>>> zu den Coronamonaten Februar – Juli 2020

25. November | Angst V

In den ersten Coronamonaten schrieb ich mehrmals über die Angst. Der letzte Eintrag datiert auf den 16. Juni, ein halbes Jahr ist seit der letzten Angst vergangen. Gestern fand ich eher leichthin Worte für diesen November. Ich bin in der privilegierten Situation, mich vorerst nicht in Situationen begeben zu müssen, die ein besonderes Ansteckungsrisiko bedeuten würden. Bei Menschen in meiner Umgebung ist das anders. Einigen fällt es schwerer, die Zeit ist für sie eine dunkle oder wird es gerade. Das registriere ich, das beschäftigt mich.

Auch dadurch, dass es insgesamt mehr Infektionen gibt, gibt es zwangsläufig deutlich mehr Berichte über den Verlauf von Covid19, über die Folgen jenseits der milden Symptome, Beschreibungen jener, die nicht zu einer sogenannten Risikogruppe gehören, intubierte 25jährige, Joggerinnen, die es kaum noch die Treppe hinauf schaffen, das schwere Atmen, die Tragik in den Worten, die davon erzählen, jemanden verloren zu haben.

Ich schreibe, dass ich keine Angst davor habe, dass ich die Wahrscheinlichkeiten abwäge und zu dem Schluss komme, ich muss vorsorgen und mich dann nicht sorgen. Ich schreibe das auch der drei Impfstoffe wegen. Anders, als im Juni gehe ich davon aus, gerettet zu werden.

Das schreibe ich an einem Tag mit einem Höchststand, 410 an Covid19 Verstorbene an einem Tag in Deutschland. Kein Wissen nach zehn Monaten SARS-CoV-2, kein Impfstoff mit 95% Wirksamkeit, keine Studie hat die Gestorbenen retten können. Wie kann ich da annehmen, sicher zu sein? Wie kann ich annehmen, dass ich mich nicht anstecke, dass mein Verlauf geringfügig verlaufen würde, wenn das Anstecken auch zufällig ist, wenn das Eintreten einer schwereren Erkrankung von Faktoren abhängig ist, nicht wirklich eindeutig sind?

Der einzige Grund für das Verweigern von Angst ist das Wegschieben der Angst, so, wie ich oft die Angst wegschiebe. Ich wäge Wahrscheinlichkeiten ab und beschließe dann, mir die Stille nicht nehmen zu lassen. Ich finde das vernünftig in diesem November. Es ist nicht die Realität.

Ansonsten: Italien vermeldet einen Höchstwert von an Covid19 Gestorbenen seit März. Die China National Biotec Group beantragt die Zulassung für einen Impfstoff. Der Chef der Lokführergewerkschaft spricht sich für eine bevorzugte Impfung von Bahnmitarbeiterinnen. Die Deutsche Bahn rechnet mit einem Jahresverlust von knapp 6 Milliarden Euro. Opel bietet an Werksflächen zum Aufbau von Corona-Impfzentren an.

24. November | für immer November

Man hat sich darauf geeinigt, dass die aktuellen Zahlen zu ertragen sind, auf diesem Niveau lässt es sich aushalten. Dieser Zustand wird bis knapp vor Weihnachten aufrechterhalten, dann wird für einige Tage die Käseglocke gehoben, damit die letzten Tage des Jahres schön werden können und alle im Januar in den November zurückkehren können und dort bis März verbleiben, zum Jahrestag des ersten Lockdowns vielleicht ein Ende.

Die Zeit ist zum November gefroren, ein ewiger Lockdown Light, ein Verharren im Corona-Purgatorium, weder überwundene noch absolute Krise, ein Limbus mit überschaubaren Beschränkungen, aber Beschränkungen.

Für mich bleibt weiterhin das, was die Pandemie schrecklich macht, weitestgehend fern. Selbst der Lockdown trudelt vor sich hin, die Auswirkungen sind sicht-, aber nicht tiefgehend spürbar. Das Zurückziehen erscheint in meiner Situation nicht wie fremdbestimmt, wie ein Diktat, weshalb ich Wut verspüren müsste auf die Entscheider, sondern selbstbestimmt. Auch ohne Pandemie würde ich mich momentan aus der Gesellschaft nehmen und diesen Zustand bis ins Frühjahr hinein verlängern. Soziale Distanz wäre sowieso der Normalzustand.

Der nächste öffentliche Termin ist im Februar, ich unternehme keine Anstrengungen, bis dahin anderes zu erwarten. Aktuell bedrückt mich wenig (ein schlechtes Gewissen deswegen). Das Schreiben müsste nicht sein, ich käme auch gut ohne die Coronamonate durch die Tage, obwohl es eine Zeit ist, in der es viel zu sagen gibt. Die Ausflüge in verschiedene Randbereiche der Pandemie sind Ornamente des bereits Notierten.

Weiterhin ist mein Schreiben nach neun Monaten ein Schreiben über die Gesunden und nicht über die Kranken, die Geschichten der Getroffenen bleiben unerzählt, die Dramatik der Lage, die Krankenhäuser, die Zahlen finden sich nicht im Schreiben wieder, vielleicht, weil ich mich fürchte einzugestehen, dass die als solche empfundene Ruhe nur eine vermeintliche ist und jederzeit hinweggefegt werden kann vom Zytokinsturm.

So sind die Tage ein Abwarten. Durch die Ankündigung der funktionierenden Impfstoffe (aktuell: 3 plus Sputnik V) heißt es irgendwie durchkommen, bis die Frühjahrssonne die Knospen küsst und das gesellschaftliche Leben wach. So ist auch dieses Schreiben: ein Durchhalten, ein Festhalten an den Worten, solange die Zeit zu November erstarrt ist.

Ansonsten: Die Entscheiderinnen einigen sich darauf, vom 23.12-1.1. die Kontaktregeln zu lockern. Bis dahin werden die Maßnahmen verschärft. Aufgerufen wird zu einer mehrtägigen Selbstquarantäne vor Weihnachten. In seinem neuen Buch kritisiert Papst Franziskus die Corona-Proteste. Nachdem mehr als 2000 Arbeiterinnen in den Fabriken des weltgrößten Gummihandschuhherstellers positiv auf Covid-19 getestet wurden, bricht die Aktie des Unternehmens ein. Der Hotel- und Gaststättenverband spricht sich gegen eine Öffnung nur für Weihnachten aus: »Unsere Unternehmen sind keine Garagen, die man nach Belieben auf- und zusperren kann.« Forscherinnen finden Hinweise darauf, dass Mundspülungen das Infektionsrisiko reduzieren. Waffenhandel in Österreich.

  1. November | orange Weste

Die Szene: Während einer Querdenken-Veranstaltung steht eine junge Frau auf der Bühne und sagt, sie fühle sich wie Sophie Scholl, da sie seit Monaten aktiv im Widerstand sei, Reden halte, auf Demos gehe, Flyer verteile, wie Sophie Scholl, als diese den Nationalsozialisten zum Opfer fiel, sei sie 22 Jahre und werde niemals aufgeben, sich für Freiheit, Frieden, Liebe und Gerechtigkeit einzusetzen.

In diesem Moment tritt ein Ordner vor die Bühne und will ihr seine orange Weste reichen, sagt, dass er für diesen Schwachsinn keinen Ordner machen wolle. Die Frau ist irritiert, versteht ihn nicht, Schwachsinn? Andere Ordner kommen, er erklärt sich, spricht von Verharmlosung des Holocausts. Die Frau sagt, sie habe doch gar nichts gesagt, dreht sich dann um, bricht offensichtlich in Tränen aus. Der Ordner wird weggeführt, ruft der Frau dabei zu: »Das ist mehr als peinlich.« Ein Querdenker eilt auf die Bühne, will tröstend den Arm um die Frau liegen, sie wehrt ihn ab, schleudert das Mikrofon zu Boden, verlässt so die Bühne.

Das Video wird geteilt, es verlässt die sozialen Kanäle, Artikel erscheinen. Das Video erfährt Resonanz, weil es in einer Minute etwas zusammenfasst, das die letzten Wochen und Monate bestimmt hat – die selbstbewusste Gleichsetzung von Querdenkerinnen mit den Opfern des Faschismus. Das Video ist kurz, verständlich, überraschend, absurd, deshalb witzig, es entlarvt und, vor allem, bietet es eine Lösung ab. Jeder kann vor eine Bühne mit Querdenkerinnen gehen und sagen: »Das ist mehr als peinlich.«

Eine Verteidigung der Frau findet nur zaghaft statt: Der Ordner habe sie unrechtmäßig unterbrochen und ihr damit das Recht auf freie Meinungsäußerung genommen, quasi Cancel Culture, der Ordner habe die Rede skandalisieren wollen, es sei eine geplante Aktion gewesen.

Damit hört es schon auf. Mehrheitlich ist die Meinung: Das ist irre. Gegen die Gleichsetzung Querdenkerin=Sophie Scholl wird dagegengehalten. Artikel zur Weißen Rose erscheinen, welche die geschichtlichen Hintergründe erläutern. Es wird gespottet: Einmal im Bus für eine Schwangere aufgestanden – Rosa Parks. Einmal kein Abendbrot gegessen – Ghandi. Einmal einen Koffer stehengelassen – Stauffenberg.

Manche nehmen die Frau später in Schutz, sagen, man solle sich nicht an einer 22jähriger abarbeiten, sondern an jenen, die die Proteste auch aus wirtschaftlichen Gründen befeuern. So oder so: Das Video erscheint wie ein Schlussstrich unter all die jüngsten Vergleiche, als ein absolutes Überdrehen. Die Gleichsetzung wirkt in ihrer ungeheuerlichen Unverhältnismäßigkeit nicht mal mehr beängstigend, sondern abstrus, lächerlich, peinlich. Der Vergleich fällt auf die Querdenkerin zurück, er schrumpft sie und ihr Anliegen auf Zwergengröße: Wer so spricht, wie soll man die fürchten?

Und: Es wird Bildung gefordert, Geschichtsunterricht für die Frau und alle Querdenker, am besten ein halbes Jahr nur Geschichtsunterricht für alle. Aber löst Wissen und Bildung die Frage, wie es dazu kommt, dass eine 22jährige, die offensichtlich von Sophie Scholl und dem Nationalsozialismus gehört haben muss, sich in eine Reihe mit antifaschistischem Widerstand setzt?

Die freundliche Interpretation wäre: Naivität. Die Frau wählt als Symbol den Widerstand gegen das maximal Böse, weil sie sich im maximal Bösen sieht. Man kann ihr das nachsehen, weil sie jung ist, offensichtlich überfordert, man muss sie nicht ernstnehmen.

Eine andere Interpretation wäre: Björn Höcke war Geschichtslehrer. Er hat Wissen vermittelt, mehrere Jahrgänge von Schülerinnen über viele viele Geschichtsstunden hinweg gebildet. Björn Höcke, der Faschist genannt werden darf, hat auf einem »Trauermarsch« an seinem Anzug eine Weiße Rose getragen, jemand, der genau weiß, welches Symbolik damit verbunden ist. In dieser Realität ist alles möglich, alle Symbole sind für alle verfügbar und verwendbar. Faschistisches Denken bedient sich antifaschistischer Symbolik, was Aneignung ist, Provokation, Umdeutung und damit eine Entwertung des ursprünglichen Symbols und damit der Sache, ein Vermischen und Negieren, ein Unkenntlichmachen und Verschleiern.

Die Frau auf der Bühne ist gebildet. Sie verfügt über Wissen und geschichtliche Kenntnisse. Sie braucht nicht mehr Geschichtsunterricht. Sie braucht u.a. Ordner, die vor aller Augen die orangefarbene Weste ablegen.

Ansonsten: Die Überlegungen zur Verlängerung des Lockdown Lights werden konkreter. Der britisch-schwedischen Pharmakonzern Astrazeneca vermeldet den nächsten erfolgsversprechenden Impfstoff. In Amerika werden Millionen von Flugreisenden gezählt, die wegen des kommenden Thanksgiving unterwegs sind. In Weimar findet die Versteigerung von Fundsachen erstmals online statt.

22. November | das letzte große Symbol

Friedrich Merz sagt in einem Interview: »Es geht den Staat nichts an, wie ich mit meiner Familie Weihnachten feiere. Da kann er mir Ratschläge geben, aber er mischt sich bitte nicht ein.«

Friedrich Merz sagt das im Kontext eines DER SPIEGEL-Titelbildes, das Angela Merkel mit Rute zeigt, Titel »Kampf ums Fest«. Sagt das im Kontext des nicht wie erhofft zahlensenkenden Lockdown Lights. Sagt das mit der Wahrscheinlichkeit auf Verlängerung von Kontaktsperren und dem Beschränken privater Kontakte. Sagt das mit Aussicht auf den Ausfall von Gottesdiensten und Festessen in Lokalen, auf ein Geschenkeauspacken im engsten Kreis.

Ich verstehe die Aussage. Das, was notwendig ist, um die Zahlen zu senken, das, was deshalb untersagt wird – ohne Chance auf wirkungsvolle Kontrolle – greift ein in etwas zutiefst Privates, etwas, das elementar ist oder zumindest notwendig, um ein bestimmtes Bild von sich und seinen Lieben aufrechtzuerhalten. Weihnachten, gerahmt von Coronabestimmungen, wäre das letzte große Symbol des Jahres dafür, wie stark das Virus und dessen Bekämpfung in alle Lebensbereiche gewirkt hat.

Der Widerspruch muss groß sein. Dagegen wäre Weihnachten wie immer ein Mittelfinger gegen die Pandemie, ein finaler Triumph über das Virus, der Beweis, dass SARS-CoV-2 eben doch seine Grenzen hat. Covid19 würde damit an Familie Hoppenstedt scheitern.

Nur, was wäre mit einem Weihnachten wie immer gewonnen, wenn danach ein verlorener Januar käme?

Ansonsten: In Skigebieten sollen Schneekanonen Desinfektionsmittel versprühen. Nachdem bei Trauerfeierlichkeiten für den an Covid19 gestorbenen montenegrinischen Bischof Amfilohije Radović die Trauernden den toten Bischof am offenen Sarg auf die Stirn küssten, infizieren sich mehrere Trauergäste, darunter Bischof Artemije Radosavljević, der nun ebenfalls an Covid19 gestorben ist. Nachdem auf einer Querdenken-Demonstration in Hannover sich eine Rednerin mit Sophie Scholl vergleicht, quittiert ein Ordner noch während der Rede den Dienst.

21. November | nochmal Held sein

Immer noch Helden, immer noch die Differenz zwischen Couch und 48-Schicht im Krankenhaus, immer noch das Erzählen dieser Zeit.

Im Podcast sinnieren zwei über die historische Wucht der Gegenwart – wird das, was gerade geschieht, später einmal eine bedeutsame Epoche sein und spüren wir das jetzt schon? Eine sagt: Seit März kann ich zum ersten Mal nachvollziehen, warum die Leute nach Kriegen … dieses manische Backen … Fleisch essen … Einer unterbricht, sagt: Jetzt müssen wir aufpassen, jetzt kommen wir zum Thema Weinerlichkeit … der naheliegende Gag ist ja zu sagen; diese Generation hat nichts erlebt und jetzt werden sie den Rest ihres Lebens erzählen, es war so schlimm, 2020 mussten wir mal mehrere Wochen mit unseren Kindern zuhause verbringen … Netflix gucken und Bananenbrot backen … wenn wir die Geschichte so erzählen, wirken wir auch etwas … schräg als Figuren. (ab Minute 33:00 Uhr)

Das ist die Heldenfrage: Was werde ich, der nicht zu denen gehört, wegen denen im März auf den Balkonen geklatscht wurde, einmal von der Pandemie erzählen? Wie banal wird es wirken, wenn ich sage: Der Kindergarten, die Schule hatte zehn Wochen geschlossen? Ich konnte weniger Freunde treffen, weniger reisen, keine Filme im Kino schauen? Ich durfte nicht umarmen, ich musste eine Maske tragen und im Home Office arbeiten?

Wie werde ich denen, die heute noch nicht geboren sind, davon berichten? Von der Einsamkeit, dem Abgeschiedenen, den Krankheiten? Wie werde ich das Belastende an der eingetretenen Normalität verdeutlichen, so, dass es nicht banal und läppisch wirkt? Welchen Platz werde ich mir in dem historischen Jahr 2020 einmal zuschreiben?

Und was, wenn sich 2020 als gar nicht mal so ausnehmend erweisen wird, wenn das Einschneidende vergessen werden wird, wenn es verschütt geht unter dem Kommenden, wenn die ständigen Ausnahmen im Rückblick eher skurril als beängstigend erscheinen, wenn das Belastende (und alle sind belastet mit den vergangenen Monaten) leichter, weil blasser wird, wird das Verblassen nicht sogar notwendig sein, das Nicht-Erzählen-Können, das Nicht-Verstanden-Werden-Sein?

Ansonsten: Die Bundesländer erwägen eine Verlängerung des Lockdown Light bis Weihnachten, Gaststätten, Kultur- und Freizeiteinrichtungen sollen bis dahin geschlossen bleiben. Ein Fox News-Moderator schlägt vor, einen Coronaimpfstoff nach Trump zu benennen: »Es wäre eine nette Geste. In ein paar Jahren könnte es ein ganz gewöhnlicher Name sein. Hattest du deinen Trump schon? Ich hatte meinen Trump schon, mir geht es gut.« Nachdem ein Buspassagier in St. Petersburg einen Maskenverweigerer auf das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes hingewiesen hatte, ersticht ihn dieser.

20. November | 80 Millionen Virologinnen

Ich sehe ein Video mit Naomi Seibt. Naomi Seibt ist der Versuch, eine neurechte (youtube)-Influencerin zu etablieren, die Klickzahlen stehen dabei im gegensätzlichen Verhältnis zur medialen Aufmerksamkeit. In diesem Video »widerlegt« Seibt in 17 Minuten den PCR-Test des Virologen Christian Drosten.

Ich bin erstaunt. Seibt, die ansonsten über »Migrationskritik« und Anarchokapitalismus spricht, spricht nun von mRNA, Bronchiallavage und Nukleotidsequenzen. Mir fällt ein Tweet ein, den ich nach dem »historischen« 0:6 Debakel der deutschen Fußballnationalmannschaft gegen Spanien las:

Seit es die Pandemie gibt, gibt es 80 Millionen Virologinnen und Epidemiologinnen. Auch ich gehöre dazu. Ich versuche das, was mich umgibt, was meinen Alltag so beeinflusst, zu verstehen. Deshalb beschäftige ich mich mit Themen, die ich sonst hätte links liegen gelassen. Der Grat ist schmal zwischen: der selbstbewussten Inbesitznahme von Wissen und dem Wissen um die Grenzen dieses Wissen.

Der Grat wackelt, wenn ich mir komplexes Neues aus einem mir fremden Themengebiet angelesen habe, das ich wichtig für das Verständnis der Situation halte und ich dieses Neue anderen mitteilen will. War beim Lesen das Verstehen gegeben, schwimmen im Gespräch die Fakten davon, entgleiten die Zusammenhänge, fragt mein Gegenüber nach und stößt mich so auf die blinden Flecke meiner angelesenen Erkenntnisse, die ich zu kaschieren versuche, weil ich mir keine Blöße geben will.

Dieses Weitergeben von Erkenntnissen ist glitschig. Ich gebe mich als Virologe aus, um mit dessen Reputation die Bedeutsamkeit der Erkenntnisse zu untermauern. Spräche ich zu einem Virologen, selbst zu einer Biologin, sie würden mich sofort entlarven. Doch ich, der Hobbyvirologe, spreche immer zu einem ebensolchen Hobbyvirologen. Wir bestätigen uns in unserem laienhaften, auszugsweisen, bruchstückhaften Wissen, das unbedingt notwendig ist, um zu erklären, um uns einen Platz zu geben in dieser Zeit. 80 Millionen Virologinnen, ich gehöre dazu.

Ansonsten: Mit fast 24000 Neuinfektionen wird ein Höchststand vermeldet, da die Anwendung der Tests angepasst wurde, sind die Zahlen nur bedingt mit denen der Vorwoche vergleichbar. Das bei dänischen Nerzen mutierte Coronavirus ist »aller Wahrscheinlichkeit nach« ausgerottet. Weil eine Konditorei Schokoladenweihnachtsmännern einen Mund-Nasen-Schutz aus Schokolade anlegt, ernten die Bäcker einen Shitstorm in den sozialen Medien. Mindestnähe: Wissen.

19. November | Mike tanzt nicht mehr

Winfried Kretschmann, grüner Ministerpräsident in Baden-Württemberg, teilt auf seiner Facebookseite ein Video, das im Zuge der Wellenbrecher-Kampagne in Baden-Württemberg entstanden ist. Das Video zeigt »Mike«, der professioneller Balletttänzer am Opernhaus Zürich ist. Durch Corona kann er plötzlich nicht mehr arbeiten. Mike sagt: »Man hat dann von heute auf morgen auf einmal gar nichts. Dann verlässt dich so eine Stabilität.«

Dann fasst Mike einen Entschluss: »Mir war klar: Du hast jetzt einen Auftrag und kannst der Gesellschaft etwas Anderes geben.« Mike beginnt Medizin zu studieren: »Corona war eigentlich der Hauptgrund dafür, dass ich angefangen habe, Medizin zu studieren. Eine Krise, die mir vorher alles genommen hat, hat mir eigentlich alles gegeben.« Mike, der Balletttänzer, tanzt nicht mehr. Nach der Pandemie wird Mike ein Arzt sein.

Es fällt schwer, etwas anderes in den Clip hineinzulesen als Arzt>Balletttänzer, als eine videogewordene Entsprechung von systemrelevant, da, wo Kultur und Kunst verortet wird. In Österreich schließen die Buchläden, die Waffengeschäfte bleiben offen. In der ersten Runde der Unterstützung von Soloselbstständigen konnte vielerorts nur Betriebskostenersatz beantragt werden. Winfried Kretschmann hat das Video mittlerweile gelöscht.

Ansonsten: Während der gestrigen Querdenker-Demonstration in Berlin schleusen Abgeordnete der AfD Demonstrantinnen ins Reichstagsgebäude, welche verschiedene Politikerinnen bedrängen. Wegen steigender Zahlen schließt New York die Schulen. Wladimir Putin zeigt sich wegen der steigenden Zahlen von Corona-Toten in Russland besorgt. Die Hersteller des Impfstoffes BNT162b2 korrigieren die Wirksamkeit auf 95%. Aufgrund der Massenkeulung von 15 Millionen Nerzen tritt der dänische Lebensmittelminister Mogens Jensen zurück. In Belgien, Frankreich und den Niederlanden gehen die Infektionszahlen zurück. In der Schweiz sollen Soldaten die überlasteten Krankenhäuser unterstützen. Mit Wonder Woman 1984 wird der letzte große Film für 2020 aus den Kinos genommen und in den Stream gegeben.

18. November | Faschismus

(I) Kultivierte Leute
Vor einigen Wochen ein Gespräch. Sie erzählt, wie entsetzt sie sei, dass sie vermehrt mit Menschen schreibt und spricht, die sie schon lange kennt, die sie schätzt, kluge, studierte, kultivierte Leute, die die Coronamaßnahmen mit dem Faschismus vergleichen. Die Mails lange, entsprechend erklärende Absätze beifügen, die im Gegenüber erklären, dass all jene, die heute bereitwillig Masken tragen und den Maßnahmen folgen, damals mit den Nazis marschiert wären, an der gegenwärtigen Coronahörigkeit könne man sehen, wie damals Faschismus entstanden sei.

(II) Beispiele für Faschismusopfersymbolik bei den Querdenkerinnen
Ein elfjähriges Mädchen vergleicht aufgrund einer nur eingeschränkten Geburtstagsfeier ihre Lage mit der von Anne Frank. Gelbe Sterne auf den Querdenker-Demonstrationen, dazu der Schriftzug »Impfjude«. Ein Querdenken-Arzt verbreitet ein von der AfD geteiltes retuschiertes Foto des Eingangstors des KZ Dachau, darauf steht: »Impfung macht frei«. Der Vergleich des Infektionsschutzgesetz mit dem Ermächtigungsgesetz.

(III) Rhetorik
Als Donald Trump noch amerikanischer Präsident war, war eines seiner rhetorischen Mittel, die gegen ihn vorgebrachten Vorwürfe gegen seine Gegner zu wenden. Nicht er, sondern die anderen manipulieren die Wahl, nicht er, sondern die anderen lügen und machen Fake News, nicht die Proud Boys und der KKK sind eine Bedrohung, sondern die AntiFa und BLM etc.

(IV) Martin Walser, Rede in der Paulskirche am 11. Oktober 1998
»Wenn mir aber jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, daß sich in mir etwas gegen diese Dauerpräsentation unserer Schande wehrt. Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande, fange ich an wegzuschauen. Ich möchte verstehen, warum in diesem Jahrzehnt die Vergangenheit präsentiert wird wie nie zuvor. Wenn ich merke, daß sich in mir etwas dagegen wehrt, versuche ich, die Vorhaltung unserer Schande auf die Motive hin abzuhören, und bin fast froh, wenn ich glaube entdecken zu können, dass öfter nicht das Gedenken, das Nichtvergessendürfen das Motiv ist, sondern die Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken. Immer guten Zwecken, ehrenwerten. Aber doch Instrumentalisierung. […] Auschwitz eignet sich nicht dafür, Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung.«

(V) besser die Durchseuchung
»Und genau in diese Kerbe wird jetzt wieder geschlagen: Wegen so eines Virus so “einen Aufstand” machen, entspricht nicht männlichen oder nationalen Werten. … Denn selbst wenn der Virus schlimm ist (worüber bei ihnen Uneinigkeit besteht), so ist es doch einerseits individuell besser, … sich eben nicht an den Schwachen auszurichten. Das ist interessant, weil man ja auch vermuten könnte der extremen Rechten wäre daran gelegen, große Teile des eigenen Volkes zu schützen. Aber das stimmt eben nicht, wenn es schwache Teile sind. Das Schwache ist nie schützenswert und muss raus und weg. Das ist Faschismus. Es gäbe dazu noch sehr viel zu sagen – diese Idee von Schwäche und Stärke, und wer zentral ist und nach wem sich Gesellschaft bzw. Volk auszurichten haben, ist zentral im Faschismus und findet sich zum Beispiel im Antisemitismus, der völkischen Eugenik, im Antziganismus usw. wieder.«

(VI) 18.11.
Für den 18.11. rufen Querdenkerinnen zu einer Demonstration gegen die Erweiterung des Ermächtigungsgesetzes Infektionsschutzgesetzes auf, Zitat: » Berlin muss brennen!«, Zitat: »Das überlebt keiner von denen u Spahn wird der erste sein.«

Ansonsten: Während des Lockdowns in Österreich sind die Buchläden geschlossen, Waffengeschäfte haben geöffnet. Polen und Ungarn legen Veto gegen die geplanten Coronahilfen der EU ein, weil sie damit gegen Pläne protestieren, die zukünftig Verstöße gegen rechtsstaatliche Prinzipien ahnden sollen. Da in der Schweiz keine freien ITS-Betten mehr vorhanden sind, tritt Stufe B der Triageempfehlungen in Kraft; keine Reanimation mehr, keine schweren Traumafälle und Berücksichtigung von Vorerkrankungen. Dolly Parton hat sich mit einer Million Dollar an den Entwicklungskosten des Impfstoffes mRNA-1273 beteiligt.

17. November | gegenläufige Bewegungen

Innerhalb einer Woche wird ein zweiter Impfstoff gefunden bekanntgegeben, dass die Testreihen für einen Impfstoff erfolgreich verlaufen sind. mRNA-1273 scheint noch vielversprechender als BNT162b2; eine etwas höhere Wirksamkeit, dazu längere Haltbarkeit und geringe Kälte beim Transport. »Besser wird es nicht«, sagt Immunologe Anthony Fauci und in Folge dessen stürzt nach Bekanntgabe von mRNA-1273 die Aktie von BNT162b2-Produzent Pfizer erst einmal ab.

Mit mRNA-1273 verstärkt sich eine gegenläufige Bewegung: Einerseits die Nachrichten von wirksamen Impfstoffen und damit ein konkreter Blick auf eine Zeit ohne Pandemie. Andererseits: Die Höchststände, die sich ständig übertreffende Werte, die eintreffenden Prognosen, die vollwerdenden Betten. Die Zahlen zeigen einen grauen November, grauer, als es März und April waren.

Es treffen die Fotos aus den Krankenhäusern ein, die Augenzeugenberichte von Intensivstationen, die Videos der überforderten und warnenden Ärztinnen und Krankenschwestern, die heimlichen Aufnahmen der zu Leichenwagen umfunktionierten Kühlwagen, die außerhalb der Behandlungsorte stehen, Bilder von Plastiksäcken. Ein Déjà-vu und ich frage mich, ob es diesmal, ähnlich wie im Frühjahr, symbolische Bilder und Begebenheiten geben wird, die den Ernst der Lage verdeutlichen und auf das Verhalten der Schauenden wirken, weil diese sich sagen: Dieser Bilder treffen mich ins Mark. Unter allen Umständen will ich vermeiden, dass ich ähnliches erlebe.

Ansonsten: Als Ersatz für die Christmette plant die Deutsche Bischofskonferenz eine Hausliturgie, mit der Gläubige zu Hause Weihnachten feiern können. Der Bund plant, Mitarbeiterinnen bei Dienstreisen einen leeren Nachbarplatz im Zug zahlen. Bei den Beratungen über die Coronamaßnahmen kracht es zwischen Bundeskanzleramt und Ländern. In Österreich tritt der Lockdown in Kraft.

16. November | Besondere Helden

Die Bundesregierung gibt mehrere kurze Clips bei Florida TV, der Produktionsfirma von Joko & Klaas, in Auftrag. In den Filmen sind alte Menschen zu sehen, die vom Winter 2020 berichten, der Pandemie, und wie sie zu Helden wurden: in dem sie nichts taten. Sie lagen auf der Couch und bingten, lagen im Bett und aßen Kentucky Fried Chicken, sie zockten. Sie wurden für ihr Nichtstun ausgezeichnet, sie wurden – so der Titel der Filme – besondere Helden.

Die Begeisterung, auf diese Weise die Notwendigkeit einer Kontaktbeschränkung zu kommunizieren, ist groß. Mit englischen Untertiteln versehen werden die Clips auf der Welt geteilt, der Generaldirektor der WHO schreibt: »I fully agree. Thank you for this great video, Government of #Germany.«

Der Abscheu ist groß. Igor Levit schreibt: » es gibt keine einzige Ebene, auf der sich dieser Pandemie „Werbefilm“ bewegt, die ich nicht ekelhaft finde. Keine.« Anna Aridzanjan schreibt: » Ihr glaubt nicht, wie unangemessen und ekelhaft ich dieses “Kriegseinsatz”-Framing zu Corona finde (und dann auch noch als Witz, höhö!), während ich wochenlang einen echten Krieg verfolgt habe und die Bundesregierung (Herausgeberin dieses Videos) NIX ESSENZIELLES tat.« Wolfgang M. Schmitt schreibt: »Immerhin ehrlich: Die Privilegierten dürfen auf der Couch liegen, solange die Menschen, die für Lieferdienste schuften, brav die Pizza bringen.«

Das ist das Lob: der Humor, die Überraschung, der Spin. Das ist die Kritik: das Ausblenden jener, die sich »Faulheit« nicht leisten können, die raus müssen zur (prekären) Arbeit, die Familien, die Einsamen. Das ist die Beschwichtigung: Die Filme sind von der Bundesregierung für eine Zielgruppe gedacht (Joko&Klaas), 21, 22 Jahre, das Alter wird in allen Clips genannt, jene, die man nicht mit Vernunft erreichen kann, erreicht man mit Ironie.

Und vielleicht würde es die Botschaft der Clips noch wahrhafter wirken lassen, wenn die Filme flankiert wären mit z.B. Bemühungen der Bundesregierung, das Gesundheitswesen nicht allein nach ökonomischen Parametern zu betreiben, prekäre Arbeit unmöglich zu machen, zu schauen, was rechtlich beim Trinkgeldprozedere von Lieferdiensten, die ja die Pizzen zu den Helden bringen, zu regeln gäbe, Amazon, die ja die Helden beliefert, mit Steuern zu belegen, mal probeweise ein Jahr lang das System so zu gestalten, dass Altenpflegerinnen so bezahlt werden Verwaltungsbeamte etc.

Der Widerspruch würde nicht ausbleiben – das wird er niemals – aber er würde zumindest den Widerspruch in der Realität nicht mehr so gewaltig erscheinen lassen.

Ansonsten: Zwei Prozent aller deutschen Schülerinnen befinden sich momentan in Quarantäne. Laut einer Studie gibt es eine direkte Korrelation zwischen starkem Übergewicht und hoher Covid-Sterblichkeit. Österreich kündigt Massentests an. Karpfenteichwirte stehen vor Problemen, da sie ihre Fische momentan nicht an die Gastronomie verkaufen können. Auf einer Querdenken-Demonstration vergleicht wegen ihrer im Stillen abgehaltenen Geburtstagsfeier ein elfjähriges Mädchen ihre Situation mit der von Anne Frank. Ugur Sahin, einer der Gründer von Biontech, rechnet mit einer Rückkehr zur Normalität bis Winter 2021.

15. November | Fronten

Eine Unterhaltung über Corona. Sie sagt, dass sie schon lange nicht mehr mit mir darüber gesprochen habe, weil sie ja wisse, dass wir uns an den Fronten gegenüberstehen. Später erst wird mir bewusst, was da eigentlich gesagt wurde. Die Irritation, eine Kriegsmetapher zu verwenden, um Gespräche zu beschreiben. Die zweite Irritation über die Annahme, dass es bei Corona zwei Seiten geben könnte außer: Virus / Mensch.

Im herbstlich warmen Weimar läuft ein Mann in orangefarbener Warnweste durch die Stadt. Er trägt ein Holzschild mit sich, darauf steht: »Gegen Behörden Corona Faschismus«. Ab und an lehnt er das Schild gegen eine Wand oder einen Bauzaun, holt eine Mundharmonika hervor, spielt zehn Minuten, greift das Schild, läuft dann weiter, durch den Ilm-Park, Frauenplan, Markt.

Ansonsten: Forscher arbeiten daran, eine Covid19-Erkrankung anhand der Stimme erkennen zu können. Nachdem Österreich das Land mit den meisten Neuinfektionen gerechnet auf die Bevölkerungsgröße ist, beschließt die Regierung einen harten Lockdown; Schulen und Geschäfte werden geschlossen. Das Konzept des Computerspiels Plague Inc., in dem der Spieler die Rolle eines Virus übernimmt und versucht, sich so schnell wie möglich zu verbreiten, wird in dem Update »Die Heilung« umgedreht; nun muss der Mensch das Virus besiegen. Die Regierung will festschreiben, dass sich erstmals auch private Krankenversicherungen an den Kosten der Coronabekämpfung beteiligen muss. Die Pandemie in Behindertenwerkstätten. Schwarze Wahrheiten.

14. November | Maske forever

Ein Gespräch im Nachgang von BNT162b2, darüber, wann welche Maßnahmen wie zurückgefahren werden. Ich verweise auf die Masken und dass diese auch das Risiko senken, sich mit den typischen Herbstkrankheiten anzustecken und sage leichthin, dass das Maskentragen in der kalten Jahreszeit ja über Corona hinaus bleiben könne, weniger Grippetote wäre der Vorteil, in Japan sei das Standard, ein ständiges Maskentragen.

Mein Gegenüber widerspricht augenblicklich. Er trage jetzt die Maske und sehe auch die Notwendigkeit, es so zu handhaben. Wenn Corona aber überwunden sei, wolle er das nicht mehr tun. Er wolle nicht immer Maske tragen zu müssen, der Eingriff sei zu stark.

Ich zögere. Will ich das? Von nun an forever Maske, sobald die Temperatur unter 5 Grad fällt und der Atem Anderer wieder sichtbar wird? Immer eine Maske im Markt, im Kino, bei Treffen? Ab wie vielen deshalb Grippeüberlebenden wäre ein ständiges Maskentragen gerechtfertigt? Ist es scheinheilig, wegen Corona Masken zu tragen, wegen Grippe nicht? Drehen sich nicht viele Argumente, mit denen ich das Maskentragen heute verteidige, wenn ich sie 2021 im Herbst absetze?

Ansonsten: Die Stadt Landshut plant einen Weihnachtsmarkt zum Durchfahren. Höchststand an Infektionen in Deutschland: 23.542. In den USA: 153.496. Die Bundesregierung erweitert eine Förderung für Buchläden und Verlage. Der als Yorkshire Ripper benannte Serienmörder stirbt an Covid 19. Aus Spitälern.

13. November | Der Supermarkt als Seismograph

Zum ersten Mal seit dem späten Frühling wieder Securitykräfte am Eingang des Supermarkts. Sie weisen beim Betreten darauf hin, dass für einen Besuch des Einkaufmarkts für jede Kundin ein Einkaufswagen obligatorisch ist und greifen gegebenenfalls ein, z.B. bei einem älteren Paar.

Sie hat schon einen Wagen, er hat zwei Krücken, beide Hände umfassen die Gehhilfen. Die Security fordert den Krückengänger auf, auch einen Wagen zu nehmen, pro Kunde eben ein Wagen. Ein zaghaftes Gegensprechen, ein Verweis auf die Krücken, die dadurch gebundenen Hände. Die Security bedauert, bleibt aber konsequent. Das Paar gibt nach, die Frau holt aus dem Wagenvorrat einen zweiten Wagen, schiebt nun links und rechts jeweils einen Wagen durch den Markt, ihr Mann folgt ihr an Krücken.

Währenddessen hält die Security schon Ausschau nach den nächsten Wagenlosen. Schnell wird sie fündig, ein Paar mit Kleinkind hat nur einen Wagen eingelöst. Das Hinweisen, das Durchsetzen, die zweiten Wagen – wäre der Supermarkt ein Seismograph der Coronagefahr, die Grenzwerte der Amplituden wären ein Bild des Novembers.

Ansonsten: Nachdem bei Trauerfeierlichkeiten für den an Covid19 gestorbenen montenegrinischen Bischof Amfilohije Radović, der Pilgerfahrten als »Gottes Impfstoff« bezeichnet hatte, die Trauernden den toten Bischof am offenen Sarg auf die Stirn küssten, infizieren sich mehrere Trauergäste, darunter das Oberhaupt der serbisch-orthodoxen Kirche. Strategen aus dem Research-Bereich der Deutschen Bank schlagen vor, dass, wer nach der Pandemie weiterhin freiwillig im Home Office arbeitet, eine Steuer auf dieses Privileg zahlen sollte, weil Heimarbeiter weniger zur Infrastruktur der Wirtschaft beitragen und damit den Einbruch der Wachstumsraten verlängern würden. In Bremen werden kostenlose FFP-2-Masken für Menschen ab 65 Jahren verteilt, pro Person wird monatlich eine Zehnerpackung ausgegeben. Wo man sich ansteckt.

12. November | Durchhalten bis

Eigentlich wollte ich am 1. November schon einen Text geschrieben haben, der beschreibt, wie irritierend ich es finde, dass als Durchhalteziel für den Lockdown Light Weihnachten ausgegeben ist, die Betonung, wie wichtig es sei, dass das Weihnachtsfest wie gewohnt stattfinden könne.

Ich verstehe das, es braucht ein Licht am Ende des Tunnels und es braucht auch Geschenke, die in diesem Licht strahlen können. Aber ist es nicht auch naiv anzunehmen, man wäre so naiv zu glauben, dass dann zu Weihnachten nicht in Kirchen gesungen werden würde und man würde nicht zusammenkommen und keine Homecomingpartys mit den Schulfreunden feiern und nicht vorglühen und nachglühen, immerzu glühen, glühen bis in den Silvestertaumel (Fck 2020) hinein und dann wäre Januar und der Vorrat an aufgeschobenen Infektionen wäre doppelt und dreifach verbraucht, wäre es nicht naiv zu glauben, Weihnachten 2020 wäre irgendein Ziel?

Diesen Text schrieb ich nicht, denn einiges kam dazwischen, u.a. die vermutliche Abwahl Donald Trumps, der Impfstoff etc. Durch letzteren bekommt Durchhalten noch einmal eine weitere Ebene. Jetzt, da es einen Impfstoff geben wird, bis wann muss noch durchgehalten werden? Ab wann wird das Verabreichenkönnen eines Impfstoffes an Millionen Auswirkungen haben, die Milliarden betreffen? Ab wann wird der Impfstoff die sogenannte Neue Realität, den seit März bestehenden Normalzustand der Ausnahme, so beeinflussen, dass sich die Realität wieder einrenkt?

Wann wird das Impfen die Plexiglasscheiben und Masken, das Abstandhalten und das Armbeugenhusten verschwinden lassen? Wann werden Konzerte mit Sicherheit stattfinden, Produktionsfirmen ihre Filme definitiv für die Kinos freigeben, wann werden die Tische in den Restaurants wieder zusammenrücken, wann wird eine Lesung sein, ohne dass am Eingang ein Desinfektionsspender steht? Wann werde ich wieder umarmen, wann das Husten Fremder nicht mehr fürchten, wann in der Bahn meinen linken Sitzplatz bereitwillig anbieten?

Millionen Dosen 2020, Milliarden Dosen 2021, zwei Impfungen pro Person – BNT162b2 wird Zeit brauchen. Und die Pandemie? Wird sie nach und nach abtropfen vom Alltag, sich leise zurückziehen aus der Wirklichkeit, die Coronaticker leerer und leerer werden, bis sie verschwinden und ich ihr Verschwundensein erst Tage später bemerke? Heißt es durchhalten bis zum Frühjahr 2021, bis ich keinen Lockdown mehr befürchten muss, wird im Frühjahr 2022 die WHO offiziell das Ende der Pandemie vermelden und wird das dann nur eine Meldung unter »Vermischtes« sein, weil die Pandemie bis dahin längst aus meinem Bewusstsein verschwunden ist?

