>>> zu den Coronamonaten Februar – Juli 2020

19. September | im Vergleich zu März

was es im Vergleich zu März nicht mehr / kaum noch gibt:

den Einkaufswagenzuteiler im Supermarkt
Stehlen von Desinfektionsmitteln
Horten von Klopapier
Zoom-Lesungen
abgesperrte Spielplätze
Sitzverbote auf Parkbänken
Erstaunen über die Veränderung
die Verwendung des Begriffs »das neuartige Coronavirus«
Freunde, die Masken nähen
Zeitung, die sich ausschließlich mit Corona beschäftigen
Klatschen auf Balkon
die Hoffnung, dass man sich durch Corona auf das Wesentliche besinnt
Corona-Tagebücher

Ansonsten: Polen und Dänemark melden so viele Neuinfektionen wie noch nie seit Beginn der Pandemie, in Deutschland steigt der Wert über 2300. Aufgrund von Sicherheitsbedenken und Reisebeschränkungen reduziert die OSZE die Zahl der Beobachter bei der Wahl in den USA um fast 90%. Etwa 50 Millionen Euro erhalten die Karnevalsvereine als Entschädigung für die Absage des Karnevals in NRW.

18. September | du/Sie – Die Adressierten

An wen sind diese Einträge adressiert? An Dich natürlich, an Sie, der die diese Worte jetzt gerade liest/lesen, die sich in genau diesem Moment fragt/fragen: Bin ich damit gemeint? Und wenn ich bestätige – ja, Du/Sie bist/sind es – dann wirst/werden Du/Sie sagen: Ich bin unsichtbar. Beim Lesen bin ich verschwunden aus der Welt, da gibt es nur mich und diesen Text.

Genauso geht es mir: Wenn ich schreibe, gibt es nur mich und diesen Text. Trotzdem bindet der Text Dich/Sie aneinander, über Raum und Zeit hinweg. Es ist jetzt gerade der 18. September 0:22 Uhr und wenn Du/Sie das liest/lesen, ist es … . Aber die Worte bleiben die gleichen, sind sie einmal geschrieben.

Wenn ich den Text für niemanden außer für mich schreiben wollte, würde ich den Text nicht online stellen. So geht der Text raus und steht zur Verfügung. Ich denke beim Schreiben nicht ans Gehörtwerden. Nur nach dem Schreiben denke ich daran.

Beim Sprechen ist das anders. Ich sehe, wen ich spreche. Es verändert das Reden über Corona. Mal ist Corona Small-Talk. Ich treffe einen Fremden oder Bekannten, wir sprechen über das Wetter, wir sprechen über Infektionszahlen, neue Cluster, irgendeine der vielen Begebenheiten, die nichts Drastisches beinhalten, etwas, das die Brücke zum nächsten Teil der Kommunikation schlägt oder schon die eigentliche Kommunikation ist: das gegenseitige Vergewissern, dass man miteinander reden kann und sich deshalb friedlich gegenübersteht.

Über Corona zu sprechen kann ehrliches Interesse sein: wenn die Gegenüber etwas zu berichten weiß, das von der Norm abweicht, eine mir nicht bekannte Information, ein persönliches Erlebnis, das Kennen von jemanden, der die Krankheit hatte, etwas, das mir neu ist und über das ich mehr erfahren möchte.

Corona dient auch dazu, mein eigenes Weltbild im Gegenüber bestätigt zu finden. Ich erwähne Fakten und Meinungen, um zu testen, ob meine Gesprächspartnerin diese teilt. Teilen erleichtert die Kommunikation. Ich muss dann nicht überzeugen, ich muss nicht kämpfen, ich bin Teil von mindestens zweien. Ich bin nicht allein. Also muss ich recht haben. Ich bestätige mich selbst im Anderen.

Merke ich, dass ich nicht bestätigt werde, ändert sich das Gespräch über Corona. Ich taste ab, in welchem Bereich des Spektrums der Coronawut sich mein Gegenüber befindet. Danach richtet sich die Intensität der folgenden Rede. Wird sie zu einer sachlichen Diskussion führen, bei der ich zu neuen Erkenntnissen gelange, vielleicht sogar eigene Positionen hinterfragen muss? Oder schalte ich sofort auf Angriff, muss ich mich augenblicklich verteidigen?

Oft steht dann nicht nur Rede gegen Rede, sondern wächst in mir auch das Bedürfnis, mein Gegenüber zu überzeugen und zu bekehren. Ich bin dann auf einer Mission. Die Diskussion soll einen Zweck erfüllen und weil ich – es kann gar nicht anders sein für mich – auf der richtigen Seite stehe, muss der Gegenüber auch auf diese Seite gezogen werden, ansonsten würde das Gespräch seinen Zweck verfehlt.

Beim Schreiben ist das anders. Ich sehe niemanden in die Augen. Es gibt keinen Widerspruch. Die Worte fließen in nur eine Richtung. Das zwangsläufige Schweigen nehme ich als Bestätigung, anders könnte ich nicht schreiben. Zu wissen, dass jeder Satz eine langwierige Diskussion nach sich ziehen könnte, würde es mir unmöglich machen, mehr als einen Satz pro Tag schreiben.

Nur hin und wieder gibt es in privaten Gesprächen einen Verweis auf die Einträge, nicht inhaltlich, aber die Bestätigung, dass gelesen wird. Es ist, was ich will: Die Adressatin meiner Worte ist die schweigende und damit vermeintlich zustimmende Leserin. Ich muss sie beim Schreiben nicht vor Augen haben, weil ich ihr nie in die Augen sehen werde.

Und doch gibt es Passagen, die an einen Adressaten gerichtet sind. Es sind die Passagen über die Coronawut. Sie dienen dazu, mich abzugrenzen, meine Position und meine Haltung sollen sie verdeutlichen, sie sollen es denen, die von »Maulkorb« oder »Diktatur« sprechen, unmöglich machen, mir auf die Schultern zu klopfen für mein Schreiben.

Diese Passagen sind eine Spiegelfechterei. Sie vereinfachen den Adressaten. Dabei sind sie an Personen gerichtet, die in Wirklichkeit viel komplexer sind, als ich sie mir beim aufgebrachten Schreiben ausmale. Bei allem Bemühen um Differenzierung schere ich sie über den Kamm. Das ist wichtig für dieses Schreiben, es kanalisiert mein Aufgebrachtsein, lenkt den allgemeinen Zorn auf eine Gruppe, die sich alle Mühe gegeben hat, Adressat dieses Zorns zu sein. Die Passagen sind eine Katharsis. Sie leiten die ständig einschlagenden Blitze ab. Ohne dieses Ausformulieren, den Versuch, das Auskotzen meiner Irritation in sachliche Absätze zu fassen, wäre es mir nicht möglich, anders über Corona zu schreiben. Das Schreiben über mein Unverständnis leert den Kopf und schafft Platz für weitere Aspekte der Pandemie.

Die Adressierten sind von Bedeutung. Gäbe es Dich/Sie nicht, gäbe es diese Einträge nicht.

Ansonsten: Ab Montag sind in Bremen Reichsflaggen verboten. Am ersten Oktoberfestsamstag gilt auf der Theresienwiese ein Alkoholverbot. Jemand bietet Christian Drostens »Ich habe Besseres zu tun« auf T-Shirts an.

17. September | Bequeme Zahlen (II) + (III)

Dieser Eintrag war für heute geplant:

(Bequeme Zahlen II) Letztens öfter Texte gelesen bzw. auf Texte verwiesen wurden, welche die Todeszahlen der vergangenen Jahre gegeneinander aufrechnen. Und am Ende recht stolz zu dem Ergebnis kamen, dass die Todeszahlen von 2020 nach dem Anstieg im März/April deutlich sanken und teilweise niedriger waren als in den Jahren zuvor. Dass also »das „Katastrophenjahr“ 2020 wohl als das Jahr mit den wenigsten Todesfällen in dieser Dekade in die Geschichte eingehen« werde, wie ein Text schreibt.

Ich erwähne das, weil diese Beweisführung zur Ungefährlichkeit des Virus hartnäckig oben schwimmt. Gerade bei den Texten, die sich sehr ausführlich damit beschäftigen und die korrekten Zahlen aufwendig aufschlüsseln, erstaunt mich, dass sie am Ende den einen, so entscheidenden Gedankengang nicht vollziehen: Die Zahlen vom Mai und Juni MÜSSEN unter den Zahlen von März/April liegen, weil dann die Maßnahmen wirkten. Wie sollen auch die Todeszahlen steigen, wenn weltweit so einschränkende Maßnahmen beschlossen wurden?

Ich verstehe nicht, wie kluge und akribische Menschen diesen Zusammenhang nicht einmal in Betracht ziehen. Wie sie auf Zahlen verweisen und die Situation, in der diese entstanden, außer acht lassen. Ich bin erstaunt, nein, ich verstehe, und unterstelle deshalb eine Absicht im Auslassen. Und bemerke an mir, wie mich jede dieser Argumentationen unnötig aufstachelt und hochpeitscht. Dabei wäre es viel einfacher zu sagen: Solche Gedankengänge sind dann eben für die mit den bequemen Zahlen bestimmt.

(Bequeme Zahlen III)

Kurz nachdem ich das geschrieben habe, lese ich einen Text über die »Superspreaderin von Garmisch«. Am Montag setzte ich folgenden Satz ins Ansonsten: »Weil eine Amerikanerin trotz Symptomen mehrere Clubs von Garmisch-Partenkirchen besuchte und dabei dreißig Personen mit dem Virus infizierte, ermittelt nun die Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Körperverletzung gegen sie.«

Der aktuelle Artikel klärt auf, dass wenig davon stimmt. Die Frau arbeitete in einem Hotel, zog also nicht durch »mehrere Clubs«, es gab auch keine dreißig Infektionen durch sie, sondern drei, dazu ist unklar, ob der Arzt ihr die Auflage zur Quarantäne überhaupt erteilt hatte. Kurz gesagt: Mein Satz ist eine Unwahrheit, eine letztlich ehrenrührige Unterstellung.

Im Gegensatz zu Bequeme Zahlen II folgte mein Ansonsten mit der angeblichen Superspreaderin keiner Agenda. Ich schrieb ihn auf als ein Beispiel dafür, was an diesem Tag geschah, die Schlüsselworte waren wohl »durch Clubs gezogen« und »fahrlässige Körperverletzung«. Die Begebenheit erschien mir recht extrem, ein Sinnbild für Unverantwortlichkeit und deren Folgen. Die Informationen dazu entnahm ich einem Artikel. Ich prüfte die Informationen nur dahingehend, dass ich sicherstellte, dass es mehrere Artikel zu diesem Thema mit gleichem Inhalt gab. Viele schrieben darüber, also musste es stimmen.

Praktischerweise konnte ich nicht prüfen, ob das so stimmte. Um sicherzugehen, hätte ich mehrere Tage bis zu einer möglichen Korrektur abwarten müssen. Nach mehreren Tagen hätte diese Begebenheit nicht mehr zum aktuellen Tag gehört. Die Begebenheit wäre unter dem Stapel der ständig neuen Corona-Begebenheiten verloren gegangen.

Warum ich das so ausführlich aufschreibe? Weil ich damit sagen will, dass ich mich auf Texte aus Quellen, denen ich grundsätzlich wenig Argwohn entgegenbringe, verlasse. Auch verlassen muss. Dieses Verlassen führt dazu – nicht als Regel, nicht einmal oft – dass ich später das Gegenteil der einstigen Informationen schreiben muss, um näher an der Wahrheit zu sein.

Das geschrieben zu haben, frage ich mich, ob es einen Unterschied zwischen Bequeme Zahlen II und Bequeme Zahlen III gibt. Kann ich einerseits den Vorwurf erheben, dass manche Zahlen und Fakten mutwillig falsch darstellen? Kann ich das und kann selbst Informationen in meine Texte aufnehmen, ohne diese wasserfest abzusichern?

Wo liegt der Unterschied zwischen II und III? Dass ich nach Möglichkeit die eigenen Fehler benenne? Dass ich Fehlinformationen nicht aus Vorsatz teile, sondern aus Nachlässigkeit? Genügt das schon zur Rechtfertigung? Und müsste ich nicht, um ganz sicherzugehen, auf alle Informationen verzichten und komplett auf die eigene Wahrnehmung zurückfallen? Weil diese ist, was sie ist, nämlich unzureichend und fehlerhaft und damit unangreifbar für Vorwürfe jeglicher Art? Dürfte ich erst Kritik üben, wenn ich über jede Kritik erhaben wäre?

Ansonsten: Die WHO spricht von einem »alarmierender« Anstieg der Infektionen in Europa. Auf der Theresienwiese in München, wo am Samstag das Oktoberfest hätte eröffnet werden sollen, stehen nun Corona-Testzelte. Zum Start der Fußballbundesliga dürfen zwanzig Prozent der Stadionkapazitäten genutzt werden. Auf Instagram vermeldet die Digitalstaatsministerin Dorothee Bär, dass sie sich nach einer Warnung durch die Coronaapp in Quarantäne begeben habe. Auf Instagram vermeldet Anna Netrebko, dass sie mit Covid19 und einer daraus resultierenden Lungenentzündung im Krankenhaus liegt.

16. September | gestern revidieren

Ich nehme mir meinen gestrigen Eintrag nicht ab. Ich will kein neues Wissen, ich will auch keine neuen Theorien kennenlernen, nicht verstehen, was das mit Clustern meint, keine Texte will ich lesen und mir einen Standpunkt dazu bilden müssen.

Das ich es weiterhin tue, geschieht nur aus Pflichtbewusstsein, vielleicht diesen Einträgen gegenüber. Wenn ich hier nicht schreiben würde, hätte ich vermutlich längst aufgegeben, aufgegeben, einigermaßen auf dem Laufenden zu bleiben. Vielleicht lese ich auch nur weiter, um mich abzuheben von den Coronawütenden, damit ich ihnen irgendetwas entgegnen kann, Argumente habe gegen ihr bequemes Denken, um vor mir selbst im Reinen zu sein, um sagen zu können: Ich mache es mir nicht leicht.

Aber im Prinzip will ich das alles nicht. Im Prinzip will ich, dass die Coronamonate vorbei sind, selbst wenn ich weiß, dass dieser Wunsch absehbar und offensichtlich nicht erfüllbar ist. Ich will einfach das nächste halbe Jahr die Maske aufsetzen, mehrheitlich Abstand halten und hoffen, damit durchzukommen. Ich will mich nicht mehr informieren, keine Komplexität, alles einfach. Wenn ich schreiben würde, würde ich jeden Tag das Gleiche schreiben, nur mit anderen Worten mich wiederholen, ohne dem einmal Gedachten etwas hinzuzufügen. Ich würde den aktuellen Wissenstands einfrieren wollen und davon bis zum Ende zehren. Damit würde ich gern durchkommen. Und dann beginnt der Herbst 2021.

Ansonsten: Das Robert Koch-Institut erklärt Wien zum Risikogebiet. Indien, das mit 5 Millionen weltweit die zweitmeisten Infizierten hat, will ab Ende 2020 hundert Millionen Dosen des russischen Impfstoffes Sputnik V einsetzen. Wegen der hohen Zahl von Neuinfektionen bleibt die Große Synagoge in Jerusalem zum ersten Mal in ihrer Geschichte zu Rosch Haschana geschlossen. Wegen schlechter Arbeitsbedingungen und Überlastung streiken die Angestellten in zwanzig französischen Corona-Testkliniken. Nachdem der Test eines Ministers negativ ausgefallen ist, muss die irische Regierung doch nicht in Quarantäne gehen. In einer Bürgersprechstunde sagt der amerikanische Präsident, dass aufgrund der »Herdenmentalität« Covid19 auch ohne Impfung verschwinden werde.

15. September | Cluster ausheben

Noch immer bin ich dabei zu verstehen, was geschehen ist, was sich geändert hat, was anders gesehen werden muss in diesem Herbst und Winter im Vergleich zur ersten Phase der Pandemie. Was ich begreifen muss, um zu bestehen, ist mir noch unklar. Ich lese mehrere Texte, die Ähnliches fragen und sagen.

Im Grunde genommen geht es darum, einen Unterschied zu machen zwischen Infektion und Erkrankung. Es geht um die aktuell steigenden Infektionszahlen ohne gleichzeitige Zunahme von Intensivbehandlungen und Todesfällen und was dies für eventuell neue Maßnahmen bedeutet. Es geht darum, dass im Vergleich zum Frühjahr viel mehr Wissen über das Virus und dessen Verbreitung existiert und die Frage, welche anderen Wege dieses Wissen erfordert. Es geht darum, schwere Maßnahmen nach aller Möglichkeit zu vermeiden, weil die gesellschaftlichen Auswirkungen dieser Maßnahmen mittlerweile bekannt sind.

Es sind Erfahrungswerte, die auf eine (leicht) veränderte Situation angewendet können und irgendwie ist es beruhigend, dass es keinen Stillstand gibt, sondern weiterhin ein Hand-in-Hand zwischen Veränderung und dem Bestreben, dieses Verändern gestalten zu können.

Ich lese einen Text von Christian Drosten. Er schreibt von einer Isolierung vom Clustermitgliedern, vom Führen eines Kontakttagebuchs, von Abklingzeit anstatt Quarantäne. Er schreibt: » Die gezielte Eindämmung von Clustern ist anscheinend wichtiger als das Auffinden von Einzelfällen«, schreibt von einer » Testung auf Infektiosität statt auf Infektion«, schreibt »dass eine vollkommene Unterbrechung der Einzelübertragungen unmöglich« sei und deshalb ein Restrisiko bleibe.

Beim Lesen denke ich, dass die Vorschläge und Gedankengänge differenziert, durchdacht und abwägend sind. Manche der wichtigen Passagen muss ich mehrmals lesen, um sie zu verstehen. Ich denke, dass es immer schwer ist, Komplexität und Vielschichtigkeit zu vermitteln, dass das Komplexe und Ausgewogene immer dem Schrillen und Einfachen unterlegen sein wird, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung und dem, was sie bestimmt, der Kommunikation.

