Toxic Swipe


1. September | Tätscheln

Der Monat beginnt mit Putins Tätscheln von Modis Hand, von Xi gnädig abgenickt.

2. September | Toxic Swipe

Auf einem Workshop, der sich mit (digitalen) Mechanismen rechter Radikalisierung beschäftigt. Nach dem ersten Tag neben vielem drei Punkte im Besonderen: politische Kommunikation im Netz findet niemals für das Gegenüber statt, sondern fürs Publikum. Die Frage: »Ist das rechts?« hilft nicht. Und ich merke beim Reden, dass ich über (zu viel) Wissen verfüge, über das ich eigentlich nicht verfügen möchte. Ich habe nicht darum gebeten zu wissen, wer Pepe der Frosch ist, was Zahlencodes wie 14, 18 oder 444 bedeuten und welche Zuschreibung die Simmi erfahren hat etc. Weil aber die Beschäftigung der Welt im Jahr 2025 zwangsläufig bedeutet, sich mit Faschismus zu beschäftigen und im Internet sein bedeutet, mit Faschismussymbolen und -narrativen konfrontiert zu werden, muss ich zumindest etwas davon wissen, um sortieren und einordnen zu können. Und habe dennoch das Gefühl, ständig hinterherzusein, ständig von neuen neurechten Codes und Memes abgehängt zu werden und ich will nichts davon wissen will, ich will lieber Ursula K. Le Guin lesen, ich will das nicht wissen müssen und muss offensichtlich doch.

Im Rahmen des Seminars im Museum Zwangsarbeit im Nationalsozialismus gewesen. Wieder die Monstrosität vor Augen geführt bekommen, die unfassbare Dichte von Grausamkeit, Leid und Verachtung in zwölf Jahren (und dem Umgang danach). Die hervorragende Ausstellung verdeutlicht auch, wie stark diese Grausamkeit durch alles Gesellschaftliche und Private ging, insbesondere, wie die ökonomischen Prozesse das Faschistische aufgesogen haben. Wie sich da die (Vor)Bilder für das finden, was die Codes von heute sind, die Spiegelungen ineinander in Ästhetik, Rhetorik, Sündenbocktum, das Reden über Arbeit und Faulheit, das Einschließen der einen, das Ausgrenzen der Anderen.

Am Ende eine Installation, wie sich der gestählte Männerkörper in TikTok wiederfindet, lauter faschistoide Fragemente, völkische Reflexionen, Bezüge aufeinander, Sigma-Splitter, Wolfsrudel, Unmännlichkeiten, Pumpenpumpen, Was-wert-sein-müssen, Bizeps, angeschrien werden, Proteine, Crypto, ich gegen alle, wir gegen die, Red Pill Tyler Durden, 1stPerson Toxic-Swipe.

3. September | Suchbegriff Ostdeutschland

Nächster Tag im Workshop, TikTok als Radikalisierungsmaschine. Ausprobieren, wie schnell der Algorithmus die Clips in welche Richtung treibt. Gleich das zweite angezeigte Video in meinem Für-Dich-Feed nach der Anmeldung – ohne, dass ich irgendetwas bewusst an Datenspuren hinterlasse, außer meinen Standort, Weimar – ist ein Clip über Deutschlands humorvollste Politikerin: Alice Weidel.

Anschließend ein erstes Tasten anhand des Begriffs »Simmi«. Danach ein Austesten entlang des Suchbegriffs »Ostdeutschland«. Zu Beginn ein Video, dass eine Masse von einem machtvoll demonstrierenden schwarzen Block zeigt, darunter Ost-Ost-Ostdeutschland-Rufe in einer hart-zackigen Power-Musik. Das begegnet mir oft beim Suchbegriff »Ostdeutschland«: Videos von vielen Menschen, die als Masse etwas machen, dazu die knallenden Ost-Ost-Ostdeutschland-Rufe. Andere Themen der Clips zu »Ostdeutschland« sind Ostalgie (Sandmann, Trabbi, Jägerschnitzel), Humor (was mit sächsischem Dialekt), Gemeinschaftsgefühle (Jugendliche feiernd auf Simmi), junge Frauen, die etwas in die Kamera singen, Rammstein, Das Modul etc.

Als ich den Hashtag verlasse und auf meinen für mich kuratieren Feed gehe, werden mir gleich dystopische AI-Clips von übervollen Migrantenschiffen gezeigt, AfD-Veranstaltungen, Skins, immer wieder die Migrantenboote. Ich schließe daraus: »Simmi« verbindet der Algorithmus mit Ostdeutschland und Ostdeutschland relativ ungeniert mit Rechtsextrem.

Die Überlegungen der Workshopbeteiligten, wie diese (digitalen?) Erzählmuster – auch in den anderen Themen wie Manosphäre, Einsamkeit oder Tradwives – zu brechen sein könnten. Ein Vorschlag: geiler Content, der lustig, empathisch, quatschig ist, jedenfalls nichts Radikales, sondern etwas, das anstelle des Radikalen im Feed erscheint. Zweiter Vorschlag: andere Abzweigungen anbieten. Wenn der Suchbegriff also Ostdeutschland wäre, was für Erzählungen / Narrative ließen sich noch anbieten außer der zackigen Ost-Ost-Ostdeutschland-Masse? Ich überlege, länger, weil ich es mir schwerfällt, dieses Zusammenspiel aufzubrechen: Wie lässt sich Ostdeutschland ohne Wut, sentimentale Ostalgie und Ausschluss erzählen, in zehn Sekunden oder einem Jahr?

4. September | blaues Shirt

Am Morgen auf die Straße getreten, zwei Straßen weiter ein kleiner Handwerksbetrieb, in diesen Minuten wird ein Transporter beladen. Einer der Drei trägt über der Engelbert-Strauß-Arbeitshose ein himmelblaues T-Shirt, auf dem vorn und hinten groß AfD gedruckt ist.

