>>> zu den Coronamonaten Februar – Juli 2020

14. August | Kunst verfälscht

Nachtrag zum gestrigen Eintrag: In seinen Ausführungen sagte der Herr auch, dass Jens Spahn von Lobbyisten gesteuert sei. Ich ließ diesen Satz im Text aus. Er lenkte ab von dem, was mir das Wesentliche der Situation schien.

Der Satz machte die Sache uneindeutiger. Hätte ich ihn geschrieben, hätte man an dieser Stelle den Kopf hin- und her bewegen und darüber nachdenken müssen, wie wirtschaftlich orientierte Interessenverbände Einfluss auf die bundesdeutsche Gesundheitspolitik nehmen. Es wären viele Gedanken geworden, vielleicht auch Recherche, die Pointe der Geschichte – Kunst bewahrt jemanden davor, ein zweites »Corona Fehlalarm? Zwischen Panikmache und Wissenschaft« zu schreiben – wäre unter den Überlegungen zu den Strukturen des Gesundheitswesens verschüttet gegangen.

Ich habe die Eindeutigkeit der Uneindeutigkeit vorgezogen, die Komplexität dem leicht zu verstehenden Ende geopfert, weil sich die Geschichte so effizienter erzählt.

Ansonsten: In Seoul werden Bushaltestellen aufgestellt, die Menschen mit erhöhter Körpertemperatur erkennen und sie automatisch vor dem Eintritt abhalten. Beim Börsengang nimmt die Tübinger Impfstofffirma CureVac 213 Millionen Dollar ein. Bei einer Untersuchung von 2200 Menschen in einem Coronahotspot in Baden-Württemberg werden bei knapp acht Prozent der Getesteten Antikörper festgestellt. Die Zahl der bestätigten Neuansteckungen in dem über hundert Tage lang coronafreien Neuseeland steigt auf 30.

13. August | Kunst rettet

Am Abend auf einer Lesung. Danach kommt ein älterer Herr – helle, der Schwüle angemessene Leinenhose, Sommerhut, leicht heinrichlohseesk – zum Autor. Der Herr stellt sich vor. Er komme vom Rhein und habe kürzlich hier in Weimar ein Haus gekauft, ein Gebäude, in dem früher ein bekannter Bauhaus-Meister wohnte. Er plane das Haus umzubauen, im oberen Stock eine Art Residenz einzurichten und biete dem Autor an, dort zu wohnen.

Der Autor bedankt sich, Karten mit Kontaktdaten werden getauscht. Anschließend fragt der Autor, was den Herren bewegt habe, nach Weimar zu ziehen. »Eigentlich«, sagt der Herr, »eigentlich wollte ich Buch schreiben. Wegen Corona. Ich habe schon vieles erlebt. Aber so was noch nicht. Ein Irrsinn. Ich habe eine große Praxis, ich weiß, wie es in der Medizin aussieht. Und wie das jetzt alles falschläuft bei Corona! Wissen Sie, die Regierung arbeitet gegen uns, darüber wollte ich schreiben.«

Er hält inne, fährt fort. »Aber dann dachte ich, dass ich lieber das Haus ausbauen sollte.«
Der Autor nickt: »Ja, das war vermutlich die richtige Entscheidung.«

Ansonsten: Die Infektionszahl steigt auf über 1400. Das Robert-Koch-Institut veröffentlicht aus Unachtsamkeit eine veraltete Impfstoffprognose und sorgt damit für Irritation. Weil zu viele Masken bestellt wurden, plant das Auswärtige Amt, 250 Millionen Masken an besonders von der Pandemie betroffene Staaten zu geben. In Bayern warten fast fünfzigtausend Reiserückkehrerinnen seit zwei Wochen auf das Ergebnis ihrer Coronatests. Wegen des wiederholten Bruchs ihrer Quarantäne ist eine deutsche Urlauberin in Tirol zu einer Geldstraße von 10.800 Euro verurteilt worden. Wegen Corona plant Indonesien bis Ende des Jahres keine ausländischen Urlauberinnen ins Land zu lassen. Für die nächste »Querdenken«-Demonstration in Berlin erwartet der Veranstalter nach eigenen Angaben zehn Millionen Menschen.

12. August | Impfstoff (I): Sputnik V

Gestern die Nachricht, die eigentlich die Welt hätte elektrisieren sollen; groß hätten Brandenburger Tor, Weißes Haus und Taj Mahal angestrahlt werden müssen mit den Farben der russischen Flagge, alle TV-Sender hätten Sonderprogramme ausstrahlen müssen, alle Live-Ticker hätten nur ein Thema haben sollen, nur ein Hashtag weltweit, die Börsen in Hochstimmung, die Menschen (in Sicherheitsabstand) feiernd auf den Straßen, dieser 11. August 2020 der vielleicht wichtigste Tag dieses noch jungen Jahrtausends: ein Impfstoff gegen Covid19 gefunden, der erste zugelassene, das Ende der Pandemie, der Abschluss einer kurzen, intensiven Epoche, in der die Welt unterschiedlich in der Sache einem gemeinsamen Feind gegenüberstand.

So geschah es nicht. Es kam anders; nüchterner, zurückhaltender, skeptischer. Die Skepsis beruht auch auf dem Mangel an Informationen: Sputnik V getestet nur an hundert Personen, die anschließend Antikörper aufwiesen, Nebenwirkungen Fieber. Die üblichen weiteren Tests stehen noch aus, die Beobachtung von Nebenwirkungen über einen längeren Zeitraum ebenso. Befürchtet wird, dass bei einem negativen Verlauf die Akzeptanz für wirkungsvolle Impfstoffe sinken könnte.