Und dieses Durchhalten, wie viel Kraft wird es brauchen?

Ansonsten: Kurz nach Bekanntgabe des Impfstoffes verkauft der CEO von Pfizer Aktien im Wert von 5 Millionen Dollar, laut Firma aufgrund eines im August beschlossenen Plans. Die Zahl der Infektionen in Deutschland steigt langsamer als noch vor einer Woche. Höchststand an Covid-Patienten in den USA. Die Gewerkschaft der Polizei befürchtet bei einer Verlängerung des Lockdown Light mehr Gewaltbereitschaft. Déjà-vu.

11. November | Mindestnähe

Auch wenn Tagebucheintragungen immer Hinweise in eigener Sache sind, an diesem elften November ein spezieller Hinweis in eigener Sache.

Zusammen mit den wunderbaren Nancy Hünger und Dana Berg schreibe ich an der MINDESTNÄHE. Ein Buch, ein Blog von Begriffen zur Pandemie, zwei Texte zu jedem Wort, dazu eine Illustration und das jede Woche für die nächsten Monate, Begriffe, die von Bedeutung waren und weiterhin sind für die letzten zehn Monate, ein etwas anderes Schreiben als hier in den Coronamonaten, ein Suchen im Dazwischen, ein Verweisen und Verwickeln.

An jedem Dienstag kommt ein neuer Begriff. Wir beginnen mit »Hände«, nächste Woche geht es weiter mit »Wissen«.

www.mindestnähe.de

10. November | Ein Ende (II) BNT162b2

Trump abgewählt, Impfstoff gefunden – das müssen die besten sieben Tage des Jahres gewesen sein. So, als ob sich 2020 noch einmal um einen positiven Gesamteindruck bemühen würde.

Was Quatsch ist, weil ein Jahr ja nichts kann, schon gar nicht einen Impfstoff entwickeln. Den hat die Firma aus Mainz schon im Januar, als es noch keinen Fall in Deutschland gab, wie man so sagt, auf den Weg gebracht. 40000 Tests später BNT162b2, Wirkungsgrad 90%, die Produktion hunderte Millionen Dosen noch in diesem Jahr, Milliarden dann 2021, selbst der Transport bei -71° scheint logistisch möglich.

Warum reagiere ich auf diese Nachricht – in einem Pandemiejahr ja die Entscheidende – anders als auf Sputnik V, den russischen Impfstoff? Immerhin existiert von BNT162b2 nur die Pressemitteilung von Pfizer, einem Pharmaunternehmen, mit denen sich die Wissenschaftler schon im März zusammentaten, um später einmal eine solch gigantische Produktion starten zu können.

Die Langzeitfolgen, Infektionsreduktion, wofür die 90% genau stehen, ist noch nicht genau einsehbar. Dennoch gibt es Informationen auf Kanälen, denen ich vertraue, Bewertungen von Fachleuten, die darauf deuten lassen, dass BNT162b2 nachvollziehbar dem Virus einigermaßen Einhalt gebieten kann.

Ich höre davon am frühen Nachmittag. Augenblicklich ist es, als ob alle Spannung von mir fällt. Als ob das Jahr und seine bleierne Schwere in sich zusammensackt. Augenblicklich werde ich aus der Pandemie katapultiert. Was ich eben noch für Gegenwart hielt, ist plötzlich Vergangenheit; Maske, Plexiglasscheiben, Lockdown, all die Einschränkungen, das permanente Beschäftigen erscheint nun wie etwas, das sich losgerissen hat vom Jetzt. Die Pandemie treibt nach gestern. Was eben noch notwendig schien, kann ich hinter mir lassen. Auch alle Gedankenburgen, die ich gebaut habe, stürzen ein. Sie werden nun nicht mehr gebraucht. Niemand braucht sich mehr mit der Pandemie beschäftigen.

Natürlich weiß ich, dass dem nicht so ist. Dass das Virus sich weiterverbreiten, dass die Produktion und Verteilung des Impfstoffes viele Monate, Jahre in Anspruch nehmen wird, dass sich die Folgen nicht von heute auf morgen in harmlose Aerosole auflösen. Dass es weitere, anders wirkende Impfstoffe geben wird, dass von den 90% BNT162b2 am Ende deutlich weniger bleiben werden.

Aber das Gefühl ist: Ein Impfstoff ist da, ein Fallschirm im freien Flug.

Ansonsten: Während der Kurs der Zoom-Aktie absackt, steigen nach Bekanntgabe BNT162b2s die Kurse der Fluggesellschaften und Reiseunternehmer. Die EU-Kommission bestellt 200 Millionen Impfdosen für Europa. Die Organisatoren der Olympischen Spiele Tokio nehmen die Nachricht von BNT162b2 erleichtert zur Kenntnis. Erstmals werden mehr Menschen auf Intensivstationen behandelt als im Frühjahr. Während in Dresden wegen Corona Gedenkveranstaltung zur Prognomnacht untersagt sind, findet Pediga statt.

9. November | Ein Ende (I) Total Landscaping

Wenn ich die Augen schließe, sehe ich Screens voll mit blauen und roten Counties. Ich sehe tanzende New Yorker und ich sehe eine Pressekonferenz auf einem Parkplatz neben einem Sex Shop, Four Seasons Total Landscaping.

Diese Bilder sagen mir: Die Witzfigur ist nicht länger mehr eine Witzfigur mit Macht. Sie hat ihren Schrecken verloren, die Witzfigur ist nur noch Witzfigur.

Dabei hoffe ich, dass es keine Biopics über die orangen Jahre geben wird, mit Christian Bale als Donald Trump, Cate Blanchett als Melania Knavs, Joe Pesci als Rudy Giuliani. Keine HBO-Miniserien, die das Geschehene irgendwie auch unterhaltsam oder glamourös erscheinen lassen. Keine Bildstrecken mit dem »Kult«-Präsidenten, seine hundert verrücktesten Aussetzer, die zweihundert irrsten Tweets, dreihundert crazy Plottwists, mit denen in den 10er Jahren niemand rechnete.

Ich hoffe, die Verklärung des Grotesken bleibt aus und dafür die Erinnerung an das Schreckliche, an die in Käfig eingesperrten Kinder, überdauert, das ist, was nicht vergessen werden soll, nicht das Foto des Präsidenten hinter einem Tisch voll mit FastFood.

Der 3. November, der 7. November, der 20. Januar ist ein Ende. Und, in der Natur der Sache begründet, ist die Abwahl des einen der Anfang der Anderen. Der 3. November ist ein Punkt auf einer Linie. Die Linie ist die Pandemie. Sie setzt sich fort, ihr ist es gleich, ob 146 Millionen Menschen Stimmen abgaben.

Jeder der 237574 Toten bleibt gestorben, das Gesundheitssystem lavede, die Ungerechtigkeit bestehen, die Wahrscheinlichkeit, als Mitglied einer Minderheit zu erkranken, hoch, die Spaltung, der Hass, die Unvernunft haben an diesem 3. November kein Ende gefunden. So wie sich die Pandemie nicht wegdemonstrieren lässt, lässt sie sich nicht abwählen, lässt sich das System, in dem sie stattfindet, nicht in hundert Tagen ändern.

Die Wahl ist ein Punkt auf einer Linie, die Linie reicht weit in die Zukunft hinein. Doch im Gegensatz zur Linie der Klimakrise scheint das Linienende der Pandemie zumindest in Sichtweite.

Ansonsten: China macht für eine Corona-Neuinfektion in Tianjin eine aus Bremen importierte Schweinshaxe verantwortlich. Weil Karneval nicht stattfinden kann, verteilt die Düsseldorfer Prinzengarde unter dem Motto »Karneval neu denken« sogenannte Sessions-Starter-Sets (Luftschlangen, Luftballons, blau-weiße Schutzmaske, Viererpack Altbier) an Haustüren. Laut einer Studie ändern sich die Einkaufsgewohnheit; die Deutschen gehen seltener zum Supermarkt, dafür fallen die Einkäufe auch größer aus. Weil die Verbrennungsanlagen mit dem Vernichten der 15 Millionen dänischen, mit einer mutierten Form von Sars-Cov2 infizierten Nerzen nicht hinterherkommen, werden die Kadaver in militärischen Sperrgebieten vergraben. Die Zahl von Coronapatienten auf deutschen Intensivstationen erreicht den Höchstwert vom Frühjahr.

8. November | Die Polonaise der 16000

In Leipzig treffen sich 16000, um gegen Coronamaßnahmen Gesundheitsschutz zu protestieren. Ich spreche mit jemanden darüber. Er fragt, nicht rhetorisch, sondern ehrlich interessiert an der Antwort: »Was wäre denn die Alternative zum Schutz? Was wollen die denn?« Wir überlegen, jemand sagt: »Die wollen, dass keine Pandemie ist.«

Wenn es so einfach wäre. Im Laufe des Abends treffen die erwartbaren Bilder ein. 16000 Menschen, die gegen das Tragen von Mundwindeln Masken demonstrieren, tragen keine Masken. 16000 drängen die Polizei zurück, überlaufen den Leipziger Ring, 16000, aus ganz Deutschland angereiste Menschen feiern Polonaise in der Pandemie, atmen Aerosole in 16000 Nacken.

Zeitgleich zu den Bildern aus Leipzig laufen die Bilder der feiernden Amerikanerinnen ein, der Präsident ist abgewählt. Auf beiden Bildern die Aerosole, beiden Bildern kann zum Teil das Gleiche vorgeworfen werden. Aber der Widerspruch, der schmerzt, ist ein anderer. Es ist schwer zu ertragen. Hier die geschlossenen Kinos und Lokale, die nichtstattfindenden Lyriklesungen und Bauhausfassadenprojektionen, alle mit Sicherheitskonzept. Dort die Polonaise im Lockdown, das zynische, mitleidslose, dummdreiste Feiern des Verzichts auf Anstand und Abstand.

Später ein Bild. Ein Mann hat sich ein Schild mit Davidstern umgehängt, darauf steht »Ich bin Covidjud«. Das Bild ekelt mich an. Ich möchte gern jeden der 15999 dieses Bild zeigen, fragen, wie es ist, mit diesem Mann zu marschieren. Ich möchte fragen, weil ich hoffe, dass 15999 ebenso angeekelt sein werden. Nur was, wenn viele die Schultern zucken, wenn sie sagen: Im Grunde genommen ist es doch so.

Für den 9.11., der Progromnacht, meldet Querdenken eine Demonstration in Braunschweig an, dort, wo Hitler eingebürgert wurde, Startzeit: 18:18 Uhr.

7. November | Kleiner Hirschbraten

Vor den gastronomischen Einrichtungen in der Innenstadt sind die Sitzgelegenheiten gestapelt und mit Absperrband gesichert. In den Innenräumen ist es dunkel: Die Gaststätten, Lokale und Restaurants sind geschlossen. Aber in fast jedem Schaufenster hängt ein Zettel, der auf den Mitnehmservice verweist. Zum Teil wird ausgeliefert, ansonsten stehen die Styroporboxen in Hunderterpacks bereitet. Die Speisekarte ist auf wenige Gerichte reduziert, wird sich in den edlen Lokalen wie in einer Kantine auf Tagesgerichte beschränkt. Es gibt Kichererbsen-Tomaten-Salat mit Rucola und gerösteten Kürbiskernen, Süßkartoffel-Hähnchen-Auflauf mit Erdnusscreme, Kleinen Hirschbraten mit Apfelrotkohl und Klößen oder Kartoffeln. Die Informationen, die Karten werden geteilt und verbreitet, auf Facebook, WhatsApp, der eigenen Homepage. Die Kochenden sind vorbereiteter als im März, die Essenwollenden ebenfalls.

Durch die Innenstadt laufen Menschen mit Plastikbeuteln gekochten Essens. Manche setzen sich auf die sonnenbeschienenen Freiflächen vor dem Nationaltheater. Aus den Papierkörben quellt soßenbeflecktes Styropor, der gastronomische November des Pandemiejahres.

Ansonsten: Die Neuinfektionszahl liegt bei über 23000, der Trend der Verdopplung ist abgeschwächt. Experten rechnen mit einer Überlastung der Krankenhäuser in der Adventszeit. Während Trumps Wahlkampfveranstaltungen haben sich über 30000 Menschen infiziert.

6. November | Rebellieren

Heute 19:00 Uhr hätte ein Film an die Fassade des Weimarer Bauhaus-Museums projiziert werden sollen. Der Film ist von Yvonne und Wolfgang, ich habe beim Konzept mitüberlegt. Der Film sollte Auftakt einer Veranstaltungsreihe sein, die sich mit Geschichte und Gegenwart auseinandersetzt. Die Projektion selbst war schon das auf Corona abgestimmte Konzept; Freiluftveranstaltung, frische Luft, genügend Abstand. Das ist nun nicht möglich, die viele Arbeit in kurzer Zeit wenn auch nicht vergebens, doch nicht mit entsprechendem Ergebnis.

In der Reihe, im Film geht es um den Begriff des Rebellen. Historische Beispiele werden gezeigt, aktuelle. Der Begriff ist positiv besetzt. Die Auflehnung einer Person gegen etwas ist begrüßenswert: gegen Diktaturen, gegen gesellschaftliche Konventionen.

Während der Überlegungen zum Konzept, in den Gesprächen über den Rebellenbegriff war klar: so eindeutig ist das nicht. Die Frage: Warum ist Rebell ein wohlwollend wahrgenommenes Wort? Wann wird das, für das der Rebell steht, willkommen geheißen, vielleicht sogar verklärt, wann gilt der Rebell als gefährlich, als terroristisch?

Im Coronajahr gehen diese Sätze nicht auf, wenn nicht nach den Gegnerinnen der Coronamaßnahmen gefragt wird. In ihrer Eigenwahrnehmung sehen sie sich als Rebellen, als Freiheitskämpferinnen, im notwendigen Widerstand gegen ein System. Damit haben sie recht; sie rebellieren gegen eine Mehrheit.

In den Gesprächen fand ich mich, wir uns, oft in der Situation wieder, dass ich – bei aller harscher Kritik – etwas Bestehendes verteidigte. Ich verteidigte Obrigkeiten und Autoritäten, ich machte mich gemein mit denen, die Macht ausübten, sah mich nicht auf einer Seite mit denen, die diese in Frage stellten.

Es war seltsam, weil es sich zugleich richtig anfühlte und falsch. Ich muss immer kritisieren, immer Abstand halten, immer hinterfragen, etwas dagegensetzen, gerade gegen jene, die über Autorität verfügen. Und dennoch konnte ich mich mit einigen der selbstausgerufenen Rebellenbewegungen der letzten Jahre nicht nur nicht sympathisieren, ich empfand sie als bedrohlich, etwas, dem ich mich entgegenstellen musste und muss.

Anders gesagt: Beim Nachdenken über den Rebellen-Begriff fand ich mich auf der Seite der Machthaber wieder, oder, weniger dramatisch, auf der Seite des Bestehenden. Ich verteidigte ein System, obwohl ich viele Zweifel habe. Im Film selbst sagt einer in der Interviewten, dass dies vielleicht die Rebellion der 21. Jahrhunderts ist, das Bestehende zu verändern, indem man es verteidigt.

Ich habe so viel Kritik vorzubringen, aber ich würde niemals die Pose des Rebellen einnehmen. Auch bei Corona nicht. Der Gestus, man müsse gegen ein Unrechtssystem angehen, ist mir fremd. Ich kritisiere das Verbot der Filmprojektion, ohne dabei Fahnen zu schwenken und einen Plot zu vermuten, die böse Absicht, mir meine Meinungsfreiheit zu nehmen.

Ich weise darauf hin, dass die Filmprojektion coronasicher hätte stattfinden können, weise auf den Widerspruch hin, dass eine mögliche Ansteckungsgefahr in den geschlossenen Häusern der Baumärkte oder der Gottesdienste wesentlich größer ist als auf dem weitläufigen Stéphane-Hessel-Platz. Ich ärgere mich über das Verbot, ich verstehe es nicht (und verstehe es doch, als Symbol, als kein Zulassen einer Ausnahme, weil es dann viele Ausnahmen geben müsste), ich spreche über meinen Ärger und schreibe ihn auf. Doch der Gedanke, deswegen rebellieren zu müssen, erscheint mir absurd.

Ansonsten: Nach der Entdeckung mutierter Viren in Nerzen riegelt Dänemark einige Landesteile ab. Im bayrischen Gauting zerstören Feiernde einer Halloweenparty Teile eines Lagers, in dem Material für ein Corona-Notfallkrankenhaus eingelagert war. In Frankreich wird wegen der wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie bis auf Weiteres unabhängigen Buchhandlungen das Porto für den Bücherversand vom Staat erstattet. Wegen der Pandemie wird die Volkszählung auf 2022 verschoben.

5. November | Wahl>Pandemie

Die US-Wahl war seit langer Zeit das erste Mal wieder etwas, bei dem die Pandemie in die zweite Reihe zurücktreten musste. Das erste Mal seit Langem ein intensives Beschäftigen mit einem gerade stattfindenden Ereignis, bei dem es nicht um 7-Tages-Inzidenz, Spike-Proteine oder Aerosole ging.

Für einige Tage war beruhigenderweise Wahl>Pandemie, auch weil die Wahl letztlich nicht so viel mit dem Virus zu tun hatte. Die Pandemie hat in der Berichterstattung keine wahlentscheidende Rolle gespielt. Oder vielleicht doch? Vielleicht sind die entscheidenden Stimmen in den verbleibenden Staaten auf Trumps Verhalten in der Pandemie zurückführen? Oder: Wenn die Pandemie nicht gewesen wäre, hätte Trump dann gewonnen? Hätten die Unentschiedenen für ihn gestimmt, läge er dann längst über der 270? Kann es 2020 irgendetwas OHNE Pandemie geben?

So oder so, versinke ich in den Zahlen, den Counties, Key Race Alerts, den Exit Polls. Es sind Zahlen, Unmengen an Zahlen. Die Zahlen an sich sagen nichts. Sie sagen mir nichts. Jemand muss sie in einen Kontext setzen. Jemand muss mir erklären, wann welche Zahlen erhoben werden, wie sie in Vergleich zu setzen sind zu alten Zahlen, wie sie sich verhalten zu den Zahlen, die noch kommen werden, wie sie zu interpretieren sind.

Jemand interpretiert Zahlen. Ich wiederum interpretiere diese Zahlen für mich. Je nach dem, welchem Interpreter ich zuhöre – CNN, Fox, One America, FiveThirtyEight, ARD, BILD-Livestream, Twitter – verändert sich auch meine Interpretation. Ich kann mir selbst Gedanken zu den Zahlen machen, aber ich bin darauf angewiesen, dass jemand diese Zahlen für mich erhebt und letztlich auch angewiesen, dass jemand die Zahlen vorsortiert.

Später liegt es an mir, wie ich mit der Interpretation der Zahlen umgehe; benutze ich sie skeptisch, als Beweis, argumentiere, veranschauliche ich, nutze ich sie fehlerhaft, nutze ich sie bewusst in einem unwahren Kontext, lüge ich mit den Zahlen?

Weil ich gestern den Bogenschlag zur Pandemie gesucht habe – vielleicht wäre das einer. Auch hier sind es Unmengen an Zahlen. Sie allein sagen nichts, jede Zahl steht für sich und erzählt erst in einem Zusammenhang etwas. Jemand muss sie für mich in Zusammenhang bringen, damit ich damit den Blick auf das Ereignis, den Blick auf die Wahl, auf die Pandemie richten kann, mir damit ein Bild baue.

Ansonsten: Die Neuinfektionen liegen bei knapp 20000, in den USA bei über hunderttausend. Zwischen 19. bis 24. Oktober haben sich die Verkaufszahlen von Toilettenpapier mehr als verdoppelt. Weil dänische Nerze eine Mutation des Virus in sich tragen, müssen 17 Millionen Tiere notgeschlachtet werden.

4. November | Molotowcocktail

In den gestrigen Abend mit der Überzeugung gegangen, dass die Wahl vor der Wahl entschieden ist, dass legal keine Aussicht auf vier weitere orange Jahre besteht, dass das offensichtlich Groteske keine Spannung mehr zulässt, war überzeugt, dass die Situation 2020 eine andere ist als von 2016, dass die Experten, die sich mit Wahlprognosen beschäftigen, ihre Methoden so verändert haben, dass sie das Ergebnis genauer eingrenzen können.

Nach wenigen Minuten schon die ersten Zweifel, erste vorsichtige Zahlen, die andeuteten, dass der Abend nicht so eindeutig verlaufen würde. Die Zweifel blieben bis in der Nacht. Am Morgen draußen die helle Sonne, drinnen die grau gefärbten Bundesstaaten, ein hektisches Checken und Klicken und Lesen und Verstehenwollen, das Gefühl von 2016 reloaded; die Vorhersagen unrichtig, Gewissheiten zertrümmert, ein Gefühl von Erstarren, Erstaunen, Ermüdung, Mattigkeit, Unglauben, auch Furcht. Vor vier Jahren schrieb ich, dass Trump ein Molotowcocktail wäre, den seine Wählerinnen ins
System schleudern. Heute ist klar: Das System ist der Molotowcocktail.

Alles stimmt so und noch kann alles so kommen, auch anders, als es jetzt gerade aussieht. Ich weiß nicht, wie ich darüber schreiben kann, wie ich den Bogen zu den Coronamonaten spannen soll, eine Pandemie, die offensichtlich nicht genügte, die Unfähigkeit und Unmenschlichkeit des Präsidenten einer überwältigenden Mehrheit zu verdeutlichen. Das ist die Ermattung, vor allem die Ratlosigkeit: die Tatsache, dass die Wahl nicht sofort eindeutig ist, dass Trump für einen großen Teil wählbar bleibt, nicht trotz, sondern weil er zerstört, öffnet erneut die Tür zu einer Gegenwelt, einer Realität, die unwirklich scheint, die nicht mehr der vereinbar ist, die sich in meinem Kopf festgesetzt hat.

Vor dieser Gegenwelt wurde gewarnt, die Skepsis war in jeder noch so eindeutigen Vorhersage eingeschrieben, ich habe sie nicht wirklich ernstgenommen, viele werden das nicht. Selbst wenn an einem unbestimmten Zeitpunkt ein felsenfestes Ergebnis feststehen sollte, jener Triumph wäre eine Niederlage, weil sich die Farbe Orange als ansprechend erweisen hat, weil ihr Wesen, ihr Auftreten, ihr Handeln fortgetragen werden wird, der vierte November beendet nichts.

Die Wahl in einem Ansonsten: Ein im Oktober an Covid19 gestorbener republikanischer Politiker wird ins Abgeordnetenhaus gewählt.

3. November | Warten IV

Heute der Tag der amerikanischen Präsidentenwahl, herbeigewünscht, weil er zumindest einen formalen Schlussstrich unter die letzten vier orangen Jahre ziehen könnte, befürchtet, weil er die vier Jahre um x weitere verlängern könnte. Der fatale Umgang mit der Pandemie ist ein Thema von vielen, nicht einmal das Entscheidende. Gleich, wie die Vorhersagen aussehen – ein großer Rest Ungewissheit bleibt, die Zurückhaltung mit Zuversicht nach 11/9 von 2016. Der 3. November scheint ein Datum zu werden, auf den das Jahr 2020 zugearbeitet hat, als könnte dann kuliminieren, was lange schon ist. Die nächsten Tage werden auch schrecklich sein.

2. November | Krankheit als Metapher

Ich habe mit etwas begonnen, das ich mir länger schon vorgenommen hatte: Ich lese Susan Sontags »Krankheit als Metapher / Aids und seine Metaphern«. Darin versucht Sontag anhand von Tuberkulose, Krebs und HIV nachzuvollziehen, welche (sprachlichen) Bilder Krankheiten hervorbringen und wie diese den Umgang der Gesellschaft mit den Krankheiten prägen; Krankheit als Strafe, Krankheit als Schande, Krankheit als Ausschluss. »Jeder, der geboren wird, besitzt zwei Staatsbürgerschaften, eine im Reich der Gesunden und eine im Reich der Kranken«, schreibt sie am Anfang.

Ich lese mit großem Interesse. Von Tuberkulose, ebenso wie Covid eine Krankheit, die vorrangig die Lungen befällt (und »befallen« wäre schon eine erste solche Metapher, die Sontag betrachtet), 1.5 Millionen Tote im Jahr, mehr als bisher an Covid starben (Stand: 2.11.2020). Denn natürlich lese ich das Buch in Bezug auf die aktuelle Pandemie. Ich will wissen, welche Unterschiede, welche Gemeinsamkeiten sich finden lassen.

Dabei merke ich, dass anders, als Sontag das für ihre ausgewählten Krankheiten beschreibt, es wenig Metaphern für die eigentliche Krankheit gibt. Es beginnt schon damit, dass Corona, was eine Virusfamilie meint, der wesentlich präsentere Begriff ist als die Krankheit, die 1.2 Millionen Menschen getötet hat, Covid19.

Welche Metaphern, bildliche Begrifflichkeiten gibt es zur Krankheit, dem, was der SARS-CoV-2-Virus konkret am Körper anrichtet? Aus dem Stand fallen mir »Zytokinsturm« ein, vielleicht noch das »Ertrinken« als Beschreibung einer Lungenentzündung. Welche Bilder gibt es noch für den Krankheitsverlauf? Ich muss sie sammeln, um später mehr darüber schreiben zu können.

Mir scheint, dass viel, stärker als auf der Krankheit, der Blick auf den gesellschaftlichen Folgen der Bekämpfung der Krankheit liegt. Shutdown, runterfahren, entschleunigen, Maulkorb, knuffelkontakt – das, was dem Schutz folgt, regt die Fantasie an, gibt die Wörter. Covid bezeichnet die Krankheit, Corona ein globales Ereignis, letzteres ist das, was bewegt.

Und vielleicht ist es deshalb so, dass Corona der viel öfter verwandte Begriff ist: Weil das, über das gesprochen wird, nicht die Kranken und ihre Krankheit ist, sondern die Gesunden und wie sich ihre Leben ändern.

Heute tritt der zweite Lockdown Shutdown in Kraft. Nach wie vor ein Brüten über den so offensichtlichen Widersprüchen – die weitläufigen Museen geschlossen, die engen Frisörsaloons geöffnet etc. Weiterhin der Eindruck, dass der Einspruch dagegen diesmal stärker, wütender, offensiver ist als im März, sowohl in der Gastronomie als auch bei der Kultur, den beiden Hauptbetroffenen des erneuten Runterfahrens.

Auch wenn es bei der Kultur einige Gegenstimmen gibt – Kultur ist nicht allein die Veranstaltung, sondern auch das davor und danach, welches Kontakte und damit Infektionsgelegenheiten bietet / es soll Ausfallzahlungen geben, diesmal auch über die Betriebskosten hinaus / Kultur ist eine Klassenfrage und wird auch so behandelt – ist das Meinungsbild weitestgehend geschlossen. Am Abend soll es unter dem Hashtag SangUndKlanglos einen Protest geben, stille Kunst, Kunst als Ausbleiben der Kunst, schweigende Autorinnen, schweigende Musikerinnen, leere Bilder und Bühnen, »Je mehr mitmachen, desto lauter wird die Stille«, heißt es im Aufruf.

So oder so: Das Veranstaltungsjahr ist vorbei. Der glühweinfreie Weihnachtsmarkt in Weimar wird – Stand heute – das letzte kulturelle Ereignis des Jahres sein, das ist nicht traurig, das ist verheerend.

Ansonsten: Tübingens Oberbürgermeister rät Senioren von Busfahrten ab. Der Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft rechnet damit, dass die Höchstzahlen der Intensivpatienten aus dem April in wenigen Wochen übertroffen werden. Der BMW-Chef erklärt, dass die Pandemie dem Auto einen Wettbewerbsvorteil gegenüber Bus, Bahn und Flugzeug verschafft habe. Die Veranstalter einer Querdenken-Demonstration erklären diese zum Gottesdienst. Wegen knapper Krankenhausbetten verhängt der Schweizer Kanton Genf den Ausnahmezustand. In Österreichs Kirchen wird das Singen verboten.

https://twitter.com/maltewelding/status/1322959679937458177

31. Oktober | Warten III

An diesem Wochenende das nächste Warten, weiterhin ein Aufschieben des Notwendigen, ein Verlängern des Luftholens in der Pandemie, so lange, bis er losgeht, der Lockdown Light. Einmal noch Essengehen, einmal noch eine Lesung, ein klassisches Konzert, einmal noch ins Spaßbad, mit Freunden aus x+2 Haushalten treffen, eine WG-Party, Fondue mit den Nachbarn.

Aus Sicht einer Epidemiologin kann es wenig sinnvoll scheinen, nicht augenblicklich in den Lockdown Light zu switchen. Das Virus stellt ja nicht von Donnerstag bis Sonntag 23:59 Uhr seine Aktivitäten ein und legt erst ab Verbotszeit wieder los. Aus Sicht einer Epidemiologin müssen diese vier Tage Aufschub verhängnisvoll klingen; die Ankündigung ließe ausreichend Raum, das zukünftig Verlorengehende schnell noch als Erfahrung einsammeln, sich jetzt extra eng aneinanderzudrücken, weil es ab Montag nicht mehr erlaubt sein wird.

Der Himmel ist grau, das Laub ist nass, auf den aufgeweichten Herbstwiesen liegt eine durchfeuchtete Corona-Extra-Pappe. Die Verabschiedung vom normalen Leben ist im vollen Gang, ein Leben, das gar nicht mal so unnormal weitergehen könnte, misst man die Normalität anhand der Standards einer Pandemie. Trost spendet wieder einmal der Instagram-Account von Soyeon Schröder-Kim. Sie postet ein Foto von einer selbstgenähten Maske, schreibt dazu: »Ich habe den Stoff drucken lassen mit dem Muster „Solidarität – GSK“. GSK steht für Gerhard Schröder und Soyeon Schröder-Kim. Genäht und gedruckt in Hannover.«

Eine mitfühlende und herzerwärmende Geste, mitmenschlich und solidarisch, zugleich kalkuliert und eigennützig und doch in ihrer Selbstbezogenheit tapsig, fast rührig, weil sie in aller Egozentrik etwas Gutes will. Seltsamerweise fühle ich mich beim Betrachten des Instagrambildchen dieser in Hannover gefertigten Maske zuversichtlich, gerüstet für das Kommende.

Ansonsten: Mit über 19000 Neuinfektionen wird die Weihnachtsprognose zum Reformationstag erreicht. In Slowenien startet der Massentest für die gesamte Bevölkerung. Museumsdirektoren protestieren gegen Schließungen: »Es ist uns unverständlich, warum es möglich ist, Baumärkte, Autohäuser und andere Geschäfte offenzuhalten, Museen aber, die über dieselben oder großzügigere Flächen für einen Corona-gerechten Publikumsverkehr verfügen, geschlossen werden.« Heidi Klum postet auf Instagram: » Bleibt dieses Jahr an Halloween zu Hause. Verbringt eine gute Zeit mit eurer Familie. Und versucht einfach, euch nicht gegenseitig umzubringen.«

30. Oktober | Tod im Supermarkt

Durch das Weimarer Einkaufszentrum, das im ehemaligen Gau-Forum beheimatet ist, läuft der Tod. Ihm folgt ein Kürbis. Bald ist Halloween.

Wie das in Marketingabteilung beschlossen wurde: Wir müssen zum anstehenden Fest unseren Kunden etwas Besonderes bieten, etwas, das sie fröhlich stimmt und sie bestenfalls zum Kaufen animiert. Wie wäre es, im Jahr der Pandemie, gerade dann, wenn ein zweiter Lockdown beschlossen ist, einen Studenten als Tod zu verkleiden, ihm eine Sense in die Hand zu geben und ihn unter den maskentragenden Kunden wandeln zu lassen, vorbei an den Hygieneschildern und Desinfektionsbehältern, wie wäre das, der Tod beim Konsum?

Und tatsächlich, wie so oft, behält die Marketingabteilung recht. Die Kunden kommen, schieben sich und ihre mit Mehl vollgepackten Einkaufswagen zwischen Sensenmann und Kürbis, jemand sagt »Käsekuchen« und drückt ab, das Lachen bleibt hinter der Maske versteckt, aber der Moment mit dem Tod ist für alle Zeit im Smartphone gefangen.

Ansonsten: Ministerpräsident Armin Laschet ruft zum Verzicht von Halloween-Partys auf. Die WHO warnt vor den negativen Folgen landesweiter Lockdowns. Die EU finanziert den Transport von Covid-Patienten in andere Länder. In Rio de Janeiro wird der Straßenkarneval abgesagt. Laut einer Studie hält nach eine Infektion die Immunität gegen Covid19 ein halbes Jahr. Laut einer Studie über ein Tim-Bendzko-Konzert würden Abstand und Belüftung auch Konzerte in Zeiten der Pandemie ermöglichen.

29. Oktober | Nach dem Warten

Nach dem Warten ist vor dem Lockdown (light). Ich verspüre weniger Beklemmung als im März, obwohl kein lichtdurchflutetes Frühlingserwachen den Lockdown begleiten wird, sondern Novembernässe. Ich überlege, woran das liegen könne, denke: Anders als im März, als alles Unfassbare möglich schien, jeder einschränkende Schritt nur einer vor dem nächsten, ahne ich so ungefähr, was geschehen könnte. Der Lockdown ist erwartbar, das gibt ein Gefühl von Kontrolle zurück.

Die beschlossenen, einschränkenden Maßnahmen scheinen vielfältig und in viele Bereiche zu zielen, ich schaue auf die Kultur. Da, wo ich die letzten Monate war, wo ich selbst las oder zuhörte, da wurde mit Meterstab der Abstand zwischen den Stühlen gemessen, da standen überall Desinfektionsmittel, die Maske war Pflicht. Es gab Konzepte, es gibt sie weiterhin. Mit den Maßnahmen werden diese Anstrengungen negiert.

Ich überlege, über welche Orte in den letzten Monaten als Infektionsherde berichtet wurde. Ich denke: Warum nicht einen Monat lang die Schlachthöfe schließen? Auf Fleisch könnte ich einen Monat verzichten, auf Kultur nicht. Auch so ein Widerspruch: Warum sind Konzerte, Lesungen und Kinobesuche untersagt, Gottesdienste aber offen? Argumentiert man, was nicht selten geschieht, mit wirtschaftlichen Interessen, dann wäre es wirtschaftlich vertretbarer, Gottesdienste zu untersagen als den Kulturbetrieb. Seelenheil ist sowieso beides.

Ich merke, dass ich aufpassen muss, nichts gegeneinander auszuspielen, keinen Neid zu empfinden auf Katholiken und Fleischesser, auf von den Maßnahmen Nichtbetroffene. Dennoch überlege ich, was mit den Schließungen, die mit Bedacht getroffen sind, zugleich über den Kamm scheren und willkürlich erscheinen, bezweckt wird. Vielleicht sollen sie auch Symbol sein für die Dringlichkeit der Situation. Etwas, das vielen schmerzt, wird geschlossen, um damit allen das eigene Verhalten vor Augen zu führen und zu einer temporären Verhaltensänderung zu bewegen, welche die Zahlen senkt.

Die beschlossenen Maßnahmen, bei aller Notwendigkeit, sind ein Ausdruck von Hilflosigkeit. Das Gefühl ist, dass der Widerspruch dagegen größer ist als im März, auch bei denen, die die Gefährlichkeit des Virus nicht in Frage stellen. Der Widerspruch wird gegen die Mittel erhoben. In der Bubble heften viele ein »Ohne KUNSt & Kultur wird`s still« ans Profilbild, das UNS in Kunst groß und rot geschrieben, hinter dem wird ein Apostroph. Die Sinnhaftigkeit der Maßnahmen wird kritisiert, deutlicher, wütender. Man nimmt weniger hin, weil man sieht, wer nicht hinnehmen muss, es scheint nicht gerecht.

Ein Foto von den Dresdner Jazztagen wird geteilt, es zeigt Jazz like its 2019. Ältere Jazzfreunde sitzen dicht nebeneinander in einem geschlossenen Raum, nichts, was auf ein Konzept hindeuten würde. Das Bild als Beispiel für das Gegenteil des oben Geschriebenen, die Kultur als Hot Spot für die Risikogruppe, die Entscheider werden das Bild gesehen haben.

Der Blick auf den Lockdown light ist der Blick auf die Schnittpunkte, in denen sich das eigene Leben mit den Maßnahmen kreuzen. Danach bewerte ich das light. So finde ich es erstaunlich, dass Schulen und Kitas, die beim ersten Lockdown oft nur Fußnoten der Fußball, Auto- und Möbelhäuserdringlichkeiten waren, nun offengehalten werden sollen.

Andere teilen aufgebracht eine Meldung, laut der Karl Lauterbach beim Verstoß gegen die Maßnahmen die Polizei in private Wohnungen schicken will. Stalinistisch wird das Ansinnen genannt, als Beleg für eine Diktatur. Tatsächlich stellt sich alles etwas anders da. Ein dritter postet »Ich will die Fresse von Frau Merkel nicht mehr sehen«, ein anderer, dessen Film, an dem er viele Jahre gearbeitet hat, heute anläuft und der wegen des Lockdowns ab Montag in keinem Kino laufen kann, schreibt über die Situation des Kinos, die auch seine ist.

Ansonsten: In Berlin-Mitte zünden Gegner der Corona-Maßnahmen einen Sprengsatz und hinterlassen ein Bekennerschreiben, in dem die sofortige Einstellung aller Beschränkungen, der Rücktritt der Bundesregierung und Neuwahlen gefordert werden. Laut einer Studie vergrößert die Pandemie die soziale Ungleichheit. Die Marshallinseln, eines der letzten coronafreien Länder der Welt meldet die ersten beiden Fälle.

28. Oktober | Tag des Wartens

Heute ein Tag des Wartens. Beschlüsse werden gefasst und verkündet, die in die Leben aller in den nächsten Wochen eingreifen werden. Eine Art nervös-vertrauter Vorgewitterhimmel ist aufgezogen. In das Plaudern über dies und das mischt sich auch wie von selbst das Plaudern über Reproduktionszahlen, die Situation der Gastronomie, hybrider Unterricht, die Sitzung der Ministerpräsidenten.

Es ist ein Warten, auch ein Erwarten der Konsequenzen für das Verhalten der letzten Monate. Es ist, dass Autoritäten bestimmen, ein Zitieren zum Lehrer, den Eltern, zu Autoritätspersonen, die beratschlagt haben, wie hoch die Strafe nun ausfallen muss, so könnte ein weiteres Gefühl sein, es muss den inneren Coronamaßnahmenkritiker zur Weißglut treiben.

Es wäre seltsam, Maßnahmen als Strafe zu begreifen und es ist seltsam, dass es so weit kommt, weil man / alle / ich es in der Hand hatte. Exponentielles Wachstum ist kein gottgegebener Zustand.

Im Verlauf des Tages wird etwas »durchsickern«, auf einer Pressekonferenz wird streng und besorgt etwas verkündet. Vielleicht wird es das Vergnügen betreffen, wird die Kunst geschlossen, das Private wird verzichten, die Büros werden unangetastet bleiben, ich würde gern wissen, in welchen Bereichen sich angesteckt wird, ob es wirklich die Lesungen und Theateraufführungen sind, für die es ein Hygienekonzept gibt, ich würde gern die Infektionszahlen unterteilt sehen – bis 50 Jahre, 50-70 Jahre, über 70 Jahre – ich hätte gern einen Wellenbrecher vor Weihnachten, denn die Exponentialfunktion ist steil und gnadenlos. Im Laub liegt eine Maske, ich fotografiere sie, ich werde das Bild oft noch brauchen.

Ansonsten: Im letzten halben Jahr sank das Fahrgastaufkommen im Fernverkehr um die Hälfte. Bei einer Studie gibt die Mehrheit der Befragten an, dass die Pandemie das soziale Miteinander gestärkt habe. Weil in der Schweiz die Behörden mit der Erfassung der Infektionen nicht nachkommen, werden Formulare nicht mehr gezählt, sondern gewogen bzw. Wikipedia entnommen. 15000 Neuinfektionen werden für Deutschland gemeldet.

27. Oktober | Zukunftserwartungen

(I) nationale Zukunftserwartung

»Lockdown Light«, »Wellenbrecher-Shutdown«, »2. Lockdown«, »Mini-Lockdown« kursieren als Worte. Ihnen gemeinsam ist down, das Niederfahren, das Zurücknehmen, das Einschränken. Down ist keine unverbindliche Handlungsempfehlung, die an das eigenverantwortliche Agieren appelliert und die den Bürger als Wesen annimmt, für den Vernunft Priorität hat. Für Down ist der Bürger jemand, der durch Erlasse und Verfügungen gehindert werden muss an etwas, das zum Nachteil vieler wäre. Dem Individuum wird etwas verboten, damit die Gesellschaft durch ihn keinen Schaden nimmt.

Die Dringlichkeit, mit der dieses Down vorgetragen wird, lässt nur einen Schluss zu: Ein Down wird kommen, die Frage nur, wie light und ob ein light genügt, um ein heavy im Winter zu vermeiden.


(II) globale Zukunftserwartung

Ich erwarte einen Impfstoff. Damit ich weiß, was mich erwartet, lese ich. Ich erfahre, dass das Design des Vakzins im Januar schon gestaltet war, im Januar also, als das Virus noch eine Meldung in der Rubrik Sonstiges war und die Pandemie eine von vielen möglichen Zukünften, dass damals schon feststand, wie der Impfstoff aussieht.