Das Tragen des Shirts beschäftigt mich auf meinem restlichen Weg. Ich überlege, wann ich – außer in politischen Situationen wie Demonstration, Parteiveranstaltung, Wahlkampfstand – gesehen habe, dass jemand das T-Shirt einer Partei trägt. Ein Linke-Shirt beim Grillen? Ein FDP-Shirt beim Fußball? Ein Grünen-Shirt beim Herbstspaziergang? Ein CDU-Shirt beim Kinobesuch? Ein SPD-Shirt beim Brötchenkauf? Ist es typisch, seine parteipolitische Gesinnung in alltäglichen Situationen anhand der Kleidung auszuweisen?

Ich überlege, wie es für den Mann in der Engelbert-Strauß-Arbeitshose war. Hat er sich bewusst dafür entschieden, der Welt an diesem Morgen seine parteipolitische Gesinnung zu zeigen? Hat er gehofft, dadurch Vorteile zu erlangen – Lob von Kollegen, Zustimmung von Kunden, Gespräche in seinem weltpolitischen Sinne? War es eine unbewusste Handlung, hat er nicht weiter darüber nachgedacht, das erste T-Shirt vom Stapel genommen, das Kleidungsstück genommen, das seine Frau ihm herausgelegt hat? Und was wäre bezeichnender? Das Tragen des T-Shirts als bewusste oder schon alltägliche Handlung?

Später am Tag die Umfrageprognosen aus Sachsen-Anhalt, wo in einem Jahr gewählt werden wird. Die Partei vom Shirt steht bei 39%, die folgende CDU bei 27%.

5. September | Tagesordnung

Videos anschauen, wie die Tech-CEOs knieend vor Trump formal am Tisch sitzen und brav die Zahlen aufsagen, die sie investieren werden; Gates, Cook, Zuckerberg, Altman sich überschlagend im milliardenschweren Kotau.

Dazu parallel noch einmal Éric Vuillard »Die Tagesordnung« lesen.

6. September | ein Tag in News, was wird man später darin erkennen

Ich schalte Radio an, höre die Nachrichten: Wie MAGA das Verteidigungsministerium zum Kriegsministerium umbenennt. Wie Macron sich auf die Staatskrise vorbereitet, nachdem am Montag sein Premierminister die Vertrauensfrage verlieren wird. Wie Sachsen-Anhalts CDU Ministerpräsidentenkandidat sich entscheidet, dass Migration das Thema sein soll, mit er in den Wahlkampf ziehen wird. Wie Boris Palmer in einer Halle ein Streitgespräch mit Rechtsextremen spricht, um sie inhaltlich zu stellen. Was Xi und Putin ins versehentlich geöffnete Mikrofon sprachen. Wie Florida ankündigt, alle Impfpflichten abzuschaffen.

7. September | Apocalypse Now

Ein Post des amerikanischen Präsidenten: »I love the smell of deportation in the morning… Chicago about to find out why it’s called the Department of WAR.« Dazu im Bild im Stil von Apocalypse Now. Trump selbst erscheint in Form einer KI-Montage als Colonel Kilgore. Colonel Kilgore »is an amoral warmonger who actually enjoys the war and calls it home.« Kein Dog Whistle mehr, sondern die konkrete, vorfreudrige Kriegsankündigung und Vernichtung der Opposition.

8. September | Bereitschaft

Gestern Abschlussveranstaltung des Workshops im Museum Zwangsarbeit im Nationalsozialismus mit einer Podiumsdiskussion, auf der auch Künstlerin und Künstler der Installation Bereitschaft sprechen. Bereitschaft bezieht sich auf eine Statue von Arno Breker, der 1944 in die sogenannte Gottbegnadeten-Liste der Nazis aufgenommen wurde.

Das Künstlerduo erzählt, dass diese Statue und ihre Ästhetik auf TikTok präsent sind, Breker sei dort bekannt. Ein Anwesender meldet sich zu Wort, informiert, dass Brekers Statue ursprünglich »Wehrmacht« geheißen habe und die Umbenennung in »Bereitschaft« nach 1945 stattfand und erklärt, dass es falsch finde, dass Künstler den verharmlosenden, den verschleiernden Namen nutzen.

Ein kleiner Disput entspinnt. Das Künstlerduo erklärt, dass der Name ihrer Installation sich nicht allein auf Statue beziehe, sondern auf das, was sie auf radikalen TikTok-Feeds vorgefunden haben, eine Art Militarisierung, ein Bereit-Machen, diesem Körperbild, dieser Ästhetik, diesem Weltbild Taten folgen zu lassen, eine Bereitschaft.

9. September | Angela Merkel signiert

Heute signiert Angela Merkel ihr Buch »Freiheit« in Weimar, in der Eckermann-Buchhandlung, in unserer LiteraturEtage. In den vergangenen Wochen waren mehrmals Sicherheitskräfte da, um den Ablauf durchzusprechen; wo reinkommen, wie laufen, wie verlassen, eben Sicherheit gewährleisten. Heute Vormittag stehen einige zusammen und reden über die Signierstunde am Nachmittag. Jemand legt seine ganze Ablehnung in einen verächtlichen Laut. Jemand anderes erzählt, wie der syrische Künstler, der bei uns in der Etage gerade Kalligraphien ausstellt, um ein Foto von Angela Merkel vor seinen Bildern bittet, sagt, Angela Merkel habe ihm quasi das Leben gerettet. Das ist so in etwa das Spannungsfeld für den Nachmittag, Verachtung und Dankbarkeit.