Aber angenommen, es wäre so: Russland hätte Mittel gegen das Virus gefunden. Wäre dann die Geschichte vorbei? Oder träte sie dann ein in das nächste Kapitel? Wie schnell kann der Impfstoff produziert werden? Welchen Ländern teilt Russland zuerst den Impfstoff zu? Wie verteilen die Länder den anfangs knappen Impfstoff unter der Bevölkerung? Wie stark wird die Impfgegnerinnenfraktion sein? Und angenommen, du hast die Möglichkeit, dich mit einem unzureichend getesteten Impfstoff aus Russland spritzen zu lassen, würdest du das tun? Und wenn nicht: Wie muss der Impfstoff beschaffen sein, dem du vertraust?

In Contagion, dem Soderberg-Film über eine Pandemie, liegt am Schluss der Impfstoff verwahrt in einer auf rotem Samt gebetteten Spritze. Er ist kostbar, er beendet auf Knopfdruck die Gefahr. Der 11. August ist kein Knopfdruck. Er ist ein weiterer Tag in einer langen Reihe von Uneindeutigkeiten. Nichts hier ist auf Samt gebettet.

Ansonsten: Forscher der Universität Florida erbringen den Nachweis, dass die in Aerosolen befindlichen Coronaviren ansteckend sein können. In NRW gibt es mehrere Klagen gegen die Maskenpflicht an Schulen. Nachdem der coronainfizierte Basketballer Michael Ojo beim Training zusammenbricht, stirbt er kurz darauf an den Folgen eines Herzinfarktes. Der amerikanische Präsident erklärt auf einer Pressekonferenz zum Thema Corona, dass die Spanische Grippe von 1917 den Zweiten Weltkrieg beendet habe.

11. August | darauf einrichten

Im Kindergarten von Freunden ein Coronafall. Nicht das ganze Haus, doch einige müssen in Quarantäne, zumindest, bis der Test negativ ausfällt. Das ist etwas, was ich gern vermeiden würde: bei 33 Grad in Quarantäne sitzen.

Vermeiden würde ich weiterhin gern eine Ansteckung mit dem Virus. In den letzten Tagen gab es mehrere Situationen, in denen ich wusste, dass ich nicht alles tat, um dieses Risiko zu minimieren. Mal geschah es aus Bequemlichkeit, mal war es falsch verstandene Scham. Ich tue mich schwer damit, mich immer an das Vernünftige zu halten. Noch schwerer, andere davon zu überzeugen; Nichtmaskenträger auf ihr Nichttragen hinzuweisen zum Beispiel. Oder in sozialen Situationen konsequent Abstand zu halten, weil Abstand immer auch das Soziale aus der Situation nimmt und es Situationen gibt, in denen das zu großer Irritation führt und ich dann abwägen muss, ob ich bereit bin, diese Irritation auszuhalten. Zu oft nicht.

So oder so gehe ich davon aus, mich in diesem Jahr zumindest einmal in Quarantäne begeben zu müssen. Der Kindergarten ist groß, die geplanten Ausstellungen und Lesungen sind einige. Manche Situationen müssten nicht sein, andere schon. Zufall oder Unvernunft, eines von beiden wird Schicksal spielen.

Jemand teilt den Artikel der taz. Dort steht: »Viele nun vorliegende Studien zeigen aber, dass die Infection Fatality Rate (IFR), der Anteil der Todesfälle an allen Corona-Infektionen, in einem Bereich von 0,1 bis 0,3 Prozent liegt, also dem einer normalen Grippe.« Oberthema des Teilenden ist Covid19 als Massen-Psychose. Ich frage mich erneut, wieso diese Gleichung Covid=Grippe immer wieder aufzugehen scheint, wieso es im achten Monat der Pandemie nicht möglich ist, die vielen weiteren Faktoren in die Rechnung einzubeziehen und manche stattdessen unbeirrt bei der simpelsten aller Lösungen landen.

Ansonsten: In Russland wird der weltweit erste Coronaimpfstoff zugelassen, zu den ersten Geimpften gehört eine Tochter Wladimir Putins. Der Tübinger Bürgermeister Boris Palmer lässt sich »gegen Corona« impfen, weil er als Testperson bei einer Coronaimpfstoffstudie teilnimmt. In Neuseeland wird die erste Infektion seit 102 Tagen gemeldet. Weil Saisonarbeiter fehlen, warnt der Bundesverband der obst-, gemüse- und kartoffelverarbeitenden Industrie vor einem Engpass bei Einlegegurken. Risikoeinschätzung.

10. August | Der Kabarettist und die Coronawütenden

Ich müsste die Aktion begrüßen. Ein Kabarettist tritt während der Querdenken-Demonstration am Samstag in Stuttgart auf die Bühne. Er sagt, dass er aus dem Mainstream käme, erklärt Hegels Dialektik, sagt, wenn in Berlin 1,3 Millionen gewesen wären, dann sind in Stuttgart heute Hunderttausende und spricht über Pressefreiheit.

Ich müsste das gut finden. Doch ich bin befremdet. Ich weiß, dass ich niemals den Mut hätte, mich auf eine Bühne vor diese Gruppe von Menschen zu stellen und einzustehen für meine Überzeugung. Es ist leicht, vor dem Bildschirm etwas Wirkliches zu kritisieren.