Ich erfahre von den Testphasen und warum diese den Großteil der Entwicklungszeit in Anspruch nehmen. Dass die Testphasen und damit die Zulassung in diesem Fall in verhältnismäßig wahnwitziger Geschwindigkeit geschehen. Dass es unterschiedliche Möglichkeiten gibt, das Virus anzugehen (mRNA, Vakzine, Vektorvirenimpfstoffe, Proteinbruchstück-Impfstoffe). Dass bürokratische Vorgänge einen beachtlichen Teil der Entwicklungszeit einnehmen können. Dass die Forscher mit Produzenten zusammenarbeiten müssen und dass – natürlich – Milliardenumsätze zu erwarten sind. Dass neben dem Impfstoff an das KleinKlein (Spritzen, Pflaster etc.) gedacht und jetzt schon gekauft werden muss. Dass jetzt Papiere erstellt werden, in denen Impfreihenfolgen geschrieben stehen. Dass jetzt Kampagnen geplant werden, mit denen im nächsten Jahr für das Impfen geworben werden soll. Dass die reichen Länder im Vorfeld deutlich mehr Dosen kaufen, als sie später brauchen werden und dass sie das Nichtgebrauchte an die ärmeren Länder weitergeben, natürlich erst, nachdem die eigene Bevölkerung versorgt ist.

Vor allem aber erfahre ich, dass vorerst kein Impfstoff zu erwarten ist, der die Pandemie beendet, indem er die Ansteckung verhindert. Krankheitsverläufe werden weniger schwer sein, es wird weniger Tote geben. Das Virus aber wird weiterhin Teil von allem sein. Meine Zukunftserwartung ist: Ich erwarte einen Impfstoff, die Coronamonate werden weitergehen.

(III) lokale Zukunftserwartung

Ich habe einen Literaturpreis erhalten. Eine öffentliche Preisverleihung hätte, wenn es ein Jahr wie jedes gewesen wäre, in diesem Frühjahr stattgefunden. Verschoben wurde auf Ende November, ich war enttäuscht, ich verstand. Damals dachte ich: Mal sehen, ob das mit dem Coronanovember aufgeht. Ging es nicht. Wegen steigender Zahlen nun eine erneute Verschiebung, diesmal in den Mai 2021. Wieder bin ich enttäuscht, wieder verstehe ich. Meine Zukunftserwartung ist dennoch: Diesmal wird es schon aufgehen.

Ansonsten: Mehrere Forschungsgemeinschaften fordern eine drastische Reduzierung von sozialen Kontakten. Die Paketbranche erwartet in diesem Jahr ein besonders starkes Weihnachtsgeschäft. Der deutsche Hotel- und Gaststättenverband erwartet, dass bei einem erneuten Lockdown einem Drittel der Betriebe das Aus droht. Bushido, der positiv auf das Virus getestet wird, schreibt auf Instagram: »Ich konnte euch Aluhüte noch nie verstehen.«

26. Oktober | Themenüberschuss

Schreiben wollte ich über die vermeintliche Routine in der zweiten Welle, ein Gang durch die Stadt, ein Viertel der Passanten trägt auch draußen Masken, ein selbstverständliches Bild. Auch jene typischen Nachrichtenbilder selbstverständlich, in denen zur Visualisierung politischer Beschlussfassungen Politikerinnen an Sprechpulte treten und dabei Maske tragen. Immer die Maske und anders als vor Monaten keine Irritation, kein neugieriges »Das ist das Bild dieser Zeit«. Es ist diese Zeit, ich bin mittendrin, mittendrin ist Routine.

Schreiben wollte ich, dass Weimar keine Insel mehr ist. Vorerst wird es keine Interviews zum gallischen Dorf geben. Nebenan in Erfurt färbt sich die Stadtkarte rot. Die Maßnahmen werden verschärft, Sperrstunde, kulturelle Veranstaltungen nur bis 25 Besucherinnen erlaubt, Schließung von Einrichtungen, die Pandemie ist hier.

Schreiben wollte ich von der Demonstration in Berlin, von der Frau, die sich als Pippi Langstrumpf verkleidet, um gegen Coronamaßnahmen tanzend zu protestieren – Frieden, Freiheit, keine Diktatur – , verweisen darauf, wie die Figur der Pippi Langstrumpf über die Jahrzehnte hinweg für jeweils einen Aspekt der Zeit stehen könnte, antiautoritär, in den 2010er Jahren die Diskussion um ein rassistisches Wort, heute die alternative Szene, die offen ist fürs Querdenken.

Schreiben wollte ich über das Video aus Berlin, ein S-Bahn-Wagon voller Menschen, fast alle ohne Maske, die Kamera schwenkt zu einer Frau und ihrer Tochter, sie stehen gedrängt in der Ecke, Menschen im Wagon brüllen »Masken ab«, die Frau drückt ihre Tochter fest an sich, der Mob johlt, er ist zufrieden, er hat Maskenträgerinnen zum Weinen gebracht.

Schreiben wollte ich, dass ich einen Satz aus dem gestrigen Ansonsten strich; »Polizei löst Fetisch-Party« auf. Der Grund dafür: Die Beschreibung stammte aus dem Pressetext der Polizei, er war, vorsichtig formuliert, tendenziös. Tatsächlich ist es komplexer, als dass dafür Platz im Ansonsten wäre, die Schlussfolgerung daraus: Polizeimeldungen sind kein Journalismus.

Schreiben wollte ich über den wöchentlichen Videopodcast der Kanzlerin, die diese Woche einfach das Video von letzter Woche wiederholt, in dem sie Handlungsanweisungen zur Hygiene gibt, diese Wiederholung eine souveräne Geste, irgendwie auch hilflos.

Schreiben wollte ich über den stellvertretenden FDP-Vorsitzenden, der der Kanzlerin vorwirft, mit ihrer permanenten Angstmache Schuld an den steigenden Zahlen zu haben, weil die Angst sich über die Monate hinweg abgeschleift habe und die Menschen deshalb so leichtsinnig geworden seien.

Schreiben wollte ich, dass spekuliert wird, ob die Beispielrechnung Angela Merkels zur Verdeutlichung exponentiellen Wachstums falsch sein könnte, dass ihre errechneten 19200 Neuinfektionen nicht zu Weihnachten erreicht werden könnten, sondern schon diese Woche, Ende Oktober.

Schreiben wollte ich über die Zahl aus Frankreich, 50000 Neuinfektion an einem Tag, davon, wie das Wort Triage wieder in die Coronatexte über die Nachbarländer einsickert, wie die Routine der Zukunftserwartung zurückkehrt, wie Deutschland erneut mehrere Wochen hinter anderen Ländern liegt, dass es so, wie es anderswo ist, bald auch hier sein könnte.

So viel zu schreiben, kein gutes Zeichen, ein solcher Themenüberschuss.

Ansonsten: Wegen Corona wird der CDU-Parteitag, auf dem über den neuen Vorsitzenden und möglichen Kanzlerkandidaten entschieden wird, ins Frühjahr verschoben. Laut einer Umfrage wollen sich 70% der Deutschen gegen Corona impfen lassen. Am Freitag treten Die Ärzte in den Tagesthemen auf, um auf die Notlage von Künstlerinnen in Coronazeiten aufmerksam zu machen.

25. Oktober | im Keim ersticktes stillschweigendes Einverständnis

Jemanden gesprochen, der im weiteren Orbit der Medizin zuhause ist. Zuerst ein Abtasten in der Maskenfrage, unter welchen Umständen ist ein Tragen notwendig, ein leichtes Geplänkel, so wie man über Regenschirme bei angekündigtem Regenwetter, aber jetzt noch blauen Himmel plaudert. Dann sagt er: Ich frage alle, die ich treffe, auch, ob sie jemanden kennen, der Corona hatte.

Er führt das nicht weiter aus. Der Hintersinn der Frage bleibt unausgesprochen. Doch glaube ich zu ahnen, worauf die Frage abzielt. Er erwartet als Antwort »Ich kenne niemanden, der das hatte«, womit ein weiterer Beweis für die Ungefährlichkeit des Virus erbracht wäre, ein stillschweigendes Einverständnis darüber, dass »es« nicht so schlimm ist, wie es allerorts gemacht wird.

Ich zähle Fälle auf und merke, dass ich stolz darauf bin, sofort Fälle aufzählen zu können. Die Fälle sprudeln aus mir heraus: Eltern von Bekannten, Nachbarn von Freunden, Freunde, Krankenhaus, Intensivstation, Langzeitfolgen. Es ist irre, dass mich dieses Vortragen mit einem Hochgefühl erfüllt, diese Geschichten von Krankheit, Schmerz und Leiden.

Jede einzelne Geschichte ist wie eine Waffe; ich führe sie gegen das stillschweigende Einverständnis, das nicht still ist, sondern tobend und tosend. Die Krankheiten der Anderen machen ein gegenseitiges, wohlwollendes Nicken unmöglich, ersticken ein mögliches Schulterklopfen, auch eine Grundsatzdiskussion im Keim. Corona verschwindet aus dem Gespräch, unausgesprochen wissen wir nun, wo wir stehen: uns vermutlich gegenüber.

Ansonsten: Die spanische Regierung ruft den landesweiten Gesundheitsnotstand aus. Unbekannte werfen in Berlin Brandsätze gegen Gebäude des Robert Koch-Instituts. Laut einer Studie gibt es drei große Treiber für Ansteckungen: privater Haushalt, Superspreading-Events und Reisen.

24. Oktober | An Graphen wie diesen

Seit acht Monaten schreibe ich hier. Zwei Drittel eines Jahres sind dafür eingesetzt. Während es vor einem Monat eher schwerfiel, Themen zu finden, stapeln sich diese nun. Die Zahlen wachsen (heute 15000), das Bekannte lässt sich auf das Kommende anwenden. Themen finden sich wieder ein, ähneln dem bereits Geschriebenen, das Gewesene ist verstärkt zurück, fordert einen neuen Blick auf das Bereits Einmal-Durchdachte und Durchgemachte.

Ich bin selten erschöpft, weil es sich so anfühlt, dass es jetzt auf etwas ankommt. Besser als in den letzten Monaten wird es nicht werden und damit gibt es paradoxerweise auch mehr zu schreiben. Dabei finden die Zahlen und damit eine vermeintliche Wiederkehr des Frühjahrs weiterhin entfernt statt. Weimar als Ort der Pandemie ist nur als dessen Gegenteil in den Schlagzeilen.

Und doch ist Weimar längst wieder der Markt der Meinungen, mehrere Männer und Frauen breiten vor dem Schiller-Goethe-Denkmal Transparente aus, »Nach der Welle ist vor der Welle. Es bleibt SPAHNend«, das Grundgesetz über Infobroschüren gegen Zwangsimpfungen gelegt, überlebensgroße Graphen von Sterbeszahlen, Zeitverläufe, die beweisen sollen, was hätte passieren müssen, damit es so schlimm wäre, wie allgemein behauptet wird.

Die Männer und Frauen strahlen hinter ihren ausgelegten Transparenten Ruhe aus. Kein Argument wird sie bezirzen können. Sie wissen: 87% der Vorbeikommenden werden sie milde lächelnd in Schubladen einsortierten. Das stört sie nicht. Das Gleichgewicht ist da, die Wahrheit vor dem DNT. Ich registriere ihre unerschütterliche Selbstsicherheit, nach acht Monaten Informationen, Zahlen und Erklärungen dieser immer noch Graphen, die von der Ungefährlichkeit des Virus erzählen, auf Bettlaken zu pinseln. Ältere Touristenehepaare kommen vorbei, lassen sich ein Flugblatt überreichen, sprechen Glückwünsche aus, erklären, dass sie hoffen, dass möglichst viele stehenbleiben und zuhören, sich überzeugen lassen.

Es ist, wie einmal schon gehabt, auch bei den Zahlen. 15000. Ich denke beim Schreiben nicht mehr so viel über das Schreiben nach. Ich schreibe. Es gibt viel festzuhalten, wenig lässt vermuten, dass sich dies die nächsten Monate ändern wird.

Ansonsten: Die Post in Österreich veröffentlicht eine Corona-Sonderbriefmarke aus dreilagigem Klopapier; für jeden verkauften Markenblock in Form und Größe eines handelsüblichen Blattes Klopapier werden 2,75 Euro für wohltätige Zwecke gespendet. Wegen der vielen Neuinfektionen sollen sich Berliner mit positivem Testergebnis zukünftig ohne Kontakt zum Gesundheitsamt isolieren und selbst Kontaktpersonen informieren. Weil die Krankenhäuser in den deutschen Nachbarländern an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen, werden Patienten nach Deutschland geschickt.

23. Oktober | schambehaftete Genugtuungsfantasie

Jemand teilt ein Video, er ist einer von 108. Das Video setzt ein, als ein Mann, der später als Pastor einer Freikirche gekennzeichnet wird, sagt: »Wir stehen ja seit Beginn des Coronaterrors in einem dritten Weltkrieg.«

Er sage das im vollen Ernst, sagt der Pastor der Freikirche und führt aus, dass eine »globale Elite«, die »Hochfinanz«, alle Regierungen der Welt »auf welche Weise auch immer« in der Hand halte, um sie »zum Krieg gegen ihre eigenen Völker zu gebrauchen«. Dieser Dritte Weltkrieg gehe einher mit der Abschaffung fast aller Freiheitsrechte, »historisch in diesem Maße ebenfalls zumindest weltweit einmalig«. Der Mann – sein Video hundertachtmal geteilt – kommt zu dem Schluss: »Dieser Dritte Weltkrieg übertrifft an perfider Perversion alles, was die Menschheit bis heute gesehen hat.«

Jemand andere sagt, dass sie sich manchmal wünsche, dass jene, die von Coronaterror sprechen, die die Existenz des Virus bestreiten, dass sie sich vorstelle, dass diese Querdenker widerlegt werden von einer Covid19-Erkrankung, einen Zustand, der sie spüren lasse, was es bedeute, Atemnot zu haben, erschöpft zu sein, unfähig ohne die Hilfe von anderen zu sein, künstlich beatmet.

Sie sagt, sie schäme sich für diese Gedanken, dafür, dass sich dann ein kurzzeitiges Gefühl der Genugtuung einstelle. Sie sagt, sie wünsche niemanden Schlechtes, sie würde sich nur oft so hilflos fühlen angesichts des Querdenkens, dieses permanenten Feuerns von Unwissen, den wahnsinnigen Vergleichen. Sie stelle sich dann so etwas vor, in der Annahme, dass aus der Erkrankung ein Überdenken der eigenen Position stattfinde, setzt das Drastische gegen das Drastische, sagt, sie hoffe, niemand erkranke ernsthaft daran, aber die Vorstellung, die sei da, manchmal, immer öfter.

Ansonsten: Für 13 Millionen Pfund verkauft das Royal Opera House ein Gemälde, um mit dem Erlös den Verlust durch die Pandemie auszugleichen. Wegen steigender Infektionszahlen in Österreich rät Kanzler Kurz vom Friedhofsbesuch zu Allerheiligen ab. Neuinfektionshöchstzahlen in Frankreich, Italien, Portugal, nach Lockdown sinkende Zahlen in Israel und Australien. Dänemark schließt die Grenzen für deutsche Touristinnen. Der Präsident der Bundesärztekammer erklärt in einer Talkshow, dass er von der Wirksamkeit der Masken nicht überzeugt sei und spricht von einem »Vermummungsgebot«, woraufhin SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach entgegnet: »Aus meiner Sicht ein Rücktrittsgrund, wenn er das nicht sofort zurücknimmt.«
(Foto von Yvonne Andrä)

22. Oktober | Würfelvermeidung

Bilder helfen zu verstehen, wie die Pandemie funktioniert. Ein Artikel findet einen Vergleich im Würfeln: »Jedes Mal, wenn wir uns in eine Situation begeben, in der wir uns theoretisch anstecken können, würfeln wir … Wenn wir zu schlecht würfeln, haben wir uns angesteckt.«

Der Text beschreibt Möglichkeiten, wie sich die Wahrscheinlichkeit erhöhen lässt, nicht schlecht zu würfeln. Das Tragen einer Maske reduziert die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung – der Würfel wird größer, ebenso wie beim Draußen sein. Wenn bei 1 die Ansteckung erfolgt, macht es einen Unterschied, ob mein Würfel 6 oder 20 Seiten hat. In geschlossenen Räumen, mit wenig Abstand, womöglich singend in einer Freikirche, lässt den Würfel wiederum schrumpfen.

Der Text, der sich zu lesen lohnt, um den Abfall und erneuten Anstieg der Infektionszahlen (heute: 11000) besser nachvollziehen zu können, sagt am Ende: die Wahrscheinlichkeit, eine 1 zu würfeln und sich damit anzustecken, wird geringer, je seltener ich würfele, je weniger ich mich also in Situationen begebe, in denen ich zum Würfeln gezwungen werde. Wenn ich nicht würfele, kann ich auch keine 1 würfeln. Das soll mein Ziel der kommenden Monate sein: Keine 1 bekommen.

Ansonsten: Der Ärzteverband hält die von der Bundeskanzlerin entworfene Beispielrechnung zu Verdeutlichung exponentiellen Wachstums mit 19200 Neuinfektionen bis Weihnachten für realistisch. Der Bundesgesundheitsminister wird positiv auf das Coronavirus getestet. Um Quarantänesünder am Verlassen der Quarantäne zu hindern, werden im österreichischen Kuchl Betonwände errichtet. »Kissing the Coronavirus« ist eine erotische Kurznovelle: She was supposed to cure the Coronavirus. Instead… she fell in love with it.

21. Oktober | Fremdbestimmte Freizeit


»Für alle, die es wissen wollen / hier ist der Beweis / die Einführung der fremdbestimmten Freizeit / ist der Preis
Tocotronic, Hier ist der Beweis

In Österreich wird diskutiert, wie die nächsten Wochen aussehen könnten. Ein Hotelunternehmer schlägt vor, »Handel, Industrie, Gewerbe und öffentliche Infrastruktur offen zu halten, dafür aber ein komplettes Veranstaltungsverbot zu erlassen«, weil »damit könnte Österreich einerseits ein Signal an die Märkte, an das Ausland senden und seine Reputation stärken« und, als zweites weil, »Der Wegfall des deutschen Wintertourismus wäre für Österreichs Wirtschaft eine Katastrophe.« Dazu die Überlegungen, private Zusammenkünfte zu beschränken, Großraumbüros offenzuhalten.

In Deutschland kursiert der Ausschnitt aus einer Straßenumfrage, in dem ein 16-jähriges Mädchen sagt: »Ich war jetzt seit März nicht mehr feiern, vorher war ich dreimal die Woche unterwegs. Das ist traurig, ich brauche das eigentlich, darauf bin ich angewiesen, und darauf zu verzichten, geht mir echt ab.« Das Video wird mit dem Begleittext »First-World-Problem« geteilt, die Kritik an ihrer Aussage ist harsch.

Ist es legitim, beide Aussagen zusammenzubringen? Da der Wunsch von Teilen der Wirtschaft, das Private und das Vergnügen so weit wie möglich einzuschränken, damit das Gewerbe am Laufen gehalten werden kann. Dort das Formulieren eines Gefühls, das Verdeutlichen, dass ein Verzicht schmerzt. Dieser Verzicht kann für die meisten nicht elementar scheinen, eine 16jährige will Party feiern in der Pandemie, elementarer scheint, dass das Gewerbe läuft.

Ist das so? Ist Wirtschaft > die Sehnsucht einer Teenagerin? Muss das Großraumbüro gefüllt sein mit Menschen, der Keller mit dem schummrigen Licht dagegen gesperrt? Die ehrliche Antwort lautet: beides dürfte in einer Pandemie nicht sein, in der jeder geschlossene Raum ein Sarg sein kann. Eine zweite Antwort lautet: beides müsste sein. Das Gewerbe muss laufen und ein Teenager muss tanzen können.

Im Park sehe ich die, die mit Bluetoothboxen Schranz spielen, ich sehe sie seit März, rauchend auf den Tischtennisplatten, jeder umarmt jede, sie sitzen zusammen, hocken aufeinander, weil sie, sechszehnjährig, ansonsten in den Zimmern ihrer Elternhäusern hocken würde, jeder geschlossene Raum ein Sarg. Ich habe kein Verständnis, dass sie, die nicht zur Risikogruppe gehören, aber dennoch Oma und Opa treffen, eng zusammen auf den Parkbanklehnen sitzen, die Füße auf den Parkbänken und ich verstehe sie, ich verstehe, wie es wäre, das Vermissen.

Ich verstehe sie, ich verstehe sie nicht und doch sie mir näher als dieser Teil der Wirtschaft, der einen Lockdown zuallererst als Signal an die Märkte verstehen will. Ich verstehe nicht Österreich, wo weniger getestet werden soll, damit die Zahlen geringer sind, um den Wintertourismus zu gewährleisten, Ischgl 2021. Ich will den Hotelier nicht verstehen, der auf Sylt ein »Projekt« baut und darüber klagt, dass es in der Pandemie schwer sei, Arbeitskräfte zu bekommen. Die Arbeitskräfte von Sylt können sich Sylt nicht leisten, aber das Projekt wird gebaut. Was ist größerkleiner? Projekt <=> Pandemie? Wirtschaft <=> Freizeit? Großraumbüro <=> Keller? Erwerbstätigkeit <=> Sehnsucht? Neoliberalismus <=> Neonlicht?

Ansonsten: In verschiedenen Bundesländern setzen Gerichte die Beherbergungsverbote aus. Aufgrund der strikten Ausgangsbeschränkungen im Landkreis Berchtesgaden müssen hunderte Feriengäste abreisen. Laut einer Umfrage ist Gebrauch von Alkohol und Tabak während der Pandemie deutlich gestiegen. Auf der Berliner Museumsinsel werden siebzig Ausstellungsstücke beschädigt, mehreren Hinweisen wird nachgegangen, u.a. auch zu Attila Hildmann, der mehrmals erklärt hatte, dass sich im Museum der »Thron des Satans« und das Zentrum der »globalen Satanisten-Szene und Corona-Verbrecher« befinde, »Hier machen sie nachts ihre Menschenopfer und schänden Kinder.«

20. Oktober | Zukunft

Heute in einem berechtigten Anfall von Optimismus einen Jahresplaner für 2021 gekauft.

Ansonsten: Die WHO rechnet mit einem Impfstart zur Jahresmitte 2021. Im Kreis Berchtesgadener Land wird ein Lockdown verhängt, das Verlassen des Hauses wird nur aus triftigem Grund (Arbeit, Einkauf, Bewegung) gestattet. Um Abstand zu wahren, versprüht ein 71-jähriger Jogger Pfefferspray gegen Jogger und Radfahrer. Das Bürgerkomitee Oberlausitz fährt mit einem Sarg durch die Innenstadt Zittaus und fragt: »Wo sind eure Toten? Ihr habt uns 25.000 Tote versprochen.«

19. Oktober | Die Enten der Echse. Lachen in der Pandemie

Ein Video zirkuliert. Es zeigt einen Bauchredner, der eine Echse die Pandemie nachspielen lässt. Die Echse holt nach und nach Badeenten auf den Tisch. Jede Ente steht für einen Aspekt der Pandemie: Ausbruch, Tod, Ischgl, Robert-Koch-Institut, Christian Drosten, die Bilder aus Bergamo, die zweite Welle etc. In sieben Minuten wird so das letzte halbe Jahr aufbereitet. Was geschieht, ist Humor.

Ich überlege, wann in der Pandemie ich über die Pandemie gelacht habe. Ich denke: Weniger als ich sollte. Letztes gelacht habe ich bei einem Foto, dass Annegret Kramp-Karrenbauer zeigt, die sagt: »Erst Naidoo und Wendler. Und jetzt auch noch unsere Nena…« Neben der CDU-Vorsitzenden steht Angela Merkel, checkt ihr Handy und sagt: »Aber keiner von meinen Puhdys, haha!«

Welche Formen von Lachen fallen mir noch ein: Ein Mann, der die Maske unter die Nase gezogen hat, steht vor einem Fliegengitter, das nur eine Hälfte des Fensters bedeckt und sagt: »Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn?« Die harmlosen Bilder, die Mona Lisa mit Mundschutz. Ich denke an Skurriles, wie die Teddybären, in der Achterbahn fahren. Die Karikaturen von Tichys Einblick, denen auch in ihrer Ästhetik eine besondere Form von Hässlichkeit innewohnen.

Ich denke an Memes. Auf der Suche danach stoße ich auf »Die 20 lustigsten Corona-Memes zum Weglachen«, der Text ist von März 2020. »Diese Corona-Memes helfen dir durch die Quarantäne« ist von April. Vor allem lache ich beim how it started how it’s going-Meme, beim Distracted Boyfriend-Meme, jeweils in der Coronaedition. Gute Memes sind mir näher als die klassischen Karikaturen, weil jedes Meme die Weiterentwicklung eines Sinns ist und die Zeit ohne Corona in sich trägt und fortschreibt und den Unterschied sichtbar macht, als es im Meme noch um Boomer/ Millennials ging.

Das Video mit der Echse will gegen den Strich gebürstet sein. Es will kein Blatt vor den Mund nehmen, es stellt Zusammenhänge her. Über manche Manierismen kann ich lachen, über vieles nicht, ab und an schmunzle ich, einiges finde ich unlustig, nicht weniges grottig. Irgendwann merke ich, dass es mir beim Schauen gar nicht so sehr ums Lachen geht, sondern dass ich vielmehr darauf achte, was mich zum Lachen bringt und was nicht und weshalb das so ist und ich mich frage, weshalb ich nicht einfach so über die Pandemie lachen kann.

Und noch etwas fällt auf: Die Echse wuchtet sehr viele Enten auf den Tisch, am Ende sind es über zwanzig. Zwanzig Personen und Begebenheiten, die für sich genommen schon komplex sind. Dadurch, dass sie in Verbindung gebracht werden zu anderen komplexen Enten, wird es noch komplexer. Sinn und Verbindung müssen decodiert werden.

Ein Beispiel: Die Bilder aus Bergamo. Zuallererst muss ich wissen, was damit gemeint ist. Die Bilder aus Bergamo sind die Bilder von den Armeefahrzeugen, die Särge wegfahren. Ich muss wissen, wofür dieses Bild steht. Es steht für Übersterblichkeit, für eine horrende Situation. Seit dem Bild sind sieben Monate vergangen. Ich muss mich erinnern, auch daran, wie ich damals dabei empfunden habe und wie andere das Bild interpretierten.

Die Echse präsentiert die Bilder von Bergamo als eine Gespensterente. Die Bilder von Bergamo, sagt die Echse, sollen erschrecken, sie jagen Angst ein. Die Echse lässt alle anderen Enten vor der Bergamoente zurückweichen und panisch kreischen: »Huah, die Bilder aus Bergamo, alle weg, Wah, wir brauchen Lockdown, wir brauchen einen Podcast.«

Um das zu verstehen, muss ich wissen, was passiert ist. Ich muss wissen, wie die Bilder aus Bergamo verwendet wurden. Ich muss den zeitlichen Ablauf parat haben, den Lockdown einordnen und – als nächsten Schwierigkeitsgrad – die Bedeutung des Christian-Drosten-Podcasts bei der Meinungsbildung in Deutschland. Als nächstes wirft die Echse eine Polizeiente auf den Tisch und lässt diese rufen: »Ich bin die Polizei. Ich setze den Lockdown durch.«

Das alles geschieht in zehn Sekunden. Zehn Sekunden Übersterblichkeit, Medienkritik, Virologenpodcast, Staatsgewalt. Lauter Zusammenhänge, irgendwie kritisch, irgendwie polemisch, auf jeden Fall komplex und dennoch muss noch gelacht werden, was in diesen zehn Sekunden nicht geschieht, kein Publikumsgelächter. Erst als die Coronavirusbadeente fragt, ob sie zum Baumarkt gehen darf, wird wieder gelacht, ein Gag aus dem Alltag, ein offensichtlicher Widerspruch.

Ansonsten: Weil Klopapiermangel droht, stellt die Firma Hakle deutschlandweit Klopapierautomaten auf. Bei einer Umfrage geben zwei Drittel der Befragten an, Hamsterkäufe auszuschließen. Weil in Polen Sportstätten nicht öffnen dürfen, hat sich ein Fitnesscenter zur »Kirche des gesunden Körpers« erklärt. Wegen der steigenden Zahl ist die Einrichtung eines Feldlazaretts im Nationalstadion in Warschau geplant.

18. Oktober | Simulation

Es gäbe die Möglichkeit, den Verlauf der Pandemie zu simulieren, dabei unterschiedliche Parameter einzustellen und zu schauen, wie sich was zueinander verhält und damit einen Blick in die Zukunft zu werfen, so, wie ich sie nach acht Monaten Corona erwarten könnte. Es gäbe diese Möglichkeit, ich entscheide mich, heute, an diesem 18. Oktober dagegen, will nicht über den nächsten Tag hinaus wissen, was geschieht.

Ansonsten: Die Bundeslandwirtschaftsministerin warnt vor Hamsterkäufen. Das Bundeswirtschaftsministerium will der Gastronomie mit Überbrückungshilfen, mit denen die Anschaffung von Außenzelten und Heizpilzen bezuschusst werden, über die Wintermonate helfen. Wegen der zu schnell steigenden Infektionszahlen stellt das slowenische Gesundheitsamt die Nachverfolgung von Positivkontakten ein.

17. Oktober | Die Insel

Während allerorten die Zahlen steigen (heute: 7830), gibt es eine Stadt, in der das nicht geschieht: Weimar. Nicht geschieht ist in diesem Fall noch untertrieben. In den letzten sieben Tagen gab es hier keine Neuinfektion. Und das, muss hinzugefügt werden, trotz eines Volksfestes mit 75000 Besucherinnen.

In den zwangsläufig erschienen Texten ist von einem »weißen Fleck« die Rede, einem »gallischen Dorf«. Erstaunt fragen die Texte: Wie ist das möglich? Antworten sind: ganz, ganz viel Glück. Strenge Regeln. Das Spielen von Musik war verboten. Eine »gewisse« Disziplin in der Gastronomiebranche, weil die Gastronomen ein »riesen Interesse daran … haben, dass das funktioniert.« Eine eigene Corona-Hotline, der Krisenstab und die Strukturen in der Stadtverwaltung wurden im Sommer bei den niedrigen Zahlen beibehalten. Bis jetzt, erklärt der Bürgermeister, zeigten sich die Bürger vernünftig.

Gestern noch dachte ich, dass ich als nächstes über die (erneute) Diskrepanz der auf mich einprasselnden Berichte der steigenden Zahlen und der fehlenden Wahrnehmung aus meinem direkten Umfeld schreiben müsste. Was woanders geschieht, geschieht mir nicht. Nun weiß ich, weshalb: Ich lebe auf einer Insel inmitten des Coronameers.

Ansonsten: In Großbritannien liefern Drohnen bald Coronatests und Schutzausrüstungen zwischen Kliniken aus. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier begibt sich nach der Infektion eines Personenschützers in Quarantäne. In NRW befinden sich momentan 70000 Menschen in Quarantäne. Pianist Igor Levit will im Fall eines erneuten Lockdowns keine livegestreamten Hauskonzert mehr geben.

https://twitter.com/HerrSupersonic/status/1317484247045767170

16. Oktober | im Rückblick schlauer

Heute vor zwei Wochen wurde die Covid19-Erkrankung des amerikanischen Präsidenten bekannt. Entgegen der Erwartung aller hektischer Einträge auch hier hatte diese so gut wie keinen Einfluss auf etwas. Einige Tage Ausnahmezustand, Bekanntgabe weiterer Infizierter, dann die Rekonstruktion dessen, was gerade geschehen war (beim Verlassen des Krankenhauses trägt Trump ein Superman-Shirt unter seinem Hemd etc.), schließlich die Rückkehr als Geheilter und Gestärkter, weitere Rallyes, die Verkündung, dort alle Anwesenden (guys & beautiful women) küssen zu wollen. Einige weitere Prozentpunkte sind eingebüßt, legal scheint die Wahl nicht mehr zu gewinnen, Corona ein kleiner dramaturgischer Schlenker, der vor dem Finale einen letztlich im Sande verlaufenden Handlungsstrang präsentiert.

Ein Amtsarzt spricht über Berlin-Neukölln. Dort liegen die wöchentlich 180 Infektionen pro 100.000 Einwohner, 70 Prozent der Infektionen können nicht mehr zurückverfolgt werden, der Ausbruch sei zu einem Flächenbrand mit hunderten Glutnestern geworden, die politischen Entscheidungen würden mit dem Infektionsgeschehen nicht mehr mithalten können.

Weil die aktuell vertretenen Strategien hier wenig Wirkung haben, schlägt er eine andere Vorgehensweise vor, eine risikobasierte Pandemiebekämpfung. »Das würde heißen, dass wir empfehlen, dass Risikogruppen gesondert den öffentlichen Raum betreten und mit Schutzausrüstung ausgestattet werden. Zwei Stunden am Tag dürfen nur Risikogruppen in die Supermärkte. Eine solche Strategie würde auch bedeuten, dass spezielle Test- und Besuchsregeln für Altenheime, Pflegeheime und deren Mitarbeiter erlassen werden.« Im Prinzip schlägt aus pragmatischen Gründen vor, das Große und Ganze aufzugeben und den Schaden zu beschränken, eine Abwandlung der Great Barrington Erklärung.

Ich frage mich, wie im Rückblick diese Tage gelesen werden. Was jetzt passiert, ist, wovon im Mai Fachleute sprachen. Sie warnten, empfahlen, entwickelten Strategien. Jeder, der wissen wollte, konnte das in Erfahrung bringen. Dennoch sind die Zahlen, wie sie sind (heute über 7000, in Tschechien über 9000 Fälle, 60000 USA, etc).

Das, was gerade geschieht, wäre vermeidbar gewesen. Aber es geschieht, trotz der Warnungen, der Berechnungen, den Erfahrungen aus anderen Pandemien. Wie wird sich 2020 in fünf Jahren lesen, dann, wenn sich jemand den Mai anschaut und dann den Sommer und schließlich den Herbst, wird sich der Lesende sagen: Wie konnte das trotz allen Vorwissens geschehen? Die Karten lagen doch auf den Tisch, warum sind die Menschen sehend in diese Zahlen gelaufen?

Und was, wenn jemand in der nächsten Pandemie über diese Pandemie lesen wird? Dann wird er auch über Wissen verfügen. Wird es damit möglich sein, das Geschehen zu beeinflussen? Oder ist der Schwarm dazu verdammt, die gleichen Fehler wieder und wieder zu machen?

Denke ich an den Sommer, denke ich daran, dass ich von der zweiten Welle gehört hatte und dass ich mich dennoch sorgloser verhielt; öfter mit Menschen, weniger oft mit Maske, auch näher, es ist warm, ich bin draußen, die Zahlen stehen niedrig, mein Aerosolatem ist ausgedünnt, ich habe es mir verdient, ich will Reserve tanken für den Herbst. Letztlich, im kleinen Rückblick, habe ich alles richtig gemacht: Ich habe die gute Zeit so gut wie möglich genutzt, ohne dass daraus Negatives geschah.

Rechne ich mein Verhalten hoch, weiß ich: Es kann auch nur Glück gewesen sein.

Ansonsten: Ein Jodelfest im Schweizer Kanton Schwyz führt zu einem großen Anstieg von Infektionen. Weil die Infektionszahlen sinken, werden nach einem Monat in Israel die Maßnahmen gelockert. Das Robert Koch-Institut stuft Frankreich und die Niederlande als Risikogebiete ein. Der japanische Ministerpräsident Yoshihide Suga erklärt, dass die Olympischen Spiele 2021 auf jeden Fall stattfinden sollen.

15. Oktober | diesmal / es / schaffen

Den 14. Oktober noch einmal gelesen, den Text, geschrieben im Regen, im selben Wetter, das ein AfD-Bundestagsabgeordneter für ein Beleg des Nichtstattfindens der Klimakrise nimmt, und am Schluss hängengeblieben, dem Satzteil: Diesmal ist es nicht zu schaffen.

Ich frage mich, was ich damit meine. Was bedeutet diesmal, was es, was schaffen? Diesmal wird die Gegenwart meinen, damit den Herbst, vermutlich den Winter. Diesmal macht einen Gegensatz zu einer anderen Zeit auf, zu März und April.

Es ist das Angehen gegen das Virus. Wie kann die Ausbreitung verhindert, wie die Krankheitsverläufe gemildert, die Krankenhäuser vorbereitet werden. Welche notwendigen Informationen gibt es und wie werden sie so verbreitet, dass ihre Kernaussagen eine Mehrheit erreicht und dazu bewegt, das Angehen anzugehen.

Schaffen ist das uneindeutigste der drei Wörter. Sind neuntausend Tote ein Schaffen? Hat ein Land es geschafft, wenn es sich in Vergleich zu anderen Ländern setzt? Und wenn ja, zu welchen? Brasilien, Peru, Amerika? Japan, Südkorea? Ist schaffen, wenn die eindeutige Mehrheit der Bevölkerung die angeordneten Maßnahmen als akzeptabel betrachtet? Ist schaffen, wenn außerdem darüber diskutiert wird, wenn jede dafür und dagegen sprechen kann?

Und was meint schaffen in Bezug auf diesmal? Was soll im Herbst und Winter geschafft werden? Was ist das Ziel? Wieder nur neuntausend Tote? Freie Intensivstationen, die auch andere Operationen zulassen? Wieder eine Mehrheit, die die Maßnahmen trägt? Weiterhin Diskussionen? Weiterhin Mitgefühl, Solidarität, Vernunft?

Gestern die Pressekonferenz nach dem politischen Beraten und Entscheiden. Die Beteiligten wirken müde. Es wird deutlich, wie groß die Uneinigkeit ist, der Dissens darüber, wie stark das Angehen gegen das Virus eingreifen soll in das tägliche Leben, ein gutes halbes Jahr nach dem ersten Angehen, mit all dem Wissen um die Folgen und den Unmut, das Getriebensein.

Der Gipfel produziert einige Sätze: »Ich bin nicht zufrieden. Die Ergebnisse sind nicht hart genug, dass wir Unheil abwenden.« »Die Maske ein Instrument der Freiheit.« »Wir sind kurz davor, die Kontrolle zu verlieren.« »Dann sitzen wir in zwei Wochen eben wieder hier. Es reicht einfach nicht, was wir hier machen.« »Deswegen ist meine Unruhe mit dem heutigen Tag noch nicht weg.«

Heute sind es knapp 7000 Neuinfektionen, die höchste Zahl bisher. Eine Zahl, die sich nicht mit April vergleichen lässt, die sich zum Teil auch mit Rückstaus in den Labors erklären lässt, die dennoch steht und wie die Zahlen der letzten Tage, der europäischen Länder, in eine Richtung weist. Das, was heute getan und nicht getan wird, werden die Zahlen in zwei Wochen sein. »Heute entscheidet sich, wie wir Weihnachten feiern können«, noch so ein Satz.

diesmal / es / schaffen. Ich weiß, was gemeint ist, ahne, was es bedeuten muss, damit schaffen möglich ist. Mir fehlt heute, an diesem Oktobertag, die Vorstellungskraft, wie beides zusammengehen könnte.

Ansonsten: Auf dem Coronagipfel mit den Ministerpräsidentinnen werden Maßnahmen beschlossen zu: Maskenpflicht, private Feiern, Kontaktbeschränkungen, Sperrstunde, die Gespräche über Beherbergungsverbote werden vertagt. Ab Samstag gelten zwischen 21.00 und 6.00 Uhr in neun französischen Städten Ausgangssperren. Laut WHO droht die Coronapandemie die bislang erzielten Erfolge im Kampf gegen Tuberkulose zunichte zu machen. Weil Einkaufscenter und Schulen keine Rentiere für Weihnachtsmannauftritte und Schlittenfahrten mieten wollen, bricht das Geschäft britischer Rentierbesitzer um 95% ein.

14. Oktober | Verheerende Traurigkeit

Vor drei Tagen schrieb ich über das Vergessen. Wenn ich darüber schreibe, dass ich vergessen habe, muss ich mich erinnern, dass es einmal etwas gab, dass ich wusste. Es ist Anfang März, es ist Mitte Oktober, ein seltsames Déjà-vu geschieht. Die Zahlen steigen, Maßnahmen werden diskutiert.

Und doch ist es anders. Heute das Gefühl, das es diesmal nicht zu schaffen ist. Die Argumente sind längst ausgetauscht, was gemacht werden müsste, bekannt. Die Gegner der Maßnahmen sind aufgestellt, die Befürworter ebenfalls. Beide müssen nicht mehr diskutieren. Beide wissen, dass es nicht um das Konkrete geht, um ein Abwägen. Es ist etwas Grundsätzliches, jedes Detail danach bewertert und auf die eigene Seite gezogen, nicht das Detail an sich gesehen.

Ich merke es an mir selbst: Ich erkalte. Den Maskenlosen werfe ich tote Blicke zu. Ihr unermüdliches Posten verachte ich, ihre Graphen, ihre Zahlen, ihre Argumente sind Abgund. Ich weigere mich, eine Sekunde nur von ihrer Seite aus zu sehen, mich ihnen zu nähern, zumindest die Hand auszustrecken, zu sagen: Ja, es ist nicht gerade angenehm, eine Maske zu tragen. Sehe ich einen von ihnen, denke ich: Ein herzloser Mensch. Er will Böses. Er denkt nur an sich, nicht andere. Mein Urteil ist gefällt. Es steht. Ich stehe ihnen unversöhnlich gegenüber.

Damit auch den Grautönen. Die Fragen, die dieser Herbst anders aufwirft als es das Frühjahr tat, sehe ich unerbittlich. Ich bin nicht bereit für ein Für und Wider. Ich bin hart geworden. Ich sehe die heutige Zahl (5132), ich sehe die Kurven, ich sehe die Wellen der Spanische Grippe, ich sehe die Fronten, habe die längst gemachten Meinungen im Ohr, die hässlichen Stimmen, die längst wissen, wie sie zu klingen haben. Ich spüre das Kalte, eine verheerende Traurigkeit, die müde flüstert: Diesmal ist es nicht zu schaffen.

13. Oktober | Austritt aus dem Debattierklub

Aktuell werden mehrere Debatten geführt, die viel Raum einnehmen und von hoher Intensivität sind. Hohe Intensivität bedeutet: Man geht sich schnell persönlich an und man ist ausdrücklich als generisches Femininum gemeint.

