bisher: August – Dezember 2020 | Februar – Juli 2020


31. Juli | Coronamonate, ausgestellt

Heute eröffnet die Ausstellung. Wie seltsam, die Worte und Momente an die Wand zu hängen und in Vitrinen zu packen, so, als wären die Coronamonate schon vorbei. Wie beruhigend.

Die Tagebucheinträge sind wie ein Zeitstrahl, eher eine Schneise, die einen Weg durch meine Pandemie schlägt. Vermessen zu glauben, es wäre möglich, etwas so Unübersichtliches und Gewaltiges komprimieren zu können auf einen Gang. Andererseits stellt sich beim Schauen auf die Wände, die Rahmen und Fotos ein tiefes, fast sattes Gefühl der Ordnung ein, so sortiert erscheint die Pandemie gezähmt auf seltsame Weise.

Später die erste Lesung aus den Coronamonaten. In fünfzehn Minuten durch siebzehn Monate. Eine Raffung, die sich auch ein wenig wie ein Ausschlachten der eigenen Beobachtungen anfühlt, gerade bei Auswahl; für jedes Wort, das ich lese, lasse ich hundert weg, für jedes Argument, jeden Eindruck, jede Ambivalenz gilt das ebenso. Auf die gelesenen Einträge wird reagiert. Ich bin überrascht und auch überfordert von den Gefühlen anderer darauf und ich frage mich, weshalb das so ist.

Gestern habe ich das Wort »Corona-Nostalgie« gehört, die Verklärung der ersten Monate. Nostalgie sind die Coronamonate nicht, aber mittlerweile Material. Material, aus dem ich Textblöcke breche, die ich rahme, an denen ich feile und formuliere, Sätze, die nicht mehr die Funktion haben, einen gegenwärtigen Eindruck festzuhalten, sondern die im Rückblick für ein Ganzes stehen sollen. Das verändert meine Worte, ich baue eine Distanz auf. Ich, der geschrieben hat, ist ein anderer als der, der sie auswählt. Ich muss nicht mehr fühlen, ich lektoriere. Mein Corona-Empfinden wird mir beim Ausstellen der Coronamonate fremd, was gut ist, was notwendig ist, was die Überforderung erklärt.

Im Zwischenraum unserer gemeinsamen Ausstellung (Y. stellt wunderbare Foto- und Textarbeiten über Weimar aus) hängen Schnüre, liegen Zettel, stehen desinfizierte Stifte bereit. Wer will, kann eigene Worte zu Corona und der Zeit davor finden. Nach der Vernissage, als die meisten gegangen sind, machen wir einen letzten Rundgang durch die letzten Monate. An der Schnur hängen vier beschriebene Zettel. Sie alle berichten von der Pandemie. Es ist ein Auftakt, etwas Neues, dieses Erinnern, noch während das Große weiterhin geschieht.

Ansonsten: wird es die nächste Woche keinen Eintrag geben. Nach dem 9. geht es weiter. Die Ausstellung ist noch bis zum 26. September auf Schloß Burgk zu sehen.

30. Juli | endlich Covid wie Grippe

Die Stimmen werden harscher. Ein Verhaltensforscher schlägt vor, dass, sollte es erneut zu Triagesituationen kommen, der Impfstatus bei der Entscheidungsfindung eine Rolle spielen sollte, weshalb andere ihn Impffaschisten nennen und die Zahlen zeigen, dass der Übertragungsschutz mit den Monaten deutlich abnimmt und allmählich wird zum Allgemeinwissen, dass eine Impfung keinen absoluten Schutz vor einer Infektion garantiert und ich frage mich, wenn ich endlich schreiben kann: Covid ist wie Grippe.

Covid ist wie Grippe, wenn die Mehrheit einen Grundschutz besitzt und die schlimmen Verläufe stattfinden können, aber nicht in überwältigender Zahl und damit das so bleibt, muss sich nur regelmäßig geimpft werden und wer geimpft ist, kann sich anstecken und dem kann es auch ein paar Tage dreckig gehen, aber nicht mehr und wer nicht geimpft ist, der riskiert mehr und je nach Jahr und Saison werden die Zahlen anders sein und es wird auch zu Überlastungen kommen können, aber keine Pandemie mehr, kein Flächenbrand, sondern Covid als Teil des Herbstes und Winter, nicht mehr als Ausnahmezustand.

Wann werde ich das schreiben können, weil schreiben werde ich es müssen, weil ansonsten lebenslang Covid wäre, lebenslang Masken und Wellen und Modelle und Newsticker und dauerhafter Abstand, lebenslang die Coronamonate und das wäre bei aller Hingabe zum Schreiben etwas, dass nicht nur nicht wünschenswert wäre, sondern vollkommen realitätsfern, das Jahr 2020 auf ewig auf alle Jahre legen.

Wann werde ich schreiben, Covid ist eine Grippe, dann, wenn alle geimpft sein können, die geimpft sein wollen und wenn es genug sind, um einen Flächenbrand auszuschließen, wenn es die Kinder sind, ohne dies bleibt Covid keine Grippe, sondern eine Ausnahme, eine Katastrophe.

Ansonsten: Im thüringischen Sonneberg löst das »Bratwurst-Impfen«, mit dem der zunehmenden Impfmüdigkeit begegnet werden soll, löst einen Ansturm Impfwilliger aus. Laut der US-Gesundheitsbehörde ist Delta so ansteckend wie die Windpocken. Wegen stark steigender Zahlen weitet Olympia-Gastgeber Japan den Notstand aus. Die allgemeine Testpflicht für Reiserückkehrerinnen wird beschlossen. Impfpflicht bei Google und Facebook. Peter Sloterdijk schlägt ein Aussteigerprogramme für Querdenkerinnen vor. Weil die deutschen Haushalte nach den Hamsterkäufen gut versorgt sind mit Toilettenpapier, produzieren die Papierfabriken im ersten Halbjahr weniger Toilettenpapier. Mehr als die Hälfte aller Deutschen sind komplett geimpft.

28. Juli | Vorbereitung

Heute Aufbau der kommenden Ausstellung zu den Coronamonaten. Lauter Bilder und Einträge gerahmt, aufgehangen und abgegangen. Kaum etwas von der sonstigen Welt mitbekommen.

27. Juli | die aus freien Stücken Ungeimpften

Heute noch einmal den gestrigen Eintrag. Sorge ich mich um die aus freien Stücken Ungeimpften? Warum sollte ich? Sie sorgen sich ja auch nicht um mich. Sie sorgen sich ja um gar nichts, unterstelle ich, sie pfeifen auf uns. Müssen wir Rücksicht auf sie nehmen? Ich übertrage das Virus zu maximal 15%, sie übertragen komplett. Muss ich sie verstehen wollen, begreifen, woher sie ihre Überzeugung nehmen, muss ich mich hineinversetzen, muss ich sie verteidigen, ihr Grundrecht, auf ein Nena-Konzert zu gehen? Muss ich irgendetwas in Bezug aufs Impfen müssen? Ich unterstelle: Wer sich aus freien Stücken nicht impfen lässt, dem ist auch sonst alles egal. Dem war bisher alles egal. Wer keine Zweifel hat bei der Entscheidung, sich nicht impfen zu lassen, wer nicht einen Moment zögert, wer sich nicht doch eine Sekunde lang vorstellt, wie es wäre, ein Marienkäferpflaster auf dem linken Oberarm zu tragen, dem muss ich nichts zugestehen. Der denkt in Telegramm-Großbuchstaben, der rechnet mit Zahlen in Wahrscheinlichkeiten, welche eine Welt abbilden, die meine nicht ist. Der aus freien Stücken Ungeimpfte ist der, der meine Kinder gefährdet. Ist die, die mit ihrem Ungeimpftsein für den nächsten Lockdown sorgen wird. Der für die Folgen des nächsten Lockdowns verantwortlich sein wird. Die anderthalb Jahre aufs Spiel setzt, weil sie sich abgekoppelt hat von der Wirklichkeit. Der, der nicht eine Sekunde schwankt, der keine Gewissensbisse hat, der stolz verkündet, der sich brüstet, der mit seinem Ungeimpftsein Bestätigung bei Gleichgesinnten sucht, der sich deshalb im Clinch sieht mit der Obrigkeit, der Kraft schöpft aus dem, was er vermeidet, der die Nichtaktion als revolutionären Akt wahrnimmt, dem muss ich nichts zugestehen, den kann ich verloren geben, um den muss ich nicht ringen. Der muss mir nichts, ich muss ihm nichts.

Diese Zeilen schreibe ich in der tiefen Nacht, weil ich den Eintrag tags zuvor als unzureichend empfinde. Ich will diese Worte auf öffentlich stellen, entscheide mich so, wie man wie bei allem, was man in tiefer Nacht schreibt, entscheiden sollte, erst einmal dafür, einen Morgen abzuwarten.

Einen Morgen später lese ich, wie ein Arzt in einem Interview sagt, dass er beim Impfen hauptsächlich die weiße Mittelschicht sieht. Ein Text schreibt über die soziale Frage beim Impfen. Dass es auch eine Frage der Sprachen ist, des Ansprechens, wie der Arzt mit den Patienten spricht, »Das Misstrauen sozial Benachteiligter gegenüber dem Gesundheitssystem sitzt tief und hat Gründe. Es geht um Diskriminierung von Menschen mit Migrations- und Klassenhintergrund.«

Ich frage mich, ob mein Blick zu eng ist, zu unversöhnlich. Ob ich diskriminiere, wenn ich pauschal die freiwillig Ungeimpften in einem Satz rasiere, ausklammere, wie Informationen verteilt werden, an wessen Bedürfnissen das Gesunden ausgerichtet ist. Aber ich frage mich auch: Ist es von Bedeutung, aus welchen Gründen sich jemand nicht impfen lässt? Geht es nicht um den simplen Fakt: Geimpft oder nicht? Aber ich frage mich auch: Geht es nicht zuerst einmal darum zu verstehen, warum etwas geschieht? Zu verstehen, warum das Impfen nicht stattfindet? Sollte dieses Verstehen nicht objektiv und gefasst erfolgen, ist das nicht die Grundlage dafür, etwas ändern zu können, etwas besser zu machen?

Das möchte ich denke, deshalb stelle ich den aufgewühlten Nachtzeilen die unzureichenden Morgenzeilen zur Seite.

Ansonsten: 70 Prozent aller Erwachsenen in der EU sind mindestens einmal geimpft. Die Neuinfektionen in den Niederlanden gehen stark zurück. Weil in England in den letzten beiden Wochen fast zwei Millionen Menschen in Quarantäne waren und deshalb die Versorgung teilweise zum Erliegen kam, bietet die Regierung nun tägliche Tests als Alternative zur Selbstisolation an. Der Veranstalter eines Nena-Konzert sagt nach deren Äußerungen zum Hygienekonzept das Konzert ab. Helge Schneider sagt alle seine Strandkorbkonzerte ab.

26. Juli | Pandemie der Ungeimpften II

Weiterhin geht mir dieser Satz nicht aus dem Kopf, die Pandemie der Ungeimpften: neben der Pandemie der gezwungenermaßen Ungeimpften jene der aus freien Stücken Ungeimpften.

Es gehört nicht viel Fantasie dazu, diese Bruchlinie als eine der zentralen Fragen dieser Zeit zu sehen, sie ist es längst. In Deutschland sinken die Impfzahlen rapide, fast überall sind keine Termine mehr für Erstimpfungen notwendig. Wer möchte, dem ist Impfen heute möglich. Was auch bedeutet, dass das Impfen in eine neue Phase tritt, jene, in die die USA längst gerutscht ist: Es gilt nun die zu überzeugen, die sich nicht impfen lassen wollen, aus Bequemlichkeit, aus Überzeugung.

Jemand berichtet von seinen Erfahrungen, wie Menschen zum Impfen gebracht werden können: Impfen im gewohnten Umfeld, von und mit Menschen, die einem vertraut sind, Impfen als Nebenaspekt eines kleinen Events, kleine Ermunterungen, Gespräche führen. Es kostet Zeit, Geld, Energie, positive Anreize, braucht andere Pläne, andere Orte als die großen Impfzentren oder die Hausarztpraxen, zu denen die Impfwilligen von selbst strömen. Der Impfstoff muss zu den Ungeimpften und das ohne Vorbehalte.

Das ist der einfache Teil. Vom komplizierten Teil lese und sehe ich. Ein kalifornischer Mann, der übers Impfen spottet, der schreibt »I got 99 problems but a vax ain’t one«, er stirbt an Covid. Ein anderer Mann, Small-Business-Owner und Jäger, überlebt knapp die Krankheit, wird im Krankenbett gefragt, ob er sich geimpft hätte, wenn er vorher gewusst hätte, was ihn ereilt hat. Der Mann erklärt, dass er sich niemals impfen lassen würde, weil er sich niemals »ihrer« Agenda unterwerfen würde.

Antiimpfen als Ideologie – wie soll dort ein Gespräch möglich sein, wie sollen Argumente ausgetauscht werden? Denn Argumente gäbe es: die Ängste und Sorgen, die Zweifel, die Beispiele aus den vergangenen sieben Monaten, das unzureichende Wissen. Darüber ließe sich sprechen, das ließe sich ernst nehmen. All die Skepsis kann ins Verhältnis gesetzt werden zu den 4,2 Millionen Toten, den Long-Covid-Fällen, die Entscheidung kann gefällt werden, eine Wahrscheinlichkeitsrechnung.

Aber wie mit denen umgehen, für die Impfen eine böswillige Absicht der als feindlich wahrgenommen Seite ist? Sollen sie verloren gegeben werden? Tragen sie allein Verantwortung für ihre Überzeugung? Was ist mit den youtubes, telegramms, Querdenkenvordenkern, den emeritierten Schwurbelprofessoren, den FoxNews und Globulinenas? Sollten sie zur Verantwortung gezogen werden, wie?

Und wieso sollte die Gesellschaft Rücksicht nehmen auf die Anti-Überzeugten? Wie lange sollte sie das? Bis wann soll die Solidarität mit den freiwillig Ungeimpften anhalten? Ab wann ist eine Impfdiskriminierung legitim? Oder sollte gar nicht mehr unterschieden werden, sollten die Ungeimpften wie die Geimpften behandelt werden, wohlwissend, welchem Risiko sie sich aussetzen? Der Umgang, die Argumente, der Druck, die Trennung, der Verzicht – das werden einige der härtesten, belastendsten Fragen der nächsten Monate sein, für alle zusammen, für jeden, der einen oder eine überzeugt Ungeimpfte persönlich kennt.

Ansonsten: In Großbritannien sinken die Deltazahlen. Wegen des Mangels an medizinischem Sauerstoff übernimmt in Tunesien das Militär die Verteilung. Nachdem Nena bei einem Konzert ihre Fans dazu aufruft, das Hygienekonzept zu missachten, bricht der Veranstalter den Auftritt ab.

25. Juli | schweißgebadet

Manchmal wache ich (schweißgebadet) auf und denke: Was, wenn Covid harmloser als die Grippe war? Was, wenn Masken nicht nur nicht helfen, sondern zum Ersticken führen? Was, wenn der Lockdown mehr Tode verursacht hat als verhindert? Was, wenn die Impfungen mehr Schaden anrichten als die Krankheit? Was, wenn meine Meinung, die ich mir in den letzten achtzehn Monaten gebildet habe, meine Einstellung, die die Summe all meiner Beobachtungen ist, sich als falsch herausstellen sollte, wenn ich widerrufen und Abbitte leisten müsste, schweißgebadet.

Ansonsten: Helge Schneider bricht ein coronakonformes Strandkorbkonzert ab. In Frankreich protestieren 100000 gegen die Verschärfung der Coronamaßnahmen. In den Überflutungsgebieten bewerfen einige Querdenkerinnen Rettungsfahrzeuge mit Müll. Nachdem Präsident Bolsonaro sagte, dass man sich durch Impfstoffe in einen Alligator verwandeln könnte, wird es in Brasilien zum Trend, im Alligatorkostüm zur Impfung zu erscheinen.

23. Juli | nächstes

Ein Vorgriff auf den 24., da ich die nächsten Tage nicht zum Schreiben kommen werde. Die vorletzte gesamtheitliche Aufzeichnung eines Coronamonats und so richtig kann ich nicht beurteilen, was ich eigentlich geschrieben habe. Was war Punkt der vergangenen 30 Tage? Ging es um den Tiefstand der Zahlen und die Rückkehr zur Normalität? War es ein stilles Steigen und damit der Übertritt in eine nächste Phase? Ist das Erahnen und das Starren darauf nicht schon mindestens zwei Mal geschehen, was kann ich dem Neues abgewinnen?

Meine Betrachtungen scheinen mir ausgeschöpft. Die zweite Impfung ist geschehen, wie weit verbindet sich meine Geschichte noch mit der Pandemie, so, dass es notwendig ist, darüber zu schreiben? Soll es jetzt darum gehen zu beschreiben, wie es gelingt, das Virus in einen geordneten Alltag zu integrieren?

Zwei persönliche Sachen werden meine nächsten Monate bestimmen, beide finden auf einer Metaebene statt. In einer Woche eröffnet eine Doppelausstellung, die ich gemeinsam mit Yvonne Andrä gestalte, eine Hälfte gehört den Coronamonaten. Ich werde diese Aufzeichnungen in ein Schloss hängen. Damit habe ich mich die letzten Wochen beschäftigt, mich durch anderthalb Jahre gearbeitet, durch 800 Seiten Text, die vielen Fotos, all dem Festgehaltenen Worte und Bilder entnommen, die mir beispielhaft scheinen für die Zeit. Ob die Vorstellung aufgeht, werde ich ab dem 31. Juli sehen.

Voraussichtlich Ende des Jahres werden diese Aufzeichnung als Buch erscheinen. Auch dafür habe ich mit einer Sortierung begonnen, weil es dafür eine Auswahl braucht, auch ein Überprüfen und Streichen. Wie sich 18 Monate komprimieren lassen, wie sie die Redundanz erzählen, ohne sich in Wiederholungen ergehen, wie sich meine Wahrnehmung, meine Bewertung im Rückblick liest, welche Fehlannahmen ich mir zugestehe, all das werde ich in nächster Zeit entscheiden. So gleiten die ewigen Coronamonate allmählich in die Vergangenheit, werden zu etwas Geschehenen, obwohl mir bewusst ist, dass nicht vorbei ist, was bisher war, dass ich es aber brauchen werde, diesen Abstand, auch einen Abschluss.

Ansonsten: Querdenkerinnen begeben sich in die Gebiete der Flutkatastrophe. Wegen einer Sicherheitslücke stoppen Apotheken die Ausstellung von Impfzertifikaten. Der Militärkonvoi aus Bergamo. Bevor sie beatmet werden, bitten sie um die Impfung. Warum die amerikanischen Republikaner plötzlich die Impfung empfehlen. (Ihre ungeimpften Wählerinnen sterben an Delta)

22. Juli | Inzidenz 800

Die Zahlen steigen, die Verdopplung folgt den Gesetzmäßigkeiten. Infektionen bei 2000, dann 4000, dann 8000, 16000, 32000 usw. Modelle werden berechnet, Szenarien erstellt, der Bundesgesundheitsminister erklärt, die 200 sei die neue 50 und warnt vor einer Inzidenz von 800 im Herbst, das wäre die alte 200.

Ich verteidige die Szenarien, weiß, dass sie eine Methode sind, um Erwartungen an die Zukunft zu formulieren, weiß, dass ein Szenario nicht DIE Zukunft sein kann, sondern eine an von vielen möglichen Zukünften zeigt, dass ein Szenario abhängig ist von den Faktoren, die dafür gewählt werden, dass die Inzidenz 800 eben diese wenigen Faktoren zur Grundlage der Annahme macht.

Und doch, im Gegensatz zu den bisherigen Wellenbeginnen, schaue ich diesmal anders auf die erwarteten hohen dreistelligen Zahlenmengen. In meine Bewertung fließen die Beobachtungen aus den letzten 17 Monaten ein: die Beobachtung, dass sich Zahlen nur bis zu einem bestimmten Punkt frei entwickeln, dass dann Kräfte eintreten, welche das Steigen bremsen. Noch bevor Maßnahmen verordnet werden, verändert sich schon das Verhalten der Menschen. Sie sehen die Zahlen, das Steigen, sie nehmen von selbst Abstand voneinander. Weil die Zahlen wachsen, bremsen sie sich irgendwann ab.

Das ist mein Blick auf die Inzidenz 800. Das ist die Hoffnung. Der Herbst wird ein anderer sein als vor einem Jahr, auch, weil die Auswirkungen der Zahlen andere sein werden; andere Infizierte, andere Verläufe, andere Reaktionen. Mein Herbst ist voller Pläne, ein Nachholen der letzten anderthalb Jahre. Ich weiß, wenn die Inzidenz 800 käme, nicht die Schlachthöfe oder Baumärkte wären die gesperrten Orte, sondern dort, wo ich beabsichtige zu sein. Auch deshalb dieser Blick, die Annahme der Selbstregulierung, das Vertrauen darauf.

21. Juli | Ungeordnetes

In Weimar steht seit Tagen die Inzidenz bei Null; Null Infektionen, Null aktive Fälle, Null Corona trotzdessen, dass die erlebnishungrigen Touristenströme längst wieder die bekannten Wege entlangfließen.

Zwei Wochen sind seit meiner Zweitimpfung vergangen; die Tage danach schlapp und erschöpft gewesen. Jetzt kann ich wohl schreiben: keine Impffolgen, nun bin ich pandemiesicher, zwar nicht sicher vor einer Ansteckung, aber vor einem schweren Verlauf.

Das Bundesland mit der niedrigsten Inzidenz ist Sachsen und das ist, nach all den Nachrichten über Sachsen, eine Nachricht, die hier stattfinden soll. Ich war nie ein Freund der These, dass hohe Inzidenzzahlen an das Wahlverhalten geknüpft sind, weil wenn, was würden dann diese Tage über die 27,5% erzählen?

Ansonsten: Der Schöpfer des Christian-Drosten-Räuchermännchens lässt sich das Design beim Deutschen Patent- und Markenamt schützen. Über eine Millionen Kinder haben weltweit mindestens ein Elternteil in Folge der Pandemie verloren. Seit dem Tag des EM-Sieges haben sich in Rom die Infektionszahlen verfünffacht. 2020 sinkt die Lebenserwartung in den USA um anderthalb Jahre; der höchste Rückgang seit 1942. Eine Auswertung der Daten zur Übersterblichkeit kommt zu dem Schluss, dass die Zahl der Coronatoten in Indien vier- oder fünf Mal höher ist als die gemeldeten 400000 Toten. In dem von der Flut stark betroffenen Ahrtal fährt nun ein Impfbus. Hostie und Impfen im Stephansdom.

19. Juli | Pandemie der Ungeimpften

Der Satz geht mir nicht aus dem Kopf: Wir befinden uns jetzt in einer Pandemie der Ungeimpften. Bis Ende 2020 galt das für alle. Niemand war geimpft. Ein halbes Jahr später sind 2 Milliarden Menschen mindestens einmal geimpft, eine beeindruckende Zahl. Aber das heißt auch: Über 5 Milliarden sind es überhaupt nicht. Und schaue ich auf die Verteilung der Impfungen, sind es überwiegend die ärmeren Länder, in denen diese 5 Milliarden zuhause sind, eine gigantische Kluft tut sich auf.

Bei aller Kritik daran bin ich erleichtert, in einem reichen Land zu leben, das sich die Impfstoffe leisten kann, es sich leisten kann, mich, der zu keiner Risikogruppe gehört, schon jetzt zu impfen. Wären die Impfstoffe nach ihrer Bedürftigkeit verteilt, würde ich zu den Milliarden gehören, die erst noch geimpft werden, höchstwahrscheinlich erst im nächsten Jahr. Und so bin ich froh, geimpft zu sein, weiß, dass es wenig sinnvoll wäre, aufgrund meiner Kritik an der Ungerechtigkeit auf meine Dosis zu verzichten und weiß genauso um die Ambivalenz, ohne wirklich etwas dagegen zu tun oder tun zu können.

Der Blick geht zu den Ungeimpften im Land, jene, die noch keine Termine hatten, jene, denen es schwerfällt, sich zu organisieren, jene, die sich bewusst gegen eine Impfung entscheiden und die große Gruppe, denen es nicht gestattet ist, sich impfen zu lassen. Jede der Gruppen verdient eine eigene Betrachtung, eine eigene Bewertung. Doch sie alle sind jene, die die Pandemie der Ungeimpften ereilen wird.