Am Nachmittag zieht sich das Schlange derer, die signiert haben wollen, einmal um das Haus. Die Zufahrtsstraßen sind mit Polizeiautos gesperrt und von Sicherheitskräften gesichert. Neben der Buchhandlung steht in blauem Anzug Thomas Kemmerich und betrachtet das Geschehen. Kurz zuvor ist der Ministerpräsident a.D. drinnen gewesen und hat sich eine Signatur von der Kanzlerin a.D. geben lassen.

Ich habe überlegt, ob ich signieren lassen möchte. Es wäre die Unterschrift der Person einer Zeitgeschichte, auch noch in ihrer Biographie. Es wäre ein Fetisch, eine Auraübertragung. Ich müsste aber 42€ für ein Buch ausgeben, das ich sehr wahrscheinlich nicht lesen werde. Ich müsste mich jetzt auch anstellen, eine Stunde warten. Während ich überlege, ob ich das tue, bemerke ich ein Gefühl. Ein Gefühl des Genierens. Es fühlt sich so an, als würde ich mich genieren, eine Stunde im Zentrum Weimars zu stehen und jeder sähe, weshalb ich anstünde. Mein Stehen wäre als Bekenntnis zu lesen.

Aber würde ich bekennen? Würde ich, wenn ich stünde, vorbehaltlos zustimmen? Weil: So ist es ja nicht. So viel zu kritisieren und einiges, von dem ich wünschte, es wäre noch. Einiges, über das ich wütend bin, einiges, für das ich dankbar bin. Vieles, das ich nicht kenne, verstehe, zu dem ich keine Meinung habe. Aber: Fast alles an Merkel mittlerweile ein Symbol. Keine Differenz mehr, sondern 0 oder 1, Ja oder nein, dafür oder dagegen. Ist das so? Wie ist es, wenn ich jene betrachte, die hier im Zentrum Weimars für eine Unterschrift Angela Merkels anstehen. Angela Merkel: die die Grenzen nicht schloss, die den Windkraftanlagenvorsprung zerstörte, die die Atomkraftwerke abschaltete, unter der die Ungleichheit in Deutschland viel größer wurde, die im ersten Corona-Lockdown, die die Abhängigkeit von Russland intensivierte, die ihre Partei ins 21. Jahrhundert schubste, die mit der zerstörischen schwarzen Null, die die Thüringer MP-Wahl von Afrika aus widerrufen ließ, die mit der Kommunikation, die und die und die etc.

Bekennen die Anstehenden, indem sie anstehen? Und wenn ja, sich wozu? Ist genau das hier die Mitte der Gesellschaft? Ist das noch bürgerlich? Schon links? Nostalgisch? Demokratisch? Geht es hier nur um eine Unterschrift, um Prominenz? Was ist Symbol oder: Wie kann etwas von dieser Menschenschlange im Zentrum Weimars kein Symbol sein?

10. September | Nachbarn

19 russische Drohnen dringen in den polnischen Luftraum ein, drei werden abgeschossen. Dmitri Medwedew nennt Finnland »Anti-Russland« und schreibt von einer »Ukrainisierung« des Nachbarstaates. Der Vorsitzende des Duma-Ausschusses für Informationspolitik nennt Finnland eine »größere Brutstätte des Faschismus als die Ukraine« und sagt: »Sie haben kein Recht zu leben.«

11. September | settings > content & media > autoplay video & gifs = off

Am Abend des 10. Septembers taucht »settings > content & media > autoplay video & gifs = off« im Feed. Der Hinweis, das Autoplay von Videos abzustellen, damit nicht das Video von der Erschießung Charlie Kirks von selbst abgespielt wird. Jene, die es gesehen haben, warnen vor der drastischen Darstellung, wie die Kugel einen menschlichen Körper trifft und ihn tötet.

Von selbst spielt sich der Mord nicht ab. Von selbst bedeutet, dass sich jemand entschieden hat, dieses Video bewusst anderen zugänglich zu machen. Eine Absicht steht dahinter, die über die reine Information hinausgeht. Doch ahne ich, dass ich eines Tages dieses Video sehen werde, dass es sich nicht vermeiden lassen wird, dass ich wissen werde, wie es aussieht, wie Charlie Kirk getötet wurde.

In den folgenden Stunden merke ich große Sorge, nein, Angst, was aus diesem Attentat erwachsen könnte. Ein Märtyrer, dessen Tod zum Anlass genommen wird für eine Beschleunigung des Übergangs, in dem sich USA befindet. Der Präsident ordnet Flaggen auf Halbmast an. Obwohl es bis zu diesem Zeitpunkt keinen Hinweis auf Mörder und Motiv gibt, laufen die Kanäle über mit Schuldzuschreibungen, ein »This is war« wird gerufen, »I`m ready for civil war«, »It´s to bring the hammer down on the left«, »if they won’t leave us in peace, then our choice is fight or die« (Elon Musk) etc.

Vorgestern wurde die Glückwunschkarte, die Trump an Epstein schrieb – die Zeichnung einer nackten Frau mit Trumps Unterschrift als Schamhaar, dazu »Wunder altern nicht«, »möge jeder Tag ein weiteres wundervolles Geheimnis sein« etc. – veröffentlicht. Die Karte, deren Existenz so lange bestritten wurde, existiert und dennoch wird das Bestreiten fortgeführt, MAGA wird die Karte gezeigt und sie weigern sich, diese anzuschauen, weiter die Behauptung, die Karte existiere nicht und ist eine Fälschung.