Aber bei aller inhaltlicher Übereinstimmung finde ich den Auftritt muffig, oberlehrerhaft und selbstgerecht. Der Kabarettist spricht nicht nur. Er belehrt auch. Mehrmals ruft er: »Wenn Ihr für Meinungsfreiheit seid, müsst Ihr meine Meinung aushalten.« Jemand buht ihn aus und ruft: »Und du musst das aushalten.«

In diesem Fall irrt der Coronawütende nicht. Der Kabarettist muss das Buhen aushalten. Seine Rede beweist nichts. Sie beweist nur: Die Coronawütenden halten ihn aus. Fast zwölf Minuten darf der Kabarettist sprechen. Er wird nicht unterbrochen, kein Strom wird ihm abgestellt, niemand zerrt ihn von der Bühne, niemand verbietet ihm das Wort. Seine Meinung wird ertragen, die Coronawütenden erweisen sich zwölf Minuten lang als Freunde der Meinungsvielfalt, als Verfechterinnen der Demokratie, als treue Anhängerinnen des Grundgesetzes. Was der Kabarettist offenlegen wollte, schlägt ins Gegenteil um. Er liefert den Coronawütenden Selbstbewusstsein, wappnet sie mit Argumenten: Sie haben ihn ausgehalten.

Nur einmal kippt der Auftritt. Der Kabarettist fragt, ob die Zuhörerinnen die »totale Meinungsfreiheit« wollten und erklärt, dass Covid19 eine hochgefährliche Krankheit sei und Maskentragen und Abstandhalten das Beste sei, was man dieser Tage tun könne. Die Coronawütenden sind irritiert. Sie buhen, bewegen sich unruhig, die Hände mit den hochgehaltenen Smartphones beginnen zu zittern.

Ich überlege, was geschehen wäre, wenn der Kabarettist seine gesamte Rede wie in diesem Teil bestritten hätte. Wenn er sich verletzlich gemacht hätte. Wenn er aufgezählt hätte, wie es ihm in den letzten sechs Monaten ergangen ist, wo er zweifelte, wo glaubte, wann wusste. Warum er seine Entscheidungen wie getroffen hat, wie er wahrnimmt. Wenn er den Auftritt nicht gemacht hätte, weil ihn ein rechtschaffender Impuls treibt, sondern weil er unsicher ist und doch in vielen Dingen sicher und er für sich erklären will, weshalb das so ist und weshalb ihn das von den Coronawütenden unterscheidet.

Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, ob sich irgendjemand auf die Bühne vor Coronawütende stellen muss. Ich weiß nicht, ob man mit ihnen reden muss, ihnen immer wieder Aufmerksamkeit schenken sollte. Ob man sie als Ausnahme betrachten sollte oder als die extreme Spitze von Strömungen, die in abgeschwächter Form jeder aus seinem nahen Umfeld kennt, weshalb es gut wäre zu verstehen, wohin sich etwas entwickeln kann.

Wahrscheinlich gibt eine Bühne wie in Stuttgart keinen Raum für solche Überlegungen. Wenn der Kabarettist in voller Kenntnis dessen, was es bedeutet, nach totaler Meinungsfreiheit ruft und ihm daraufhin zugejubelt wird, und das nicht geschieht, weil die Coronawütenden sich in der Tradition des Goebbelspublikums sehen, sondern weil sie davon nicht wissen und deshalb den Kontext nicht einordnen können, wie soll da ein Austausch stattfinden? Soll überhaupt ein Austausch stattfinden?

Ich bin ratlos. Ich weiß nur: Ich will eine Gegenwart, in der sich kein Kabarettist auf die Bühne stellen und die Sportpalastrede von 1943 zitieren muss, ich will eine Gegenwart, in der jeder und jede das Zitat vom »totalen ….« einordnen kann und versteht, was daraus erwächst, für sich selbst, die anderen, die Welt, in der er und sie jetzt lebt.

Ansonsten: Wegen der Missachtung der Hygienemaßnahmen prüft Berlin ein Alkoholverbot für dortige Kneipen. Weil er auf einer Coronademonstration nicht als Privatperson, sondern in offizieller Funktion eine Rede hält, wird ein Polizist in Bayern intern versetzt. Vor einem Gelsenkirchener Freibad muss die Polizei eine Menschenschlange auflösen, weil der Mindestabstand »nicht annähernd« eingehalten wird.

9. August | Gerüchteküche (In den Dörfern II)

Letzter Tag der Dorfreise. Während eines Gesprächs bekommen wir Fotos gezeigt. Eines trifft mich ins Mark. Das Foto zeigt ein geschlossenes Tor mit Eisenstangen. Vor dem Gitter steht eine Familie; Ehefrau, Kinder, Enkelkinder. Manche tragen Masken, alle lachen, schauen, was hinter dem Gitter ist. Wer da ist. Der demenzkranke Ehemann, Vater, Opa. An seiner Seite die Pflegerin. Sie hält sacht seinen Arm, trägt eine Maske. Es ist sein achtzigster Geburtstag. Die Familie ist gekommen, um ihn zumindest zu sehen. Gemeinsam feiern, ihn zu umarmen, ihm nahe sein, ist unmöglich. Entstanden ist das Foto im April 2020, die Familie getrennt durch die Eisenstangen.

Später im Gespräch brodelt die Gerüchteküche. Im Prinzip geht es in netter Weise um die üblichen geselligen Austäusche über das eigene und fremde Leben; wer liebt jetzt wen und wer wen nicht mehr, was machen die Kinder, ist aus ihnen was geworden und wenn ja, was, wer ist auf welcher Feier gewesen und hat sich dort wie verhalten, vor allem: Wer sagt was über wen und was wird über mich gesagt?

