst, der Weichen stellt, der entscheidet, wie wir reagieren auf das, was ist. Weil dieser Herbst der Entscheidung die Säulen stärkt, die den Übergang tragen, dieser Herbst ihn trägt und beflügelt.

7. Oktober | Gedenkminute

Einigen kann sich der Bundestag nicht: auf eine Gedenkminute für die Opfer des 7. Oktobers.

8. Oktober | Verbot / nicht

Verboten werden sollen Fleischnamen für vegetarische Produkte. Zukünftiges Verbot aufgehoben werden soll für Verbrennungsmotoren. Uneinigkeit ob ansatzlose Überwachung von Chats.

9. Oktober | Schlinge

Ich kann nicht jeden Tag von den USA schreiben, aber wenn ich’s mal eine Zeit lang nicht tue, ist so und so viel verpasst. Gerade: Nationalgarde in Portland. Nationalgarde in Chicago. Androhung der Verhaftung von Bürgermeistern und Gouverneuren. Stephen Miller, der im TV versehentlich ausplaudert, dass der Präsident plenary authority habe. Im Weißen Haus ein »Antifa Roundtable«, bei dem Rechtsextreme Strategien besprechen und Aktion ankündigen und wettern auf die Antifa in den 1920ern in der Weimarer Republik.

Einiges nur. Passiert in Zeitlupe. Eigentlich nicht. Eigentlich passiert es in rasender Geschwindigkeit, ich sitze hypnotisiert davor, überfordert, so viel, was zugleich passiert, dass man nicht hinterherkommt, nicht weiß, wohin der Blick zuerst zu richten ist. Und ist auch nicht so, dass von einem Tag auf den nächsten alles anders wäre. Aber, vielleicht das ein Bild: die sich zuziehende Schlinge.

Entscheidende Punkte, die so benannt wurden, um den Übergang eines Staats ins Autoritäre zu beschreiben. Den Feind von innen definieren und dabei so vage bleiben, dass fast alle gemeint sein können. Politische Gegner verhaften lassen. Truppen gegen die eigene Bevölkerung einsetzen. Genau das passiert gerade. In diesen Tagen. Passiert nicht allen Orten gleichzeitig, ist nicht eine Aktion, eine Auseinandersetzung. Aber es geschieht, jetzt. Und dabei dieses bange, sinnlos-absurde Warten darauf, ob der amerikanische Präsident morgen den Friedensnobelpreis erhält.

10. Oktober | Friedensnobelpreis

Den Friedensnobelpreis erhält María Corina Machado aus Venezuela. Ich weiß nicht das Geringste über sie und versuche, mich über sie zu informieren. Doch auf wen hören? Auf die, die ihre Ernennung preisen? Auf jene hören, die kritisieren, dass sie in ein weltweites Netzwerk von Rechtsextremen einzuordnen sei, an einem Coup beteiligt war?

Ein gutes Beispiel, eines von vielen aus den vergangenen Jahren: Wie sich eine Haltung zu etwas aufbauen, zu dem man wenig weiß? Auf wessen Expertise verlasse ich mich? Später widmet María Corina Machado ihren Friedensnobelpreis Donald Trump. Wieder: Die einen, die sagen, dass dies eine strategische Äußerung sei. Die anderen, die es als Beleg für ihre These sehen. Wie halten?

11. Oktober | Bürgergeld

Koalitionsrunde, Einigung beim Bürgergeld. Mehrere Einigungen, vor allem: Beim Nichterscheinen bei drei Terminen im »Jobcenter« die komplette Einstellung aller Geldleistungen. Das Bürgergeld wird vom Hilfs- zum Bestrafungsinstrument in einer Zeit von KI und steigender Arbeitslosigkeit. Dazu die falschen Zahlen, die 30 Milliarden, die damit eingespart werden sollten, der Kampf gegen Totalverweigerer, ein Schattenfechten gegen 0,1%. Die Einigung wird den großen Teil treffen, so ist es wohl gedacht. Wohnung von einem Tag auf den anderen kündbar. Ein Kampf gegen Arme, während das Wirtschaftsministerium Tipps zur Steuervermeidung für die Allerreichsten gibt. Die Soziale PD lässt jemanden stolz sagen »Wir verschärfen die Sanktionen beim Bürgergeld bis an die Grenze dessen, was verfassungsrechtlich zulässig ist.« und postet drohend Social-Media-Kacheln mit: »Wer mitmacht, der hat überhaupt nichts zu befürchten.« Herbst der Entscheidungen, Herbst der Endsozialdemokratisierung.