Daran denke ich, wenn ich an die Flaggen auf Halbmast schaue, die Schuldzuschreibung. Es spielt keine Rolle, wer es getan hat. Ob man sich »differenziert« damit auseinandersetzt. Ob man mahnt, kondoliert, entsetzt ist. Es spielt keine Rolle, dass Stimmen auf ähnlich politisch motivierte Morde aus den vergangenen Wochen(!) und Monaten erinnern, die nicht den Bruchteil dieser Aufmerksamkeit erhielten, als keine Flaggen auf Halbmast gesetzt wurden, dieser offensichtlich unterschiedliche Umgang, all die Fragen, die sich daran besprechen lassen könnten, die Erkenntnis, die sich ziehen. Charlie Kirk wurde erschossen. Ein Anlass ist da und ein Anlass wurde herbeigefiebert und soll nun Ausgangspunkt werden für

[Auch wenn der Vergleich aus verschiedenen Gründen so gar nicht aufgeht, muss ich noch an den »Kleinen Trompeter« denken, ein Lied, das in der DDR alle Kinder kannten und sangen, ein Symbol, denke, dass Charlie Kirk zu so etwas gemacht werden wird.]

12. September | doch der kleine Trompeter

Auch gespenstig, der betroffenen Unbedarftheit beizuwohnen, mit der Charlie Kirk begegnet wird, seiner Heiligsprechung als Märtyrer der freien Rede, als engagierter Kommunikator zwischen den Fronten, einer, der das Gespräch suchte, um die gespaltene Gesellschaft zu einen, jemand, der Andersdenkende nicht ausgrenzte, sondern mit ihnen ins Gespräch kommen wollte, dieser »strahlende Martin Luther King des jungen, konservativen Amerikas«, dieser ganze BS, lustvoll so geframt oder naiv nachgeplappert.

Für mich als Erinnerung, wie diese Prozesse funktionieren, am Beispiel der Ermordung von Charlie Kirk: Wie jene, die nach Attentaten in Halloweenkostümen kommunizieren, plötzlich Anderen fehlende Empathie vorwerfen. Kein Gotcha-Moment, im Sinne von: Jetzt sind diese Stimmen ihrer Scheinheiligkeit überführt. Sondern die Erinnerung, dass solche Trauerbekundungen und Überhöhungen dazu da sind, Reaktion auszulösen, ein Theater zu bespielen. Eben Attentate auf politische Gegner herunterzuspielen und lächerlich machen und anderen Attentaten historische Bedeutung zuweisen, weil diese politischen Gestaltungsraum ermöglichen. Affekttrauer.

Ist das den normalen Online-Zuschauern klar? Die gehen vielleicht von »echten Gefühlen« aus, echter Trauerarbeit, die hier geleistet wird. Wenn Glenn Beck weint, muss das echt sein. Aufgabe der Medien wäre es, das einzuordnen: zu beschreiben, was geschehen ist. Deutlich machen, dass das Töten eines Menschen zu verurteilen ist. Aber auch die Rolle, die der Getötete in seinem Leben eingenommen hat, zu benennen. Kirk war eben kein einfacher Konservativer. Sondern ein Hassunternehmer, der mit Menschenfeindlichkeit sehr viel Geld verdient und sehr viel Einfluss erlangt hatte, eine radikale, zentrale Figur, deren Wirken man kennen muss, um den gesellschaftlichen-kulturellen Aufstieg von MAGA zu verstehen zu können.

Ist ein grundsätzliches Problem der vergangenen Jahre: die normalen Online-Zuschauer, die normalen Medien glauben, es gelten noch die Spielregeln, mit denen sie groß geworden sind. Diese Zuschauer scheinen nicht zu wissen (oder wissen zu wollen), dass etwas Neues passiert. Ihnen fehlen die Begriffe, um es beschreiben zu können. Deshalb werden sie Teil dieses neuen Regelwerks, sind elementarer Bestandteil.

13. September | killed by a meme

Die Jagd nach dem Mörder als Schnitzeljagd, weiterhin gespenstig. Die Veröffentlichung eines unscharfen Fotos, eines Videos, die Info, es gebe Bezüge zu trans, der Präsident erklärt bei Fox, der Täter sei gefasst, Warten auf die Pressekonferenz, die Information, dass der Täter aus einem ultrakonservativen Umfeld stammt.

Danach die nächste Schnitzeljagd: nach dem Motiv. Einmal die rechtsextremen Kanäle mit dem Erwartbaren. Dann die traditionellen Medien. Die suchen in der Nachbarschaft des Täters, schreiben über Religion und Waffen und gehen mehrheitlich aufgrund der vom Täter getätigten Gravierung auf Gewehrkugeln wie »Bella Ciao« und »hey fascist! CATCH!« von einer »linken« Motivation aus.

Ich lese viel in dritten Kanälen. Die finden schnell ein Foto Meme, auf dem der Täter Pepe The Frog imitiert. Die schreiben von Brainrot und erklären eine (Online)-Welt, in der »Nichts hat einen Wert, alles kann man kaputt machen, vor allem auch sich selbst. Es ist ein ständiges gegenseitiges Verstärken dieses Gefühls von Destruktion und Negativität. Die dazugehörige Pose ist eine hyperironische… Das Mittel des Ausdrucks sind Memes. Alles wird zum Meme… Politisch wird es, weil das alles von der extremen Rechten gefüttert wird und es quasi eine Grundmisogynie, einen Grundrassismus gibt.«

Diese Kanäle weisen darauf hin, dass Zitate auf den Kugeln aus ein Computerspiel verweisen, in dem man als Soldat für einen autoritären Staat kämpft, dass Bella Ciao dort der Name eines Mods ist, dass Bella Ciao in Playlists zum Groyper War auftaucht. Erklären den Groyper War, erklären die Bewegung um den Rechtsextremen Nick Fuentes, wie diese bewusst auch linke Symbole benutzen und besetzen. Sie erklären Right-Wing-Strömungen und wie sich diese bekämpften. Oder: keine Eindeutigkeit, weil der Täter Informationen gegen die Eindeutigkeit setzt.