In den Niederlanden, in Spanien, in Großbritannien färben sich die Inzidenzkreise schwarz, dort, wie die Maßnahmen nicht mehr gelten, wo Tage der Freiheit ausgerufen werden, die Diskotheken offen, die Masken gefallen. Und auch wenn ich die Zahlen anders sehen muss, sind diese Zahlen, die trotz der vielen Impfungen geschehen, etwas, das mich ratlos macht. Ratlos, weil ich mir nicht vorstellen kann, wie die Zahlen gesenkt werden können.

Auch hierzulande. Die Zahlen sind im exponentiellen Wachstum, Inzidenz 10 heute, nichts, was wirklich besorgniserregend wäre, in einigen Wochen wird bei dieser Geschwindigkeit eine weitere 0 hinzukommen, die Verdopplung hineingetragen in den Herbst, wenn die Schulen wieder beginnen, die Sonne schwindet und das Draußen allmählich verlöscht. Und wie dann reagieren? Wie die 100, die 200 drücken? Ein neuerlicher Lockdown, ein Schließen und Runterfahren? Ist das realistisch, im Monat der Wahl, nach achtzehn Monaten Pandemie, werden die 60-65% der Vollgeimpften, jene, die auf der sicheren Seite sind, noch einmal bereit sein, sich einzuschränken?

Meine Vorstellungskraft reicht dafür nicht und im Grunde kann ich es auch verstehen. Ich will das ja auch nicht; die mühsam zurückgewonnenen Räume aufgeben, die organisierten Veranstaltungen, die Pläne, Treffen und Umarmungen, ganz sicher nicht für die, die sich der Impfung bewusst entziehen.

Dabei wäre es jetzt schon möglich, diesen Herbst zu vermeiden: Die einfachen Maßnahmen beibehalten, die Kontaktverfolgung, die verpflichtenden Tests für jene, die nicht geimpft sind, das würde helfen, bei allen nachlässigen Momenten, grundsätzlich nicht alles über Bord werfen, nur weil zwei Mal eine Nadel in den Oberarm stach. Ich möchte sie mir nicht vorstellen, die Pandemie der Ungeimpften, weder hier noch anderswo.

Ansonsten: Die britische Regierung hebt fast alle Coronamaßnahmen auf. Der britische Premier begibt sich in Quarantäne. Ein irischer Athlet beweist mit einem Sprung auf ein Cardboardbett im Olympischen Dorf, dass die Geschichte von angeblichen Antisex-Betten zum Schutz vor Infektionen ein Hoax ist. Der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion schlägt vor, dass Impfverweigerer zukünftig für Tests zahlen sollten. Wegen der rasch steigenden Zahlen gehen in Myanmar Freiwillige von Haus zu Haus und holen die Toten ab.

18. Juli | abgehangen

Das meterhohe Hygienepiktogramm, das ein Jahr lang beim Bauhaus-Museum hing und über coronakonformes Verhalten informierte, ist nun abgenommen. Einige Meter weiter in den Park auf der Seebühne spielt ein Jugendorchester ein freies Konzert für alle; Hunderte gruppieren sich um das Wasser, Picknick auf der Wiese, meine erste Großveranstaltung seit über achtzehn Monaten.

Ansonsten: Erste Coronafälle im Olympischen Dorf. Im Olympischen Dorf werden sogenannte Antisexbetten aufgestellt, um Kontakte und damit Infektionen zu unterbinden. Proteste in Frankreich gegen strengere Regeln wie Impfpflicht und Impfnachweis. Der nordrhein-westfälische Familienminister fordert einen »Tag der Freiheit«, an dem alle Beschränkungen aufgehoben werden und alle für sich selbst verantwortlich sind und schlägt dafür den 3. Oktober vor.  4,2 Millionen Coronatote weltweit.

17. Juli | Geldtransfer

Sie sagt, sie finde in letzter Zeit vermehrt Zehn-und-zwanzig-Euroscheine auf der Straße, Geld, das den Leuten aus den Hosentaschen fällt, wenn sie ihre Masken herausziehen.

16. Juli | Aussöhnung

Ein interdisziplinäres deutsch-österreichisches Autor*innenkollektiv setzt unter dem Schlagwort »Corona-Aussöhnung« eine Webseite auf, veröffentlicht dort eine ausführliche Stellungsnahme. Ich bin interessiert, lese kurz hinein, überfliege. Was ich mitnehme, ist eine Bestandsaufnahme von Diskussionspunkten über Fakten und Vermeintliches, der Blick scheint durchgängig der von Maßnahmenkritikerinnen zu sein. Ich bin enttäuscht, nicht, weil ich die Darstellung der Informationen bewerte, sondern weil ich mir Auskunft erhofft hatte, wie eine Corona-Aussöhnung aussehen könnte.

Aussöhnung, was könnte wichtiger sein, denke ich, miteinander reden, sich nicht in Echokammern verkriechen, gerade nach den letzten siebzehn Monaten. Meine unmittelbare Reaktion ist Zustimmung. Direkt im Anschluss folgt der – leicht empörte – Gedanke: Warum sollte die Versöhnung von mir ausgehen? Ich war doch immer auf der richtigen Seite. Wenn, dann sollten sich die anderen auf mich zubewegen! Das ist natürlich Quatsch, denke ich sofort danach, was für Seiten, wieso sollte ich immer richtig gelegen haben, da ließen sich etliche Gegenbeweise führen, was bedeutet richtig im Zeitalter der Ambivalenzen. Aber grundsätzlich fühle ich schon so, bin davon überzeugt, wie auch sonst könnte ich ansonsten durch diese Zeit gehen?

Und – mit wem wöllte ich mich denn versöhnen? Sicher nicht mit Attila Hildmann, Sucharit Bhakdi oder Ken Jebsen. Mit wem dann? Ist es ein allgemeines Friedenschließen mit den Querdenkern? Den Coronaleugnerinnen? Wo fangen die Seiten an, die ich in richtig und falsch unterteile? Die Echsenmenschen gehören dazu, 5G, die Gates-Chips, all die offensichtlichen X-Files. Was ist mit denen, die wissentlich oder nicht falsche Zahlen zu Impftoten in die Feeds hämmern? Wie ist es mit der Grippefraktion, jene, die weiterhin die Grippewelle von 2017/18 als Bezugspunkt für die Pandemie nehmen? Die in den Zahlen zur Übersterblichkeit versinken, der Intensivbettenbelegung? Was ist mit denen, die Studien zur Gefährlichkeit von Masken zitieren? Die für Schulöffnung plädieren? Gibt es da nicht genügend Grautöne, die zumindest einen Dialog zulassen sollten?

Letztlich werde ich mit den allermeisten niemals sprechen, mich niemals aussöhnen müssen. Letztlich kann ich diese Diskussionsmuster dort verbuchen, wo auch die Fridays-For-Hubraum-Leute stecken. Ich weiß, sie gibt es, ich ignoriere sie, zu wenig kostbare Minuten, um sie in diese Aufmerksamkeit zu stecken.

Nein, letztlich geht es um die Menschen, die ich persönlich kenne, mit denen ich bisher Zeit verbrachte und es weiterhin möchte. Dort wäre eine Möglichkeit des gemeinsamen Sprechens notwendig. Doch ich weiß nicht, ob ich von Aussöhnung sprechen würde. Geht es darum, einen Teil des Anderen, den ich als übel und gefährlich empfinde, den ich nicht in Einklang bringe mit der Person, hinzunehmen, ihm eine geringere Bedeutung zuzusprechen als den großen Rest? Doch was, wenn es mir scheint, dass dieses Denken weit in den Charakter strahlt, den Charakter vielleicht bestimmt? Wie viel nehme ich hin, was bin ich bereit zu akzeptieren für eine gemeinsame Zeit?

Vielleicht ist die realistische Möglichkeit der Aussöhnung das Vermeiden von Sprechen, so lange, bis genügend Jahre vergangen sind, bis es unwichtig wird, was wir 2020 über eine von einem Virus bedrohten Gesellschaft dachten, die Entscheidungen treffen musste. Vielleicht geht es um eine selbstgewählte Blindheit.

Doch fürchte ich, wird es so einfach nicht sein. Ist das Sprechen über die Pandemie auch ein grundsätzliches Sprechen über die Welt. Heute sprechen wir über das Hochwasser in NRW, das Sprechen wiederholt sich, die Bewertung von Fakten, das Verteilen von Informationen, die Empörung, die Häme, das Lügen, das Zaudern, gleiche Wortketten, wieder und wieder, Aussöhnung, wieso sollte ich das wollen?

Ansonsten: Den vierten Tag in Folge wird aus Russland ein Höchstwert an Coronatoten gemeldet. Wegen der hohen Infektionszahlen müssen in Großbritannien zunehmend mehr Arbeitnehmer in Quarantäne gehen, so dass die Wirtschaft vor Produktionsausfällen warnt. Ein Landwirt im Münsterland fräst in sein 25000 Quadratmeter großes Maisfeld ein Labyrinth in der Silhouette einer Coronaimpfaktion. Der R-Wert liegt in den Niederland bei 3. Die Direktorin der amerikanischen Seuchenbehörde spricht angesichts der aktuellen Zahlen von einer »Pandemie der Ungeimpften«. Während der vier EM-Partien in Kopenhagen wurden bei 150 Menschen Infektionen festgestellt, weniger als erwartet. Im Uganda stoppt die nationale Arzneimittelbehörde den Vertrieb eines Kräuterheilmittels zur vermeintlichen Behandlung von Covid19. Das britische Parlament beschließt eine Impfpflicht für Pflegekräfte. Die Bundesregierung will nach Informationen den Einbau von Luftfiltern in Schulen mit zweihundert Millionen Euro fördern. In einem Dorf bei Görlitz lassen sich 200 Menschen mit dem nicht zugelassenen Impfstoff von Winfried Stöcker impfen.

15. Juli | eine der guten Seiten

Auf dem Teich im Park ist eine Seebühne aufgebaut. Seit einigen Tagen probt dort nachmittags ein Kinderorchester. Draußen kann es das; zu den Klängen von Ode an die Freude trägt der Sommerwind die feindlichen Aerosole aufs Wasser hinaus.

14. Juli | Tag im Juli

Eine Bundestagsabgeordnete schlägt vor, dass, wenn Eltern in den Klassenzimmern ihrer Kinder Luftfilter haben wollen, sie diese mitbezahlen sollen, der Ortsverband einer andere Partei spricht von Allgemeinen Lebensrisiko, wenn es um ungeimpfte Kinder geht, Sucharit Bhakdi sagt, dass die Juden durch die Impfungen Israel in eine living hell verwandelt haben, schlimmer als Deutschland damals, und im amerikanischen Bundesstaat Tennessee stoppt die republikanische Regierung das Impfen für Jugendliche gegen Covid19 und alle weiteren Krankheiten.

https://twitter.com/ismail_kupeli/status/1414969625448681473

13. Juli | kleines Pandemie 1×1

Ich lese den gestrigen Eintrag und frage mich, wie oft ich diesen schon geschrieben habe; das besorgte Feststellen steigender Zahlen, das Unverständnis über unzureichende Maßnahmen, das Benennen von Leerstellen, ein Unken in die Zeit hinein.

Bin ich es, der die immergleichen Gedanken dazu habe? Oder ist es die Situation, die sich wiederholt und wiederholt, mit kleinen Abweichungen stets, aber im Grunde sehr ähnlich? Oder sollte ich mir nicht mindestens einmal eine gänzlich andere Einstellung zulegen, das Steigen entspannt sehen, gerade in dieser vierten Welle, in der den Zahlen ja ohnehin eine andere Bedeutung zukommen wird?

Ich schreibe von fehlenden Luftfiltern in Schulen. Meine ich das erneut als Symbol für eine fehlende gesellschaftliche Übereinkunft, Kinder und Jugendliche als Gefährdete anzusehen, als wütendmachendes Beispiel dafür, dass wieder Konzepte erstellt werden, in denen die Jüngeren keine Rolle spielen, obwohl sie das in der vierten Welle im Besonderen werden? Oder meine ich das konkret, glaube ich tatsächlich, dass ein Luftfilter in jedem Klassenraum den notwendigen Schutz schon garantiert?

Und ansonsten: Was wäre eine angemessene Reaktion auf das Steigen? Ich will ja auch keine geschlossenen Freibäder und ausfallende Veranstaltungen und Kindergärten in Notbetreuung. Das nicht. Aber wie Sachsen die Maskenpflicht aufheben? Wie NRW die Kontaktverfolgung unterlassen? Natürlich kann ich mir vorstellen, weiterhin die Masken zu tragen, ganz grundsätzlich auf Abstand zu achten, zu desinfizieren, das kleine Pandemie 1×1. Das ist antrainiert, manchmal lästig, aber nichts, was besondere Anstrengung kostet, bei allen Momenten, in denen es lässig wird.

Wenn es von mir ausgeht, ist das zu schaffen. Schwieriger sind die sozialen Situationen, die nun vermehrt wieder auftauchen – wenn mir Hände entgegengestreckt werden, sich interessante Gespräche auf engem Raum anbahnen, Veranstaltungen, auf denen ich bin und zu viele andere – dann fehlt mir oft die Durchsetzungskraft, nicht selten der Wille, das 1×1 durchzuhalten.

Vielleicht ist das Wechsel im Eintrag, die Herausforderung der nächsten Monate: zu wissen, dass ich die Pandemie anders sehen sollte als in den 17 Monaten zuvor und mich dennoch erinnere, was war.

Ansonsten: Israel beginnt mit einer dritten Dosis zu impfen. In Deutschland starten Drive-in-Impfen und Impfen-to-go. Sachsen hebt die Maskenpflicht in Geschäften auf. In der EU sind mehr als die Hälfte der Erwachsenen vollständig geimpft. In Seoul dürfen in Fitnessstudios beim Gruppentraining keine Lieder mit mehr als 120 BPM gespielt werden. Griechenland verbieten das Tanzen für Touristen.

12. Juli | erneutes Steigen

Nach Monaten des Fallens steigt die Inzidenz, mehrere Tage in Folge nun schon. Die Zahlen sind niedrig, die Wachstumsrate ist es nicht. Es tritt ein, was in anderen Ländern geschehen ist. In den Niederlanden steigen die Zahlen von 500 auf 7000 innerhalb von zwei Wochen, fegen die Ansteckungen besonders durch die Gruppen der Jüngeren.

Das ist Delta, es sind die Lockerungen, das, was gerade auch hier geschieht. In seinem Bundesland schafft Bundeskanzler Laschet die Kontaktnachverfolgung bei einer Inzidenz von unter zehn ab, ein Beispiel von vielen. Ein anderes Beispiel von vielen habe ich am Wochenende erlebt, war selbst dabei, der Status geimpft funktioniert als Schutzzauber für die notwendige Nähe.

Wie ein Mantra die Aussage, dass die 7-Tages-Inzidenz als Referenz ausgedient habe. Denn die geimpften Angesteckten kommen meistens davon. Aussagekräftiger seien die Krankenhauszahlen, die Zahlen der ungeimpft Angesteckten und da besonders die Zahlen der Kinder und Jugendlichen.

Aber wird wer auf diese Zahlen schauen? Würde tatsächlich noch ein Fußballendspiel ohne Zuschauer ausgetragen werden, wenn die Inzidenz der 0-12 Jährigen über 165 läge? Ist es nicht längst abgemachte Sache, dass der einzige Luftfilter in Klassenzimmern das offene Fenster bleiben wird? Dass man das eine LongCovid-Kind pro Hundert in Kauf nimmt?

Jede Welle ist anders, jede Welle ähnelt sich. Das vierte Schwelen längst mehr als Rauch. Das erwartbare Steigen ist da. Was ist aus den Erfahrungen der letzten siebzehn Monate noch erwartbar?

Ansonsten: Wegen steigender Zahlen plant Frankreich eine Impfpflicht für das Gesundheits- und Pflegepersonal. Großbritannien plant eine Aufhebung fast aller Schutzmaßnahmen. Die Bundesregierung plant, die sogenannte Notbremse nicht mehr an eine Inzidenz von 100 zu koppeln. Der niederländische Premierminister entschuldigt sich für die Lockerungen. Zu einem »Impf-Frühschoppen« spielt die Stimmungskapelle des Musikvereins »Hoffnung« Hünsborn im Kreis Olpe auf.

11. Juli | Wembley

Am Abend die Bilder aus London, der Stadt, in der vor einem halben Jahr die Rettungswagen vor Notaufnahmen abgewiesen werden mussten: Männer, die versuchen, das Wembley-Stadion zu stürmen, andere Männer, die diese wegboxen, 60000 im Stadion, nah natürlich, maskenlos mehrheitlich, davor die Fanmeile, die Pubs, eine erst euphorisierte, dann frustrierte Masse, über jedem mit Flaggenfarbe bemalten Kopf schwebt ein R-Wert jenseits der 1. Ein gar nicht mal so komplexes Zusammenspiel zwischen denen, die diese Räume schaffen und gewähren und jenen, die diese Räume nutzen. Es gäbe verschiedene Blicke darauf; als Blick auf ein Fußballfest, ein Blick auf die Gewalt, an diesem Ort ein pandemischer Blick. Jemand schlägt vor, die Delta-Mutante zur UEFA-Variante umzubenennen.  

10. Juli | Tage der Ambivalenz

Am gestrigen Morgen hustend und mit erhöhter Temperatur erwacht. Unter keinen Umständen würde ich diese unrelevante Zustandsbeschreibung schriftlich festhalten und schon gar nicht ins Außen geben. Nur erinnere ich mich hustend und schwitzend an die letzten Tage und die Situationen, in denen ich mehrmals alles andere als fern zu anderen war, all die überfüllten Nahverkehrstransporte, die Vier-Augen-Gespräche, die gelüfteten Masken, die Aerosoloptionen, die Umarmungen, auch Handschläge und denke zugleich an die kommenden Tage, an die geplanten Veranstaltungen, die Fahrten dorthin, die Begegnungen.

Und dann wird der trockene Hals, das Symptom aller Symptome, relevant. Und ich weiß: Ein Selbsttest bringt keine Gewissheit. Doch lasse ich mich testen, verliere ich Zeit, die ich an diesem Freitag nicht habe. Doch teste ich nicht, wie wäre die Zukunft zu verantworten? Ich rede mit mir selbst über die Nachwirkungen der Impfung, über die weiterhin niedrige Inzidenz und die damit verbundene Wahrscheinlichkeit, rede über ähnliche Situationen, rede mir ein, dann eben zukünftig besonders umsichtig zu sein.

Aber das Selbstgespräch funktioniert nicht. Es wäre ein feiges, bequemes Auslassen. Ich lese, dass mit Covidsymptomen ein Testzentrum nicht betreten werden darf. Aber wie finde ich dann heraus, ob ich mich angesteckt habe? Sollte ich meine Symptome verschweigen und wie üblich zum Testen gehen? Ich wähle die Nummer der Weimarer Corona-Hotline. Ein Mann fragt Fragen und fünf Minuten später habe ich einen Testtermin für die besonderen Fälle.

Einmal durch den Dauerregen, einmal ein Satz Kleidung durchnässt und ich stehe am Testzentrum. Abseits des Haupteingangs wird mir eine geheime Tür geöffnet. Ich werde zu einer Extratrennwand geführt, die, wie mir scheint, besonders sorgsam eingepackte Ärztin hat dort einen Extratest vorbereitet. Nachdem sie meinem Körper organisches Material entnommen hat und es in eine rüttelnde und mischende Maschine gegeben hat, sagt sie: »Sie werden wollen, dass die Maschine neun Minuten arbeitet. Sollte es anders sein, nicht in Panik verfallen.«

Ich warte diese neun Minuten und verfalle in nichts außer Lethargie und dann kommt die Ärztin, entnimmt die Probe mit meinen Partikeln und liest daran ab, dass ich nicht angesteckt wurde. Negativ als erneutes Glücksmoment; die letzten Tage habe ich alles richtig gemacht; gesund geblieben, niemanden in Gefahr gebracht und dennoch das Leben in vollen Zügen genossen. Nun beginnt erneut die Zukunft, die nicht beeinträchtigt ist von den Lastern der Vergangenheit.

Schon am Abend tut sie das. Die erste Lesung seit zehn Monaten. Entsprechend zehn Mal so groß sind die verschiedenen emotionalen Zustände, die sich auch sonst vor einer Veranstaltung gegeneinander peitschen. Die Lesung ist auf einem Dorf, in einer Scheune, auch dort der erste Termin seit dem letzten Jahr. Rasch füllt sich die Scheune, bis auf den letzten Platz möchte ich schreiben und hinzufügen, dass das Einzige, was sich hier ein Meter fünfzig auf Abstand hält, die prächtigen Obstbäume im wunderschönen Garten sind.

Ich könnte natürlich entspannt sein: ich bin geimpft und getestet. Ich habe mit Verantwortung gehandelt. Zugleich ist dieser Abend gleich der nächste Prüfstein. Es ist unmöglich, sich im netten Miteinander und den nötigen Gesprächen deltakonform zu verhalten. Die einzige verantwortungsvolle Konsequenz wäre ein Vermeiden des Abends. Ich erwäge das, eine Sekunde vielleicht. Dann entscheide ich dagegen, weil ich gegen das Vermeiden diesen Abend stelle, die zehn Monate stelle, das bisherige Glück, vor allem die Inzidenz im Landkreis: 0 im Sinne von 0 Infektionen in den letzten 7 Tagen.

Der Satz »Ich bin schon geimpft« wird wie ein Schutzzauber beschworen und ich nicke, weil ich weiß, dass eine Impfung kein Zauber ist, aber Schutz und ebenso weiß, dass sie keine Garantie ist und lange nicht sein wird. Ich frage mich, wie es den anderen geht, wie locker sie sind, wie entspannt sie einfach die Wahrscheinlichkeit auf ihr Verhalten legen, ob es mich wahnsinnig hölzern macht, ständig solche Überlegungen anstellen zu müssen, wie inkonsequent es ist, ständig so zu denken und doch, wenn es darauf ankäme, anders zu handeln, ob das Schreiben darüber nicht eine nachgeschobene Entschuldigung ist, ob es nicht einfach so weitergehen wird – trotz schlechtem Pandemiegewissen Nähe suchen – wie diese anstrengenden Tage der Ambivalenz sich ausgehen auf Dauer.

Ansonsten: Den vierten Tag in Folge steigt die 7-Tages-Inzidenz. 35 Millionen Deutsche sind vollständig geimpft, knapp 60% mindestens einmal. Die Londoner Polizei bittet Fußballfans, sich am morgigen Endspiel nicht in größeren Gruppen zu sammeln. Biontech empfiehlt ab Herbst eine dritte Impfung. Ein deutlicher Geburtenrückgang in der EU und der USA aufgrund der Pandemie. Bei der Olympia in Tokio werden Zuschauer nicht zugelassen. Mallorca wird zum Risikogebiet erklärt. Im vergangenen Jahr verzeichnet die EU die höchste Sterberate seit Beginn der Aufzeichnungen, 2020 stieg die Zahl der Todesfälle im Vergleich zum Vorjahr um elf Prozent.

08. Juli | Mutantenalphabet

Gestern eine Auszeichnungsveranstaltung, die schon im letzten Jahr hätte geschehen sollen. Die Feier findet in einem Kloster statt. Zutritt mit Anmeldung, Eintragen auf einer Liste, am Eingang eine Box mit OP-Masken, die in der Kirche getragen werden, auf den Sitzbänken der bekannte Abstand. In den Reden – auch meiner – ist Corona Thema, unterschiedliche Aspekte werden jeweils betont. Zur Urkundenüberreichung nehme ich die Maske ab, beim Gang zurück zum Sitz setze ich sie wieder auf, beim Pressefoto wird der Abstand ins Bild hineingeschrieben.

Danach im halboffenen Klostergang, wo es Häppchen, Wein und Gespräche gibt, entfällt die Maskenpflicht. Auch hier ist Coronathema. Beim Sprechen mit vielen steht man sich frontal gegenüber, auch Umarmungen, nicht wenige deuten zuvor auf ihren Oberarm, als Zeichen, dass man geimpft ist und die Gefahr damit minimiert.

In der Kirche, beim Sitzen und Schweigen Masken, später beim Sprechen und Nahesein keine Masken. Der nachvollziehbare Unterschied ist Belüftung. So oder so gibt es eine Diskrepanz im Umgang mit Corona im Offiziellen und im Halbprivaten, eine Diskrepanz, die verständlich ist und in die mich begeistert hineinbegebe, aber immer noch eine Diskrepanz.

Später, auf dem Heimweg mit der Unsterblichkeitsblume im Kofferraum, frage ich mich, wie lange dieser Zustand anhalten wird, ob es nicht über viele Monate, vielleicht Jahre hinaus im Offiziellen diese Maßnahmen geben wird – die Masken, der Abstand, das Achten – und anderswo nicht mehr. Das Mutantenalphabet ist umfangreich, gerade tritt mit Lambda der nächste Buchstabe auf den Plan. Vielleicht war diese so oft verschobene Auszeichnungsveranstaltung Blaupause für die nächste Zeit.