Wie lässt sich das Clustervorhaben vermitteln? Wie führt man die neue Begrifflichkeit einer »Abklingzeit« ein? Wie bringt man 83 Millionen Menschen dazu, ein Kontakttagebuch zu führen? Ich, der ein Coronatagebuch schreibt, ziehe nicht ernsthaft in Erwägung, von nun an jeden Tag alle Kontakte in ein Dokument zu notieren, auch, wenn mir diese Forderung beim Lesen des Textes nachvollziehbar erscheint.

Jedenfalls sind da neue Fragen und ist neues Wissen, wieder ein Anfang, ein erster Stein, über den sich ein nächster schichten wird und irgendwann wird da ein Haus stehen, unter dessen Dach ich schlüpfen kann, Schutz finde angesichts all des Unwissens, das mich trägt, solange, bis dieses Haus zu eng wird für die Welt und ihre sich ständig ändernde Wirklichkeit.

Ansonsten: An der Wirksamkeit des Coronaimpfstoffes »Sputnik V« wird Kritik geübt, von Manipulationen durch Photoshop in den Datenreihen ist die Rede. Die gesamte irische Regierung geht in Quarantäne. Noel Gallagher erklärt zum Thema Maskentragen: »I don’t give a fuck, I choose not to wear one. The whole fucking thing is bollocks.«

14. September | Abstandmessen

Heute eine Lesung. Die Zahl der Gäste ist aus Platzgründen begrenzt, wer kommen will, muss sich voranmelden. Nur die Hälfte der Teilnahmewünsche kann erfüllt werden, der Bedarf an Veranstaltungen sei nach der Coronapause groß.

Im Eingangsbereich des Stadthauses weisen zahlreiche Schilder auf das angemessene Hygiene-Verhalten hin, einige in Rot. Vor dem Bühnenbereich baut der Veranstalter die Stühle auf. Er sagt, dass Familien und Paare gerade besonders willkommen seien, weil sie beieinandersitzen können, ohne Sicherheitsabstand. Für alle anderen misst er penibel mit dem Zollstock den vorgeschriebenen Abstand von 1.50 Meter zwischen den Stühlen aus. Er reiht die Stühle ein, schiebt sie auseinander, bringt Sitzgelegenheiten in jeder möglichen Ecke unter, auch an Stellen, von der aus gerade noch so die Leinwand erkennbar ist, dabei stets mit Meterstab im Anschlag, korrigiert gegebenenfalls, rückt dann weiter weg. Währenddessen sagt er: »Ein Wahnsinn. Was für Lebenszeit dafür drauf geht.«

Ansonsten: Weil eine Amerikanerin trotz Symptomen mehrere Clubs von Garmisch-Partenkirchen besuchte und dabei dreißig Personen mit dem Virus infizierte, ermittelt nun die Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Körperverletzung gegen sie. In New York wird die Thanksgiving-Parade in diesem Jahr online stattfinden. Nach über sechs Monaten öffnen in Italien wieder die Schulen. Mit über 300.000 Neuinfektionen an einem Tag meldet die WHO den höchsten Stand seit Beginn der Pandemie.

13. September | möglicherweise nur raunen

Abendnotiz: Im ersten Nacharbeiten der bedingten Coronapause der letzten Tage diesmal das Gefühl, etwas verpasst zu haben, den Anfang von etwas Nächsten, das Eintreten des Erwarteten, zugleich eine Verschiebung der Blicke, bei aller Gewöhnung ein allmähliches Hinübergleiten in einen weiteren Zustand bei gleichzeitiger Verfestigung des bisher Geschehenen, das keine Umkehr mehr möglich macht, die Vermutung, dass das bisher Angewendete und Daraufsehen sich so nicht mehr eins zu eins wird fortsetzen lassen. Und das nicht allein auf die Pandemie beschränkt. Diese Worte wie ein Raunen, weil an diesem 13. September etwas geschrieben werden muss, vielleicht ist ja alles ganz anders oder wird es werden.

Ansonsten: Israel verhängt den zweiten Lockdown. Elfie Donnelly, die Erfinderin von Karla Kolumna, wehrt sich gegen deren Vereinnahmung durch die Coronawütende. Nachdem in Irland die Pubs fast zweihundert Tage geschlossen sind, werden diese Ende September wieder öffnen dürfen. Nachdem der Ehrenpatriarch der Orthodoxen Kirche der Ukraine das Coronavirus als Gottes Strafe für die gleichgeschlechtliche Ehe bezeichnet hat, erkrankt er kurz darauf daran.

9. September | fast umarmt

Auch wenn es Einträge in den letzten Tagen gab, fällt es schwer, die Gedanken hin zur Pandemie zu lenken, zumindest so, dass Worte dafür übrigbleiben. Es ist ein Zusammenklauben von etwas, das irgendwie zusammenhängt mit dem Virus. Zu Texten möchte ich verlinken – diesen zum Beispiel –, weiterhin über das Politische in der Pandemiezeit schreiben, über Diskussionsformen, diese vergleichen mit den Diskussionen der letzten fünf Jahre, über die USA schreiben, wo der Impfstoff gerade als ein Grundpfeiler der Wiederwahl Trumps aufgebaut wird, weiterhin über die Querdenker und wie der Buchstabe Q zu einem der bestimmenden Zeichen dieses Jahres wird.

Aber es erscheint mir redundant; immer zu dicht dran am bereits Durchdachten, ein Wiederkäuen gemachter Wahrnehmungen; stets trägt jemand die Maske schief und irgendwo steht ein irres Schild und auf das Leid springen die Rezeptoren nicht mehr an und eine neue Erkenntnis wird gewonnen und eine liebgewonnene Gewissheit verworfen. Was vielleicht bemerkenswert wäre, dass jetzt gezielter zurückgeschaut wird auf den Anfang der Pandemie, diesen geschlossenen März, dass ein halbes Jahr genügend Abstand lässt, um die Gegenwart von der Vergangenheit zu trennen. Dazu gäbe es einiges zu sagen, aber nicht mehr heute.

Eigentlich sollte ich das ein gutes Zeichen deuten; die Pandemie bestimmt nicht meine Tage. Der Kopf ist gefüllt mit vielem anderen. Es geht in einem Maße weiter, das die Pandemie hineindrückt in die Zwischenräume des Alltags, so, wie fast alles einmal dort hineingezwängt wird, damit dieser Alltag irgendwie funktionieren kann. Und ja, die Aufgabe dieses Schreibens ist, sich davon nicht beirren lassen, sich dem Zwängen zu widersetzen, es zumindest zu dokumentieren, ohne den Anspruch zu haben, damit Außergewöhnliches zu erzählen. Doch wie oft kann ich schreiben, dass jemand mich fast umarmt hätte?

Die nächsten Tage wird es keine Einträge geben, ab der kommenden Woche werden die Monate wieder im September sein.

8. September | Lenox Hill

Ich schaue Lenox Hill. Es ist eine dokumentarische Serie über ein Krankenhaus in New York. In recht drastischen Bildern werden acht Folgen lang die Angestellten –Neurochirurgen, Notfallschwestern, Geburtshelferinnen – begleitet, die Kamera ist bei Operationen dabei, sie schaut in Köpfe hinein, es ist wörtlich gemeint.

Folge Neun ist kürzer, gerade eine halbe Stunde dauert sie. Der Einstieg ist schnell, von einem Virus aus Wuhan ist die Rede und dann ist schon Mitte März in New York. Diesmal spart die Kamera die drastischen Bilder aus, zeigt kaum Patienten, keine Operationen, keine Intensivstationen. Sie zeigt die Ärzte und Schwestern, beim Absprechen, beim Organisieren, vor allem beim allmählichen, nein, eigentlich sehr raschem Begreifen dessen, was geschieht.

Und wie die Ärzte und Schwestern verstehen, wird auch mir, dem Zuschauer, der während der Pandemie eine Dokumentation über die Pandemie schaut, vor Augen geführt, weshalb das Virus so geschah, wie es weiterhin geschieht. Das Virus überträgt sich, während es noch nicht erkannt ist. Es ist nicht klar, für wen es gefährlich ist. Es ist unklar, wie das Virus im Körper zerstört. Erst nach und nach beginnen die Ärzte zu verstehen. Die unberechenbare Infektiosität macht ein umständliches Sicherheitsprotokoll notwendig, ein ständiges Säubern der Räume, ein hoher Aufwand. Dann die Masse der Infizierten, der Erkrankten, den Platz, den sie brauchen.

Diese schiere Masse, das sich nur langsam klärende Unwissen, die notwendigen Maßnahmen, um eine Infektion zu verhindern, die Belastung, die durch das Abstandhalten entsteht, für die Patienten, die Angehören, die Ärztinnen, die Pfleger: Es ist die Summe dieser Dinge, jedes für sich ein Problem, zusammen sind sie ein Sturm. An einer Stelle spricht jemand vor den nach zwei Monaten körperlich und psychisch maßlos erschöpften Schwestern, sagt, dass diese Zeit sie verändert habe, selbst, wenn sie es noch nicht wahrhaben wollten, von posttraumatischer Belastung ist die Rede.

Eine Szene zeigt, wie vor dem Krankenhaus ein großer Lastwagen vorgefahren wird, um die Rampe ein Zelt gebaut, durch das die Toten transportiert werden, ein Kühlwagen für die Toten, weil in den Leichenhallen kein Platz mehr ist.

Kurz wird eine Pressekonferenz mit Trump eingeblendet, eine schwangere Angestellte sagt, das sie ihren Mann und ihr Kind seit einem Monat nicht mehr gesehen hat, dass eine Freundin, die ebenfalls Krankenschwester ist, auf der Intensivstation liegt. Ein 45jähriger stirbt, ein älterer Mann übersteht Covid, matt liegt er im Bett, spricht mit seinen Töchtern über Facetime. Es sind kleine Momente, die eingeblendet werden, zu schnell, um eine Bindung herzustellen. Die dreißig Minuten kommen aus dem Nichts, sind sofort mittendrin, alle funktionieren irgendwie, es ist das Ganze, das wirkt, eine Faust, die umschließt.

Am Ende, nach einem Gedenkmarsch, auf dem die Angestellten die Namen der Gestorbenen sagen, geht ein anderer Marsch am Krankenhaus vorbei, die Teilnehmer rufen »I can’t breathe«. Eines der letzten Bilder zeigt die Ärzte und Schwestern, wie sie knien, dabei ein Schild halten: »You clap for us, we kneel for you«.

Ich merke, wie mich diese dreißig Minuten wütend werden lassen. Wütend auf die, die Covid19 in Abrede stellen, die in Berlin gelaufen sind und tanzten, die weiterhin von Grippe sprechen, die das Bhakdibuch wie ein Schild vor sich her tragen, weil sie die Wirklichkeit nicht an sich herankommen lassen wollen, die die Kühlwagen vor den Krankenhäusern verneinen, damit die Toten.

Zugleich wird mir bewusst, dass das, was ich sehe, obwohl es noch die Gegenwart ist, die Vergangenheit zeigt. Die Pandemie ist für immer in der Zeit. Das Jahr 2020 mit all seiner Belastung, seiner Angst und Ungewissheit wird auf immer diese Bilder sein. Der Einschnitt ist absolut, der Bruch unumkehrbar. Die Erkenntnis macht mich niedergeschlagen, diese festgezurrte Zeit mit dem Stillstand und der Überforderung. Ich frage mich: Ist es möglich, auf 2020 zurückzuschauen und zugleich anzunehmen, dass dieses entrückte Jahr noch weitere solche Bilder parat halten wird, auf die ich im nächsten März schauen werde, die für immer, in allen offiziellen Chroniken und meiner eigenen, stehen werden?

Ansonsten: Wegen Corona wird die Frankfurter Buchmesse ohne Aussteller stattfinden. In Schweden fällt die Quote der Positiv-Tests auf den niedrigsten Stand seit Ausbruch des Virus, was die Verantwortlichen als Beleg für den Erfolg des »schwedischen« Modells sehen. Aufgrund des politischen Drucks, vor der Wahl am 3. November einen Impfstoff zuzulassen, versprechen neun konkurrierende Pharmaunternehmen, bei der Entwicklung und Zulassung des Impfstoffs keine Kompromisse einzugehen. Eine Motorradrallye in den USA wird mit über 250.000 Corona-Fällen verbunden, was laut Berechnungen zu Kosten von zwölf Milliarden Dollar für die öffentliche Gesundheit führen soll. Über hundert Österreicher erhalten fälschlicherweise einen von Donald Trump unterzeichneten Scheck für Coronahilfe.

7. September | Corona hat alles verändert

Heute las ich als Teil der Jury Texte eines Schreibwettbewerbs für Kinder und Jugendliche. Das – schon im letzten Jahr so gewählte – Thema lautete Schulgeschichten. Der Wettbewerb startete im März, fast pünktlich zum Coronarunterfahren. Dennoch greifen nur wenige Texte der Kinder das Virus auf; die meisten erzählen von Freundschaft, Drachen, Mobbing, Videospielen.

Doch ein Text ist anders. Er heißt: Corona hat alles verändert. Das Kind beschreibt auf mehreren Seiten sein erstes Schulhalbjahr; Schulbücher, Fragebögen, Klassenfahrt, Tischtennis, Halbjahreszeugnis. Dann folgt: »Wir fühlten uns gerade pudelwohl« und das Kind schreibt »und schließlich trat der Virus auf einmal auch in Deutschland auf, und was sich vor ein paar Tagen mit China so weit weg anfühlte, war auf einmal da.«

Die Passage ist nicht lang, mich treffen die Worte. Das Kind schildert, was in seinem Umfeld geschehen ist. Es versucht das für alle Unerklärliche, letztlich Unbeschreibbare, für sich beschreiben. »Richtig übersichtlich war das nicht. Ich wurde mit der Zeit immer trauriger, weil ich meine Freunde nicht mehr sehen konnte, dabei hatten wir uns doch grad erst auf der Klassenfahrt richtig gut angefreundet.«

Im Grunde genommen brechen mir diese Worte das Herz. Sie sind nicht literarisch, unter anderem Umständen, als ausgedachte Schulgeschichte, als Fantasieerzählung über etwas, das mit Schule zusammenhängt (»Der Lehrstoff musste von zuhause aus gemacht werden. Wir bekamen E-Mails, es hab Schulclouds, Lernapps und noch vieles Andere.«) wäre die Erzählung unglaubwürdig, keine in sich schlüssige Geschichte, es gibt einen Anfang, aber der Verlauf bleibt unklar, es gibt keine Handlung, kein Ende, dafür ein Fühlen, ein Hoffen. Das Virus ist da, das sind die Worte dafür, sie sind die einzigen, die zählen.

Wenig später lese ich einen Kommentar von Heribert Prantl. Jemand, der in den letzten Monaten fast durchgehend »coronakritisch« postete, hat den Text geteilt, wahrscheinlich soll er so gemeint sein. Prantl schreibt von Corona als »Entheimatung«, als »Entfremdung von bisherigen Selbstverständlichkeiten und Gewohnheiten«, als »Vertreibung aus dem gewohnten Alltag«. Er schlägt den Bogen zu Pommern, zum gegenwärtigen Heimatbegriff, zitiert jemanden, der rät, »den eigenen Eifer im Zaum zu halten und die persönliche Risikoeinschätzung nicht zum allgemeinen Maßstab zu erklären.«

Am Ende kommt der Text bei den Kindern an, fragt »Was richtet Corona in der Kindheit der Kinder an und damit in ihrem späteren Leben? Was bedeutet die Distanz zu Menschen, Tieren und Dingen, die ihnen das Virus auferlegt, für ihre Beheimatung in der Welt?«

»Ich hätte nie gedacht das es mir mal so ergeht« endet der Wettbewerbstext des Kindes, einer von dreien aus achtzig, der sich mit Corona beschäftigt hat. Neben dem Ende eine Zeichnung: ein Bildschirm, in dem Tagesschau geschrieben ist, daneben mehrere Wörter. 4x Corona, 1x abgesagt, 1x Tote.

Ansonsten: Eine Studie ergibt, dass Hamster das Virus übertragen können. Nachdem der deutsche Bundespräsident eine Gedenkstunde für die Opfer des Virus vorgeschlagen hat, sieht die Deutsche Stiftung Patientenschutz noch nicht die Zeit für ein staatliches Gedenken an die Corona-Toten gekommen: »Schließlich ist Deutschland noch mitten in der Krise.« Die Auszahlung der ersten Rate des Corona-Kinderbonus beginnt heute. Die Infektionszahlen in Spanien steigen weiterhin stark an.

6. September | Splitter

(I) Nach dem Quiz am Tisch mit den Dorfbewohnerinnen. Eine sagt, dass es in diesem Jahr nur den gemeinsamen Wandertag geben werde. Der Rest falle aus. Das mache sich schon bemerkbar, sagt sie, jeder sei jetzt mehr für sich.

(II) Zwei Händler am Eingang des Töpfermarkts. Coronamärkte seien schon etwas Besonderes, im Grund fast besser als die üblichen Märkte: Weniger Besucher, die dafür aber gezielter kämen und bewusster kauften.

5. September | Der zweite Lockdown

… wird nicht kommen, wird mir versichert. In Interviews von hochrangigen Verantwortlichen, in Gesprächen mit Experten aus verschiedenen Genres, selbst in persönlichen Unterhaltungen vertritt kaum jemand die These, dass es im Herbst/Winter ein ähnliches Runterfahren wie im März/ April geben wird, keinen zweiten Lockdown. (ständiger Disclaimer beim Begriff Lockdown: In Deutschland gab es keinen Lockdown.)