Eine Debatte dreht sich um das Beherbergungsverbot. Auf politischer Ebene wird debattiert, Virologen debattieren, der ganze große Rest ebenfalls. Man ist sich uneins. Die Sache ist nicht eindeutig, der erwartete Erfolg nicht klar, die Folgen wären einschneidend. Dem Thema werden viele Worte gewidmet, es geht auch um Grundsätzliches; um Wirtschaft, persönliche Freiheiten, vor allem setzt die Debatte die Richtung, wie im Pandemieherbst und -Winter weiterverfahren wird, wie viel Beschränkung notwendig ist, wie tief das Wissen der Entscheider reicht, wie viel sicher sein muss, um einzuschränken.

Eine weitere Debatte handelt vom Feiern, darum, wie um die steigenden Infektionszahlen mit einer vermeintlichen Rücksichtslosigkeit Junger in Verbindung steht. Es geht um Eigenverantwortung, vielleicht auch um unterschiedliche Maßstäbe, die an verschiedene Lebensbereiche und Alter angelegt werden, um Party verbieten, aber Familienfeier erlauben, sicher geht es um einen Generationskonflikt und wer wovon betroffen ist. Die Auseinandersetzungen werden scharf geführt, man beleidigt oder ist beleidigt, die Debatte ist nicht zwangsläufig nur am Sachlichen orientiert.

Ich fühle mich zu müde, um in eine dieser Debatten einzusteigen. Debatte 1 ist komplex und meine Reserven am Beschäftigen mit Komplexen ist nach sieben Monaten recht aufgebraucht, ich will das Wenige lieber für anderes sparen. Der Urlaub Anderer ist nicht das Primäre, was mich momentan beschäftigt.

Auch für Debatte 2 bin ich zu müde, das viel zu hastige Herausfahren der Geschütze in der ewigen Schlacht von jung vs. alt, Stadt vs. Land, Hedonismus vs. ehrlicher, harter Arbeit. Klar, wenn Kindergärten wieder geschlossen werden, werde ich jeden, der gefeiert hat, abgrundtief verachten. Jeden Ü60-Kegelklub, der nach Kroatien zur Sause gefahren ist, ebenso. Dann werden mich Urlaube wieder bewegen.

Und dann kommt heute Mail von jemanden, den ich sehr schätze, die Bitte, sich mit der sogenannten Die Great Barrington Erklärung auseinanderzusetzen. Die ist ein Schreiben, in dem, stark verkürzt, Wissenschaftlerinnen für die Strategie der Durchseuchung plädieren, »denjenigen, die ein minimales Sterberisiko haben, ein normales Leben zu ermöglichen … während diejenigen, die am stärksten gefährdet sind, besser geschützt werden.«

Am Ende der Erklärung stehen viele Namen, alle tragen ein Dr. im Namen. Ich überfliege die weitergeleitete Erklärung des Geschätzten und schließe sie dann, fürchte mich davor, darüber zu googeln, fürchte mich vor dem, was ich dabei finden könnte, möchte keinesfalls in diesen Debattierklub eintreten.

Ansonsten: Ab morgen tritt in den Niederlanden ein teilweiser Lockdown in Kraft; Gaststätten schließen, grundsätzlich Maskenpflicht in Räumen, öffentliche Verkehrsmittel nur für notwendigen Fahrten. In den USA infiziert sich ein Mann innerhalb von 45 Tagen zwei Mal, die zweite Infektion verläuft schwerer. Laut einer Studie übernahmen während des Frühjahrslockdowns auch bei einer ähnlichen beruflichen Belastung mehrheitlich die Mütter die Kinderbetreuung. Eine dänische Studie besagt: Je empathischer man sei, desto wahrscheinlicher, dass man den Maßnahmen gegen die Ausbreitung folgt. Cristiano Ronaldo wird positiv auf Corona getestet.

12. Oktober | Schattentiere

Jemand postet ein Video. Darin erklärt der deutsche Gesundheitsminister, dass der Verlauf von Covid19 wesentlich milder sei als der von der Grippe. Unter das Video sind Kommentare gesetzt: »Und wieder einmal mehr hat er zugegeben das die ganzen Massnahmen reine Volksverarsche ist«, »Für wie dumm halten Sie, Herr Spahn die Bevölkerung eigentlich?«, »Mal wieder verplappert liebe spahnplatte« etc.

Das Video ist ein Stachel. Es triggert mich. Die, ohne Kontext getroffene, Aussage, Covid19 < Grippe, ist wichtigstes Instrumentarium der Coronamaßnahmenkritikerinnen. Wenn der Gesundheitsminister diese Annahme öffentlich bestätigt, wie kann ich dagegenhalten?

Ich überlege, es gut sein zu lassen. Das Video muss mich nicht beschäftigen. Aber es lässt mir keine Ruhe. Ich kann es nicht stehenlassen, nicht, ohne mehr darüber zu wissen, ohne den Kontext zu kennen. Ich recherchiere. Das zweite Suchergebnis liefert mir Kontext.

Das Video stammt vom 21. Januar 2020, aus einer Zeit, als es in Deutschland noch keinen nachgewiesenen Fall gibt. Das originale Video ist länger, es zeigt Kontext, zeigt die Zeit, als wenig bekannt war.

Das gepostete Video nimmt nur die Passage mit Covid19 < Grippe heraus. Es verzichtet auf jegliche Angaben zum Entstehungszeitpunkt, zu den Umständen, unter denen es entstand. Dieser im Oktober gepostete Videoausschnitt dient einem Zweck. Knapp tausend Mal erfüllt es seinen Zweck, knapp tausend Mal wird es geteilt, viel öfter gesehen, ohne Kontext gesehen, nur die Aussage Covid19 < Grippe vom deutschen Gesundheitsminister.

Ich poste den Verweis auf das Entstehungsdatum des Videos mit Link. Alles in allem kostet mich Schauen / Stachel / Recherche / Posten vielleicht fünf Minuten. Die fünf Minuten, denke ich während der fünf Minuten, müsstest du sinnvoller verbringen, weniger virtuell, wegen windmühlenbekämpfend, weniger getriggert, ich sollte ein schönes Kürbisrezept nachschlagen oder aus dem Fenster ins abendliche Straßenlaternenorange schauen.

Ich frage mich: Ist muffig, pedantisch, spießig, überflüssig, denuzierend, kleinkariert, so zu handeln? Oder ist es ein notwendiges Verhalten, letztlich eine einfache, weil effiziente Möglichkeit der Reaktion?

Später am Abend eine virtuelle Benachrichtigung. Der Poster hat das Video gelöscht. Kommentarlos zwar, aber gelöscht. Ich müsste lügen, würde ich verschweigen, dass zumindest einen Moment lang etwas weniger unzufriedene Schattentiere im Laternenschein flattern.

Ansonsten: Vier Mitglieder der päpstlichen Schweizergarde werden positiv getestet. In München darf nach 22.00 Uhr kein Alkohol mehr ausgeschenkt werden. Momentan werden in Großbritannien mehr Patienten mit Covid19 im Krankenhaus behandelt als im Frühjahr. Im chinesischen Qingdao sollen innerhalb von fünf Tagen alle neun Millionen Bewohnerinnen getestet werden.

11. Oktober | Vergessen

Ich frage mich, was ich vergessen habe. Woran muss der Herbst mich erinnern?

An den Zytokinsturm? Das Gefühl des Ertrinkens bei der Lungenentzündung? Dass Covid19 weiterhin eine tödliche Krankheit ist? Dass die Arbeit der Pflege nicht selbstverständlich ist? Die leeren Intensivstationen Luxus sind und nicht gegeben? An Abstand halten? Dass eine Pandemie in kühlen Tagen eine andere ist als im Sommer? Drinnen anders ist draußen? Dass es exponentielles Wachstum gibt? Dass Kindergärten auch geschlossen sein können? Dass es kein Gewöhnen an eine Pandemie gibt? Dass doch täglich neue Verschiebung geschehen können, jenseits der Unterhaltung, welcher Prominente welchen Telegramchannel eröffnet hat, Veränderungen, die das Bekannte in Frage stellen?

Und was, wenn ich ich durch wir ersetzen müsste, so, wie in den Generationsbüchern, wo alle mitgemeint sind, obwohl sich so ein wir nur schwer konstruieren lässt? Woran müsste sich dieses diffuse wir erinnern, damit es einigermaßen durch diesen gerade beginnenden Herbst kommt, durch das nächste Kapitel der Pandemie, ein Weiterschlagen im Buch, ein Zurückblättern?

Ansonsten: Das französische Gesundheitsministerium entscheidet, dass Visiere Masken nicht ersetzen. Um sich vor Corona zu schützen, stellen Bauern in Kambodscha sogenannte Ting-Mong-Puppen vor ihre Häuser. NRW begrenzt Teilnehmerzahl für private Feiern auf 50 Personen. Weil ein Mann in einem Zwickauer Supermarkt zum Tragen der Maske aufgefordert wird, schlägt dieser mit einer Axt auf die Schutzverglasung im Kassenbereich ein. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident warnt davor, sich »von Alarmismus leiten« zu lassen. Stuttgart erbittet zur Verfolgung von Kontaktpersonen die Hilfe der Bundeswehr.

10. Oktober | Volksfest in der Pandemie

Jede Stadt, die etwas auf sich hält, veranstaltet ein Volksfest. Um eine in der Vergangenheit liegende Begebenheit werden dafür Grille, Lángosbuden, Bierzapfsäulen und eine Bühne, auf der die Zweitplatzierte einer seriösen Castingshow einen Auftritt haben wird, gruppiert. Ein Wochenende lang strömen daraufhin Menschen aus dem Umland in die Stadt.

In Weimar ist diese historische Begebenheit der Zwiebelmarkt. Zwiebelbäuerinnen verkaufen Zwiebeln, die zu bunten Zöpfen gestaltet sind. In guten Jahren kommen deshalb über dreihunderttausend Personen in die Stadt.

Jedes Jahr verweisen Angestammte auf die vergangenen Jahre, in denen es »besser« gewesen sei, weil weniger Spektakel und mehr historische Begebenheit. In diesem Pandemiejahr besteht der Markt fast ausschließlich aus dieser Begebenheit. Abgesehen von einigen wenigen Nahrungsständen sind als Händlerinnen nur die Zwiebelzopfverkäuferinnen zugelassen.

Das Stadtgebiet ist dafür in Zonen unterteilt. Ab einer Grenze muss die Maske getragen waren. Wachkräfte stehen an den Zonengrenzen, prüfen, weisen bei Verstößen so energisch darauf hin, dass klar ist: auf Diskussionen über die Maskenpflicht haben sie keinen Bock.

Manche der Besucher paffen neben den Wachen schnell noch die Zigarre auf, bevor sie rufen, dass sie jetzt die »Todeszone« betreten. Nach dem Anschlag in Berlin wurden die Zufahrtswege mit schweren Containern blockiert, um mögliche Amokfahrten zu verhindern. Diesmal sind die Zufahrtswege mit Hygieneinformationsschildern bestückt. In Zweigruppen sichern Wachen die Zwiebelmarktzone, dort, wo man gar nicht mal so eng beisammensteht und der Bürgermeister gibt der ZEIT ein Interview, in dem er erklärt, wie Weimar den Zustrom der Touristen handhabt: »Wir können nicht Menschen aussperren, nur weil sie mit Berliner Autokennzeichen herumfahren. Wir werden uns als Stadt nicht abschotten … Die größten Probleme sind die Privatfeiern. Aus unserem vor wenigen Wochen veranstalteten Töpfermarkt mit seinen 13.000 Besuchern ist dagegen nicht eine einzige Infektion hervorgegangen.«

Ich freue mich für die Zwiebelbäuerinnen, dass sie ihre Produkte verkaufen können und ahne, dass der Zwiebelmarkt 2020 wie ein möglicher Kompromiss zwischen angemessener Reaktion und dem Willen zum Festhalten an der Normalität aussehen könnte. Aber der Titel dieses Eintrags lautet trotzdem: Volksfest in der Pandemie. Aber trotzdem streifen Sicherheitskräfte durch die Stadt und verfügen über andere. Aber trotzdem ist die Stadt in Zonen unterteilt und ist das Betreten dieser Zonen an Bedingungen geknüpft. Aber trotzdem steigen die Infektionszahlen und gibt es ein Volksfest mit zehntausenden Besucherinnen. Wie könnte es anders sein, als da kein Unbehagen zu empfinden?

Ansonsten: Weiterhin steigende Infektionszahlen in den europäischen Ländern, in Frankreich 26.896 neue Infektionen in den letzten 24 Stunden. Winfried Kretschmann rät zum Verzicht auf den Herbsturlaub. Kanzler Kurz hält in den Wintertourismus in Österreich für sicher. In Österreich werden innerhalb eines Tages 1230 neue Infektionen registriert – so viele wie nie zuvor.

9. Oktober | Maskenvorfall (Plural)

Nachdem im Bundesstaat New York ein 80-Jähriger einen 65-jährigen auf dessen fehlenden Mund-Nasen-Schutz hinweist, stößt dieser ihn so heftig, dass der 80-Jährige an den Folgen des Sturzes verstirbt.

Wegen eines Streits um Masken greifen mehrere Männer eines Motorradvereins den Fahrer eines Buses im niederbayrischen Spiegelau an und verletzen ihn.

Als sich ein Passagier auf einem Flug in Arizona weigert, eine Schutzmaske zu tragen, mündet der Streit in einer Schlägerei.

Die Aufforderung, in einer Südtiroler Seilbahn eine Maske aufzusetzen, erwidert der Angesprochene Mann mit mehreren Fausthieben.

Ein Hinweis, den Mund-Nasenschutz richtig aufzusetzen, führt in einer S-Bahn in der Region Hannover zu einem Handgemenge, das mit Würgegriffen und Schlägen mit einem Handy auf den Kopf endet.

Nachdem Polizisten bei einer Kontrolle in einer Bamberger Kneipe sechzig Gäste auf engstem Raum ohne Maske antreffen, greifen die Gäste die Beamten an und übergießen sie mit Getränken.

Nachdem Polizisten zu einem Restaurant in Stralsund gerufen werden, in dem ein Kellner ohne Maske serviert, äußert dieser den Beamten gegenüber sein Unverständnis für die Maßnahmen der Landesregierung und versucht, sie mit der Faust zu schlagen.

Nachdem ein Mann in einem Zug nach St. Veit zwei Frauen, die die im Zug angebrachten Covid-Informationspickerln entfernen, daraufhin anspricht, mischen sich zwei unbekannte Männer ein und verletzen den Mann mit Faustschlägen und fügen ihm Kratz- und Schürfwunden im Oberkörperbereich zu.

Am Historischen Museum in Speyer weist ein Pärchen zwei Männer auf deren fehlenden Mundschutz hin, im Folgenden kommt es zu Handgreiflichkeiten und Beleidigungen, auch gegen einen unabhängigen 27jährigen Zeugen.

Als am Straßenbahnhaltepunkt der Europahalle Karlsruhe ein 16-Jähriger an Krücken ein junges Pärchen auf dessen fehlenden MNS hinweist, kommt es zu seinem Streit, in dem sich ein Fahrgast mischt, der daraufhin von dem Pärchen mit dem Tode bedroht wird.

Während eines Streits über die Maskenpflicht in der Eurobahn Hamm schlägt eine 48jährige mit einem Wanderstock auf einen 47jährigen Mann ein, der die Attacke mit einem Faustschlag erwidert.

In Folge eines Hinweises auf das Nichtragen einer Maske in der Wiener U3 wird ein 33jähriger Mann zusammengeschlagen und gegen den Kopf getreten.

Als ein 62-jähriger einen Mann beim Betreten eines Fotogeschäftes zum Tragen einer Maske auffordert, schubst der Kunde den Mann zu Boden.

Als ein Pärchen drei Männer in der Münchner U-Bahn drei Männer auf das Tragen von Masken aufmerksam macht, nehmen diese den Mann in den Schwitzkasten, schlagen ihn mit der Faust ins Gesicht und treten in seinen Rücken.

Im Zug nach Boizenburg wird eine Frau ohne Maske von zwei Maskenträgern angespuckt und am Kopf verletzt.

Nachdem in Innsbruck eine Busfahrerin einen Fahrgast per Durchsage ermahnt, die Maske aufzusetzen, durchbricht ein anderer Fahrgast die Absperrung zur Fahrerin, ruft, dass das Corona-Getue nur ein Täuschungsmanöver des Staates sei, verpasst der Frau massive Kopfstöße und teilt Faustschläge aus.

Ansonsten: Nachdem ein Streit um das Tragen einer Maske eskaliert und ein Beteiligter Pfefferspray einsetzt, müssen vierzig Fahrgäste in Augsburg die Straßenbahn verlassen. Weil ein Mann einen Mann auffordert, in einem Waschsalon in Paris eine Maske zu tragen, verlässt dieser den Salon, kehrt kurz darauf mit mehreren anderen Männern zurück, die den Mann mit Baseballschlägern zusammenschlagen. Nachdem ein 61-jähriger Karlsruher von der Filialleiterin eines ALDIs zum Tragen einer Maske aufgefordert wird, regt dieser sich so sehr darüber auf, dass er die Einkäufe zu Boden wirft, in seinen Peugeot 508 steigt und in den nächstgelegenen Graben fährt.

8. Oktober | Wellenannahme

Im Ansonsten taucht es kaum noch auf, weil ansonsten dort kaum noch Platz für anderes wäre als: die ständig steigenden Infektionszahlen aus den europäischen Ländern, Werte mit dem Präfix Höchst, Zahlen, die sich immer weiter in Richtung der Zahlen von März schieben.

Das Bild von der »zweiten Welle« war eines, das von Anfang an da war. Der Blick auf die Spanische Grippe mit den drei Wellen, der Blick auf den Sommer als Trenner, nach und nach die Verfeinerung der Prognosen, das diffuse Verbreiten des Virus, im Hintergrund ein allmähliches Streuen und dann, ein leises Anschwellen, das mehr und mehr an Fahrt gewinnt.

4000 Neuinfektionen werden in Deutschland im Verlauf von 24 Stunden gemeldet. Anders als zu Beginn der Pandemie weiß ich mittlerweile, dass diese Zahl interpretiert werden muss; an welchem Wochentag wird sie erhoben, wie viele Test werden gemacht, wie viele davon sind positiv, wie ist das in Vergleich gesetzt zu den Zahlen von vor einem Monat, was sagt die Infektionsrate, was die Erkrankung, die Zahlen über die Krankenhausbehandlung, die Intensivstationen.

Das habe ich im letzten halben Jahr gelernt: Zahlen nicht isoliert zu betrachten, sie einzubetten in einen Kontext, ein Kontext, der mir oft unbegreiflich ist bzw. wenn ich glaube, zu verstehen, erweitert sich der Kontext, ein neuer Faktor kommt ins Spiel und die Interpretation muss anders interpretiert werden.

Aber die Zahl steht dennoch: 4000. Die Zahlen stehen in Frankreich, Österreich, Schweiz, Israel, auch in Schweden. Überall ein Ansteigen, im Nachgang auch ein Steigen der daraus folgenden Zahlen. Ich weiß nicht, ob es formale Kriterien gibt, ab wann der Begriff der Zweiten Welle angebracht ist. Gefühlt ist es in diesen Tagen, in denen Sperrstunden verhängt und, Einreisebeschränkung ausgesprochen werden, die Maskenpflicht verschärft wird, Bars und Kinos geschlossen werden, in denen #StayAtHome und #Klopapier wieder als Hashtags auftauchen.

Es ist der Übergang zum Herbst. Wäre die Zweite Welle ein wirkliches Bild und stände ich am Strand, ich würde es sehen, das Anrollen. Was folgt aus diesem Blick? Erwarte ich eine ähnliche Situation wie im März; das monatelange Schließen von Kindergärten und Schulen, ein Verbot, Bücher auf Parkbänken zu lesen? Erwarte ich leere Mehlregale in Supermärkte und Strafzahlungen beim Besuch von Nachbarn?

Die Antwort ist: Nein, nicht so.

Ansonsten: Weil die Abrieglung Madrids die Grundrechte beschränke, kippt ein Gericht die Lockdownbeschränkungen. Nachdem Markus Söder die Coronaentwicklung in Berlin kritisierte, wirft ihm der SPD-Generalsekretär die Spaltung des Landes vor und bezeichnet den Ministerpräsidenten als Mini-Trump. Donald Trump bezeichnet seine Covid19-Erkrankung als »Gottes Segen«.

7. Oktober | div

Einiges, was in den letzten beiden Wochen liegenblieb.

(Modellrechnung) Auf einer Pressekonferenz sagt Angela Merkel »Ich habe einfach eine Modellrechnung gemacht« und leitet aus den bisherigen Werten und dem aktuellen Verlauf der Infektionen eine mögliche Entwicklung bis Jahresende ab.

Auch wenn ich weiß, dass die Rechnung auf einer Veranstaltung geschieht, die dafür gedacht, bestimmte Bilder zu produzieren und die Rechnung deshalb einem Zweck dient, auch wenn ich weiß, dass die Rechnung mit extremen Werten arbeitet und, aus mathematischer Sicht, zumindest zu diskutieren ist, wickelt mich dieser spröde Impuls in warme Decken ein, dieser Moment, in dem ein Staatsoberhaupt keine dramatische Musik einspielen lässt und keinen Gegner anschreit, sondern sagt: »Ich habe einfach eine Modellrechnung gemacht.«

(Hodencovid) Informationen über Unfruchtbarkeit als Folge einer Covid19-Erkrankung werden unter dem Hashtag #hodencovid besprochen. Als größere Medien dies aufgreifen, ist dem Text die Fußnote beigefügt: »Neben der medizinischen Bedeutung wird #hodencovid auch in Zusammenhang mit Menschen benutzt, die sich nicht an geltende Beschränkungen halten oder sich nachlässig verhalten. Zum Beispiel, indem sie ihre Nase über der Maske tragen – so als ob sie auch ihr Genital aus dem Schlüpfer hängen ließen.«

(Stoßlüften) Ein britischer Artikel staunt über eine spezielle deutsche Technik: das Lüften. Und wundert sich über die Fenster: »In Germany, windows are designed with sophisticated hinge technology that allows them to be opened in various directions to enable varying degrees of Lüften.«

(Chain Gang) Weiterhin twittert Herman Cain*, der sich im Sommer nach dem Besuch einer Wahlkampfveranstaltung von Donald Trump mit dem Virus infizierte und wenige Wochen später daran starb, dass das Virus gar nicht so gefährlich sei.

*(Formerly run by Herman Cain, now supervised by his team and family. The mission continues.)

Ansonsten: Italien verhängt eine Maskenpflicht im Freien. Nach der Maskenpflicht im deutschen Bundestag verstoßen mehrere AfD-Abgeordnete demonstrativ dagegen. Israel verlängert die während des Lockdowns geltenden Einschränkungen für Demonstrationen. Aufgrund der steigenden Infektionszahlen gilt in Berlin ab Samstag eine Sperrstunde.

6. Oktober | lokal global unvermeidlich

lokal: Letzte Woche gab es in einer gastronomischen Einrichtung Weimars ein Spreader-Ereignis. Infolgedessen sind die Infektionszahlen gestiegen, Kindergärten und Schulen sind betroffen, Gruppen, Klassen sind in Quarantäne, in einer Schule ein Drittel der Lehrerschaft.

Im Kindergarten werden die Gruppen und das Haus schrittweise wieder geöffnet. Was schön für die Kinder ist, aber die Frage aufwirft: Was wäre geschehen, wenn das Ereignis auch Einfluss darauf gehabt hätte? Hätten alle achtzig Kinder, deren Eltern und Familien in Quarantäne gemusst, weil ein offenes Haus keine Trennung möglich macht, weil damit alle Kontakt zueinander hatten?

In dem betroffenen Kindergarten werden schnelle Tests durchgeführt, die Reaktion scheint eine angemessene und vernünftige zu sein. Dennoch die Ahnung, dass dies wieder geschehen wird, dass weitere solche Vorfälle unvermeidlich sind, dass es eines Tages einen Eintrag über die eigene Quarantäne geben könnte und das vielleicht mehrmals.

global: Der amerikanische Präsident entlässt sich aus dem Krankenhaus und fliegt, maximal inszeniert, mit Hubschrauber zurück ins Weiße Haus, wo er augenblicklich die Maske vom Gesicht nimmt und offensichtlich Probleme beim Atmen hat. Kurz davor hat er auf Twitter erklärt: »Feeling really good! … I feel better than I did 20 years ago!« und »Don’t be afraid of Covid. Don’t let it dominate your life.«

Um bei der immer unorigineller werdenden Metapher einer Serie zu bleiben: Die Bilder, die Wörter, die Fortschreibung der Coronageschichte Trumps, die nicht dem tatsächlich Passierten, sondern einzig dem Willen des Protagonisten folgt, fühlen sich an wie ein vorletztes Kapitel wie die Folge vor dem unvermeidlichen Staffelfinale, vielleicht sogar vor dem Serienfinale an. Es ist ein müder Kampf gegen das Geschehen, die Mechanismen, mit denen Story und Figur am Leben gehalten werden, bekannt und abgedroschen.

Selbst die maximale Entwicklung nutzt sich nach vier Tagen ab. Die Wut über die Widersprüche zu dem, was in den USA geschehen ist (mir geht es besser, lasst euch das Leben nicht nehmen vom Virus, ich habe die bestmögliche Behandlung erhalten), die Wut über die Kälte, die Arroganz und Selbstbezogenheit eines Präsidenten, der das Virus allein auf sich projiziert, die in dem Satz »Don’t let it dominate your life« kulminiert, die (längst schon bekannte) Erkenntnis, dass der Präsident Krankheit als Schwäche versteht und zu Mitgefühl nicht fähig ist, ist größer als das Interesse am Unerwarteten, an der unterhaltenden Erzählung.

Ein weiterhin fassungsloses Beiwohnen, belustigt, erschrocken, sich-bestätigt-fühlen, weiterhin selten denkend an das Bob-Woodward-Buch, die 750$, die Melania-Tapes und den ganzen großen Rest.

Ansonsten: Ab heute gilt Maskenpflicht im Bundestag. Wegen einer technischen Panne (die Excel-Tabelle erreicht die maximale Spaltenanzahl) werden in Großbritannien knapp 16000 Infektionen nicht gemeldet. Nachdem Schleswig-Holstein vier Berliner Stadtbezirke zur Risikobereichen erklärte, zeigt sich das Land nun offen für bundesweit einheitliche Regelungen. Aufgrund des Anstiegs der Infektionszahlen sieht Ministerpräsident Söder Berlin am Rande der Nicht-mehr-Kontrollierbarkeit. Der Spiegel startet einen eigenen Newsticker für die Coronainfektion Donald Trumps.

5. Oktober | Kino als Drama

Da es in den letzten Tag kein Ansonsten abseits Amerika gab, sind hier zwei wichtige Meldungen nicht aufgetaucht. (1) Der von April auf November 2020 verschobene Start des neuen James-Bond-Films wird auf April 2021 verschoben. (2) Der zweitgrößte Kinobetreiber Cineworld schließt seine Säle in Großbritannien und Irland auf unbestimmte Zeit.

Beide Meldungen hängen miteinander zusammen. Der James-Bond-Film wird verschoben, weil die Kinos zu wenig Einnahmen erwirtschaften. Und die Kinos schließen, weil kaum noch neue Filme gestartet werden.

Im August fand ein Experiment statt. Während Tenet im Kino anlief, wurde Mulan auf dem Streamingkanal von Disney für 30$ angeboten. Beides sind große Produktionen, die viele hundert Millionen Dollar einspielen müssen, um zumindest nicht zu tief im Minus steckenzubleiben.

Beide Experimente sind, wenn auch nicht gescheitert, dann zumindest nicht aufgegangen. »Tenet« spielte bisher dreihundert Millionen Dollar ein, 1/3 der Summe, die er ähnlich gelagerte »Inception«. Von »Mulan« gibt es keine offiziellen Zahlen, aber Analysen lassen zumindest vermuten, dass der Film bei weitem nicht so häufig abgerufen wurde, wie erhofft.

Aktuell sind noch zwei große Filme in diesem Jahr fürs Kino angekündigt (Dune, Wonder Woman 1984). Alle anderen Produktionen dieser Art sind auf das kommende Jahr verschoben. Das bedeutet, dass Kinos, die auf Blockbuster angewiesen sind, mindestens sechs Monate mit einem sehr überschaubaren Angebot auskommen müssen. Die Schließung der Kinohäuser ist deshalb ein einleuchtender Schritt, der die Dynamik beschleunigt – weniger Häuser = mehr Verschiebungen.

Auch für die kleineren Kinos, die ohne das Marvel-Universum und The Fast and The Furious ihr Programm bestreiten, ist die Lage verheerend. Wie soll ein Kino erfolgreich laufen, wenn nur 1/3 der Plätze besetzt werden können? Es gehört nicht viel Fantasie zur Vorstellung, wie die Kinolandschaft im nächsten Jahr aussehen könnte. Was gerade geschieht, ist existenziell. Das Kino nach der Pandemie wird ein anderes sein als davor.

Letztens hörte ich eine Meinung dazu. (Programm)Kinos müssten wie Theater behandelt und so auch finanziell ausgestattet werden. Das Kino sollte nicht allein als Abspielstätte aktueller Filme verstanden werden. Ein gutes Kino ist ein kuratiertes Kino, ein Kino, das aus einer mittlerweile 130jährigen Filmgeschichte wählen kann, Filme aus allen Ländern, aus allen Zeiten aus allen Genres, diese Filme in Reihen thematisch zusammenstellen, Filme mit Diskussionen, Konzerten, Gesprächen zusammenzubringen, nicht in kurzer Zeit maximale Erträge erbringen müssen, sondern ausgewählte Veranstaltungen setzen.

Das ist im aktuellen Kinobetrieb mit der aktuellen Finanzierung nicht möglich. Ein Kinobetreiber muss ein Intendant sein, das Kino – neben dem regulären Publikumsbetrieb – so konzipiert sein. Das umzusetzen, würde den Einsatz von Geld bedeuten. Das Schließen nicht weniger Häuser. Es wäre ein massiver Einschnitt. Das, was ansonsten passiert, wird noch viel einschneidender sein.

Ansonsten: Ursula von der Leyen begibt sich in Quarantäne. Der japanische Designer Kenzō Takada stirbt an Covid19. Für Paris wird die »höchste Alarmstufe« erklärt, alle Bars schließen wieder. Die Trump-Kampagne greift Joe Biden an, weil er keine Erfahrung aus erster Hand mit Covid19 hat. Vor dem Krankenhaus zeigt sich Donald Trump seinen Anhängern im Autokonvoi und twittert kurz darauf 16x in dreißig Minuten, laut seinen Ärzten wurden ihm Steroide verabreicht.

4. Oktober | Interaktion mit dem kranken Tyrannen

»Wie sprechen über Menschen, die jedes Sprechen, das von ihnen handelt, als Erfolg betrachten?«
Enis Maci, Eiscafé Europa

Es ist unmöglich, die Augen davon abzuwenden. Es ist ausgeschlossen, nicht daran zu denken, wie der amerikanische Präsident gerade in der Präsidentensuite des Walter-Reed-Krankenhauses von Ärzten umsorgt wird. Es geht gar nicht anders, als sich ausmalen, wie es weitergehen könnte in diesem Oktober, den Blick dabei auf Washington gerichtet.

Dabei ist es unwürdig. Das Schicksal eines Einzelnen gegen die Schicksale aller anderen, die tausenden Geschehnisse gegen das eine: Es wäre notwendig, sich überhaupt nicht damit zu beschäftigen, als eine Art Protest gegen die Getriebenheit des ständig Passierenden, das Irre, das Gestagte und Instrumentalisierte, dem ich ohnehin nur hilflos beiwohnen kann. Ich sollte auf meine geistige Gesundheit achten und mich ausklinken, lieber das neue Buch von Éric Vuillard lesen oder mich in den Park unter einen Kastanienregen begeben.

Aber – das ist nicht möglich. Was passiert ist: 2016 bezeichnet Ruth Bader Ginsburg Donald Trump als »Faker«. 2020 will Donald Trump, dass die Verkündungszeremonie der Nachfolge Ginsburg genauso aussieht wie damals bei Ginsburgs Ernennung. Diese Zeremonie wird zum Superspreader-Ereignis. Mehrere hochrangige Republikaner stecken sich an, so dass die Anhörung (und damit Ernennung) der neuen Richterin dadurch eventuell nicht stattfinden kann. Die Infektionszahlen des Weißen Hauses sind größer als in Neuseeland, Vietnam und Taiwan zusammen.

Entgegen der ersten Behauptung, dass es Trump gut gehe, wird er in ein Krankenhaus gebracht. Auf einer Pressekonferenz werden Widersprüche deutlich; offenbar musste dem Präsidenten Sauerstoff zugeführt werden. Einer der Ärzte macht eine Handbewegung, die gedeutet werden kann als: Etwas stimmt nicht. Zugleich wird offenbar, dass Trump viel früher als behauptet von seiner Infektion wusste und mit diesem Wissen ungeschützte Treffen hatte, dass seine ebenfalls wissenden Mitarbeiterinnen und Familienmitglieder auch solche Treffen hatten.

Warum ich das so ausführlich aufschreibe? Weil es eine Schnitzeljagd ist. Ziel der Jagd ist das Herausfinden des »wirklichen« Gesundheitszustandes des amerikanischen Präsidenten. Jedes Bild, jedes Video, jeder Tweet, jede Äußerung kann der Bestätigung des Zweifels dienen.

Nach einem für Trump ungewöhnlich langem Schweigen auf Twitter erscheint dort: »Doctors, Nurses and ALL at the GREAT Walter Reed Medical Center, and others from likewise incredible institutions who have joined them, are AMAZING!!!Tremendous progress has been made over the last 6 months in fighting this PLAGUE. With their help, I am feeling well!«

Der Tweet wird auseinandergenommen. Es wird gefragt, ob der Präsident die Zeilen selbst verfasste. Belege werden gesammelt, dass jemand aus dem Team schrieb und in die Botschaft Worte einfügte, die typisch sind für Trump (amazing, incredible, tremendous), als Beleg auch die scheinbar willkürliche Großschreibung.

Das Video von Trumps Gang zum Hubschrauber wird angeschaut – Ist das wirklich er? Oder ein Schauspieler? Die Videos, die nach dem Aufenthalt entstanden sind, werden auf den Prüfstand gestellt: Bilddaten auslesen, Reflexionen betrachten, Spieglungen überprüfen. Eine Handbewegung eines Arztes wird mit der Kommunikation von Tauchern verglichen. Immer der Blick: Was ist echt, was gefälscht, soll etwas verschleiert werden und wenn ja, was?

Dem Beizuwohnen ist mehr als das passive Anschauen einer ohnehin schon irren, nicht auszudenkenden Geschichte. Es ist mehr, weil ich aktiv werden kann. Ich interagiere mit dem kranken Tyrannen. Ich sammele Hinweise, zoome in Bilder hinein, untersuche Standbilder in Videos. Ich gleiche meine Beobachtungen mit anderen Laien ab. Es besteht die Möglichkeit, dass ich aus tausenden Kilometern Entfernung die Täuschung widerlege, dass ich den mächtigsten Mann der Welt zu Fall bringen könnte. Ich liege im Wettstreit mit ihm.

Was damit passiert, folgt der gleichen Dynamik wie Verschwörungstheorien. Ich wittere eine Lüge, ich habe den Ehrgeiz, sie offenzulegen. Das Spinnen von Theorien, das Ausmalen von Möglichkeiten, jeder Reflex auf noch so kleinste Unstimmigkeit bereitet Freude. Es ist Unterhaltung, Entertainment in der Pandemie.

Ansonsten: Laut einer Umfrage glauben zwei Drittel der Amerikanerinnen, dass die Infektion Trumps vermeidbar gewesen wäre, wenn er das Virus ernster genommen hätte. Laut selber Umfrage baut Joe Biden seinen Vorsprung aus. Joe Biden wird negativ getestet und plant, in Zukunft seine Testergebnisse öffentlich zu machen. Boris Johnson empfiehlt Donald Trump, den Rat der Ärzte zu folgen.

3. Oktober | PrayForTrump Schadenfreude

Der gestrige Eintrag war der Atemlosigkeit des Moments geschuldet, die Annahme, dieses schicksalsträchtige Jahr an einem besonders schicksalsträchtigen Tag am Kragen packen und damit irgendwie den Geschehnissen habhaft werden zu können. Es ist so, dass das erst einmal geschrieben werden musste, um das viele Durcheinander in einen Text abladen zu können und ohne den Ballast des ersten Eindrucks weitermachen zu können.

Mittlerweile haben sich einige der Annahmen und Vorstellungen schon erledigt, der Präsident hat ein kleines Video aufgenommen, in dem er versichert, wie gut es ihm gehe und er deshalb ins Krankenhaus überstellt werde. Dort wird ihm Remdesivir verabreichtet.

Darüber hinaus ist ein großes Thema Schadenfreude und Häme. Muss aus Anstand heraus dem Präsidenten alles Gute gewünscht werden? Was wirft es für ein Licht auf jene, die nicht den bestmöglichen Krankheitsverlauf erhoffen? Ist Schadenfreude angebracht, sind Witze erlaubt? Welcher Maßstab gilt für wen, wer geht high, wer low?

Ich weiß, als sich Jair Bolsonaro infizierte, hoffte ich. Ich dachte, wie gut es doch wäre, wenn die Infektion eine Art Katharsis in Gang setzen würde, wenn die Erkrankung zu einem Wendepunkt werden würde, zu einem Umdenken bei dem Patienten führen würde, zu einem Damaskuserlebnis.

Das geschah nicht. Es blieb, wie es war, der Mensch war schlecht und seine Politik verheerend. Die Infektion des Tyrannen war Katharsis. Aber nur für die anderen, jene, die Schadenfreude empfanden, nur für diesen kurzen Moment, als Läuterung möglich schien.

2. Oktober | Plot Twist Amerika II

In vielen Serien (und fast allen Arten von Geschichten) gibt es mehrere Handlungsstränge; Erzählungen, die nebeneinander laufen, die anfangs scheinbar nichts miteinander zu tun haben, es aber den Zuschauenden schnell klar wird, dass sich die verschiedenen vorwärtstreibenden Geschichten einmal schicksalshaft kreuzen werden.

Donald Trump hat bis zuletzt versucht, ein solches Kreuzen zu vermeiden und, als es längst geschehen war, dessen Bedeutung herunterzuspielen. Zugleich war dieser eine besondere Plot Twist für den Mann, der täglich viele Menschen trifft und demonstrativ auf jede Vorsicht verzichtet, erwartbar. Die Frage war nicht, ob, sondern wann sich der amerikanische Präsident mit SARS-CoV-2 infizieren würde.

Wann ist heute, was sind zwei Tweets, die darüber informieren, dass sich der Präsident und seine Frau infiziert haben, höchstwahrscheinlich angesteckt bei einer engen Beraterin.

Im amerikanischen Wahlkampf gibt es den Begriff der October-Surprise, eine Begebenheit, die in den letzten Wochen vor der Wahl geschieht, die Debatten bestimmt und den Wahlausgang stark beeinflusst. 2016 war die Surprise Hillary Clintons privater Mailserver. 2020 ist diese Surprise Trumps Infektion.

Es geht gar nicht anders: Was jetzt geschieht, ist chaotisch. Die Gedanken werden wild. Auf Twitter trenden Trump, Fake News, Schadenfreude. Genesungswünsche treffen ein. PrayForTrump. Gefragt wird: Wie sehr schadet ihm die Infektion politisch? Der Wahrheitsgehalt der Nachricht wird hinterfragt. Könnte es sein, dass die Infektion vorgetäuscht ist, weil sich der Präsident davon Vorteile verspricht, weil er, ähnlich wie in UK und Brasilien, Zugewinne seiner Popularität erwartet, weil er so weiteren Fernseh-Debatten entgehen möchte? Oder fällt man mit der Aussage Infektion=Fake News einem typischen Verschwörungsmechanismus anheim? Ist es nicht unwahrscheinlich, dass eine so komplexe Aktion wie die gefälschte Infektion des bekanntesten Menschen der Welt nicht nur durchgezogen, sondern auch geheim gehalten werden kann?

Bis zum Beweis/Gegenbeweis muss die Wahrheit erst einmal die getwitterte Wahrheit sein. Diese Wahrheit macht das ohnehin Ungewisse ungewisser. Zu den bisher erstellten Szenarien kommen weitere: Was, wenn die Erkrankung ohne / mit schweren / mit tödlichen Komplikationen verläuft? Zu welchem Zeitpunkt hat ein solcher Tod welche Auswirkung auf die Wahl? Wer könnte wann wie nachnominiert werden? Was, wenn der Aerosole von sich wegschreiende Trump während der Fernsehdebatte Joe Biden angesteckt hat?

Was geschehen könnte, ist irre, jeder noch so unwahrscheinlich erscheinende weitere Plot Twist erscheint möglich. In Gedanken schreibt jeder ein Drehbuch für die letzten Monate dieses Coronajahres.

So oder so: Das ist die Geschichte. Auch wenn der Präsident die nächsten Wochen vermeintlich passiv in der Quarantäne verbringen wird, ist er der aktive Teil davon. Die Erzählung Amerikas ist seine Erzählung. Es ist sein Thema, die anderen, möglichen Themen verschwinden dahinter. Das Ziel des Plots ist, über die Geschichte verfügen zu können.

2021 wird der Twist Plot, die unerwartete Wendung Historie sein. Jeder wird sie kennen, wird wissen, was aus der Infektion erwuchs, ob sie die folgenden Dinge in Gang setzte, ob sie folgenlos blieb. Jetzt gerade, an diesem 2. Oktober, ist vollkommen offen, was geschieht. Ein kleines Scharren stellt sich ein ob der Unerwartbarkeit, ein leichtes Kratzen wegen der weiteren Verläufe, ein seltsames Kitzeln, mittendrin zu sein und nichts zu wissen, wenn es scheint, als dass alles geschehen könnte.