12. Oktober | Ausbildung

Jemand, den ich kenne, stellt ein Foto online. Ein Deutscher. Er ist viel in der Ukraine unterwegs, beruflich, privat, engagiert sich, tut viel Gutes. Auf dem Foto steht er hinter seinem Sohn. Sein Sohn trägt die tarnfarbene Uniform der Bundeswehr, die Haare sind kurz. Der Vater lächelt, irgendwie stolz, so eine Interpretation, glücklich. Neben dem Foto Hashtags, die sagen, dass Frieden und unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung verteidigt werden muss. Ich sehe das ähnlich, ich sehe die Notwendigkeit eines Schutzes, ein Krieg nur einige hundert Kilometer entfernt, die Drohnen, die Drohungen. Und doch fühle ich großes Unbehagen beim Blick auf das Foto, bin irritiert, vielleicht auch befremdet: ein Sohn, der Soldat werden wird, der lernen wird zu schützen (uns – mich) und lernen wird zu töten, der in einen Tod ziehen könnte, der Vater dahinter, stolz, glücklich.

13. Oktober | Friedensplan Ambiguitätstoleranz

Gibt es ja nicht so oft in letzter Zeit: ein Montag, ach, überhaupt ein Tag, der mit einer global positiven Nachricht beginnt. Friedensabkommen in Nahost, der Gazakrieg beendet, die zwanzig noch lebenden Geiseln freigelassen, palästinische Gefangene, das Töten, das Hungern beendet mit einem Federstrich. Freude, Erleichterung, tatsächlich so etwas wie Zuversicht, dass damit etwas in Gang gesetzt ist, dass es besser werden lässt.

Pressekonferenzen, Reden vor Knesset, ein Feiern. Im Deutschlandfunk wird eine Erklärerin der Situation gefragt, ob sie denn nicht wenigstens jetzt mal ein Lob für Trump übrighabe. Und auch wenn ich wenig darüber weiß, wie es zu diesem Frieden gekommen ist, vermute ich, dass die Persönlichkeit des amerikanischen Präsidenten einen Anteil daran haben wird. Und dennoch, trotz Erleichterung und Frieden und dem Wissen, dass dies unter seinem Vorgänger(n) nicht möglich war, fällt es mir auch schwer zuzusehen, wie der Präsident die Gangway herunterschreitet. Vielleicht ein guter Tag, um die eigene Ambiguitätstoleranz zu trainieren: der Präsident, der Truppen gegen seine eigene Bevölkerung auflaufen lässt, ist Teil des Endes eines anderen Kriegs.

14. Oktober | Korallenriffkipppunkt

Auch ein guter Tag, um mal zu testen, wie die Welt reagiert, wenn einer der Klimakipppunkte unwiderruflich überschritten ist. In diesem Fall die Warmwasser-Korallenriffe, die verschwinden werden, schon verschwunden sind, wie Wissenschaftlerinnen der Welt erklären. In den Nachrichten dominiert, klar, Nahost. Dann dies und das und irgendwann kurz vor dem Sport das mit den Korallenriffen, dem Kippen.

15. Oktober | Frosch

Der Frosch im politischen Diskurs war in den vergangenen Jahren ja eher Pepe, der nihilistische Alt-Right-Frosch. Jetzt taucht in Portland ein neuer Frosch auf: in aufblasbarem Kostüm als Symbol gegen die Entsendung von Streitkräften in amerikanische Städte und damit gegen die MAGA-Regierung.

16. Oktober | im Stadtbild ein Problem

Diskussionen über diese logische Verknüpfung des Kanzlers, der sagt: » »Wir haben in dieser Bundesregierung die [Migrations]Zahlen August 24 / August 25 im Vergleich um 60 Prozent nach unten gebracht.«

Und anfügt: »Aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem, und deswegen ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt in sehr großem Umfang auch Rückführungen zu ermöglichen und durchzuführen.«

Was wäre für den Kanzler das problemlose Bild einer Stadt, was ist für den Kanzler »dieses Problem«, welches das Stadtbild beschmutzt?

17. Oktober | Blauland

Ich schaue eine Doku, in der der Journalist über einen längeren Zeitraum blaue Politiker in Brandenburg begleitet. Sicher liegt es auch am Fokus dieser 45 Minuten, aber nicht nur, dass das Blaue wie eine Standardeinstellung wirkt; die blauen Shirts, die blauen Sonnenschirme auf den Marktplätzen, die alten Volkslieder, die Selbstverständlichkeit, die Heimatfeste. Und alles, was vom Blauen abweicht, eben abweicht, nicht mehr die Norm ist.