Ich teile diese Erwartung. Sie stimmt mich froh. Fast fühlt es sich so an, als wäre die Pandemie schon geschafft. Den kleinen Rest – Maske anlegen, Abstand halten, Tenet im Videostream sehen – zu ertragen, ist zu schaffen, die Gewöhnung an die Pandemieumstände ist ohnehin längst verinnerlicht. Natürlich klammert dieser Gedanke die Möglichkeit aus, dass es nach diesem »kleinen Rest« zum Beispiel kaum noch Kinos gibt, die Tenet überhaupt spielen könnten, von sonstigen Veranstaltungshäusern und jede Menge privater wirtschaftlicher Dramen ganz zu schweigen.

Aber die Vorstellung, dass die wochen-monatelange Schließung der meisten Institutionen, möglicherweise sogar des wochenlangen Verbleibens in der Wohnung in große, unwahrscheinliche Ferne rückt, ist tatsächlich so etwas wie ein Trost in diesen ersten Septembertagen.

Ansonsten: In Kroatien und Italien wird gegen die Coronapolitik der Regierung demonstriert, in Italien wird sich dabei auf Berlin bezogen. Der deutsche Bundespräsident sagt in einem Interview: »Wir haben den Corona-Ausnahmezustand gemeistert, jetzt werden wir nicht an der Corona-Normalität scheitern.« Nach zwei Infektionen müssen 57 Schüler des Weimarer Schiller-Gymnasiums in Quarantäne gehen.

4. September | teneT kafka

Ich möchte ins Kino gehen. Nicht, weil Tenet die Rettung des Kinos ist, sondern weil ich es vermisse, für einen Film die Wohnung verlassen zu müssen, weil ich sie satt habe, die Algorithmen, die mir penetrant Blind Side anpreisen, nur, weil ich vor drei Jahren versehentlich auf Ziemlich beste Freunde klickte.

Ich sehe auf der Kinoseite nach. Lese den ausführlichen »Maßnahmenplan zu eurer und unserer Gesundheit«: Maske im Foyer, kontaktloses Bezahlen und Ticketkontrollieren, Gästeregistrierung, Wegleitesystem, Erhöhung der Reinigungsintervalle. Im Saal dann ist nur jeder dritte Platz mehr buchbar, um den Mindestabstand sicherzustellen. Doch muss dort keine Maske getragen werden.

Ich zögere. Ich denke an den letzten Drosten-Podcast, an das Bild davon, wie sich Aerosole verteilen. Zwei Stunden dreißig Minuten, mit Werbung fast vier Stunden in einem Raum ohne Maske. Selbst mit Maske wäre das ein Raum, in dem ich mich anstecke.

Ich versuche das Zögern zu hinterfragen. Lese im Maßnahmenplan: »Die Lüftungs- und Klimatisierungsanlagen sorgen dafür, dass das Foyer und alle Kinosäle stets frisch belüftet werden.« Ich suche die Zahl der aktuell Infizierten in Weimar. Sie liegt bei 5.

Ist es töricht, dennoch weiterhin zu zögern? Deshalb auf den Film zu verzichten, was in letzter Konsequenz bedeutet, ein Jahr lang nicht mehr ins Kino gehen zu können, einem der wichtigsten Orte der Welt? Ich weiß es nicht. Noch ist das Zögern stärker, noch zitiere ich Franz Kafka: »Nicht im Kino gewesen. Geweint.«

Ansonsten: Robert Pattinson, der neue Batman, wird bei den Dreharbeiten zu The Batman positiv getestet. Nach einer Ansteckung mit dem Coronavirus wird Silvio Berlusconi mit beidseitiger Lungenentzündung ins Krankenhaus eingeliefert. Frankreich meldet den höchsten Zuwachs an Infiziertenzahlen seit Pandemiebeginn. Weil einundzwanzig Münchnerinnen die häusliche Quarantäne nicht einhielten, werden diese zwangsweise in einem ehemaligen Hotel untergebracht und von der Polizei überwacht.

3. September | Der Ordner Virus

Wir sitzen in einem Büro. Uns gegenüber eine Person, die aus diesem Büro heraus leitet. Sie sagt, sie habe einen Ordner angelegt, auf den sie VIRUS geschrieben habe. Dort hinein kommen all die Informationsschreiben und Anweisungen, Verordnungen und Konzepte, Protokolle und Schaubilder, die seit März ihrer Institution übermittelt wurden. Manche der Papiere sind über zwanzig Seiten lang. Die Leiterin sagt, sie habe sich schon hin und wieder gewünscht, dass das Wesentliche kurz zusammengefasst worden wäre, dass es nicht immer zwanzig Seiten Information gebraucht hätte.

Auch diese Coronamonate sind ein solcher Ordner; alles, was mit dem Virus zu tun hat, tue ich hinein. Ausgepackt und gesichtet wird später einmal, gerade sammele ich und häufe an, zum Beispiel das folgende

Ansonsten: Nachdem eine Satireseite über den Verschwörungsmythiker Attila Hildmann schrieb, dass er angeblich von Angela Merkel bezahlt werde, um die Querdenker-Szene lächerlich zu machen, erhält dieser hunderte wütende und enttäuschte Telegramnachrichten von seinen Unterstützerinnen. Wegen steigender Coronafälle werden in der Türkei die Regeln für Hochzeiten verschärft; Gruppenfotos sind verboten, Erinnerungsfotos mit dem Hochzeitspaar dürfen nur mit Sicherheitsabstand geschossen werden.

In Indonesien müssen Maskenverweigerer wählen zwischen: gemeinnütziger Arbeit, Geldstrafe oder Probeliegen im Sarg. Weil der Düsseldorfer Karnevalsauftakt wegen Corona ohne Alkohol stattfinden soll, erklärt der Karnevalsverein Comitee, dass die Lage dadurch für alle Karnevalisten äußerst unbefriedigend sei. Die Vorsitzende der Behörde für öffentliche Gesundheit in Kanada empfiehlt das Tragen einer Maske auch bei sexuellen Aktivitäten: »Die sexuelle Aktivität mit dem niedrigsten Risiko ist jene, an der nur Sie allein beteiligt sind.«

2. September | Zweite Staffel

Ich höre den Podcast mit Christian Drosten. Es ist Podcast Nummer 54, die erste Folge nach mit ihm nach über zwei Monaten Pause. Die Journalistin Korinna Hennig fasst kurz die aktuelle Lage zusammen und begrüßt dann den Virologen. Er sagt: Hallo.

Im Juni gab es einen Zusammenschnitt aller Begrüßungen, die Christian Drosten zu Beginn eines jeden Podcasts ausspricht. Dieser kurze Moment des Hallos genügt schon und ich bin zurückversetzt in den März 2020; ein durstiges Hören nach Informationen, eine Form von Sicherheit, die das Einordnen dieser unerklärlichen Gegenwart durch einen Experten verspricht, auch ein Akzeptieren von Widersprüchen, die sich zwischen den einzelnen Folgen einstellen, das Benennen von Unwissen, aus dem allmählich ein Verstehen wird, eine Verfertigung des Wissens durch wöchentliches Sprechen, ein Experte, der ebenso wie ich auf der Suche ist und erklärt, warum er was wie finden will und es mir damit ermöglicht, mit ihm gemeinsam zu gehen, gemeinsam zu begreifen, was geschieht, nie zynisch, immer nur dann aufgebracht, wenn sich das System Wissenschaft am System Medien reibt, eine helfende Hand, gereicht in Form eines Podcasts.

Ein kurzes Hallo und ein wohliges Gefühl stellt sich ein, so, wie das Schauen der zweiten Staffel einer Serie, deren ersten Staffel man wie im Rausch geschaut hat. Beim Schauen der zweiten Staffel erwarte ich eine ähnliche Intensität, ich will das einmal als gut befundene Gefühl nachempfinden, will den Zustand von damals wiederholen und erwarte zugleich dezente Neuerungen; neue Figuren, neue Plots, neue Spannungsbögen, unerwartete Wendungen, in kleinen Dosen gereicht, die das grundsätzliche Wohlbefinden nie in Frage stellen, sondern es soweit variieren, dass das Gewohnte gleich bleibt und doch anders ist.

Diese Erwartung habe ich an den Podcast. Ich höre 45 Minuten von hundert Minuten, vergesse vieles gleich nach dem Hören, merke mir aber ein Bild, das die Pandemie erklärbarer macht. In der nächsten Folge wird mit Sandra Ciesek, der Leiterin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt, eine neue Figur auftreten. Der Sommer ist vorbei, Corona tritt ein in die zweite Staffel, einmal die Woche werde ich nun das Gefühl tanken, die Pandemie verstehen zu können.

Ansonsten: Die Leipziger Buchmesse 2021 wird wegen Corona auf Ende Mai verschoben. Laut Studien schützen Geschichtsschilder deutlich schlechter vor der Virenverbreitung als Stoffmasken. Nach mehreren hundert Strafanzeigen gegen die SPD-Vorsitzende Saskia Esken wegen der Verwendung des Begriffs »Covidioten« stellt die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen ein, weil diese Äußerung von der Meinungsfreiheit gedeckt sei. Einer Angestellten eines Senioren- und Pflegeheims wird gekündigt, nachdem diese sich geweigert hat, sich nach der Teilnahme an der Berliner Demonstration auf Covid19 testen zu lassen. Udo Lindenberg sagt in einem Interview: »Wir brauchen die kollektive Mega-Power, also: Maske auf und mit panischer Konsequenz da durch! Wenn die hirntoten Risikopiloten durch die Aerosole zischen, wird es ganz viele noch erwischen.«

1. September | Septemberwunsch

Es fällt schwer, momentan anders als politisch auf Corona zu blicken. Das ist etwas, was ich mir für September wünsche: über das neue/alte Hygienekonzept des Kindergartens zu schreiben, vom Abstandsverhalten auf den letzten Ausstellungseröffnungen zu erzählen, mal wieder eine Begebenheit aus dem Park wiederzugeben, ohne das Gefühl zu haben, vor lauter Reichkriegsflaggen und zustimmend nickenden Esoterikerinnen etwas Entscheidendes versäumen zu erwähnen.

Ansonsten: Der erste seit März gestartete große Kinofilm »Tenet« spielt am ersten Wochenende weltweit 53 Millionen Dollar ein und erfüllt damit die Erwartung, das Kino zu retten. In Berlin gilt auf Demonstrationen zukünftig eine Maskenpflicht. Forscherinnen aus Leipzig entwickeln einen Corona-Antikörpertest für zuhause. Unter dem Twitter-Account Herman Cains, der im Juli an Covid19 verstarb, twittert Team Cain, dass Covid19 ungefährlich sei. Thüringens Ministerpräsident will Karneval und Weihnachtsmärkte erlauben: »Ich kann mir Karneval vorstellen, und ich kann mir Weihnachtsmärkte vorstellen, weil ich mir das Leben vorstellen möchte.«

31. August | Bequeme Zahlen

Es ist anstrengend, auf dem Laufenden zu bleiben. Auf dem Laufenden zu bleiben bedeutet, sich ständig zu informieren, dazuzulernen, deshalb liebgewonnene Erklärungen permanent zu hinterfragen, neue Zahlen zu lesen, alte anders zu interpretieren und damit den bekannten Blick auf das Geschehene neu zu werfen, Fehlinformationen zu benennen und vergangene Überzeugungen, die ich mit ganzer Kraft vertreten habe, möglicherweise zu verwerfen.

Das erfordert viel Kraft, oft bin ich zu bequem dazu. Ich lese weniger als im März, überfliege, nehme mir lieber Erkenntnisse aus der Überschrift mit, als einen Text bis zum Ende zu lesen. Es braucht mehrere Texte, Videos, Argumentreihen, bis ich etwas widerrufe, bis ich mich löse von: Flatten the Curve. The Hammer and The Dance. Die Höhe der Infektionszahlen ist die einzige Zahl, auf die ich jeden Tag gebannt starren muss.

Ich könnte sagen: Ich bin Laie. Ich muss nichts verstehen. Aber in der Pandemie muss ich wie ein Experte auftreten. Ich muss vieles wissen, was mich unter anderen Umständen keinesfalls interessiert hätte. Auch wenn es mir schwerfällt, muss ich verstehen lernen. Für mich und wie ich mich in meinem Umfeld verhalte, so dass ich mich und andere so wenig wie möglich gefährde. Ich muss verstehen, um nachvollziehen zu können, warum sich was gerade ändert. Das Verstehen hilft zu akzeptieren, hilft Kritik zu üben und zu dulden.

Verweigere ich mich dem Verstehen, werde ich bald einer von denen sein, die in Berlin demonstrieren. Ich muss verstehen, damit ich argumentieren kann, damit ich denen, die vom Maulkorb sprechen, etwas entgegensetzen kann. Dabei bin ich Laie, bis auf wenige Ausnahmen sind es alles Laien in der Pandemie. Wir Laien müssen irgendwie klarkommen mit dem Überangebot an Informationen, die komplex sind, ständig mehr werden, sich zum Teil widersprechen.

Ich muss verstehen, warum am Anfang der Pandemie die Experten den Mundschutz nicht empfahlen, warum sie ihre Meinung bald darauf widerriefen und nun nachdrücklich darauf drängen. Ich muss verstehen, weshalb es im März eine Übersterblichkeit gab und im Mai eine Untersterblichkeit und dass letzteres kein Beleg für die Ungefährlichkeit des Virus ist. Ich muss verstehen, aus welchem Grund momentan die Infektionszahlen steigen, aber die Todesfälle sinken. Ich muss begreifen, warum kaum jemand mehr von Schmierinfektion spricht und alle von Aerosolen. Ich muss verstehen, dass die leeren Betten auf der Intensivstation nicht das Ende der Pandemie bedeuten.

Will ich das nicht begreifen, werde ich bequem. Ich niste mich ein in einfachen Erklärungen, ignoriere, was nicht zu dem Einfachen passt. Es ist bequem, Ende August noch die Rhetorik von Bhakdi zu verwenden. Es ist bequem, weil es einfach ist, weil es mir die Angst nehmen würde.

Es ist bequem auch für mich, wenn ich gedanklich im März verbliebe. Wenn ich immer noch Lockdown rufe, wenn eine bestimmte Zahl erreicht wäre. Es wäre bequem, wenn ich jetzt die Tabs schließe und sage: Dieses Wissen reicht bis zum Ende der Pandemie. Ich muss verstehen, dass ich das, was ich aktuell verteidige, wonach ich handele, ich im Laufe der nächsten 1 ½ Jahre mehrmals überdenken, vielleicht widerrufen werde. Ich muss akzeptieren, dass sich daraus Widersprüche ergeben werden. Ich werde lernen müssen, diese zu erklären und zu verteidigen. Höre ich auf damit, die einfache Erklärung, die mögliche Abkürzung, das scheinbar Offensichtliche, das verlockende Bequeme nicht doppelt und dreifach zu hinterfragen, wird die Pandemie über mich triumphieren.

Ansonsten: Auf Drängen des amerikanischen Präsidenten werden die Bemühungen intensiviert und Richtlinien gelockert, um noch vor der Wahl am 3. November einen Impfstoff präsentieren zu können. Bei einer Veranstaltung wird der Gesundheitsminister von Demonstranten bespuckt, die gegen die Corona-Maßnahmen protestieren. Beim MTV-Music Award werden Trophäen in den neugeschaffenen Preiskategorien »Bestes Musik-Video von Zuhause« und »beste Quarantäne-Darbietung« vergeben. Während der Liveübertragung einer Wreslingshow werden von einem der anstatt anwesenden Fans zugeschalteten Zuschauer die Bilder einer Hinrichtung eingespielt. In der Coronazeit werden in Deutschland Kartoffelprodukte überdurchschnittlich häufig gekauft. [Foto: Yvonne Andrä]

30. August | Das Bild von gestern

Ich frage mich, warum mich die Demonstration in Berlin so beschäftigt. In den immer wieder zitierten Umfragen gibt es eine Zustimmung von unter zehn Prozent dafür, wesentlich mehr befürworten stärkere Maßnahmen gegen Corona als weniger, die deutliche Mehrheit findet die Maßnahmen in Ordnung, bei Fridays for Future waren die Millionen auf der Straße, die die Querdenker gern hätten. Anders gesagt: die Relevanz der gestrigen Demonstration ist wesentlich geringer, als die Berichte, Bilder, Augenzeugenberichte, Kolumnen, Tweets, Screenshots aus Telegramchats suggerieren.

Ich bin aufgeregt. Wenn die Demonstranten gegen Absperrungen drücken, spüre ich den Druck. Skandieren sie, ist es, als brüllten sie ihre Sprechchöre direkt in mein Ohr. Ihre Transparente lerne ich auswendig. Ich tanze angewidert und belustigt, wenn ihre Körper zu einer Version zu Bella Ciao zucken, in der es heißt: Corona Ciao Corona Ciao Corona Ciao Ciao Ciao. Es ist eine Freakshow, es ist ernsthafte Besorgnis, es ist Adrenalin allein vom fernen Zuschauen, der Wunsch, sich dagegenstemmen, obwohl Berlin dreihundert Kilometer weit weg liegt, abstrakte Gedanken, die sich durch die Demonstration in etwas Körperliches übertragen, das Verlangen, bestätigt und entzündet zu werden.

Ich zitiere die vielen Texte, die Corona als Brennglas bezeichnen, als Verstärker der Gegenwart, als ein Überdeutlichmachen dessen, was ohnehin da ist. Dass es bei den Coronademonstrationen nicht um Corona geht, zeigt sich an den Reichskriegsflaggen, die geschwenkt werden, den 18-Codes, den QAnon-Shirts. Corona ist nicht Ursache, Corona ist ein weiterer Anlass für eine allgemeine, tiefergehende Unmutsbekundung, eine Unzufriedenheit, letztlich der Wunsch nach einem radikalen Umbruch. Wäre es nicht Corona, wäre es etwas anderes, weshalb die Demonstranten sich in einer Diktatur wähnten. Sie wären auf der Straße, so oder so.

Vor allem aber geht es bei der Demonstration um die Produktion von Bildern. Die Demonstranten gehen auf die Straße und wollen damit Bilder schaffen, die stärker sein sollen als die Bilder, die jene schaffen, gegen die die Demonstranten antreten.