Nate Silver, der berühmte Statistiker und Wahlforscher, der ansonsten allem mit Zahlen, Prognosen und Wahrscheinlichkeiten begegnet, schreibt heute auf Twitter: »Not sure what to say

Ansonsten: Nach Bekanntgabe des positiven Test Donald Trumps melden die Aktienmärkte Verluste. In Madrid tritt der zweite Lockdown in Kraft. Im Rahmen einer finnischen Schlafstudie gibt die Hälfte der Probanden an, während der Pandemie länger als davor zu schlafen, ein Viertel der Teilnehmer wird seither häufiger von Albträumen geplagt.

1. Oktober | Superspread

Ich lese einen Text. Der Text versucht eine Erklärung dafür zu finden, weshalb das Virus an bestimmten Orten zu bestimmten Zeiten besonders viele Tote forderte. Der Text sagt, dass die große Mehrheit der Infizierten das Virus nicht weitergeben: »…few as 10 to 20 percent of infected people may be responsible for as much as 80 to 90 percent of transmission, and that many people barely transmit it.«

Der Text kommt zu diesen 10-20% und damit zu den Superspreading-Ereignissen. Er beschreibt, unter welchen Bedingungen ein solcher Vorgang geschehen ist und auch zukünftig wahrscheinlich sein wird: in geschlossenen, wenig gelüfteten Räumen, in denen viele Menschen eng beieinander sind mit Aktivitäten, welche den Flug der Aerosole begünstigen; »weddings, churches, choirs, gyms, funerals, restaurants, and such—especially when there is loud talking or singing without masks.«

Im Laufe der Pandemie gab es immer wieder Texte, die mir Erkenntnisse vermittelten, die mir halfen, grundlegend zu verstehen, wie die Pandemie wirkt: Flatten The Curve, The Hammer and The Dance, die Sache mit den Aerosolen, die tatsächliche Funktionsweise von Masken, der Zytokinsturm.

Dieser Text ist ähnlich. Nicht unbedingt vermittelt er etwas Neues. Aber er fasst zusammen, was ist, und entwirft ein Bild, durch das ich glaube, die Dynamik dieser Zeit besser zu verstehen. Mit dem Wissen aus diesem Text ist es leichter, sich fernzuhalten vom Gefährlichen, real und abstrakt in Gedanken.

Ich habe diesen Text gelesen, habe den Satz, dass zehn bis zwanzig Prozent der Infizierten für die übergroße Zahl von Übertragungen verantwortlich sind, im Ohr, habe das Bild der geschlossenen Räume vor Augen. Ich glaube, die Dynamik besser zu verstehen und denke einige Tage zurück.

Ein Mann, der einzige im Markt ohne Maske. Ich werfe ihm einen Blick zu, er soll Missfallen ausdrücken, der Blick dient eher mir als ihm. Ich trete auf den rollenden Fahrsteig, der Mann tritt hinter mich. Der Maskenlose beginnt zu husten. Ohne nachzudenken, reflexartig und unmittelbar, laufe ich los, eile über den Rollsteig, bringe Abstand zwischen den Hustenden und mich. Ich fühle nicht, dass ich überreagiere habe, ich halte mein Verhalten für nachvollziehbar und vernünftig.

Auch nach Lesen des Textes, da ich nun weiß, dass der Hustende zu 10-20% gehören müsste, um mich wahrscheinlich anstecken zu können, kommt mir nichts daran falsch vor. Ich verstehe die Dynamik und ich verstehe mich auf dem rollenden Steig.

Ansonsten: Nach Auswertung von einer halben Million Medienartikel kommen Wissenschaftlerinnen zu dem Schluss, dass die Beiträge von Donald Trumps fast 38 Prozent aller von Fehlinformationen geleiteter Debatten ausgelöst haben. Neue Infektionshochs u.a. in Schweden, Polen und Italien. Über einem österreichischen Arzt, der Atteste zur Maskenbefreiung via Facebook angeboten und ausgestellt hatte, wird ein Berufsverbot verhängt. Bei Menschen mit dem sogenannten Neandertaler-Gen steigt die Wahrscheinlichkeit eines schweren Covid-Krankheitsverlaufs.

30. September | Spannungsbogen

Was diesen Einträgen, die ja eine Art Tagebuch sein sollen, komplett abgeht, ist ein Spannungsbogen. Hier gibt es keine fortlaufende Erzählung. Weil es keine Figur gibt, die etwas erlebt. Die Figur ist die Welt und die Welt ist abstrakt.

Ich, der eine Figur sein könnte, ich, der das Komplexe anhand meines individuellen Seins erlebbar und damit für außen verständlich machen könnte, halte mich bedeckt. Ich gebe kaum etwas Privates preis. Auch wenn ich die Einträge von mir schreibe, finde ich nur selten darin statt. Mein Ich bleibt – abgesehen von einigen Analysen meiner Wahrnehmung – fremd. Es gibt wenig Einblicke in Persönliches, mein Fühlen ist abgesichert.

Weil es mich nicht gibt, kann ich mich nicht ändern. Es kann zu keiner Spannung kommen, weil ich nirgendwo starte und nirgendwo hinstrebe. Auf dem Weg – und ein Weg existiert – gibt es keine Hürden. Weder kann ich triumphieren noch kann ich scheitern. Mir passiert nichts.

Dabei wäre es einfach, Spannung zu erzeugen. Anstatt den gestrigen Tag auszulassen, könnte ich vom Kranksein berichten. Ich könnte mein Unwohlsein beschreiben, das Verschlechtern, vielleicht eine Genesung. Ich könnte detalliert berichten und es wäre nicht langweilig, weil es echt wäre. Ich könnte vom Kindergarten erzählen, von Freunden, der Familie. Ich könnte mein Zuhause beschreiben, meine Beziehung zu Menschen, die mir wichtig sind. Das mache ich nicht. Ich schütze sie, vor allem schütze ich mich.

Diese Abwesenheit nimmt Spannung aus den Einträgen. Sie macht es schwer, auch für mich, den Einträgen dauerhaft zu folgen. Ich bin keine Erzählung, obwohl ich eine sein könnte. Ich kann den interessantesten Gedankengang zu Christian Drosten haben, er wird immer weniger aufregend sein als das banalste Persönliche. Das eine ist ein Gedanke, das andere ist etwas, das nur mir passiert ist. Es ist echt, es ist ungewiss, wie es weitergeht, wie es weitergehen wird, kann nur ich berichten. Aber ich berichte nicht. Ich halte mich aus meinen eigenen Einträgen heraus. Ich ziehe mich auf die Welt zurück, damit ich schreiben kann.

Ansonsten: Ich bin davon entfernt, mein gesundheitliches Befinden als okay beschreiben zu können.

28. September | 2019 banal, heute relevant

Ich huste, ich niese, ich habe Kopfschmerzen. Es ist der vielleicht banalste Beginn eines Eintrages hier, Informationen, die für niemanden von Interesse sind. Dennoch schreibe ich sie nieder. In Coronazeiten bekommen sie eine bestimmte Wertigkeit. Ich muss mein Unwohlsein einordnen. Zuerst die Überlegung: Sind es die Symptome, über die seit sieben Monaten ausgiebig berichtet wird? Wie kann ich sicher sein, dass sie es nicht sind? Und was, wenn ich nicht sicher bin?

Etwas Gutes in alledem: Ich überlege, intensiver als vor der Pandemie, ob meine Verfassung andere beeinträchtigt. Ich muss abwägen: Gefährde ich mit meiner Anwesenheit andere? Und falls ja: Wie vermeide ich Kontakt? Auf welche Vorhaben verzichte ich? Gehe ich unter Menschen? Und wie?

Wenn, dann mit Maske. Vor März 2020 wäre mir das niemals in den Sinn gekommen. Ich hätte keine Maske vorrätig gehabt, ich hätte wenig darüber gewusst, wo ich sie außerhalb der Apotheke erwerben kann, wie sie funktioniert. Ich hätte mich gescheut, sie anzulegen. Meine Maske wäre krankenhausgrün gewesen und nicht anthrazit. So schaue ich auf einen Zustand, den ich schon oft durchlebt habe, anders. Ich huste, ich niese, ich habe Kopfschmerzen. Ich reagiere darauf als ein Produkt der Pandemie.

Ansonsten: Nach einer Familienfeier in Bielefeld befinden sich 1700 Personen in Quarantäne. Der erste Test des russischen Impfstoffes Sputnik V im Ausland findet in Weißrussland statt. In einem offenen Brief fordert die AG Kino-Gilde Deutscher Filmkunsttheater bundesweit einheitliche Regeln – ein Sitz frei zwischen Besuchergruppen, ohne Maske am Platz – da ansonsten die maximale Auslastung bei zwanzig Prozent lege. Die Nachrichtenagentur AFP zählt in der Nacht zum Montag 1.000.009 Todesfälle.

27. September | Das Unvermeidliche

Als ich heute zu schreiben beginne, steht die Zahl bei 994.216. 994216 Global Deaths zeigt das Covid19 Dashboard der Johns Hopkins University an. Das Unvermeidliche ist: Die Zahl wird sich um 5.784 erhöhen, dann wird sie lauten: 1.000.000.

Eine Million Coronatote wird Anlass sein zum Innehalten. Zurückgeblickt werden wird, Zwischenfazits erstellt, die Gegenwart eingeschätzt. Eine Million ist eine Zahl, die etwas markiert, mehr noch als die 10.000, die 100.000, die 500.000. Eine Million ist ein Überschreiten, ein Einschreiben. Bei einer Million geht es nicht um das einzelne Schicksal, es geht nicht um den konkreten Fall, das einemillionste Sterben. Es geht um etwas zwischenzeitlich Ganzes, einen kurzen Moment, in dem die Katastrophe greifbar ist, anhand der Zahl einordnen und aufschrecken, die eine Million wirkt bis ins Mark, eine Million gestorben an der Pandemie

Jeden Tag könnte ich diese Million in irgendetwas sehen. Jeden Tag wird diese Zahl in etwas erreicht. Überall ist sie unvermeidlich. Nur hier schreibe ich davon, nur hier schreckt sie mich hoch, dieses seltsame, surreale, unwürdige Warten darauf, die Wegmarke, die eine Million erreicht und dann Innehalten, Erschüttertsein, die Wucht dieser Zahl gewaltig.

Unvermeidlich. Aber das ist so? Ist die eine Million unvermeidlich gewesen? Und falls nicht, dann in diesen letzten Septembertagen? Hätte ich nicht auch von der einen Million erst im November schreiben können, erst 2021? Was, wenn niemand empfohlen hätte, sich Desinfektionsmittel zu spritzen? Wenn die Maske kein politisches Symbol wäre, sondern selbstverständlicher Schutz? Wenn der brasilianische Präsident nie von »leichter Grippe« gesprochen hätte? Wenn Ischgl im Februar die Seilbahnen geschlossen hätte? Wann hätte ich dann diesen Text geschrieben?

Ansonsten: In Österreich müssen zweiundzwanzig Personen nach einer privaten Weißwurstparty in Quarantäne gehen.

26. September | Der Gesang der Dachsammern

»…dass die Dachsammern plötzlich wieder Lieder sangen, die in der Region seit Jahrzehnten nicht mehr zu hören gewesen waren.«

25. September | die nächsten fünfhundert Tage

Die letzten Tage viel über die nächsten Tage gesprochen, die nächsten fünfhundert Tage. Es geht um die Annahme der näheren Zukunft, um Pläne und Vorhaben und wie diese in Einklang zu bringen sind mit der Pandemie. Anders als im März, als es nahezu unmöglich schien, irgendeine Prognose über den weiteren Verlauf der Coronazeit treffen zu können, scheint das nun möglicher.

Was sind die Erwartungen an Herbst/Winter, die Freiluftsaison, den Herbst 21? Die Frage dabei ist nicht, wie sich das Virus verhalten wird, sondern, wie wird reagiert und welche Folgen können diese Reaktionen für meine Absichten haben?

Der Prognose-Konsens ist: Es bleibt, wie es ist, wird aber nicht schlimmer. Die Gespräche gehen nicht von einer Märzsituation aus, einem kompletten Entleeren und Zurücknehmen. Und kein Gespräch geht davon aus, dass vor Ende des nächsten Jahres eine irgendwie geartete Normalität eintreten wird. Es wird Masken geben und Abstand und größere Veranstaltungen als Ausnahme, nicht als Regel. Schließungen werden kommen, aber nicht ständig und überall und zur selben Zeit.

Diese Prognosen stützen sich auf die Annahme, dass es keine Akzeptanz mehr gibt für ein flächendeckendes, in alle Bereiche eingreifendes Eindämmen. Dazu die Annahme, dass alle mehr wissen als vor sieben Monaten, dass bestimmte Verhaltensweisen selbstverständlich geworden sind, dass zumindest bei Bedarf fast alle darauf zurückgreifen könnten. Und die Annahme geht davon aus, dass die medizinische Auswirkung des Virus so bleibt, wie es hierzulande war.

Auch wenn die Erwartungen in den Gesprächen übereinstimmen, gibt es keine Gewähr für deren Eintreffen. Aber sie helfen, die Illusion einer Planbarkeit des Lebens aufrecht zu erhalten. Ich muss Veranstaltungen kleiner als in früheren Jahren vorbereiten. Aber immerhin kann ich sie vorbereiten.

Im Hinterkopf stets die Annahme, dass jederzeit und sehr kurzfristig die Planung nicht aufgeht. So wie bei einem Lesefestival auf dem Weimarer Ettersberg, das von Juni auf den September verschoben wurde und wenige Tage vor Beginn abgesagt werden musste, weil eine Busreisegruppe aus dem Weimarer Land sich in Tschechien infizierte. Diese Reisegruppe kann jederzeit fahren und ankommen. Sie kann vor der Haustür parken und die Senioren stürmen die Wohnung und machen alle sorgsam einkalkulierten Eventualitäten obsolet. Aber die nächsten 500 Tage beginnen morgen, niemand weiß, wie sie verlaufen, aber der Plan steht trotzdem, der Ausgang, ebenso wie die Tür, offen.

Ansonsten: Aufgrund der durch die steigenden Infektionszahlen belegten Intensivstationen, werden in Pariser Krankenhäusern erstmals seit Frühjahr wieder nicht zwingend notwendige Operationen abgesagt. Am Flughafen Helsinki werden Hunde zum Aufspüren von Infizierten eingesetzt. Mit der kostenlosen Einladung von 4400 Influencerinnen will die Urlaubsinsel Bali den Tourismus wieder ankurbeln. Kanzler Kurz fordert: »Skivergnügen ja, aber ohne Après-Ski.«

24. September | Coronamonate Klimajahrzehnte

Sieben Monate sind seit dem Beginn der Coronatemonate vergangen. Mehr als zweihundert Tage schauen, lesen, suchen, schreiben unter nur einem Blick. Die Nervosität, die Müdigkeit, selbst das Bewusstsein einer Routine ist gewichen. Es gehört dazu, einige Sätze am Tag zu dem oder dem zu schreiben. Die letzten Wochen fühlten sich an wie ein Auslegen von Fährten, von dem, was kommen könnte, was über den Herbst hinauswächst.

Dennoch immer öfter das Gefühl, dass es der falsche, weil unwichtige Blick ist, unter dem ich schreibe, nicht das entscheidende Thema zum Zentrum der Worte zu machen. Anstatt Coronamonate müsste ich Klimajahrzehnte schreiben; festhalten, was entgleitet, wo wann welches Kippelement aufploppt und wie dieses wahrgenommen wird und ob und wer dazu welche Reaktion parat hat oder keine.

Am deutlichsten wurde mir das Anfang September bewusst. Ich sehe ein Video von San Francisco. Eine Drohnenkamera schwebt über die Wolkenkratzer, jedes Gebäude das Gemälde einer eigenen Welt. Über den Straßen, über der Metropole, über allen ein oranger Himmel, die Farben so, weil Kalifornien brennt. Unter die Bilder dieses endzeitlichen Städteflugs ist die Filmmusik von Blade Runner 2049 gelegt. Blade Runner 2049 ist eine Dystopie. Die realen Bilder fügen sich nahtlos ein, es gibt keinen Bruch zwischen Gegenwart und Zukunftserwartung.

Ich denke: Das ist jetzt. Der brennende Himmel ist jetzt. Was einmal an Pessimismus in die Zukunft projiziert wurde, geschieht heute: das Futuristische ebenso wie das Apokalyptische. Technik und Untergang stehen nebeneinander. Die Bilder, die man vor fünfzig Jahren gezeichnet hat, lassen sich heute in der Realität finden.

Das bedeutet auch: Die Zerstörung passiert nicht irgendwann. Sie passiert in diesem Augenblick. Es geht nicht mehr darum, sie zu verhindern. Sie ist schon passiert, sie passiert weiterhin. Es kann kein Ende geben, das ausschließlich gut ist. Was geschehen könnte, geschieht bereits.

Die Katastrophen steht nebeneinander, scheinbar als Gegensatzpaar: das verschlingende Feuer und das steigende Wasser. Die Dürre und der Regen. Das schmelzende Süßwassereis und die Verknappung des Trinkwassers. Die Versalzung der Erde. Das Sterben der Meere. Das Sterben der Tiere. Die Stürme, von denen es so viele gibt, dass mittlerweile für sie die Namen ausgehen. Das Tauen der Permafrostböden. Das unwiederbringliche Verbrennen des Regenwalds.

Die Bilder, Videos, Berichte ploppen permanent auf, ständig irgendwo ein visualisierter Tipping Point. Dazu die Zahlen, die Kurven und Berechnungen: alles ist da, es ist vor allen Augen. Und doch scheint es bei allem, was gleichzeitig geschieht, unmöglich, diese so unterschiedlichen Erscheinungen zusammenbringen, alles übereinzustapeln und dann endlich gemeinschaftlich, furchtsam, solidarisch und latent zuversichtlich dieses gewaltige, bedrohende Gebilde zu betrachten. Jede einzelne Erscheinung wäre Grund genug für diesen Blick. Alles zusammen ist überfordernd, weil klar scheint: Das ist nicht zu schaffen.

Corona ist – bei aller Komplexität, bei allem Eingriff in alle Lebensbereiche – nur eins. Eine Sache, die letztlich, bei allen Opfern, handhabbar ist. Ein Impfstoff ist nicht das alleinige Ende. Aber es wäre ein Ende. Die Klimakatastrophe ist alles. Und das zugleich. Alle Lösungen müssen gefunden werden. Niemand entwickelt sie in einem Jahr im Labor, es genügen keine acht Milliarden Ampullen, um zu kurieren. Die Klimakatastrophe ist alle Herausforderungen auf einmal.

Ja, es wäre weitaus angemessener, nicht über die Coronamonate zu schreiben, sondern über die Klimajahrzehnte.

Ansonsten: Im August werden mehr als dreißigtausend Brände im Amazonas registriert. Das Eis in der Arktis schrumpft in diesem Jahr besonders stark. Großflächige Feuer setzen in Sibirien Rekordmengen Kohlendioxid frei. Vom größten Gletscher der Arktis bricht ein 113 quadratkilometergroßes Stück ab. Die Regierung des Sudan ruft nach wochenlangen Regenfällen den Notstand aus. Laut einer Studie verursacht das reichste ein Prozent der Weltbevölkerung mehr als doppelt so viel Kohlendioxid wie die ärmere Hälfte der Menschheit zusammen.

23. September | Utopie / Dystopie

(Utopie) »Ich würde mir wünschen, dass, so wie jetzt die Masken in den Pfützen schwimmen, im Spätherbst die Teststreifen der Schnelltests dort liegen.«

(Dystopie) ist, wenn sich in Amerika die MAGA-Wahlgängerinnen zu tausenden dicht an dicht drängen, wenn sie ihre eigenen Politiker ausbuhen, sobald diese Masken empfehlen, wenn diese MAGAs am 3. November den Mann und seine Regierung wiederwählen, das in einem Land, in dem jeder 23. Mensch lebt, aber aus dem jede 5. Coronatote kommt. Wenn eine Pandemie und deren katastrophales Management nicht ausreicht, um zumindest den Ansatz einer Selbstreflektion hervorzurufen, was dann?

Und der Gedanke, dass in dreißig Jahren, wenn die Pandemie zu schwarzweiß-Bildern vergilbt ist, diese MAGAs in den Chroniken blättern und maskenlose Fotos von sich selbst auf den Rallyes sehen werden, wenn ihre wutverzerrten Gesichter als Beispiel dafür stehen werden, was 2020 alles schief gelaufen ist, dass dann eine Art Erkenntnis einsetzt, ein nachträgliches Bewusstsein dafür, dass immer alles möglich sein kann, auch die größte anzunehmende Unfähigkeit, die Realität einigermaßen vernünftig einzuschätzen.

Ansonsten: Nachdem einer seiner Personenschützer positiv getestet wurde, geht Außenminister Heiko Maas in Quarantäne. Der Bundesentwicklungsminister warnt, dass an den Folgen der Eindämmungsmaßnahmen mehr Menschen sterben könnten als am Virus selbst, speziell in Afrika. Bei einer Umfrage können sich knapp zwei Drittel der Befragten eine Maskenpflicht auf öffentlichen Plätzen vorstellen, ein knappes Drittel ist dagegen. Wegen der aktuellen Infektionslage in Österreich wird der Wiener Opernball abgesagt.

22. September | Transparent

Fast den gesamten Tag mit Corona verbracht, aber anderorts, nicht in diesen Einträgen. Deshalb nach acht keine Überlegungen mehr zu Pandemie. Nur diese Beobachtung, die mir seit Tagen auf den Augen liegt: Vermehrt sehe ich Menschen, die transparente Masken tragen. Sie tragen Gesichtsvisiere aus durchsichtiger Plastik, Vollvisiere, übergroße Faceshields oder Minivisiere, die am Kinn befestigt sind, eine kleine Plastikscheibe bedeckt die Nase. Größtenteils wirkungslos ist beides, die Visiere dienen den ausgehusteten oder ausgeniesten Aerosolen als Schanze, mit deren Hilfe sie sich in den Raum katapultieren können, die Streuung vergrößern.

Manche tragen auch klassische, schützende, weil enganliegende Masken, die anstatt aus Stoff aus transparentem Material besteht. Der Effekt ist ähnlich: Ich schaue auf die geschützten Menschen und bin irritiert, denn da, wo ich Schutz vermute – und Schutz ist eine Sperre – ist ein Mund und eine Nase, eine Öffnung. Ich sehe ein Gesicht, wo ich keines erwarte, es lässt sich komplett betrachten und widerspricht damit dem, was diese Monate erfordern.

Ansonsten: Der Virologe Christian Drosten und die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim erhalten das Bundesverdienstkreuz. Die Zahl der Corona-Toten übersteigt in den USA die Zahl 200000. Nach dem Anstieg der Neuerkrankungen plant Schweden einen Strategiewechsel in der Coronabekämpfung. Wegen Corona wird die Zeremonie für Friedensnobelpreis an einen anderen Ort verlegt. Mit zwei Millionen steigt Zahl der weltweiten wöchentlichen Neuinfektionen auf den höchsten Wert seit Pandemiebeginn.

21. September | Ansteigen

Die Infektionszahlen steigen. Mir wird versichert: Das liegt auch an den häufigen Testungen. Mir wird versichert: Im Vergleich zu März infizieren sich nun andere Bevölkerungsgruppen – die Jungen, die Gesunden – die Gefahr ist geringer, als die Zahlen es zu vermitteln scheinen.

Dennoch: Die Zahlen sind da. Sie steigen. Ich nehme das hin. Der Herbst, die zweite Welle, die Urlaubsrückkehrer erst, die Schulen nun, das zunehmende Drinnensein: Die Zahlen müssen steigen. Ich gewöhne mich daran. 1200, 1600, 2000. Ich frage nicht: Ab welcher Größe werden die Zahlen zu Veränderungen führen? Ich weiß nicht, ab welcher Zahl Israel den zweiten Lockdown beschloss. Ich weiß nicht, welche Zahl pro 100.000 nicht überschritten werden darf. Ich kenne das 7-Tages-Mittel nicht. Ich weiß nicht, wie ich die fünfstelligen Zahlen aus Frankreich mit den Zahlen aus Deutschland ins Verhältnis setzen soll, wie die Zahlen aus Wien. Ich weiß nicht, ab wann die Zahlen nur steigen und ab wann exponentiell wachsen. Ich habe vergessen, was dann zu tun wäre, wie dem verhängnisvollen exponentiellen Wachstum Einhalt geboten werden kann. Ich weiß nicht, ab wann das Steigen zu Besorgnis geführt hat und wann es zu mehr führen wird.

Ich weiß nur: Die Zahlen steigen. Seit einigen Wochen bin ich gewöhnt daran.

Ansonsten: Aufgrund der anhaltend hohen Infektionszahlen in München beschließt der Krisenstab der Stadt zukünftig eine Maskenpflicht auf bestimmten öffentlichen Plätzen und Straßen. In Teilen Madrids beginnt ein zweiwöchiger Lockdown. In Bayern befinden sich momentan fast 9000 Schülerinnen in Quarantäne. Über sechzig Länder verpflichten sich, die weltweit gerechte Verteilung eines Impfstoffs Coronavirus finanziell zu unterstützen. Im Übergangslager auf Lesbos breitet sich das Virus weiter aus. Die Verleihung der Emmys findet ohne Publikum statt. In den ersten sechs Monaten 2020 wurde in Deutschland deutlich weniger geheiratet als in den Jahren davor. Nach dem engen Zusammensitzen der FC Bayern Funktionäre auf der Tribüne beim Bundesligastart werden diese vom Kanzlerkandidatenkandidaten Friedrich Merz »dumm und arrogant« genannt.

19. September | im Vergleich zu März

was es im Vergleich zu März nicht mehr / kaum noch gibt:

den Einkaufswagenzuteiler im Supermarkt
Stehlen von Desinfektionsmitteln
Horten von Klopapier
Zoom-Lesungen
abgesperrte Spielplätze
Sitzverbote auf Parkbänken
Erstaunen über die Veränderung
die Verwendung des Begriffs »das neuartige Coronavirus«
Freunde, die Masken nähen
Zeitung, die sich ausschließlich mit Corona beschäftigen
Klatschen auf Balkon
die Hoffnung, dass man sich durch Corona auf das Wesentliche besinnt
Corona-Tagebücher

Ansonsten: Polen und Dänemark melden so viele Neuinfektionen wie noch nie seit Beginn der Pandemie, in Deutschland steigt der Wert über 2300. Aufgrund von Sicherheitsbedenken und Reisebeschränkungen reduziert die OSZE die Zahl der Beobachter bei der Wahl in den USA um fast 90%. Etwa 50 Millionen Euro erhalten die Karnevalsvereine als Entschädigung für die Absage des Karnevals in NRW.

18. September | du/Sie – Die Adressierten

An wen sind diese Einträge adressiert? An Dich natürlich, an Sie, der die diese Worte jetzt gerade liest/lesen, die sich in genau diesem Moment fragt/fragen: Bin ich damit gemeint? Und wenn ich bestätige – ja, Du/Sie bist/sind es – dann wirst/werden Du/Sie sagen: Ich bin unsichtbar. Beim Lesen bin ich verschwunden aus der Welt, da gibt es nur mich und diesen Text.

Genauso geht es mir: Wenn ich schreibe, gibt es nur mich und diesen Text. Trotzdem bindet der Text Dich/Sie aneinander, über Raum und Zeit hinweg. Es ist jetzt gerade der 18. September 0:22 Uhr und wenn Du/Sie das liest/lesen, ist es … . Aber die Worte bleiben die gleichen, sind sie einmal geschrieben.

Wenn ich den Text für niemanden außer für mich schreiben wollte, würde ich den Text nicht online stellen. So geht der Text raus und steht zur Verfügung. Ich denke beim Schreiben nicht ans Gehörtwerden. Nur nach dem Schreiben denke ich daran.

Beim Sprechen ist das anders. Ich sehe, wen ich spreche. Es verändert das Reden über Corona. Mal ist Corona Small-Talk. Ich treffe einen Fremden oder Bekannten, wir sprechen über das Wetter, wir sprechen über Infektionszahlen, neue Cluster, irgendeine der vielen Begebenheiten, die nichts Drastisches beinhalten, etwas, das die Brücke zum nächsten Teil der Kommunikation schlägt oder schon die eigentliche Kommunikation ist: das gegenseitige Vergewissern, dass man miteinander reden kann und sich deshalb friedlich gegenübersteht.

Über Corona zu sprechen kann ehrliches Interesse sein: wenn die Gegenüber etwas zu berichten weiß, das von der Norm abweicht, eine mir nicht bekannte Information, ein persönliches Erlebnis, das Kennen von jemanden, der die Krankheit hatte, etwas, das mir neu ist und über das ich mehr erfahren möchte.

Corona dient auch dazu, mein eigenes Weltbild im Gegenüber bestätigt zu finden. Ich erwähne Fakten und Meinungen, um zu testen, ob meine Gesprächspartnerin diese teilt. Teilen erleichtert die Kommunikation. Ich muss dann nicht überzeugen, ich muss nicht kämpfen, ich bin Teil von mindestens zweien. Ich bin nicht allein. Also muss ich recht haben. Ich bestätige mich selbst im Anderen.

Merke ich, dass ich nicht bestätigt werde, ändert sich das Gespräch über Corona. Ich taste ab, in welchem Bereich des Spektrums der Coronawut sich mein Gegenüber befindet. Danach richtet sich die Intensität der folgenden Rede. Wird sie zu einer sachlichen Diskussion führen, bei der ich zu neuen Erkenntnissen gelange, vielleicht sogar eigene Positionen hinterfragen muss? Oder schalte ich sofort auf Angriff, muss ich mich augenblicklich verteidigen?

Oft steht dann nicht nur Rede gegen Rede, sondern wächst in mir auch das Bedürfnis, mein Gegenüber zu überzeugen und zu bekehren. Ich bin dann auf einer Mission. Die Diskussion soll einen Zweck erfüllen und weil ich – es kann gar nicht anders sein für mich – auf der richtigen Seite stehe, muss der Gegenüber auch auf diese Seite gezogen werden, ansonsten würde das Gespräch seinen Zweck verfehlt.

Beim Schreiben ist das anders. Ich sehe niemanden in die Augen. Es gibt keinen Widerspruch. Die Worte fließen in nur eine Richtung. Das zwangsläufige Schweigen nehme ich als Bestätigung, anders könnte ich nicht schreiben. Zu wissen, dass jeder Satz eine langwierige Diskussion nach sich ziehen könnte, würde es mir unmöglich machen, mehr als einen Satz pro Tag schreiben.

Nur hin und wieder gibt es in privaten Gesprächen einen Verweis auf die Einträge, nicht inhaltlich, aber die Bestätigung, dass gelesen wird. Es ist, was ich will: Die Adressatin meiner Worte ist die schweigende und damit vermeintlich zustimmende Leserin. Ich muss sie beim Schreiben nicht vor Augen haben, weil ich ihr nie in die Augen sehen werde.

Und doch gibt es Passagen, die an einen Adressaten gerichtet sind. Es sind die Passagen über die Coronawut. Sie dienen dazu, mich abzugrenzen, meine Position und meine Haltung sollen sie verdeutlichen, sie sollen es denen, die von »Maulkorb« oder »Diktatur« sprechen, unmöglich machen, mir auf die Schultern zu klopfen für mein Schreiben.

Diese Passagen sind eine Spiegelfechterei. Sie vereinfachen den Adressaten. Dabei sind sie an Personen gerichtet, die in Wirklichkeit viel komplexer sind, als ich sie mir beim aufgebrachten Schreiben ausmale. Bei allem Bemühen um Differenzierung schere ich sie über den Kamm. Das ist wichtig für dieses Schreiben, es kanalisiert mein Aufgebrachtsein, lenkt den allgemeinen Zorn auf eine Gruppe, die sich alle Mühe gegeben hat, Adressat dieses Zorns zu sein. Die Passagen sind eine Katharsis. Sie leiten die ständig einschlagenden Blitze ab. Ohne dieses Ausformulieren, den Versuch, das Auskotzen meiner Irritation in sachliche Absätze zu fassen, wäre es mir nicht möglich, anders über Corona zu schreiben. Das Schreiben über mein Unverständnis leert den Kopf und schafft Platz für weitere Aspekte der Pandemie.

Die Adressierten sind von Bedeutung. Gäbe es Dich/Sie nicht, gäbe es diese Einträge nicht.

Ansonsten: Ab Montag sind in Bremen Reichsflaggen verboten. Am ersten Oktoberfestsamstag gilt auf der Theresienwiese ein Alkoholverbot. Jemand bietet Christian Drostens »Ich habe Besseres zu tun« auf T-Shirts an.

17. September | Bequeme Zahlen (II) + (III)

Dieser Eintrag war für heute geplant:

(Bequeme Zahlen II) Letztens öfter Texte gelesen bzw. auf Texte verwiesen wurden, welche die Todeszahlen der vergangenen Jahre gegeneinander aufrechnen. Und am Ende recht stolz zu dem Ergebnis kamen, dass die Todeszahlen von 2020 nach dem Anstieg im März/April deutlich sanken und teilweise niedriger waren als in den Jahren zuvor. Dass also »das „Katastrophenjahr“ 2020 wohl als das Jahr mit den wenigsten Todesfällen in dieser Dekade in die Geschichte eingehen« werde, wie ein Text schreibt.

Ich erwähne das, weil diese Beweisführung zur Ungefährlichkeit des Virus hartnäckig oben schwimmt. Gerade bei den Texten, die sich sehr ausführlich damit beschäftigen und die korrekten Zahlen aufwendig aufschlüsseln, erstaunt mich, dass sie am Ende den einen, so entscheidenden Gedankengang nicht vollziehen: Die Zahlen vom Mai und Juni MÜSSEN unter den Zahlen von März/April liegen, weil dann die Maßnahmen wirkten. Wie sollen auch die Todeszahlen steigen, wenn weltweit so einschränkende Maßnahmen beschlossen wurden?

Ich verstehe nicht, wie kluge und akribische Menschen diesen Zusammenhang nicht einmal in Betracht ziehen. Wie sie auf Zahlen verweisen und die Situation, in der diese entstanden, außer acht lassen. Ich bin erstaunt, nein, ich verstehe, und unterstelle deshalb eine Absicht im Auslassen. Und bemerke an mir, wie mich jede dieser Argumentationen unnötig aufstachelt und hochpeitscht. Dabei wäre es viel einfacher zu sagen: Solche Gedankengänge sind dann eben für die mit den bequemen Zahlen bestimmt.

(Bequeme Zahlen III)

Kurz nachdem ich das geschrieben habe, lese ich einen Text über die »Superspreaderin von Garmisch«. Am Montag setzte ich folgenden Satz ins Ansonsten: »Weil eine Amerikanerin trotz Symptomen mehrere Clubs von Garmisch-Partenkirchen besuchte und dabei dreißig Personen mit dem Virus infizierte, ermittelt nun die Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Körperverletzung gegen sie.«

Der aktuelle Artikel klärt auf, dass wenig davon stimmt. Die Frau arbeitete in einem Hotel, zog also nicht durch »mehrere Clubs«, es gab auch keine dreißig Infektionen durch sie, sondern drei, dazu ist unklar, ob der Arzt ihr die Auflage zur Quarantäne überhaupt erteilt hatte. Kurz gesagt: Mein Satz ist eine Unwahrheit, eine letztlich ehrenrührige Unterstellung.

Im Gegensatz zu Bequeme Zahlen II folgte mein Ansonsten mit der angeblichen Superspreaderin keiner Agenda. Ich schrieb ihn auf als ein Beispiel dafür, was an diesem Tag geschah, die Schlüsselworte waren wohl »durch Clubs gezogen« und »fahrlässige Körperverletzung«. Die Begebenheit erschien mir recht extrem, ein Sinnbild für Unverantwortlichkeit und deren Folgen. Die Informationen dazu entnahm ich einem Artikel. Ich prüfte die Informationen nur dahingehend, dass ich sicherstellte, dass es mehrere Artikel zu diesem Thema mit gleichem Inhalt gab. Viele schrieben darüber, also musste es stimmen.

Praktischerweise konnte ich nicht prüfen, ob das so stimmte. Um sicherzugehen, hätte ich mehrere Tage bis zu einer möglichen Korrektur abwarten müssen. Nach mehreren Tagen hätte diese Begebenheit nicht mehr zum aktuellen Tag gehört. Die Begebenheit wäre unter dem Stapel der ständig neuen Corona-Begebenheiten verloren gegangen.

Warum ich das so ausführlich aufschreibe? Weil ich damit sagen will, dass ich mich auf Texte aus Quellen, denen ich grundsätzlich wenig Argwohn entgegenbringe, verlasse. Auch verlassen muss. Dieses Verlassen führt dazu – nicht als Regel, nicht einmal oft – dass ich später das Gegenteil der einstigen Informationen schreiben muss, um näher an der Wahrheit zu sein.

Das geschrieben zu haben, frage ich mich, ob es einen Unterschied zwischen Bequeme Zahlen II und Bequeme Zahlen III gibt. Kann ich einerseits den Vorwurf erheben, dass manche Zahlen und Fakten mutwillig falsch darstellen? Kann ich das und kann selbst Informationen in meine Texte aufnehmen, ohne diese wasserfest abzusichern?

Wo liegt der Unterschied zwischen II und III? Dass ich nach Möglichkeit die eigenen Fehler benenne? Dass ich Fehlinformationen nicht aus Vorsatz teile, sondern aus Nachlässigkeit? Genügt das schon zur Rechtfertigung? Und müsste ich nicht, um ganz sicherzugehen, auf alle Informationen verzichten und komplett auf die eigene Wahrnehmung zurückfallen? Weil diese ist, was sie ist, nämlich unzureichend und fehlerhaft und damit unangreifbar für Vorwürfe jeglicher Art? Dürfte ich erst Kritik üben, wenn ich über jede Kritik erhaben wäre?

Ansonsten: Die WHO spricht von einem »alarmierender« Anstieg der Infektionen in Europa. Auf der Theresienwiese in München, wo am Samstag das Oktoberfest hätte eröffnet werden sollen, stehen nun Corona-Testzelte. Zum Start der Fußballbundesliga dürfen zwanzig Prozent der Stadionkapazitäten genutzt werden. Auf Instagram vermeldet die Digitalstaatsministerin Dorothee Bär, dass sie sich nach einer Warnung durch die Coronaapp in Quarantäne begeben habe. Auf Instagram vermeldet Anna Netrebko, dass sie mit Covid19 und einer daraus resultierenden Lungenentzündung im Krankenhaus liegt.

16. September | gestern revidieren

Ich nehme mir meinen gestrigen Eintrag nicht ab. Ich will kein neues Wissen, ich will auch keine neuen Theorien kennenlernen, nicht verstehen, was das mit Clustern meint, keine Texte will ich lesen und mir einen Standpunkt dazu bilden müssen.

Das ich es weiterhin tue, geschieht nur aus Pflichtbewusstsein, vielleicht diesen Einträgen gegenüber. Wenn ich hier nicht schreiben würde, hätte ich vermutlich längst aufgegeben, aufgegeben, einigermaßen auf dem Laufenden zu bleiben. Vielleicht lese ich auch nur weiter, um mich abzuheben von den Coronawütenden, damit ich ihnen irgendetwas entgegnen kann, Argumente habe gegen ihr bequemes Denken, um vor mir selbst im Reinen zu sein, um sagen zu können: Ich mache es mir nicht leicht.

Aber im Prinzip will ich das alles nicht. Im Prinzip will ich, dass die Coronamonate vorbei sind, selbst wenn ich weiß, dass dieser Wunsch absehbar und offensichtlich nicht erfüllbar ist. Ich will einfach das nächste halbe Jahr die Maske aufsetzen, mehrheitlich Abstand halten und hoffen, damit durchzukommen. Ich will mich nicht mehr informieren, keine Komplexität, alles einfach. Wenn ich schreiben würde, würde ich jeden Tag das Gleiche schreiben, nur mit anderen Worten mich wiederholen, ohne dem einmal Gedachten etwas hinzuzufügen. Ich würde den aktuellen Wissenstands einfrieren wollen und davon bis zum Ende zehren. Damit würde ich gern durchkommen. Und dann beginnt der Herbst 2021.

Ansonsten: Das Robert Koch-Institut erklärt Wien zum Risikogebiet. Indien, das mit 5 Millionen weltweit die zweitmeisten Infizierten hat, will ab Ende 2020 hundert Millionen Dosen des russischen Impfstoffes Sputnik V einsetzen. Wegen der hohen Zahl von Neuinfektionen bleibt die Große Synagoge in Jerusalem zum ersten Mal in ihrer Geschichte zu Rosch Haschana geschlossen. Wegen schlechter Arbeitsbedingungen und Überlastung streiken die Angestellten in zwanzig französischen Corona-Testkliniken. Nachdem der Test eines Ministers negativ ausgefallen ist, muss die irische Regierung doch nicht in Quarantäne gehen. In einer Bürgersprechstunde sagt der amerikanische Präsident, dass aufgrund der »Herdenmentalität« Covid19 auch ohne Impfung verschwinden werde.

15. September | Cluster ausheben

Noch immer bin ich dabei zu verstehen, was geschehen ist, was sich geändert hat, was anders gesehen werden muss in diesem Herbst und Winter im Vergleich zur ersten Phase der Pandemie. Was ich begreifen muss, um zu bestehen, ist mir noch unklar. Ich lese mehrere Texte, die Ähnliches fragen und sagen.

Im Grunde genommen geht es darum, einen Unterschied zu machen zwischen Infektion und Erkrankung. Es geht um die aktuell steigenden Infektionszahlen ohne gleichzeitige Zunahme von Intensivbehandlungen und Todesfällen und was dies für eventuell neue Maßnahmen bedeutet. Es geht darum, dass im Vergleich zum Frühjahr viel mehr Wissen über das Virus und dessen Verbreitung existiert und die Frage, welche anderen Wege dieses Wissen erfordert. Es geht darum, schwere Maßnahmen nach aller Möglichkeit zu vermeiden, weil die gesellschaftlichen Auswirkungen dieser Maßnahmen mittlerweile bekannt sind.