Ob so das Motiv war, ich weiß es nicht. Weiß nicht, welche Rolle die Beziehung des Täters zu seinem Mitbewohner gespielt hat. Waffenbesitz. Politische Einstellungen der Familie. Möglicherweise veränderte eigene Ansichten. Ich weiß nur, dass ich auf den anderen Kanälen nichts von Groyper War und Pepe erfahre. In den meisten traditionellen Medien wird kaum der Versuch unternommen, in diese Richtung zu recherchieren, zu schreiben, überhaupt Gedanken dazu zuzulassen. Dies zu erklären, überhaupt deutlich zu machen, dass es Memes gibt und diese immer auch mindestens mehrdeutig zu lesen sind, dass eine Welt existiert, in der Bella Ciao von Rechtsextremen benutzt wird, in der Rechtsextreme Rechtsextreme bekämpfen, findet nicht statt. Die Beschäftigung mit Online- Internet- Computerkultur endet bei »Kilerspiele«.Wie schon bei der Beschreibung des Erschossenen scheitern sie bei der Beschreibung des Schützen. Und das ist viel mehr als nur ein Generation Gap, das ein Riesenproblem.

Vieles von dem lese ich mir an. Vieles von dem wusste ich bisher nicht. Und ich frage mich auch, wie man diese Welt jemanden erklären kann, der weder 4Chan noch Pepe kennt, also einen Großteil von Deutschland über 30. Wie lässt sich so eine komplexe, anspielungsreiche, ungemein deprimierende, hasserfüllte, zynische Welt, die mit Symbolen, Zeichen, Memes, Memememes kommuniziert, die aus Handlungsbögen besteht, die zwanzig Jahren zurückreichen und wahnwitzig viele Informationen beinhalten, so aufbereiten, dass ich am Abendbrottisch darüber sprechen kann? Denn auch das sind Vokabeln der Gegenwart, die ich kennen muss, um über diese Zeit reden zu können. Deshalb diese Häufung dieser Einträge hier, die Ungläubigkeit, wie wenig das stattfindet. Gespenstig.

14. September | was relevanter ist

Wenn ein Eintrag nur ein Ereignis zum Thema haben dürfte: Was wäre relevanter? Dass in London über einhunderttausend auf einer Demonstration gegen »unkontrollierte Migration« und das »woke mind virus« mitlaufen, die von einem Rechtsextremen angeführt wird und Elon Musk sich mit den Worten »Ob ihr euch für Gewalt entscheidet oder nicht – die Gewalt kommt zu euch. Entweder ihr wehrt euch oder ihr sterbt, das ist die Wahrheit« zuschalten lässt? Oder dass in Brasilien Jair Bolsonaro zu 27 Jahren Gefängnis verurteilt wird?

15. September | unter/überErwartungen

Disput darüber, ob nach den Kommunalwahlen in NRW die AfD Sieger ist, weil sie ihr Ergebnis von 2020 fast verdreifach hat oder ob sie unter den Erwartungen liegt, weil sie knapp zwei Prozentpunkte hinter dem Ergebnis der diesjährigen Bundestagswahl bleibt und nur wenige ihrer Kandidaten in Stichwahlen gelangt sind.

16. September | explore every option

Rational sitzt der Vizepräsident Vance im Charlie-Kirk-Podcast und sagt Sätze wie »explore every option to bring real unity to our country and stop those who would kill their fellow Americans because they don’t like what they say«. Ihm adjustiert Stephen Miller: »With God as my witness, we are going to use every resource we have … to identify, disrupt, dismantle and destroy these networks«. Eine kalte Rhetorik, die den Mord als Anlass nimmt, Feindbilder zu zeichnen, ein vast domestic terror movement, das mit maximalen Schritten bekämpft werden muss. Das verbunden mit den Geschehnissen aus den vergangenen Tagen. Entlassungen wegen kritischer Äußerungen zu Kirk. (Für den FOX-Moderator, der tödliche Spritzen für Obdachlos fordert, »Just kill them« tuts eine Entschuldigung.) Lange Listen, von denen vermerkt ist, wer sich kritisch zu Kirk geäußert hat – und als kritisch gilt, wer Kirk wortwörtlich zitiert. Öffentliche Kontrollen, wer die amerikanische Flagge Kirk zu Ehren nicht auf Halbmast setzt. Der amerikanische Botschafter fordert die Ausweisung eines ZDF-Journalisten, weil dieser sich kritisch mit Kirk auseinandersetzt. Lauter rhetorische Vorbereitungen.

17. September | doch das ende war hell

Diese ständige Beschäftigen mit Kugeln, die in Körpern eindringen, mit Memes, die sich auf andere Memes beziehen, Podcast-Transkriptionen, mit diesen ganzheitlichen Weltbildern, mit diesen Abwärtsspiralen und Playbooks macht alles schwer. Dann bringt die Postbotin den neuen Gedichtband von Alke Stachler, doch das ende war hell. Darin:

aber ich sehe nur mich selbst in einer schwarzen fläche

etwas spricht oder singt aus der tiefe

eine uhr schlägt wie früher …

enthielt dieser traum je etwas anderes als sich selbst

18. September | Gewalt kann Macht vernichten aber keine Macht zu erzeugen

Auf Bestreben der Regierung wird die Late-Night-Show von Jimmy Kimmel wegen MAGA-kritischer Äußerungen abgesetzt. Der Präsident erklärt Antifa AS A MAJOR TERRORIST ORGANIZATION. Das Bedürfnis zu erklären, dass, weil Antifa keine Organisation ist, es auch keine Beweise für eine Zugehörigkeit geben kann. Und weil es keine Beweise geben kann, können Anschuldigungen nicht widerlegt werden. Willkür also, Catch 22. Und dann steht ICE vor der Tür. Am Abend zu einer Lesung über Hannah Arendt gehen, eigentlich extra heute, Macht und Gewalt.