Das Bild von gestern, das alle anderen Bilder überlagert, das Bild, das bleiben wird, das einmal für diese Zeit stehen wird, entweder als Zenit oder als Anfang, ist das Bild, wie die Demonstranten die Absperrung vor dem Reichstag durchbrechen und die Treppen hinaufstürmen. Vor dem Eingang des Reichstags, dem Ort, an dem die Politik dieses Landes gemacht wird, stehen drei Polizisten. Einer trägt keinen Helm. Diese drei Polizisten verteidigen die Türen des Reichstags. Sie stellen sich den Menschen entgegen, die Reichsflaggen schwenken, einer hat eine Fahne bei sich, auf der der Reichsadler abgebildet ist.

Das Bild sagt: Nazis stürmen den Reichstag. Nicht Coronagegner, nicht Coronawütende, nicht besorgte Bürger, die man ernst nehmen muss, keine Ärztinnen, die andere Meinungen haben als Christian Drosten. Es sind Menschen mit Reichsflaggen und dem Reichsadler, die den Reichstag stürmen. Wenn es ein Bild gibt, dass all diese Menschen und ihre Unterstützer gern an diesem Samstag produzieren wollten, dann dieses: Es ist 2020. Nazis stürmen den Reichstag, das Volk hinter sich wissend.

Die Aktion war angekündigt in Telegramchats. Vor dem Reichstag stehen drei Polizisten, in Hamburg waren es letztens acht, die einen E-Scooterfahrer überwältigten. Diese drei Polizisten verteidigen den Reichstag, sie stehen Vielen gegenüber. Vor drei Tagen schrieb ich, dass es surreal sei zu schreiben, »#SturmAufBerlin klingt wie ein kleiner Krieg«. Heute schreibe ich: Drei Polizisten verteidigen den Reichstag vor Nazis.

Das Bild ist da. Der Sturm ist geglückt. Er ist nicht geglückt. Der Reichstag wurde nicht gestürmt, auch Berlin nicht. Nur ein paar Demonstranten sind eine Treppe hinaufgerannt. Es fühlt sich surreal an, das zu schreiben, so, als gäbe es etwas wie Zuversicht, das ich in diesem Samstag sehen könnte.

29. August | Umleitung

www.sturm-auf-berlin.de

28. August | Urlaubsrückkehr

Manches beschäftigt mich, anderes weniger. Urlaub und Corona zum Beispiel. Dabei lässt sich anhand von Urlaub einiges über die Pandemie erzählen. Die Absagen vom Frühjahr. Das Ausbleiben der Flüge. Die Besinnung auf die Nähe. Beim ersten Anzeichen von Sonne dann doch das Weiterwegfahren. Das Steigen der Infektionen. Das Einrichten von Testzonen. Das Scheitern dieser Testzonen. Die Verordnung einer Nachurlaubsquarantäne. Die Rückkehr in den Herbst, in die zweite Hälfte der Jahrespandemie, dann vollgepackt mit Erinnerungen von der Ostsee, dem Spreewald, irgendwas mit Italien oder Kroatien.

Natürlich ist es seltsam, inmitten einer Pandemie in den Urlaub zu fahren. Im Sand mit Blick aufs Meer zu liegen, am Büfett zu stehen, zu entspannen, während alles andere gerade alles anders als entspannt ist. Die Bilder der überfüllten Strände lassen sich als Synonym für Unvernunft deuten, für ein dringendes Bedürfnis, der unnormalen Zeit Normalität abzutrotzen, Uneinsichtigkeit, ein Drängeln und Drängen und Verneinen der Gegenwart.

Andererseits: Was wäre die Alternative? Nicht zu entspannen? Sich keinen Platz für eine Weltflucht zu suchen? Keine Reserve anzulegen für den Rest des Jahres? Was ist der Preis für jene, die fahren? Möglicherweise eine Ansteckung. Auf jeden Fall stehen sie in den Staus vor den Testzentren, sitzen in der Quarantäne zuhause. Immerhin werden sie bezahlt dafür, entspannt zu haben.

Und was ist der Preis für jene, die nicht fahren? Die bleiben, die zuhause ausharren? Wie werden sie sich fühlen, wenn die Freunde Fotos von Mallorca schicken, vom Eifelturm, vom Strand in Dänemark, wo der Hund gegen den Wind rannte?

Der Sommerurlaub war die Auszeit, die eigentlich nicht möglich war in der Pandemie.

Ansonsten: Ein Gericht widerruft das Verbot der Demonstration für den Tag der Entscheidung. Auf einer Pressekonferenz sagt die Kanzlerin: »Das Virus ist eine demokratische Zumutung.« Beschlossen wird ein Bußgeld von mindestens 50 Euro für Verstöße gegen die Maskenpflicht. Nach mehreren Infektionen wird in den Niederlanden das vorzeitige Ende der Zucht von Nerzen erlassen.

27. August | Posse und Pose und SturmAufBerlin

Eigentlich hätte gestern ein anderer Eintrag geschrieben werden sollen. Doch dann kam die Nachricht vom Verbot der Demonstration in Berlin. Ich war elektrisiert davon, ohne genau zu wissen, weshalb, wusste aber dennoch genug, um etwas schreiben zu können.

Es ist die Art Eintrag geworden, den ich im Augenblick des Schreibens schätze und bald darauf nicht mehr. Es sind Worte über etwas, das ich mir anlese, das fern von mir ist, das ich dennoch versuche staatstragend zu verhandeln. Es sind Worte, die nichts von mir erzählen. Sie sind eine über mehrere Diskussionsebenen gefilterte Wahrnehmung, ein Abwägen, ohne eine klare Position zu beziehen, weshalb ich ins Dazwischen springe, sowohl-als-auch benenne, was ich für notwendig halte, was solche Texte im Rückblick sehr unentschlossen und schwammig wirken lassen.

Einen knappen Tag später, mit mehreren ausgetauschten Meinungen später ist das Bild nach wie vor verschwommen. Es geht um die Frage nach Versammlungsrecht, um dessen Einschränkung, unter welchen Bedingungen das möglich sein sollte, wer entscheidet. Es geht darum, ab wann es notwendig ist, nicht nur klare Position gegen etwas zu beziehen, das Grundlegendes abschaffen möchte, sondern dieser Position auch Taten folgen zu lassen. Es geht um vergangene Demonstrationen, die unter welchen Umständen abgesagt wurden und zukünftige Versammlungen, die abgesagt werden können.

Da ist der Innensenator, der sagt, dass er es nicht hinnehmen werde, dass Berlin ein zweites Mal als Bühne für Corona-Leugner, Reichsbürger und Rechtsextremisten missbraucht werde. Vor allem ist da der Hashtag #SturmAufBerlin, unter dem trotz Verbotes zur Demonstration aufgerufen wird. Der Hashtag wird benannt, geteilt, diskutiert und erlangt durch das Reden darüber größere Bedeutung.

#SturmAufBerlin. Es klingt wie ein kleiner Krieg, ein herbeigesehnter Tag X. Es fühlt sich surreal an, überhaupt von einem Sturm auf Berlin zu schreiben. Ein solches Bedürfnis nach Auseinandersetzung liegt in der Luft, ein Drang danach, die Spannung so konfliktreich wie möglich zu lösen. Konkret von wenigen vielleicht, aber genug, dass es für Bilder reicht, die alle erreichen, die weiteres in Gang setzen.

In Amerika wird ein Mann vor den Augen seiner Kinder von Polizisten mehrmals in den Rücken geschossen, bei den Protesten dagegen schießt ein 17jähriger mit Sturmgewehr in den Demonstrierenden, ein Mann versucht ihn mit einem Skateboard zu stoppen, der 17jährige erschießt ihn, eine Tat, die der reichenweitenstärkste amerikanische Nachrichtensender verteidigt.

Warum diese nicht coronabezogene Tat nenne? Vielleicht weil es gerade scheint, als ob es in immer kürzer werdenden Abständen eine Umdrehung mehr gibt, die das Vorhandene erweitert, das nächste möglich macht. Diese Gewalt, diese Ahnung von Spannung ist fern, nehme ich weiterhin nur durch von mir definierte Filter wahr.

Dabei sollte der gestrige Eintrag einer sein über das Fehlen des Publikums und das demonstrative Weitergehen der Show. Beim Parteitag der Republikaner hält Kimberly Guilfoyle, die Freundin von Donald Trump Jr. eine Rede; große Gesten, laute Stimme, maximale Dringlichkeit. Einmal ruft sie enthusiastisch »The best is yet to come.« Der unmittelbare Schnitt danach zeigt, dass sie coronabedingt in einem leeren Raum steht. All die Energie, das Angestochene und vermeintlich Mitreißende steht im Kontrast zur Leere, die sie umgibt. Die Kraft fließt ins Nichts, ihre Worte verenden, die Rede, die als Triumph gedacht ist, wirkt als Posse und als Pose, was sie auch ist.

Ähnliches auch beim Finale der Fußball Chamipons League am Sonntag. Nach dem Schlusspfiff setzen die üblichen Feierrituale ein. Die Gewinnermannschaft steigt auf eine kleine Bühne, sie nehmen den Pokal in Empfang, jeder Spieler darf ihn halten und hochstemmen, später einzeln mit Pokal für ein Erinnerungsfoto posieren. Dazu werden über die Stadionlautsprecher die üblichen Post-Fußballspiel-Feiersongs eingespielt: Song 2, We are the Champions etc.

Durch die wegen Corona fehlenden Zuschauer und deshalb die fehlende akustische Zustimmung, den fehlenden visuellen Jubel wirken die Rituale des Feierns seltsam leer und bedeutungslos, inszeniert, routiniert abgearbeitet. Jeder der Teilnehmender folgt einer festgelegten Folge von Handlungsschritten: kurze, spontane Freude nach dem Pfiff, respektvolles Verabschieden vom Gegner, gemeinsames Springen mit Mannschaft auf der Bühne, Betasten des Pokals, Fotos für Social Media. Wahrscheinlich ist diese Abfolge derart einprogrammiert – so wie bei Song 2 nach 16 Sekunden die Gitarren kommen, geht die Hand zum Pokal – dass ein anderes Handeln nicht mehr möglich ist.

Die Zuschauer – nicht der einzelne, der handelt ebenfalls automatisch und singt You’ll Never Walk Alone mit – verschleiern die Abfolge, bringen eine Form von Chaos und Unerwartbarkeit in das Vorgesehene hinein. Fehlen die Zuschauer, tritt die Inszenierung überdeutlich hervor. Im Grunde ein begrüßenswerter Effekt, weil er so Veranstaltungen, die nichts Zufälliges mehr haben, ein Gesicht gibt.

Ansonsten: Auf Drängen des amerikanischen Präsidenten werden die Richtlinien für Coronatests gelockert. Die maximale Teilnehmerzahl auf privaten Feiern soll auf 25 Menschen begrenzt werden. Nachdem in Frankreich ein Kellner einen Gast zum Tragen einer Schutzmaske aufgefordert hatte, sticht der Gast ihn nieder. Norwegen verhängt Quarantänepflicht für Reisende aus Deutschland.

26. August | der verschobene Tag der Entscheidung

Gerade wurde die Querdenken-Demonstration verboten, die für Samstag in Berlin geplant war. Es sei damit zu rechnen, »dass es bei dem zu erwartenden Kreis der Teilnehmenden zu Verstößen gegen die geltende Infektionsschutzverordnung kommen wird und dass die Teilnehmenden sich bewusst über bestehende Hygieneregeln und entsprechende Auflagen hinweggesetzt haben«.

Zur Teilnahme an der Demonstration hatte das komplette neurechte Spektrum aufgerufen; AfD, NPD, III. Weg, Compact, IB. Atilla Hildmann schreibt, dass der 29.8. der Tag der Entscheidung sei, weil danach Beruhigungsmittel ins Trinkwasser geschüttet, Todesspritzen verordnet, Konzentrationslager für Coronainfizierte errichtet werden, weil die Regierenden Satanisten seien, die 50 Millionen Deutschen töten wollen. Um das zu verhindern, fordert Hildmann zur Teilnahme an diesem Tag der Entscheidung auf.

Das Bild vieler Tausender Menschen wäre ein wichtiges Symbol gewesen, ein Schulterschluss zwischen zum Teil sehr unterschiedlichen Gruppen, der Versuch der Neurechten, das, was seit einem halben Jahr misslang, nachzuholen und die Coronawütenden endgültig auch politisch zu vereinnahmen.

Direkt nach dem Verbot kursieren die entsprechenden Reaktionen: In Weißrussland dürfe man demonstrieren, ein Deutschland nicht mehr, ein weiterer Beleg für die Merkel-Diktatur, in der Andersdenkende sich nicht mehr frei äußern dürften etc.

Ein solches Verbot dient dieser Erzählung, wird auch zukünftig beständig zitiert werden. Bei jeder künftigen Demonstration wird die Erinnerung an den verschobenen Tag der Entscheidung mitlaufen. Mitlaufen wird z.B. nicht die ebenfalls aus Hygienegründen abgesagte Gedenkveranstaltung der Ermordeten von Hanau. Es wird auch nicht mitlaufen die Gegenüberstellung der Bilder ähnlicher Coronademos und andere Demos, wer wo Maske trug und wer nicht und wo zumindest einigermaßen auf Abstand geachtet wurde.

Ein Verbot ist ein Endpunkt einer Entwicklung. Man könnte schreiben, dieses Verbot haben sich die Querdenker durch ihr Verhalten auf den bisherigen Demonstrationen hart erarbeitet. Aber so einfach ist es leider nicht. Ein Verbot ist Endpunkt und zugleich Start für etwas Neues, dieses Verbot ist nachvollziehbar und vernünftig, wird als Öl ins Feuer gegossen werden, wirft Fragen auf, ist eine Sache von behördlichen Reglungen und hat gesellschaftliche Dimensionen, wird die Telegram-Channels zum Glühen bringen, lässt sich verteidigen, muss verteidigt werden, wird sich schwer verteidigen lassen.

Ansonsten I: Der Wind, ein halber Sturm, fegt die weggeworfenen Masken über die Straßen.

Ansonsten II: Trotz der Pandemie sind die Immobilienpreise in Deutschland weiter gestiegen. Um auf den notwendigen Abstand hinzuweisen, empfehlen isländische Schafzüchter zwei Schafe Abstand zu halten.

25. August | in der Kirche

Gestern eine Lesung in der Kirche. Geplant war ein Veranstaltungsraum, einer, der typisch wäre für Abende dieser Art. Aufgrund von Corona fällt die Entscheidung, in die Kirche zu gehen, weil das Gebäude ausreichend Gelegenheit bietet Abstand zu halten und damit mehr als zwanzig Besucherinnen ermöglicht. Deshalb die Projektion vor dem Altar, das Stehpult neben dem Taufbecken, das Wort »Haddaway« unterhalb der Orgel. Ich würde lügen, würde ich behaupten, dass dies eine Folge der Pandemie ist, die ich bedauere.

Abgesehen davon schreibt sich die Vorsicht vor dem Virus tief in jede öffentliche Darbietung ein. Neben den Lesungen mehrere Ausstellungen in den nächsten Wochen. Auch dort ist der Gedanke des Abstandshalten ein zentraler. Wie viele Personen können zugleich in die Galerie? Wie lassen sich geführte Rundgänge am besten organisieren, wenn nur sehr kleine Gruppen jeweils mitlaufen können? Wie werden die Gruppen ausgewählt? Oder die Runden mehrmals und dafür kürzer absolvieren? Wie werden die Anmeldungen für die Veranstaltungen gewichtet? Was passiert, wenn jemand außerplanmäßig erscheint? Wie weit werden Stühle voneinander gerückt? Wie werden sich diese zwangsläufigen Lücken überbrücken lassen? Wie gestaltet sich der zwangsläufige Kontakt zu vielen Menschen? Werden wir immer die Maske tragen? Und wenn nicht – in welchen Situationen nicht? Ist das Mikrofon immer mit einem Plastiküberzug virensicher abgesichert? Und falls nicht, was dann? Und: Wie lange wird es Veranstaltungen geben können, zu denen maximal nur ein Drittel der möglichen und oftmals notwendigen Besucherinnen kommen können?

Ansonsten: Mehrere Studien widerlegen die Behauptung eines Hamburger Pathologen, die zu Anfang der Pandemie die Runde machte: die meisten Coronatoten sterben nicht mit, sondern durch Corona. Von den zuletzt in Deutschland positiv auf das Coronavirus getesteten Menschen haben sich über vierzig Prozent im Ausland angesteckt. Wenn die Sieben-Tage-Inzidenz den Wert 35 erreicht, wird in München zukünftig ab 21.00 Uhr ein Verkaufsverbot für Alkohol gelten. In der nächsten Tischtennissaison werden Mannschaftsspiele ohne Doppel ausgetragen. Usain Bolt, Flavio Briatore und Julia Timoschenko sind an Covid19 erkrankt, letztere liegt auf der Intensivstation und wird künstlich beatmet. Das Ifo-Institut gibt bekannt, dass sich die Stimmung in der deutschen Wirtschaft weiterhin im Aufwind befindet.

24. August | Coronaaugen

Ein halbes Jahr die Coronamonate. Etwas über 150 Einträge, etwas über 400000 Zeichen. Weiterhin frage ich mich, weshalb mir das Schreiben so verhältnismäßig leicht von der Hand geht.

Die These: Weil sich Corona über alles legt, lässt sich auch über alles schreiben. Niemals würde ich ähnliche Einträge über die amerikanische Außenpolitik schreiben. Oder über das viel drastischere Ereignis der Erderwärmung. Aber Corona ist hier, unmittelbar und direkt. Obwohl mich das eigentliche Wesen – die Krankheit – bisher nicht betroffen hat, sind die Auswirkungen da, sobald ich vor die Haustür gehe, im Grunde noch eher, wenn ich am Morgen die Augen öffne.