07. Juli | Produktion

Über Nacht produziert mein Körper vermehrt Antikörper, glücklicherweise, nicht immer nur angenehm.

06. Juli | zweite Impfung

Heute meine zweite Impfung. Wieder die Fahrt nach Gera, ins Impfzentrum Ostthüringen, das in der Panndorfhalle gelandet ist. Der Weg dahin, auch die Abläufe darin vertraut. An den Wänden der Kabinen hängen Zettel, auf denen die Tage angegeben sind, wann die verschiedenen Impfstoffe verimpft werden, für AstraZeneca ist nur ein Tag vorgesehen. Andere Zettel informieren »In wenigen Schritten zum digitalen Impfausweis«.

Ich gehe die einzelnen Stationen ab, weiß, was mich dort erwartet, was von mir erwartet wird. Was geschieht, geschieht routiniert, deshalb anders als im Mai. Doch nicht nur mein Blick auf das Besondere fehlt. Noch etwas ist verändert. Eine gewisse spielerische Nachlässigkeit an einigen Stationen, ich kenne das von früheren Arbeiten im Servicebereich. Was anfangs noch außergewöhnlich ist, wird alltäglich. Um das Gewohnte abwechslungsreicher zu gestalten, werden Spiele und Spruchabfolgen mit den Kolleginnen ersonnen, die nach innen gerichtet sind und den Kunden, die Besucherin, außenvorlassen. So wird an einer Station mein Impfausweis aufgeschlagen, die Mitarbeiterin sagt: » Ihh, das klebt schon wieder« und schaut zu ihrer Kollegin, ein Insiderwitz offensichtlich, der mich irritiert, weil: Was klebt und warum?

Im Zentrum des Zentrums, der Impfkabine, läuft diesmal keine Musik. Während im Mai der mich Impfende nett, aber unverbindlich war, spricht die junge Ärztin mit mir. Kleine Worte, ein Anschauen, ein Nachfragen, das Formulieren einer Hoffnung, ein Lächeln, das sich unter ihrer Maske ziemlich sicher abzeichnet. Auch das irritiert mich, weil ich mit dieser persönlich anmutenden Begegnung rausgerissen werden aus dem Impffließband, dieser Notwendigkeit.

Die sich anschließenden fünfzehn Minuten Warten verlaufen weitestgehend ereignislos. Die etwa vierzig Sitzenden starren mehrheitlich auf ihre Handys. Securitymänner mit verblassten Tattoos auf den Unterarmen lüften ihre OP-Masken, um aus Wasserflaschen zu trinken. Manche schreiten durch die Stuhlreihen, irgendwie unklar, was sie überwachen, irgendwie latent unangenehm. Einmal sagt einer: »Das Spiel heißt Folge den Pfeilen«, als ein älteres Paar den Weg zur Abmeldestation nicht findet.

Als ich das Impfzentrum verlassen habe und vor dem Großen Haus des Theater Geras stehe, fällt mir ein, was ich vergessen habe. Ich habe der Ärztin keinen Dank ausgesprochen. Ich hätte Danke sagen sollen. Doch ich war überrascht, dass sie mich ansprach, dass sie mehr in mir sah als einen Vorgang, den sie an einem Tag hundert Mal vollzieht, mehr als einen Oberarm, in den sie sticht. Ich war so auf mein Inneres konzentriert, auf das Lauschen in mich hinein, das Warten auf einen besonderen Gedanken, dass ich das Äußere vergaß. Die Ärztin wird meinen Dank nicht vermissen. Doch im Moment des Impfens wäre ein Dank angemessen und angebracht wäre, ein kleines Zeichen, das ich ihr Sehen bemerke, das nichts von alledem selbstverständlich ist. Vielleicht liest sie diesen Eintrag, dann erreicht sie mein Dank, sehr wahrscheinlich nicht. Das ist, was ich bedauere bei diesem 2. Impfen.

Als ich zum Hauptbahnhof Gera laufe, leuchtet das neongelbe Papierbändchen, das die Securityleute zur Kenntlichmachung der Unbedenklichkeit meines Rucksacks dort anbrachten, hell in der Sonne. Ich werde es eine Weile lang nicht abnehmen, vielleicht in zwei Wochen, wenn ich pandemiesafe sein werde.

05. Juli | Nicken im Zeitstrahl

Die vergangene Woche mit raunenden Apokalypseerscheinungen: Feuerstürme, ein brennendes Dorf, Meer in Flammen, Schlammflut, Sturzflut, Ereignisse, die im Zusammenspiel der Extreme Fragen aufwerfen: Wie gehen wir damit um, zu wissen, dass die Katastrophen nicht erst in bequemen fünfzig Jahre kommen werden, sondern längst geschehen? Welche Meldungen davon erreichen uns, welche bringen uns aus dem Takt, welche nehmen wir hin, welche Geschehnisse führen zu einem veränderten Verhalten?

Das zu lesen und die Reaktionen von bestimmten Verantwortlichen darauf, z.B. dem wahrscheinlichen Kanzler, dies in Vergleich zu setzen mit den Reaktionen auf die Deltawelle; es gibt Gemeinsamkeiten, wie Gefahren gesehen werden, ob sie gesehen werden, welchen Stellenwert wissenschaftliche Erkenntnisse dabei erhalten.

Delta verbreitet sich, besonders an den Orten mit wenig Geimpften, in Afrika, Russland, in Ländern wie Australien, die bisher vergleichsweise gut durch die Pandemie kamen. Ein Vergleich mit Singapur, wo die Impfsituation ähnlich wie in Deutschland ist, gibt einen Blick auf eine mögliche Deltazukunft hierzulande. Vereinfacht gesagt: Geimpfte können sich infizieren, beenden aber die Infektionsketten. Bei den Ungeimpften findet durch Delta eine deutlich schnellere Verbreitung statt. Delta wird auch hier durch diese Gruppe fegen.

Ich lese, dass in Australien jeder die Gelegenheit zur Impfung erhalten soll. Ist das geschehen, wird Corona nicht länger pandemisch, sondern endemisch behandelt, als eine wiederkehrende Infektionskrankheit. Die Gesellschaft lebt dann mit dem Virus. Die Geimpften sind zu sehr hoher Wahrscheinlichkeit vor dem Schlimmsten geschützt; die Ungeimpften nicht.

Ich frage mich, ob das gerecht und angemessen ist. Schließlich hat jeder selbstbestimmt die Wahl zwischen Impfung oder Ansteckung. Dafür wird der pandemische Zustand mit den meisten Einschränkungen aufgegeben, die geimpfte Mehrheit erhält Freiheiten zurück. Gäbe es denn eine Alternative dazu? Sollte es weiterhin starke Einschränkungen für alle geben, um jene zu schützen, die sich nicht schützen wollen? Ist das vertretbar? Wie lange sollte dieser Zustand anhalten?

Vielleicht nicke ich an einem Punkt auf dem Coronazeitstrahl. Und denke, dass die große Leerstelle darin nicht die freiwilligen Impfschwänzer sind, sondern die unfreiwilligen Ungeimpften. Die mit den Vorerkrankungen, den Autoimmunkrankheiten und die Kinder, für die keine Impfmöglichkeit existiert. So lange es keine Wahl gibt zwischen Impfen oder Anstecken und in der Deltawelle alle Kinder unter 12 allein die Aussicht haben sich anzustecken, wie ließe es sich vertreten, Corona als beendet zu erklären, die Maßnahmen aufzuheben? Die Erkenntnisse zu Long Covid sind nicht eindeutig, ich lese viele Ableitungen. Eine Schätzung: Ein Kind von hundert erkrankt an LongCovid. Ist das etwas, das hinzunehmen ist, das einzupreisen ist in die kommenden Monate?

Ansonsten: Die britische Regierung streicht die Maskenpflicht und Abstandregeln für die verbleibenden drei EM-Fußballspiele, indem sie diese zum Teil einer Studie erklärt. In der ersten Nacht, in der eine Disco in Enschede öffnet, infizieren sich von den 600 Gästen 165 mit Corona.

04. Juli | Impfschwänzer

Es gäbe einiges zu schreiben; über die erstmals wieder steigenden Zahlen, den Exitplan von Australien, Delta natürlich. Aber ich bin zu erschöpft in diesen ersten Julitagen, erschöpft für Ansonsten und greife nur ein Wort heraus: Impfschwänzer, die Diskussion darüber: Soll es für die Impfunwilligen Geld kosten, Impftermine verfallen zu lassen? Oder soll den Impfunwilligen Geld geboten werden?

02. Juli | Handreichungen

Heute wieder in sozialen Situationen gewesen, in denen mir keck die Hand gereicht wird mit den Worten: »Ich habe keine Angst. Und Sie?«

30. Juni | vierte Welle

Allmählich beginne ich zu begreifen, dass eine vierte Welle sehr wahrscheinlich kommen wird und wie sie aussehen könnte.

Die Annahme: Die Deltamutante ist wesentlich ansteckender als die bisherigen Varianten. Sie trifft auf dreißig Millionen Ungeimpfte oder nicht vollständig Geimpfte, der Sommer wird vorbei sein, das Außen wird schwinden, die Maßnahmen ebenfalls, auch der Wahl wegen. Die Ungeimpften werden jünger sein, es wird weniger Tote geben, weniger Überlastung, mehr LongCovid, mehr Quarantäne und weniger Bereitschaft, sich auch den zweiten Herbst in Folge einzuschränken. Die Zukunft liegt wie so oft bisher ausgebreitet in verschiedenen Orten, in Israel, in Großbritannien, zwei Beispiele, wie es kommen könnte.

Die vierte Welle wird anders sein als die bisherigen Zuspitzungen. Sie wird ein anderes Reagieren erfordern, auch ein anderes Verstehen und Argumentieren benötigen. Was mache ich mit dieser Annahme? Ändert sie mein Verhalten, wenn ich das nächste Mal vor die Türe geht? Ändere ich meine Pläne für den Herbst, die vereinbarten Termine, auf die ich so lange warten musste? Ändern sich meine Sorgen um die Ungeimpften, die es nicht freiwillig sind? Ich ändere meine Erwartungen an das Ende der Pandemie, ändere erneut meinen Blick, nehme an, mir vor, schaue zurück, schaue vor.

Ansonsten: Die Quote der Erstimpfungen liegt in Deutschland höher als in den USA. In mehreren Bundesländern ist Impfen nun auch ohne vorherigen Termin möglich. Wegen der starken Verbreitung der Deltamutante werden Russland und Portugal in die höchste Risikokategorie eingestuft. Quarantäne für hunderte spanische Schülerinnen auf Mallorca.

29. Juni | Europameisterschaft

Ich schaue Spiele der Fußball-Europameisterschaft. Die Spiele zu schauen passt in diese Tage, Tage der Öffnung, Tage, in denen es ist wie vor der Pandemie, laue Abende, Sonne, kühle Getränke. Die Spiele gehören zur alten Normalität, ich lasse mich bereitwillig in die bekannten Bilder fallen.

Anfangs bin ich irritiert. Leere Stadien waren die Coronanorm, jetzt sind es vierzigtausend Zuschauerinnen in Budapest. Länger darüber nachzudenken gestatte ich mir nicht, denn es erscheint mir wie ein Unken, eine Panikmache. Die Ausgelassenheit ist verdient, denke ich. Ich erinnere mich an mein Raunen über die Wiederaufnahme des Fußballspielens im letzten Jahr; trotz aller Befürchtungen nur wenige Folgen. Anders will ich es diesmal handhaben; die Spiele schauen, ein Grundvertrauen gegen die Menschenmassen setzen.

Die Bilder wiederholen sich. Zehntausende zusammen in den Stadien, davor ebenfalls. Die Meldungen häufen sich; so und so viele Infektionen bei den Zuschauern, ein Anstieg der heimischen Zahlen einige Tage nach deren Rückkehr. Dazu die Berichte über Delta, dessen Verbreitung, Verdopplung, Überwindung.

Ich würde es mir schönreden, wenn ich dieses Turnier, das darauf ausgerichtet ist, dass so viel wie möglich gereist wird, zu diesem Zeitpunkt nicht als Irrsinn, zumindest als grob verantwortungslos zu betrachten. Ich denke an die Spiele Liverpool gegen Madrid, Bergamo gegen Valencia im Frühjahr 2020, beide gelten als Superspreader-Ereignisse, ein Spiel bringt das Virus nach Spanien, das andere das Virus von Spanien nach Großbritannien.

Und heute? Von Petersburg nach Helsinki? Von Kopenhagen nach Cardiff? Wie wenig wahrscheinlich ist es, dass diese vier Wochen keinen Einfluss auf die Verbreitung der Deltamutante haben wird? Dass 60000 Zuschauer im Finale in einem Land, in dem die Mutante momentan für die höchsten Zahlen seit Jahresbeginn sorgt, ohne Folgen bleibt? Die EM ein weiterer Beleg dafür, dass alle Fehler immer wieder gemacht werden? Und scheint es realistisch, dass sich in den nächsten Tagen ein offizielles Umdenken stattfindet? Wie realitisch, dass ich deshalb keine Spiele mehr schaue?

Ansonsten: Wegen steigender Zahlen – täglich werden an die zweitausend Infizierte in die städtischen Krankenhäuser eingeliefert – verschärft Moskau die Maßnahmen und führt einen »Anti-Covid-Pass« ein. Jeder zehnte deutsche Landkreis hat in den letzten sieben Tagen keinen einzigen Coronafall verzeichnet. Jede dritte Neuinfektion ist hierzulande die Deltamutante. TUI sagt bis Juli alle Pauschalreisen nach Portugal ab.

26. Juni | am Rand

Ich stehe an einem idealen Feldrand, streiche mit den Handflächen über die Grannen der Gerste, der Himmel über mir spannt sich wie ein ganzer deltafreier Sommer, alles ist im Fluss, alles weit weg, alles, so, wie es sein sollte, als ein Signalton den Eingang einer Nachricht anzeigt. Jemand aus British Columbia schreibt: My daughter, age 2.5, has experienced a winter superstorm state of emergency, a global pandemic, and now a heat disaster. Forget 2050. What are we doing to make 2022 livable?

25. Juni | zwei Meldungen, nebeneinander

Zwei Meldungen, heute unmittelbar in Folge gelesen.

Die 28-jährige Krankenschwester Megi Bakradze wurde als erste Person in Georgien mit AstraZeneca geimpft; kurz darauf erlitt sie einen anaphylaktischen Schock und starb.

Und: Im Mai waren in den USA 99,9 Prozent aller Personen, die wegen Covid19 ins Krankenhaus mussten, ungeimpft.

Ansonsten: Der Hausärzteverband ist wegen der hohen Absagequoten in Impfzentren besorgt. Empfohlen wird ab Herbst eine dritte Impfung für Senioren und Immunschwache. Wegen der Deltamutante wird eine Verkürzung des Impfabstands erwogen. Wegen vieler Neuinfektionen führt Israel wieder die Maskenpflicht ein. Wegen einiger Neuinfektionen mit Delta wird ein Lockdown für Sydney angeordnet. Abdala.

24. Juni | 16

Seit 16 Monaten notiere ich die Coronamonate. Seit Wochen schon der Entschluss, die 18 vollzumachen. Und damit aufzuhören. Ich merke, wie die Coronathemen ungesehen an mir vorbeiziehen. Der digitale Impfausweis, ausgestellt in Apotheken für recht viel Geld. Uganda. Chile. Wie in Portugal, wo die Zahlen lange so niedrig lagen, drastisch steigen und was das für NoCovid bedeuten könnte. Die erneuten Schließungen in Israel. Die fortlaufende Kontroverse über die Labortheorie mit gelöschten Informationen über Virenproben. Ich lese wenig darüber, zappe nach den Überschriften weg. In Weimar liegt die Inzidenz bei null, drei aktive Fälle. Wie oft kann ich schreiben, dass ich angstfrei in der Außengastronomie sitze?

Die Impfung sollte der Schlusspunkt sein, meine zweite ist in zwei Wochen. Danach werden die Beiträge versickern wie der Kirschbach in trockenem Grund, vielleicht noch zwanzig, sicher keine dreißig Einträge bis dahin. Was gebe es sonst noch zu beschreiben, was ich nicht beschrieben habe, was für Worte sind noch in mir für die Ausnahme, die längst als überwunden zu gelten hat?

Natürlich weiß ich aus den vergangenen Monaten, dass es nie so kommt, dass nichts geschieht. Immer ist etwas, allem ließe sich ein unerhörter Blick abtrotzen. Ich sehe, dass die Coronadynamiken weiterhin verlässlich funktionieren. Die Zahlen gesunken, Öffnungen da, Hoffnungen groß, Warnungen vor der nächsten Gefahr, Verantwortliche, die weiterhin nicht verstehen (wollen), in welchen Takten die Pandemie schlägt, Diskussionen, Streit, Gräben, Sorgenherbst nach Urlaubssommer, irgendwie durchkommen bis zum nächsten Plateau. Die Deltaphase reiht sich ein in den pandemischen Loop und ist doch anders; an sich gefährlicher und doch ungefährlicher angesichts des verbreiteten Impfschutzes. Allein daran ließe sich erneut viel ableiten, eine Menge beobachten.

Aber lohnt es wirklich, das festzuhalten? Beschäftigt mich das tatsächlich? Und das ist die Bedingung eines jeden Eintrags: Ich muss ein grundsätzliches Interesse daran haben. Dieses Interesse schwindet, ist längst geschwunden. Das Festhalten der Zeit kostet Kraft, ich schreibe nur selten darüber, wie die Kraft in den Pandemiealltag fließt und was von der Kraft in die Worte, fühle seit Monaten schon, dass das Schreiben über Corona mehr Kraft kostet, als es gibt. 16 Coronamonate, zwei noch zu notieren.

Ansonsten: Jede und jeder Dritte in Deutschland ist vollständig geimpft. Bei Abschlussfahrten nach Mallorca stecken sich hunderte spanische Schülerinnen mit Corona an. Über das Arbeitsportal impffrei.work suchen Arbeitgeber ausdrücklich Bewerber ohne Impfung.

https://twitter.com/BenjAlvarez1/status/1407467294545035268

22. Juni | Herzstillstand

Einen Eintrag schiebe ich seit dem 12. Juni auf. An diesem Sonnabend brach während eines Gruppenspiels der Fußballeuropameisterschaft der dänische Spieler Christian Eriksen zusammen; plötzlicher Herzstillstand. Während die Ärzte um sein Leben kämpften, gruppierten sich seine Mitspieler um ihn, um ihn so vor den Blicken der gierigen Kameras zu schützen. Später riefen die dänischen Fans »Christian«, die finnischen Fans antworteten »Eriksen«, minutenlange Sprechgesänge. Noch am selben Abend beginnt das Gerücht zu kursieren, Eriksens Herzstillstand wäre die Folge seiner Coronaimpfung.

Ich wollte darüber schreiben, verbunden mit der Information, dass es keine Impfung gab. Damit wollte ich festhalten, wie Coronamythen entstehen, wie Leugner und Skeptikerinnen jedes Ereignis in ihrem Sinne umdichten können.

Bisher habe ich das nicht schreiben können. Viele Spieler der EM wurden vor den Spielen geimpft. Aus Israel wurden mehrere Fälle von Herzmuskelentzündungen bei jungen Männern nach der Impfung gemeldet. Und die Informationen, dass Eriksen nicht geimpft ist, stammte aus einer einzigen Quelle.

Das heißt: Auch wenn es mir unwahrscheinlich schien, wenn ich dieses Gerücht schäbig finde, dieses Instrumentaliseren eines Unglücks, kann ich nicht sicher sein. Die ausgedachte Geschichte ist nicht definitiv auszuschließen. Selbst wenn mittlerweile eine zweite Quelle von der fehlenden Impfung spricht: Reicht das, um diesen Eintrag zu schreiben und nicht in zwei Wochen meine Worte revidieren zu müssen? Aber ab wann kann ich felsenfest schreiben?

Und bleibt die Geschichte – Impfung tötet beinahe Hochleistungssportler – nicht so oder so in der Welt, klingt für immer in den Ohren derjenigen, die sich dadurch bestätigt fühlen? Warum ist das so? Das Gerücht dockt an die Realität, an die Bilder und das Fühlen von Millionen, vermischt diese Elemente, bis etwas entsteht, das, obwohl es nicht ist, sein könnte.

Ansonsten: Laut Angaben des Herstellers hat das kubanische Impfstoff Abdala eine Wirksamkeit von über neunzig Prozent. Sachsen hebt die Maskenpflicht im Freien auf. Indien stuft die neue Mutante Delta Plus als besorgniserregend ein. In Abwandlung des Enkeltricks täuschen Betrügerinnen am Telefon, dass nahe Angehörige an COVID-19, erkrankt seien und ein teures Medikament im Wert von bis zu vierzigtausend Euro Rettung verspricht.

21. Juni | Angst VIII

Ein weiteres Mal die Angst als Eintrag. Der Grund dafür ist die Deltamutante, die seit einigen Tagen komplett in der Alltagskommunikation angekommen ist. Delta rückt ins öffentliche Bewusstsein, verankert sich dort, wird zum Wort der Woche, wird Small Talk, jede, die man fragt, könnte aus dem Stand mehr über Delta sagen als über das Wahlprogramm der CDU. Man trifft sich, jemand sagt »Lass uns das genießen, solange, bis Delta kommt«. Artikel erklären, wie Delta wirkt und warum Delta eine größere Gefahr darstellt als die bisherigen Mutanten, Berichte erläutern, weshalb Delta die dominierende Variante werden wird, was das bedeutet, Reportagen zeigen Uganda, wo der Sauerstoff knapp wird, Delta Delta Delta.

Im Prinzip müsste ich das gleiche schreiben, was ich Anfang Januar über B117, die Alphamutante schrieb: Diese Mutante ist wie eine neue Pandemie zu betrachten. Doch es gelingt mir nicht. Die beklemmenden Worte, die um Delta kreisen – stark erhöhte Virenlast, doppelt so viele schwere Verläufe, Überwindung des Impfschutzes – erreichen mein Angstzentrum nicht. Nach sechzehn Monaten müsste ich besser wissen. Und vielleicht weil ich es gerade seit sechzehn Monaten besser weiß, möchte ich, dass der Reflex ausbleibt. Ich betrachte nüchtern die Zahlen, rechne hoch, wann sich die Zahlen verdoppeln werden, setze meinen (noch unzureichenden Impfschutz) dagegen, die Weimarer 7-Tage-Inzidenz von 1,5 dazu und belasse meinen Blick im vermeintlich Rationalen. Angst um mich ist nicht vorhanden.

Vorhanden aber ist die Sorge um jene, die mir nahestehen und von denen ich weiß, dass sie erst im Juli ihre Erstimpfung erhalten werden, dass sie vollständig geschützt erst im September sein werden, dann, wenn Delta die Zahlen verdoppelt und verdreifacht haben wird. Was geschieht bis dahin, frage ich mich bang und sorge mich doch.

Und ich frage mich, ob es weiterhin zynisch ist, lauter angstferne Einträge zu schreiben, weil hierzulande die Impfdosen gekauft wurden und dort, wo das nicht möglich war, trifft Delta mit seiner hohen Virenlast und den schweren Verläufen auf eine ungeimpfte Bevölkerung. Es sind ähnliche Berichte wie die aus Indien vor einigen Wochen, Sauerstoffflaschen werden zur Mangelware, Sauerstoffhändler, Sauerstoffdealer, Menschen, die ohne Sauerstoff vor den Krankenhäusern sterben, während ich mit Kaltgetränk in der Hand ein Spiel in Budapest verfolge, das 40000 in einem Stadion versammelt.

Da ist sie wieder, die Coronagleichzeitigkeit: die Inzidenz im einstelligen Bereich und die nächste Gefahr im Anmarsch, das Verkünden von Urlaubsplänen und das Sterben vor den Krankenhäusern, die fehlende Angst um mich und die Angst um andere, das angelernte Wissen und die Momente, in denen ich es bereitwillig vergesse. Wieso sollte ich schon zittern, wenn ich noch schwitze? Angst VIII ordnet sich in die Pandemie ein, sie ist wenig glorreich.

Ansonsten: 22 Millionen ausgestellte digitale Impfpässe in Deutschland. Die niedrigste Neuinfektionszahl in Indien seit drei Monaten. Zur Fußball-WM in Katar sollen nur vollständig Geimpfte Zutritt erhalten. Eine Studie soll untersuchen, ob sich das Bandwurmmittel Niclosamid als wirksam gegen Covid19 erweist. In den Philippinen droht Impfverweigerern eine Gefängnisstrafe.