Immer wieder schleicht sich in diesen allgemeingültigen, alltäglichen und überall anzutreffenden Klatsch und Tratsch Corona hinein. Es wird besprochen, wer wann wo Urlaub gemacht hat oder machen wird und ob das Urlaubsgebiet Krisengebiet ist oder war. Es wird erzählt, wie jemand auf einer Geburtstagsfeier war und dort erst sehr spät zu erkennen gab, dass er gerade aus Ägypten zurückgekehrt ist, man ist empört. Es wird über Kinder gesprochen, die zur Schule gehen oder nicht, weil sie zur Risikogruppe gehören.

Es wird von Hörensagen berichtet; Frau X habe gesagt, Frau Y wäre da und dort gewesen und hätte sich damit einer Coronagefahr ausgesetzt und wenn Frau Y zufällig eine der Gesprächspartnerinnen ist, empfindet sie es als ungehörig, dass solche Gerüchte über sie verbreitet werden und Frau Z, eine weitere der Gesprächspartnerinnen pflichtet bei und sagt, dass diese Lügengeschichte ein schlechtes Licht auf Frau X werfe, die im Übrigen, wie man so hört, gern selbst ohne Maske in kritischen Bereichen unterwegs sei und deshalb erst einmal vor der eigenen Haustüre kehren solle, bevor sie solche Behauptungen in die Welt setze etc.

So mischt sich in Liebe, Kinder, Urlaub, Tod Corona wie selbstverständlich in die Gerüchteküchen ein, wird dort zu einer festen Konstante der Kommunikation.

Ansonsten: Während der Fußballweltmeister Thomas Berthold auf der Querdenken-Demonstration in Stuttgart spricht, »weil wir hier mit Spekulationen von ein, zwei Wissenschaftlern oder Vertretern des RKI besudelt werden«, spricht der Kabarettist Florian Schröder dort, um kabarettistisch »die Grenzen der Meinungsfreiheit« der Demonstrationsteilnehmerinnen zu testen. Gesundheitsämter in mehreren Städten erhalten Bombendrohungen. Kurz vor Auftakt der Finalrunde der Champions League werden beim Fußballklub Atlético Madrid mehrere Infektionen festgestellt. Wegen großer Nachfrage sind alle Hausboote in Deutschland ausgebucht. Seit hundert Tagen ist Neuseeland coronafrei.

8. August | 1,3

In Gera gewesen. Bei der Amthorstraße mehrere Polizistinnen gesehen. Aus welchen Gründen auch immer der erste Gedanke: Die sichern den Ort bestimmt für einen Coronaspaziergang.

Die Tatsache, dass eine Woche nach der Demonstration in Berlin immer noch über die Teilnehmerzahl diskutiert wird, zeigt, wie effizient die Öffentlichkeitsarbeit der Sympathisanten ist. Die so oft wiederholte Zahl von 1,3 Millionen Teilnehmerinnen ist so absurd und wanderte vielleicht gerade deshalb so erfolgreich durch youtube, Facebook und das Whatsapp mancher Familiengruppe. Einen Streit darum, ob nun 20000 oder 30000 dabei waren, könnte man unter geduldete Unschärfe abspeichern. Aber wer an die Zahl 1,3 Millionen glauben möchte, möchte auch glauben, dass Strukturen existieren, die diese Zahl vertuschen wollen.

Mittlerweile kenne ich jemanden aus dem weiteren Bekanntenkreis, der an der Demonstration teilgenommen hat. Der Beweggrund war die Sorge um den Datenschutz. Diese teile ich auch, z.B. bei der polizeilichen Verwendung der Kontaktlisten in Gastronomien. Würde ich mich deshalb hinter Reichsflaggen und »Lügenpresse«-Ruferinnen einordnen? Eher nicht.

Ansonsten: Bei einer Umfrage erklären 87% der Befragten, dass die Menschen, die gegen Corona-Maßnahmen auf die Straße gehen, nur eine Minderheit der Bevölkerung repräsentieren. Wegen steigender Infektionszahlen ordnet Paris eine Maskenpflicht auch im Freien an. Das Friends-Comeback muss wegen Corona erneut verschoben werden.

7. August | In den Dörfern

In den letzten Tagen wieder Fahrten zurück in die kleinsten Dörfer. Im Gegensatz zu Anfang April, als vor Jena Rehe auf der Autobahn liefen, fließt diesmal der Verkehr gewohnt. Autos rollen, LKWs überholen, auf der verengten Fahrbahn staut es sich kurzzeitig wie in Vorpandemiezeiten.

Obwohl unsere Absichten andere sind, kommen in den Dörfern die Gespräche auch auf Corona. Nur in wenigen Orten gab es bisher Fälle. Thema ist die Pandemie dennoch. In einem Dorf schlägt jetzt jeden Mittwoch um 19.00 Uhr im Kirchturm die Coronaglocke, um an die Pandemie zu erinnern. »Im Gebet füreinander einstehen, mit Lob und Dank, mit Klage und Bitte vor Gott treten« steht auf dem angeschlagenen Zettel im Infokasten, »stellen Sie eine Kerze ins Fenster, dann werden unsere Orte etwas heller.«

In den Kirchen sind die Bänke mit Absperrband markiert, nur auf jeder dritten oder zweiten Bank darf gesessen werden, nach Möglichkeit jede Familie für sich. Auch das Singen ist reduziert; nur zwei Lieder pro Gottesdienst und Messe, die erste Strophe jeweils. Viele Ältere bleiben ganz weg und schauen mit Sicherheitsabstand die Übertragungen von Gottesdiensten in den Öffentlich-Rechtlichen.