Sondern in der Defensive.

Es auffällt, wie bereitwillig die blauen Politiker sich der Kamera stellen; keine Scheu, kein demonstratives Verweigern, sondern ein selbstbewusstes Zeigen, weil man sich sicher ist, dass kein Bild, kein O-Ton irgendetwas ändern wird. Auch, als während einer Wahlkampfveranstaltung der Journalist direkt von der Bühne angesprochen wird, dass er ohnehin bald entlassen werde in den neuen Machtverhältnissen.

Doch am Aufschlussreichsten dann, wenn der Blick nicht aufs Blaue gerichtet ist. Eine soziale Einrichtung soll auf dem Land entstehen, der Widerstand dagegen ist groß, die Angst und das Wegducken der Verantwortlichen, das Vermeiden einer Auseinandersetzung, ein durchaus nachvollziehbares Gefühl wird der blauen Landnahme überlassen. Die Werkeinstellung kommt nicht von selbst, sie ist hier das Versäumnis Anderer und darauf sollte mehr der Blick gerichtet werden auf die blauen Kleinstadtbühnen.

Aber auch: der Verlust der Blauen in den letzten Wochen. Viel verloren. Keine der kommunalen Wahlen gewonnen. Kein Durchmarsch, eben keine Landnahme, keine Selbstverständlichkeit, keine Unabänderlichkeit. Blauland Standardeinstellung, eben nicht abgemacht.

17. Oktober | optische Täuschung Hakenkreuz

Zwei Beispiele aus den letzten Tagen. Geleakter Chat von Jungen Republikanern, die von ihrer Liebe zu Hitler schreiben und Gaskammern, 2000 Seiten Nazisprech. Im Büro eines republikanischen Senators an der Wand eine amerikanische Fahne, in die ein Hakenkreuz gewebt ist. Entschuldigt wird beides: einmal mit der Jugend, einmal mit einer optical illusion: »And here’s the strange part: the swastika is not obvious to the naked eye. But is more visible when captured on video or by a still photo. One source described this as an “optical illusion.” Another said the swastika was “easy to miss.”«

18. Oktober | No Kings

In den USA sieben Millionen bei den »No Kings«-Demonstrationen. Der amerikanische Präsident postet ein KI-Video, in dem er mit Krone in einem Militärjet sitzt und Scheiße Fäkalien über den Demonstrierenden abwirft, die KI lustvoll zeigen lässt, wie Scheiße Fäkalien an den Demonstrierenden hinabrinnt, postet der amerikanische Präsident. Darum geht es: darüber zu sprechen und nicht über sieben Millionen bei den »No Kings«-Demonstrationen, sieben Millionen.

20. Oktober | Stadtbild, Stadtbild

Weiterhin Diskussionen über die Stadtbildproblem-Aussage von Friedrich Merz. Daraufhin angesprochen, bittet er darum, die Töchter zu fragen, was und wer damit gemeint sei, suhlt sich gutgelaunt in der Trope Die-Wilden-vergewaltigen-unsere-Töchter und verkündet ebenso gutgelaunt, dass er nicht vorhabe, etwas zurückzunehmen und später, dass die AfD der größte Gegner der CDU sei und wenn die CDU jemanden zum größten Gegner erkläre, da solle man sich in Acht nehmen, man sehe das ja am Beispiel der Grünen.

Der SPD-Ministerpräsident Sachsen-Anhalts erklärt unironisch, dass er sich eine Zusammenarbeit mit der AfD vorstellen könne, wenn diese sich von allen extremen, radikalen, völkischen, undemokratischen etc. Kräften trennen würde.

Auch unironisch reißt der amerikanische Präsident das Weiße Haus ab, zumindest erst einmal gräbt sich der Bagger in den Ostflügel, um Platz für den goldverzierten Ballsaal zu schaffen, der 250$ Millionen kosten, die Regierung weiterhin im Shutdown. Und das Bild – Trumps Bagger am Ostflügel / der amerikanische Präsident reißt das Weiße Haus ab – ist als Symbol so offensichtlich, dass es fast keine Freude macht.