19. Juni | Vernehmung

Heute bei der Polizei gewesen, um Anzeige zu erstatten. Erst nach einer halben Stunde in der Vernehmung gedacht, wie selbstverständlich es doch ist, vermummt auf einer Polizeiwache zu erscheinen.

Die Tat war banal, letztlich auch meiner Bequemlichkeit geschuldet. Hätte ich ein klein wenig mehr vorausschauende Sorgfalt walten lassen, wäre es dazu nicht gekommen. Durch einen Moment der Unachtsamkeit verliere ich jede Menge Nerven, Geld dazu und viel Zeit, die ich nun aufwenden muss, um alles wieder ins Reine zu bringen.

Als ich der vernehmenden Beamtin gegenübersitze, wir beide durch Plexiglas getrennt, mein Blick auf eine Tube Desinfektionsmittel gerichtet, denke ich darüber nach, wie sich diese dahinmäandernde Situation im Sinne der Pandemie deuten lassen könnte.

Zu Beginn der Befragung habe ich mich als Autor zu erkennen gegeben. Die Beamtin bemerkt scherzhaft, dass das Protokoll deshalb über entsprechenden Ausdruck verfügen sollte. Nun stehe ich unter Druck und bemühe mich, meine Aussage besonders blumig zu formulieren. Gemeinsam schreiben wir meine Zeugenaussage als ein kleines Prosastück, an dem wir beide sehr gewissenhaft arbeiten. Der kurze Moment meiner Unachtsamkeit wird so in aller Ausführlichkeit dokumentiert, all die kleinen Schritte, die dazu führten, wirken so penibel beschreiben zugleich banal wie entlarvend.

Was also mit Corona? Ich sitze, lege Zeugnis und denke: einen Augenblick lang bequem gewesen und dafür so aufwändige Folgen. In der Pandemie habe ich solche unachtsamen Augenblicke zuhauf gesammelt, momentan gerade in den letzten Tagen, auch wenn Folgen bisher glücklicherweise ausblieben. Im Großen der Pandemie gibt es viele Beispiele solcher Leichtfertigkeit, die Folgen blieben nicht aus, im Gegenteil. Gerade geschieht es wieder. Ein Beispiel von einigen: Das Endspiel der Fußballeuropameisterschaft in dem Land, in dem die Deltamutante neunzig Prozent aller Infektionen ausmacht. Die Diskussion über den Wegfall der Maskenpflicht in Geschäften. Die Wangenküsse des französischen Präsidenten. Die Umarmungen nach jedem Tor von Robin Gosens. In Monaten wird es Prosastücke geben, die penibel und banal in aller Ausführlichkeit dokumentieren, die möglichen Folgen so viel aufwändiger als der Moment.

Ansonsten: Erstmals seit neun Monaten ist deutschlandweit die Inzidenz einstellig. Erstmals seit acht Monaten weniger als tausend Coronapatentinnen auf der Intensivstation. Mehr als die Hälfte aller Deutschen sind mindestens einmal geimpft. Mehr als eine halbe Million Coronatote in Brasilien. Mehr als vier Millionen Coronatote weltweit. In Frankreich und Deutschland werden verschiedene Partys mit jeweils mehreren tausend Besucherinnen von der Polizei geräumt. Wegen steigender Zahlen führt Russland in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen eine Impfpflicht ein. Die UEFA droht mit der Verlegung des EM-Endspiels von London nach Budapest, sollte Großbritannien nicht prominente Gäste und Sponsoren ohne Zehn-Tage-Quarantäne ins Land reisen lassen.

17. Juni | erste Treffen

Mittlerweile hatte ich einige erste Treffen, erste Wiedersehen seit Beginn der Pandemie, mindestens seit letztem Sommer. Nach Monaten des Austauschs über Mail, Zoom, Telefon Begegnungen, auch in größeren Gruppen. Es ist nicht immer einfach, nahtlos anzuschließen an die große Zeitlücke, die Corona gerissen hat; die Themen, das Miteinander, die Vertrautheit, das Sprechen und Beisammensein, das anders ist auf Stühlen nebeneinander, sich gegenüberstehen. An manches muss ich mich herantasten, fast wieder erlernen, dieses Verhalten unter Menschen in ungezwungen sozialen Situationen. Manches ergibt sich von selbst – erstaunlicherweise oft die Nähe, das Überwinden des räumlichen Abstands, das Sitzen auf engen Bänken, selbst Umarmungen.

Letzteres ist auch einer zunehmend schwindenden Angst vor Ansteckung und schweren Verläufen geschuldet. In Weimar liegt die Inzidenz bei 7, 11 aktive Fälle in der Stadt. Ich trage viel öfter die bequemen und mich nicht schützenden OP-Masken als FFP2, weil ich das Risiko einer Infektion, die Gefahr durch eine Infektion für gering erachte. Ich weiß, dass ich mir damit auch die Tasche lüge, aber ich wäge ab, ich handele so bei 35 Grad und nach sechszehn Monaten Pandemie.

Und weiterhin ist die gegenwärtige Situation kaum zu fassen. Vor zwei Monaten leuchtete die Deutschlandkarte dunkelrot, heute ist sie grün, fast weiß, nur zwei Kreise über einer Inzidenz von 50. NoCovid in der Mitte des Junis und die Rasanz, mit der die Zahlen weiterhin fallen, erstaunen. Die Erklärung weiterhin das Impfen und die Saisonalität.

Aber geht das so einfach auf? In England, wo auch Saison ist und von fünf drei geimpft sind, knapp die Hälfte doppelt, steigen die Zahlen seit Wochen, sind die Zahlen momentan die höchsten seit Februar.

Der Grund dafür ist die Deltamutante. In Großbritannien hat sie B117 verdrängt. Delta ist deutlicher ansteckender, führt zu schwereren Verläufen, auch bei Geimpften. Auch vollständig Geimpfte sind an Delta gestorben, zwölf, die Zahl scheint gering, eine Zahl, die vom Schutz nimmt, von der Gewissheit, der Sorglosigkeit.

Und wie im Dezember die Prognose, dass Delta auch in Deutschland verdrängen wird, mit den erwartbaren Verschiebungen. Aber anders als im Dezember gestatte ich mir diese Gedanken nicht. Bei einer Inzidenz von 7, bei 35 Grad, bei einem zweiten Impftermin in drei Wochen denke ich nicht an Delta. Ich trage die OP-Maske, halte grundsätzlich Abstand zu Fremden, aber die ersten Treffen, die bald zweite werden, die lasse ich geschehen, die traue ich zu, die fordere ich ein.

Ansonsten: Das Tübinger Pharmaunternehmen Curevac meldet, dass der entwickelte Impfstoff in den Test nur eine geringe Wirksamkeit erzielt hat. Nach einer Coronapause öffnet das Taj Mahal wieder. Der Global Peace Index meldet für 2020 mehr als 5000 gewaltsame Ereignisse im Zusammenhang mit der Pandemie, insgesamt ist die Welt im Pandemiejahr konfliktreicher geworden. Starke Nachfrage nach Flügen nach Mallorca. Die Foo Fighters spielen in einem Club vor 600 Durchgeimpften, davor protestieren Impfgegnerinnen mit Schildern wie »Moderne Rassentrennung« dagegen.

15. Juni | nach der Pandemie

Das Schlimmste, was passieren könnte, wäre, dass nach der Pandemie wieder alles so ist wie vor der Pandemie. Diesen Satz wollte ich lange schon schreiben, seit März 2020, als die sogenannte Normalität ausfiel und Platz machte für Gedanken, Hoffnungen, Utopien. Die Metapher war: Die Pandemie als Brennglas, unsere Leben dadurch gesehen, im Fehlen der Routine ein Offenbaren der Störungen, Abwege, Ungerechtigkeiten unserer hingenommenen Systeme. Die Veränderung zeigte, was möglich war, was sein könnte; der fehlende Verkehr, das Hören der Singvögel, die PopUp-Radwege, die Entschleunigungen, eine Bewertung der Notwendigkeit von Berufen. Der Glaube, diese Beobachtungen aus dem Anhalten der Welt in etwas dauerhaft Verändertes in die Nachcoronazeit zu überführen; Digitalisierung, sozialer Wandel, ein verändertes Verkehrssystem, verändertes Konsumverhalten, veränderte Einstellung zur Lohnarbeit, grundsätzlich eine andere Einstellung zu dem, was wir als istebenso hinnehmen. Ein Momentum des Wandels, anderthalb Jahre die Gelegenheit vor Augen geführt zu bekommen, was sein könnte.

Wenn ich vor einer Woche über Normalität geschrieben habe, meinte ich meine kleine Normalität. Milliarden kleine Normalitäten, mit allem Recht zur Rückkehr. Aber reicht das? Was bleibt, wenn die Sommerwochen vorbei sind, die Badewannen von Aperol Spritz getrunken sind und man sich nicht mehr ungläubig in den Arm zwickt, wenn man Freunde trifft, die man monatelang nicht sah? An welche Utopie erinnere ich mich dann noch? An welche glaube ich, welche finde ich nicht naiv, für welche finde ich die Kraft, für sie einzutreten?

18 Coronamonate wären vergebens gewesen, wenn der erste Monat danach wäre wie der erste Monat davor, alles Durchhalten verschwendet, wenn wir nahtlos anschließen, im Großen, im Kleinen.

Ansonsten: Bisher sind fünf Millionen digitale Impfnachweise ausgestellt. Weil er gegen die Impfreihenfolge verstieß, wird der Oberbürgermeister von Halle seines Amtes enthoben. Im Saarland beginnt der maskenfreie Unterricht. Wegen der Deltamutante werden in Großbritannien die Lockerungen um einen Monat verschoben. New York hebt die Coronabeschränkungen auf. Mehr als 600000 Coronatote in den USA.

14. Juni | Freiheit

Ein Gespräch über C. Meine Gegenüber sagt, eine der größten Enttäuschungen der vergangenen anderthalb Jahre sei gewesen, dass bei einigen der Freiheitsbegriff so banal wurde: Freiheit ist der geöffnete Baumarkt, Freiheit ist der Kurzflug nach Mallorca, Freiheit ist Einkaufenkönnen, ein anderer Freiheitsbegriff, wie sie ihn von 89 kennt. Ich nicke, ich stimme zu. Bevor ich diesen Eintrag schreibe, denke ich daran. Jene, die 89 die Freiheit diskutierten, wurden 1990 bei den Wahlen abgestraft. Es gewannen jene, die Einkaufen versprachen, Baumärkte, Flüge.

13. Juni | unter freiem Himmel

Ein Festakt unter freiem Himmel, keine Tests, keine Masken, viele Gäste, lange nicht gesehen, die Inzidenz in Erfurt bei 15. Wie gut sich die Pandemie zum Small Talk eignet, wie ist es dir ergangen, wie bist du durch die Zeit gekommen, das ist meine erste Lesung seit Herbst, umarmen wir uns, stoßen wir die Ellenbogen gegeneinander, gut, dass jetzt wieder offen ist. Die Minuten des Beisammenstehens verfliegen so in Sekundenschnelle. In den Reden, Beiträgen, Texten und Anmoderationen ist Corona stets Thema, schön, dass die schlimme Zeit jetzt vorbei ist, vermaledeite Seuche, Ihr alle kennt den Grund dafür. B. liest einen Text über #allesdichtmachen, Leiden und Mitleiden, im Anschluss klatschen nicht alle. Noch später im Anschluss draußen sitzen in zweistelliger Zahl, immer wieder das gegenseitige Vergewissern, wie ungewöhnlich das einem erscheine und zugleich ein Zurücklehnen im Bewusstsein der Dekandenz, die unwirklich scheint, ein Eintauchen in die Badewannen voll mit Aperol Spritz, die vor der Staatskanzlei aufgebaut sind.

Ansonsten: In Moskau soll eine Autotombola zum Impfen motivieren. Die Städte fordern, dass die Impfzentren bis in den Herbst weiterbetrieben werden. Mehr als 40 Millionen in Deutschland geimpft, 30 Millionen in Frankreich. In den USA sind die Passagierzahlen beim Fliegen wieder so hoch wie zu Pandemieanfang. Im Jenaer Paradies feiern 2000 Menschen. Nachdem im hessischen Babenhausen ein Arzt zu einem »offenen Impftag« aufruft, versammeln sich 2000 Impfwillige vor dessen Praxis. Querdenken »war ein Zusammenschluss von Privilegierten, die um ihre verlorene Freiheit fürchteten und nicht verstehen wollten, dass es aktuell wichtigere Probleme gab. Dazwischen viele Verunsicherte, die durch die Corona-Maßnahmen tatsächlich um ihre Existenz fürchten mussten – und Menschen, deren Leben nicht so verlaufen war, wie sie sich das vorgestellt hatten und einen Sündenbock brauchten.«

12. Juni | mancher abend

Erstmals seit letztem Sommer bis nach der Dunkelheit in der sogenannten Außengastronomie sitzend, Wein trinkend, angefasst vom Juniwehen, der Wirt handelt 0,2 auf 0,4 hoch, ungläubig, dass es jetzt genauso ist, die Jungen tragen ihre in Rucksäcken verborgenen Boxen zu den Stadträndern hin, die Nacht rattert vorbei, wie bemerkenswert, ist das eine Bemerkung wert, wir sagen manches zur Pandemie und noch mehr nicht, als wir gehen, nickt ein Nerz uns zu, ehrfurchtsvoll.

11. Juni | nach den Kipppunkten

Die Frage des gestrigen Eintrags war keine rhetorische. Um eine Antwort zu finden, muss ich die Pandemie bewerten, schauen, was Anlass für Optimismus gibt und was nicht. Was Zuversicht versprechen sollte: Weniger als ein Jahr hat es gedauert, bis nicht nur einer, sondern mehrere Impfstoffe mit unterschiedlichen Wirkungsweisen entwickelt, getestet, produziert und verabreicht werden konnten. In den meisten Gesellschaften die grundsätzliche Überzeugung, dass Leben gerettet werden muss, selbst, wenn das Opfer für alle bedeutet. Viele Akte der Selbstlosigkeit. In Deutschland die gesamte Zeit über eine deutliche Mehrheit, welche es für richtig hielt, dass Maßnahmen gegen die Gefahr ergriffen werden.

Dem entgegen: Trotz dieser deutlichen Mehrheit hat die wesentlich kleinere Gruppe der Wissenschaftsleugnerinnen und Verschwörungsmystiker unverhältnismäßig viel Aufmerksamkeit erhalten und dadurch den Umgang mit der Gefahr beeinflusst. Trotz all der Maßnahmen 4 Millionen Tote. Trotz all des Wissens aus ähnlichen Situationen der Vergangenheit ignorieren dieses Wissent, wiedenholen von Fehlern. Die ungleiche Verteilung der Impfdosenlieferungen. Das Verschärfen sozialer Konflikte.

Es gäbe viel mehr zu finden und zu beschreiben, ich versuche anhand dieser wenigen Punkte unseren Umgang mit zukünftigen, längst schon im Verlauf befindlichen Katastrophen zu extrapolieren. Es wird einen Konsens geben, dass eine Gefahr besteht und einen, dass Rettung notwendig ist. Technik und Wissenschaft werden uns Werkzeuge gegen die Gefahr in die Hand geben. Es wird viele Opfer geben. Widerstand gegen die Rettung. Dass, was wir an Dynamiken im Katastrophenverlauf gelernt haben, wird uns nur bedingt helfen. Wir werden die Fehler der Pandemie wiederholen, die Kommunikation, die bürokratischen Abläufe, die Ungleichheiten, die Solidarität, die oft erst dann einsetzt, wenn sie wenig kostet.

Nichts lässt sich einfach so extrapolieren, nichts eins zu eins übertragen. Bei allen Gemeinsamkeiten sind die Katastrophen unterschiedlich. Die Erwärmung lässt sich nicht mit einer Spritze beenden. Einmal übertretene Kipppunkte sind irreversibel. Die Pandemie währt zwei Jahre, die Erwärmung Jahrzehnte. Die Erwärmung ist lange Zeit noch unsichtbarer als das unsichtbare Virus. Das Virus ist die Ursache, die Erwärmung hat viele.

Ich weiß, dass ich zuversichtlich sein muss, ich bin es. So wie es im letzten Februar meine Vorstellungskraft überstieg, dass ich die nächsten beiden Jahre eine Maske während des Zugfahrens tragen würde, übersteigt es meine Vorstellungskraft, was nach den Kipppunkten kommen könnte. Ich habe in der Pandemie der Entwicklung einer Katastrophe in allen Phasen beiwohnen können, ich habe dabei gelernt, ich weiß, dass mich dieses Wissen nur bedingt auf die nächsten Jahrzehnte vorbereitet.

Ansonsten: Die STIKO spricht keine generelle Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche aus. Zum ersten Mal seit über zweihundert Folgen macht Stephen Colbert wieder eine Show von Zuschauerinnen, alle sind geimpft. Mehr als 6000 Coronatote in Indien. Im ehemaligen Hotspot Tirschenreuth sinkt die Inzidenz auf Null. In der EU ist jeder zweite Erwachsene mindestens einmal geimpft. Bis Juni 2022 wollen die USA 500 Millionen Impfdosen spenden, die G7-Staaten 1 Milliarde Dosen. Laut einer Studie sterben an der Delta-Mutante auch vollständig Geimpfte. Nach coronabedingtem Homestreik nimmt Greta Thunberg den »Skolstrejk för klimatet« wieder vor dem schwedischen Parlament auf.

10. Juni | Testlauf

Wenn die Pandemie ein Testlauf ist für unseren Umgang mit einer Katastrophe, die in jeden Bereich unserer Leben eingreift und zu deren Überwindung es unser aller Verhaltensveränderung bedarf und dazu einen Wandel des Systems, das wir uns gebaut haben, könnten wir dann zuversichtlich sein?

9. Juni | Werbung

2x Werbung fürs Impfen. Fürs deutsche Gesundheitsministerium wirbt Rainer Haselhoff David Hasselhoff vor GreenScreen Ärmel Hoch der Berliner Mauer wegen. Für Frankreich ein Clip, der für jede injizierte Impfung kausal eine Öffnung des Lebens impliziert: Kinos, Theater, Gaststätten, Universitäten, Bowlingbahnen.

Die erste Werbung ist für Menschen gedacht, die Bud-Spencer-T-Shirts tragen. Die zweite für mich. Ich möchte keine ironische Brechung. Ich möchte Pathos, ich möchte ein majestätisches Gefühl, ich will eine Träne der Erlösung am Rand meiner geschundenen Seele, ich will, dass ein Meer übersät mit biolumineszenten Algen die Pandemie flutet und dazu erhebende Musik, jahreszeituntypische Kälte, die das Spikeprotein gefrieren lässt, UV-Licht, welches die Mutanten in harmlose Varianten ihrer selbst schrumpfen lässt, ein gemeinschaftliches Klatschen, das die Viren wie Mücken erledigt. Ich möchte die Hoffnung, ich möchte das Öffnen, ich möchte das Beenden, ich möchte, was ich wünsche, eins zu eins wiedergegeben sehen, keine Metaebenen, keine Nostalgie, keine Verzerrung.

Ansonsten: Nachdem sich mehrere Spieler der spanischen Fußball-Nationalmannschaft infizierten, impft die Armee die rote Furie komplett durch. Nachdem er hunderte Impfdosen zerstörte, wird ein amerikanischer Apotheker zu drei Jahren Haft verurteilt. Die Corona-Warnapp zeigt nun auch digitalen Impfnachweis an. In Indien werden 28 Elefanten auf das Virus getestet. In Pakistan gilt eine Impfpflicht für Arbeitnehmerinnen. Die Sieben-Tage-Inzidenz in Weimar liegt bei 9.

8. Juni | dankbar sein

Vor zwei Wochen wurde ich geimpft. Ich lese den Eintrag von diesem Tag und bin irritiert. Meine Worte scheinen mir einen Prozess zu beschreiben, eine Selbstverständlichkeit zu schildern, sind eher funktional gedacht, im Grund kalt und wenig dankbar. Hätte ich nicht viel mehr von meiner Erleichterung schreiben sollen, meiner Freude, letztlich meiner Dankbarkeit?

Ist es denn selbstverständlich, dass im Impfzentrum Ostthüringen mehr als fünfzig Menschen dafür sorgen, dass mir, dem Individuum, eine potentiell lebensrettende Maßnahme zuteilwird? Ist es selbstverständlich, dass andere Menschen forschen und experimentieren, um einen Impfstoff zu entwickeln, der mich schützt? Dass sie Studien lesen und schreiben, Wissen sammeln und teilen, damit die Krankheit bekämpft werden kann? Sollte ich dankbar sein, dass Menschen in verschiedenen Funktionen ihre Zeit verwenden, um Strukturen zu schaffen, welche das Virus eindämmen? Dankbar, dass Milliarden Gelder, Gedanken, Stunden Arbeit verwendet werden, damit ich in größerer Sicherheit bin?

Oder ist es das, was ich von einer Gesellschaft erwarten sollte: Dass sie für einen Schutz sorgt, der so viele ihrer Mitglieder so gut wie möglich vor dem Schlimmen bewahrt? Das sie mich schützt? Dass sie mich in bestmögliche Sicherheit bringt? Wie äußere ich meine Dankbarkeit? Wird eine Gegenleistung dafür erwartet, dass ich geschützt und geimpft werde? Wie übe ich trotz Dankbarkeit Kritik am Schützen und Retten? Was darf ich voraussetzen, was für notwendig halten, für was dankbar sein? Schließt das eine das andere aus?

Ansonsten: Wegen einer drohenden Quarantäne verlassen knapp 30000 britische Urlauberinnen Portugal. Im bayrischen Bobingen wird eine Neunjährige versehentlich geimpft, der Vater stellt eine Strafanzeige, weshalb nun Ermittlungen wegen fahrlässiger Körperverletzung laufen. In zwei niedersächsischen Landkreisen sinkt die Inzidenz auf Null. In Bremen sind mehr als die Hälfte aller Einwohnerinnen geimpft. David Hasselhoff macht Werbung für die Impfkampagne des Bundesgesundheitsministeriums und erhält dafür kein Geld. Das erste Konzert im Madison Square Garden seit März 2020 ohne Einschränkungen spielen die Foo Fighters.

7. Juni | wieder normal

Normal ist ein Wort, das ich ungern verwende. Normal benutzt die AfD als Ausschlusskriterium, normal braucht ein unnormal, mein normal ist deine Ausnahme, mein normal ändert sich, Gruppen brauchen normal, frage ich nach, was normal bedeutet, wird es schwammig. Normal. Ich versuche dieses Wort zu vermeiden, für diesen Eintrag benutze ich es.

Mein Normal ist ein geöffnetes Eiscafé. Mein Normal ist in den Schmetterlingsladen ohne Test gehen zu können. Mein Normal ist das Schwimmbad. Mein Normal ist eine Reise. Mein Normal ist jemanden zu treffen. Ist viele zu treffen. Ist ein Picknick im Park. Jemanden zum gemeinsamen Abendbrot einzuladen. Drinnen sitzen mit anderen. Mein Normal sind Lesungen. Mein Normal ist in ein Museum zu gehen. In ein Kino. Auf ein Konzert. Mein Normal ist ein geöffneter Kindergarten. Mein Normal bei Sonnenschein in der Außengastronomie zu sitzen, bei Regen in der Innengastronomie. Mein Normal ist nicht zu wissen, was die Inzidenz des Ortes ist, an dem ich mich befinde. Mein Normal ist kein Zoom. Mein Normal ist keine Interviews über giftige Spikeproteine zu lesen. Mein Normal ist nicht über Impfschäden zu diskutieren. Mein Normal ist nicht abends einen Eintrag über eine Pandemie zu schreiben.

Was, wenn dieses Normal in diesen Tagen beginnt? Keine kurzzeitige Ausnahme von der Ausnahme, kein Verschnaufen zwischen Wellen, kein vorsichtiges Öffnen im Wissen, dass bald das unnormal wieder Standard sein wird. Sondern ein normal, das bleibt. Was, wenn das Unnormale, das dem Normalen noch beigestellt ist – Masken, Hinweisschilder, Tische und Stühle in größerem Abstand, der vorzuzeigende Impfausweis – das Normale etwas verkompliziert, es aber grundsätzlich zulässt. Was, wenn das erträgliche Unnormale ab heute nach und nach aus dem Normalen tropft? Was, wenn dieser Juni der erste Monat seit über einem Jahr ist, an dem ich glauben kann, es ist wieder so normal ist wie ich normal gern hatte. Was, wenn ich dieses einstmalige normal nicht mehr so unbefangen sehen werden könnte? Was, wenn ich mir neben dem normal noch ein weiteres normal wünsche?