Es sind Erfahrungswerte, die auf eine (leicht) veränderte Situation angewendet können und irgendwie ist es beruhigend, dass es keinen Stillstand gibt, sondern weiterhin ein Hand-in-Hand zwischen Veränderung und dem Bestreben, dieses Verändern gestalten zu können.

Ich lese einen Text von Christian Drosten. Er schreibt von einer Isolierung vom Clustermitgliedern, vom Führen eines Kontakttagebuchs, von Abklingzeit anstatt Quarantäne. Er schreibt: » Die gezielte Eindämmung von Clustern ist anscheinend wichtiger als das Auffinden von Einzelfällen«, schreibt von einer » Testung auf Infektiosität statt auf Infektion«, schreibt »dass eine vollkommene Unterbrechung der Einzelübertragungen unmöglich« sei und deshalb ein Restrisiko bleibe.

Beim Lesen denke ich, dass die Vorschläge und Gedankengänge differenziert, durchdacht und abwägend sind. Manche der wichtigen Passagen muss ich mehrmals lesen, um sie zu verstehen. Ich denke, dass es immer schwer ist, Komplexität und Vielschichtigkeit zu vermitteln, dass das Komplexe und Ausgewogene immer dem Schrillen und Einfachen unterlegen sein wird, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung und dem, was sie bestimmt, der Kommunikation.

Wie lässt sich das Clustervorhaben vermitteln? Wie führt man die neue Begrifflichkeit einer »Abklingzeit« ein? Wie bringt man 83 Millionen Menschen dazu, ein Kontakttagebuch zu führen? Ich, der ein Coronatagebuch schreibt, ziehe nicht ernsthaft in Erwägung, von nun an jeden Tag alle Kontakte in ein Dokument zu notieren, auch, wenn mir diese Forderung beim Lesen des Textes nachvollziehbar erscheint.

Jedenfalls sind da neue Fragen und ist neues Wissen, wieder ein Anfang, ein erster Stein, über den sich ein nächster schichten wird und irgendwann wird da ein Haus stehen, unter dessen Dach ich schlüpfen kann, Schutz finde angesichts all des Unwissens, das mich trägt, solange, bis dieses Haus zu eng wird für die Welt und ihre sich ständig ändernde Wirklichkeit.

Ansonsten: An der Wirksamkeit des Coronaimpfstoffes »Sputnik V« wird Kritik geübt, von Manipulationen durch Photoshop in den Datenreihen ist die Rede. Die gesamte irische Regierung geht in Quarantäne. Noel Gallagher erklärt zum Thema Maskentragen: »I don’t give a fuck, I choose not to wear one. The whole fucking thing is bollocks.«

14. September | Abstandmessen

Heute eine Lesung. Die Zahl der Gäste ist aus Platzgründen begrenzt, wer kommen will, muss sich voranmelden. Nur die Hälfte der Teilnahmewünsche kann erfüllt werden, der Bedarf an Veranstaltungen sei nach der Coronapause groß.

Im Eingangsbereich des Stadthauses weisen zahlreiche Schilder auf das angemessene Hygiene-Verhalten hin, einige in Rot. Vor dem Bühnenbereich baut der Veranstalter die Stühle auf. Er sagt, dass Familien und Paare gerade besonders willkommen seien, weil sie beieinandersitzen können, ohne Sicherheitsabstand. Für alle anderen misst er penibel mit dem Zollstock den vorgeschriebenen Abstand von 1.50 Meter zwischen den Stühlen aus. Er reiht die Stühle ein, schiebt sie auseinander, bringt Sitzgelegenheiten in jeder möglichen Ecke unter, auch an Stellen, von der aus gerade noch so die Leinwand erkennbar ist, dabei stets mit Meterstab im Anschlag, korrigiert gegebenenfalls, rückt dann weiter weg. Währenddessen sagt er: »Ein Wahnsinn. Was für Lebenszeit dafür drauf geht.«

Ansonsten: Weil eine Amerikanerin trotz Symptomen mehrere Clubs von Garmisch-Partenkirchen besuchte und dabei dreißig Personen mit dem Virus infizierte, ermittelt nun die Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Körperverletzung gegen sie. In New York wird die Thanksgiving-Parade in diesem Jahr online stattfinden. Nach über sechs Monaten öffnen in Italien wieder die Schulen. Mit über 300.000 Neuinfektionen an einem Tag meldet die WHO den höchsten Stand seit Beginn der Pandemie.

13. September | möglicherweise nur raunen

Abendnotiz: Im ersten Nacharbeiten der bedingten Coronapause der letzten Tage diesmal das Gefühl, etwas verpasst zu haben, den Anfang von etwas Nächsten, das Eintreten des Erwarteten, zugleich eine Verschiebung der Blicke, bei aller Gewöhnung ein allmähliches Hinübergleiten in einen weiteren Zustand bei gleichzeitiger Verfestigung des bisher Geschehenen, das keine Umkehr mehr möglich macht, die Vermutung, dass das bisher Angewendete und Daraufsehen sich so nicht mehr eins zu eins wird fortsetzen lassen. Und das nicht allein auf die Pandemie beschränkt. Diese Worte wie ein Raunen, weil an diesem 13. September etwas geschrieben werden muss, vielleicht ist ja alles ganz anders oder wird es werden.

Ansonsten: Israel verhängt den zweiten Lockdown. Elfie Donnelly, die Erfinderin von Karla Kolumna, wehrt sich gegen deren Vereinnahmung durch die Coronawütende. Nachdem in Irland die Pubs fast zweihundert Tage geschlossen sind, werden diese Ende September wieder öffnen dürfen. Nachdem der Ehrenpatriarch der Orthodoxen Kirche der Ukraine das Coronavirus als Gottes Strafe für die gleichgeschlechtliche Ehe bezeichnet hat, erkrankt er kurz darauf daran.

9. September | fast umarmt

Auch wenn es Einträge in den letzten Tagen gab, fällt es schwer, die Gedanken hin zur Pandemie zu lenken, zumindest so, dass Worte dafür übrigbleiben. Es ist ein Zusammenklauben von etwas, das irgendwie zusammenhängt mit dem Virus. Zu Texten möchte ich verlinken – diesen zum Beispiel –, weiterhin über das Politische in der Pandemiezeit schreiben, über Diskussionsformen, diese vergleichen mit den Diskussionen der letzten fünf Jahre, über die USA schreiben, wo der Impfstoff gerade als ein Grundpfeiler der Wiederwahl Trumps aufgebaut wird, weiterhin über die Querdenker und wie der Buchstabe Q zu einem der bestimmenden Zeichen dieses Jahres wird.

Aber es erscheint mir redundant; immer zu dicht dran am bereits Durchdachten, ein Wiederkäuen gemachter Wahrnehmungen; stets trägt jemand die Maske schief und irgendwo steht ein irres Schild und auf das Leid springen die Rezeptoren nicht mehr an und eine neue Erkenntnis wird gewonnen und eine liebgewonnene Gewissheit verworfen. Was vielleicht bemerkenswert wäre, dass jetzt gezielter zurückgeschaut wird auf den Anfang der Pandemie, diesen geschlossenen März, dass ein halbes Jahr genügend Abstand lässt, um die Gegenwart von der Vergangenheit zu trennen. Dazu gäbe es einiges zu sagen, aber nicht mehr heute.

Eigentlich sollte ich das ein gutes Zeichen deuten; die Pandemie bestimmt nicht meine Tage. Der Kopf ist gefüllt mit vielem anderen. Es geht in einem Maße weiter, das die Pandemie hineindrückt in die Zwischenräume des Alltags, so, wie fast alles einmal dort hineingezwängt wird, damit dieser Alltag irgendwie funktionieren kann. Und ja, die Aufgabe dieses Schreibens ist, sich davon nicht beirren lassen, sich dem Zwängen zu widersetzen, es zumindest zu dokumentieren, ohne den Anspruch zu haben, damit Außergewöhnliches zu erzählen. Doch wie oft kann ich schreiben, dass jemand mich fast umarmt hätte?

Die nächsten Tage wird es keine Einträge geben, ab der kommenden Woche werden die Monate wieder im September sein.

8. September | Lenox Hill

Ich schaue Lenox Hill. Es ist eine dokumentarische Serie über ein Krankenhaus in New York. In recht drastischen Bildern werden acht Folgen lang die Angestellten –Neurochirurgen, Notfallschwestern, Geburtshelferinnen – begleitet, die Kamera ist bei Operationen dabei, sie schaut in Köpfe hinein, es ist wörtlich gemeint.

Folge Neun ist kürzer, gerade eine halbe Stunde dauert sie. Der Einstieg ist schnell, von einem Virus aus Wuhan ist die Rede und dann ist schon Mitte März in New York. Diesmal spart die Kamera die drastischen Bilder aus, zeigt kaum Patienten, keine Operationen, keine Intensivstationen. Sie zeigt die Ärzte und Schwestern, beim Absprechen, beim Organisieren, vor allem beim allmählichen, nein, eigentlich sehr raschem Begreifen dessen, was geschieht.

Und wie die Ärzte und Schwestern verstehen, wird auch mir, dem Zuschauer, der während der Pandemie eine Dokumentation über die Pandemie schaut, vor Augen geführt, weshalb das Virus so geschah, wie es weiterhin geschieht. Das Virus überträgt sich, während es noch nicht erkannt ist. Es ist nicht klar, für wen es gefährlich ist. Es ist unklar, wie das Virus im Körper zerstört. Erst nach und nach beginnen die Ärzte zu verstehen. Die unberechenbare Infektiosität macht ein umständliches Sicherheitsprotokoll notwendig, ein ständiges Säubern der Räume, ein hoher Aufwand. Dann die Masse der Infizierten, der Erkrankten, den Platz, den sie brauchen.

Diese schiere Masse, das sich nur langsam klärende Unwissen, die notwendigen Maßnahmen, um eine Infektion zu verhindern, die Belastung, die durch das Abstandhalten entsteht, für die Patienten, die Angehören, die Ärztinnen, die Pfleger: Es ist die Summe dieser Dinge, jedes für sich ein Problem, zusammen sind sie ein Sturm. An einer Stelle spricht jemand vor den nach zwei Monaten körperlich und psychisch maßlos erschöpften Schwestern, sagt, dass diese Zeit sie verändert habe, selbst, wenn sie es noch nicht wahrhaben wollten, von posttraumatischer Belastung ist die Rede.

Eine Szene zeigt, wie vor dem Krankenhaus ein großer Lastwagen vorgefahren wird, um die Rampe ein Zelt gebaut, durch das die Toten transportiert werden, ein Kühlwagen für die Toten, weil in den Leichenhallen kein Platz mehr ist.

Kurz wird eine Pressekonferenz mit Trump eingeblendet, eine schwangere Angestellte sagt, das sie ihren Mann und ihr Kind seit einem Monat nicht mehr gesehen hat, dass eine Freundin, die ebenfalls Krankenschwester ist, auf der Intensivstation liegt. Ein 45jähriger stirbt, ein älterer Mann übersteht Covid, matt liegt er im Bett, spricht mit seinen Töchtern über Facetime. Es sind kleine Momente, die eingeblendet werden, zu schnell, um eine Bindung herzustellen. Die dreißig Minuten kommen aus dem Nichts, sind sofort mittendrin, alle funktionieren irgendwie, es ist das Ganze, das wirkt, eine Faust, die umschließt.

Am Ende, nach einem Gedenkmarsch, auf dem die Angestellten die Namen der Gestorbenen sagen, geht ein anderer Marsch am Krankenhaus vorbei, die Teilnehmer rufen »I can’t breathe«. Eines der letzten Bilder zeigt die Ärzte und Schwestern, wie sie knien, dabei ein Schild halten: »You clap for us, we kneel for you«.

Ich merke, wie mich diese dreißig Minuten wütend werden lassen. Wütend auf die, die Covid19 in Abrede stellen, die in Berlin gelaufen sind und tanzten, die weiterhin von Grippe sprechen, die das Bhakdibuch wie ein Schild vor sich her tragen, weil sie die Wirklichkeit nicht an sich herankommen lassen wollen, die die Kühlwagen vor den Krankenhäusern verneinen, damit die Toten.

Zugleich wird mir bewusst, dass das, was ich sehe, obwohl es noch die Gegenwart ist, die Vergangenheit zeigt. Die Pandemie ist für immer in der Zeit. Das Jahr 2020 mit all seiner Belastung, seiner Angst und Ungewissheit wird auf immer diese Bilder sein. Der Einschnitt ist absolut, der Bruch unumkehrbar. Die Erkenntnis macht mich niedergeschlagen, diese festgezurrte Zeit mit dem Stillstand und der Überforderung. Ich frage mich: Ist es möglich, auf 2020 zurückzuschauen und zugleich anzunehmen, dass dieses entrückte Jahr noch weitere solche Bilder parat halten wird, auf die ich im nächsten März schauen werde, die für immer, in allen offiziellen Chroniken und meiner eigenen, stehen werden?

Ansonsten: Wegen Corona wird die Frankfurter Buchmesse ohne Aussteller stattfinden. In Schweden fällt die Quote der Positiv-Tests auf den niedrigsten Stand seit Ausbruch des Virus, was die Verantwortlichen als Beleg für den Erfolg des »schwedischen« Modells sehen. Aufgrund des politischen Drucks, vor der Wahl am 3. November einen Impfstoff zuzulassen, versprechen neun konkurrierende Pharmaunternehmen, bei der Entwicklung und Zulassung des Impfstoffs keine Kompromisse einzugehen. Eine Motorradrallye in den USA wird mit über 250.000 Corona-Fällen verbunden, was laut Berechnungen zu Kosten von zwölf Milliarden Dollar für die öffentliche Gesundheit führen soll. Über hundert Österreicher erhalten fälschlicherweise einen von Donald Trump unterzeichneten Scheck für Coronahilfe.

7. September | Corona hat alles verändert

Heute las ich als Teil der Jury Texte eines Schreibwettbewerbs für Kinder und Jugendliche. Das – schon im letzten Jahr so gewählte – Thema lautete Schulgeschichten. Der Wettbewerb startete im März, fast pünktlich zum Coronarunterfahren. Dennoch greifen nur wenige Texte der Kinder das Virus auf; die meisten erzählen von Freundschaft, Drachen, Mobbing, Videospielen.

Doch ein Text ist anders. Er heißt: Corona hat alles verändert. Das Kind beschreibt auf mehreren Seiten sein erstes Schulhalbjahr; Schulbücher, Fragebögen, Klassenfahrt, Tischtennis, Halbjahreszeugnis. Dann folgt: »Wir fühlten uns gerade pudelwohl« und das Kind schreibt »und schließlich trat der Virus auf einmal auch in Deutschland auf, und was sich vor ein paar Tagen mit China so weit weg anfühlte, war auf einmal da.«

Die Passage ist nicht lang, mich treffen die Worte. Das Kind schildert, was in seinem Umfeld geschehen ist. Es versucht das für alle Unerklärliche, letztlich Unbeschreibbare, für sich beschreiben. »Richtig übersichtlich war das nicht. Ich wurde mit der Zeit immer trauriger, weil ich meine Freunde nicht mehr sehen konnte, dabei hatten wir uns doch grad erst auf der Klassenfahrt richtig gut angefreundet.«

Im Grunde genommen brechen mir diese Worte das Herz. Sie sind nicht literarisch, unter anderem Umständen, als ausgedachte Schulgeschichte, als Fantasieerzählung über etwas, das mit Schule zusammenhängt (»Der Lehrstoff musste von zuhause aus gemacht werden. Wir bekamen E-Mails, es hab Schulclouds, Lernapps und noch vieles Andere.«) wäre die Erzählung unglaubwürdig, keine in sich schlüssige Geschichte, es gibt einen Anfang, aber der Verlauf bleibt unklar, es gibt keine Handlung, kein Ende, dafür ein Fühlen, ein Hoffen. Das Virus ist da, das sind die Worte dafür, sie sind die einzigen, die zählen.

Wenig später lese ich einen Kommentar von Heribert Prantl. Jemand, der in den letzten Monaten fast durchgehend »coronakritisch« postete, hat den Text geteilt, wahrscheinlich soll er so gemeint sein. Prantl schreibt von Corona als »Entheimatung«, als »Entfremdung von bisherigen Selbstverständlichkeiten und Gewohnheiten«, als »Vertreibung aus dem gewohnten Alltag«. Er schlägt den Bogen zu Pommern, zum gegenwärtigen Heimatbegriff, zitiert jemanden, der rät, »den eigenen Eifer im Zaum zu halten und die persönliche Risikoeinschätzung nicht zum allgemeinen Maßstab zu erklären.«

Am Ende kommt der Text bei den Kindern an, fragt »Was richtet Corona in der Kindheit der Kinder an und damit in ihrem späteren Leben? Was bedeutet die Distanz zu Menschen, Tieren und Dingen, die ihnen das Virus auferlegt, für ihre Beheimatung in der Welt?«

»Ich hätte nie gedacht das es mir mal so ergeht« endet der Wettbewerbstext des Kindes, einer von dreien aus achtzig, der sich mit Corona beschäftigt hat. Neben dem Ende eine Zeichnung: ein Bildschirm, in dem Tagesschau geschrieben ist, daneben mehrere Wörter. 4x Corona, 1x abgesagt, 1x Tote.

Ansonsten: Eine Studie ergibt, dass Hamster das Virus übertragen können. Nachdem der deutsche Bundespräsident eine Gedenkstunde für die Opfer des Virus vorgeschlagen hat, sieht die Deutsche Stiftung Patientenschutz noch nicht die Zeit für ein staatliches Gedenken an die Corona-Toten gekommen: »Schließlich ist Deutschland noch mitten in der Krise.« Die Auszahlung der ersten Rate des Corona-Kinderbonus beginnt heute. Die Infektionszahlen in Spanien steigen weiterhin stark an.

6. September | Splitter

(I) Nach dem Quiz am Tisch mit den Dorfbewohnerinnen. Eine sagt, dass es in diesem Jahr nur den gemeinsamen Wandertag geben werde. Der Rest falle aus. Das mache sich schon bemerkbar, sagt sie, jeder sei jetzt mehr für sich.

(II) Zwei Händler am Eingang des Töpfermarkts. Coronamärkte seien schon etwas Besonderes, im Grund fast besser als die üblichen Märkte: Weniger Besucher, die dafür aber gezielter kämen und bewusster kauften.

5. September | Der zweite Lockdown

… wird nicht kommen, wird mir versichert. In Interviews von hochrangigen Verantwortlichen, in Gesprächen mit Experten aus verschiedenen Genres, selbst in persönlichen Unterhaltungen vertritt kaum jemand die These, dass es im Herbst/Winter ein ähnliches Runterfahren wie im März/ April geben wird, keinen zweiten Lockdown. (ständiger Disclaimer beim Begriff Lockdown: In Deutschland gab es keinen Lockdown.)

Ich teile diese Erwartung. Sie stimmt mich froh. Fast fühlt es sich so an, als wäre die Pandemie schon geschafft. Den kleinen Rest – Maske anlegen, Abstand halten, Tenet im Videostream sehen – zu ertragen, ist zu schaffen, die Gewöhnung an die Pandemieumstände ist ohnehin längst verinnerlicht. Natürlich klammert dieser Gedanke die Möglichkeit aus, dass es nach diesem »kleinen Rest« zum Beispiel kaum noch Kinos gibt, die Tenet überhaupt spielen könnten, von sonstigen Veranstaltungshäusern und jede Menge privater wirtschaftlicher Dramen ganz zu schweigen.

Aber die Vorstellung, dass die wochen-monatelange Schließung der meisten Institutionen, möglicherweise sogar des wochenlangen Verbleibens in der Wohnung in große, unwahrscheinliche Ferne rückt, ist tatsächlich so etwas wie ein Trost in diesen ersten Septembertagen.

Ansonsten: In Kroatien und Italien wird gegen die Coronapolitik der Regierung demonstriert, in Italien wird sich dabei auf Berlin bezogen. Der deutsche Bundespräsident sagt in einem Interview: »Wir haben den Corona-Ausnahmezustand gemeistert, jetzt werden wir nicht an der Corona-Normalität scheitern.« Nach zwei Infektionen müssen 57 Schüler des Weimarer Schiller-Gymnasiums in Quarantäne gehen.

4. September | teneT kafka

Ich möchte ins Kino gehen. Nicht, weil Tenet die Rettung des Kinos ist, sondern weil ich es vermisse, für einen Film die Wohnung verlassen zu müssen, weil ich sie satt habe, die Algorithmen, die mir penetrant Blind Side anpreisen, nur, weil ich vor drei Jahren versehentlich auf Ziemlich beste Freunde klickte.

Ich sehe auf der Kinoseite nach. Lese den ausführlichen »Maßnahmenplan zu eurer und unserer Gesundheit«: Maske im Foyer, kontaktloses Bezahlen und Ticketkontrollieren, Gästeregistrierung, Wegleitesystem, Erhöhung der Reinigungsintervalle. Im Saal dann ist nur jeder dritte Platz mehr buchbar, um den Mindestabstand sicherzustellen. Doch muss dort keine Maske getragen werden.

Ich zögere. Ich denke an den letzten Drosten-Podcast, an das Bild davon, wie sich Aerosole verteilen. Zwei Stunden dreißig Minuten, mit Werbung fast vier Stunden in einem Raum ohne Maske. Selbst mit Maske wäre das ein Raum, in dem ich mich anstecke.

Ich versuche das Zögern zu hinterfragen. Lese im Maßnahmenplan: »Die Lüftungs- und Klimatisierungsanlagen sorgen dafür, dass das Foyer und alle Kinosäle stets frisch belüftet werden.« Ich suche die Zahl der aktuell Infizierten in Weimar. Sie liegt bei 5.

Ist es töricht, dennoch weiterhin zu zögern? Deshalb auf den Film zu verzichten, was in letzter Konsequenz bedeutet, ein Jahr lang nicht mehr ins Kino gehen zu können, einem der wichtigsten Orte der Welt? Ich weiß es nicht. Noch ist das Zögern stärker, noch zitiere ich Franz Kafka: »Nicht im Kino gewesen. Geweint.«

Ansonsten: Robert Pattinson, der neue Batman, wird bei den Dreharbeiten zu The Batman positiv getestet. Nach einer Ansteckung mit dem Coronavirus wird Silvio Berlusconi mit beidseitiger Lungenentzündung ins Krankenhaus eingeliefert. Frankreich meldet den höchsten Zuwachs an Infiziertenzahlen seit Pandemiebeginn. Weil einundzwanzig Münchnerinnen die häusliche Quarantäne nicht einhielten, werden diese zwangsweise in einem ehemaligen Hotel untergebracht und von der Polizei überwacht.

3. September | Der Ordner Virus

Wir sitzen in einem Büro. Uns gegenüber eine Person, die aus diesem Büro heraus leitet. Sie sagt, sie habe einen Ordner angelegt, auf den sie VIRUS geschrieben habe. Dort hinein kommen all die Informationsschreiben und Anweisungen, Verordnungen und Konzepte, Protokolle und Schaubilder, die seit März ihrer Institution übermittelt wurden. Manche der Papiere sind über zwanzig Seiten lang. Die Leiterin sagt, sie habe sich schon hin und wieder gewünscht, dass das Wesentliche kurz zusammengefasst worden wäre, dass es nicht immer zwanzig Seiten Information gebraucht hätte.

Auch diese Coronamonate sind ein solcher Ordner; alles, was mit dem Virus zu tun hat, tue ich hinein. Ausgepackt und gesichtet wird später einmal, gerade sammele ich und häufe an, zum Beispiel das folgende

Ansonsten: Nachdem eine Satireseite über den Verschwörungsmythiker Attila Hildmann schrieb, dass er angeblich von Angela Merkel bezahlt werde, um die Querdenker-Szene lächerlich zu machen, erhält dieser hunderte wütende und enttäuschte Telegramnachrichten von seinen Unterstützerinnen. Wegen steigender Coronafälle werden in der Türkei die Regeln für Hochzeiten verschärft; Gruppenfotos sind verboten, Erinnerungsfotos mit dem Hochzeitspaar dürfen nur mit Sicherheitsabstand geschossen werden.

In Indonesien müssen Maskenverweigerer wählen zwischen: gemeinnütziger Arbeit, Geldstrafe oder Probeliegen im Sarg. Weil der Düsseldorfer Karnevalsauftakt wegen Corona ohne Alkohol stattfinden soll, erklärt der Karnevalsverein Comitee, dass die Lage dadurch für alle Karnevalisten äußerst unbefriedigend sei. Die Vorsitzende der Behörde für öffentliche Gesundheit in Kanada empfiehlt das Tragen einer Maske auch bei sexuellen Aktivitäten: »Die sexuelle Aktivität mit dem niedrigsten Risiko ist jene, an der nur Sie allein beteiligt sind.«

2. September | Zweite Staffel

Ich höre den Podcast mit Christian Drosten. Es ist Podcast Nummer 54, die erste Folge nach mit ihm nach über zwei Monaten Pause. Die Journalistin Korinna Hennig fasst kurz die aktuelle Lage zusammen und begrüßt dann den Virologen. Er sagt: Hallo.

Im Juni gab es einen Zusammenschnitt aller Begrüßungen, die Christian Drosten zu Beginn eines jeden Podcasts ausspricht. Dieser kurze Moment des Hallos genügt schon und ich bin zurückversetzt in den März 2020; ein durstiges Hören nach Informationen, eine Form von Sicherheit, die das Einordnen dieser unerklärlichen Gegenwart durch einen Experten verspricht, auch ein Akzeptieren von Widersprüchen, die sich zwischen den einzelnen Folgen einstellen, das Benennen von Unwissen, aus dem allmählich ein Verstehen wird, eine Verfertigung des Wissens durch wöchentliches Sprechen, ein Experte, der ebenso wie ich auf der Suche ist und erklärt, warum er was wie finden will und es mir damit ermöglicht, mit ihm gemeinsam zu gehen, gemeinsam zu begreifen, was geschieht, nie zynisch, immer nur dann aufgebracht, wenn sich das System Wissenschaft am System Medien reibt, eine helfende Hand, gereicht in Form eines Podcasts.

Ein kurzes Hallo und ein wohliges Gefühl stellt sich ein, so, wie das Schauen der zweiten Staffel einer Serie, deren ersten Staffel man wie im Rausch geschaut hat. Beim Schauen der zweiten Staffel erwarte ich eine ähnliche Intensität, ich will das einmal als gut befundene Gefühl nachempfinden, will den Zustand von damals wiederholen und erwarte zugleich dezente Neuerungen; neue Figuren, neue Plots, neue Spannungsbögen, unerwartete Wendungen, in kleinen Dosen gereicht, die das grundsätzliche Wohlbefinden nie in Frage stellen, sondern es soweit variieren, dass das Gewohnte gleich bleibt und doch anders ist.

Diese Erwartung habe ich an den Podcast. Ich höre 45 Minuten von hundert Minuten, vergesse vieles gleich nach dem Hören, merke mir aber ein Bild, das die Pandemie erklärbarer macht. In der nächsten Folge wird mit Sandra Ciesek, der Leiterin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt, eine neue Figur auftreten. Der Sommer ist vorbei, Corona tritt ein in die zweite Staffel, einmal die Woche werde ich nun das Gefühl tanken, die Pandemie verstehen zu können.

Ansonsten: Die Leipziger Buchmesse 2021 wird wegen Corona auf Ende Mai verschoben. Laut Studien schützen Geschichtsschilder deutlich schlechter vor der Virenverbreitung als Stoffmasken. Nach mehreren hundert Strafanzeigen gegen die SPD-Vorsitzende Saskia Esken wegen der Verwendung des Begriffs »Covidioten« stellt die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen ein, weil diese Äußerung von der Meinungsfreiheit gedeckt sei. Einer Angestellten eines Senioren- und Pflegeheims wird gekündigt, nachdem diese sich geweigert hat, sich nach der Teilnahme an der Berliner Demonstration auf Covid19 testen zu lassen. Udo Lindenberg sagt in einem Interview: »Wir brauchen die kollektive Mega-Power, also: Maske auf und mit panischer Konsequenz da durch! Wenn die hirntoten Risikopiloten durch die Aerosole zischen, wird es ganz viele noch erwischen.«

1. September | Septemberwunsch

Es fällt schwer, momentan anders als politisch auf Corona zu blicken. Das ist etwas, was ich mir für September wünsche: über das neue/alte Hygienekonzept des Kindergartens zu schreiben, vom Abstandsverhalten auf den letzten Ausstellungseröffnungen zu erzählen, mal wieder eine Begebenheit aus dem Park wiederzugeben, ohne das Gefühl zu haben, vor lauter Reichkriegsflaggen und zustimmend nickenden Esoterikerinnen etwas Entscheidendes versäumen zu erwähnen.

Ansonsten: Der erste seit März gestartete große Kinofilm »Tenet« spielt am ersten Wochenende weltweit 53 Millionen Dollar ein und erfüllt damit die Erwartung, das Kino zu retten. In Berlin gilt auf Demonstrationen zukünftig eine Maskenpflicht. Forscherinnen aus Leipzig entwickeln einen Corona-Antikörpertest für zuhause. Unter dem Twitter-Account Herman Cains, der im Juli an Covid19 verstarb, twittert Team Cain, dass Covid19 ungefährlich sei. Thüringens Ministerpräsident will Karneval und Weihnachtsmärkte erlauben: »Ich kann mir Karneval vorstellen, und ich kann mir Weihnachtsmärkte vorstellen, weil ich mir das Leben vorstellen möchte.«

31. August | Bequeme Zahlen

Es ist anstrengend, auf dem Laufenden zu bleiben. Auf dem Laufenden zu bleiben bedeutet, sich ständig zu informieren, dazuzulernen, deshalb liebgewonnene Erklärungen permanent zu hinterfragen, neue Zahlen zu lesen, alte anders zu interpretieren und damit den bekannten Blick auf das Geschehene neu zu werfen, Fehlinformationen zu benennen und vergangene Überzeugungen, die ich mit ganzer Kraft vertreten habe, möglicherweise zu verwerfen.

Das erfordert viel Kraft, oft bin ich zu bequem dazu. Ich lese weniger als im März, überfliege, nehme mir lieber Erkenntnisse aus der Überschrift mit, als einen Text bis zum Ende zu lesen. Es braucht mehrere Texte, Videos, Argumentreihen, bis ich etwas widerrufe, bis ich mich löse von: Flatten the Curve. The Hammer and The Dance. Die Höhe der Infektionszahlen ist die einzige Zahl, auf die ich jeden Tag gebannt starren muss.

Ich könnte sagen: Ich bin Laie. Ich muss nichts verstehen. Aber in der Pandemie muss ich wie ein Experte auftreten. Ich muss vieles wissen, was mich unter anderen Umständen keinesfalls interessiert hätte. Auch wenn es mir schwerfällt, muss ich verstehen lernen. Für mich und wie ich mich in meinem Umfeld verhalte, so dass ich mich und andere so wenig wie möglich gefährde. Ich muss verstehen, um nachvollziehen zu können, warum sich was gerade ändert. Das Verstehen hilft zu akzeptieren, hilft Kritik zu üben und zu dulden.

Verweigere ich mich dem Verstehen, werde ich bald einer von denen sein, die in Berlin demonstrieren. Ich muss verstehen, damit ich argumentieren kann, damit ich denen, die vom Maulkorb sprechen, etwas entgegensetzen kann. Dabei bin ich Laie, bis auf wenige Ausnahmen sind es alles Laien in der Pandemie. Wir Laien müssen irgendwie klarkommen mit dem Überangebot an Informationen, die komplex sind, ständig mehr werden, sich zum Teil widersprechen.

Ich muss verstehen, warum am Anfang der Pandemie die Experten den Mundschutz nicht empfahlen, warum sie ihre Meinung bald darauf widerriefen und nun nachdrücklich darauf drängen. Ich muss verstehen, weshalb es im März eine Übersterblichkeit gab und im Mai eine Untersterblichkeit und dass letzteres kein Beleg für die Ungefährlichkeit des Virus ist. Ich muss verstehen, aus welchem Grund momentan die Infektionszahlen steigen, aber die Todesfälle sinken. Ich muss begreifen, warum kaum jemand mehr von Schmierinfektion spricht und alle von Aerosolen. Ich muss verstehen, dass die leeren Betten auf der Intensivstation nicht das Ende der Pandemie bedeuten.

Will ich das nicht begreifen, werde ich bequem. Ich niste mich ein in einfachen Erklärungen, ignoriere, was nicht zu dem Einfachen passt. Es ist bequem, Ende August noch die Rhetorik von Bhakdi zu verwenden. Es ist bequem, weil es einfach ist, weil es mir die Angst nehmen würde.

Es ist bequem auch für mich, wenn ich gedanklich im März verbliebe. Wenn ich immer noch Lockdown rufe, wenn eine bestimmte Zahl erreicht wäre. Es wäre bequem, wenn ich jetzt die Tabs schließe und sage: Dieses Wissen reicht bis zum Ende der Pandemie. Ich muss verstehen, dass ich das, was ich aktuell verteidige, wonach ich handele, ich im Laufe der nächsten 1 ½ Jahre mehrmals überdenken, vielleicht widerrufen werde. Ich muss akzeptieren, dass sich daraus Widersprüche ergeben werden. Ich werde lernen müssen, diese zu erklären und zu verteidigen. Höre ich auf damit, die einfache Erklärung, die mögliche Abkürzung, das scheinbar Offensichtliche, das verlockende Bequeme nicht doppelt und dreifach zu hinterfragen, wird die Pandemie über mich triumphieren.

Ansonsten: Auf Drängen des amerikanischen Präsidenten werden die Bemühungen intensiviert und Richtlinien gelockert, um noch vor der Wahl am 3. November einen Impfstoff präsentieren zu können. Bei einer Veranstaltung wird der Gesundheitsminister von Demonstranten bespuckt, die gegen die Corona-Maßnahmen protestieren. Beim MTV-Music Award werden Trophäen in den neugeschaffenen Preiskategorien »Bestes Musik-Video von Zuhause« und »beste Quarantäne-Darbietung« vergeben. Während der Liveübertragung einer Wreslingshow werden von einem der anstatt anwesenden Fans zugeschalteten Zuschauer die Bilder einer Hinrichtung eingespielt. In der Coronazeit werden in Deutschland Kartoffelprodukte überdurchschnittlich häufig gekauft. [Foto: Yvonne Andrä]

30. August | Das Bild von gestern

Ich frage mich, warum mich die Demonstration in Berlin so beschäftigt. In den immer wieder zitierten Umfragen gibt es eine Zustimmung von unter zehn Prozent dafür, wesentlich mehr befürworten stärkere Maßnahmen gegen Corona als weniger, die deutliche Mehrheit findet die Maßnahmen in Ordnung, bei Fridays for Future waren die Millionen auf der Straße, die die Querdenker gern hätten. Anders gesagt: die Relevanz der gestrigen Demonstration ist wesentlich geringer, als die Berichte, Bilder, Augenzeugenberichte, Kolumnen, Tweets, Screenshots aus Telegramchats suggerieren.

Ich bin aufgeregt. Wenn die Demonstranten gegen Absperrungen drücken, spüre ich den Druck. Skandieren sie, ist es, als brüllten sie ihre Sprechchöre direkt in mein Ohr. Ihre Transparente lerne ich auswendig. Ich tanze angewidert und belustigt, wenn ihre Körper zu einer Version zu Bella Ciao zucken, in der es heißt: Corona Ciao Corona Ciao Corona Ciao Ciao Ciao. Es ist eine Freakshow, es ist ernsthafte Besorgnis, es ist Adrenalin allein vom fernen Zuschauen, der Wunsch, sich dagegenstemmen, obwohl Berlin dreihundert Kilometer weit weg liegt, abstrakte Gedanken, die sich durch die Demonstration in etwas Körperliches übertragen, das Verlangen, bestätigt und entzündet zu werden.

Ich zitiere die vielen Texte, die Corona als Brennglas bezeichnen, als Verstärker der Gegenwart, als ein Überdeutlichmachen dessen, was ohnehin da ist. Dass es bei den Coronademonstrationen nicht um Corona geht, zeigt sich an den Reichskriegsflaggen, die geschwenkt werden, den 18-Codes, den QAnon-Shirts. Corona ist nicht Ursache, Corona ist ein weiterer Anlass für eine allgemeine, tiefergehende Unmutsbekundung, eine Unzufriedenheit, letztlich der Wunsch nach einem radikalen Umbruch. Wäre es nicht Corona, wäre es etwas anderes, weshalb die Demonstranten sich in einer Diktatur wähnten. Sie wären auf der Straße, so oder so.

Vor allem aber geht es bei der Demonstration um die Produktion von Bildern. Die Demonstranten gehen auf die Straße und wollen damit Bilder schaffen, die stärker sein sollen als die Bilder, die jene schaffen, gegen die die Demonstranten antreten.

Das Bild von gestern, das alle anderen Bilder überlagert, das Bild, das bleiben wird, das einmal für diese Zeit stehen wird, entweder als Zenit oder als Anfang, ist das Bild, wie die Demonstranten die Absperrung vor dem Reichstag durchbrechen und die Treppen hinaufstürmen. Vor dem Eingang des Reichstags, dem Ort, an dem die Politik dieses Landes gemacht wird, stehen drei Polizisten. Einer trägt keinen Helm. Diese drei Polizisten verteidigen die Türen des Reichstags. Sie stellen sich den Menschen entgegen, die Reichsflaggen schwenken, einer hat eine Fahne bei sich, auf der der Reichsadler abgebildet ist.

Das Bild sagt: Nazis stürmen den Reichstag. Nicht Coronagegner, nicht Coronawütende, nicht besorgte Bürger, die man ernst nehmen muss, keine Ärztinnen, die andere Meinungen haben als Christian Drosten. Es sind Menschen mit Reichsflaggen und dem Reichsadler, die den Reichstag stürmen. Wenn es ein Bild gibt, dass all diese Menschen und ihre Unterstützer gern an diesem Samstag produzieren wollten, dann dieses: Es ist 2020. Nazis stürmen den Reichstag, das Volk hinter sich wissend.

Die Aktion war angekündigt in Telegramchats. Vor dem Reichstag stehen drei Polizisten, in Hamburg waren es letztens acht, die einen E-Scooterfahrer überwältigten. Diese drei Polizisten verteidigen den Reichstag, sie stehen Vielen gegenüber. Vor drei Tagen schrieb ich, dass es surreal sei zu schreiben, »#SturmAufBerlin klingt wie ein kleiner Krieg«. Heute schreibe ich: Drei Polizisten verteidigen den Reichstag vor Nazis.

Das Bild ist da. Der Sturm ist geglückt. Er ist nicht geglückt. Der Reichstag wurde nicht gestürmt, auch Berlin nicht. Nur ein paar Demonstranten sind eine Treppe hinaufgerannt. Es fühlt sich surreal an, das zu schreiben, so, als gäbe es etwas wie Zuversicht, das ich in diesem Samstag sehen könnte.

29. August | Umleitung

www.sturm-auf-berlin.de

28. August | Urlaubsrückkehr

Manches beschäftigt mich, anderes weniger. Urlaub und Corona zum Beispiel. Dabei lässt sich anhand von Urlaub einiges über die Pandemie erzählen. Die Absagen vom Frühjahr. Das Ausbleiben der Flüge. Die Besinnung auf die Nähe. Beim ersten Anzeichen von Sonne dann doch das Weiterwegfahren. Das Steigen der Infektionen. Das Einrichten von Testzonen. Das Scheitern dieser Testzonen. Die Verordnung einer Nachurlaubsquarantäne. Die Rückkehr in den Herbst, in die zweite Hälfte der Jahrespandemie, dann vollgepackt mit Erinnerungen von der Ostsee, dem Spreewald, irgendwas mit Italien oder Kroatien.

Natürlich ist es seltsam, inmitten einer Pandemie in den Urlaub zu fahren. Im Sand mit Blick aufs Meer zu liegen, am Büfett zu stehen, zu entspannen, während alles andere gerade alles anders als entspannt ist. Die Bilder der überfüllten Strände lassen sich als Synonym für Unvernunft deuten, für ein dringendes Bedürfnis, der unnormalen Zeit Normalität abzutrotzen, Uneinsichtigkeit, ein Drängeln und Drängen und Verneinen der Gegenwart.

Andererseits: Was wäre die Alternative? Nicht zu entspannen? Sich keinen Platz für eine Weltflucht zu suchen? Keine Reserve anzulegen für den Rest des Jahres? Was ist der Preis für jene, die fahren? Möglicherweise eine Ansteckung. Auf jeden Fall stehen sie in den Staus vor den Testzentren, sitzen in der Quarantäne zuhause. Immerhin werden sie bezahlt dafür, entspannt zu haben.

Und was ist der Preis für jene, die nicht fahren? Die bleiben, die zuhause ausharren? Wie werden sie sich fühlen, wenn die Freunde Fotos von Mallorca schicken, vom Eifelturm, vom Strand in Dänemark, wo der Hund gegen den Wind rannte?

Der Sommerurlaub war die Auszeit, die eigentlich nicht möglich war in der Pandemie.

Ansonsten: Ein Gericht widerruft das Verbot der Demonstration für den Tag der Entscheidung. Auf einer Pressekonferenz sagt die Kanzlerin: »Das Virus ist eine demokratische Zumutung.« Beschlossen wird ein Bußgeld von mindestens 50 Euro für Verstöße gegen die Maskenpflicht. Nach mehreren Infektionen wird in den Niederlanden das vorzeitige Ende der Zucht von Nerzen erlassen.

27. August | Posse und Pose und SturmAufBerlin

Eigentlich hätte gestern ein anderer Eintrag geschrieben werden sollen. Doch dann kam die Nachricht vom Verbot der Demonstration in Berlin. Ich war elektrisiert davon, ohne genau zu wissen, weshalb, wusste aber dennoch genug, um etwas schreiben zu können.