19. September | Fußnoten

Thomas Kemmerich ist aus der FDP ausgetreten und nun Vorsitzender der Frauke-Petry-Partei. Im Sommer gab es Treffen, hier in Weimar, jetzt also Chef der Die blaue Partei WerteUnion Team Freiheit, Nische, die Teil von etwas Großem sein möchte.

20. September | Impuls: Demokratie

Heute auf einer Literaturtagung in Heilbad Heiligenstadt, im Eichsfeldmuseum. Thema: Zwischen Text und Tat: Literatur und Demokratievermittlung. Anwesend sind belesene Menschen, die über viel Wissen verfügen. Das politische Spektrum ist breit, reicht von einem Vortrag über einen antifaschistischen Autor bis hin zur Hufeisentheorie mit Julia Ruhs als Beleg dafür. Der Tag ernüchtert, weil am Ende deutlich wird, dass man über sehr unterschiedliche Erfahrungen verfügt, auch unterschiedliches Wissen, dass die Begriffe nicht klar sind, was sie aber sein müssten, um über das Thema sprechen zu können.

Einer der Anwesenden, der Leiter des Uwe-Johnson-Hauses in Mecklenburg-Vorpommern berichtet, wie auf Druck der Stadt Michel Friedmann ausgeladen wurde, weil Proteste von Rechtsextremen befürchtet werden. Jemand aus Ostsachsen berichtet von seinen Erfahrungen vor Ort. Über konkrete Maßnahmen wird gesprochen. Jemand sagt, dass man es lange mit Reden und Dialog versucht habe. Mittlerweile plädiere er für ein AfD-Verbot. Ein Drittel der Anwesenden klatscht, ein Drittel verschränkt demonstrativ die Arme, ein Drittel reagiert nicht.

Nach dem Mittag ein Workshop für Demokratie, der gar nicht gut läuft. Beispielhaft geschieht das Scheitern hier, leider. Wovon reden wir, wenn wir von Demokratie sprechen? Worum geht es uns eigentlich? Ich merke an mir selbst, wie ich innerlich dicht mache, wie phrasenhaft und hilflos mir vieles vorkommt. Ergebnislos wird der Impulsworkshop über unbewusste Denkmuster abgebrochen. Danach sitze ich auf dem Podium, soll zur Praxis der Literaturvermittlung in Thüringen sprechen. Es ist gut, eine Sprecherposition zu haben, überhaupt, dass so eine Tagung an diesem Ort, hundert Meter vom Wahlkampfbüro des Thüringer AfD-Vorsitzenden stattfindet, so die Gelegenheit gibt, etwas zu zeichnen. Doch was? Und wie? Rational sprechen? Probleme benennen, damit Vorurteile bestätigen? Ein positives Bild malen, damit verharmlosen? Die Kraft der Literatur beschwören? Ihre Grenzen aufzeigen? Alles zugleich? Mein Gefühl ist, dass die grundsätzliche Erwartung Optimismus ist, die Haltung zu vertreten: Das wird schon wieder. Letztlich spreche ich von Gefühlen aus dem vergangenen Jahr, zähle konkrete Aktionen auf, stelle Fragen, vor allem mir.

Jemand sagt an diesem Tag, seine große Sorge sei es, dass die Linken wie die RAF früher jetzt »Höcke von der Bühne blasen« könnten. Jemand gibt zu bedenken, dass auch in Autokratien gute Bücher erschienen seien. Jemand sagt, dass sie sich nicht mehr traue, sich frei zu äußern. Jemand sagt, dass man den Aktivismus nicht verbrennen solle und diesen lieber aufsparen solle für den Moment, wenn es richtig ernst wird. Das Gefühl bleibt, dass wir an diesem Tag unterschiedliche Sprachen sprechen und wir deshalb nicht in der Lage sind, die Situation gemeinschaftlich als zu benennen, was sie ist. Ich nehme es mir vor, sage es aber nicht auf dem Podium: Dass es längst ernst ist.

21. September | spiritual warfare

Eigentlich über die Heiligsprechung die Beerdigungszeremonie für Charlie Kirk schreiben, diese weltweit gesehene Machtdemonstration der Verbindung zwischen Evangelikalen und MAGA. Charlie Kirk, der vor zwei Wochen in Deutschland weitestgehend unbekannt war, jetzt mit Livetickern in großen deutschen Medienhäusern, die als Breaking News vermelden, wenn Dudelsackspieler Amazing Grace spielen. Livekommentatoren wie bei einem Fußballspiel oder der Beerdigung der Queen.
»are you ready to put on the full armour of god«
»we will prevail over the forces of wickedness. They cannot conceive of the army they have arisen«
»It is better to die a young man in this world than to sell your souls for an easy life with no purpose«
Märtyrer, Feindbilder, Kriegserklärungen, Kirk in einer Reihe mit Jesus, wenig Trauer, vor allem Geschäftliches, Stephen Miller bellt etc.

Beschreibe dann lieber, wie ich heute am Bahnhof einer kleinen Thüringer Stadt stand und zwei in schwarz gekleidete Jugendliche – einer im Thor-Steinar-Pulli – konspirativ und hastig vom Bahnsteig eilen. Auf dem Stromkasten dann ein Aufkleber: die Farben der Reichsflagge, darüber die Schwarze Sonne. Der Aufkleber ist noch warm, lässt sich leicht abziehen.

22. September | Abo kündigen

Momentan stark der Blick in die USA (und weniger z.B. auf die Niederlande, wo »die Antifa« die Tage verboten wurde). Aber bei MAGA lässt sich gerade im Zeitraffer beispielhaft erkennen, wie konkret und mit welchen institutionellen Mitteln ein Übergang geschieht, mit welchen Worten das vorbereitet und begleitet, wie das von wem bewertet wird, welche Reaktionen erfolgen und ausbleiben.