Ansonsten: Ab heute ist die Impfpriorisierung aufgehoben. Ab heute dürfen auch Betriebsärzte impfen. Nach über einem Jahr coronabedingter Pause tagt das Europaparlament wieder in Straßburg. Mehrere Haftbefehle wegen des Betrugs bei Schnelltests. Bei einer Wanderung sagt Bundespräsident Steinmeier: »In einer nächsten Pandemie muss vieles anders laufen«.

5. Juni | Labortheorie II

Ein weiterer Blick auf die Labortheorie. Christian Drosten hält sie in einem (sehr lesenswerten) Interview für möglich, aber unwahrscheinlich.

»Diese Idee eines Forschungsunfalls ist für mich ausgesprochen unwahrscheinlich, weil es viel zu umständlich wäre … Lassen Sie es mich mit einem Bild erklären: Um etwa zu überprüfen, ob Anpassungen das Virus ansteckender machen, würde ich ein bestehendes System nehmen, da die Änderung einbauen und das dann vergleichen mit dem alten System. Wenn ich wissen will, ob ein neues Autoradio den Klang verbessert, dann nehme ich ein bestehendes Auto und tausche da das Radio aus. Dann vergleiche ich. Ich baue dafür nicht ein komplett neues Auto. Genau so war das aber bei Sars-2: Das ganze Auto ist anders.«

Wahrscheinlicher erscheint ihm, dass das Virus in der (chinesischen) Pelzindustrie entstanden ist. Dabei fallen folgende Sätze:

»Nehmen Sie Felltiere. Marderhunden und Schleichkatzen wird lebendig das Fell über die Ohren gezogen. Die stossen Todesschreie aus und brüllen, und dabei kommen Aerosole zustande. Dabei kann sich dann der Mensch mit dem Virus anstecken.«

Die Zoonose als Folge dessen, was der Mensch seiner Umwelt antut. Vielleicht wird sich die Frage nach dem Ursprung von SARS-CoV-2 sehr lange nicht beantworten lassen. Vielleicht wird der Ursprung Mythos bleiben und werden, auch nach einer eindeutigen Klärung weiterhin die Zweifel, die anderen Erzählungen dazu.

Ansonsten: Wegen sinkender Infektionszahlen lockert Indien die Maßnahmen. The Unexpected Beauty Of Covid-Hair.

4. Juni | zehn Tage

Zehn Tage sind seit der Impfung vergangen. Reaktionen blieben aus, ich vermute, dass damit die erste Phase überstanden ist. In einem Monat folgt der zweite Teil. Ich google nach DDR-Impfpass Corona, da Geschichten kursieren, dass der alte Impfpass beim Einreisen in andere Länder nicht erkannt werde. Benötige ich ein Dokument der neuen Zeit? Geschützt zu sein ist eine Sache. Die andere, dass die Impfung in einer pandemischen Welt auch anerkannt sein muss.

Ansonsten: Tierheime erwarten in den nächsten Monaten eine vermehrte Abgabe von Haustieren, die während der Pandemie angeschafft wurden. Nachdem ein Reiserückkehrer aus Indien an Covid19 starb, steht ein Wohnheim in Dresden unter Quarantäne. Die STIKO wird keine Impfempfehlung für gesunde Kinder und Jugendliche aussprechen.

3. Juni | Labortheorie

Ich sitze in der Außengastronomie und denke an die Labortheorie.

Diesen Satz schreibe ich, weil er zweierlei darstellen soll: Zum ersten Mal seit dem letzten Herbst sitze ich draußen, trinke, esse und bezahle dafür, was sich anfühlt wie etwas, das ungewöhnlich ist und deshalb festgehalten werden müsste. Festhalten mich zudem die zahlreichen Hinweise, wegen denen in den letzten Tagen vermehrt über die Theorie diskutiert wird, dass das SARS-CoV-2-Virus in einem Labor in Wuhan entstanden wäre.

Auslöser ist ein amerikanischer Geheimdienstbericht, nach dem mehrere Labormitarbeiter schon im September 2019 am Virus erkrankten. Es gibt keinen momentan öffentlich bekannten Beweis, der die Sache absolut klärt. Dafür Hinweise, die jeweils für eine von beiden Theorien zum Ursprung des Virus sprechen; sie sind Indizien, resultieren aus Erfahrungen mit anderen Viren, schließen aus.

Ich lese über die Labortheorie. Es ist wie ein Buddeln im Sand der Zeit. Die Geschichte von SARS-CoV-2 reicht weit über das Jahr 2019 hinaus, zurück mindestens bis 2012. Damals erkrankten sechs chinesische Bergarbeiter in einer Fledermaushöhle an einer Lungenkrankheit, deren Auslöser zu großen Teilen identisch ist mit SARS-CoV-2, drei Arbeiter starben daran. Das Virus wurde in Wuhan untersucht, wo sich eines von weltweit drei Laboren befindet, das solch spezielle Arbeiten ausführen kann.

Das ist eine Geschichte. Eine andere Geschichte ist die über das Verbergen von Informationen, ein ganzer Apparat steht dahinter, viele Personen sind daran beteiligt oder betroffen, nahezu unmöglich, den Überblick zu behalten. Die Geschichten gehen weiter. Über die politische Instrumentalisierung des Ursprungs, Trumps »chinesisches Virus«, einen Aufruf von Ärzten, die sehr früh die Labortheorie für unsinnig erklärten und damit rasch einen Ton in der Diskussion setzten, wie China die Ermittlungen der WHO sabotierte.

Die Geschichten sind komplex, ein Zusammenreimen ist notwendig, nichts ist eindeutig und liest sich wahnsinnig spannend. Ich beginne meine Betrachtung zur Ursprungsfrage zu hinterfragen. Die Labortheorie schien mir stets abwegig, wie der Plot aus einer The-X-Files-Folge, eine Verschwörungsfantasie, verbreitet von rechten Kreisen, um rassistische Narrative zu stützen. Dazu die verunglückte Präsentation eines Hamburger Physikprofessors, der Belege für die Labortheorie Social-Media-Kanälen entnahm.

Aber mache ich es denn anders? Wie informiere ich mich? Welchen Kanälen traue ich, bei welchen heben sich belustigt meine Augenbrauen? Zugleich gab es in manchen Kanälen, denen ich zuhöre, auch stets den Standpunkt, dass Zoonose wahrscheinlich, aber die Labortheorie nicht auszuschließen sei. Anders als die Aussage »Covid19 wird durch 5G übertragen« ist die Aussage »Das Virus könnte aus einem Labor stammen« eine, die ich nicht grundsätzlich verwerfen kann.

Es gibt keinen Beweis, heute keine Antwort. Ich lese weiter, grabe und buddle. Die Ursprungsfrage war für mich nie eine der zentralen Aspekte der Pandemie, eher wie ein Abenteuer, eine Schnitzeljagd, der ich beiwohnen kann, ohne dass deren Ergebnis irgendwelche Folgen für mich haben wird. Und was, wenn sich herausstellen sollte, dass das Virus aus einem Labor stammt? Was würde das ändern für meinen Blick auf die letzten anderthalb Jahre? Meinen Blick darauf, wie ich Informationen bezogen und bewertet habe?

Ansonsten: Durch Lockdowns ist weltweit die Kriminalität in Städten gesunken. Trotz hoher Impfquote sind die Intensivstationen Chiles nahezu komplett ausgelastet. Nachdem sie als Wahlhelfer in Berlin vorzeitig geimpft wurden, sagen viele ihr ehrenamtliches Engagement wieder ab. Die Talkshow Markus Lanz, in der coronabedingt momentan keine Studiogäste anwesend sind, will auch nach der Pandemie auf Gäste verzichten, weil die Gespräche so intensiver seien. West Virginia verlost in der Impflotterie Jagdgewehre. Der Verband Deutscher Konzertchöre mit Sitz in Weimar warnt, dass wegen des pandemiebedingten Ausfalls von Chorproben die Chormusik in Gefahr ist. Um durchschnittlich 5,6 Kilo haben die Deutschen in der Pandemie zugenommen. Laut einer Studie sind Homeoffice und Kinderbetreuung nicht miteinander vereinbar.

1. Juni | Kindertag

Kinder sind unsere Priorität. Kinder bekommen keinen Luftfilter in ihre Schule eingebaut. Kinder sind im Wechselunterricht. Der Kindergarten ist geschlossen. LOGO erklärt Corona für Kinder. Ein Kind darf sich nur mit einem anderen Kind treffen. Ein Kind chattet mit einem anderen Kind, weil sie sich nicht sehen können. Ein Kind ist zwei Wochen in Quarantäne. Ein Kind feiert keine Geburtstagsfeier. Ein Kind sieht seine Großeltern nicht. Ein Kind fragt, warum der Spielplatz mit rotweißem Band abgesperrt ist. Ein Kind darf nicht Fußballspielen. Ein Kind darf nicht zum Klavierspielen in die Musikschule. Ein Kind darf nicht ins Schwimmbad. Ein Kind darf nicht an die Ostsee, die Eltern schon. Ein Kind trägt eine Maske. Ein kleines Kind braucht keine Maske zu tragen. Kinder sind keine Treiber der Pandemie. Kinder sind Treiber der Pandemie. Kinder haben wenig Virenlast. Kinder tragen fast genauso viel Virenlast wie Erwachsene in sich. Kinder machen den Lollitest. Es gibt einen Coronakinderbonus. Kinder lernen im Homeoffice. Kinder gehen zurück in den Präsenzunterricht. Kinder schreiben, wenn sie in den Präsenzunterricht zurückgekehrt sind, erst einmal Arbeiten. Kinder müssen benotet werden. Kinder müssen am Ende des Pandemieschuljahrs eine Note bekommen. Kinder werden versetzt. Oder nicht. Querdenkerinnen stellen Kinder in die erste Reihe ihrer Demonstrationen. Querdenkerinnen filmen ihre Kinder in der ersten Reihe. Querdenkerinnen schimpfen, wenn die Staatsknechte gegen die Kinder vorgehen. Denkt einer auch an die Kinder. Kinder bekommen PIMS. Kinder bekommen LongCovid. Das Risiko für Kinder an PIMS oder LongCovid zu erkranken ist gering. Die EU-Kommission gibt Impfstoffe für Kinder frei. Die STIKO gibt keine Empfehlung für das Impfen von Kindern. Ich bin unsicher, ob ich mein Kind geimpft werden sollte. Für Kinder ist keine Impfkampagne geplant. Warum sollen Kinder Impfstoffe bekommen, so lange alle anderen nicht geimpft sind. Ist dein Baby ein Coronababy?

Ansonsten: Vertreter von Haus- und Kinderärzteverbänden sprechen sich gegen eine Impfkampagne für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahre aus, weil dies aus Eigennutz der Erwachsenen geschehe, die sich nicht anstecken wollen. Mehr Neubuchungen für Urlaubsreisen als im Vergleichszeitraum zu 2019 in Deutschland. Peru hebt die offizielle Zahl seiner Coronatoten um mehr als das Doppelte auf über 180000 an. Erstmals seit fast einem Jahr kein Coronatodesfall in Großbritannien. IWF, WHO, Weltbank und WTO fordern 50 Milliarden Dollar, um die ungleiche Verteilung der Impfstoffe zu beenden. Das Robert Koch-Institut stuft die Risikobewertung für Deutschland von »sehr hoch« auf »hoch« herab.

31. Mai | Nachweise der Unbedenklichkeit

Heute den Besuch einer Lesung (der ersten seit letztem Herbst) verpasst, weil ich vergessen hatte, dass ich dafür einen negativen Test benötige. Ich könnte schreiben, dass die Lesung an der Luft stattfindet, aber im Ganzen ist es ein Luxusproblem während einer Pandemie.

Zugleich bei fast allen Geschäften in der Stadt der Hinweis, dass es fürs Eintreten, sofern nicht zweitgeimpft oder genesen, ebenfalls einen Test braucht. Ich schreibe fast, weil vor den Buchläden, Drogerien und Supermärkten explizite Aushänge angebracht sind: Bei uns benötigen Sie keinen Test. Der Grund dafür ist die weiterhin gültige Unterscheidung zwischen systemrelevanten und optionalen Einkaufsmöglichkeiten. Deshalb braucht es für den Schmuckladen, den am Tag vielleicht zehn Personen betreten, einen Test und für den Supermarkt, wo vor einer Kasse zehn Personen stehen und das viele Stunden am Tag, keine Nachweise der Unbedenklichkeit.

Logisch wird diese Unwucht nicht, auch wenn ich eine Stunde darüber nachdenke. Ähnliches hörte ich von anderen Bereichen; Musikschulen, in denen nach jeder halben Unterrichtsstunde alle Flächen desinfiziert werden müssen und das ein Jahr nachdem Aerosole zum Wort der Stunde erklärt wurde. Es sind Regeln, die einmal nach dem damaligen Wissensstand aufgestellt wurden und heute weiter gelten, weil sie einmal gegolten haben. Sie folgen einer bürokratischen Logik.

Ansonsten: Als letztes Bundesland sinkt in Thüringen die Inzidenz unter 50. Wegen der niedrigen Inzidenz kehren viele Schulen zurück in den Präsenzunterricht. In mehreren asiatischen Ländern steigt die Zahl der Neuinfektionen wieder. Für ein Konzert der Band Teenage Bottlerocket im amerikanischen St. Petersburg sollen Ungeimpfte 55x mal so viel Eintritt zahlen wie Geimpfte. Weitere Untersuchungen bezüglich der betrügerischen Abrechnungen in Testzentren. Staatshilfen für die wegen der Coronakeulung von Nerzen geschlossenen 150 Pelzfarmen in Höhe von 31 Millionen Euro. Um die Kopplung von Mutanten an Ländernamen zu vermeiden, werden die Varianten nach dem griechischen Alphabet benannt. B117 heißt nun Alpha, P1 und B16172 Delta.

30. Mai | nächste Stufe

Jeder ist erschöpft, überfordert, verzweifelt, ängstlich, muss sich irgendwie zurechtfinden anhand der Informationsflut. Jeder sollte kritisieren; Bürokratie, Korruption, Ungleichheit, Unverhältnismäßigkeiten, fehlende Transparenz, ungenügende Kommunikation, Trägheit, Schludrigkeit, Selbstdarstellung, Bereicherung, fehlende Fehlerkultur. Jeder ist wütend auf die letzten anderthalb Jahre und hat alles Recht dazu, alles Verständnis für diese Wut. Aber da ist meinerseits kein Verständnis für Leute, die, weil sie keine Maske (Lappen) tragen oder nicht auf andere Rücksicht nehmen wollen, Leid relativieren oder negieren.

Das ist das eine. Das zu schreiben fällt leicht. Ich schreibe diesen Text seit über einem Jahr. Was neuer ist, ist die Radikalisierung der Relativier und Negierer. Ein Koch, der vor einem Jahr mit Megafon vor dem Reichstag stand, ruft zum Töten von Juden auf und verlinkt auf den Waffenshop eines NPD-Mitglieds. Einer der beliebtesten Popsänger des Landes nimmt zusammen mit Rechtsradikalen ein Lied auf, in dem zum bewaffneten Widerstand aufgerufen und ein Impfzentrum gesprengt wird. In Belgien kündigt ein schwerbewaffneter Exsoldat und Scharfschütze ein Attentat auf einen Virologen an. Eine Wissenschaftsjournalistin kann das Haus nur noch mit Personenschutz verlassen. In Österreich planen Coronaleugner Attentate auf Polizisten, bei ihnen werden Sprengkörper gefunden.

Das sind keine Walddorfesoteriker, keine tanzenden Pippi Langstrumpfs, keine Tante, die mal ein Youtube-Video gesehen hat, kein Onkel, der WhatsApp-Nachrichten schickt, kein Arbeitskollege, der von der Grippe spricht. Das ist eine nächste Stufe, eine Folge all der Vorstufen. Das ist Gewalt.

29. Mai | nächste Mutante

Im Großbritannien steigen wieder die Zahlen, trotz der Impfungen. Grund ist B1617, die indische Mutante, die noch ansteckender ist die britische Mutante B117. Gewarnt wird, dass B1617 auch in Deutschland Fuß fassen, hier die Zahlen steigen lassen wird.

Dieser Mechanismus ist mir bekannt. Aus den Erfahrungen der letzten anderthalb Jahre gibt es wenig Grund zur Annahme, dass es nicht in ähnlicher Form geschehen wird. Und dennoch höre ich nicht hin. Ich bin müde von Mutanten zu hören, von Warnungen, sage: aber 42,5% sind doch schon erstgeimpft, so schlimm wird es nicht werden, es ist wird verkraftbar sein, will vielleicht nichts von wahrscheinlich steigenden Zahlen hören in Tagen, in den Zahlen ins Bodenlose fallen und ich schon ein Ende vor Augen habe. Die Mutante schiebe ich bereitwillig beiseite, die Warnung erreicht mich diesmal kaum.

Ansonsten: Aus Vietnam wird eine neue Mutante gemeldet, ein Hybrid aus B117 und B1617.

28. Mai | Balkonkonzert

Auf dem Balkon des Nationaltheaters stehen fünf Musikerinnen; ein Blechbläserquintett. Es spielt Charleston, Samba, Ragtime, Hey Jude. Unten auf dem Theaterplatz halten die Menschen inne. Viele sind es, sie alle schauen empor. Kinder spielen vor dem Denkmal, umkreisen es auf ihren Rädern, die Erwachsen lauschen. Wie mir wird es anderen gehen: Seit zu vielen Monaten habe ich keine live gespielte Musik gehört. Der Moment ist schön, in seiner Gesamtheit fast perfekt, nicht nur deshalb, weil er coronafrei ist, sondern weil er für ein Moment etwas zurückbringt, das Corona genommen hat.

Ansonsten: Die Europäische Arzneimittelagentur gibt den Biontech-Impfstoff ab zwölf Jahren frei. Wegen der Mutante B16172 steigen die Infektionszahlen in Großbritannien wieder. Vax for the Win heißt das Programm, mit dem Kalifornien finanzielle Impfanreize bieten will und dafür fünfzehn Millionen Dollar verlost. Knapp zwei Monate vor Olympiabeginn will Tokio wegen hoher Zahlen den Coronanotstand verlängern. Die Fälschung eines Impfpasses kann zukünftig mit zwei Jahren Haft bestraft werden. Laut einer Recherche rechnen einige Testzentren zu viele Schnelltests ab und nehmen damit unrechtmäßig Gelder ein.

27. Mai | gelöst & leicht

Mein Impfarm ist Geschichte, das Pflaster über dem Einstich entfernt. Leicht hypochondrisch halte ich noch Ausschau nach möglichen Thrombosesymptomen. Darüber hinaus warte ich auf die Zweitimpfung im Juli. Der Termin liegt direkt vor zwei Wochen mit mehreren Veranstaltungen. Worst Cast wäre nach fast einem Jahr Pause die ersten Lesungen absagen zu müssen wegen Schüttelfrost und Fieber.

Ich informiere mich. Bei Moderna ist der zweite Stich jener, der Impfreaktionen bringt. Die zweite Impfung zwingt den Körper zu einer Auswahl der besten Antikörper. Empfohlen wird ein Abstand von 40 Tagen zwischen den Impfungen. Über die Webseite wird eine Verschiebung des Termins angeboten. Doch würde ein Verschieben von mehr als zehn Tagen die Wirksamkeit der Impfung nicht verringern, nicht die besten Antikörper in mir hervorbringen? Ist das ernsthaft von Belang? Ich zögere. Verschiebe das Verschieben. Gehe davon aus, dass es Anfang Juli schon irgendwie gut gehen wird.

Ansonsten wirkt alles leichter. Ich zähle nun zu den 41,5%. Gelöst treibe ich in den Tag, später in die Stadt hinein. In der Musikschule wird wieder schief die Nationalhymne geübt. Neben dem Kasseturm baut sich nach Monaten der Kleidermarkt auf. Vor dem Eiscafé am Theaterplatz, dessen Foto vor Tagen den Bericht in der Tagesschau zur Öffnung der Außengastronomie schmückte, sind die Tische trotz dunkler Wolken recht okay besetzt. Seit heute sind in Weimar Museen, Galerien, Gedenkstätten geöffnet, sind kulturelle Veranstaltungen erlaubt, stehen Hotels wieder offen. Bei allem die Bedingung der Nachweise: zweifache Impfung oder überstandene Infektion oder Schnelltest. Die Teilnahme an vielen ist wieder möglich, erfordert aber Aufwand. Will ich zur Lesung, muss ich mich testen lassen, vorausdenken, zusätzlich Zeit einplanen. Alles Kleinigkeiten im Vergleich zu dem, was sein könnte. Trotzdem: Unannehmlichkeiten. So schnell könnten sich die Maßstäbe verschieben.

Ansonsten: In Ohio gewinnt Abbigail Bugenske eine Million Dollar in der dortigen Impflotterie. Unter allen 12- bis 17-Jährigen in New York, die sich impfen lassen, werden 50 kostenlose Studienplätze verlost. Im philippinischen San Luis wird unter allen Impfwilligen eine Kuh von 500€ verlost. 6,4 Millionen Impfdosen für Kinder und Jugendliche werden eingeplant. In Tennessee fährt eine Frau mit einem SUV in ein Impfzelt und verletzt sieben Personen. Was hinter der Influencerkampagne gegen Biontech steckt.

26. Mai | danach

Heute nicht mehr getan, als schwere körperliche Belastungen zu vermeiden, viel Wasser zu trinken und den Impfarm zu ignorieren. Großartige Gedanken zum neuen Lebensabschnitt als Geimpfter waren nicht vorhanden. Durch die Impfung tritt keine Veränderung in meinem Leben ein außer der: Ich werde zunehmend geschützter sein bis ich es fast bin, zumindest vor den schweren Folgen. Und darum geht es. Vergleiche ich meine Situation mit der von vor zwei Jahren, bin ich am gleichen Punkt; eine Krankheit bedroht mein Leben nicht mehr.

Ansonsten: Für Schülerinnen sollen Impfstoffe reserviert werden. Eine allgemeine Impfempfehlung für Kinder wird vorerst nicht ausgesprochen. Die Hälfte aller amerikanischen Erwachsenen sind vollständig geimpft. Zum ersten Mal seit Oktober liegt die Inzidenz unter 50. China schenkt Nepal eine Million Impfdosen Sinopharm. Querdenkenende.

25. Mai | erste Impfung

Kurz nach neun Uhr stehe ich dort, wo ich seit fünfzehn Monaten stehen will: vor dem Impfzentrum. Dass es das Impfzentrum Ostthüringen sein wird, hätte ich nicht erwartet. Die Terminvergabe hat mich nach Gera geschickt, etwa eine Stunde Zugfahrt von Weimar entfernt. Das Zentrum befindet sich in der Panndorfhalle, einer Vier-Felder-Halle, in der sonst Deutsche Meisterschaften im Rollhockey und Badminton ausgetragen werden.

Ich bin zwanzig Minuten zu früh da und will mir eigentlich noch Bild von außen machen, doch der Ordner am Einlass beordert mich unverzüglich hinein. Ich laufe eine Art Rampe hinab und gleich am ersten Stehtisch wird auch die sogenannte Zwickmühle geklärt. Ein weiterer Einlass fordert das ausgefüllte und unterschriebene »Formular zur Vorlage in den Thüringer Impfstellen« ein. Sein Blick darauf währt etwa eine Sekunde, dann haben sich alle moralischen Fragen erledigt.

Nun werde ich von Station zu Station geleitet; mein Rucksack wird inspiziert, meine Körpertemperatur gemessen (35,5°), meine Krankenkarte gescannt, mir wird ein Anamnesebogen ausgehändigt, den ich ausfülle und an einer nächsten Station abgebe. Viele der Stationen werden von Soldatinnen betreut, in den Kabinen hängen Werbeplakate der Bundeswehr, Soldaten in grünen Tarnanzügen sitzen um ein Lagerfeuer, darüber steht Kameradschaft. Das Leiten von Station zu Station geschieht freundlich, effizient, geübt, fast zackig, kein Gramm Fett an den Anweisungen.

Allein bin ich eine halbe Minute nur, dann, als ich vor den Impfkabinen sitze und warte, dass meine Nummer (651) auf den Screens angezeigt wird. In der Halle sind Fotoaufnahmen verboten. Wer dennoch knipst, muss unter Aufsicht die Bilder vom Smartphone löschen, verständlich, man möchte nicht, dass sich Xavier Naidoo auf diese Weise Informationen über das Innere eines Impfzentrums verschaffen könnte.