Es ist die Art Eintrag geworden, den ich im Augenblick des Schreibens schätze und bald darauf nicht mehr. Es sind Worte über etwas, das ich mir anlese, das fern von mir ist, das ich dennoch versuche staatstragend zu verhandeln. Es sind Worte, die nichts von mir erzählen. Sie sind eine über mehrere Diskussionsebenen gefilterte Wahrnehmung, ein Abwägen, ohne eine klare Position zu beziehen, weshalb ich ins Dazwischen springe, sowohl-als-auch benenne, was ich für notwendig halte, was solche Texte im Rückblick sehr unentschlossen und schwammig wirken lassen.

Einen knappen Tag später, mit mehreren ausgetauschten Meinungen später ist das Bild nach wie vor verschwommen. Es geht um die Frage nach Versammlungsrecht, um dessen Einschränkung, unter welchen Bedingungen das möglich sein sollte, wer entscheidet. Es geht darum, ab wann es notwendig ist, nicht nur klare Position gegen etwas zu beziehen, das Grundlegendes abschaffen möchte, sondern dieser Position auch Taten folgen zu lassen. Es geht um vergangene Demonstrationen, die unter welchen Umständen abgesagt wurden und zukünftige Versammlungen, die abgesagt werden können.

Da ist der Innensenator, der sagt, dass er es nicht hinnehmen werde, dass Berlin ein zweites Mal als Bühne für Corona-Leugner, Reichsbürger und Rechtsextremisten missbraucht werde. Vor allem ist da der Hashtag #SturmAufBerlin, unter dem trotz Verbotes zur Demonstration aufgerufen wird. Der Hashtag wird benannt, geteilt, diskutiert und erlangt durch das Reden darüber größere Bedeutung.

#SturmAufBerlin. Es klingt wie ein kleiner Krieg, ein herbeigesehnter Tag X. Es fühlt sich surreal an, überhaupt von einem Sturm auf Berlin zu schreiben. Ein solches Bedürfnis nach Auseinandersetzung liegt in der Luft, ein Drang danach, die Spannung so konfliktreich wie möglich zu lösen. Konkret von wenigen vielleicht, aber genug, dass es für Bilder reicht, die alle erreichen, die weiteres in Gang setzen.

In Amerika wird ein Mann vor den Augen seiner Kinder von Polizisten mehrmals in den Rücken geschossen, bei den Protesten dagegen schießt ein 17jähriger mit Sturmgewehr in den Demonstrierenden, ein Mann versucht ihn mit einem Skateboard zu stoppen, der 17jährige erschießt ihn, eine Tat, die der reichenweitenstärkste amerikanische Nachrichtensender verteidigt.

Warum diese nicht coronabezogene Tat nenne? Vielleicht weil es gerade scheint, als ob es in immer kürzer werdenden Abständen eine Umdrehung mehr gibt, die das Vorhandene erweitert, das nächste möglich macht. Diese Gewalt, diese Ahnung von Spannung ist fern, nehme ich weiterhin nur durch von mir definierte Filter wahr.

Dabei sollte der gestrige Eintrag einer sein über das Fehlen des Publikums und das demonstrative Weitergehen der Show. Beim Parteitag der Republikaner hält Kimberly Guilfoyle, die Freundin von Donald Trump Jr. eine Rede; große Gesten, laute Stimme, maximale Dringlichkeit. Einmal ruft sie enthusiastisch »The best is yet to come.« Der unmittelbare Schnitt danach zeigt, dass sie coronabedingt in einem leeren Raum steht. All die Energie, das Angestochene und vermeintlich Mitreißende steht im Kontrast zur Leere, die sie umgibt. Die Kraft fließt ins Nichts, ihre Worte verenden, die Rede, die als Triumph gedacht ist, wirkt als Posse und als Pose, was sie auch ist.

Ähnliches auch beim Finale der Fußball Chamipons League am Sonntag. Nach dem Schlusspfiff setzen die üblichen Feierrituale ein. Die Gewinnermannschaft steigt auf eine kleine Bühne, sie nehmen den Pokal in Empfang, jeder Spieler darf ihn halten und hochstemmen, später einzeln mit Pokal für ein Erinnerungsfoto posieren. Dazu werden über die Stadionlautsprecher die üblichen Post-Fußballspiel-Feiersongs eingespielt: Song 2, We are the Champions etc.

Durch die wegen Corona fehlenden Zuschauer und deshalb die fehlende akustische Zustimmung, den fehlenden visuellen Jubel wirken die Rituale des Feierns seltsam leer und bedeutungslos, inszeniert, routiniert abgearbeitet. Jeder der Teilnehmender folgt einer festgelegten Folge von Handlungsschritten: kurze, spontane Freude nach dem Pfiff, respektvolles Verabschieden vom Gegner, gemeinsames Springen mit Mannschaft auf der Bühne, Betasten des Pokals, Fotos für Social Media. Wahrscheinlich ist diese Abfolge derart einprogrammiert – so wie bei Song 2 nach 16 Sekunden die Gitarren kommen, geht die Hand zum Pokal – dass ein anderes Handeln nicht mehr möglich ist.

Die Zuschauer – nicht der einzelne, der handelt ebenfalls automatisch und singt You’ll Never Walk Alone mit – verschleiern die Abfolge, bringen eine Form von Chaos und Unerwartbarkeit in das Vorgesehene hinein. Fehlen die Zuschauer, tritt die Inszenierung überdeutlich hervor. Im Grunde ein begrüßenswerter Effekt, weil er so Veranstaltungen, die nichts Zufälliges mehr haben, ein Gesicht gibt.

Ansonsten: Auf Drängen des amerikanischen Präsidenten werden die Richtlinien für Coronatests gelockert. Die maximale Teilnehmerzahl auf privaten Feiern soll auf 25 Menschen begrenzt werden. Nachdem in Frankreich ein Kellner einen Gast zum Tragen einer Schutzmaske aufgefordert hatte, sticht der Gast ihn nieder. Norwegen verhängt Quarantänepflicht für Reisende aus Deutschland.

26. August | der verschobene Tag der Entscheidung

Gerade wurde die Querdenken-Demonstration verboten, die für Samstag in Berlin geplant war. Es sei damit zu rechnen, »dass es bei dem zu erwartenden Kreis der Teilnehmenden zu Verstößen gegen die geltende Infektionsschutzverordnung kommen wird und dass die Teilnehmenden sich bewusst über bestehende Hygieneregeln und entsprechende Auflagen hinweggesetzt haben«.

Zur Teilnahme an der Demonstration hatte das komplette neurechte Spektrum aufgerufen; AfD, NPD, III. Weg, Compact, IB. Atilla Hildmann schreibt, dass der 29.8. der Tag der Entscheidung sei, weil danach Beruhigungsmittel ins Trinkwasser geschüttet, Todesspritzen verordnet, Konzentrationslager für Coronainfizierte errichtet werden, weil die Regierenden Satanisten seien, die 50 Millionen Deutschen töten wollen. Um das zu verhindern, fordert Hildmann zur Teilnahme an diesem Tag der Entscheidung auf.

Das Bild vieler Tausender Menschen wäre ein wichtiges Symbol gewesen, ein Schulterschluss zwischen zum Teil sehr unterschiedlichen Gruppen, der Versuch der Neurechten, das, was seit einem halben Jahr misslang, nachzuholen und die Coronawütenden endgültig auch politisch zu vereinnahmen.

Direkt nach dem Verbot kursieren die entsprechenden Reaktionen: In Weißrussland dürfe man demonstrieren, ein Deutschland nicht mehr, ein weiterer Beleg für die Merkel-Diktatur, in der Andersdenkende sich nicht mehr frei äußern dürften etc.

Ein solches Verbot dient dieser Erzählung, wird auch zukünftig beständig zitiert werden. Bei jeder künftigen Demonstration wird die Erinnerung an den verschobenen Tag der Entscheidung mitlaufen. Mitlaufen wird z.B. nicht die ebenfalls aus Hygienegründen abgesagte Gedenkveranstaltung der Ermordeten von Hanau. Es wird auch nicht mitlaufen die Gegenüberstellung der Bilder ähnlicher Coronademos und andere Demos, wer wo Maske trug und wer nicht und wo zumindest einigermaßen auf Abstand geachtet wurde.

Ein Verbot ist ein Endpunkt einer Entwicklung. Man könnte schreiben, dieses Verbot haben sich die Querdenker durch ihr Verhalten auf den bisherigen Demonstrationen hart erarbeitet. Aber so einfach ist es leider nicht. Ein Verbot ist Endpunkt und zugleich Start für etwas Neues, dieses Verbot ist nachvollziehbar und vernünftig, wird als Öl ins Feuer gegossen werden, wirft Fragen auf, ist eine Sache von behördlichen Reglungen und hat gesellschaftliche Dimensionen, wird die Telegram-Channels zum Glühen bringen, lässt sich verteidigen, muss verteidigt werden, wird sich schwer verteidigen lassen.

Ansonsten I: Der Wind, ein halber Sturm, fegt die weggeworfenen Masken über die Straßen.

Ansonsten II: Trotz der Pandemie sind die Immobilienpreise in Deutschland weiter gestiegen. Um auf den notwendigen Abstand hinzuweisen, empfehlen isländische Schafzüchter zwei Schafe Abstand zu halten.

25. August | in der Kirche

Gestern eine Lesung in der Kirche. Geplant war ein Veranstaltungsraum, einer, der typisch wäre für Abende dieser Art. Aufgrund von Corona fällt die Entscheidung, in die Kirche zu gehen, weil das Gebäude ausreichend Gelegenheit bietet Abstand zu halten und damit mehr als zwanzig Besucherinnen ermöglicht. Deshalb die Projektion vor dem Altar, das Stehpult neben dem Taufbecken, das Wort »Haddaway« unterhalb der Orgel. Ich würde lügen, würde ich behaupten, dass dies eine Folge der Pandemie ist, die ich bedauere.

Abgesehen davon schreibt sich die Vorsicht vor dem Virus tief in jede öffentliche Darbietung ein. Neben den Lesungen mehrere Ausstellungen in den nächsten Wochen. Auch dort ist der Gedanke des Abstandshalten ein zentraler. Wie viele Personen können zugleich in die Galerie? Wie lassen sich geführte Rundgänge am besten organisieren, wenn nur sehr kleine Gruppen jeweils mitlaufen können? Wie werden die Gruppen ausgewählt? Oder die Runden mehrmals und dafür kürzer absolvieren? Wie werden die Anmeldungen für die Veranstaltungen gewichtet? Was passiert, wenn jemand außerplanmäßig erscheint? Wie weit werden Stühle voneinander gerückt? Wie werden sich diese zwangsläufigen Lücken überbrücken lassen? Wie gestaltet sich der zwangsläufige Kontakt zu vielen Menschen? Werden wir immer die Maske tragen? Und wenn nicht – in welchen Situationen nicht? Ist das Mikrofon immer mit einem Plastiküberzug virensicher abgesichert? Und falls nicht, was dann? Und: Wie lange wird es Veranstaltungen geben können, zu denen maximal nur ein Drittel der möglichen und oftmals notwendigen Besucherinnen kommen können?

Ansonsten: Mehrere Studien widerlegen die Behauptung eines Hamburger Pathologen, die zu Anfang der Pandemie die Runde machte: die meisten Coronatoten sterben nicht mit, sondern durch Corona. Von den zuletzt in Deutschland positiv auf das Coronavirus getesteten Menschen haben sich über vierzig Prozent im Ausland angesteckt. Wenn die Sieben-Tage-Inzidenz den Wert 35 erreicht, wird in München zukünftig ab 21.00 Uhr ein Verkaufsverbot für Alkohol gelten. In der nächsten Tischtennissaison werden Mannschaftsspiele ohne Doppel ausgetragen. Usain Bolt, Flavio Briatore und Julia Timoschenko sind an Covid19 erkrankt, letztere liegt auf der Intensivstation und wird künstlich beatmet. Das Ifo-Institut gibt bekannt, dass sich die Stimmung in der deutschen Wirtschaft weiterhin im Aufwind befindet.

24. August | Coronaaugen

Ein halbes Jahr die Coronamonate. Etwas über 150 Einträge, etwas über 400000 Zeichen. Weiterhin frage ich mich, weshalb mir das Schreiben so verhältnismäßig leicht von der Hand geht.

Die These: Weil sich Corona über alles legt, lässt sich auch über alles schreiben. Niemals würde ich ähnliche Einträge über die amerikanische Außenpolitik schreiben. Oder über das viel drastischere Ereignis der Erderwärmung. Aber Corona ist hier, unmittelbar und direkt. Obwohl mich das eigentliche Wesen – die Krankheit – bisher nicht betroffen hat, sind die Auswirkungen da, sobald ich vor die Haustür gehe, im Grunde noch eher, wenn ich am Morgen die Augen öffne.

So fällt es leichter, alles mit Coronaaugen zu betrachten: Einkaufen, Freundschaften, Politik, Wissenschaft, Kultur, Essen, Arbeit, Treffen, Geld, selbst Tiere, die Singvögel, die freilaufenden Affen von Lop Buri. Alles ist von Corona betroffen, weshalb ich über alles schreiben kann. Ich bin Laie und kann dennoch über ACE2-Rezeptoren sprechen. Ich bin Laie und kann dennoch über exponentielles Wachstum schreiben. Ich bin Laie und kann dennoch politische Notfallpläne bewerten. Ich bin Laie und schreibe dennoch über Intensivstationen.

Als Laie schaue ich in die fernen Länder und ordne die dortigen Geschehnisse unter das Großereignis Pandemie ein. Niemals würde ich über Indien, Palästina oder Ägypten in dieser Form schreiben, wenn ich das täte, wäre das in aller Form unzureichend. Bei Corona traue ich mir das. Corona eröffnet mir die Freiheit, die Anmaßung, alles bewerten zu können.

Das Private sowieso, die täglichen Verschiebungen, das Erstarren und Irritiertsein.

Das Schreiben an den Monaten befindet sich in einem ständigen Fließen. Anfangs noch ein verschämtes Verstecken, hier und da ein schüchterner Pinselstrich. Dann ein erstauntes, nur zum Teil furchtsames Beiwohnen des Einbruchs der Pandemie in den Alltag, den neugierigen Blick auf die Veränderungen. Ein Dranbleiben später, als das Neue Gewohnheit wird, ein Müdesein, Wiederentdecken. Aktuell ist da ein Ehrgeiz, es durchzuziehen, zumindest bis Ende des Jahres, vielleicht bis zum 24.2.2021, die Coronamonate dauerten dann ein Jahr.

Artikel schreiben von einem Viertel der Pandemie, das bisher geschafft sei. Februar 2021 wäre es eine reichliche Hälfte. Was anfangs noch unglaublich schien und nur schwer zu akzeptieren war – das Virus als ein dauerhafter Begleiter, 2020 als Jahr der Pandemie zu begreifen, dem nichts weiteres folgen würde – scheint mittlerweile Gewissheit. 2020 wird weiterhin Pandemie sein. Darüber zu schreiben – vielleicht auch mal nur chronologisch festhaltend, auch schon mit Blick auf das spätere Lesen – dies soll das Ziel sein für die nächsten sechs Monate. Weiterhin die Coronaaugen, weiterhin die Worte.

23. August | die eigentliche Herdenimmunität

Die Zahl: 2000 Neuinfektionen. Wie soll ich sie einordnen? Die Urlaubsrückkehrer, sicher. Aber, es ist immer noch Sommer, man ist draußen, die Aerosole haben es schwer. Wie wird es dann in der trockenen Luft, im Kalten, wenn Draußensein nur unter Heizpilzen mehr möglich ist? Wird die Zahl 2000 dann eine sein, die erstrebenswert erscheint? Und was ist mit Panik, zumindest mit einer veränderten Maßnahmenlage? Ab wann wird die Zahl nicht mehr hingenommen, das stetige Wachsen? Bzw. Was, welches Verhalten kann nicht mehr hingenommen werden? Wie wird eingeschritten? Wird das gewünscht? Wie durchgesetzt?

Ich lese in einem Text von der Zukunft der Pandemie. Überschrieben ist der Text mit: in den kommenden Jahren. Nicht Ende 2020, nicht 2021. Der Text sagt, dass die Pandemie bleiben werde, regelmäßig wiederkehre mit Spitzen im Herbst, ähnlich der Grippe, oder endemisch, wie Malaria, dann mit möglicherweise hunderttausenden Toten jedes Jahr.

Einige Szenarien werden aufgemacht. Bei einem fällt auf: Es wird unterschätzt, wie stark die einfachen Maßnahmen – Händewaschen, Masketragen, Abstandhalten – schon die Verbreitung des Virus verhindern, wie sehr dieses Verhalten vielen schon selbstverständlich geworden ist.

Eine Zahl wird genannt, ich bin erstaunt: Es würde genügen, wenn 50-65% der Menschen sich so verhalten. Damit würde die Verbreitung schon deutlich unterbunden werden: »dass Social-Distancing-Maßnahmen alle 80 Tage zurückgefahren werden und Infektionsspitzen in den kommenden zwei Jahren trotzdem verhindert werden können, wenn 50 bis 65 Prozent der Menschen in der Öffentlichkeit vorsichtig sind. Wir müssen unsere Kultur, wie wir mit anderen Menschen umgehen, ändern.«

Vielleicht ist das die eigentliche Herdenimmunität: nicht 65% vom Virus infiziert, sondern 65%, die für sich und andere vorsorgend handeln. Zwei Drittel der Menschen müssten vernünftig und empathisch sein, um das Virus unter Kontrolle zu bringen. Je nach Sicht auf die Welt ist das eine hoffnungsvolle oder niederschmetternde Nachricht.

Ansonsten: In China wird die Oper Disease Spring aufgeführt, die den Sieg Chinas über das Virus feiert. Russland plant, im Monat sechs Millionen Dosen des Coronaimpfstoffs Sputnik V zu produzieren. Bezüglich der Absage der nächsten Karnevalsaison will Ministerpräsident Armin Laschet ein Konsens mit den Karnevalsvereinen finden.

22. August | August –> Juni –> April

Ich lese im August einen Text aus dem Juni über den April. Damit erstreckt sich das Lesen über die Zeit der Pandemie hinweg. In der Gegenwart lese ich, wie in der nahen Vergangenheit auf die damalige nahe Vergangenheit geschaut wurde, um die damalige Gegenwart besser zu verstehen, was mir heute helfen soll, die jetzige Gegenwart einzuordnen.

Im Text wird der Krankenhausaufenthalt einer Coronapatientin beschrieben. Mehrere Wochen liegt sie im Koma. Der Text erzählt, wie die Ärzte beginnen zu verstehen, wie das Virus krank macht; erst die Lunge, dann ein Übergreifen auf andere Organe, schließlich der Zytokinsturm, in dem der Körper seine Abwehrkräfte gegen sich selbst richtet.

Parallel zum lokalen Verstehen der Ärzte kommt das globale Verstehen; anfangs existieren nur wenige Informationen über das Virus. Im Laufe der Komawochen erscheinen mehr und mehr Studien. Die Ärzte orientieren sich an den Erkenntnissen, die in Bergamo und New York gemacht werden, die Ärzte erwarten ähnliches in ihrem Krankenhaus. Das Ähnliche bleibt aus. Das Virus geschieht in Deutschland anders.

Im Text läuft die Annahme mit, dass es viele solcher Patientinnen geben wird, weshalb Beatmungsgeräte geordert und Stationen freigeräumt werden. Beides wird nicht benötigt, weshalb es innerhalb der Ärzteschaft zu Diskussionen und Kritik kommt an jenen, die weiterhin warnen. Das Krankenhaus an der Havel wird zum Sinnbild Deutschlands, weil es in zwei Welten zerfällt. »Das eine ist die Corona-Welt. In ihr liegen die Opfer des Virus in Betten, hilfloser als Kleinkinder … In der anderen Welt scheint Corona fast irreal. Die Bewohner dieser Welt spüren die Corona-Krise vor allem daran, dass sie jetzt weniger zu tun haben.«

Weitere bemerkenswerte Sätze: »… haben Frau Liebigs Augen abgeklebt, damit sie nicht erblindet – bei todkranken Patienten in Bauchlage zieht die Schwerkraft an den Augäpfeln.«

»Durch die Schmerzen der Patienten in Italien machen wir uns hier das Leben leichter.«

»Für einen Menschen, der einfach nur schläft, geht ein Albtraum zu Ende, wenn er aufwacht. Frau Liebig in ihrem Koma konnte nicht aufwachen. Sie träumte jeden dieser wiederkehrenden Träume bis an sein Ende, bis zu ihrem Tod.«

Der Text erzählt vom Herantasten. Er erzählt, wie Wissen entsteht; im April zuerst für die Ärztinnen im Krankenhaus, im Juni aufgrund des Textes für alle außerhalb. Im August ist es schon vergangenes Wissen. Der Text erzählt, was zu welcher Zeit bekannt war, wieso einmal Masken zu knapp und dann zu viele vorhanden waren, warum es zu bestimmten Zeiten bestimmte Einschätzungen und entsprechende Reaktionen gibt und wie sich daraus neue, andere Erkenntnisse entwickeln.

Ich lese den Text erstaunt. Erstaunt darüber, dass dieses wichtige Wissen – Covid19 bedeutet weit mehr als nur den Befall der Lunge – schon im April verfügbar war. Ich lese ihn missionarisch, denke, den Text sollte jeder lesen, der sagt, Covid19 sei ähnlich wie eine Grippe. Ich lese ihn allegorisch; von den im Text erwähnten Personen war nur ein kleiner Teil vom Virus schwer erkrankt; betroffen aber waren, auf unterschiedliche Art, alle davon. Die Intensivstation als Metapher; für die leeren Betten und unbenutzten Beatmungsgeräte, das Ausbleiben der Triage, für die Schwere der Erkrankung und das Drama der Einzelnen, das die Sorge aller verlangt.

Und am Ende frage ich mich, wie ich im Winter einen Text aus den Herbst lese, in dem über diesen August geschrieben wird, die Zahl 2000 zum Beispiel.

Ansonsten: Die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland steigt auf über 2000, der höchste Wert seit Ende April. Die Zahl der weltweiten Coronatoten steigt auf über 800000. Zwei Drittel der Deutschen befürworten eine Absage der nächsten Karnevalsaison.

21. August | 34°

Ein Sommertag. Kein Ansonsten.

20. August | Annahme des Winters

Ein Gespräch über C. Ich formuliere Annahmen über Herbst und Winter; kalte, dunkle, kurze Tage, jeder für sich, kein Draußen mehr möglich, welches die Folgen des Virus erträglich macht, in der Summe so anders als dieser flirrende Sommer, eine Zeit, die besondere Kraft verlangen wird, um sich in weiteres Mal in den Zustand von März/April zu versetzen.

Mein Gegenüber widerspricht. Sie sehe das anders. Wenn es wieder zu einer Situation wie im Frühjahr komme, dann würden wir wissen, was zu tun sei. Wir wüssten nun, wie sich ein Runterfahren des öffentlichen Lebens im Privaten gestalten lasse, was für einen funktioniere, was nicht, auf welche Menschen man zählen könne, was einem helfen würde, nicht die Nerven zu verlieren.

Dazu komme: Im März/April wussten wir wenig vom Virus. Auf jedem Türgriff potentielle Schmierinfektionen, Aerosole klang wie weiße Luftschokolade, die Unsicherheit darüber, wie Masken schützen – all das gebe es in einem zweiten Teil nicht mehr. Nun seien wir viel effektiver im Schutz, gewöhnter an das Virus und deshalb gelassener. Nein, sagt sie, nein, der Herbst, der Winter ängstige sie nicht.

Ansonsten: Mit über 1707 Neuinfektionen wird der höchste Wert seit Mitte April in Deutschland vermeldet. Weil wegen C weniger Wetterflugzeuge starten, fehlen Daten, um die kommenden Winterstürme verlässlich vorherzusagen. Nachdem eine Frau trotz Symptomen zu einer Hochzeitsfeier kommt, müssen 160 Gäste in Quarantäne gehen. Airbnb verbietet Partys in den von ihnen vermittelten Wohnungen. Laut dem Ifo-Institut gehören Fahrradhändler zu den größten Gewinnern der Coronazeit. In München werden durch UV-Licht keimfreie gemachte Rolltreppen getestet. [Foto oben: Y. Andrä]

19. August | Maskenpropaganda

Ich lese über das Tragen von Masken: »Ich glaube, dass diesbezüglich wenig Wissen und Risikobewusstsein vorhanden ist. Es braucht VIEL VIEL MEHR Aufklärung. Omnipräsent, in Form von Werbetrailern, Infos auf allen Werbetafeln, in allen Zeitungen und öffentlichen Medien. Das Thema Corona und MNS / Hygiene muss im öffentlichen Raum so präsent werden, dass niemand mehr daran vorbeikommt. Man muss es den Menschen regelrecht in die Birne hämmern, bis es sitzt.«

Ich stelle mir vor, es gäbe einen Werbespot, der das Nichttragen von Masken auf eine Weise zum Thema macht, über die am nächsten Morgen ganz Deutschland an der Kaffeemaschine im Büro spricht: nicht belehrend, vorschreibend, vernünftig oder anklagend. Sondern witzig, provokant, überraschend, berührend, ein Spot wie der Edeka-Opa oder Who Am I.

Etwas, an das jeder denkt, wenn er oder sie das nächste Mal jemanden ohne Maske in der Bahn sieht, jemanden sieht, dem die Maske unter der Nase oder am Kinn hängt. Ein Slogan, ein sogenanntes Narrativ, das jeder kennt, von dem jeder weiß, dass jeder es kennt, weshalb alle auf die Maskenlose schauen und dabei an den Spot denken und der Maskenlose weiß es ebenfalls und ist beschämt, zumindest peinlich berührt und zieht die Maske schlussendlich in eine Position, die andere schützt.

Ich habe gezögert, diesen Eintrag so zu schreiben. Der Gedanke hat etwas Übergriffiges, ist nahe dran am public shaming, ist nicht weit entfernt vom Denunziantentum. Mit Argusaugen die Mitmenschen auf Fehlverhalten abscannen ist etwas, das ich nicht möchte. Ich möchte nicht andere anschauen und sofort das Fehlerhafte sehen wollen.

Andererseits: Was ist die Alternative. Wenn wer in bestimmten Situationen keine Maske trägt, ist das nicht zu seinem, sondern zu meinem Nachteil. Wenn ich meinen Nachteil verhindern will, muss ich aktiv werden. Oder mir zumindest wünschen, dass es gesellschaftlich nicht akzeptabel ist, mir einen Nachteil zuzufügen.

Es ist gesellschaftlich nicht akzeptabel, mir eine Ohrfeige zu geben, ein Bein zu stellen, mich anzuspucken, mich aggressiv anzugehen mit Worten. Wer mich öffentlich so behandelt, wird in der Öffentlichkeit Irritation erfahren, oder, noch besser, seine irritierende Handlung wird nicht hingenommen und unterbunden werden.

Warum kann sich so ein gesellschaftliches Bewusstsein nicht auch für das Tragen der Maske unter bestimmten Umständen bilden? Dieses Bewusstsein hat sich für das Tragen von Hosen in der Öffentlichkeit gebildet. Ich trage Hosen, wenn ich das Haus verlasse. Ich weiß, trage ich keine, werden meine Mitmenschen in einer Weise auf das Nichttragen reagieren, die unangenehm für mich wird. Selbst beim Anlegen des Sicherheitsgurts hat sich so ein Bewusstsein gebildet, obwohl es anfangs erheblichen Widerstand dagegen gab. Warum nicht bei der Maske?

Und könnte dieses Bewusstsein, wenn die aktuelle Pandemie überstanden ist, nicht andauern? Wäre das nicht auch im Sinne jener, die im Zusammenhang mit Corona stets auf die Gefährlichkeit der Grippe verweisen: jeder, der sich krank fühlt, der hustet und niest, also Symptome zeigt, legt, sobald er sich in die Öffentlichkeit begibt, einen Mund-Nasen-Schutz an. Damit zeigt er, dass er trotz Kränklichkeit bereit ist, seine Arbeitskraft weiterhin der Gesellschaft zur Verfügung zu stellen und zeigt ebenso, dass er Rücksicht auf seine Mitmenschen nimmt.

Was braucht es für das Bewusstsein? Welche Pointe bringt 83 Millionen Menschen zum Lachen und dann zum Nachdenken, welche Geschichte rührt, damit das Nichttragen der Maske zum Unding wird?

Ansonsten: Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble fordert die Abgeordneten auf, ab September bei Parlamentssitzungen Masken zu tragen. Jens Spahn empfiehlt, auf die Karnevalsaison 2020/21 zu verzichten. Knapp vierzig Prozent der in Deutschland positiv getesteten Menschen haben sich im Ausland angesteckt. Schweden meldet, dass es in der ersten Hälfte des Jahres so viele Todesfälle wie seit 150 Jahren nicht mehr gab. In Wuhan wird eine Wasserparty mit DJs gefeiert, zu der tausende Partygäste begeistert tanzen.

18. August | Bezeichnungen

Atemschutzmaske, Schnutenpulli, Babbellappe, Maulkörbla, Goschnhalter, Söderlabbn, Gaaferlatz, Blabberdeggl, Mumpfl-Verdegger, Mauldäschle, Schnüssjardinche, Bützjekondom, Rüsslbulli, Muulwämsken, Gesichtspullover, Gesichtsvorhang, Nuschelmuschel, Seuchensegel, Nasenhängematte, MuNaske, Virenbinde, Merkelburka, Lappen.

rat-licker / Rattenlecker – A person who refuses to wear a mask, or take any of the basic precautions to help society prevent an air born illness during an epidemic.

Ansonsten: Wegen der unkorrekt benutzen Bezeichnung »Atemschutzmaske« drohen beim gewerblichen Verkauf Abmahnungen. Die neuseeländische Premierministerin wehrt sich gegen die Attacke des amerikanischen Präsidenten, der von einer »riesigen Welle« in Neuseeland sprach und verwies auf die hiesigen 1300 Coronafällen im Vergleich zu den über fünf Millionen Fällen in Amerika. Nach dem Anstieg der Neuinfektionen verbietet Südkorea Gottesdienste in den Kirchen. Mit dem gefälschten Onlineverkauf von Desinfektionsmitteln haben Betrüger in Amerika eine Million Dollar eingenommen. Wegen der gesunkenen Nachfrage halten französische Champagnerproduzenten die Ernte künstlich niedrig.

17. August | hilflos vorwärts in der Zeit

(I) Gestern habe ich geschrieben, dass es Luxus sei, die Pandemie als Hintergrundrauschen begreifen zu können. Der Satz hat mich beschäftigt. Ist es wirklich Luxus? Oder ein Privileg? Und was sagt das über mich aus, meine Haltung zu Welt? Ist es nicht zynisch, Corona zu ignorieren und die Pandemie einzureihen in den Alltag, obwohl das Virus so viel Leid verursacht hat und verursachen wird?

(II) Wenn ich von nun an so über Corona schreibe, steht die Pandemie dann auf derselben Stufe wie all das Schreckliche, was zeitgleich immerzu geschieht? Ist die Pandemie wie Hunger/Krieg/Naturkatastrophen/Krankheiten, die ständig da sind, Leid, vom dem ich grundsätzlich weiß, es aber im Detail ausblende und dem ich es nur gelegentlich gestatte, mich zu erreichen?

(III) Paul Klee malte »Angelus Novus«, über den Walter Benjamin später als »Engel der Geschichte« schrieb; das vorwärts in der Zeit stürzende Wesen, dessen Blick in die Vergangenheit gerichtet ist, das hilflos das Geschehene betrachten muss, ohne eine Möglichkeit zu haben, noch ändern zu können. »Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm«, die Unabänderlichkeit des Vergangenen als Plot der meisten Zeitreisegeschichten.

(IV) Ich frage mich, ob das Bild nicht zu kurz greift. Ob man nicht nur das Geschehene nicht mehr ändern kann, sondern auch das Gegenwärtige schon nicht mehr.

Ein Beispiel. Aktuell sabotieren der amerikanische Präsident und sein System die amerikanische Post, mit der Absicht, damit die Wahlen widerrechtlich zu seinen Gunsten zu entscheiden. Das geschieht vor aller Augen, die Sabotage ist kein geheimes Manöver. Für alle offensichtlich ist, auf welche Situation das Land zusteuert, wie der amerikanische November deshalb aussehen könnte.

Dennoch scheinen die Möglichkeiten, daran etwas zu ändern, gering. Auch wenn das Auskommen abzusehen ist, scheint der Prozess selbst unaufhaltbar, obwohl er noch im Gange ist. Für den Einzelnen sowieso. Für einen Einzelnen wie mich ohnehin, jemanden, den das gar nicht betrifft, den das gar nicht interessieren müsste, für den es absurd ist, überhaupt den Gedanken in Erwägung zu ziehen, irgendeinen Einfluss nehmen zu können.

(V) Aber die Hilflosigkeit beschäftigt mich, das Verdammtsein zum Zuschauen. So, wie man in Geschichtsbüchern blättert, das Geschehene betrachtet und sich sagt: »Ich kann nichts mehr daran ändern, außer zu lernen, um es beim nächsten Mal nicht so weit kommen zu lassen«. So ist es auch hier.

(VI) Gilt das für die Pandemie? Gilt das für die zweite Welle, die kommenden Infektionen? Was habe ich aus der ersten Welle gelernt, dem ersten halben Jahr der Pandemie? Wie kann ich das gewonnene Wissen einsetzen? Kann ich etwas tun, das Schlimmes verhindert? Im Privaten natürlich, in meinem Umfeld zuerst und vermutlich als einziges, mit allen Fehlern und Nachlässigkeiten, mich schützen, die Menschen um mich herum. Aber darüber hinaus? Was kann ich da tun?

(VII) Beantworte ich diese Frage ehrlich, bringt dieser Gedanke ein weiteres Mal Zynismus in den Text. Weil ich denke: Ich kann nichts tun. Weil ich denke: Es gibt für mich aktuell Wichtigeres als Corona. Deshalb belasse ich, was ist, deshalb leiste ich mir den Luxus, das Leid zu ignorieren.

(VIII) Dabei gibt es genügend Beispiele, wie Einzelne großes Leid ändern, indem sie etwas anstoßen, das viele beschäftigt (sich freitags mit Schild vors Parlament stellen etc.) Gäbe es eine solche Aktion nicht auch für die Pandemie, die eine Handlung, die bei anderen etwas auslöst, die so verhindert und verbessert?

(VIII) Davon bin ich überzeugt. Diese Aktion gibt es. Sie muss nur erdacht und ausgeführt werden. Es ist wahrscheinlich, dass es nie dazu kommen wird, dass Gedanke und Aktion niemals im richtigen Moment auf den richtigen Menschen treffen werden und falls doch, dass das auslösende Moment nicht wahrgenommen wird und deshalb wieder verlischt. Aber die Aktion existiert. Ich könnte sie ausführen. Ich werde es nicht tun.

(IX) Es ist weiterhin ein Privileg, auf diese Weise auf das Virus zu schauen; nicht betroffen sein, nicht stehend im Krankenhaus, nicht kämpfend, nur beobachtend, selbst das Beobachten geschieht nach meinen Bedingungen.

Ansonsten: Nachdem in England wegen Corona nicht genügend Prüfungen für das Festlegen der Endnote absolviert werden konnten, wird diese von Computeralgorithmen berechnet; Schülerinnen aus Privatschulen erhalten dabei bessere Noten als Schülerinnen von öffentlichen Schulen. Der Wissenschaftsjournalist Lars Fischer empfiehlt, täglich Schokolade zu essen, um das korrekte Funktionieren des Geschmackssinns zu überprüfen. Für einen Versuch während eines Konzerts von Tim Bendzko, bei dem herausgefunden werden soll, wie sich das Virus bei Großveranstaltungen verteilt, melden sich 2210 Menschen freiwillig, gesucht waren 4200 Teilnehmerinnen. Nachdem ein Schulleiter in Brandenburg die Maskenpflicht an seiner Schule nicht umsetzen will, wird er vom Dienst suspendiert, woraufhin mehrere Menschen vor der Schule gegen die Suspendierung demonstrieren.

16. August | Die Pandemie als Hintergrundrauschen

Die Pandemie wird zu einem Hintergrundrauschen, einem Geräusch von vielen. Es ist gerade eine arbeitsintensive Zeit, die viele Stunden und vor allem die Wahrnehmung bindet. Die Pandemie in der Welt überfliege ich, weniger aus Desinteresse, denn aus Zeitnot, nehme die meisten Informationen so auf, wie ich auch die meisten Informationen vor 2020 aufgenommen habe: Das meiste wird registriert und abgenickt, verbleibt aber auf dem gedanklichen und faktischen Niveau einer Schlagzeile.

Nur weniges sendet einen Reiz, der mich dazu bringt, tiefer einzusteigen. Die Gedanken beschränken sich auf einige wenige anekdotische Beobachtungen, die mich eher unterhalten als beschäftigen sollen. Grundsätzlich bin ich auf dem neusten Stand, könnte einen gehobenen Small Talk über Corona führen, so wie über Wetter oder die neuste Entwicklung im derzeit angesagten Cancel-Culture-Aufreger.

Im Alltag reiht sich die Pandemie ein. Sie ist weder bedrohlich noch ärgerlich noch macht sie mich demütig. Sie ist einfach da, so wie Busse zum Fahren da sind. Um Bus zu fahren, muss ich bestimmte Handlungen vornehmen: Fahrzeiten wissen, entscheiden, ob ich dieses Transportmittel benutzen will, falls ja, Fahrkarte kaufen, zur Haltestelle gehen, einsteigen, die Zeit des Fahren überbrücken, an der korrekten Haltestelle aussteigen, wissen, wie ich zurückkomme.

Das ist nichts, über das ich mich grundsätzlich ärgere, nichts, was ich grundsätzlich in Frage stelle. Wenn ich Bus fahren will, muss ich diese Schritte nacheinander abarbeiten. Lebe ich 2020, muss ich eben bestimmte Dinge tun: Maske aufsetzen, Abstand halten, im Wesentlichen informiert sein. Darüber denke ich nicht weiter nach. Es ist so.

Die Qualität, mit der ich die einzelnen Schritte tue, schwankt: Mal vergesse ich die Maske, mal bin ich nachlässig im Abstand halten, an manchen Tagen treffe ich zu viele Menschen, die nicht zu meinem Cluster gehören. Ich tue dies ohne große Gefühlsregungen. Weder tue ich es in rebellischer Pose noch schäme ich mich anschließend dafür. Corona ist wie vieles Alltag und im Alltag wird geschludert.

Ich nehme also die langsam, stetig steigenden Infektionszahlen hin, nehme die zweite Welle an und das ebenfalls, ohne großartig emotional involviert zu sein. Vielleicht liegt es daran, weil ich damit rechne. Mit der zweiten Welle, mit einem Herbst, der dem März 2020 ähneln wird. Ich gehe davon aus, dass ich Herbst und Winter nicht mit ähnlicher Schludrigkeit werde verbringen können, gehe weder von Veranstaltungen noch großen Treffen aus. Ich nehme den Sommer, so wie er ist, weil ich davon ausgehe, dass dies die guten Tage der Pandemie sind, die ich, im Rahmen allen vertretbaren Risikos, auskosten möchte.

Auch deshalb lasse ich die Pandemie nach knapp sechs Monaten so bereitwillig ins Hintergrundrauschen rutschen. Weil ich gerade den Luxus habe, mir das leisten zu können, weil ich annehme, dass aus diesem Rauschen das Virus wieder als einzelner Ton hervortreten wird.

Ansonsten: Nach einer leichten Zunahme der Coronainfektionsfälle schließt Italien die Diskos. In München lässt die Polizei nach Verstößen gegen die Coronaregeln mehrere Bars schließen. Das Bundeskartellamt untersucht, ob Amazon während der Pandemie seine marktbeherrschende Stellung missbraucht hat. Im Zuge der Pannen an den bayrischen Coronateststationen können 46 positiv Getestete noch nicht gefunden werden.

15. August | Der Crush

Ein Couple läuft mit Shopping Bags durch das Shopping Center. Kurz vor den Schiebetüren stoppen sie und küssen demonstrativ auf den jeweils anderen Mundschutz. Dabei behalten ihre Augen die Umgebung und damit ihre Mitmenschen im Blick. Jeder der Anwesenden soll den Kuss, der einer ist, obwohl sich keine Lippen berühren, wahrnehmen können, den Crush füreinander in Zeiten der Pandemie. Anschließend löst sich das Couple temporär aus ihrer Zuneignung; er biegt zum Parkautomaten ab, sie bringt die Bags zum Car.

Ansonsten: Das russische Gesundheitsministerium meldet, dass die erste Charge des neuen Coronaimpfstoffs Sputnik V produziert ist. Um Freiwillige mit Impfstoffen zu testen, entwickeln US-Forscher einen neuen, künstlichen Stamm des Coronavirus. Rettungsschwimmer an der Ostsee sind angehalten, auch bei Rettungseinsätzen den Abstandsregeln zu folgen.

14. August | Kunst verfälscht

Nachtrag zum gestrigen Eintrag: In seinen Ausführungen sagte der Herr auch, dass Jens Spahn von Lobbyisten gesteuert sei. Ich ließ diesen Satz im Text aus. Er lenkte ab von dem, was mir das Wesentliche der Situation schien.

Der Satz machte die Sache uneindeutiger. Hätte ich ihn geschrieben, hätte man an dieser Stelle den Kopf hin- und her bewegen und darüber nachdenken müssen, wie wirtschaftlich orientierte Interessenverbände Einfluss auf die bundesdeutsche Gesundheitspolitik nehmen. Es wären viele Gedanken geworden, vielleicht auch Recherche, die Pointe der Geschichte – Kunst bewahrt jemanden davor, ein zweites »Corona Fehlalarm? Zwischen Panikmache und Wissenschaft« zu schreiben – wäre unter den Überlegungen zu den Strukturen des Gesundheitswesens verschüttet gegangen.