21. Oktober | Töchter

7000 Töchter bei der Wir-sind-die-Töchter-Demonstration vor der Berliner CDU-Zentrale. Die Diskussion um die Stadtbild-Aussage des Kanzlers mittlerweile permanent und damit in einer eigenen, typischen Dynamik, in der die Diskussion selbst Thema ist. Aussagen wie: Das sind nur Worte. Kümmert Euch um Wichtigeres als um dieses Wort zu streiten. Ihr wollt das Problem nicht angehen etc. Dazu Umfragen, wie »die Leute« fühlen, und die Hälfte der Leute fühlen Angst, fühlen diese Angst auch, weil sie auf den Kanälen täglich beschworen wird. Dabei gibt es ein Problem und es gibt Angst, aber so? Aber so?

Denn dieses Stadtbild ist auch ganz grundsätzlich, wie über Migration gesprochen wird. Der Kanzler und alle, die ihm jetzt zunicken, schauen auf die Stadt (und für Stadt ließe sich auch Deutschland einsetzen) und wollen als einziges Problem Nichtweiße sehen. Und der Kanzler und jene, die ihm beipflichten sagt oder will sagen: Wenn wir dieses »Problem« »lösen«, also Nichtweiße fortschaffen, sieht die Stadt/Deutschland wieder so aus wie 1985 / 1951 / 1933, die Jahreszahl je nach Position im ideologischen Spektrum.

Die Töchter und jene, die mit den Töchtern gehen, sehen auf die Stadt und sehen: Hohe Mieten. Armut. Leerstehende Innenstädte. Hohe Mieten. Fehlende Begrünung. Bröckelnde Infrastruktur. Hohe Mieten. Zu viel Autoverkehr. Fehlende Kinderfreundlichkeit. Hohe Mieten. Fehlende Digitalisierung. Überforderte Ämter. Hohe Mieten etc.

Und der Kanzler glaubt, wenn er dieses eine »Probleme«, also Nichtweiße, ständig benennt, müsse er die anderen Probleme, die er möglicherweise gar nicht als Probleme wahrnimmt, nicht benennen. Aber wofür braucht es ihn und seine Partei dann noch, wenn es längst eine Partei mit diesem einen Thema gibt?

22. Oktober | Blumenwurf im Landtag

Vernissage unserer »Thüringer Blumenwurf«-Ausstellung im Thüringer Landtag. Am Montag sind wir nach Erfurt zum Aufbau gefahren Einmal führte ein Landtagsabgeordneter eine Besuchergruppe vorbei, sagte mit Blick auf unsere Ausstellungsvorbereitungen erklärend zur Gruppe: »Hier wird gerade dekoriert.« Glücklicherweise reagierte Yvonne umgehend, halb ironisch, drei Mal auch ernst, stellte den Zweck der Ausstellung als Dekorationsobjekt in Frage. Weil: Das wäre ja das Letzte, was man mit Wut sein möchte. Oder mit Ausstellung. Oder Gedanken.

Dekoration.

Ansonsten kommen immer wieder Abgeordnete vorbei, bleiben je nach Parteinukleus vor den Thementexten zu Migration, Krieg o.ä. stehen, beugen sich vor, lesen interessiert, sezieren. Das wäre ja auch eine Frage: Bringt die Ausstellung was hervor? Gibt es Gedanken dazu, Reaktionen, wie erfahren wir davon, wenn wir nicht die nächsten sechs Wochen komplett im Landtag verbringen würden?

Zwei Tage später ist die Vernissage. Reden natürlich, Büfett, Kameras. Vor allem aber freut uns, dass Freunde und Bekannte, auch Begleiter des Blumenwurfs gekommen sind; aus dem Eichsfeld eine Handvoll zum Beispiel. Denn das soll Teil der Vernissage sein: Wir bitten einige von denen, die warfen und mit uns sprachen, ein Zitat aus ihrem damaligen Gespräch hier im Landtag vor allem zu lesen.

Wir bemerken schon ein gewisses Unwohlsein; das Gesagte ist über ein Jahr alt, es ist etwas Gesprochenes, das aufgesagt werden soll, keine fertig ausformulierte Rede, es ist persönlich und wird an diesem Ort vor vielen Leute vorgetragen. Keine einfache und selbstverständliche Sache. Jede und jeder macht das anders. Aber so soll es sein, auch, gerade hier: Wut zu äußern, hier zu sprechen.

24. Oktober | Ziele definieren

Eher zufällig lesen vom Nationaler Volkskongress in China, den Plänen für die nächsten 5 Jahre, und dass schwerer falle Ziele zu definieren, weil es bisher ums Aufholen gegangen sei, jetzt nicht mehr, weil man als Führender neue Ziele finden muss.