Einige Nachträge zu Ankündigungen, Absichten, Umsetzungen aus den vergangenen Tagen: Trans-Menschen zu Terroristen erklärt. Der Präsident: »We’ll continue to talk to the Democrats, but I think you could very well end up with a closed country for a period of time.« TikTok in den Händen von MAGA. Staatsanwalt tritt auf Druck von Trump zurück. Keine Informationen dürfen veröffentlicht werden, die nicht zuvor offiziell vom Pentagon freigegeben wurden. Der Präsident: »I’m a very strong person for free speech. At the same time…The newscasts are against me. The stories are — they said 97% bad…They’ll take a great story, and they’ll make it bad. See, I think that’s really illegal personally.« etc. Diese unvollständige Aufzählung als Erinnerung für später.

Immerhin: Disney nimmt die Absetzung von Jimmy Kimmel erst einmal zurück. Wenn es doch so einfach wäre: Disney+ Abo kündigen, Börsenkurs fällt, Firma entscheidet im Sinne der Shareholder und beugt sich deshalb nicht ganz so tief.

23. September | bisher

Die bisherigen Einträge dieses Septembers gelesen. Ist mehrheitlich technisch, kompliziert, auch unverständlich, Referenzen verweisen auf anderes, aber sagen für sich nichts. Das Ferne bleibt fern, das Aufgezählte nur aufgezählt, das Zusammenhängende unzusammenhängend. So verharrt das Wesentliche dieser vergangenen Wochen unsichtbar zwischen den Zitaten und Worten, dem Bemühen, etwas zu erklären, wobei ich doch eigentlich nur schreiben müsste, wie viel Angst mir das doch einjagt und wie schwer es ist, das wiederzugeben, das zu erzählen, was geschieht, weil es technisch ist, weil vieles davon weit weg ist, weil vieles noch ein Möglichkeitsraum ist, selbst die bizarre Rede Trumps vor der UN. Der Schwarze-Sonne-Aufkleber auf dem Stromkasten ist wirklich.

24. September | Raptur or not

U.a. für gestern hatten evangelikale Christen auf TikTok die Rapture angekündigt. Das klingt erst einmal seltsam, aber passt gut in eine Zeit, in der man feststellen muss, dass dieser Glaube ans Auserwähltsein und einem Endkampf Gut gegen Böse wieder gut Meter macht.

Gestern habe ich das Wort »Angst« benutzt, um die letzten Wochen zu beschreiben. Ich habe gezögert bei diesem Wort, hatte Zweifel, ob das Gefühl zutreffend sein sollte. Weil das, was geschieht, ist weit weg und betrifft mich nicht unmittelbar. Jimmy Kimmel abgesetzt, eine Late-Night-Show, eine von vielen. Ja, ich sehe Berichte über Russland im Jahr 2001 und wie Putin dort Comedyshows zensieren ließ und wie Leute damals sagten, das sei nicht schön, aber nicht entscheidend, es gebe noch andere Shows und Sender und Stimmen und Oppositionen. Ja, ich verstehe. Den Anfängen wehren. Aber ist das schon direkte Angst? Unmittelbare Angst empfinde ich, wenn ich auf dem Thüringer Bahnsteig den Aufkleber abziehe und sehe, wie die Thor Steinars zurückkommen.

Angst? Weil: Es ist ja auch vieles anders. Wenn Trump vor der UN spricht, ist das hochgradig peinlich. Aber auch gefährlich mit den Lügen, gleich, wie offensichtlich diese sind. Zuerst aber peinlich. Und wenn dann die Rolltreppe den Dienst verweigert, sobald Trump darauf tritt, ist das ein Moment, der entzaubert, der diese Peinlichkeit auf den Punkt bringt. Ein Moment der Entlastung.

Stephen Miller bellt zwar von einem Drachen, der jetzt geweckt wurde und das muss man zutiefst ernstnehmen. Aber es ist auch wahnsinnig lächerlich, dieses Bellen, diese Stimmlage, dieses Gestus, dieses angestrengte Außersichsein. Die Katzengoldverkleidungen des Weißen Hauses und der steinerne Rose Garden sind ja auch geschmacklos. Diese Argumentationen zu Free Spee sind ja auch höchstgradig scheinheilig. Diese Überbietungsversuche, Charlie Kirk zu einem neuen Jesus zu erklären, sind ja albern. Und geschäftstüchtig und strategisch, ja. Aber albern, vor allem albern, wenn man sie im Wortlaut hört. Und lauter Niederlagen auch; Kimmel sendet wieder, dieser Windpark wird gegen den Willen der Regierung doch errichtet, dieses Gericht stoppt diese Ankündigung, in Deutschland die blaue Niederlagenserie bei den Kommunalwahlen in den vergangenen Wochen. Lauter Belege, wie wenig abgemacht das doch alles ist.

Ja, Hannah Arendt hat mit Banalität des Bösen etwas anderes gemeint und ich will weder die Begriffe banal und böse verwenden: Aber das, was geschieht, ist albern und peinlich und geschmacklos und scheinheilig, oftmals zur gleichen Zeit. Ich sollte die ganze Zeit lachen. Auslachen. Und zugleich lesen, dass Hunderte von denen, die ins sogenannte Alligator Alcatraz deportiert wurden, verschwunden sind. Väter und Söhne und Nachbarn, einfach in der Bürokratie nicht auffindbar. Ist das albern? Sind roten Mützen mit Krokodilen darauf deshalb nicht trotzdem albern und zugleich Zeichen für die Angst vor einem staatlich organisierten Verschwindenlassen?