Alle geplanten Feste sind ausgefallen oder abgesagt; keine Sportturniere, Osterfeierlichkeiten, Wasserfeste, Kirmessen, das erste Mal seit langer langer Zeit kein Maibaumsetzen. Auch die ansonsten regelmäßig stattfindenden Feuerwehrübungen und Fortbildungskurse gibt es seit März nicht mehr; »die Jungs sind aus der Übung«, sagt jemand.

Bei denen, die bei Autozulieferbetrieben arbeiten, ist Kurzarbeit. Einige werden ihre Arbeit verlieren, weil die Firmen die Schichten zum Teil um die Hälfte runterfahren oder gleich ganz schließen. »Das wird jetzt auf Corona geschoben, aber da gab es vorher schon Probleme«, heißt es. Im Museum sind die Besucherzahlen gerade sehr hoch, Urlaub in Deutschland bedeutet dann eben auch einen Tagesausflug an die Saale. Die am und mit dem Wald leben, sorgen sich auch um den heißen Sommer, die trockenen Fichten und die Borkenkäfer, die braunen Nadelbäume.

Bei allen, mit denen wir reden, spricht aus den Worten Sorge über das Virus, dessen Schädlichkeit, den weiteren Verlauf der Pandemie. Grundsätzliche Zweifel hören wir nicht, sondern ein Bemühen, sich zu arrangieren; im Gemeinderat die sieben Stühle der Mitglieder im entsprechenden Abstand aufstellen, die regelmäßigen dörflichen Bierabende auf Eis zu legen und nur zögerlich wieder aufnehmen. Zugleich läuft der Alltag weiter; Hühner füttern, sich um den Forst kümmern, das Land.

Ansonsten: Die Zahl der Neuinfektionen steigt in Deutschland über tausend. Um eine Verbreitung von virenhaltigen Aerosolen zu unterbinden, raten die Salzburger Festspiele trotz der Hitzewelle vom Gebrauch von Fächern während der Vorstellungen ab.

6. August | Im Zenit im Schwimmbad

Der Pandemie wegen hat das Weimarer Schwanseebad zwei sogenannte Zeitfenster eingerichtet: 10-14 Uhr und 15-19 Uhr. Die Karten können nur online gekauft werden, siebenhundert Karten sind pro Fenster vorhanden. Eine halbe Stunde vor Ablauf des Zeitfensters weist die lautsprecherverstärkte Bademeisterstimme darauf hin, dass das Zeitfenster bald ablaufen werde und gibt letztmalig den 10er frei. Eine Viertelstunde vor dem Ende fordert die Stimme auf, nun das Wasser zu verlassen und sich zum Ausgang zu begeben.

Innerhalb weniger Minuten verlöschen die typischen Freibad-Geräusche; Platschen, Kreischen, Lachen, Rufen, Prusten, Schwappen. Die siebenhundert Besucher wechseln von Bade- zu Unterhose, legen die Handtücher zusammen, packen die angebrochenen Prinzenrollen in die Taschen, schütteln die Decken aus und laufen in kleinen Gruppen zur großen Schwanseebadtreppe.

Siebenhundert Menschen verlassen nahezu geräuschlos das Freibad. Leise plätschert SARS-CoV-2-Genmaterial, unschädlich gemacht vom aggressiven Chlor, gegen den Beckenrand. Der Sprungturm unbetreten, die Wiesen unbelegt, das Wasser eine glattgestrichene Fläche. Es ist kurz vor zwei Uhr am bisher heißesten Tag des Jahres, noch für Stunden wird die Sonne über dem leeren Schwanseebad im Zenit stehen, in diesem Sommer der Pandemie.

Ansonsten: Weil die Gummibänder an den Ohren anstatt am Kopf befestigt werden, erweisen sich fünfzig Millionen von der britischen Regierung eingekauften Schutzmasken für den Krankenhausgebrauch als untauglich. Wer in Stuttgart trotz entsprechender Vorschriften keine Maske trägt, muss zukünftig ein Bußgeld von 75€ zahlen. Weil nach der Explosion die Versorgung der Verletzten Priorität hat, stellen viele Krankenhäuser in Beirut den Coronavirustest vorläufig ein. Die Zahl der Coronatoten steigt auf über siebenhunderttausend.

5. August | Die Gedichte dieser Zeit

(1) In was ich kaum noch hineinlese: Informationen, die von einem möglichen Impfstoff berichten. Zu viele ähnliche Texte schon gelesen und zwei Wochen später die Einordung, aus welchen Gründen dieser doch nicht den erhofften Erfolg verspricht. Außerdem nicht lesen: die stetig zunehmenden Informationen, welche die gesundheitlichen Folgen des Virus beschreiben (Herz, Niere, Gehirn etc.). Dieses Ignorieren geschieht aus Selbstschutz.

(2) Der Bundestagsvizepräsident, welcher einer Oppositionspartei angehört, sagt in einem Interview, dass die Politik es versäumt habe, den Menschen genau zu erklären, was das Ziel ihrer Coronamaßnahmen sei. Ich stutze. Nicht ein zu wenig an Informationen, sondern ein Überangebot davon scheint es in den letzten Monaten gegeben zu haben; monothematische Zeitungsstrecken, Podcasts, Talkshows, längere Reportagen, Newsticker, Interviews mit Experten, Pressekonferenzen etc. Wer wollte, hat sich informieren lassen können. Alles an der Aussage des Bundestagsvizepräsidenten dient einem Zweck; es ist nicht Informationsvermittlung.