So fällt es leichter, alles mit Coronaaugen zu betrachten: Einkaufen, Freundschaften, Politik, Wissenschaft, Kultur, Essen, Arbeit, Treffen, Geld, selbst Tiere, die Singvögel, die freilaufenden Affen von Lop Buri. Alles ist von Corona betroffen, weshalb ich über alles schreiben kann. Ich bin Laie und kann dennoch über ACE2-Rezeptoren sprechen. Ich bin Laie und kann dennoch über exponentielles Wachstum schreiben. Ich bin Laie und kann dennoch politische Notfallpläne bewerten. Ich bin Laie und schreibe dennoch über Intensivstationen.

Als Laie schaue ich in die fernen Länder und ordne die dortigen Geschehnisse unter das Großereignis Pandemie ein. Niemals würde ich über Indien, Palästina oder Ägypten in dieser Form schreiben, wenn ich das täte, wäre das in aller Form unzureichend. Bei Corona traue ich mir das. Corona eröffnet mir die Freiheit, die Anmaßung, alles bewerten zu können.

Das Private sowieso, die täglichen Verschiebungen, das Erstarren und Irritiertsein.

Das Schreiben an den Monaten befindet sich in einem ständigen Fließen. Anfangs noch ein verschämtes Verstecken, hier und da ein schüchterner Pinselstrich. Dann ein erstauntes, nur zum Teil furchtsames Beiwohnen des Einbruchs der Pandemie in den Alltag, den neugierigen Blick auf die Veränderungen. Ein Dranbleiben später, als das Neue Gewohnheit wird, ein Müdesein, Wiederentdecken. Aktuell ist da ein Ehrgeiz, es durchzuziehen, zumindest bis Ende des Jahres, vielleicht bis zum 24.2.2021, die Coronamonate dauerten dann ein Jahr.

Artikel schreiben von einem Viertel der Pandemie, das bisher geschafft sei. Februar 2021 wäre es eine reichliche Hälfte. Was anfangs noch unglaublich schien und nur schwer zu akzeptieren war – das Virus als ein dauerhafter Begleiter, 2020 als Jahr der Pandemie zu begreifen, dem nichts weiteres folgen würde – scheint mittlerweile Gewissheit. 2020 wird weiterhin Pandemie sein. Darüber zu schreiben – vielleicht auch mal nur chronologisch festhaltend, auch schon mit Blick auf das spätere Lesen – dies soll das Ziel sein für die nächsten sechs Monate. Weiterhin die Coronaaugen, weiterhin die Worte.

23. August | die eigentliche Herdenimmunität

Die Zahl: 2000 Neuinfektionen. Wie soll ich sie einordnen? Die Urlaubsrückkehrer, sicher. Aber, es ist immer noch Sommer, man ist draußen, die Aerosole haben es schwer. Wie wird es dann in der trockenen Luft, im Kalten, wenn Draußensein nur unter Heizpilzen mehr möglich ist? Wird die Zahl 2000 dann eine sein, die erstrebenswert erscheint? Und was ist mit Panik, zumindest mit einer veränderten Maßnahmenlage? Ab wann wird die Zahl nicht mehr hingenommen, das stetige Wachsen? Bzw. Was, welches Verhalten kann nicht mehr hingenommen werden? Wie wird eingeschritten? Wird das gewünscht? Wie durchgesetzt?

Ich lese in einem Text von der Zukunft der Pandemie. Überschrieben ist der Text mit: in den kommenden Jahren. Nicht Ende 2020, nicht 2021. Der Text sagt, dass die Pandemie bleiben werde, regelmäßig wiederkehre mit Spitzen im Herbst, ähnlich der Grippe, oder endemisch, wie Malaria, dann mit möglicherweise hunderttausenden Toten jedes Jahr.

Einige Szenarien werden aufgemacht. Bei einem fällt auf: Es wird unterschätzt, wie stark die einfachen Maßnahmen – Händewaschen, Masketragen, Abstandhalten – schon die Verbreitung des Virus verhindern, wie sehr dieses Verhalten vielen schon selbstverständlich geworden ist.

Eine Zahl wird genannt, ich bin erstaunt: Es würde genügen, wenn 50-65% der Menschen sich so verhalten. Damit würde die Verbreitung schon deutlich unterbunden werden: »dass Social-Distancing-Maßnahmen alle 80 Tage zurückgefahren werden und Infektionsspitzen in den kommenden zwei Jahren trotzdem verhindert werden können, wenn 50 bis 65 Prozent der Menschen in der Öffentlichkeit vorsichtig sind. Wir müssen unsere Kultur, wie wir mit anderen Menschen umgehen, ändern.«

Vielleicht ist das die eigentliche Herdenimmunität: nicht 65% vom Virus infiziert, sondern 65%, die für sich und andere vorsorgend handeln. Zwei Drittel der Menschen müssten vernünftig und empathisch sein, um das Virus unter Kontrolle zu bringen. Je nach Sicht auf die Welt ist das eine hoffnungsvolle oder niederschmetternde Nachricht.

Ansonsten: In China wird die Oper Disease Spring aufgeführt, die den Sieg Chinas über das Virus feiert. Russland plant, im Monat sechs Millionen Dosen des Coronaimpfstoffs Sputnik V zu produzieren. Bezüglich der Absage der nächsten Karnevalsaison will Ministerpräsident Armin Laschet ein Konsens mit den Karnevalsvereinen finden.

22. August | August –> Juni –> April

Ich lese im August einen Text aus dem Juni über den April. Damit erstreckt sich das Lesen über die Zeit der Pandemie hinweg. In der Gegenwart lese ich, wie in der nahen Vergangenheit auf die damalige nahe Vergangenheit geschaut wurde, um die damalige Gegenwart besser zu verstehen, was mir heute helfen soll, die jetzige Gegenwart einzuordnen.

Im Text wird der Krankenhausaufenthalt einer Coronapatientin beschrieben. Mehrere Wochen liegt sie im Koma. Der Text erzählt, wie die Ärzte beginnen zu verstehen, wie das Virus krank macht; erst die Lunge, dann ein Übergreifen auf andere Organe, schließlich der Zytokinsturm, in dem der Körper seine Abwehrkräfte gegen sich selbst richtet.

Parallel zum lokalen Verstehen der Ärzte kommt das globale Verstehen; anfangs existieren nur wenige Informationen über das Virus. Im Laufe der Komawochen erscheinen mehr und mehr Studien. Die Ärzte orientieren sich an den Erkenntnissen, die in Bergamo und New York gemacht werden, die Ärzte erwarten ähnliches in ihrem Krankenhaus. Das Ähnliche bleibt aus. Das Virus geschieht in Deutschland anders.

Im Text läuft die Annahme mit, dass es viele solcher Patientinnen geben wird, weshalb Beatmungsgeräte geordert und Stationen freigeräumt werden. Beides wird nicht benötigt, weshalb es innerhalb der Ärzteschaft zu Diskussionen und Kritik kommt an jenen, die weiterhin warnen. Das Krankenhaus an der Havel wird zum Sinnbild Deutschlands, weil es in zwei Welten zerfällt. »Das eine ist die Corona-Welt. In ihr liegen die Opfer des Virus in Betten, hilfloser als Kleinkinder … In der anderen Welt scheint Corona fast irreal. Die Bewohner dieser Welt spüren die Corona-Krise vor allem daran, dass sie jetzt weniger zu tun haben.«

Weitere bemerkenswerte Sätze: »… haben Frau Liebigs Augen abgeklebt, damit sie nicht erblindet – bei todkranken Patienten in Bauchlage zieht die Schwerkraft an den Augäpfeln.«

»Durch die Schmerzen der Patienten in Italien machen wir uns hier das Leben leichter.«

»Für einen Menschen, der einfach nur schläft, geht ein Albtraum zu Ende, wenn er aufwacht. Frau Liebig in ihrem Koma konnte nicht aufwachen. Sie träumte jeden dieser wiederkehrenden Träume bis an sein Ende, bis zu ihrem Tod.«

Der Text erzählt vom Herantasten. Er erzählt, wie Wissen entsteht; im April zuerst für die Ärztinnen im Krankenhaus, im Juni aufgrund des Textes für alle außerhalb. Im August ist es schon vergangenes Wissen. Der Text erzählt, was zu welcher Zeit bekannt war, wieso einmal Masken zu knapp und dann zu viele vorhanden waren, warum es zu bestimmten Zeiten bestimmte Einschätzungen und entsprechende Reaktionen gibt und wie sich daraus neue, andere Erkenntnisse entwickeln.

Ich lese den Text erstaunt. Erstaunt darüber, dass dieses wichtige Wissen – Covid19 bedeutet weit mehr als nur den Befall der Lunge – schon im April verfügbar war. Ich lese ihn missionarisch, denke, den Text sollte jeder lesen, der sagt, Covid19 sei ähnlich wie eine Grippe. Ich lese ihn allegorisch; von den im Text erwähnten Personen war nur ein kleiner Teil vom Virus schwer erkrankt; betroffen aber waren, auf unterschiedliche Art, alle davon. Die Intensivstation als Metapher; für die leeren Betten und unbenutzten Beatmungsgeräte, das Ausbleiben der Triage, für die Schwere der Erkrankung und das Drama der Einzelnen, das die Sorge aller verlangt.

Und am Ende frage ich mich, wie ich im Winter einen Text aus den Herbst lese, in dem über diesen August geschrieben wird, die Zahl 2000 zum Beispiel.

Ansonsten: Die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland steigt auf über 2000, der höchste Wert seit Ende April. Die Zahl der weltweiten Coronatoten steigt auf über 800000. Zwei Drittel der Deutschen befürworten eine Absage der nächsten Karnevalsaison.

21. August | 34°

Ein Sommertag. Kein Ansonsten.

20. August | Annahme des Winters

Ein Gespräch über C. Ich formuliere Annahmen über Herbst und Winter; kalte, dunkle, kurze Tage, jeder für sich, kein Draußen mehr möglich, welches die Folgen des Virus erträglich macht, in der Summe so anders als dieser flirrende Sommer, eine Zeit, die besondere Kraft verlangen wird, um sich in weiteres Mal in den Zustand von März/April zu versetzen.

Mein Gegenüber widerspricht. Sie sehe das anders. Wenn es wieder zu einer Situation wie im Frühjahr komme, dann würden wir wissen, was zu tun sei. Wir wüssten nun, wie sich ein Runterfahren des öffentlichen Lebens im Privaten gestalten lasse, was für einen funktioniere, was nicht, auf welche Menschen man zählen könne, was einem helfen würde, nicht die Nerven zu verlieren.

Dazu komme: Im März/April wussten wir wenig vom Virus. Auf jedem Türgriff potentielle Schmierinfektionen, Aerosole klang wie weiße Luftschokolade, die Unsicherheit darüber, wie Masken schützen – all das gebe es in einem zweiten Teil nicht mehr. Nun seien wir viel effektiver im Schutz, gewöhnter an das Virus und deshalb gelassener. Nein, sagt sie, nein, der Herbst, der Winter ängstige sie nicht.

Ansonsten: Mit über 1707 Neuinfektionen wird der höchste Wert seit Mitte April in Deutschland vermeldet. Weil wegen C weniger Wetterflugzeuge starten, fehlen Daten, um die kommenden Winterstürme verlässlich vorherzusagen. Nachdem eine Frau trotz Symptomen zu einer Hochzeitsfeier kommt, müssen 160 Gäste in Quarantäne gehen. Airbnb verbietet Partys in den von ihnen vermittelten Wohnungen. Laut dem Ifo-Institut gehören Fahrradhändler zu den größten Gewinnern der Coronazeit. In München werden durch UV-Licht keimfreie gemachte Rolltreppen getestet. [Foto oben: Y. Andrä]

19. August | Maskenpropaganda

Ich lese über das Tragen von Masken: »Ich glaube, dass diesbezüglich wenig Wissen und Risikobewusstsein vorhanden ist. Es braucht VIEL VIEL MEHR Aufklärung. Omnipräsent, in Form von Werbetrailern, Infos auf allen Werbetafeln, in allen Zeitungen und öffentlichen Medien. Das Thema Corona und MNS / Hygiene muss im öffentlichen Raum so präsent werden, dass niemand mehr daran vorbeikommt. Man muss es den Menschen regelrecht in die Birne hämmern, bis es sitzt.«

Ich stelle mir vor, es gäbe einen Werbespot, der das Nichttragen von Masken auf eine Weise zum Thema macht, über die am nächsten Morgen ganz Deutschland an der Kaffeemaschine im Büro spricht: nicht belehrend, vorschreibend, vernünftig oder anklagend. Sondern witzig, provokant, überraschend, berührend, ein Spot wie der Edeka-Opa oder Who Am I.

Etwas, an das jeder denkt, wenn er oder sie das nächste Mal jemanden ohne Maske in der Bahn sieht, jemanden sieht, dem die Maske unter der Nase oder am Kinn hängt. Ein Slogan, ein sogenanntes Narrativ, das jeder kennt, von dem jeder weiß, dass jeder es kennt, weshalb alle auf die Maskenlose schauen und dabei an den Spot denken und der Maskenlose weiß es ebenfalls und ist beschämt, zumindest peinlich berührt und zieht die Maske schlussendlich in eine Position, die andere schützt.

Ich habe gezögert, diesen Eintrag so zu schreiben. Der Gedanke hat etwas Übergriffiges, ist nahe dran am public shaming, ist nicht weit entfernt vom Denunziantentum. Mit Argusaugen die Mitmenschen auf Fehlverhalten abscannen ist etwas, das ich nicht möchte. Ich möchte nicht andere anschauen und sofort das Fehlerhafte sehen wollen.

Andererseits: Was ist die Alternative. Wenn wer in bestimmten Situationen keine Maske trägt, ist das nicht zu seinem, sondern zu meinem Nachteil. Wenn ich meinen Nachteil verhindern will, muss ich aktiv werden. Oder mir zumindest wünschen, dass es gesellschaftlich nicht akzeptabel ist, mir einen Nachteil zuzufügen.

Es ist gesellschaftlich nicht akzeptabel, mir eine Ohrfeige zu geben, ein Bein zu stellen, mich anzuspucken, mich aggressiv anzugehen mit Worten. Wer mich öffentlich so behandelt, wird in der Öffentlichkeit Irritation erfahren, oder, noch besser, seine irritierende Handlung wird nicht hingenommen und unterbunden werden.

Warum kann sich so ein gesellschaftliches Bewusstsein nicht auch für das Tragen der Maske unter bestimmten Umständen bilden? Dieses Bewusstsein hat sich für das Tragen von Hosen in der Öffentlichkeit gebildet. Ich trage Hosen, wenn ich das Haus verlasse. Ich weiß, trage ich keine, werden meine Mitmenschen in einer Weise auf das Nichttragen reagieren, die unangenehm für mich wird. Selbst beim Anlegen des Sicherheitsgurts hat sich so ein Bewusstsein gebildet, obwohl es anfangs erheblichen Widerstand dagegen gab. Warum nicht bei der Maske?

Und könnte dieses Bewusstsein, wenn die aktuelle Pandemie überstanden ist, nicht andauern? Wäre das nicht auch im Sinne jener, die im Zusammenhang mit Corona stets auf die Gefährlichkeit der Grippe verweisen: jeder, der sich krank fühlt, der hustet und niest, also Symptome zeigt, legt, sobald er sich in die Öffentlichkeit begibt, einen Mund-Nasen-Schutz an. Damit zeigt er, dass er trotz Kränklichkeit bereit ist, seine Arbeitskraft weiterhin der Gesellschaft zur Verfügung zu stellen und zeigt ebenso, dass er Rücksicht auf seine Mitmenschen nimmt.

Was braucht es für das Bewusstsein? Welche Pointe bringt 83 Millionen Menschen zum Lachen und dann zum Nachdenken, welche Geschichte rührt, damit das Nichttragen der Maske zum Unding wird?

Ansonsten: Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble fordert die Abgeordneten auf, ab September bei Parlamentssitzungen Masken zu tragen. Jens Spahn empfiehlt, auf die Karnevalsaison 2020/21 zu verzichten. Knapp vierzig Prozent der in Deutschland positiv getesteten Menschen haben sich im Ausland angesteckt. Schweden meldet, dass es in der ersten Hälfte des Jahres so viele Todesfälle wie seit 150 Jahren nicht mehr gab. In Wuhan wird eine Wasserparty mit DJs gefeiert, zu der tausende Partygäste begeistert tanzen.

18. August | Bezeichnungen

Atemschutzmaske, Schnutenpulli, Babbellappe, Maulkörbla, Goschnhalter, Söderlabbn, Gaaferlatz, Blabberdeggl, Mumpfl-Verdegger, Mauldäschle, Schnüssjardinche, Bützjekondom, Rüsslbulli, Muulwämsken, Gesichtspullover, Gesichtsvorhang, Nuschelmuschel, Seuchensegel, Nasenhängematte, MuNaske, Virenbinde, Merkelburka, Lappen.

rat-licker / Rattenlecker – A person who refuses to wear a mask, or take any of the basic precautions to help society prevent an air born illness during an epidemic.

Ansonsten: Wegen der unkorrekt benutzen Bezeichnung »Atemschutzmaske« drohen beim gewerblichen Verkauf Abmahnungen. Die neuseeländische Premierministerin wehrt sich gegen die Attacke des amerikanischen Präsidenten, der von einer »riesigen Welle« in Neuseeland sprach und verwies auf die hiesigen 1300 Coronafällen im Vergleich zu den über fünf Millionen Fällen in Amerika. Nach dem Anstieg der Neuinfektionen verbietet Südkorea Gottesdienste in den Kirchen. Mit dem gefälschten Onlineverkauf von Desinfektionsmitteln haben Betrüger in Amerika eine Million Dollar eingenommen. Wegen der gesunkenen Nachfrage halten französische Champagnerproduzenten die Ernte künstlich niedrig.