Ich habe die Eindeutigkeit der Uneindeutigkeit vorgezogen, die Komplexität dem leicht zu verstehenden Ende geopfert, weil sich die Geschichte so effizienter erzählt.

Ansonsten: In Seoul werden Bushaltestellen aufgestellt, die Menschen mit erhöhter Körpertemperatur erkennen und sie automatisch vor dem Eintritt abhalten. Beim Börsengang nimmt die Tübinger Impfstofffirma CureVac 213 Millionen Dollar ein. Bei einer Untersuchung von 2200 Menschen in einem Coronahotspot in Baden-Württemberg werden bei knapp acht Prozent der Getesteten Antikörper festgestellt. Die Zahl der bestätigten Neuansteckungen in dem über hundert Tage lang coronafreien Neuseeland steigt auf 30.

13. August | Kunst rettet

Am Abend auf einer Lesung. Danach kommt ein älterer Herr – helle, der Schwüle angemessene Leinenhose, Sommerhut, leicht heinrichlohseesk – zum Autor. Der Herr stellt sich vor. Er komme vom Rhein und habe kürzlich hier in Weimar ein Haus gekauft, ein Gebäude, in dem früher ein bekannter Bauhaus-Meister wohnte. Er plane das Haus umzubauen, im oberen Stock eine Art Residenz einzurichten und biete dem Autor an, dort zu wohnen.

Der Autor bedankt sich, Karten mit Kontaktdaten werden getauscht. Anschließend fragt der Autor, was den Herren bewegt habe, nach Weimar zu ziehen. »Eigentlich«, sagt der Herr, »eigentlich wollte ich Buch schreiben. Wegen Corona. Ich habe schon vieles erlebt. Aber so was noch nicht. Ein Irrsinn. Ich habe eine große Praxis, ich weiß, wie es in der Medizin aussieht. Und wie das jetzt alles falschläuft bei Corona! Wissen Sie, die Regierung arbeitet gegen uns, darüber wollte ich schreiben.«

Er hält inne, fährt fort. »Aber dann dachte ich, dass ich lieber das Haus ausbauen sollte.«
Der Autor nickt: »Ja, das war vermutlich die richtige Entscheidung.«

Ansonsten: Die Infektionszahl steigt auf über 1400. Das Robert-Koch-Institut veröffentlicht aus Unachtsamkeit eine veraltete Impfstoffprognose und sorgt damit für Irritation. Weil zu viele Masken bestellt wurden, plant das Auswärtige Amt, 250 Millionen Masken an besonders von der Pandemie betroffene Staaten zu geben. In Bayern warten fast fünfzigtausend Reiserückkehrerinnen seit zwei Wochen auf das Ergebnis ihrer Coronatests. Wegen des wiederholten Bruchs ihrer Quarantäne ist eine deutsche Urlauberin in Tirol zu einer Geldstraße von 10.800 Euro verurteilt worden. Wegen Corona plant Indonesien bis Ende des Jahres keine ausländischen Urlauberinnen ins Land zu lassen. Für die nächste »Querdenken«-Demonstration in Berlin erwartet der Veranstalter nach eigenen Angaben zehn Millionen Menschen.

12. August | Impfstoff (I): Sputnik V

Gestern die Nachricht, die eigentlich die Welt hätte elektrisieren sollen; groß hätten Brandenburger Tor, Weißes Haus und Taj Mahal angestrahlt werden müssen mit den Farben der russischen Flagge, alle TV-Sender hätten Sonderprogramme ausstrahlen müssen, alle Live-Ticker hätten nur ein Thema haben sollen, nur ein Hashtag weltweit, die Börsen in Hochstimmung, die Menschen (in Sicherheitsabstand) feiernd auf den Straßen, dieser 11. August 2020 der vielleicht wichtigste Tag dieses noch jungen Jahrtausends: ein Impfstoff gegen Covid19 gefunden, der erste zugelassene, das Ende der Pandemie, der Abschluss einer kurzen, intensiven Epoche, in der die Welt unterschiedlich in der Sache einem gemeinsamen Feind gegenüberstand.

So geschah es nicht. Es kam anders; nüchterner, zurückhaltender, skeptischer. Die Skepsis beruht auch auf dem Mangel an Informationen: Sputnik V getestet nur an hundert Personen, die anschließend Antikörper aufwiesen, Nebenwirkungen Fieber. Die üblichen weiteren Tests stehen noch aus, die Beobachtung von Nebenwirkungen über einen längeren Zeitraum ebenso. Befürchtet wird, dass bei einem negativen Verlauf die Akzeptanz für wirkungsvolle Impfstoffe sinken könnte.

Aber angenommen, es wäre so: Russland hätte Mittel gegen das Virus gefunden. Wäre dann die Geschichte vorbei? Oder träte sie dann ein in das nächste Kapitel? Wie schnell kann der Impfstoff produziert werden? Welchen Ländern teilt Russland zuerst den Impfstoff zu? Wie verteilen die Länder den anfangs knappen Impfstoff unter der Bevölkerung? Wie stark wird die Impfgegnerinnenfraktion sein? Und angenommen, du hast die Möglichkeit, dich mit einem unzureichend getesteten Impfstoff aus Russland spritzen zu lassen, würdest du das tun? Und wenn nicht: Wie muss der Impfstoff beschaffen sein, dem du vertraust?

In Contagion, dem Soderberg-Film über eine Pandemie, liegt am Schluss der Impfstoff verwahrt in einer auf rotem Samt gebetteten Spritze. Er ist kostbar, er beendet auf Knopfdruck die Gefahr. Der 11. August ist kein Knopfdruck. Er ist ein weiterer Tag in einer langen Reihe von Uneindeutigkeiten. Nichts hier ist auf Samt gebettet.

Ansonsten: Forscher der Universität Florida erbringen den Nachweis, dass die in Aerosolen befindlichen Coronaviren ansteckend sein können. In NRW gibt es mehrere Klagen gegen die Maskenpflicht an Schulen. Nachdem der coronainfizierte Basketballer Michael Ojo beim Training zusammenbricht, stirbt er kurz darauf an den Folgen eines Herzinfarktes. Der amerikanische Präsident erklärt auf einer Pressekonferenz zum Thema Corona, dass die Spanische Grippe von 1917 den Zweiten Weltkrieg beendet habe.

11. August | darauf einrichten

Im Kindergarten von Freunden ein Coronafall. Nicht das ganze Haus, doch einige müssen in Quarantäne, zumindest, bis der Test negativ ausfällt. Das ist etwas, was ich gern vermeiden würde: bei 33 Grad in Quarantäne sitzen.

Vermeiden würde ich weiterhin gern eine Ansteckung mit dem Virus. In den letzten Tagen gab es mehrere Situationen, in denen ich wusste, dass ich nicht alles tat, um dieses Risiko zu minimieren. Mal geschah es aus Bequemlichkeit, mal war es falsch verstandene Scham. Ich tue mich schwer damit, mich immer an das Vernünftige zu halten. Noch schwerer, andere davon zu überzeugen; Nichtmaskenträger auf ihr Nichttragen hinzuweisen zum Beispiel. Oder in sozialen Situationen konsequent Abstand zu halten, weil Abstand immer auch das Soziale aus der Situation nimmt und es Situationen gibt, in denen das zu großer Irritation führt und ich dann abwägen muss, ob ich bereit bin, diese Irritation auszuhalten. Zu oft nicht.

So oder so gehe ich davon aus, mich in diesem Jahr zumindest einmal in Quarantäne begeben zu müssen. Der Kindergarten ist groß, die geplanten Ausstellungen und Lesungen sind einige. Manche Situationen müssten nicht sein, andere schon. Zufall oder Unvernunft, eines von beiden wird Schicksal spielen.

Jemand teilt den Artikel der taz. Dort steht: »Viele nun vorliegende Studien zeigen aber, dass die Infection Fatality Rate (IFR), der Anteil der Todesfälle an allen Corona-Infektionen, in einem Bereich von 0,1 bis 0,3 Prozent liegt, also dem einer normalen Grippe.« Oberthema des Teilenden ist Covid19 als Massen-Psychose. Ich frage mich erneut, wieso diese Gleichung Covid=Grippe immer wieder aufzugehen scheint, wieso es im achten Monat der Pandemie nicht möglich ist, die vielen weiteren Faktoren in die Rechnung einzubeziehen und manche stattdessen unbeirrt bei der simpelsten aller Lösungen landen.

Ansonsten: In Russland wird der weltweit erste Coronaimpfstoff zugelassen, zu den ersten Geimpften gehört eine Tochter Wladimir Putins. Der Tübinger Bürgermeister Boris Palmer lässt sich »gegen Corona« impfen, weil er als Testperson bei einer Coronaimpfstoffstudie teilnimmt. In Neuseeland wird die erste Infektion seit 102 Tagen gemeldet. Weil Saisonarbeiter fehlen, warnt der Bundesverband der obst-, gemüse- und kartoffelverarbeitenden Industrie vor einem Engpass bei Einlegegurken. Risikoeinschätzung.

10. August | Der Kabarettist und die Coronawütenden

Ich müsste die Aktion begrüßen. Ein Kabarettist tritt während der Querdenken-Demonstration am Samstag in Stuttgart auf die Bühne. Er sagt, dass er aus dem Mainstream käme, erklärt Hegels Dialektik, sagt, wenn in Berlin 1,3 Millionen gewesen wären, dann sind in Stuttgart heute Hunderttausende und spricht über Pressefreiheit.

Ich müsste das gut finden. Doch ich bin befremdet. Ich weiß, dass ich niemals den Mut hätte, mich auf eine Bühne vor diese Gruppe von Menschen zu stellen und einzustehen für meine Überzeugung. Es ist leicht, vor dem Bildschirm etwas Wirkliches zu kritisieren.

Aber bei aller inhaltlicher Übereinstimmung finde ich den Auftritt muffig, oberlehrerhaft und selbstgerecht. Der Kabarettist spricht nicht nur. Er belehrt auch. Mehrmals ruft er: »Wenn Ihr für Meinungsfreiheit seid, müsst Ihr meine Meinung aushalten.« Jemand buht ihn aus und ruft: »Und du musst das aushalten.«

In diesem Fall irrt der Coronawütende nicht. Der Kabarettist muss das Buhen aushalten. Seine Rede beweist nichts. Sie beweist nur: Die Coronawütenden halten ihn aus. Fast zwölf Minuten darf der Kabarettist sprechen. Er wird nicht unterbrochen, kein Strom wird ihm abgestellt, niemand zerrt ihn von der Bühne, niemand verbietet ihm das Wort. Seine Meinung wird ertragen, die Coronawütenden erweisen sich zwölf Minuten lang als Freunde der Meinungsvielfalt, als Verfechterinnen der Demokratie, als treue Anhängerinnen des Grundgesetzes. Was der Kabarettist offenlegen wollte, schlägt ins Gegenteil um. Er liefert den Coronawütenden Selbstbewusstsein, wappnet sie mit Argumenten: Sie haben ihn ausgehalten.

Nur einmal kippt der Auftritt. Der Kabarettist fragt, ob die Zuhörerinnen die »totale Meinungsfreiheit« wollten und erklärt, dass Covid19 eine hochgefährliche Krankheit sei und Maskentragen und Abstandhalten das Beste sei, was man dieser Tage tun könne. Die Coronawütenden sind irritiert. Sie buhen, bewegen sich unruhig, die Hände mit den hochgehaltenen Smartphones beginnen zu zittern.

Ich überlege, was geschehen wäre, wenn der Kabarettist seine gesamte Rede wie in diesem Teil bestritten hätte. Wenn er sich verletzlich gemacht hätte. Wenn er aufgezählt hätte, wie es ihm in den letzten sechs Monaten ergangen ist, wo er zweifelte, wo glaubte, wann wusste. Warum er seine Entscheidungen wie getroffen hat, wie er wahrnimmt. Wenn er den Auftritt nicht gemacht hätte, weil ihn ein rechtschaffender Impuls treibt, sondern weil er unsicher ist und doch in vielen Dingen sicher und er für sich erklären will, weshalb das so ist und weshalb ihn das von den Coronawütenden unterscheidet.

Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, ob sich irgendjemand auf die Bühne vor Coronawütende stellen muss. Ich weiß nicht, ob man mit ihnen reden muss, ihnen immer wieder Aufmerksamkeit schenken sollte. Ob man sie als Ausnahme betrachten sollte oder als die extreme Spitze von Strömungen, die in abgeschwächter Form jeder aus seinem nahen Umfeld kennt, weshalb es gut wäre zu verstehen, wohin sich etwas entwickeln kann.

Wahrscheinlich gibt eine Bühne wie in Stuttgart keinen Raum für solche Überlegungen. Wenn der Kabarettist in voller Kenntnis dessen, was es bedeutet, nach totaler Meinungsfreiheit ruft und ihm daraufhin zugejubelt wird, und das nicht geschieht, weil die Coronawütenden sich in der Tradition des Goebbelspublikums sehen, sondern weil sie davon nicht wissen und deshalb den Kontext nicht einordnen können, wie soll da ein Austausch stattfinden? Soll überhaupt ein Austausch stattfinden?

Ich bin ratlos. Ich weiß nur: Ich will eine Gegenwart, in der sich kein Kabarettist auf die Bühne stellen und die Sportpalastrede von 1943 zitieren muss, ich will eine Gegenwart, in der jeder und jede das Zitat vom »totalen ….« einordnen kann und versteht, was daraus erwächst, für sich selbst, die anderen, die Welt, in der er und sie jetzt lebt.

Ansonsten: Wegen der Missachtung der Hygienemaßnahmen prüft Berlin ein Alkoholverbot für dortige Kneipen. Weil er auf einer Coronademonstration nicht als Privatperson, sondern in offizieller Funktion eine Rede hält, wird ein Polizist in Bayern intern versetzt. Vor einem Gelsenkirchener Freibad muss die Polizei eine Menschenschlange auflösen, weil der Mindestabstand »nicht annähernd« eingehalten wird.

9. August | Gerüchteküche (In den Dörfern II)

Letzter Tag der Dorfreise. Während eines Gesprächs bekommen wir Fotos gezeigt. Eines trifft mich ins Mark. Das Foto zeigt ein geschlossenes Tor mit Eisenstangen. Vor dem Gitter steht eine Familie; Ehefrau, Kinder, Enkelkinder. Manche tragen Masken, alle lachen, schauen, was hinter dem Gitter ist. Wer da ist. Der demenzkranke Ehemann, Vater, Opa. An seiner Seite die Pflegerin. Sie hält sacht seinen Arm, trägt eine Maske. Es ist sein achtzigster Geburtstag. Die Familie ist gekommen, um ihn zumindest zu sehen. Gemeinsam feiern, ihn zu umarmen, ihm nahe sein, ist unmöglich. Entstanden ist das Foto im April 2020, die Familie getrennt durch die Eisenstangen.

Später im Gespräch brodelt die Gerüchteküche. Im Prinzip geht es in netter Weise um die üblichen geselligen Austäusche über das eigene und fremde Leben; wer liebt jetzt wen und wer wen nicht mehr, was machen die Kinder, ist aus ihnen was geworden und wenn ja, was, wer ist auf welcher Feier gewesen und hat sich dort wie verhalten, vor allem: Wer sagt was über wen und was wird über mich gesagt?

Immer wieder schleicht sich in diesen allgemeingültigen, alltäglichen und überall anzutreffenden Klatsch und Tratsch Corona hinein. Es wird besprochen, wer wann wo Urlaub gemacht hat oder machen wird und ob das Urlaubsgebiet Krisengebiet ist oder war. Es wird erzählt, wie jemand auf einer Geburtstagsfeier war und dort erst sehr spät zu erkennen gab, dass er gerade aus Ägypten zurückgekehrt ist, man ist empört. Es wird über Kinder gesprochen, die zur Schule gehen oder nicht, weil sie zur Risikogruppe gehören.

Es wird von Hörensagen berichtet; Frau X habe gesagt, Frau Y wäre da und dort gewesen und hätte sich damit einer Coronagefahr ausgesetzt und wenn Frau Y zufällig eine der Gesprächspartnerinnen ist, empfindet sie es als ungehörig, dass solche Gerüchte über sie verbreitet werden und Frau Z, eine weitere der Gesprächspartnerinnen pflichtet bei und sagt, dass diese Lügengeschichte ein schlechtes Licht auf Frau X werfe, die im Übrigen, wie man so hört, gern selbst ohne Maske in kritischen Bereichen unterwegs sei und deshalb erst einmal vor der eigenen Haustüre kehren solle, bevor sie solche Behauptungen in die Welt setze etc.

So mischt sich in Liebe, Kinder, Urlaub, Tod Corona wie selbstverständlich in die Gerüchteküchen ein, wird dort zu einer festen Konstante der Kommunikation.

Ansonsten: Während der Fußballweltmeister Thomas Berthold auf der Querdenken-Demonstration in Stuttgart spricht, »weil wir hier mit Spekulationen von ein, zwei Wissenschaftlern oder Vertretern des RKI besudelt werden«, spricht der Kabarettist Florian Schröder dort, um kabarettistisch »die Grenzen der Meinungsfreiheit« der Demonstrationsteilnehmerinnen zu testen. Gesundheitsämter in mehreren Städten erhalten Bombendrohungen. Kurz vor Auftakt der Finalrunde der Champions League werden beim Fußballklub Atlético Madrid mehrere Infektionen festgestellt. Wegen großer Nachfrage sind alle Hausboote in Deutschland ausgebucht. Seit hundert Tagen ist Neuseeland coronafrei.

8. August | 1,3

In Gera gewesen. Bei der Amthorstraße mehrere Polizistinnen gesehen. Aus welchen Gründen auch immer der erste Gedanke: Die sichern den Ort bestimmt für einen Coronaspaziergang.

Die Tatsache, dass eine Woche nach der Demonstration in Berlin immer noch über die Teilnehmerzahl diskutiert wird, zeigt, wie effizient die Öffentlichkeitsarbeit der Sympathisanten ist. Die so oft wiederholte Zahl von 1,3 Millionen Teilnehmerinnen ist so absurd und wanderte vielleicht gerade deshalb so erfolgreich durch youtube, Facebook und das Whatsapp mancher Familiengruppe. Einen Streit darum, ob nun 20000 oder 30000 dabei waren, könnte man unter geduldete Unschärfe abspeichern. Aber wer an die Zahl 1,3 Millionen glauben möchte, möchte auch glauben, dass Strukturen existieren, die diese Zahl vertuschen wollen.

Mittlerweile kenne ich jemanden aus dem weiteren Bekanntenkreis, der an der Demonstration teilgenommen hat. Der Beweggrund war die Sorge um den Datenschutz. Diese teile ich auch, z.B. bei der polizeilichen Verwendung der Kontaktlisten in Gastronomien. Würde ich mich deshalb hinter Reichsflaggen und »Lügenpresse«-Ruferinnen einordnen? Eher nicht.

Ansonsten: Bei einer Umfrage erklären 87% der Befragten, dass die Menschen, die gegen Corona-Maßnahmen auf die Straße gehen, nur eine Minderheit der Bevölkerung repräsentieren. Wegen steigender Infektionszahlen ordnet Paris eine Maskenpflicht auch im Freien an. Das Friends-Comeback muss wegen Corona erneut verschoben werden.

7. August | In den Dörfern

In den letzten Tagen wieder Fahrten zurück in die kleinsten Dörfer. Im Gegensatz zu Anfang April, als vor Jena Rehe auf der Autobahn liefen, fließt diesmal der Verkehr gewohnt. Autos rollen, LKWs überholen, auf der verengten Fahrbahn staut es sich kurzzeitig wie in Vorpandemiezeiten.

Obwohl unsere Absichten andere sind, kommen in den Dörfern die Gespräche auch auf Corona. Nur in wenigen Orten gab es bisher Fälle. Thema ist die Pandemie dennoch. In einem Dorf schlägt jetzt jeden Mittwoch um 19.00 Uhr im Kirchturm die Coronaglocke, um an die Pandemie zu erinnern. »Im Gebet füreinander einstehen, mit Lob und Dank, mit Klage und Bitte vor Gott treten« steht auf dem angeschlagenen Zettel im Infokasten, »stellen Sie eine Kerze ins Fenster, dann werden unsere Orte etwas heller.«

In den Kirchen sind die Bänke mit Absperrband markiert, nur auf jeder dritten oder zweiten Bank darf gesessen werden, nach Möglichkeit jede Familie für sich. Auch das Singen ist reduziert; nur zwei Lieder pro Gottesdienst und Messe, die erste Strophe jeweils. Viele Ältere bleiben ganz weg und schauen mit Sicherheitsabstand die Übertragungen von Gottesdiensten in den Öffentlich-Rechtlichen.

Alle geplanten Feste sind ausgefallen oder abgesagt; keine Sportturniere, Osterfeierlichkeiten, Wasserfeste, Kirmessen, das erste Mal seit langer langer Zeit kein Maibaumsetzen. Auch die ansonsten regelmäßig stattfindenden Feuerwehrübungen und Fortbildungskurse gibt es seit März nicht mehr; »die Jungs sind aus der Übung«, sagt jemand.

Bei denen, die bei Autozulieferbetrieben arbeiten, ist Kurzarbeit. Einige werden ihre Arbeit verlieren, weil die Firmen die Schichten zum Teil um die Hälfte runterfahren oder gleich ganz schließen. »Das wird jetzt auf Corona geschoben, aber da gab es vorher schon Probleme«, heißt es. Im Museum sind die Besucherzahlen gerade sehr hoch, Urlaub in Deutschland bedeutet dann eben auch einen Tagesausflug an die Saale. Die am und mit dem Wald leben, sorgen sich auch um den heißen Sommer, die trockenen Fichten und die Borkenkäfer, die braunen Nadelbäume.

Bei allen, mit denen wir reden, spricht aus den Worten Sorge über das Virus, dessen Schädlichkeit, den weiteren Verlauf der Pandemie. Grundsätzliche Zweifel hören wir nicht, sondern ein Bemühen, sich zu arrangieren; im Gemeinderat die sieben Stühle der Mitglieder im entsprechenden Abstand aufstellen, die regelmäßigen dörflichen Bierabende auf Eis zu legen und nur zögerlich wieder aufnehmen. Zugleich läuft der Alltag weiter; Hühner füttern, sich um den Forst kümmern, das Land.

Ansonsten: Die Zahl der Neuinfektionen steigt in Deutschland über tausend. Um eine Verbreitung von virenhaltigen Aerosolen zu unterbinden, raten die Salzburger Festspiele trotz der Hitzewelle vom Gebrauch von Fächern während der Vorstellungen ab.

6. August | Im Zenit im Schwimmbad

Der Pandemie wegen hat das Weimarer Schwanseebad zwei sogenannte Zeitfenster eingerichtet: 10-14 Uhr und 15-19 Uhr. Die Karten können nur online gekauft werden, siebenhundert Karten sind pro Fenster vorhanden. Eine halbe Stunde vor Ablauf des Zeitfensters weist die lautsprecherverstärkte Bademeisterstimme darauf hin, dass das Zeitfenster bald ablaufen werde und gibt letztmalig den 10er frei. Eine Viertelstunde vor dem Ende fordert die Stimme auf, nun das Wasser zu verlassen und sich zum Ausgang zu begeben.

Innerhalb weniger Minuten verlöschen die typischen Freibad-Geräusche; Platschen, Kreischen, Lachen, Rufen, Prusten, Schwappen. Die siebenhundert Besucher wechseln von Bade- zu Unterhose, legen die Handtücher zusammen, packen die angebrochenen Prinzenrollen in die Taschen, schütteln die Decken aus und laufen in kleinen Gruppen zur großen Schwanseebadtreppe.

Siebenhundert Menschen verlassen nahezu geräuschlos das Freibad. Leise plätschert SARS-CoV-2-Genmaterial, unschädlich gemacht vom aggressiven Chlor, gegen den Beckenrand. Der Sprungturm unbetreten, die Wiesen unbelegt, das Wasser eine glattgestrichene Fläche. Es ist kurz vor zwei Uhr am bisher heißesten Tag des Jahres, noch für Stunden wird die Sonne über dem leeren Schwanseebad im Zenit stehen, in diesem Sommer der Pandemie.

Ansonsten: Weil die Gummibänder an den Ohren anstatt am Kopf befestigt werden, erweisen sich fünfzig Millionen von der britischen Regierung eingekauften Schutzmasken für den Krankenhausgebrauch als untauglich. Wer in Stuttgart trotz entsprechender Vorschriften keine Maske trägt, muss zukünftig ein Bußgeld von 75€ zahlen. Weil nach der Explosion die Versorgung der Verletzten Priorität hat, stellen viele Krankenhäuser in Beirut den Coronavirustest vorläufig ein. Die Zahl der Coronatoten steigt auf über siebenhunderttausend.

5. August | Die Gedichte dieser Zeit

(1) In was ich kaum noch hineinlese: Informationen, die von einem möglichen Impfstoff berichten. Zu viele ähnliche Texte schon gelesen und zwei Wochen später die Einordung, aus welchen Gründen dieser doch nicht den erhofften Erfolg verspricht. Außerdem nicht lesen: die stetig zunehmenden Informationen, welche die gesundheitlichen Folgen des Virus beschreiben (Herz, Niere, Gehirn etc.). Dieses Ignorieren geschieht aus Selbstschutz.

(2) Der Bundestagsvizepräsident, welcher einer Oppositionspartei angehört, sagt in einem Interview, dass die Politik es versäumt habe, den Menschen genau zu erklären, was das Ziel ihrer Coronamaßnahmen sei. Ich stutze. Nicht ein zu wenig an Informationen, sondern ein Überangebot davon scheint es in den letzten Monaten gegeben zu haben; monothematische Zeitungsstrecken, Podcasts, Talkshows, längere Reportagen, Newsticker, Interviews mit Experten, Pressekonferenzen etc. Wer wollte, hat sich informieren lassen können. Alles an der Aussage des Bundestagsvizepräsidenten dient einem Zweck; es ist nicht Informationsvermittlung.

(3) Am Abend am Frauenplan zusammensitzen. Zuerst muss eine Kontaktliste ausgefüllt werden. Seit dem Anstieg der Neuinfektionen vor zwei Wochen in Weimar ist das wieder Pflicht. Gespräch sind kommende Veranstaltungen. Zum ersten Mal seit März können die ausgefallenen Lesungen, Workshops, Ausstellungseröffnungen nachgeholt werden. Oftmals in kleinem Kreis (Lohnt sich eine Vernissage in einer Galerie, in der aktuell nur sieben Personen gleichzeitig sein dürfen?). Aber immerhin. Es ist ein Arrangieren mit den Umständen, es geht auch um die Existenz.

Fast einhellig ist die Meinung, dass im Herbst, wenn draußen keine Termine mehr möglich sein werden, diese drinnen nicht stattfinden können. Stattdessen ein Einrichten auf einen langen, veranstaltungslosen Winter, der bis ins späte Frühjahr ziehen könnte. Und ein Einrichten auf die Folgen, die das mit sich bringt.

Auf meine Frage, ob die Pandemie schon Eingang gefunden hat in das aktuelle Schreiben ein eher vorsichtiges Kopfschütteln. Die Gegenwart ist noch in vollem Gang, die Gedanken im Kopf ungeordnet, der Abstand zu gering, aktuell nur ein sachtes Hintasten in wenigen Sätzen. Die Gedichte über diese Zeit, so die Vermutung, werden erst nach dieser Zeit geschrieben werden.

Ansonsten: NRW erhebt zukünftig eine Strafzahlung von 150€ für das Nichttragen von Masken in öffentlichen Verkehrsmitteln. Der wegen Corona verschobene Kinostart des Disney-Films Mulan entfällt, dafür wird der Film gestreamt, 30$ wird das Anschauen kosten. Bolivien setzt die Schule für ein Jahr aus. Laut einer Studie dauert ein durchschnittlicher (Home Office)-Arbeitstag während der Pandemie 48,5 Minuten länger als zuvor. Den mit dem SARS-CoV-2 infizierten Robin Hanbury-Tenison aus Cornwall hält während seines Kampfes gegen das Virus der Gedanken am Leben, dass er nach seiner Genesung einen Biber freilassen kann.

4. August | Der Blueser und das Virus

Am Frühstücksbüfett ist Handschuhpflicht. Maske ist die Kür, um Mindestabstand wird gebeten. Vor dem Büfett ein kleiner Tisch, auf dem ein Stapel Servietten liegt, daneben ein Desinfektionsspender und eine Packung dünner Einmalhandschuhe. Nahezu alle Frühstückerinnen greifen danach, es geht zivilisiert zu am Büfett.

Der Teufel liegt im Detail. Gerade beim An- und Ausziehen der Handschuhe: Welche Finger berühren wann welche Bereiche der Hand? Wie lässt sich ein Handschuh so abstreifen, dass die kontaminierten Stellen nicht die geschützten verunreinigen? Schleudert das schnappende Gummi nicht womöglich Virenmaterial über den Frühstückstisch?

Vorschriftsmäßig greifen die behandschuhten Hände nach Servietten, mit denen sich später über den Mund gewischt wird. Der Pa­t­ri­arch aus Ostsachsen behält die Handschuhe beim Schneiden der Brötchen an, liebevoll umgreift der Handschuhschutz die Körnerkrusten. Nebenan der alter Blueser trägt keine Handschuhe.

Abgesehen vom Blueser sind es alles vorsorgliche Handlungen. Alle halten sich an die Hygieneregeln, selbst, wenn sie Umstände machen, wenn sie den gemütlichen Vorgang des Frühstücken beeinträchtigen und verkomplizieren, wenn jede Handbewegung mit Handschuh daran erinnert: Das ist kein normaler Sommer, das ist kein normales Entspannen, außerhalb dieser Büfettsicherheitszone lauert ein potenziell tödliches Virus, vielleicht ist es sogar hier, vielleicht habe ich mich gerade infiziert, als ich selbstgeimkerten Honig auf meinen Teller tropfen ließ.

Die Lücken in der Sicherheitszone entstehen – abgesehen vom alten Blueser – nicht aus Böswilligkeit. Sie entstehen aus Unwissenheit (Wie wird ein Handschuh angelegt), aus verständlicher Nachlässigkeit am Morgen, aus Tollpatschigkeit. Bis auf den Blueser geben sich alle Mühe, das ist etwas.

Später denke ich noch mehrmals über das Frühstücksbüfett nach. Mir fällt ein fehlerhafter Gedankengang meinerseits auf. Wie bei der üblichen Maske geht es beim üblichen Handschuhtragen nicht darum, mich zu schützen. Sondern andere. Indem ich meine Hand unter einem Handschuh verberge, verhindere ich die Übertragung meiner potentiellen SARS-CoV-2s auf andere. Wenn alle Hände so geschützt sind, kann kein SARS-CoV-2 die Weichkäseplatte kontaminieren.

Und ich denke: Es gibt eine Hierarchie der Risikobewertung. Wenn ich Mundschutz trage, den Mindestabstand einhalte, meine Hände vor dem Büfett desinfiziere und dann Handschuhe anziehe, schaue ich skeptisch auf jene, die zwar Mundschutz und Handschuhe tragen und den Mindestabstand einhalten, aber ihre Hände nicht desinfizieren. Diese wiederum beäugen kritisch die, die Handschuhe anlegen und Mindestabstand halten, aber keine Maske tragen.

Alle ohne Maske, aber mit Handschuhen schauen empört auf den alten Blueser ohne Handschuhe. Hält dieser aber den Mindestabstand ein, wird ihm womöglich auffallen, wenn jemand sich beim Büfett direkt hinter ihn stellt und ihm in den Nacken atmet. Und kommt jemand im Ganzkörperschutzanzug mit Helm zum Frühstücksbüfett, werden ihm Maßnahmen wie Stoffmaske oder Handschuhe lächerlich und unzureichend erscheinen. Die Einschätzung, welcher Schutz angemessen ist, ist auch eine Frage der eigenen Position.

Ansonsten: Laut einer Umfrage haben zwei Drittel der befragten Deutschen kein Verständnis für Demonstrationen, die sich gegen die staatlichen Auflagen zur Eindämmung der Pandemie richten. Weltweit haben sich mehr als 18 Millionen Menschen mit SARS-CoV-2 infiziert, knapp 700000 sind daran gestorben. Im Juli waren in etwa 160 Ländern die Schulen geschlossen, mehr als eine Milliarde Schülerinnen waren davon betroffen. In Qingdao wird das »Chinesische Oktoberfest« eröffnet, das Hunderttausende in die Provinz Shandong locken soll. Wegen vorsätzlichen Hustens in Richtung Schiedsrichter oder anderen Spielern können Fußballspieler zukünftig des Feldes verwiesen werden.

3. August | Straße des 1. August 2020

Irgendwie hatte ich gehofft, dass Querdenken-Demonstrationen kein Thema mehr sein würden. Eine naive Vorstellung angesichts von Tag der Freiheit – Das Ende der Pandemie, der Demonstration, die am Samstag in Berlin auf der Straße des 17. Juni stattfand.

(1) Zwischen 20000 und 1,3 Millionen Menschen nahmen daran teil. Letztere Zahl basiert auch auf oft geteilten Fotos, welche die Loveparade vor knapp zwanzig Jahren zeigen. Während der Veranstaltung wird diese Zahl immer wieder berauscht von deren Größe genannt, als Beleg für eine »Welle«, die bald über das Land kommen werde.

(2) Überhaupt wird die »Wellen«-Metapher mehrmals eingesetzt; wir sind die zweite Welle, wir alle sind die Welle etc. Die mehrfach ambivalente Verwendung dieser Metapher (im medizinischen Sinn, im literarischen Sinn als Beispiel für eine Protestbewegung, die aus dem Ruder läuft) wird nicht thematisiert.

(3) Zeitgleich trendet auf Twitter #Covidiot mit dem Verweis auf die nicht eingehaltene Masken- und Abstandspflicht der Teilnehmerinnen. Deren Sympathisantinnen wiederum verweisen umgehend auf die Black Lives Matter-Demonstrationen von Juni und die dortige Enge und unterstellen damit Heuchelei. Auch wenn beim Betrachten der Videos von beiden Veranstaltungen auffällt, dass im Juni deutlich mehr Masken getragen wurden und zumindest bei einer Demonstration vor der Siegessäule Abstand gehalten wurde, die Irritation, dass die #Covidiot-Hashtagbenutzer diese Gemeinsamkeit beider so unterschiedlicher Demonstrationen kaum zur Kenntnis nehmen.

(4) Sehr bemerkenswert ist die Vielfalt der Teilnehmer. Oder besser: Die Gegensatzpaare, die widerspruchslos nebeneinander laufen. »No Nazi«-Transparente neben Die-Lunikoff-Verschwörung-T-Shirtträger, die Reichsflagge neben SchwarzRotGold, die russische Fahne neben der amerikanischen. Immer wieder wird das Grundgesetzt zitiert; auf dem T-Shirt »Die Würde des Menschen ist unantastbar«, ein Kruzifix auf das Grundgesetz-Buch geklebt etc.

Überhaupt ist der Glaube präsent (Deutschland braucht Jesus). Einige meditieren auf der Straße, andere tanzen zu einer Reggae-Version des alten sozialistischen Partisanenliedes »Bella Ciao«, während jemand einen AfD-Sticker auf seine Handyhülle geklebt hat. QAnons laufen neben Esoterikerinnen, Impfgegnerinnern neben Ärztinnen. Der 50jährige Camp-David-T-Shirtträger geht neben der 20jährigen Kapitalismusgegnerin, die hofft, dass die Pandemie der Anfang vom Ende des Kapitalismus ist. Jemand hält ein Schild hoch: »Besser Corona als Auto Lärm Gift Tote Verletzte«. Von der Bühne setzt sich jemand in Tradition des Arbeiteraufstands von 1953 oder dem Mauerfall. Die »Wir sind das Volk«, »Wir bleiben hier«-Rufe sind sowieso permanenter Soundtrack.

Weltbilder fließen ineinander, Symbole stehen nebeneinander, verlieren ihren Sinn, bekommen einen neuen zugewiesen. Es ist schwer zu sagen, was – bei aller Unterschiedlichkeit – das ist, was alle eint. Die Pandemie ist nur Auslöser, selbst ein Symbol, das erst mit Bedeutung aufgeladen werden muss. Dafür ist diese Demonstration da: Bilder zu schaffen, Erinnerungen, Zeichen und Schlagworte. Auf der Bühne sagt einer: In zwanzig Jahren wird diese Straße Straße des 1.August 2020 heißen.

(5) Was die meisten gemeinsam haben, wird beim Betrachten des Videos von Dunja Hayali deutlich. Sie filmt etwa dreißig Minuten ungeschnitten ihren Weg durch die Demonstration hindurch. Das Video erinnert an die Szene aus Game Of Thrones, dem Walk of Shame der Cersei Lannister, in dem sie durch die Stadt läuft und vom Volk beschimpft wird, den Spießrutenlauf.

An diesem Tag stehen die Demonstrantinnen Hassspalier für Hayali. Manche brechen aus der Masse hervor, halten Hayali kurz ihr Smartphone ins Gesicht, filmen, fallen dann zurück, hämisch oft der Gesichtsausdruck, begeistert auch darüber, der Staatsmacht ein wenig Widerstand entgegengebracht zu haben. Teilnehmerinnen drängen Gespräche auf, fordern, »Die Wahrheit« zu berichten. »Die Wahrheit« ist ein großes Thema, danach wird verlangt. Immer wieder die Rufe »Schäm Dich Dunja«, vor allem immer: Lügenpresse. Fast die gesamten dreißig Minuten hindurch der nicht leiser werdende Chor, Lügenpresse, Lügenpresse, Lügenpresse.

(6) Tue ich die Rufe anfangs als typische Folklore solcher Veranstaltungen ab, zermürbt mich das unablässige Geschrei. Das ständige Skandieren macht mich in seiner Penetranz und Schlichtheit dünnhäutig, fast aggressiv. Es ist schwer, in diesem Sound wahrzunehmen oder Gedanken zu fassen. Anders gesagt: Lügenpresse wirkt. Die Rufenden erreichen ihr Ziel.

(7) Nach einigen Stunden wird die Demonstration aufgelöst, wegen nicht eingehaltener Hygienevorschriften. Ansonsten greift die Polizei kaum ein, anders als bei einer parallel stattfindenden Gegenkundgebung, auf die gut geschützten Polizisten in den Zug der Protestierenden hineinlaufen und nicht wenige zu Boden werfen.

(8) Wieder das alte Spiel: Wie viel Aufmerksamkeit soll den 1,3 Millionen 20000 geschenkt werden? Wie repräsentativ stehen sie für die anderen 82 Millionen? Suggerieren die Bilder, Texte, Videos nicht eine Dringlichkeit, die so nicht vorhanden ist? Wird diese Dringlichkeit erst durch die Erzählungen darüber geschaffen? Was hat es zu bedeuten, wenn NoNazi neben Landser, Kapitalismuskritikerin neben Reichsbürger demonstriert? Wie groß ist die Schnittmenge, was sind die Schnittmengen? Wie dauerhaft ist die Vereinbarung, über die Unterschiede hinwegzusehen und sich für das gleiche Anliegen starkzumachen? Was ist überhaupt das Anliegen? War das einfach der heißeste Tag des Jahres oder werden solche Allianzen von Dauer sein? Welche Folgen können daraus erwachsen?

(9) Ich hoffe sehr, dass Querdenken-Demonstrationen niemals mehr ein Thema sein werden.

(10) siehe (0)

Ansonsten: NRW führt die Maskenpflicht in Schulen ein. Nach Coronainfektionen auf den gerade erst wieder gestarteten Kreuzfahrten wird der Kreuzfahrtbetrieb vorerst auf Eis gelegt. Patrick Stewart liest das hundertste Shakespeare-Sonnet, mit dem Lesen begann er zu Beginn des Lockdowns.

2. August | das Geräusch, mit dem ein Paddel in Seewasser taucht

In den letzten Tagen das einzige von Bedeutung das Geräusch, mit dem ein Stechpaddel in Seewasser taucht. Kaum Gedanken zu den Coronomonaten, von denen ich glaubte, sie weiterverfolgen zu müssen. Von der Welt so gut wie nichts mitbekommen. Nur ab und an bricht ein Geschehnis durch, ich fange es ab, bevor es mich erreichen und beschäftigen kann. Es ist Luxus, so viel ist mir bewusst, dieses Tanken von Nichts, das Ansammeln von Sommerflirren, das durch den Herbst und Winter bis in die nächste Saison tragen soll.

Eine Woche aussetzen, damit in der Erinnerung eine Woche lang die Pandemie nicht stattgefunden hat. Natürlich findet sie statt, denn wenn ich mich in wenigen Minuten erstmals wieder an die Newticker heranpirschen und an den Zahlenkolonen entlangstreifen werde, werde ich feststellen, dass das, was geschehen ist, keinen Anlass bietet anzunehmen, dass irgendetwas geschafft wäre.

Nur Bemerkungen zu zwei Geschehnissen (von sicherlich wesentlich mehr), die mir bemerkenswert scheinen.

(1) Wenige Tage, nachdem Herman Cain, einer der republikanischen Präsidentschaftskandidatenbewerber von 2012, die Wahlkampfveranstaltung von Donald Trump in Tulsa besucht hat, wird er mit einer Covid19-Erkrankung ins Krankenhaus eingeliefert. Während er an Beatmungsgeräte angeschlossen ist, twittert sein Social-Media gegen die Maskenpflicht an. Noch am Tag seines Todes wird ein solcher Tweet abgesetzt: Als Herman Cain an Covid19 stirbt, erklärt er auf Twitter, dass Covid19 nicht gefährlich sei.

(2) Die bayrische Polizei gibt bekannt, dass sie, entgegen aller Beteuerungen, dass die Adresslisten, die bei dem Besuch einer Gastronomie ausgefüllt werden müssen, nicht für polizeiliche Ermittlungen verwendet sollen, diese Adresslisten für polizeiliche Ermittlungen verwendet. Es sei schließlich im Interesse des Bürgers, Verbrechen aufzuklären.

>>> zu den Coronamonaten Februar – Juli 2020

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