(3) Am Abend am Frauenplan zusammensitzen. Zuerst muss eine Kontaktliste ausgefüllt werden. Seit dem Anstieg der Neuinfektionen vor zwei Wochen in Weimar ist das wieder Pflicht. Gespräch sind kommende Veranstaltungen. Zum ersten Mal seit März können die ausgefallenen Lesungen, Workshops, Ausstellungseröffnungen nachgeholt werden. Oftmals in kleinem Kreis (Lohnt sich eine Vernissage in einer Galerie, in der aktuell nur sieben Personen gleichzeitig sein dürfen?). Aber immerhin. Es ist ein Arrangieren mit den Umständen, es geht auch um die Existenz.

Fast einhellig ist die Meinung, dass im Herbst, wenn draußen keine Termine mehr möglich sein werden, diese drinnen nicht stattfinden können. Stattdessen ein Einrichten auf einen langen, veranstaltungslosen Winter, der bis ins späte Frühjahr ziehen könnte. Und ein Einrichten auf die Folgen, die das mit sich bringt.

Auf meine Frage, ob die Pandemie schon Eingang gefunden hat in das aktuelle Schreiben ein eher vorsichtiges Kopfschütteln. Die Gegenwart ist noch in vollem Gang, die Gedanken im Kopf ungeordnet, der Abstand zu gering, aktuell nur ein sachtes Hintasten in wenigen Sätzen. Die Gedichte über diese Zeit, so die Vermutung, werden erst nach dieser Zeit geschrieben werden.

Ansonsten: NRW erhebt zukünftig eine Strafzahlung von 150€ für das Nichttragen von Masken in öffentlichen Verkehrsmitteln. Der wegen Corona verschobene Kinostart des Disney-Films Mulan entfällt, dafür wird der Film gestreamt, 30$ wird das Anschauen kosten. Bolivien setzt die Schule für ein Jahr aus. Laut einer Studie dauert ein durchschnittlicher (Home Office)-Arbeitstag während der Pandemie 48,5 Minuten länger als zuvor. Den mit dem SARS-CoV-2 infizierten Robin Hanbury-Tenison aus Cornwall hält während seines Kampfes gegen das Virus der Gedanken am Leben, dass er nach seiner Genesung einen Biber freilassen kann.

4. August | Der Blueser und das Virus

Am Frühstücksbüfett ist Handschuhpflicht. Maske ist die Kür, um Mindestabstand wird gebeten. Vor dem Büfett ein kleiner Tisch, auf dem ein Stapel Servietten liegt, daneben ein Desinfektionsspender und eine Packung dünner Einmalhandschuhe. Nahezu alle Frühstückerinnen greifen danach, es geht zivilisiert zu am Büfett.

Der Teufel liegt im Detail. Gerade beim An- und Ausziehen der Handschuhe: Welche Finger berühren wann welche Bereiche der Hand? Wie lässt sich ein Handschuh so abstreifen, dass die kontaminierten Stellen nicht die geschützten verunreinigen? Schleudert das schnappende Gummi nicht womöglich Virenmaterial über den Frühstückstisch?

Vorschriftsmäßig greifen die behandschuhten Hände nach Servietten, mit denen sich später über den Mund gewischt wird. Der Pa­t­ri­arch aus Ostsachsen behält die Handschuhe beim Schneiden der Brötchen an, liebevoll umgreift der Handschuhschutz die Körnerkrusten. Nebenan der alter Blueser trägt keine Handschuhe.

Abgesehen vom Blueser sind es alles vorsorgliche Handlungen. Alle halten sich an die Hygieneregeln, selbst, wenn sie Umstände machen, wenn sie den gemütlichen Vorgang des Frühstücken beeinträchtigen und verkomplizieren, wenn jede Handbewegung mit Handschuh daran erinnert: Das ist kein normaler Sommer, das ist kein normales Entspannen, außerhalb dieser Büfettsicherheitszone lauert ein potenziell tödliches Virus, vielleicht ist es sogar hier, vielleicht habe ich mich gerade infiziert, als ich selbstgeimkerten Honig auf meinen Teller tropfen ließ.

Die Lücken in der Sicherheitszone entstehen – abgesehen vom alten Blueser – nicht aus Böswilligkeit. Sie entstehen aus Unwissenheit (Wie wird ein Handschuh angelegt), aus verständlicher Nachlässigkeit am Morgen, aus Tollpatschigkeit. Bis auf den Blueser geben sich alle Mühe, das ist etwas.

Später denke ich noch mehrmals über das Frühstücksbüfett nach. Mir fällt ein fehlerhafter Gedankengang meinerseits auf. Wie bei der üblichen Maske geht es beim üblichen Handschuhtragen nicht darum, mich zu schützen. Sondern andere. Indem ich meine Hand unter einem Handschuh verberge, verhindere ich die Übertragung meiner potentiellen SARS-CoV-2s auf andere. Wenn alle Hände so geschützt sind, kann kein SARS-CoV-2 die Weichkäseplatte kontaminieren.

Und ich denke: Es gibt eine Hierarchie der Risikobewertung. Wenn ich Mundschutz trage, den Mindestabstand einhalte, meine Hände vor dem Büfett desinfiziere und dann Handschuhe anziehe, schaue ich skeptisch auf jene, die zwar Mundschutz und Handschuhe tragen und den Mindestabstand einhalten, aber ihre Hände nicht desinfizieren. Diese wiederum beäugen kritisch die, die Handschuhe anlegen und Mindestabstand halten, aber keine Maske tragen.