17. August | hilflos vorwärts in der Zeit

(I) Gestern habe ich geschrieben, dass es Luxus sei, die Pandemie als Hintergrundrauschen begreifen zu können. Der Satz hat mich beschäftigt. Ist es wirklich Luxus? Oder ein Privileg? Und was sagt das über mich aus, meine Haltung zu Welt? Ist es nicht zynisch, Corona zu ignorieren und die Pandemie einzureihen in den Alltag, obwohl das Virus so viel Leid verursacht hat und verursachen wird?

(II) Wenn ich von nun an so über Corona schreibe, steht die Pandemie dann auf derselben Stufe wie all das Schreckliche, was zeitgleich immerzu geschieht? Ist die Pandemie wie Hunger/Krieg/Naturkatastrophen/Krankheiten, die ständig da sind, Leid, vom dem ich grundsätzlich weiß, es aber im Detail ausblende und dem ich es nur gelegentlich gestatte, mich zu erreichen?

(III) Paul Klee malte »Angelus Novus«, über den Walter Benjamin später als »Engel der Geschichte« schrieb; das vorwärts in der Zeit stürzende Wesen, dessen Blick in die Vergangenheit gerichtet ist, das hilflos das Geschehene betrachten muss, ohne eine Möglichkeit zu haben, noch ändern zu können. »Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm«, die Unabänderlichkeit des Vergangenen als Plot der meisten Zeitreisegeschichten.

(IV) Ich frage mich, ob das Bild nicht zu kurz greift. Ob man nicht nur das Geschehene nicht mehr ändern kann, sondern auch das Gegenwärtige schon nicht mehr.

Ein Beispiel. Aktuell sabotieren der amerikanische Präsident und sein System die amerikanische Post, mit der Absicht, damit die Wahlen widerrechtlich zu seinen Gunsten zu entscheiden. Das geschieht vor aller Augen, die Sabotage ist kein geheimes Manöver. Für alle offensichtlich ist, auf welche Situation das Land zusteuert, wie der amerikanische November deshalb aussehen könnte.

Dennoch scheinen die Möglichkeiten, daran etwas zu ändern, gering. Auch wenn das Auskommen abzusehen ist, scheint der Prozess selbst unaufhaltbar, obwohl er noch im Gange ist. Für den Einzelnen sowieso. Für einen Einzelnen wie mich ohnehin, jemanden, den das gar nicht betrifft, den das gar nicht interessieren müsste, für den es absurd ist, überhaupt den Gedanken in Erwägung zu ziehen, irgendeinen Einfluss nehmen zu können.

(V) Aber die Hilflosigkeit beschäftigt mich, das Verdammtsein zum Zuschauen. So, wie man in Geschichtsbüchern blättert, das Geschehene betrachtet und sich sagt: »Ich kann nichts mehr daran ändern, außer zu lernen, um es beim nächsten Mal nicht so weit kommen zu lassen«. So ist es auch hier.

(VI) Gilt das für die Pandemie? Gilt das für die zweite Welle, die kommenden Infektionen? Was habe ich aus der ersten Welle gelernt, dem ersten halben Jahr der Pandemie? Wie kann ich das gewonnene Wissen einsetzen? Kann ich etwas tun, das Schlimmes verhindert? Im Privaten natürlich, in meinem Umfeld zuerst und vermutlich als einziges, mit allen Fehlern und Nachlässigkeiten, mich schützen, die Menschen um mich herum. Aber darüber hinaus? Was kann ich da tun?

(VII) Beantworte ich diese Frage ehrlich, bringt dieser Gedanke ein weiteres Mal Zynismus in den Text. Weil ich denke: Ich kann nichts tun. Weil ich denke: Es gibt für mich aktuell Wichtigeres als Corona. Deshalb belasse ich, was ist, deshalb leiste ich mir den Luxus, das Leid zu ignorieren.

(VIII) Dabei gibt es genügend Beispiele, wie Einzelne großes Leid ändern, indem sie etwas anstoßen, das viele beschäftigt (sich freitags mit Schild vors Parlament stellen etc.) Gäbe es eine solche Aktion nicht auch für die Pandemie, die eine Handlung, die bei anderen etwas auslöst, die so verhindert und verbessert?

(VIII) Davon bin ich überzeugt. Diese Aktion gibt es. Sie muss nur erdacht und ausgeführt werden. Es ist wahrscheinlich, dass es nie dazu kommen wird, dass Gedanke und Aktion niemals im richtigen Moment auf den richtigen Menschen treffen werden und falls doch, dass das auslösende Moment nicht wahrgenommen wird und deshalb wieder verlischt. Aber die Aktion existiert. Ich könnte sie ausführen. Ich werde es nicht tun.

(IX) Es ist weiterhin ein Privileg, auf diese Weise auf das Virus zu schauen; nicht betroffen sein, nicht stehend im Krankenhaus, nicht kämpfend, nur beobachtend, selbst das Beobachten geschieht nach meinen Bedingungen.

Ansonsten: Nachdem in England wegen Corona nicht genügend Prüfungen für das Festlegen der Endnote absolviert werden konnten, wird diese von Computeralgorithmen berechnet; Schülerinnen aus Privatschulen erhalten dabei bessere Noten als Schülerinnen von öffentlichen Schulen. Der Wissenschaftsjournalist Lars Fischer empfiehlt, täglich Schokolade zu essen, um das korrekte Funktionieren des Geschmackssinns zu überprüfen. Für einen Versuch während eines Konzerts von Tim Bendzko, bei dem herausgefunden werden soll, wie sich das Virus bei Großveranstaltungen verteilt, melden sich 2210 Menschen freiwillig, gesucht waren 4200 Teilnehmerinnen. Nachdem ein Schulleiter in Brandenburg die Maskenpflicht an seiner Schule nicht umsetzen will, wird er vom Dienst suspendiert, woraufhin mehrere Menschen vor der Schule gegen die Suspendierung demonstrieren.

16. August | Die Pandemie als Hintergrundrauschen

Die Pandemie wird zu einem Hintergrundrauschen, einem Geräusch von vielen. Es ist gerade eine arbeitsintensive Zeit, die viele Stunden und vor allem die Wahrnehmung bindet. Die Pandemie in der Welt überfliege ich, weniger aus Desinteresse, denn aus Zeitnot, nehme die meisten Informationen so auf, wie ich auch die meisten Informationen vor 2020 aufgenommen habe: Das meiste wird registriert und abgenickt, verbleibt aber auf dem gedanklichen und faktischen Niveau einer Schlagzeile.

Nur weniges sendet einen Reiz, der mich dazu bringt, tiefer einzusteigen. Die Gedanken beschränken sich auf einige wenige anekdotische Beobachtungen, die mich eher unterhalten als beschäftigen sollen. Grundsätzlich bin ich auf dem neusten Stand, könnte einen gehobenen Small Talk über Corona führen, so wie über Wetter oder die neuste Entwicklung im derzeit angesagten Cancel-Culture-Aufreger.

Im Alltag reiht sich die Pandemie ein. Sie ist weder bedrohlich noch ärgerlich noch macht sie mich demütig. Sie ist einfach da, so wie Busse zum Fahren da sind. Um Bus zu fahren, muss ich bestimmte Handlungen vornehmen: Fahrzeiten wissen, entscheiden, ob ich dieses Transportmittel benutzen will, falls ja, Fahrkarte kaufen, zur Haltestelle gehen, einsteigen, die Zeit des Fahren überbrücken, an der korrekten Haltestelle aussteigen, wissen, wie ich zurückkomme.

Das ist nichts, über das ich mich grundsätzlich ärgere, nichts, was ich grundsätzlich in Frage stelle. Wenn ich Bus fahren will, muss ich diese Schritte nacheinander abarbeiten. Lebe ich 2020, muss ich eben bestimmte Dinge tun: Maske aufsetzen, Abstand halten, im Wesentlichen informiert sein. Darüber denke ich nicht weiter nach. Es ist so.

Die Qualität, mit der ich die einzelnen Schritte tue, schwankt: Mal vergesse ich die Maske, mal bin ich nachlässig im Abstand halten, an manchen Tagen treffe ich zu viele Menschen, die nicht zu meinem Cluster gehören. Ich tue dies ohne große Gefühlsregungen. Weder tue ich es in rebellischer Pose noch schäme ich mich anschließend dafür. Corona ist wie vieles Alltag und im Alltag wird geschludert.

Ich nehme also die langsam, stetig steigenden Infektionszahlen hin, nehme die zweite Welle an und das ebenfalls, ohne großartig emotional involviert zu sein. Vielleicht liegt es daran, weil ich damit rechne. Mit der zweiten Welle, mit einem Herbst, der dem März 2020 ähneln wird. Ich gehe davon aus, dass ich Herbst und Winter nicht mit ähnlicher Schludrigkeit werde verbringen können, gehe weder von Veranstaltungen noch großen Treffen aus. Ich nehme den Sommer, so wie er ist, weil ich davon ausgehe, dass dies die guten Tage der Pandemie sind, die ich, im Rahmen allen vertretbaren Risikos, auskosten möchte.

Auch deshalb lasse ich die Pandemie nach knapp sechs Monaten so bereitwillig ins Hintergrundrauschen rutschen. Weil ich gerade den Luxus habe, mir das leisten zu können, weil ich annehme, dass aus diesem Rauschen das Virus wieder als einzelner Ton hervortreten wird.

Ansonsten: Nach einer leichten Zunahme der Coronainfektionsfälle schließt Italien die Diskos. In München lässt die Polizei nach Verstößen gegen die Coronaregeln mehrere Bars schließen. Das Bundeskartellamt untersucht, ob Amazon während der Pandemie seine marktbeherrschende Stellung missbraucht hat. Im Zuge der Pannen an den bayrischen Coronateststationen können 46 positiv Getestete noch nicht gefunden werden.

15. August | Der Crush

Ein Couple läuft mit Shopping Bags durch das Shopping Center. Kurz vor den Schiebetüren stoppen sie und küssen demonstrativ auf den jeweils anderen Mundschutz. Dabei behalten ihre Augen die Umgebung und damit ihre Mitmenschen im Blick. Jeder der Anwesenden soll den Kuss, der einer ist, obwohl sich keine Lippen berühren, wahrnehmen können, den Crush füreinander in Zeiten der Pandemie. Anschließend löst sich das Couple temporär aus ihrer Zuneignung; er biegt zum Parkautomaten ab, sie bringt die Bags zum Car.

Ansonsten: Das russische Gesundheitsministerium meldet, dass die erste Charge des neuen Coronaimpfstoffs Sputnik V produziert ist. Um Freiwillige mit Impfstoffen zu testen, entwickeln US-Forscher einen neuen, künstlichen Stamm des Coronavirus. Rettungsschwimmer an der Ostsee sind angehalten, auch bei Rettungseinsätzen den Abstandsregeln zu folgen.

14. August | Kunst verfälscht

Nachtrag zum gestrigen Eintrag: In seinen Ausführungen sagte der Herr auch, dass Jens Spahn von Lobbyisten gesteuert sei. Ich ließ diesen Satz im Text aus. Er lenkte ab von dem, was mir das Wesentliche der Situation schien.

Der Satz machte die Sache uneindeutiger. Hätte ich ihn geschrieben, hätte man an dieser Stelle den Kopf hin- und her bewegen und darüber nachdenken müssen, wie wirtschaftlich orientierte Interessenverbände Einfluss auf die bundesdeutsche Gesundheitspolitik nehmen. Es wären viele Gedanken geworden, vielleicht auch Recherche, die Pointe der Geschichte – Kunst bewahrt jemanden davor, ein zweites »Corona Fehlalarm? Zwischen Panikmache und Wissenschaft« zu schreiben – wäre unter den Überlegungen zu den Strukturen des Gesundheitswesens verschüttet gegangen.

Ich habe die Eindeutigkeit der Uneindeutigkeit vorgezogen, die Komplexität dem leicht zu verstehenden Ende geopfert, weil sich die Geschichte so effizienter erzählt.

Ansonsten: In Seoul werden Bushaltestellen aufgestellt, die Menschen mit erhöhter Körpertemperatur erkennen und sie automatisch vor dem Eintritt abhalten. Beim Börsengang nimmt die Tübinger Impfstofffirma CureVac 213 Millionen Dollar ein. Bei einer Untersuchung von 2200 Menschen in einem Coronahotspot in Baden-Württemberg werden bei knapp acht Prozent der Getesteten Antikörper festgestellt. Die Zahl der bestätigten Neuansteckungen in dem über hundert Tage lang coronafreien Neuseeland steigt auf 30.

13. August | Kunst rettet

Am Abend auf einer Lesung. Danach kommt ein älterer Herr – helle, der Schwüle angemessene Leinenhose, Sommerhut, leicht heinrichlohseesk – zum Autor. Der Herr stellt sich vor. Er komme vom Rhein und habe kürzlich hier in Weimar ein Haus gekauft, ein Gebäude, in dem früher ein bekannter Bauhaus-Meister wohnte. Er plane das Haus umzubauen, im oberen Stock eine Art Residenz einzurichten und biete dem Autor an, dort zu wohnen.

Der Autor bedankt sich, Karten mit Kontaktdaten werden getauscht. Anschließend fragt der Autor, was den Herren bewegt habe, nach Weimar zu ziehen. »Eigentlich«, sagt der Herr, »eigentlich wollte ich Buch schreiben. Wegen Corona. Ich habe schon vieles erlebt. Aber so was noch nicht. Ein Irrsinn. Ich habe eine große Praxis, ich weiß, wie es in der Medizin aussieht. Und wie das jetzt alles falschläuft bei Corona! Wissen Sie, die Regierung arbeitet gegen uns, darüber wollte ich schreiben.«

Er hält inne, fährt fort. »Aber dann dachte ich, dass ich lieber das Haus ausbauen sollte.«
Der Autor nickt: »Ja, das war vermutlich die richtige Entscheidung.«

Ansonsten: Die Infektionszahl steigt auf über 1400. Das Robert-Koch-Institut veröffentlicht aus Unachtsamkeit eine veraltete Impfstoffprognose und sorgt damit für Irritation. Weil zu viele Masken bestellt wurden, plant das Auswärtige Amt, 250 Millionen Masken an besonders von der Pandemie betroffene Staaten zu geben. In Bayern warten fast fünfzigtausend Reiserückkehrerinnen seit zwei Wochen auf das Ergebnis ihrer Coronatests. Wegen des wiederholten Bruchs ihrer Quarantäne ist eine deutsche Urlauberin in Tirol zu einer Geldstraße von 10.800 Euro verurteilt worden. Wegen Corona plant Indonesien bis Ende des Jahres keine ausländischen Urlauberinnen ins Land zu lassen. Für die nächste »Querdenken«-Demonstration in Berlin erwartet der Veranstalter nach eigenen Angaben zehn Millionen Menschen.

12. August | Impfstoff (I): Sputnik V

Gestern die Nachricht, die eigentlich die Welt hätte elektrisieren sollen; groß hätten Brandenburger Tor, Weißes Haus und Taj Mahal angestrahlt werden müssen mit den Farben der russischen Flagge, alle TV-Sender hätten Sonderprogramme ausstrahlen müssen, alle Live-Ticker hätten nur ein Thema haben sollen, nur ein Hashtag weltweit, die Börsen in Hochstimmung, die Menschen (in Sicherheitsabstand) feiernd auf den Straßen, dieser 11. August 2020 der vielleicht wichtigste Tag dieses noch jungen Jahrtausends: ein Impfstoff gegen Covid19 gefunden, der erste zugelassene, das Ende der Pandemie, der Abschluss einer kurzen, intensiven Epoche, in der die Welt unterschiedlich in der Sache einem gemeinsamen Feind gegenüberstand.

So geschah es nicht. Es kam anders; nüchterner, zurückhaltender, skeptischer. Die Skepsis beruht auch auf dem Mangel an Informationen: Sputnik V getestet nur an hundert Personen, die anschließend Antikörper aufwiesen, Nebenwirkungen Fieber. Die üblichen weiteren Tests stehen noch aus, die Beobachtung von Nebenwirkungen über einen längeren Zeitraum ebenso. Befürchtet wird, dass bei einem negativen Verlauf die Akzeptanz für wirkungsvolle Impfstoffe sinken könnte.

Aber angenommen, es wäre so: Russland hätte Mittel gegen das Virus gefunden. Wäre dann die Geschichte vorbei? Oder träte sie dann ein in das nächste Kapitel? Wie schnell kann der Impfstoff produziert werden? Welchen Ländern teilt Russland zuerst den Impfstoff zu? Wie verteilen die Länder den anfangs knappen Impfstoff unter der Bevölkerung? Wie stark wird die Impfgegnerinnenfraktion sein? Und angenommen, du hast die Möglichkeit, dich mit einem unzureichend getesteten Impfstoff aus Russland spritzen zu lassen, würdest du das tun? Und wenn nicht: Wie muss der Impfstoff beschaffen sein, dem du vertraust?

In Contagion, dem Soderberg-Film über eine Pandemie, liegt am Schluss der Impfstoff verwahrt in einer auf rotem Samt gebetteten Spritze. Er ist kostbar, er beendet auf Knopfdruck die Gefahr. Der 11. August ist kein Knopfdruck. Er ist ein weiterer Tag in einer langen Reihe von Uneindeutigkeiten. Nichts hier ist auf Samt gebettet.

Ansonsten: Forscher der Universität Florida erbringen den Nachweis, dass die in Aerosolen befindlichen Coronaviren ansteckend sein können. In NRW gibt es mehrere Klagen gegen die Maskenpflicht an Schulen. Nachdem der coronainfizierte Basketballer Michael Ojo beim Training zusammenbricht, stirbt er kurz darauf an den Folgen eines Herzinfarktes. Der amerikanische Präsident erklärt auf einer Pressekonferenz zum Thema Corona, dass die Spanische Grippe von 1917 den Zweiten Weltkrieg beendet habe.

11. August | darauf einrichten

Im Kindergarten von Freunden ein Coronafall. Nicht das ganze Haus, doch einige müssen in Quarantäne, zumindest, bis der Test negativ ausfällt. Das ist etwas, was ich gern vermeiden würde: bei 33 Grad in Quarantäne sitzen.