651 erscheint nach der halben Minute. Ich schiebe die Tür zu Kabine C auf. Ein Arzt informiert mich (Sie bekommen Moderna, ein mRNA-Impfstoff, haben Sie Fragen, nach der Impfung können Fieber, Gelenkschmerzen auftreten, das ist normal, viel Wasser trinken, in den nächsten Tagen schwere körperliche Belastungen vermeiden etc.) Es ist ein knapp gehaltenes Gespräch, ich unterschreibe digital, dass ich informiert wurde. Ich gelange in die nächste Zone, den entscheidenden Bereich, das Impfareal.

Die Kabinennummerierung reicht von A bis M. Ein Mann, bestens geschützt, bittet mich zu sich. Er ist der erste, der nicht soldatisch wirkt, nicht zackig, sondern irgendwie … rund. Im Radio läuft das Beste aus den 80er und 90er, Alannah Myles singt »Black Velvet«, mein Impfsoundtrack. Ich nehme Platz. Ob ich mich schon für einen Impfarm entschieden habe, ich krempele einen Ärmel meines Shirts hoch, er justiert nach, desinfiziert den Oberarm, mehrmals desinfiziert er, nimmt die Spritze, bittet mich locker zu lassen, noch lockerer, noch lockerer, ja genau so. Er sticht die Nadel in mich. Das Heilmittel gelangt in meinen Körper.

Und in diesem heiligen Augenblick, dem Moment aller Sehnsucht, ist in meinem Kopf nur ein Satz: Da isse die Impfe. Es ist der blödeste Satz von allen blöden Sätzen, ein Meme, das vor drei Monaten einen Tag lang lustig war und seitdem nur nervt. Ich denke diesen Satz und weil das Einstechen erstaunlich lange dauert, habe ich viel Zeit, diesen Satz oft zu denken, ihn lang und zäh zu kauen, Da isse die Impfe.

Und da ist es auch vorbei, Gedanke und Impfen und Alannah Myles, der Laufzettel erhält einen weiteren Vermerk und mein roter DDR-Impfausweis einen kleinen Aufkleber mit QR-Code. Ich werde in den nächsten Bereich geschickt. Etwa achtzig Stühle im Sicherheitsabstand, vielleicht dreißig besetzt. Wer hier sitzt, wartet fünfzehn Minuten. In einer Glaskabine überwachen zwei Notärztinnen die Gesundheit der Anwesenden unmittelbar nach der Impfung. Eine isst Banane.

Hier kommt erstmals so etwas wie Ruhe über mich. Ich schaue auf die bleigelben Sitzplätze auf der Turnhallentribüne. Einem Mann fällt eine Wasserflasche zu Boden, ein Ordner eilt herbei mit Küchenpapier und wischt auf. Drei gewaltige Uhren zeigen die Zeit, analog und digital. Alles ging wahnsinnig schnell. Jetzt, da ich schon geimpft bin, wäre erst mein Termin gewesen. Ich wurde durchgeschleust, professionell, routiniert, wie hunderte, sicher über Tausende am Tag.

Um hier zu sein, braucht es ein Mindestmaß an Vertrauen: Vertrauen zu den Soldaten, den Ärzten, dem Impfstoff, dem System, in dem ich eine Nummer bin (651) und nur deshalb so schnell geschleust werden kann, nur deshalb kann mir geholfen werden. Irgendwie ist es beängstigend, wie geölt dieses System funktioniert und was es mit mir macht und natürlich ist es beruhigend. Die Panndorfhalle sorgt für mich, die Laufzettel und Stationen schützen mich vor einer schweren Krankheit.

Nach fünfzehn Minuten melde ich mich an der letzten Station ab. Über die Rampe verlasse ich die Halle. Vor der Halle stehen Soldaten. Sie rauchen. Der Ordner vom Anfang bittet die ankommenden Impflinge vorzeitig ins Zentrum. Ich schaue zu denen, die mit mir den Ort verlassen. Unser Blick ist ähnlich: Wir wissen, noch ist nichts geschafft. Aber der Schutz wird von Tag zu Tag wachsen, in sechs Wochen ist die zweite Impfung, in zwei Monaten wird die Wirksamkeit erreicht sein. Wir halten uns nicht für unbesiegbar. Aber wir sind ein Stück weniger besiegbar geworden. Ja, denke ich, eigentlich müsste ich Fotos machen den Gesichtern der Menschen, die geimpft aus der Halle treten.

Ansonsten: Über vierzig Prozent der Deutschen sind mindestens einmal geimpft. China weist die Berichte, dass Labormitarbeiter in Wuhan schon im November 2019 an Covid19 erkrankten, entschieden zurück. Laut einer Studie wollen drei Viertel der Befragten bei Serien oder Filmen nicht an Corona erinnert werden, ein Viertel sind irritiert, wenn die Figuren keine Masken tragen. Um die Impfbereitschaft zu steigern, wird in Polen verlost: Geld (bis zu 223000€) und Autos mit Hybridantrieb. Erstmals seit langer Zeit keine Neuinfektion in Weimar. Mysteriöse Kampagne gegens Impfen.

24. Mai | Vorbereitung fürs Finale

Heute habe ich den Impftermin für morgen bestätigt. Dem vorausgegangen waren weitere Konsultationen bei Freunden und Bekannten, im Grunde ging es dabei um Absolution. Das Meinungsbild war recht klar, Zustimmung, zum Teil fast Unverständnis, weshalb ich überhaupt eine Frage nach dem ob stelle; Mein Vorgehen ist legal, jeder Geimpfte zählt, in wenigen Tagen steht es ohnehin jedem frei, sich impfen zu lassen.

Und irgendwann frage ich mich, ob ich nicht maßlos übertreibe, daraus ein Thema einer moralischen Zwickmühle zu machen, ob es nicht auch kokett ist, eine haltlose Übertreibung, eine Überhöhung aus dramaturgischen Gründen, diese über Tage ausgedehnte Zuspitzung eines simplen Impfvorgangs, ob das an diesen Einträgen liegt, ob nach all den Monaten der Ungewissheit, des Schöpfens von Hoffnung, des Wartens, all der Bilder und Berichte, der Informationen und Desinformationen, des Zauderns und der Zweifel und dem Wunsch danach ich nicht getrieben werde von der Suche nach einem perfekten Finale der 170000 niedergeschriebenen Wörter.

Fast mehr als geimpft zu werden will ich davon erzählen können. Wenn etwas dieses Erzählen hindert oder den Eindruck trübt, dann muss ich mir eine andere Wirklichkeit suchen, andere Umstände für das Impfen aushandeln, denke ich mir, das bin meinem Schreiben schuldig. Das Niedergeschriebene erhält eine höhere Wertigkeit als die zukünftigen Antikörper.

Alle diese Überlegungen sind Unsinn und glücklicherweise kapiere ich das irgendwann und bestätige deshalb innerhalb von 48 Stunden den Link zur erfolgreichen Terminbuchung. Fast augenblicklich erhalte ich die Bestätigung und mir ihr Informationen, was morgen Vormittag von mir erwartet wird: Schutzmaske, Impfausweis, Versichertenkarte und einen eigenen Stift. Ich werde nach Gera fahren und mich impfen lassen.

Ich habe gehört, wie es in Gera laufen wird, ich habe den morgigen Tag vor Augen, das Buch, das ich auf der Hinfahrt lesen werde, eingepackt (Aus der Zuckerfabrik), Musik ist sowieso immer dabei und für die Rückfahrt sind leere Blätter bereitgelegt, auf die ich notieren werde. Vielleicht reduziert sich der morgige Tag und die letzten fünfzehn Monate auf einen Satz und das wäre auch okay.

In der Nacht liege ich lange wach und denke an morgen. Plane den Impfarm ein. Keinesfalls ein Impfselfie. Überlege, was der Stich über das Medizinische hinaus mit mir machen wird. Aber selbst dieses Überlegen fühlt sich an, als wäre ich verpflichtet dazu, als wären diese Gedanken in mir, damit ich darüber schreiben kann. Ich denke: Ein kleiner Stich für die Menschheit, ein großer für mich und denke: Wie oft wird dieser Satz in den letzten Monaten schon geschrieben sein? Ich denke: Am Tag zuvor war ich in einer Gruppe von Menschen der einzige Ungeimpfte. Ich denke: Denk nicht weiter darüber nach. Bring es endlich hinter dich.

Ansonsten: Laut eines amerikanischen Geheimdienstberichts erkrankten Laborarbeiter in Wuhan schon im November 2019 an Covid19, was neue Hinweise für die These liefert, dass das Virus im Labor entstanden sein könnte. Ein Ende der Homeoffice- und Testpflicht fordert der Bundesverband der Deutschen Industrie. Mehr als 300000 Coronatote in Indien, die Hälfte davon in den letzten acht Wochen. Um die Coronaregeln zu umgehen, heiratet ein Brautpaar im Flugzeug. Als letztes Bundesland rutscht Thüringen unter die Sieben-Tage-Inzidenz von 100. Als erster EU-Staat erreicht Malta die Herdenimmunität.

23. Mai | außen

Eigentlich wollte ich den Satz schreiben: Außengastronomie muss erst langsam wieder erlernt werden. Dann sehe ich die Bilder aus Berlin, Hamburg und anderen Städten und merke, dass dieser Satz nicht der Wahrheit entspricht. Schreiben muss ich auch diesen Satz: Für Dienstag habe ich einen Impftermin in Gera. Und weiterhin die Zweifel der Zwickmühle.

Ansonsten: Der Bundesgesundheitsminister ruft dazu auf, Impfstoffe von Biontech für Schülerinnen zu reservieren. Als Zielmarke gibt er eine Inzidenz von unter 20 aus.

22. Mai | Zwickmühle

Ich erfahre, dass es eine »legale« Möglichkeit gibt, mich schon vor dem Wegfall der Priorisierung impfen zu lassen. Legal schreibe ich noch in »«. Mein Ticket wäre ich als enge Kontaktperson einer Über-60jährigen. Der entsprechende Passus ist so offen formuliert, dass die Bezugsperson nicht mehr sein muss als über sechzig Jahre. Nachweise oder ärztliche Atteste werden nicht verlangt, ein ausgefülltes Formular mit Unterschrift genügt, nachgeprüft wird nicht.

Ich will es nicht glauben. Jeder kennt jemanden über sechzig. Wäre es so, stände jedem diese Tür offen, zumindest in Thüringen. Ich lese nach. Es ist rechtens. Aber ist es auch richtig?

Ich gerate in eine Zwickmühle. Da ist die Gelegenheit auf mein persönliches Ende der Pandemie. Zum Greifen nah liegt sie. Ich wäre geschützt vor dem Schlimmsten. Aber … es fühlt sich falsch an. Aber sollte ein falsches Gefühl eine Rolle spielen? Es ist nicht Ende 2020, die Gefährdesten sind längst zweifach geimpft, ich nehme niemanden, der dringend auf eine Impfung angewiesen ist, einen Schutz weg. In reichlich zwei Wochen wäre ich ohnehin berechtigt.

Sollte ich nicht einfach diese zwei Wochen abwarten? Aber wird dann der Ansturm auf die Impfstoffe nicht viel zu groß sein, als dass ich eine realistische Chance auf einen unmittelbaren Termin hätte? Aber wie wird das sein, wenn ich der Impfärztin gegenübersitze und sie das ausgefüllte Formular einer vermeintlich engen Kontaktperson liest? Wird die Impfung mit einem Makel behaftet sein, wird das schlechte Gewissen stets die Erinnerung an die Impfung bestimmen? Was werde ich hier schreiben? Der Impftag ist gedacht als glorreiches Finale der Coronamonate. Müsste ich hier drucksen und verschämt verschweigen? Aber wie albern ist es, dies als Kriterium für eine Entscheidung zu nehmen, bei der es doch zuallererst um die rasche Antikörperproduktion in mir gehen sollte?

Ich bitte Freunde um Rat, schon geimpfte und noch ungeimpfte Freunde. Sie sind Engel links, Teufel rechts, nein eigentlich lauter Engel mit überzeugenden Argumenten. Das Meinungsbild fällt uneinheitlich aus. Letztlich ist es meine Impfung, meine Entscheidung, mein schlechtes Gewissen, sind es meine Antikörper, ist mein sinnvoller und sinnloser moralischer Diskurs mit mir selbst, meine Erinnerung, mein Pandemiefinale. Wie werde ich entscheiden?

Ansonsten: Wegen einer seltenen Mutante wird in einem Stadtteil von Bordeaux die sofortige Impfung aller dortigen Einwohnerinnen beschlossen. Wegen der Verbreitung der indischen Mutante wird Großbritannien als Virusvariantengebiet eingestuft. In Indien tritt vermehrt die tödliche Pilzinfektion Mukormykose »Schwarzer Pilz« bei Covid19-Patientinnen auf. Der Deutsche Städte- und Gemeindebund befürchtet, dass wegen der Pandemie bis zu hunderttausend Einzelhandelsgeschäfte schließen könnten. Trotz des Verbots von Coronademos demonstrierten Maßnahmenkritikerinnen in Berlin. Mehr Zweit- als Erstimpfungen werden heute verabreicht. Gegen Coronamythen in Neuseeland.

21. Mai | Linda Lindas

Anstatt über das neue Featurevideo von Xavier Naidoo zu schreiben, in dem ein Impfzentrum in die Luft gesprengt wird, schreibe ich über die amerikanische Punkband The Linda Lindas. Die zehnjährige Schlagzeugerin erzählt: »A little while before we went into Lockdown a boy in my class came up to me and said that his dad told him to stay away Chinese people. After I told him that I was Chinese he backed away from me. Eloise and I wrote this song based on that experience.« Und dann spielen sie in einer öffentlichen Bibliothek Racist Sexist Boy und das ist möglicherweise eine der bestmöglichsten Folgen von Coronawut.

Ansonsten: Nach Kritik widerruft Niedersachsen die Ankündigung, ab einer Inzidenz unter 35 die Maskenpflicht in Geschäften aufzuheben. Ab 1. Juli sollen die Kinos wieder öffnen. Verschiedene Produzenten von Impfstoffen sagen ärmeren Ländern die Lieferung von mehr als einer Milliarde Impfdosen bis zum Jahresende zu, die ärmsten Staaten sollen nur die Herstellungskosten zahlen. Wegen der Ausstellung falscher Atteste zur Maskenpflicht muss ein Zahnarzt aus Baden-Württemberg 21000€ Strafe zahlen. Ein Paar aus Baden-Württemberg soll tausende Impfnachweise gefälscht haben. Mehrere große Datingportale wie Tinder integrieren Funktionen, die aufs Impfen hinweisen, um jüngere Nutzerinnen zum Impfen zu animieren. Mehrere amerikanische Bundesstaaten verlosen Geld unter allen Impfwilligen. Da wegen der abgesagten Kulturveranstaltungen Einnahmen für die Künstlersozialkasse wegfallen, erhält die KSK mit einem Coronazuschuss. Die höchste europäische Inzidenzzahl wird aus Schweden gemeldet. Bei einer Razzia in Österreich stellt die Polizei bei Gegnern von Coronamaßnahmen Waffen, Munition und Sprengkörper sicher.

20. Mai | in

Ich glaube, ich verliere meine Coronaaugen. Verliere den Drang, mich sehend mit ihnen durch die Welt zu bewegen. Ich überlese Informationen, ziehe sofort meine Gedanken zurück, wenn es darum geht, eine Position zu finden. Ohne innere Anteilnahme nehme ich teil am weiteren Pandemieverlauf, ich teile, ohne mich damit zu beschäftigen.

Dabei gäbe es so viel, über das sich zu schreiben lohnen würde: das sogenannte Divigate, die Behauptung, dass die Zahlen zur Intensivbetten-Belegung zum Teil nicht korrekt gewesen seien, ein Vorwurf, der sich als schon bei ferner Betrachtung als ein Musterbeispiel von schludrig und manipulativ entpuppt und anhand dessen sich einiges über die Art und Weise, wie Falschinformationen vermittelt und in Kauf genommen werden, erzählen ließe.

Oder schreiben, wie die Impfgegnerschaft zunehmend zu einem zentralen Thema des Impfens wird. Schreiben, dass in Weimar die Zahlen seit Tagen unter hundert stehen und deshalb heute die Geschäfte und die Außengastronomie öffneten. Schreiben von Israel, dem geimpften Land, einer jener Orte, von dem es hieß, dass dort wieder die »Normalität« zurückgekehrt sei, wie die Raketen fliegen, dieser furchtbare Widerspruch zwischen Leben retten durch Impfen und Leben zerstören. Schreiben von Indien und der Dunkelziffer. Von Großbritannien, wo aufgrund der indischen Mutante die Zurücknahme der Lockerungen im Raum steht. Von Lateinamerika, wo nur drei Prozent der 650 Millionen Menschen vollständig geimpft sind und das mit den USA vergleichen und die Grafik sehen, wie wenig Impfstoffe die USA im Vergleich zu anderen impfstoffproduzierenden Ländern exportiert.

Schreiben von meinen Zweifeln, ob das wirklich so aufgeht mit einem entspannten Sommer, ob das Impfen so rasch wie erwartet geschehen wird, ob der notwendige Schutz rechtzeitig erreicht wird, was dagegenspricht; die Antiimpfkampagnen unter Hashtags wie #WirLassenUnserKindNichtImpfen, die Mutante B1617 und ob ich genauso besorgt reagieren sollte wie vor einem halben Jahr auf B117, das veränderte soziale Verhalten ab heute, ob es wirklich wahrscheinlich scheint, dass die Pandemie ab dem Juliurlaubswunsch noch ernst genommen werden wird.

Und während ich das schreibe, merke ich, wie viel es doch noch zu schreiben gibt, so viel, dass ich nirgends in die Tiefe gehe, dass meine Coronaaugen hin- und herspringen, auswählen wie an einem Themenbüfett, satt längst und dennoch suchend.

Ansonsten: Im Pandemiejahr 2020 wurden 1,7 Milliarden Überstunden geleistet, die Hälfte davon unbezahlt. Wegen einer Infektion kann die isländische Band Dadi og Gagnamagnid nicht beim Eurovision Song Contest auftreten, im Wettbewerb wird der Mitschnitt einer Probe gezeigt.

19. Mai | Zahlen von gestern, Zahlen von morgen

Die Inzidenz fällt ins Bodenlose, so, wie man bodenlos nach einem anderthalb Jahren Pandemie definiert. Das liegt auch am Einfrieren. Für die Inzidenzmarke werden nur die gemeldeten Zahlen eines Tages gerechnet, dieser Wert wird »eingefroren«. Nachmeldungen werden zwar aufgeführt, aber für den Wert, der über Öffnungen und Schließungen entscheidet, nicht berücksichtigt. Wer spät meldet, profitiert davon, vorsätzliche Nachmeldungen geschehen. So fallen zwar die Zahlen, sind aber trotz der Abwärtsbewegung höher, als es den Anschein hat.

Auch über andere Zahlen wird diskutiert: die Szenarien, die vor Monaten für diesen Monat erstellt wurden. Szenarien, die wesentlich höhere Neuinfektionen in Aussicht stellten. Von »Panikmache« ist die Rede und gefragt wird, warum die Szenarien so weit von der Wirklichkeit entfernt liegen, viele Häme dabei.

Vor zwei, drei Monaten, als sich abzeichnete, dass die dritte Welle beginnt, später noch, als die Kurven nur wenig gebremst stiegen, las ich diese Szenarien, ich schrieb hier darüber, Inzidenzwert 600, 50000 Neuinfektionen am Tag etc. Es war auch einer Form von Hilflosigkeit geschuldet: müde vom vorherigen Lockdown, das Impfen schleppend angelaufen, der Zwiespalt zwischen den herbeigesehnten Öffnungen und der Vernunft des Runterfahrens, auch die Desillusion, dass NoCovid keine reale Chance auf Umsetzung haben würde. Die defätistische Zukunft, die diese Szenarien beschrieben, schien passend für meinen inneren Zustand der Zuversicht.

Szenarien gehören zu den Basiselementen der Zukunftsforschungen. Dort werden sie im Plural geschrieben. Niemand extrapoliert einfach die Vergangenheit ins Morgen und geht davon aus: Das ist die Zukunft. Niemand geht von einer einzigen Zukunft aus. Verschiedene Zukünfte werden beschrieben, in denen verschiedene Faktoren unterschiedlich gewichtet werden. Je nach Gewichtung ergeben sich andere Zukünfte. Das heißt: Es gab nicht ein einziges Szenario diesen Coronamai. Sondern mehrere.

Nur lag es an mir zu entscheiden, welches der Szenarien ich für am wahrscheinlichsten hielt. Die Stimmung von damals bestimmte meine Entscheidung, so wie heute meine Stimmung die Entscheidung bestimmt, welches Sommerszenario ich erwarte. Ich kenne die veränderten Faktoren, die mir heute relevanter erscheinen (Impfgeschwindigkeit, Notbremse, mehr AHA wegen düsterer Prognose) und gewichte mit diesen Faktoren die Rechnung anders. Ich weiß, was eine selbstzerstörende Prognose ist, habe stets »No Glory in Prevention« im Ohr, verteidige die Szenarien von damals, weiß, dass ich sie lieber schwarz als weiß gesehen habe, weiß, wo die Gewichtung nicht stimmte und bin erleichtert, dass der sechzehnte Coronamonat ein anderer ist als befürchtet.

Ansonsten: Drei von vier Kreisen sinken unter eine Inzidenz von 100. Außer Diskotheken wird in Dänemark alles geöffnet. Laut einer Umfrage haben die Erfahrungen aus der Coronazeit die Prioritäten bei den Verkehrsmitteln verändert: mit deutlichem Abstand ist das Auto das bevorzugte Fortbewegungsmittel. Nach großer Kritik wird eine geplante Impfaktion für Schüler an einem bayrischen Gymnasium abgesagt. Wegen mangelnder Anerkennung seitens der Regierung kündigt in Großbritannien die Krankenschwester, die sich bei Boris Johnsons Covid19-Erkrankung um ihn kümmerte, »Wir erhalten nicht den Respekt und den Lohn, den wir verdienen«. Raster Psychotherapie.

17. Mai | aufgehoben

Ich laufe durch die Stadt. Ich sehe die Geschäfte. Manche sind seit vielen Monaten geschlossen, die Schaufenster zeigen, was Mitte 2020 hätte verkauft werden sollen. Bei anderen sehe ich die vor die Türen geschobenen Tische, über die hinweg verkauft wird. Sehe das Schaufenstershopping. Die Abholangebote der Gaststätten. Ich denke an den Schreibwarenladen, der einfach öffnete, an die Buchhandlung, in der sich vor einem Jahr die Buchbestellungen stapelten und wie Johannes sie mit dem Fahrrad auslieferte.

Ich sehe das Umtriebige. Ein Finden von Nischen, ein Arrangieren mit der Situation, ein Weitermachen. Nicht jedem war das möglich. Manches wurde nur möglich, weil die Möglichkeiten selbst geschaffen wurden.

So auch beim Impfen. Viele in meinem Umfeld sind geimpft, einiges geschah überraschend. Niemand drängelte, niemand schummelte, aber schuf sich Möglichkeiten. Meldete sich als Wahlhelfer an, sprach mit Ärztefreundinnen, war betreuende Person eines Pflegebedürftigen, Bekannte einer Schwangeren, schaute kurz vor Tagesende im Impfzentrum vorbei und fragte nach Restdosen, klickte nächtelang auf Seiten, nahm sich die heimlichen Tipps von Nachbarn zu Herzen. Nicht alle hätten schon geimpft sein können. Sie sind es trotzdem.

Ich habe vor Wochen bei der Hausärztin angerufen, gefragt, wie es dort mit den Listen gehandhabt wird. Listen gibt es nicht, nur nacheinander ein Anrufen der Patentinnen, sobald ausreichend Impfstoffe vorhanden sind, ein alphabetisches Vorgehen. Ich bin selten bei der Ärztin, weder auf ihrer Liste noch im Alphabet stehe ich weit vorn. Warte ich den geordneten Gang ab, rückt mein Impfen in den späteren Sommer.

Heute wird verkündet, dass ab dem 7. Juni die Impfpriorität aufgehoben wird. Keine Beschränkung mehr, das einzige Hindernis die Terminfindung. Wieder setzt eine Diskussion über Gerechtigkeit ein. Noch sind nicht mal alle aus Gruppe 1 geimpft. Die Jagd nach einem Termin wird jene bevorzugen, die Zeit fürs Finden haben, die über Kontakte verfügen. Ist die Freigabe ein Zugeständnis an die Urlaubswilligen, mit Blick auf die Wahl Ende September geschehen? Oder ist sie notwendig, um rascher die notwendige Herdenimmunität zu erreichen? Ich weiß: Wenn ich nicht erst im späteren Sommer den Eintrag über mein Geimpftwerden schreiben will, muss ich mir Möglichkeiten schaffen. Ab dem 7. Juni werde ich umtriebig sein müssen.