Alle ohne Maske, aber mit Handschuhen schauen empört auf den alten Blueser ohne Handschuhe. Hält dieser aber den Mindestabstand ein, wird ihm womöglich auffallen, wenn jemand sich beim Büfett direkt hinter ihn stellt und ihm in den Nacken atmet. Und kommt jemand im Ganzkörperschutzanzug mit Helm zum Frühstücksbüfett, werden ihm Maßnahmen wie Stoffmaske oder Handschuhe lächerlich und unzureichend erscheinen. Die Einschätzung, welcher Schutz angemessen ist, ist auch eine Frage der eigenen Position.

Ansonsten: Laut einer Umfrage haben zwei Drittel der befragten Deutschen kein Verständnis für Demonstrationen, die sich gegen die staatlichen Auflagen zur Eindämmung der Pandemie richten. Weltweit haben sich mehr als 18 Millionen Menschen mit SARS-CoV-2 infiziert, knapp 700000 sind daran gestorben. Im Juli waren in etwa 160 Ländern die Schulen geschlossen, mehr als eine Milliarde Schülerinnen waren davon betroffen. In Qingdao wird das »Chinesische Oktoberfest« eröffnet, das Hunderttausende in die Provinz Shandong locken soll. Wegen vorsätzlichen Hustens in Richtung Schiedsrichter oder anderen Spielern können Fußballspieler zukünftig des Feldes verwiesen werden.

3. August | Straße des 1. August 2020

Irgendwie hatte ich gehofft, dass Querdenken-Demonstrationen kein Thema mehr sein würden. Eine naive Vorstellung angesichts von Tag der Freiheit – Das Ende der Pandemie, der Demonstration, die am Samstag in Berlin auf der Straße des 17. Juni stattfand.

(1) Zwischen 20000 und 1,3 Millionen Menschen nahmen daran teil. Letztere Zahl basiert auch auf oft geteilten Fotos, welche die Loveparade vor knapp zwanzig Jahren zeigen. Während der Veranstaltung wird diese Zahl immer wieder berauscht von deren Größe genannt, als Beleg für eine »Welle«, die bald über das Land kommen werde.

(2) Überhaupt wird die »Wellen«-Metapher mehrmals eingesetzt; wir sind die zweite Welle, wir alle sind die Welle etc. Die mehrfach ambivalente Verwendung dieser Metapher (im medizinischen Sinn, im literarischen Sinn als Beispiel für eine Protestbewegung, die aus dem Ruder läuft) wird nicht thematisiert.

(3) Zeitgleich trendet auf Twitter #Covidiot mit dem Verweis auf die nicht eingehaltene Masken- und Abstandspflicht der Teilnehmerinnen. Deren Sympathisantinnen wiederum verweisen umgehend auf die Black Lives Matter-Demonstrationen von Juni und die dortige Enge und unterstellen damit Heuchelei. Auch wenn beim Betrachten der Videos von beiden Veranstaltungen auffällt, dass im Juni deutlich mehr Masken getragen wurden und zumindest bei einer Demonstration vor der Siegessäule Abstand gehalten wurde, die Irritation, dass die #Covidiot-Hashtagbenutzer diese Gemeinsamkeit beider so unterschiedlicher Demonstrationen kaum zur Kenntnis nehmen.

(4) Sehr bemerkenswert ist die Vielfalt der Teilnehmer. Oder besser: Die Gegensatzpaare, die widerspruchslos nebeneinander laufen. »No Nazi«-Transparente neben Die-Lunikoff-Verschwörung-T-Shirtträger, die Reichsflagge neben SchwarzRotGold, die russische Fahne neben der amerikanischen. Immer wieder wird das Grundgesetzt zitiert; auf dem T-Shirt »Die Würde des Menschen ist unantastbar«, ein Kruzifix auf das Grundgesetz-Buch geklebt etc.

Überhaupt ist der Glaube präsent (Deutschland braucht Jesus). Einige meditieren auf der Straße, andere tanzen zu einer Reggae-Version des alten sozialistischen Partisanenliedes »Bella Ciao«, während jemand einen AfD-Sticker auf seine Handyhülle geklebt hat. QAnons laufen neben Esoterikerinnen, Impfgegnerinnern neben Ärztinnen. Der 50jährige Camp-David-T-Shirtträger geht neben der 20jährigen Kapitalismusgegnerin, die hofft, dass die Pandemie der Anfang vom Ende des Kapitalismus ist. Jemand hält ein Schild hoch: »Besser Corona als Auto Lärm Gift Tote Verletzte«. Von der Bühne setzt sich jemand in Tradition des Arbeiteraufstands von 1953 oder dem Mauerfall. Die »Wir sind das Volk«, »Wir bleiben hier«-Rufe sind sowieso permanenter Soundtrack.

Weltbilder fließen ineinander, Symbole stehen nebeneinander, verlieren ihren Sinn, bekommen einen neuen zugewiesen. Es ist schwer zu sagen, was – bei aller Unterschiedlichkeit – das ist, was alle eint. Die Pandemie ist nur Auslöser, selbst ein Symbol, das erst mit Bedeutung aufgeladen werden muss. Dafür ist diese Demonstration da: Bilder zu schaffen, Erinnerungen, Zeichen und Schlagworte. Auf der Bühne sagt einer: In zwanzig Jahren wird diese Straße Straße des 1.August 2020 heißen.

(5) Was die meisten gemeinsam haben, wird beim Betrachten des Videos von Dunja Hayali deutlich. Sie filmt etwa dreißig Minuten ungeschnitten ihren Weg durch die Demonstration hindurch. Das Video erinnert an die Szene aus Game Of Thrones, dem Walk of Shame der Cersei Lannister, in dem sie durch die Stadt läuft und vom Volk beschimpft wird, den Spießrutenlauf.