Vermeiden würde ich weiterhin gern eine Ansteckung mit dem Virus. In den letzten Tagen gab es mehrere Situationen, in denen ich wusste, dass ich nicht alles tat, um dieses Risiko zu minimieren. Mal geschah es aus Bequemlichkeit, mal war es falsch verstandene Scham. Ich tue mich schwer damit, mich immer an das Vernünftige zu halten. Noch schwerer, andere davon zu überzeugen; Nichtmaskenträger auf ihr Nichttragen hinzuweisen zum Beispiel. Oder in sozialen Situationen konsequent Abstand zu halten, weil Abstand immer auch das Soziale aus der Situation nimmt und es Situationen gibt, in denen das zu großer Irritation führt und ich dann abwägen muss, ob ich bereit bin, diese Irritation auszuhalten. Zu oft nicht.

So oder so gehe ich davon aus, mich in diesem Jahr zumindest einmal in Quarantäne begeben zu müssen. Der Kindergarten ist groß, die geplanten Ausstellungen und Lesungen sind einige. Manche Situationen müssten nicht sein, andere schon. Zufall oder Unvernunft, eines von beiden wird Schicksal spielen.

Jemand teilt den Artikel der taz. Dort steht: »Viele nun vorliegende Studien zeigen aber, dass die Infection Fatality Rate (IFR), der Anteil der Todesfälle an allen Corona-Infektionen, in einem Bereich von 0,1 bis 0,3 Prozent liegt, also dem einer normalen Grippe.« Oberthema des Teilenden ist Covid19 als Massen-Psychose. Ich frage mich erneut, wieso diese Gleichung Covid=Grippe immer wieder aufzugehen scheint, wieso es im achten Monat der Pandemie nicht möglich ist, die vielen weiteren Faktoren in die Rechnung einzubeziehen und manche stattdessen unbeirrt bei der simpelsten aller Lösungen landen.

Ansonsten: In Russland wird der weltweit erste Coronaimpfstoff zugelassen, zu den ersten Geimpften gehört eine Tochter Wladimir Putins. Der Tübinger Bürgermeister Boris Palmer lässt sich »gegen Corona« impfen, weil er als Testperson bei einer Coronaimpfstoffstudie teilnimmt. In Neuseeland wird die erste Infektion seit 102 Tagen gemeldet. Weil Saisonarbeiter fehlen, warnt der Bundesverband der obst-, gemüse- und kartoffelverarbeitenden Industrie vor einem Engpass bei Einlegegurken. Risikoeinschätzung.

10. August | Der Kabarettist und die Coronawütenden

Ich müsste die Aktion begrüßen. Ein Kabarettist tritt während der Querdenken-Demonstration am Samstag in Stuttgart auf die Bühne. Er sagt, dass er aus dem Mainstream käme, erklärt Hegels Dialektik, sagt, wenn in Berlin 1,3 Millionen gewesen wären, dann sind in Stuttgart heute Hunderttausende und spricht über Pressefreiheit.

Ich müsste das gut finden. Doch ich bin befremdet. Ich weiß, dass ich niemals den Mut hätte, mich auf eine Bühne vor diese Gruppe von Menschen zu stellen und einzustehen für meine Überzeugung. Es ist leicht, vor dem Bildschirm etwas Wirkliches zu kritisieren.

Aber bei aller inhaltlicher Übereinstimmung finde ich den Auftritt muffig, oberlehrerhaft und selbstgerecht. Der Kabarettist spricht nicht nur. Er belehrt auch. Mehrmals ruft er: »Wenn Ihr für Meinungsfreiheit seid, müsst Ihr meine Meinung aushalten.« Jemand buht ihn aus und ruft: »Und du musst das aushalten.«

In diesem Fall irrt der Coronawütende nicht. Der Kabarettist muss das Buhen aushalten. Seine Rede beweist nichts. Sie beweist nur: Die Coronawütenden halten ihn aus. Fast zwölf Minuten darf der Kabarettist sprechen. Er wird nicht unterbrochen, kein Strom wird ihm abgestellt, niemand zerrt ihn von der Bühne, niemand verbietet ihm das Wort. Seine Meinung wird ertragen, die Coronawütenden erweisen sich zwölf Minuten lang als Freunde der Meinungsvielfalt, als Verfechterinnen der Demokratie, als treue Anhängerinnen des Grundgesetzes. Was der Kabarettist offenlegen wollte, schlägt ins Gegenteil um. Er liefert den Coronawütenden Selbstbewusstsein, wappnet sie mit Argumenten: Sie haben ihn ausgehalten.

Nur einmal kippt der Auftritt. Der Kabarettist fragt, ob die Zuhörerinnen die »totale Meinungsfreiheit« wollten und erklärt, dass Covid19 eine hochgefährliche Krankheit sei und Maskentragen und Abstandhalten das Beste sei, was man dieser Tage tun könne. Die Coronawütenden sind irritiert. Sie buhen, bewegen sich unruhig, die Hände mit den hochgehaltenen Smartphones beginnen zu zittern.

Ich überlege, was geschehen wäre, wenn der Kabarettist seine gesamte Rede wie in diesem Teil bestritten hätte. Wenn er sich verletzlich gemacht hätte. Wenn er aufgezählt hätte, wie es ihm in den letzten sechs Monaten ergangen ist, wo er zweifelte, wo glaubte, wann wusste. Warum er seine Entscheidungen wie getroffen hat, wie er wahrnimmt. Wenn er den Auftritt nicht gemacht hätte, weil ihn ein rechtschaffender Impuls treibt, sondern weil er unsicher ist und doch in vielen Dingen sicher und er für sich erklären will, weshalb das so ist und weshalb ihn das von den Coronawütenden unterscheidet.

Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, ob sich irgendjemand auf die Bühne vor Coronawütende stellen muss. Ich weiß nicht, ob man mit ihnen reden muss, ihnen immer wieder Aufmerksamkeit schenken sollte. Ob man sie als Ausnahme betrachten sollte oder als die extreme Spitze von Strömungen, die in abgeschwächter Form jeder aus seinem nahen Umfeld kennt, weshalb es gut wäre zu verstehen, wohin sich etwas entwickeln kann.

Wahrscheinlich gibt eine Bühne wie in Stuttgart keinen Raum für solche Überlegungen. Wenn der Kabarettist in voller Kenntnis dessen, was es bedeutet, nach totaler Meinungsfreiheit ruft und ihm daraufhin zugejubelt wird, und das nicht geschieht, weil die Coronawütenden sich in der Tradition des Goebbelspublikums sehen, sondern weil sie davon nicht wissen und deshalb den Kontext nicht einordnen können, wie soll da ein Austausch stattfinden? Soll überhaupt ein Austausch stattfinden?

Ich bin ratlos. Ich weiß nur: Ich will eine Gegenwart, in der sich kein Kabarettist auf die Bühne stellen und die Sportpalastrede von 1943 zitieren muss, ich will eine Gegenwart, in der jeder und jede das Zitat vom »totalen ….« einordnen kann und versteht, was daraus erwächst, für sich selbst, die anderen, die Welt, in der er und sie jetzt lebt.

Ansonsten: Wegen der Missachtung der Hygienemaßnahmen prüft Berlin ein Alkoholverbot für dortige Kneipen. Weil er auf einer Coronademonstration nicht als Privatperson, sondern in offizieller Funktion eine Rede hält, wird ein Polizist in Bayern intern versetzt. Vor einem Gelsenkirchener Freibad muss die Polizei eine Menschenschlange auflösen, weil der Mindestabstand »nicht annähernd« eingehalten wird.

9. August | Gerüchteküche (In den Dörfern II)

Letzter Tag der Dorfreise. Während eines Gesprächs bekommen wir Fotos gezeigt. Eines trifft mich ins Mark. Das Foto zeigt ein geschlossenes Tor mit Eisenstangen. Vor dem Gitter steht eine Familie; Ehefrau, Kinder, Enkelkinder. Manche tragen Masken, alle lachen, schauen, was hinter dem Gitter ist. Wer da ist. Der demenzkranke Ehemann, Vater, Opa. An seiner Seite die Pflegerin. Sie hält sacht seinen Arm, trägt eine Maske. Es ist sein achtzigster Geburtstag. Die Familie ist gekommen, um ihn zumindest zu sehen. Gemeinsam feiern, ihn zu umarmen, ihm nahe sein, ist unmöglich. Entstanden ist das Foto im April 2020, die Familie getrennt durch die Eisenstangen.

Später im Gespräch brodelt die Gerüchteküche. Im Prinzip geht es in netter Weise um die üblichen geselligen Austäusche über das eigene und fremde Leben; wer liebt jetzt wen und wer wen nicht mehr, was machen die Kinder, ist aus ihnen was geworden und wenn ja, was, wer ist auf welcher Feier gewesen und hat sich dort wie verhalten, vor allem: Wer sagt was über wen und was wird über mich gesagt?

Immer wieder schleicht sich in diesen allgemeingültigen, alltäglichen und überall anzutreffenden Klatsch und Tratsch Corona hinein. Es wird besprochen, wer wann wo Urlaub gemacht hat oder machen wird und ob das Urlaubsgebiet Krisengebiet ist oder war. Es wird erzählt, wie jemand auf einer Geburtstagsfeier war und dort erst sehr spät zu erkennen gab, dass er gerade aus Ägypten zurückgekehrt ist, man ist empört. Es wird über Kinder gesprochen, die zur Schule gehen oder nicht, weil sie zur Risikogruppe gehören.

Es wird von Hörensagen berichtet; Frau X habe gesagt, Frau Y wäre da und dort gewesen und hätte sich damit einer Coronagefahr ausgesetzt und wenn Frau Y zufällig eine der Gesprächspartnerinnen ist, empfindet sie es als ungehörig, dass solche Gerüchte über sie verbreitet werden und Frau Z, eine weitere der Gesprächspartnerinnen pflichtet bei und sagt, dass diese Lügengeschichte ein schlechtes Licht auf Frau X werfe, die im Übrigen, wie man so hört, gern selbst ohne Maske in kritischen Bereichen unterwegs sei und deshalb erst einmal vor der eigenen Haustüre kehren solle, bevor sie solche Behauptungen in die Welt setze etc.

So mischt sich in Liebe, Kinder, Urlaub, Tod Corona wie selbstverständlich in die Gerüchteküchen ein, wird dort zu einer festen Konstante der Kommunikation.

Ansonsten: Während der Fußballweltmeister Thomas Berthold auf der Querdenken-Demonstration in Stuttgart spricht, »weil wir hier mit Spekulationen von ein, zwei Wissenschaftlern oder Vertretern des RKI besudelt werden«, spricht der Kabarettist Florian Schröder dort, um kabarettistisch »die Grenzen der Meinungsfreiheit« der Demonstrationsteilnehmerinnen zu testen. Gesundheitsämter in mehreren Städten erhalten Bombendrohungen. Kurz vor Auftakt der Finalrunde der Champions League werden beim Fußballklub Atlético Madrid mehrere Infektionen festgestellt. Wegen großer Nachfrage sind alle Hausboote in Deutschland ausgebucht. Seit hundert Tagen ist Neuseeland coronafrei.

8. August | 1,3

In Gera gewesen. Bei der Amthorstraße mehrere Polizistinnen gesehen. Aus welchen Gründen auch immer der erste Gedanke: Die sichern den Ort bestimmt für einen Coronaspaziergang.

Die Tatsache, dass eine Woche nach der Demonstration in Berlin immer noch über die Teilnehmerzahl diskutiert wird, zeigt, wie effizient die Öffentlichkeitsarbeit der Sympathisanten ist. Die so oft wiederholte Zahl von 1,3 Millionen Teilnehmerinnen ist so absurd und wanderte vielleicht gerade deshalb so erfolgreich durch youtube, Facebook und das Whatsapp mancher Familiengruppe. Einen Streit darum, ob nun 20000 oder 30000 dabei waren, könnte man unter geduldete Unschärfe abspeichern. Aber wer an die Zahl 1,3 Millionen glauben möchte, möchte auch glauben, dass Strukturen existieren, die diese Zahl vertuschen wollen.

Mittlerweile kenne ich jemanden aus dem weiteren Bekanntenkreis, der an der Demonstration teilgenommen hat. Der Beweggrund war die Sorge um den Datenschutz. Diese teile ich auch, z.B. bei der polizeilichen Verwendung der Kontaktlisten in Gastronomien. Würde ich mich deshalb hinter Reichsflaggen und »Lügenpresse«-Ruferinnen einordnen? Eher nicht.

Ansonsten: Bei einer Umfrage erklären 87% der Befragten, dass die Menschen, die gegen Corona-Maßnahmen auf die Straße gehen, nur eine Minderheit der Bevölkerung repräsentieren. Wegen steigender Infektionszahlen ordnet Paris eine Maskenpflicht auch im Freien an. Das Friends-Comeback muss wegen Corona erneut verschoben werden.

7. August | In den Dörfern

In den letzten Tagen wieder Fahrten zurück in die kleinsten Dörfer. Im Gegensatz zu Anfang April, als vor Jena Rehe auf der Autobahn liefen, fließt diesmal der Verkehr gewohnt. Autos rollen, LKWs überholen, auf der verengten Fahrbahn staut es sich kurzzeitig wie in Vorpandemiezeiten.

Obwohl unsere Absichten andere sind, kommen in den Dörfern die Gespräche auch auf Corona. Nur in wenigen Orten gab es bisher Fälle. Thema ist die Pandemie dennoch. In einem Dorf schlägt jetzt jeden Mittwoch um 19.00 Uhr im Kirchturm die Coronaglocke, um an die Pandemie zu erinnern. »Im Gebet füreinander einstehen, mit Lob und Dank, mit Klage und Bitte vor Gott treten« steht auf dem angeschlagenen Zettel im Infokasten, »stellen Sie eine Kerze ins Fenster, dann werden unsere Orte etwas heller.«

In den Kirchen sind die Bänke mit Absperrband markiert, nur auf jeder dritten oder zweiten Bank darf gesessen werden, nach Möglichkeit jede Familie für sich. Auch das Singen ist reduziert; nur zwei Lieder pro Gottesdienst und Messe, die erste Strophe jeweils. Viele Ältere bleiben ganz weg und schauen mit Sicherheitsabstand die Übertragungen von Gottesdiensten in den Öffentlich-Rechtlichen.

Alle geplanten Feste sind ausgefallen oder abgesagt; keine Sportturniere, Osterfeierlichkeiten, Wasserfeste, Kirmessen, das erste Mal seit langer langer Zeit kein Maibaumsetzen. Auch die ansonsten regelmäßig stattfindenden Feuerwehrübungen und Fortbildungskurse gibt es seit März nicht mehr; »die Jungs sind aus der Übung«, sagt jemand.

Bei denen, die bei Autozulieferbetrieben arbeiten, ist Kurzarbeit. Einige werden ihre Arbeit verlieren, weil die Firmen die Schichten zum Teil um die Hälfte runterfahren oder gleich ganz schließen. »Das wird jetzt auf Corona geschoben, aber da gab es vorher schon Probleme«, heißt es. Im Museum sind die Besucherzahlen gerade sehr hoch, Urlaub in Deutschland bedeutet dann eben auch einen Tagesausflug an die Saale. Die am und mit dem Wald leben, sorgen sich auch um den heißen Sommer, die trockenen Fichten und die Borkenkäfer, die braunen Nadelbäume.

Bei allen, mit denen wir reden, spricht aus den Worten Sorge über das Virus, dessen Schädlichkeit, den weiteren Verlauf der Pandemie. Grundsätzliche Zweifel hören wir nicht, sondern ein Bemühen, sich zu arrangieren; im Gemeinderat die sieben Stühle der Mitglieder im entsprechenden Abstand aufstellen, die regelmäßigen dörflichen Bierabende auf Eis zu legen und nur zögerlich wieder aufnehmen. Zugleich läuft der Alltag weiter; Hühner füttern, sich um den Forst kümmern, das Land.

Ansonsten: Die Zahl der Neuinfektionen steigt in Deutschland über tausend. Um eine Verbreitung von virenhaltigen Aerosolen zu unterbinden, raten die Salzburger Festspiele trotz der Hitzewelle vom Gebrauch von Fächern während der Vorstellungen ab.

6. August | Im Zenit im Schwimmbad

Der Pandemie wegen hat das Weimarer Schwanseebad zwei sogenannte Zeitfenster eingerichtet: 10-14 Uhr und 15-19 Uhr. Die Karten können nur online gekauft werden, siebenhundert Karten sind pro Fenster vorhanden. Eine halbe Stunde vor Ablauf des Zeitfensters weist die lautsprecherverstärkte Bademeisterstimme darauf hin, dass das Zeitfenster bald ablaufen werde und gibt letztmalig den 10er frei. Eine Viertelstunde vor dem Ende fordert die Stimme auf, nun das Wasser zu verlassen und sich zum Ausgang zu begeben.

Innerhalb weniger Minuten verlöschen die typischen Freibad-Geräusche; Platschen, Kreischen, Lachen, Rufen, Prusten, Schwappen. Die siebenhundert Besucher wechseln von Bade- zu Unterhose, legen die Handtücher zusammen, packen die angebrochenen Prinzenrollen in die Taschen, schütteln die Decken aus und laufen in kleinen Gruppen zur großen Schwanseebadtreppe.

Siebenhundert Menschen verlassen nahezu geräuschlos das Freibad. Leise plätschert SARS-CoV-2-Genmaterial, unschädlich gemacht vom aggressiven Chlor, gegen den Beckenrand. Der Sprungturm unbetreten, die Wiesen unbelegt, das Wasser eine glattgestrichene Fläche. Es ist kurz vor zwei Uhr am bisher heißesten Tag des Jahres, noch für Stunden wird die Sonne über dem leeren Schwanseebad im Zenit stehen, in diesem Sommer der Pandemie.