25. September | Rolltreppe & Prompter

Komplett unwichtiger Eintrag, aber: »There are two things I got from the United Nations: a bad escalator and a bad teleprompter«, sagt Trump vor den Vereinten Nationen, nachdem sein Teleprompter ausgefallen ist und die Rolltreppe für ihn nicht fuhr. Stellt sich heraus: Der Stopp der Rolltreppe wurde von Trumps Kameramann verursacht und Trump hat seinen eigenen Teleprompter mitgebracht. Komplett unwichtig, aber: vielleicht auch ein Gleichnis, wenn man mal eins sucht.

26. September | 3.0°

Schon ein eigenes Genre in diesen Einträgen: Alle so und so viele Monate der Hinweis auf Erderwärmung 1.5° 2.0° 2,5°. Diesmal 3.0°, die für 2050 erwartet werden können, in fünfundzwanzig Jahre von heute an entfernt nah. Wie immer in diesen Einträgen schreibe ich dann, wie absurd es ist, nicht ständig darüber zu schreiben, sondern über all das andere. Und schreibe dann wieder über das andere. Weil, so die These, der Aufstieg des Anderen mit dem Anstieg auf 1.5° 2.0° 2,5° 3.0° in so enger Verbindung steht, dass das eine nicht ohne das andere zu denken zu überwinden zu lösen ist. Aber ja, man blendet aus setzt aus sitzt aus, 60000 Hitzetote im Sommer sind keine Zahl, die etwas freisetzt. Das macht diese Zeit auf einer weiteren Ebene zu verhängnisvoll: sie kostet Zeit, die es für die 3,0° bräuchte. Ein weiterer Text zu So sieht unsere Welt bei 3 Grad Erderwärmung aus, wie viele Buchstaben braucht das Alphabet, welches Bild noch zu zeichnen.

27. September | Drohnen

Seit mehreren Tagen Häufung von Drohnensichtungen in Nato-Staaten, Drohnen über dänischer Basis, meldet Drohnen-Vorfall, Drohnen-Sichtungen über Schleswig-Holstein, Luftsicherheitsgesetz ändern, Drohnen-Fangnetz, Drohnen-Abschuss erlauben, immer mehr Drohnen über Flughäfen, Kopenhagen, Oslo, Drohnenabwehrzentrum, Drohnen in Polen, Drohnen in Rumänien, nächster Vorfall in, vor der Südspitze von Langeland und Lolland liegt das russische Kriegsschiff Aleksandr Shabalin mit ausgeschaltetem Signal, Drohnenwall Drohnen Drohen Alltag

28. September | Stichwahl           

Stichwahlen in NRW und einigen ostdeutschen Kommunen. Die SPD verliert, wird geschrieben, ihre »Herzkammer«. In etlichen dieser Wahlen blaue Kandidaten. Keiner entscheidet die Wahl für sich, teilweise die Verluste drastisch. Deutschland geeint darin, dass solche Stichwahlen mittlerweile gesamtdeutsch standfinden.

29. September | Moldau

Auch das in diesem September, die erfreulichen Einträge. Trotz massiver Einflussnahmen durch Russland gewinnt PAS von Präsidentin Sandu die Wahl mit absoluter Mehrheit.

29. September | watching things on television are different from what’s happening

Am Samstag beorderte Trump die Armee nach Portland, »to protect War ravaged Portland, and any of our ICE Facilities under siege from attack by Antifa, and other domestic terrorists, I am also authorizing Full Force, if necessary.« Heute sagt er: »Am I watching things on television that are different from what’s happening?«

In den vergangenen Tagen wieder vermehrt Videos von Verhaftungen durch ICE: schwerbewaffnete Vermummte, die Mütter zu Boden werfen, Köpfe auf Asphalt, Tritte, Brüche, Schläge, Waffen gerichtet auf Passanten, Verschleppung von jenen, die das dokumentierten etc.

Auch ein Video, wie in Radkurier zufällig in eine Razzia gerät, ICE die dunkle Hautfarbe des Kuriers bemerkt und daraufhin mehrere Vermummte losstürmen, um den Kurier zu packen. Der Kurier schlägt Haken wie ein Hase, immer eine Armlänge vor ICE und entkommt schließlich knapp. Unter das Video ist Stummfilmmusik gelegt. Wieder das Nebeneinander: die lächerliche Inkompetenz – die gewalttätige Geheimpolizei.

30. September | Septembererschöpfung

Eine Raffung, um am Ende dieses auslaugenden Septembers Schritt zu halten mit:
Regierungsgespräche über das Streichen von Pflegestufe 1 und Übernahme der Zahnarztkosten durch die Krankenkasse.
Wieder Drohnen.
Fünfzig- bis hunderttausend auf der »All Eyes on Gaza«-Demonstration Berlin.
20-Punkte-Friedensplan für Gaza, die Welt feiert mehrheitlich den amerikanischen Präsidenten, Friedensnobelpreis?
Der amerikanische Kriegsminister versammelt all seine Generäle, um zu »unleash overwhelming and punishing violence on the enemy. We also don’t fight with stupid rules of engagement. We untie the hands of our warfighters to intimidate, demoralize, hunt, and kill the enemies of our country. No more politically correct and overbearing rules of engagement.«
Der potentielle Friedensnobelpreisträger spricht von: »…San Francisco, Chicago, New York, Los Angeles. They’re very unsafe places & we’re gonna straighten them out one by one. This is gonna be a major part for some people in this room. That’s a war too. It’s war from within. … We should use some of these dangerous cities as training grounds for our military.«

Krieg gegen innen.

Ja, jeder Tag im September schien doppelt so schnell wie der vorherige Tag zu verlaufen. Die Wochen laufen voll und jetzt stehe ich hier mit einer Handvoll Worten und kaum einer Erinnerung daran, wie es am 1.9. war.