An diesem Tag stehen die Demonstrantinnen Hassspalier für Hayali. Manche brechen aus der Masse hervor, halten Hayali kurz ihr Smartphone ins Gesicht, filmen, fallen dann zurück, hämisch oft der Gesichtsausdruck, begeistert auch darüber, der Staatsmacht ein wenig Widerstand entgegengebracht zu haben. Teilnehmerinnen drängen Gespräche auf, fordern, »Die Wahrheit« zu berichten. »Die Wahrheit« ist ein großes Thema, danach wird verlangt. Immer wieder die Rufe »Schäm Dich Dunja«, vor allem immer: Lügenpresse. Fast die gesamten dreißig Minuten hindurch der nicht leiser werdende Chor, Lügenpresse, Lügenpresse, Lügenpresse.

(6) Tue ich die Rufe anfangs als typische Folklore solcher Veranstaltungen ab, zermürbt mich das unablässige Geschrei. Das ständige Skandieren macht mich in seiner Penetranz und Schlichtheit dünnhäutig, fast aggressiv. Es ist schwer, in diesem Sound wahrzunehmen oder Gedanken zu fassen. Anders gesagt: Lügenpresse wirkt. Die Rufenden erreichen ihr Ziel.

(7) Nach einigen Stunden wird die Demonstration aufgelöst, wegen nicht eingehaltener Hygienevorschriften. Ansonsten greift die Polizei kaum ein, anders als bei einer parallel stattfindenden Gegenkundgebung, auf die gut geschützten Polizisten in den Zug der Protestierenden hineinlaufen und nicht wenige zu Boden werfen.

(8) Wieder das alte Spiel: Wie viel Aufmerksamkeit soll den 1,3 Millionen 20000 geschenkt werden? Wie repräsentativ stehen sie für die anderen 82 Millionen? Suggerieren die Bilder, Texte, Videos nicht eine Dringlichkeit, die so nicht vorhanden ist? Wird diese Dringlichkeit erst durch die Erzählungen darüber geschaffen? Was hat es zu bedeuten, wenn NoNazi neben Landser, Kapitalismuskritikerin neben Reichsbürger demonstriert? Wie groß ist die Schnittmenge, was sind die Schnittmengen? Wie dauerhaft ist die Vereinbarung, über die Unterschiede hinwegzusehen und sich für das gleiche Anliegen starkzumachen? Was ist überhaupt das Anliegen? War das einfach der heißeste Tag des Jahres oder werden solche Allianzen von Dauer sein? Welche Folgen können daraus erwachsen?

(9) Ich hoffe sehr, dass Querdenken-Demonstrationen niemals mehr ein Thema sein werden.

(10) siehe (0)

Ansonsten: NRW führt die Maskenpflicht in Schulen ein. Nach Coronainfektionen auf den gerade erst wieder gestarteten Kreuzfahrten wird der Kreuzfahrtbetrieb vorerst auf Eis gelegt. Patrick Stewart liest das hundertste Shakespeare-Sonnet, mit dem Lesen begann er zu Beginn des Lockdowns.

2. August | das Geräusch, mit dem ein Paddel in Seewasser taucht

In den letzten Tagen das einzige von Bedeutung das Geräusch, mit dem ein Stechpaddel in Seewasser taucht. Kaum Gedanken zu den Coronomonaten, von denen ich glaubte, sie weiterverfolgen zu müssen. Von der Welt so gut wie nichts mitbekommen. Nur ab und an bricht ein Geschehnis durch, ich fange es ab, bevor es mich erreichen und beschäftigen kann. Es ist Luxus, so viel ist mir bewusst, dieses Tanken von Nichts, das Ansammeln von Sommerflirren, das durch den Herbst und Winter bis in die nächste Saison tragen soll.

Eine Woche aussetzen, damit in der Erinnerung eine Woche lang die Pandemie nicht stattgefunden hat. Natürlich findet sie statt, denn wenn ich mich in wenigen Minuten erstmals wieder an die Newticker heranpirschen und an den Zahlenkolonen entlangstreifen werde, werde ich feststellen, dass das, was geschehen ist, keinen Anlass bietet anzunehmen, dass irgendetwas geschafft wäre.

Nur Bemerkungen zu zwei Geschehnissen (von sicherlich wesentlich mehr), die mir bemerkenswert scheinen.

(1) Wenige Tage, nachdem Herman Cain, einer der republikanischen Präsidentschaftskandidatenbewerber von 2012, die Wahlkampfveranstaltung von Donald Trump in Tulsa besucht hat, wird er mit einer Covid19-Erkrankung ins Krankenhaus eingeliefert. Während er an Beatmungsgeräte angeschlossen ist, twittert sein Social-Media gegen die Maskenpflicht an. Noch am Tag seines Todes wird ein solcher Tweet abgesetzt: Als Herman Cain an Covid19 stirbt, erklärt er auf Twitter, dass Covid19 nicht gefährlich sei.

(2) Die bayrische Polizei gibt bekannt, dass sie, entgegen aller Beteuerungen, dass die Adresslisten, die bei dem Besuch einer Gastronomie ausgefüllt werden müssen, nicht für polizeiliche Ermittlungen verwendet sollen, diese Adresslisten für polizeiliche Ermittlungen verwendet. Es sei schließlich im Interesse des Bürgers, Verbrechen aufzuklären.

>>> zu den Coronamonaten Februar – Juli 2020

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