25. Oktober | CSD Weimar

Eine fragmentarische Beobachtung vom CSD in Weimar. Am Rand eine Gruppe Jugendlicher, schwarz gekleidet, die Jungs mit akkuraten Kurzhaarschnitt, einer trägt eine Jacke mit dem Logo von The North Face, statt dem Namen steht dort Ostdeutschland. Sie stehen und buhen, ermuntern sich gegenseitig zum Widerstand. Als dies keinerlei Reaktion von irgendjemand hervorruft, ziehen die Jungs ab. Die schwarzgekleideten Mädchen bleiben, sie schauen auf die Regenbogenfahnen, die Furrys, die bunten Haare, sie schauen, sie schauen.

26. Oktober | weggreifen

Dieser unablässige Strom von Videos, wie ICE-Geheimpolizisten in Sturmhauben Leute von der Straße weggreifen, wie normal das geworden ist, dieses Weggreifen, das ist jetzt so, vermummte Männer lassen Menschen verschwinden.

27. Oktober | alles Marmor, alles Gold

Weiterhin der Abriss des Ostflügels des Weißen Haus zugunsten eines goldenen Ballsaals. Dazu die Spenderlisten, parallel der Shutdown des Staats, drohender Hunger durch den Wegfall von Lebensmittelmarken, während Milei in Agentinnen 40 Mrd Dollar erhält. Fotos von der Umgestaltung des Lincoln-Badezimmers: alles Marmor, alles Gold jetzt. Wieder mal: Mehr Metapher geht nicht.

28. Oktober | öffentlicher Raum

Abschlussveranstaltung eines Schreibworkshops in einer hessischen Kleinstadt. Ich laufe durch die mittelalterliche Innenstadt, ein Transparent, das verkündet, dass man um den Erhalt der Innenstadt kämpfen werde. Die Abschlusslesung findet in einem Raum der Diakonie statt, ein öffentlicher Raum, an dem Kurse, Veranstaltungen stattfinden, Sprachlehrgänge, etwas im Zentrum, das Verbindung schafft. Im Schreibkurs zwei Schulen, eine davon eine Förderschule, anwesend neben den Schülerinnen und Schülern und deren Familien jemand aus der Kirche, der Stadt, Zivilgesellschaft.

29. Oktober | Sudan

Die Berichte über den Sudan, eine mit einem Sandwall geschützte, lange belagerte, nun eroberte Stadt, aus dem Weltall, auf den Satellitenaufnahmen sind die Leichen zu sehen, in wenigen Tagen mehr Tote als in zwei Jahren Gaza, was ist das denn für eine Skala, für eine Referenz?

30. Oktober | Geschichte schreiben

Ich moderiere eine Lesung von Mithu Sanyal. Am Ende zitiere ich aus ihrem Antichristie: »Die Geschichte unserer Welt wurde immer wieder geändert. Dafür musste ich nicht in die Vergangenheit reisen. Alles, was ich tun musste, war, die Geschichten zu ändern, die wir uns darüber erzählen.«

Ich meine das positiv. Sie wendet ein: »Es ist ja auch total bitter, wie alle versuchen, die Geschichte zu ändern.« Und bringt ein Beispiel, wie die Briten versuchten, die Geschichte Indiens zu schreiben, mit der Behauptung, die Inder könnten keine Historie erfassen, wie sie immer in einem Drogenrausch seien etc.

Später an diesem Abend denke ich Grokpedia, der Versuch von Musk, ein eigenes Wikipedia zu schaffen, eine eigene Feststellung der Realität, die Umdeutung von Fakten, Geschichten, der Geschichte. Nichts ist sicher, das Erzählte muss immer wieder neu erzählt werden, erstritten, erkämpft.

31. Oktober | Stadtbild, Stadtbild, Stadtbild

Stadtbild, Stadtbild, Stadtbild. Wie müde ich dieser »Debatte« bin und sie zugleich angestrengt verfolge. Weil es weiterhin diese semantische Ausgangslage gibt, von der aus alle Übertretungen beobachtet werden müssen. Diese bewusste Unklarheit, diese absichtliche Auslassung im Benennen durch den Kanzler, wer und was denn nun gemeint ist vom Kanzler, wobei alle wissen, was, besser wer gemeint ist. Diese Schludrigkeit, die im vollen Bewusstsein erfolgt oder nicht, einfach so wahnsinnig unreif ist, wie damit gearbeitet. Auch zu wissen, dass das Sprechen darüber längst in der Debattenvorhölle angekommen ist, in einer ewigen Schleife, die Töchter gegen die, die Wahrheit sagen wollen etc. daraus kein Entrinnen nur, man nur hoffen, die nächste Debatte beendet dieses unentwirrbare Knäuel.