Ansonsten: Weil die Gummibänder an den Ohren anstatt am Kopf befestigt werden, erweisen sich fünfzig Millionen von der britischen Regierung eingekauften Schutzmasken für den Krankenhausgebrauch als untauglich. Wer in Stuttgart trotz entsprechender Vorschriften keine Maske trägt, muss zukünftig ein Bußgeld von 75€ zahlen. Weil nach der Explosion die Versorgung der Verletzten Priorität hat, stellen viele Krankenhäuser in Beirut den Coronavirustest vorläufig ein. Die Zahl der Coronatoten steigt auf über siebenhunderttausend.

5. August | Die Gedichte dieser Zeit

(1) In was ich kaum noch hineinlese: Informationen, die von einem möglichen Impfstoff berichten. Zu viele ähnliche Texte schon gelesen und zwei Wochen später die Einordung, aus welchen Gründen dieser doch nicht den erhofften Erfolg verspricht. Außerdem nicht lesen: die stetig zunehmenden Informationen, welche die gesundheitlichen Folgen des Virus beschreiben (Herz, Niere, Gehirn etc.). Dieses Ignorieren geschieht aus Selbstschutz.

(2) Der Bundestagsvizepräsident, welcher einer Oppositionspartei angehört, sagt in einem Interview, dass die Politik es versäumt habe, den Menschen genau zu erklären, was das Ziel ihrer Coronamaßnahmen sei. Ich stutze. Nicht ein zu wenig an Informationen, sondern ein Überangebot davon scheint es in den letzten Monaten gegeben zu haben; monothematische Zeitungsstrecken, Podcasts, Talkshows, längere Reportagen, Newsticker, Interviews mit Experten, Pressekonferenzen etc. Wer wollte, hat sich informieren lassen können. Alles an der Aussage des Bundestagsvizepräsidenten dient einem Zweck; es ist nicht Informationsvermittlung.

(3) Am Abend am Frauenplan zusammensitzen. Zuerst muss eine Kontaktliste ausgefüllt werden. Seit dem Anstieg der Neuinfektionen vor zwei Wochen in Weimar ist das wieder Pflicht. Gespräch sind kommende Veranstaltungen. Zum ersten Mal seit März können die ausgefallenen Lesungen, Workshops, Ausstellungseröffnungen nachgeholt werden. Oftmals in kleinem Kreis (Lohnt sich eine Vernissage in einer Galerie, in der aktuell nur sieben Personen gleichzeitig sein dürfen?). Aber immerhin. Es ist ein Arrangieren mit den Umständen, es geht auch um die Existenz.

Fast einhellig ist die Meinung, dass im Herbst, wenn draußen keine Termine mehr möglich sein werden, diese drinnen nicht stattfinden können. Stattdessen ein Einrichten auf einen langen, veranstaltungslosen Winter, der bis ins späte Frühjahr ziehen könnte. Und ein Einrichten auf die Folgen, die das mit sich bringt.

Auf meine Frage, ob die Pandemie schon Eingang gefunden hat in das aktuelle Schreiben ein eher vorsichtiges Kopfschütteln. Die Gegenwart ist noch in vollem Gang, die Gedanken im Kopf ungeordnet, der Abstand zu gering, aktuell nur ein sachtes Hintasten in wenigen Sätzen. Die Gedichte über diese Zeit, so die Vermutung, werden erst nach dieser Zeit geschrieben werden.

Ansonsten: NRW erhebt zukünftig eine Strafzahlung von 150€ für das Nichttragen von Masken in öffentlichen Verkehrsmitteln. Der wegen Corona verschobene Kinostart des Disney-Films Mulan entfällt, dafür wird der Film gestreamt, 30$ wird das Anschauen kosten. Bolivien setzt die Schule für ein Jahr aus. Laut einer Studie dauert ein durchschnittlicher (Home Office)-Arbeitstag während der Pandemie 48,5 Minuten länger als zuvor. Den mit dem SARS-CoV-2 infizierten Robin Hanbury-Tenison aus Cornwall hält während seines Kampfes gegen das Virus der Gedanken am Leben, dass er nach seiner Genesung einen Biber freilassen kann.

4. August | Der Blueser und das Virus

Am Frühstücksbüfett ist Handschuhpflicht. Maske ist die Kür, um Mindestabstand wird gebeten. Vor dem Büfett ein kleiner Tisch, auf dem ein Stapel Servietten liegt, daneben ein Desinfektionsspender und eine Packung dünner Einmalhandschuhe. Nahezu alle Frühstückerinnen greifen danach, es geht zivilisiert zu am Büfett.

Der Teufel liegt im Detail. Gerade beim An- und Ausziehen der Handschuhe: Welche Finger berühren wann welche Bereiche der Hand? Wie lässt sich ein Handschuh so abstreifen, dass die kontaminierten Stellen nicht die geschützten verunreinigen? Schleudert das schnappende Gummi nicht womöglich Virenmaterial über den Frühstückstisch?

Vorschriftsmäßig greifen die behandschuhten Hände nach Servietten, mit denen sich später über den Mund gewischt wird. Der Pa­t­ri­arch aus Ostsachsen behält die Handschuhe beim Schneiden der Brötchen an, liebevoll umgreift der Handschuhschutz die Körnerkrusten. Nebenan der alter Blueser trägt keine Handschuhe.

Abgesehen vom Blueser sind es alles vorsorgliche Handlungen. Alle halten sich an die Hygieneregeln, selbst, wenn sie Umstände machen, wenn sie den gemütlichen Vorgang des Frühstücken beeinträchtigen und verkomplizieren, wenn jede Handbewegung mit Handschuh daran erinnert: Das ist kein normaler Sommer, das ist kein normales Entspannen, außerhalb dieser Büfettsicherheitszone lauert ein potenziell tödliches Virus, vielleicht ist es sogar hier, vielleicht habe ich mich gerade infiziert, als ich selbstgeimkerten Honig auf meinen Teller tropfen ließ.

Die Lücken in der Sicherheitszone entstehen – abgesehen vom alten Blueser – nicht aus Böswilligkeit. Sie entstehen aus Unwissenheit (Wie wird ein Handschuh angelegt), aus verständlicher Nachlässigkeit am Morgen, aus Tollpatschigkeit. Bis auf den Blueser geben sich alle Mühe, das ist etwas.

Später denke ich noch mehrmals über das Frühstücksbüfett nach. Mir fällt ein fehlerhafter Gedankengang meinerseits auf. Wie bei der üblichen Maske geht es beim üblichen Handschuhtragen nicht darum, mich zu schützen. Sondern andere. Indem ich meine Hand unter einem Handschuh verberge, verhindere ich die Übertragung meiner potentiellen SARS-CoV-2s auf andere. Wenn alle Hände so geschützt sind, kann kein SARS-CoV-2 die Weichkäseplatte kontaminieren.

Und ich denke: Es gibt eine Hierarchie der Risikobewertung. Wenn ich Mundschutz trage, den Mindestabstand einhalte, meine Hände vor dem Büfett desinfiziere und dann Handschuhe anziehe, schaue ich skeptisch auf jene, die zwar Mundschutz und Handschuhe tragen und den Mindestabstand einhalten, aber ihre Hände nicht desinfizieren. Diese wiederum beäugen kritisch die, die Handschuhe anlegen und Mindestabstand halten, aber keine Maske tragen.

Alle ohne Maske, aber mit Handschuhen schauen empört auf den alten Blueser ohne Handschuhe. Hält dieser aber den Mindestabstand ein, wird ihm womöglich auffallen, wenn jemand sich beim Büfett direkt hinter ihn stellt und ihm in den Nacken atmet. Und kommt jemand im Ganzkörperschutzanzug mit Helm zum Frühstücksbüfett, werden ihm Maßnahmen wie Stoffmaske oder Handschuhe lächerlich und unzureichend erscheinen. Die Einschätzung, welcher Schutz angemessen ist, ist auch eine Frage der eigenen Position.

Ansonsten: Laut einer Umfrage haben zwei Drittel der befragten Deutschen kein Verständnis für Demonstrationen, die sich gegen die staatlichen Auflagen zur Eindämmung der Pandemie richten. Weltweit haben sich mehr als 18 Millionen Menschen mit SARS-CoV-2 infiziert, knapp 700000 sind daran gestorben. Im Juli waren in etwa 160 Ländern die Schulen geschlossen, mehr als eine Milliarde Schülerinnen waren davon betroffen. In Qingdao wird das »Chinesische Oktoberfest« eröffnet, das Hunderttausende in die Provinz Shandong locken soll. Wegen vorsätzlichen Hustens in Richtung Schiedsrichter oder anderen Spielern können Fußballspieler zukünftig des Feldes verwiesen werden.

3. August | Straße des 1. August 2020

Irgendwie hatte ich gehofft, dass Querdenken-Demonstrationen kein Thema mehr sein würden. Eine naive Vorstellung angesichts von Tag der Freiheit – Das Ende der Pandemie, der Demonstration, die am Samstag in Berlin auf der Straße des 17. Juni stattfand.

(1) Zwischen 20000 und 1,3 Millionen Menschen nahmen daran teil. Letztere Zahl basiert auch auf oft geteilten Fotos, welche die Loveparade vor knapp zwanzig Jahren zeigen. Während der Veranstaltung wird diese Zahl immer wieder berauscht von deren Größe genannt, als Beleg für eine »Welle«, die bald über das Land kommen werde.

(2) Überhaupt wird die »Wellen«-Metapher mehrmals eingesetzt; wir sind die zweite Welle, wir alle sind die Welle etc. Die mehrfach ambivalente Verwendung dieser Metapher (im medizinischen Sinn, im literarischen Sinn als Beispiel für eine Protestbewegung, die aus dem Ruder läuft) wird nicht thematisiert.

(3) Zeitgleich trendet auf Twitter #Covidiot mit dem Verweis auf die nicht eingehaltene Masken- und Abstandspflicht der Teilnehmerinnen. Deren Sympathisantinnen wiederum verweisen umgehend auf die Black Lives Matter-Demonstrationen von Juni und die dortige Enge und unterstellen damit Heuchelei. Auch wenn beim Betrachten der Videos von beiden Veranstaltungen auffällt, dass im Juni deutlich mehr Masken getragen wurden und zumindest bei einer Demonstration vor der Siegessäule Abstand gehalten wurde, die Irritation, dass die #Covidiot-Hashtagbenutzer diese Gemeinsamkeit beider so unterschiedlicher Demonstrationen kaum zur Kenntnis nehmen.

(4) Sehr bemerkenswert ist die Vielfalt der Teilnehmer. Oder besser: Die Gegensatzpaare, die widerspruchslos nebeneinander laufen. »No Nazi«-Transparente neben Die-Lunikoff-Verschwörung-T-Shirtträger, die Reichsflagge neben SchwarzRotGold, die russische Fahne neben der amerikanischen. Immer wieder wird das Grundgesetzt zitiert; auf dem T-Shirt »Die Würde des Menschen ist unantastbar«, ein Kruzifix auf das Grundgesetz-Buch geklebt etc.

Überhaupt ist der Glaube präsent (Deutschland braucht Jesus). Einige meditieren auf der Straße, andere tanzen zu einer Reggae-Version des alten sozialistischen Partisanenliedes »Bella Ciao«, während jemand einen AfD-Sticker auf seine Handyhülle geklebt hat. QAnons laufen neben Esoterikerinnen, Impfgegnerinnern neben Ärztinnen. Der 50jährige Camp-David-T-Shirtträger geht neben der 20jährigen Kapitalismusgegnerin, die hofft, dass die Pandemie der Anfang vom Ende des Kapitalismus ist. Jemand hält ein Schild hoch: »Besser Corona als Auto Lärm Gift Tote Verletzte«. Von der Bühne setzt sich jemand in Tradition des Arbeiteraufstands von 1953 oder dem Mauerfall. Die »Wir sind das Volk«, »Wir bleiben hier«-Rufe sind sowieso permanenter Soundtrack.

Weltbilder fließen ineinander, Symbole stehen nebeneinander, verlieren ihren Sinn, bekommen einen neuen zugewiesen. Es ist schwer zu sagen, was – bei aller Unterschiedlichkeit – das ist, was alle eint. Die Pandemie ist nur Auslöser, selbst ein Symbol, das erst mit Bedeutung aufgeladen werden muss. Dafür ist diese Demonstration da: Bilder zu schaffen, Erinnerungen, Zeichen und Schlagworte. Auf der Bühne sagt einer: In zwanzig Jahren wird diese Straße Straße des 1.August 2020 heißen.

(5) Was die meisten gemeinsam haben, wird beim Betrachten des Videos von Dunja Hayali deutlich. Sie filmt etwa dreißig Minuten ungeschnitten ihren Weg durch die Demonstration hindurch. Das Video erinnert an die Szene aus Game Of Thrones, dem Walk of Shame der Cersei Lannister, in dem sie durch die Stadt läuft und vom Volk beschimpft wird, den Spießrutenlauf.

An diesem Tag stehen die Demonstrantinnen Hassspalier für Hayali. Manche brechen aus der Masse hervor, halten Hayali kurz ihr Smartphone ins Gesicht, filmen, fallen dann zurück, hämisch oft der Gesichtsausdruck, begeistert auch darüber, der Staatsmacht ein wenig Widerstand entgegengebracht zu haben. Teilnehmerinnen drängen Gespräche auf, fordern, »Die Wahrheit« zu berichten. »Die Wahrheit« ist ein großes Thema, danach wird verlangt. Immer wieder die Rufe »Schäm Dich Dunja«, vor allem immer: Lügenpresse. Fast die gesamten dreißig Minuten hindurch der nicht leiser werdende Chor, Lügenpresse, Lügenpresse, Lügenpresse.

(6) Tue ich die Rufe anfangs als typische Folklore solcher Veranstaltungen ab, zermürbt mich das unablässige Geschrei. Das ständige Skandieren macht mich in seiner Penetranz und Schlichtheit dünnhäutig, fast aggressiv. Es ist schwer, in diesem Sound wahrzunehmen oder Gedanken zu fassen. Anders gesagt: Lügenpresse wirkt. Die Rufenden erreichen ihr Ziel.

(7) Nach einigen Stunden wird die Demonstration aufgelöst, wegen nicht eingehaltener Hygienevorschriften. Ansonsten greift die Polizei kaum ein, anders als bei einer parallel stattfindenden Gegenkundgebung, auf die gut geschützten Polizisten in den Zug der Protestierenden hineinlaufen und nicht wenige zu Boden werfen.

(8) Wieder das alte Spiel: Wie viel Aufmerksamkeit soll den 1,3 Millionen 20000 geschenkt werden? Wie repräsentativ stehen sie für die anderen 82 Millionen? Suggerieren die Bilder, Texte, Videos nicht eine Dringlichkeit, die so nicht vorhanden ist? Wird diese Dringlichkeit erst durch die Erzählungen darüber geschaffen? Was hat es zu bedeuten, wenn NoNazi neben Landser, Kapitalismuskritikerin neben Reichsbürger demonstriert? Wie groß ist die Schnittmenge, was sind die Schnittmengen? Wie dauerhaft ist die Vereinbarung, über die Unterschiede hinwegzusehen und sich für das gleiche Anliegen starkzumachen? Was ist überhaupt das Anliegen? War das einfach der heißeste Tag des Jahres oder werden solche Allianzen von Dauer sein? Welche Folgen können daraus erwachsen?

(9) Ich hoffe sehr, dass Querdenken-Demonstrationen niemals mehr ein Thema sein werden.

(10) siehe (0)

Ansonsten: NRW führt die Maskenpflicht in Schulen ein. Nach Coronainfektionen auf den gerade erst wieder gestarteten Kreuzfahrten wird der Kreuzfahrtbetrieb vorerst auf Eis gelegt. Patrick Stewart liest das hundertste Shakespeare-Sonnet, mit dem Lesen begann er zu Beginn des Lockdowns.

2. August | das Geräusch, mit dem ein Paddel in Seewasser taucht

In den letzten Tagen das einzige von Bedeutung das Geräusch, mit dem ein Stechpaddel in Seewasser taucht. Kaum Gedanken zu den Coronomonaten, von denen ich glaubte, sie weiterverfolgen zu müssen. Von der Welt so gut wie nichts mitbekommen. Nur ab und an bricht ein Geschehnis durch, ich fange es ab, bevor es mich erreichen und beschäftigen kann. Es ist Luxus, so viel ist mir bewusst, dieses Tanken von Nichts, das Ansammeln von Sommerflirren, das durch den Herbst und Winter bis in die nächste Saison tragen soll.

Eine Woche aussetzen, damit in der Erinnerung eine Woche lang die Pandemie nicht stattgefunden hat. Natürlich findet sie statt, denn wenn ich mich in wenigen Minuten erstmals wieder an die Newticker heranpirschen und an den Zahlenkolonen entlangstreifen werde, werde ich feststellen, dass das, was geschehen ist, keinen Anlass bietet anzunehmen, dass irgendetwas geschafft wäre.

Nur Bemerkungen zu zwei Geschehnissen (von sicherlich wesentlich mehr), die mir bemerkenswert scheinen.

(1) Wenige Tage, nachdem Herman Cain, einer der republikanischen Präsidentschaftskandidatenbewerber von 2012, die Wahlkampfveranstaltung von Donald Trump in Tulsa besucht hat, wird er mit einer Covid19-Erkrankung ins Krankenhaus eingeliefert. Während er an Beatmungsgeräte angeschlossen ist, twittert sein Social-Media gegen die Maskenpflicht an. Noch am Tag seines Todes wird ein solcher Tweet abgesetzt: Als Herman Cain an Covid19 stirbt, erklärt er auf Twitter, dass Covid19 nicht gefährlich sei.

(2) Die bayrische Polizei gibt bekannt, dass sie, entgegen aller Beteuerungen, dass die Adresslisten, die bei dem Besuch einer Gastronomie ausgefüllt werden müssen, nicht für polizeiliche Ermittlungen verwendet sollen, diese Adresslisten für polizeiliche Ermittlungen verwendet. Es sei schließlich im Interesse des Bürgers, Verbrechen aufzuklären.

>>> zu den Coronamonaten Februar – Juli 2020

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