Ansonsten: Mehr als 30 Millionen Deutsche sind mindestens einmal geimpft. Laut einer Umfrage wollen sich drei Viertel aller Deutschen über achtzehn Jahre impfen lassen. Die Ständige Impfkommission geht davon aus, dass spätestens nächstes Jahr eine Auffrischung der Impfung notwendig sein wird. Aufgrund der geplanten Lockerungen werden Campingplätze mit Anfragen überhäuft. In New York wird die Maskenpflicht für Geimpfte aufgehoben. Bergsteiger am Mount Everest werden aufgefordert, Sauerstoffflaschen nach Nepal zu zurückzubringen, weil wegen der hohen Zahl von Coronakranken in den dortigen Krankenhäusern zu wenige vorhanden sind.

15. Mai | Gegenwelten

In den letzten Tagen vermehrt wieder Links zu Texten und Videos über Coronawahrheiten: die Belegung von Intensivstationen, Wahrheiten über die Impftoten, Untersterblichkeiten etc. Ich merke, wie wenig mich das noch triggert, wie gering der Elan ist, mich in diese Behauptungslabyrinthe zu begeben, dass ich keine Motivation verspüre, diesen Wahrheiten hinterher zu recherchieren und zu argumentieren.

Es lässt mich kalt.

Vielleicht bin ich erstaunt, dass im 16. Monat der Pandemie noch immer versucht wird zu belegen, dass es keine Pandemie gibt, nach über drei Millionen Toten zu beweisen, dass das Virus keine Gefahr darstellt, dass die letzten anderthalb Jahre ein Komplott von wenigen gegen viele waren. Ich denke: Es ist ein aussichtsloses Unterfangen, irgendwie auch verzweifelt. Wer wollte schon an Tagen, an denen 1,3 Millionen geimpft werden, zu einer Zeit, an dem mehr als 35 Prozent des Landes geimpft sind, wer will sich da auf den letzten Metern auf so etwas noch einlassen? Wer wollte nicht mit der Pandemie abschließen, anstatt tiefer darin zu versinken?

Ich denke: Das ist durch. Die große Mehrheit hat diesen Texten und Videos keinen Glauben geschenkt. Sie hat viel kritisiert, etwas für über- oder untertrieben gefunden, Zahlen verschieden interpretiert. Und auch wenn es in den kommenden Monaten und Jahren Informationen geben wird, welche Aspekte der Pandemie differenzierter erscheinen lassen werden: Das Grundsätzliche ist fest. Ein Konsens besteht. Die Mehrheit wird nicht an eine Coronaverschwörung glauben. Die Mehrheit wird sich geimpft haben lassen.

Die Videos sind durch. Die Texte sind durch. Das Triggern ist durch. Dann denke ich: Was, wenn es gar nicht darum geht, mich und andere zu überzeugen? Was, wenn es darum geht, sich selbst zu überzeugen? Jeder Link baut eine Welt weiter, die vor einem Jahr erschaffen wurde. Jedes Youtubevideo ist eine Bestätigung der Energie, Zeit, Gedanken und Wut, die man in diese Gegenwelt investiert hat. Jetzt sind da hunderte Millionen geimpft und schwerwiegende Impfreaktionen die Ausnahme. Jetzt winkt die Mehrheit ab, wenn ich mit Enthüllungen komme, die die Welt der Mehrheit als Lüge überführt. Was, wenn es mit den Links und Videos über die Wahrheiten darum geht, die Gegenwelt am Leben zu belassen? Und was passiert mit diesen Gegenwelten, wenn die anderen die Pandemie längst schon in ihren Fotoalben abgelegt haben?

Ansonsten: Während der Pandemie fällt die Hälfte der Schulstunden im Präsenzunterricht aus. Wegen der Pandemie werden Aufstiege zum Mount Everest untersagt. 2020 erhöht sich die Zahl der Milliardäre um 700 auf 2700 , ihr Vermögen steigt um fünf Billionen Dollar, mehr als hundert Millionen Menschen fallen in absolute Armut und leben von weniger als 1,80$ pro Tag. 2020 steigern die Milliardäre ihr Vermögen um 6 % des BIP der Welt, während das BIP der Welt um 3,3 % einbricht.

https://twitter.com/MWOrdoliberal/status/1392486408292536325

14. Mai | Kratzen II

Ansonsten: Auf dem Spargelhof.

13. Mai | Kratzen

Vor den Träumen das Einschlafen. Ich spüre ein Kratzen im Hals. In der Pandemie ist ein Halskratzen kein einfaches Halskratzen mehr; es ist mögliches Symptom. Ich bleibe liegen und schrecke zugleich hoch. Ich gehe die letzten Tage durch, die Situationen, die Unvorsichtigkeiten, den Kindergarten. Weiß, dass Brüten nichts bringt. Weiß, dass jetzt da dieses Kratzen ist und im Haushalt kein Test vorrätig.

Bleiben die Gedanken. Bleibt das Kopfkino. Die Bilder aus dem letzten Jahr, das angesammelte Wissen. Ich sehe mich auf dem Bauch liegen, wische die Vorstellung wie ein Foto der Smartphonegalerie nach links. Überlege: Sollte ich jetzt lüften? Mit Mundspülung gurgeln? Mir schnellstmöglich dieses Wundermittel von Asthmaspray besorgen, das die Krankheit im Keim erstickt? Schritte unternehmen, die eine größere Virenlast verhindern? Ich google die Öffnungszeiten der Testzentren, morgen ist Feiertag, der Handel geschlossen, was sind meine Optionen? Ich überprüfe mein Kratzen, erstelle mir selbst eine Diagnose, wie ist meine Körpertemperatur, huste ich, niese ich, verspüre ich Schmerzen im Kopf, rieche ich, schmecke ich, sollte ich probeweise Salz von meinem Handrücken lecken?

Es bleibt: das Kratzen. Mit einem Mal sind all die sorgfältigen Überlegungen eines Jahres für die Katz, das Abwägen der Coronamonate auf siebenhundert Seiten, all die Argumente und das Vorantasten in Grauzonen hinfällig. Es geht um mein Kratzen und was daraus erwachsen könnte, wie es mir morgen gehen könnte, wie ich nachts in einer Woche liege, wo in drei Wochen. Alle eventuellen Vorbehalte gegen das Impfen, gegen AstraZeneca, Sputnik V, selbst gegen Sinopharm sind vergessen, jede Risikoabwägung hat sich erledigt. Ich nähme jeden Stich in Kauf, um in Tausch dafür das Kratzen im Entstehen zu stoppen.

Ich denke: Wie wäre es, jetzt, da die Bundesländer beginnen, die Impfpriorität aufzuheben, da ein legal erhaltener Impftermin in Reichweite liegt, wie wäre es, auf diesen letzten Metern abgefangen zu werden? Ich denke an die Angsteinträge und sage mir, das hast du nun davon, wenn du stets nach den höchsten Zahlen und den dramatischsten Szenarien Ausschau hältst. Jetzt hält dich dieser Angstblick wach, lässt dich nicht annehmen: nur ein Halskratzen. Sondern das Schlimmste. Das Drama. Dabei weiß ich: Die Wahrscheinlichkeit, unbeschadet aus allem hervorzugehen, schlägt die Gefahr bei weitem. Aber das Kopfkino arbeitet gegen die Logik, nachts, Regen gegen die Scheiben, ein Hund bellt, die Sterne hinter Wolken. Es ist, als ob alle Worte der Coronamonate mit einem Mal über mich hereinbrechen.

Früher oder später muss ich eingeschlafen sein. Als ich Tage oder Stunden danach traumlos aufwache, ist das Kratzen verschwunden, kann nun wieder die nächsten Worte sorgfältig abwägen.

Ansonsten: Mehrere Bundesländer heben die Impfpriorisierung für Arztpraxen auf. Aufgrund des verkürzten Abstands zur Zweitimpfung steigt die Nachfrage nach AstraZeneca so stark, dass der Impfstoff knapp wird. Die Polizei warnt vor gefälschten Impfpässen. Der Bundesstaat Ohio verlost unter allen Impfwilligen der nächsten fünf Wochen eine Million Dollar. In den USA wird die Impfkampagne für 12-15jährige gestartet. Um sich gegen Geimpfte zu schützen, tragen Maskengegnerinnen Masken. Auf den Seychellen, dem Land mit dem höchsten Anteil an voll geimpften Personen, bricht eine neue Coronawelle aus, weshalb Zweifel am verabreichten Impfstoff von Sinopharm laut werden. Um die in den Ganges geworfenen Coronatoten besser bergen zu können, wird ein Netz durch den Fluss gespannt. Dänemark beginnt mit Exhumierung von den vier Millionen wegen Corona gekeulten Nerzen, um deren Kadaver zu verbrennen.

12. Mai | Venedig

In den letzten Tagen mehrmals vom Impfen geträumt, wirre Geschichten: Für meinen Impftermin muss ich durch die Kanäle Venedigs schwimmen und werde dabei von einem Kamerateam begleitet, das mir Quizfragen stellt. Plötzlich steht das Impfzentrum in Gera und ich muss dort täglich die Impfung auffrischen lassen, weshalb ich beschließe, nach Gera zu ziehen. Der Impfvorgang ist wie eine Abiturprüfung und bei der mündlichen Kontrolle versage ich, weshalb der Impfarzt mir die Impfung verweigert. Als ich zu meiner Hausärztin gehe, die mich angerufen hat, weil eine Dosis übriggeblieben ist, sitzt dort Hans-Georg Maaßen in einem weißen Kittel und hält eine meterhohe Spritze hoch. Schließlich sind alle Menschen auf der Welt vollständig geimpft, nur ich warte noch auf meine Erstimpfung. Als ich sie erhalten solle, sind alle Impfstoffe aufgebraucht und es werden keine mehr produziert, ich bin der letzte Ungeimpfte.

Ansonsten: Impfzentren klagen über aggressive Impfwillige und zahlreiche Versuche, sich eine vorzeitige Impfung zu erschleichen. Laut einer Untersuchung anhand der weltweiten Übersterblichkeit wird die Zahl der weltweiten Coronatoten doppelt so hoch geschätzt. Im Norden Indiens werden mehr als vierzig Coronotote ans Ufer des Ganges gespült; es wird vermutet, dass wegen der überfüllten Krematorien die Hinterbliebenen die Toten ins Wasser warfen. Im letzten Jahr stieg die Zahl der Pflegekräfte an deutschen Krankenhäusern um etwa 20000. Weil ein Mann seine Ex-Frau vorsätzlich mit Corona angesteckt hat, wird er wegen schwerer Körperverletzung verurteilt.

10. Mai | ein Ende (I)

Die letzten Tage habe ich überlegt, wie ich hier am geschicktesten rauskomme. Wie ich zu einem Ende finde, was der Anlass sein wird für den abschließenden Eintrag. Am Wochenende sank in Weimar die Inzidenz unter hundert, es gibt momentan wenig Grund zur Vermutung, dass sie noch einmal deutlich und auf längere Zeit gesehen steigen wird. Sicher, ich könnte schreiben: Die bejubelte Hundert von heute war im letzten November gefürchtet und vor einem Jahr dystopisch. Könnte schreiben: In manchen Altersschichten liegt die Zahl deutlich über hundert. Könnte schreiben: Die Zahl liegt bei hundert, obwohl schon jede dritte geimpft ist, die Zahl erzählt eigentlich etwas ganz anderes, als sie vorgibt zu sein. Ich könnte Mutante schreiben oder Gamechanger oder Herbst.

Aber will ich darüber wirklich noch einen Eintrag verfassen? Schon wieder? Ist die Pandemie nicht gerade bei 25° am Ausklingen? Jede dritte zumindest einmal geimpft, selbst die Warnenden geben dem Drama noch ein paar Wochen, bis das Impfen endgültig die Zahlen unten halten wird. Ein paar Wochen noch der Impfneid, einen halben Sommer lang das Aushandeln von Rechten und Einschränkungen. Sehr bald schon werden die Nichtgeimpften in der Minderheit sein. Ich merke es schon heute im Bekanntenkreis; viele erzählen ihre Impfgeschichte, die Termine für die nächsten Wochen sind gemacht. Was soll ich hier schreiben, wenn ich meine Impfgeschichte erzählt habe? Worauf dann noch warten als dass ich an der Ostsee am Strand liegen werde?

Aber wäre es wirklich soweit, dann kein Wort mehr über die Pandemie zu verlieren? Kein Wort mehr, was nach diesem halben Sommer kommt? Die Wahlen nach der Pandemie? Das für die Herdenimmunität notwendige Überzeugen der Impfskeptiker? Das Impfen der Kinder, der zwangsläufig einsetzenden Diskussionen? Die einsetzenden Insolvenzen? Die verschwundenen Geschäfte und Gaststätten? Die Frage, worauf die Querdenkerinnen dann ihre Wut richten werden? Die Situationen in den Bereichen der Welt, die später als die Industriestaaten genügend Impfstoffe erhielten? Die Beiträge all der Besserwisserinnen, die nach der Pandemie gewusst haben werden, dass man niemals hätte Maßnahmen ergreifen müssen? Die nächsten Essays von Thea Dorn? Die leeren Welten, die die neunzigtausend 90000 Toten auf immer hinterlassen haben? Das Verzeihen, das viele Jahre brauchen wird?

Die Pandemie wird weitergehen, nachdem sie beendet ist. Wann steige ich aus? Wie tröpfeln die Beiträge aus, wird aus täglich wöchentlich monatlich, wird 2023? Wann komme ich mit mir überein, keine Worte mehr finden zu müssen?

Ansonsten: Der Impfstoff von Johnson & Johnson soll nur für Menschen über 60 eingesetzt werden. In Soest klaut ein Mann bei seiner Impfung sechs Spritzen mit Moderna. In Spanien endet der Ausnahmezustand. Flashmob in Brüssel zum Ende der Ausgangssperre. Weiterhin deutlich sinkende Zahlen in Deutschland. Weiter hohe Zahlen in Indien. Die britische Regierung erlaubt wieder Umarmungen und Küsse.

8. Mai | B117 ist das Beste, was uns passieren konnte

… ist ein Text überschrieben. Ich bin irritiert. Wie lässt sich einer Virusmutation mit höherer Ansteckrate etwas Gutes abgewinnen? Mein Interesse ist geweckt. Ich lese. Der Text sagt, dass die starke Verbreitung der Mutante B117 die Verbreitung anderer Mutanten, die zu schwereren Krankheitsverläufen führen und zum Teil immun sind gegen Impfung, verhindert hat. Weil B117 dominiert, gibt es hier selten P1 oder B1351.

Vor einigen Monaten stand in jedem zweiten Eintrag der Coronamonate B117. Die Mutante ist eine Gefahr, so habe ich sie wahrgenommen, in diesem Sinne habe ich formuliert. Der Text von heute sagt: Die Gefahr war – trotz dritter Welle – das kleinere Übel.

Macht das meine Einträge falsch? Möglicherweise. Überflüssig? Eventuell. Wenn ich B117 nie als Gefahr wahrgenommen hätte, hätte sich nichts verändert. Weder für den Verlauf der Pandemie noch für meinen Alltag. Ich hätte diese Information nicht gebraucht.

Ich hätte auch abwarten können. Ich hätte warten können, bis geklärt ist, welche Eigenschaften die Mutante besitzt, wie sie wirkt. Ich hätte warten können, bis ein Text sagt, ich sollte dankbar sein für B117. Ich hätte tausend Worte nicht schreiben müssen, nur den heutigen Eintrag, ich wäre einmal klug gewesen und hätte nicht tausend Mal geraunt.

Ich könnte einen Rückblick schreiben. Ich könnte bis zum Ende der Pandemie warten und mit dem Wissen der Gegenwart die Vergangenheit einordnen und bewerten. Stattdessen bewerte ich mit dem Wissen der Gegenwart die Gegenwart. Dieses Wissen ist unvollständig. Aus diesem Unvollständigen wähle ich selektiv aus. Das Selektive ist der Eintrag für einen Tag. Auch heute. Heute schreibe ich: B117 ist ein großes Glück. Am 16. Dezember 2020 schrieb ich: Britische Behörden informieren über eine Mutation des Sars-CoV-2-Virus. Was ich in einem Jahr schreibe, wird ebenso selektiv sein. Vielleicht werde ich dann schreiben, dass der Eintrag vom 8. Mai 2021 überflüssig und falsch war, dass ich hätte warten müssen.

Ansonsten: Großbritannien stuft die indische Mutante B1617 als »besorgniserregend« ein. Mehr als 30 Millionen Euro Provision soll die Tochter eines früheren CSU-Generalsekretärs für die Vermittlung von Masken an die Regierung erhalten haben, der Stückpreis pro Maske bei bis zu 9.90 Euro. Kuba beginnt Impfungen mit den selbstentwickelten Impfstoffen Abdala und Soberana 2. Mehr als 400000 Neuinfektionen und 4000 Coronatote in Indien, Expertinnen gehen von einer hohen Dunkelziffer aus.

7. Mai | der Reiher

Am Weimarhallenteich sitzt ein Reiher. Geduldig wartet er. Als er findet, was er sucht, breitet er die Flügel aus, gleitet über das Wasser, senkt den Schnabel, greift einen Goldfisch aus dem Schwarm, fliegt ans Ufer zu den Enten, legt sich den Fisch so zurecht, dass er schlucken kann, schluckt, erhebt sich, lässt sich auf einer Baumkrone nieder, satt jetzt.

Letztens habe ich Texte durchgeschaut, die ich in den vergangenen Monaten geschrieben habe; diese Einträge, die Mindestnähe, ein Hörspiel, eine Kindergeschichte, anderes. Nahezu alles stand in irgendeiner Weise mit Corona in Verbindung, knüpfte an, führte aus, verglich, beschrieb, setzte sich ab. Mit Coronaaugen schaue ich auf die Welt und mit diesen Augen schreibe ich. Das, was sich nicht in Beziehung zur Pandemie, diesem monatelangen Ausnahmezustand setzen lässt, erscheint mir belanglos. Warum sollte ich von den fünfzigtausend Eicheln schreiben, die eine Eiche im Laufe eines Jahres abwirft? Warum vom Wal, der früher am Land lebte? Warum eine zufällige Berührung an einem Unort? Warum vom Kneten von Teig, einer Blüte?

Meine Coronaaugen sehen eine vier und ich denke an die vier Wochen, die jetzt freigegeben werden für die Zweitimpfung von AstraZeneca und muss mir eine Meinung bilden, was für eine risikobehaftete und unsolidarische Aktion. Die Augen sehen ein Meer und sie sehen eine Welle und sehen die Welle in Graphen und fragen, warum die dritte Welle ausklingt und nicht anschwellt, halten Ausschau nach einer vierten Welle. Die Augen sehen auf den Strand vor dem Meer und dort sehen sie die Geimpften, die ohne ihre Kinder in der Sonne liegen und sehen die Kinder in den Schulen, in denen Lüftungsanlagen für die Hälfe des Geldes, das Lufthansa erhielt, installiert sein könnten. Ich sehe im Supermarkt Spargel und habe die »Arbeitsquarantäne« der Erntehelferinnen vor Augen. Ich sehe ein Blumenbeet und denke an die BUGA Erfurt, die gerade, als ich diesen Text schreibe, per Mail meine Lesungen der Pandemie wegen dort absagt.

Ich lese Mithu Sanyal und ich lese von Identitätspolitik und überlege, ob Identitätspolitik automatisch Sozialpolitik ist und meine Gedanken wandern hin nach Köln-Chorweiler, wo in einem sogenannten sozialen Brennpunkt Extradosen verimpft werden. Ich lese Benedict Wells, der von einem Sommer des Erwachsenwerdens schreibt und habe die TikToks der in diesem Sommer Erwachsenwerdenden vor Augen, in denen sie erzählen, wie sie diesen Sommer erwarten, wie ihr vorheriger Sommer war, bedauere, welche Geschichten alle nicht stattfinden werden, welche Momente, welche Nächte. Ich lese Helga Schubert, die über ein Leben in der DDR schreibt und denke an Katharina Witt, Jan Josef Liefers und frage mich, wieso in der DDR Sozialisierte so häufig Position beziehen gegen Maßnahmen und frage mich, ob das wirklich so ist oder ob bei ihnen einfach oft die Zuschreibung »ostdeutsch« geschieht, während bei Marlene Lufen, Juli Zeh oder Thea Dorn niemand »westdeutsch« voranstellt und warum das so ist.

Meine Coronaaugen sind zufrieden. Sie sehen, was sie sehen, sie sehen Corona in allem, was mich umgibt. Selbst den Reiher sortieren sie ein, machen ihn zum Auftakt dieses Eintrags, zum Teil ihrer Pandemiebeobachtung.

Ansonsten: Der leere Impfausweis steigt in die Top10 der Verkaufsränge bei Amazon ein. Mehr als 250 Millionen Impfungen in den USA. Die deutsche Regierung sieht die Freigabe von Impfstoff-Patenten kritisch. Lockerungen für Geimpfte werden rechtskräftig beschlossen. Bis Ende Mai soll das türkische Hotelpersonal geimpft sein. Weil in Neu-Delhi die Krankenwagen knapp sind, werden zum Transport von Covid19-Patientinnen Auto-Rikschas eingesetzt.

6. Mai | aushalten

Die Tage sind eine Phase der Pandemie, in der Geimpfte und Ungeimpfte es zusammen aushalten müssen. Ich wünsche mir, dass nicht jedes Impfselfie mit dem ironischen Hashtag gechippt inklusive Zwinkerimpfemoji kritisch hinterfragt wird und jeder, der aus dem Impfzentrum tritt, sofort verlangt, im Biergarten oder am Meer sitzen zu müssen, weil er sich ansonsten in seinen Grundrechten beschnitten sieht. Es geht darum, den Zustand des anderen auszuhalten. Diese Phase wird nur wenige Monate dauern, die kurze Zeit mit solchen Diskussionen und Hitzewallungen zu verwenden, wäre Vergeudung. Im Sommer werden die meisten, die geimpft sein wollen, geimpft sein.

Außer den Kindern. Das wirft ganz andere Fragen auf, die Antworten darauf sind weniger hell. Eine weitere Frage, die sich nach dem Sommer stellen wird: Was geschieht mit jenen, die sich nicht impfen lassen wollen, die sich gegen den eigenen Schutz und den von anderen entscheiden? Wie weit wird die Solidarität mit jenen reichen sollen, die das ausschlagen? Welchen Zustand wird dann wer aushalten, welche Freiheit? Und wie wird es später mit dem Aushandeln zwischen Gerechtigkeitsempfinden und Notwendigkeit sein, wenn Impfunwillige mit Geld von einer Impfung überzeugt werden sollen?  

Ansonsten: Die amerikanische Regierung unterstützt die Aussetzung von Patenten für Coronaimpfstoffe. Weil viele seiner Patentinnen AstraZeneca ausschlagen, bietet ein Hausarzt aus Ostwestfalen die übriggebliebenen Impfdosen auf Ebay an. 100000 Impfdosen werden in NRW für soziale Brennpunkte reserviert. Mecklenburg-Vorpommern erlaubt vollständigen geimpften Tagestouristen die Einreise, Kinder dürfen sie nicht mitbringen. Ein Transportflugzeug der Bundeswehr fliegt eine Sauerstoff-Produktionsanlage nach Indien. Häusliche Absonderung mit Ausnahme der Wahrnehmung der beruflichen Tätigkeit, eine sogenannte »Arbeitsquarantäne« für tausende Erntehelferinnen auf einem Spargelhof in Kirchhof.

5. Mai | Impf-

Impfstoffsuche Impfstoffentwickler Impfstoff Impfdosis Impfzentrum Impfstelle Impfstart Impfling Impfverordnung Impfpriorität Impfliste Impfausweis Impfstoffmangel Impflogistik Impfstau Impfdrängler Impftourist Impfdesaster Impfgipfel Impfarzt Impfwettbewerb Impfstatistik Impfnewsletter Impfpass Impfreaktion Impfarm Impfschaden Impfstopp Impfstudie Impfreihenfolge Impfneid Impfsolidarität Impfbereitschaft Impfangst Impfskepsis Impfzwang Impfgegner Impfverweigerer Impfapartheit Impfchip Impfliteratur Impfoffensive Impfkampagne Impfluencer Impfsaft Impfe Impfie Impfeuphorie Impfselfie Impfanreiz Impflotterie Impflotteriegewinnerin Impffreiheit Impfturbo Impferfolg Impfende

Ansonsten: Laut einer Umfrage haben 83 Prozent der Deutschen keine Angst vor dem Impfen. 11000 Menschen feiern auf dem Strawberry Music Festival in Wuhan. In Köln-Chorweiler wird geimpft. Die Luca-App wird gehackt. Comirnaty, die Corona-Vakzine Pfizers bringt für das erste Jahresquartal 3,5 Milliarden Euro an Umsatz. Indien.

4. Mai | …

ein Eintrag ohne Corona, ein Tag, an dem Worte leer sind

3. Mai | fühlen und schieben

Ich schreibe darüber, dass ich optimistisch bin, schreibe, dass ich wenig Neid verspüre. Damit schreibe ich über mein Fühlen. Es ist da, es ist unmittelbar. Dabei blende ich bereitwillig und notwendigerweise aus, wie komplex und widersprüchlich die Themen sind, zu denen ich fühle, dass ich, wenn ich mich ehrlich befragen und mich länger beschäftigen würde, nicht nur übers Fühlen schreiben dürfte.

Wenn ich jeden Tag zufrieden den seit Tagen sinkenden Weimarer Inzidenzwert verfolge, dann ist das mein Fühlen. Dabei weiß ich, dass der Grenzwert 165 eine willkürliche, wissenschaftlich nicht begründbare Zahl ist, so viel höher als die Zahlen vor einem Jahr, dass das Schielen auf die 165 nicht die Ursachen der Situation in Angriff nimmt, sondern Kompromiss ist, Kosmetik im Grunde. Dennoch richte ich mein Fühlen an der 165 aus, mein Wohlbefinden.

Wenn ich von meinem Optimismus angesichts der nicht eingetroffenen Maximalszenarien schreibe, blende ich aus, dass die Zahlen Anfang Mai dennoch so und so viel höher sind als vor zwei Monaten. Ich blende die Zahlen bei den Kindern aus. Wenn ich schreibe, dass ich nur wenig Neid auf die Geimpften verspüre, auf die geplanten Lockerungen für sie, dann ist das so. Ich blende die Fragen danach aus, wie es sein wird, wenn die unfreiwillig noch Ungeimpften in den dann für die Schongeimpften wieder geöffneten Gaststätten und Kinos arbeiten dürfen. Ich blende aus, wie relevant Fragen nach Lockerungen sind, während zugleich die Intensivstationen gelegt sind. Blende die Antwort auf die Frage aus, wie es mit der Solidarität gehandhabt werden wird, wenn viele geimpft sind außer den Kindern, wer sich dann zurückhält, ob dann die Luftfilter in Schulen installiert sein werden oder ob man die zwangsläufigen Infektionen in Kauf nehmen wird.

Blende all die bekannten Versäumnisse von Planung, Durchführung, Kommunikation, Willen aus, all die Ungerechtigkeiten. Ich blende die Fragen aus, wer sich in der Pandemie wie einschränken musste und wie gleich diese Einschränkungen verteilt waren. Wer sich einer Gefahr aussetzen musste und wer das Privileg hatte, diese weitesgehend zu vermeiden. Ich blende die Fragen danach aus, wer wie nicht arbeiten und kein Geld verdienen konnte und welche Kosten wie gewohnt weiterliefen, weshalb die Diskussion über Mieter und Vermieter eine der leisen war.

Ich tue das, weil mein Fühlen ansonsten zuallererst ein Grummeln und Wüten wäre. Draußen scheint die Sonne, der 15. Monat der Coronamonate hat begonnen, ich möchte glauben, dass es bald geschafft ist. Auf diesen letzten angenommen Kilometern möchte das Gefühl nicht differenzieren. Es weiß um das Komplexe, kennt die Ungerechtigkeiten und schiebt sie dahin, wo sie den Optimismus nicht stören können.

Ansonsten: Intensivmedizinerinnen ziehen eine erste positive Bilanz der Notbremse, »tausende Leben wurden gerettet«. In den letzten Wochen wurde in Deutschland hochgerechnet auf hundert Einwohnerinnen mehr geimpft als in den USA und Großbritannien. Das Oktoberfest wird abgesagt. Lockerungen in Tschechien und Frankreich. Über vierzig Länder schicken Hilfslieferungen nach Indien. Auf einem Spargelhof in Niedersachsen werden 87 Neuinfektionen festgestellt. Reden übers Reden.

2. Mai | Vorrang

Nachdem der Impfgipfel andeutete, dass ab Juni die Impfpriorität fallen soll, wird vorgeschlagen, wer bis dahin bevorzugt geimpft werden sollte: Industriearbeiterinnen, Studentinnen, Eltern, Suchtkranke, Bewohnerinnen in sozialen Brennpunkten, jene, die viele Kontakte haben. Die Gründe dafür sind moralisch und logisch; es geht um Entlastung, um ein Unterbinden von Verbreitungswegen.

Und weil in der Pandemie nicht alle Gefühle heilig sind, frage ich mich, ob ich neidisch bin. Neidisch auf die schon Geimpften, die keiner Risikogruppe angehören und durch verschiedene Umstände einen Termin erhielten. Ich kann ehrlich schreiben, dass Neid nicht das vorrangige Gefühl dabei ist. Ebenfalls kein Neid bei den Vorschlägen zu möglichen bevorzugt Geimpften. Vielleicht ein Ungerechtigkeitsgefühl, wenn es die Industriearbeiter werden sollten. Ansonsten eher die Frage, wofür ich bin: für ein sofortiges Aufheben von Beschränkungen, was weniger bürokratischen Aufwand bedeuten und die Impfungen zusätzlich beschleunigen würde, dafür aber jene bevorzugen würde, die über Kontakte verfügen und Ressourcen haben, täglich dreißig Arztpraxen abzutelefonieren. Welche Kategorie sollte in dieser Pandemiephase gelten? Effizienz? Gerechtigkeit?

1. Mai | weiße Rosen

Um gegen die Ermittlung gegen den Weimarer Richter zu protestieren, der vor wenigen Wochen die Maskenpflicht für zwei Kinder aufhob, rufen Querdenkerinnen zu einer Demonstration vor dem Weimarer Amtsgericht auf. Sie wollen weiße Rosen niederlegen, in Erinnerung an die Widerstandsgruppe der Weißen Rose. Die Demonstration wird untersagt, sie findet dennoch statt.

Das Gebäude des Weimarer Amtsgerichts ist auch Drehort des Weimarer Tatorts, das fiktive Polizeipräsidium befindet sich darin. Einer der Weimarer Kommissare nahm teil an allesdichtmachen, zwei Kommissarinnen sprachen sich dagegen aus. Das Weimarer Amtsgericht befindet sich an der Ecke zur Thälmannstraße, die benannt ist nach Ernst Thälmann, der im KZ Buchenwald ermordet wurde. Die Thälmannstraße geht über in die Ettersburger Straße, die den Ettersberg hinaufführt zum KZ Buchenwald.

Die Querdenkerinnen legen vor dem Amtsgericht Weimar an der Ecke Thälmannstraße weiße Rosen nieder in Erinnerung an die Widerstandsgruppe der Weißen Rose. Eine Querstraße vom Amtsgericht entfernt befindet sich der Buchenwaldplatz, wo auf großformatigen Fotos den Überlebenden Buchenwalds gedacht wird. Unter diese Fotos legen die Querdenkerinnen ihre weiße Rosen, entzünden Grabkerzen und hüllen das Grundgesetz in Trauerflor. Später ziehen die Querdenkerinnen zum Hermann-Brill-Platz, der benannt ist nach einem SPD-Politiker, der 1943 im KZ Buchenwald inhaftiert war.

Die Vereinnahmung der Weißen Rose durch die Querdenker und die damit einhergehende Umdeutung des Antifaschismus ist keine neue Sache. Hier, an diesen Orten, den Straßen und Plätzen, unter den Fotos wirkt sie besonders skrupellos. Natürlich, sollte ich ergänzen, weil dieses In-Bezug-Setzen so offensichtlich unsäglich ist. Aber so ein natürlich definiert sich in diesen Tagen anders. Da irren die Querdenkerinnen mit ihren Weiße-Rosen-Sträußen, die sie zuvor bei Blume 2000 in der Wielandstraße gekauft haben, über die Thälmannstraße, ein albernes Bild, schaurig zugleich.

Ihre Vereinnahmung von Orten, an denen ich fast täglich bin, stößt mich ab. Meine Hausfassaden, Ampelkreuzungen, Parks und Plätze werden zur Tapete ihrer Gedanken. Ihr Hochhalten der Smartphones, ihr Abfilmen ihres Raunens, das permanente Einspeisen ihres Rosenzugs in ihre Streams, ihre über Telegram verbreiteten Erzählungen, Hashtag weimarwirkommen, ihre Gruppenfotos vor den Absperrungen, die sie sich später bei Grillfesten zeigen werden, die einmal Erinnerung werden an ihr mutiges 2021, passieren dort, wo ich bin. Sie passieren mir.

Ich merke, wie ich die mir Entgegenkommende scanne, sie zuordnen will, merke, wie ich nach äußerlichen Merkmalen suche, die mir bei der Sortierung helfen. Ich merke, wie ich Ausschau halte nach einem »alternativem« Kleidungsstil, Batik, irgendwas mit bunter Wolle, dicke Schals. Ich halte Ausschau nach Outdoorjacken von Jack Wolfskin. In Weimar sind oft Demonstrationen. Die Demonstranten sind leicht zu erkennen. Hier ist es anders. Die meisten Demonstranten verschwinden im Alltäglichen. Verlassen kann ich mir nur auf ein sicheres äußeres Merkmal: Wer Maske trägt, legt keine weiße Rose nieder.

Am Bahnhof ein Tanz. Auf einen Fahrradanhänger für Kinder ist eine große Box gepackt, aus der eine Kinderliedmelodie dringt, »Alle Vögel sind schon da« umgedichtet in etwas wie »Alle hier sind schon geimpft«, eine Adaption, die das gleiche Stilmittel wie allesdichtmachen benutzt, die vermeintliche Ironie. Männer und Frauen in Outdoorjacken und dicken Schals bilden einen Kreis, tanzen, beklatschen sich beim Tanzen, suchen in den Gesichtern der Vorbeigehenden nach Zustimmung für ihr Tanzen. Eine infantile Szene, auch ein Karneval und wirkt kein bisschen aggressiv, fast harmlos, fast deeskalierend.

Jemand muss den Querdenkerinnen gesagt haben, dass sich einmal den Buchenwaldplatz runter eine Grundschule befindet. Sie eilen dahin, legen auf die Treppenstufen ihre weißen Rosen ab, stellen dort ihre Kerzen auf. Das ist der Anlass: Kinder mit Masken in Schulen. Es kommt zu Wortgefechten. Vorbeikommende rufen: »Ihr macht Euren Müll aber auch wieder weg. Den brauchen wir hier nicht.« »Das ist kein Müll, das ist schön«, rufen die Querdenkerinnen zurück. Die, die für die weißen Rosen das Wort ergreifen, sind im Zurückrufen noch nicht geübt. Sie sind es nicht gewohnt, ihre Stimme zu erheben. Ansonsten meiden sie Aggressivität. Hier saugen sie sie ein. Hier sammeln sie Worte, Bilder, Momente.

Als die meisten Querdenkerinnen schon wieder Richtung Süddeutschland unterwegs sind, räumen Anwohnerinnen die Rosen und Kerzen von der Schultreppe. Die Polizei schützt die Räumenden und hält die restlichen Querdenkerinnen zurück, die ihre Protestutensilien aus den Müllsäcken fischen wollen. Anschließend kommt die Stadtreinigung und entsorgt den Rest des Aufgestellten und vielleicht, wenn ich morgen an diesen Orten, Plätzen und Schulen vorbeilaufe, ist es, als wäre nichts gewesen. Das Gegenteil ist der Fall.

Ansonsten: Erstmals mehr als eine Million tägliche Impfungen in Deutschland. Australien erlässt Freiheitsstrafen für Heimkehrer aus Hochrisikogebieten. Diskussionen darüber, welcher Art die Lockerungen für Geimpfte sein sollen. Über 200 Verfahren gegen die Bundesnotbremse beim Verfassungsgericht. In Kalifornien wird nach 13 Monaten Disneyland wieder geöffnet. 3000 Menschen nehmen an einem Pilotprojekt der britischen Regierung teil, einem Megarave in Liverpool. Nach der Wiedereröffnung der britischen Pubs wird dort das Bier knapp. In Deutschland ist jeder tausendste an Corona gestorben. Mehr als 400000 Neuinfektionen in Indien. Weltweit 150 Millionen bestätigte Coronainfektionen, 3,1 Millionen Coronatote.

30. April | zeitnahe Zuversicht

Die Zahlen sinken leicht, sie stagnieren, zumindest wachsen sie nicht in dem exponentiellen Maße, wie die Modelle es erwarteten, Modelle, die vor Tagen, Wochen und Monaten auch die Einträge hier bestimmten, Prognosen von Zahlen jenseits bisheriger Höchstwerte. Eine richtige Erklärung – doch die Notbremse, die wegen der Notbremse vorsorgliche Verhaltensänderung, die Saisonalität, die Ausgangsbeschränkungen, das Impfen, die Schnelltests, die Summe von allen – findet sich noch nicht.

Und auch wenn die Zahlen noch hoch sind, wenn dieses Sinken bei den Werten der Kinder nicht eintritt, sondern wächst, trotz der Bilder der beklemmenden Situation in Indien, spüre ich das erste Mal seit langem wieder so etwas wie ein Lösen der Anspannung, zeitnahe Zuversicht. Die Unkenrufe auf die Zukunft, auch die meinigen, scheinen mir an diesem letzten Apriltag aus der Gegenwart gefallen, ich wünschte, ich könnte in einem halben Jahr hinter diese Worte einen dicken roten Haken setzen.

Ansonsten: Mehr als eine Millionen Impfungen an einem Tag. Wegen der weltweiten Konjunkturerholung steigen die Exporterwartungen der deutschen Industrie auf ein Zehn-Jahres-Hoch. Biontech kündigt an, dass im Laufe des Jahres Kinder und Jugendliche geimpft werden können. Im Impfstoff Sputnik V werden vermehrungsfähige Viren entdeckt. Mit 379257 Infektionen wird in Indien ein Tageshöchstwert gemeldet. Wegen der Pandemie soll das Oktoberfest nach Dubai verlegt werden. Erstmals seit neun Monaten keine Coronatoten in Portugal.

29. April | Suppe

Ich sehe die Videos aus Schmalkalden, in denen Querdenkerinnen Polizisten angreifen. Ich sehe ein Video aus Schwäbisch-Gmünd, in dem ein Querdenker mit ruhiger Stimme den Polizisten erklärt, dass sie sich bald in Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten müssten. Ich lese von Todeslisten für Politikerinnen, die für das Infektionsschutzgesetz stimmten. Ich lese, dass der Verfassungsschutz Teile der Querdenker unter Beobachtung stellt und dafür einen zweifelhaften Phänomenbereich einführt, die Delegitimierung des Staates. Ich lese, dass einer der führenden Köpfe der Querdenker zu einer Demonstration in Weimar aufruft, um gegen die Hausdurchsuchung des Weimarer Richters, der die Maskenpflicht für zwei Schüler aufhob, zu protestieren, der dazu schreibt: »Wer jetzt nicht sieht, dass wir inzwischen in einem faschistischen Land leben, dem kann nur entgegengehalten werden, dass er Teil dieses Systems ist.«

Es ist unmöglich, Abstand zu den Worten und Bildern zu gewinnen. Alles vermischt sich. Die Worte. Die Taten. Die Vergleiche. Die Aggressivität. Die Normalität. Die, die in den Videos die Polizisten zu Boden werfen, sind Männer und Frauen in Outdoorjacken, mit denen sie im Sommer in die Alpen zum Wandern fahren und im Herbst ihre Scotland Terrier im Stadtpark ausführen. Ich sehe sie von meinem Fenster aus.

Ich lese all die Texte über allesdichtmachen. Jemand schreibt mir, die Videos seien köstlich. Jemand anderes, der von den Videos nur am Rande mitbekommen hat, sagt, dass er es schwierig findet, dass die Videos nur kritisiert werden. Ich höre das Lied von Dietrich Brüggemann, Steckt euch euren Polizeistaat in den Arsch, steckt euch eure Hygienemaßnahmen in den Arsch. Ich höre, wie Jan Josef Liefers einem Moderator sagt, dass ihm das letzte Mal eine solche Frage in der DDR gestellt wurde und wie Jan Josef Liefers im Gespräch mit Jens Spahn sagt, dass er für ein solches Videos in der DDR verhaftet worden wäre und wie Jan Josef Liefers plant, eine Schicht im Krankenhaus mitzumachen und wie das vom Klinikchef abgelehnt wird, wie Jan Josef Liefers seit Dezember keine Nachrichten mehr empfangen hat, weil er sich überfordert fühlte von den Nachrichten und das fühle ich auch, fühle mich jeden Tag überfordert und ich sehe Jan Josef Liefers in Talkshows sitzen und sagen, dass er den Faden verloren habe und jemand in Outdoorjacke stürmt ins Studio und umarmt ihn herzlich klopfend auf die Schulter und jemand schreibt über das Klopfen und jemand, der nur diese Umarmung gesehen hat, bildet sich daran eine Meinung über die Gleichschaltung der Medienlandschaft und jemand vergleicht, wir leben in der DDR und ein anderer telegramt, wir leben in einem faschistischen Staat und jemand ruft Merkelfaschist und jemand aus Stuttgart sichert sich die Markenrechte an Weiße Rose und verdient daran, wenn jemand in Weimar unter diesem Namen demonstriert und jemand klagt gegen die Maskenpflicht für Kinder und eine SAT1-Moderatorin ruft »Denkt doch mal einer an die Kinder« und auf dem Titel der ZEIT fragen drei literarische Intellektuelle, ob wir zu wissenschaftsgläubig wären und eine Zeitung nimmt Jan Josef Liefers auf die Titelseite und schreibt darunter Plötzlich Staatsfeind und darüber wird Jan Josef Liefers zitiert Man kann alles sagen aber nicht ungestraft und Jan Josef Liefers verlängert seinen Tatortvertrag um sechs Folgen und jemand wartet ab, welche Position Sophie Passmann dazu einnimmt bevor er eine eigene Position einnimmt und vor meinen Augen wird alles eins, das Querdenken, der Faschismus, FCK NZS und der Tatort und die Meinungsfreiheit und die Titelbilder und die Hashtags und die Kritik, die immer gleich Shitstorm und Cancel Culture ist.

Die Grenzen zerfließen, was ich grundsätzlich begrüße, weil sehr wenig nur binär sein sollte und ich frage mich wie man von NPD zu Querdenken zu Outdoorjacke zu Liefers zu ich darf nichts mehr kritisieren kommt oder umgedreht oder überhaupt nicht kommt oder sich etwas zusammenreimt und was mit wem und welchen Worten zusammenhängt und wer irgendwann mal in Den Haag stehen wird und wo diskutiert wird wo sich eingegraben wird in Standpunkten wo mein Ekel angebracht ist und wo ich verstehen wollen sollte wovon ich abrücken sollte, was das ist, dieses Querdenken, was es mal war und wieso es heute so ist und niemals anders gemeint war und was es nicht ist und wo es anfängt ob es aufhört und weshalb Jan Josef Liefers kein Querdenken ist sondern ein Mensch der keine Nachrichten schaut und wieso hier viel zu viel über Jan Josef Liefers steht ob dieses Fragen danach schon eingepreist ist in diese riesige Suppe, die meine Augen täglich auslöffeln.

28. April | post-pandemic cover

Wieder einmal leergeschrieben und mürbe gefühlt durch die stetige Wiederholung des Immergleichen, auch in diesen Einträgen müde beschäftigt. Eigentlich müsste ich mich begierig und neugierig auf die weiterhin so zahlreichen Aspekte dieser Pandemiephase stürzen. Aber erst einmal Abstand zu den Worten, den Bildern der Gegenwart, bis ein Mindestmaß an Konzentration wieder vorhanden ist.

I’ve asked my 3rd year illustration students to come up with a post-pandemic New Yorker magazine cover. Here is what they sent in:

27. April | zurück auf Groll

Ab heute geht der Kindergarten in die Notbetreuung. Vorausgegangen waren Tage, an denen in Weimar die Inzidenz, die das Maß für eine Schließung ist, zwischen 150 und 200 hin- und hersprang. Grund waren Zahlen, die in Weimar und vom RKI unterschiedlich erhoben und gemeldet wurden. Am Freitag schon die Ankündigung, dass ab Dienstag der Notfallplan in Kraft treten wird.

Schließung bedeutet keine komplette Schließung, sondern eine Betreuung von Kindern, deren Eltern in Berufen arbeiten, bei denen eine Abwesenheit unmöglich ist. Beim letzten Mal betraf das etwa die Hälfte aller Eltern, in anderen Kindergärten in anderen Städten mitunter mehr als zwei Drittel. Und ja, ich hatte mich geärgert, dass »Notbetreuung« von Eltern und Entscheidern auf diese Weise verstanden wurde. Und gleichzeitig ein Verstehen, warum Eltern so entscheiden. Mein Vorsatz, dass sich der Groll nicht gegen jene richten sollte, die ohnehin seit einem Jahr besonders belastet sind, sondern gegen jene, auf die das nicht zutrifft, jene, die Entscheidungen treffen könnten, die nach vierzehn Monaten Pandemie solche einseitigen Schließungen vermeiden.

So oder so ist wieder etwas vom Märzgroll zurück, diesmal, weil die Auswirkungen ganz konkret eingreifen in den Alltag. Es ist ein tiefergehender Groll, anders als jener gewöhnte und lethargisch ertragene Groll darüber, dass weiterhin all die geplanten kulturellen Veranstaltungen abgesagt werden. Aktuell sind es Lesungen im Mai, für die momentan kein Ersatz geplant werden kann. Davon abgesehen hielte sich meine Begeisterung, in den nächsten Wochen durch den Corona-Hot Spot Thüringen zu reisen und mit dutzenden Menschen stundenlang in engen Räumen zu sitzen, sowieso in Grenzen.

Der Groll ist die Frage danach, warum es diese Hot Spots überhaupt gibt und warum es sie geben wird bis zum Sommer, der schon so oft hier geäußerte Groll über die fehlende Bereitschaft der Entscheiderinnen, die Lasten gleichmäßig zu verteilen und damit die Situation zu ändern. Ein Groll, der auch aus der Sorge resultiert, noch nicht geschützt zu sein und sich deshalb schützen zu müssen in einer Situation, in der Schutz zunehmend schwieriger werden wird. Groll über die vergebenen Diskussionen der letzten Tage, die Kraft kosten, anstatt welche zu geben. Es ist kein Groll, der mich eine Mülltonne anzünden oder Parolen auf Häuser sprühen lassen würde, eher eine Verbitterung, die sich festnagt im Langzeitgedächtnis, Groll, der sich ins Schreiben flüchtet, in der Hoffnung, ihn durch die notierten Worte aufzulösen.

Ansonsten: Wegen der Pandemie findet die Oscar-Verleihung ohne Zuschauer statt. Weil während der Pandemie mehr digital bezahlt wird, verlieren Bargeldtransportunternehmen ein Viertel ihres Umsatzes. Nachdem die Gedenkstätte Buchenwald wiederholt von Querdenkerinnen und Montagsspaziergängern für Diskussionsrunden mit ihnen angefragt wird, erklärt die Gedenkstätte, dass weitere Anfragen zwecklos seien.

26. April | Orte

Wuhan, Ischgl, Bergamo, New York, Belgien, Zittau, London, Portugal, Manaus – es sind Orte der Pandemie, Städte und Länder, die zu unterschiedlichen Zeiten eine Zeit lang besonders stark vom Virus betroffen sind, die eigene Bilder schaffen, ihre Geschichten beschreiben einen Aspekt des Schreckens.

Gerade ist dieser Ort Indien. Der fehlende Sauerstoff. Die Bilder, wie Techniker versuchen, das Leck in einem Sauerstofftank zu stopfen, was ihnen erst nach einer halben Stunde gelingt, zweiundzwanzig Beatmete verlieren in dieser Zeit ihr Leben. Der indische Journalist, der an Covid19 erkrankt ist und auf Twitter dokumentiert, wie er vergebens versucht, in einem der übervollen Krankenhäuser aufgenommen zu werden, der die Werte seines fallenden Sauerstoffspiegel twittert, er stirbt, ohne im behandelt zu werden. Die Bilder von den Masseneinäscherungen der Covid19-Toten. Die Behelfskrankenhäuser mit Betten aus Pappe. Indien, der Ort der Pandemie im April 2021.

Ansonsten: 350000 Neuinfektionen in Indien. Der Reiseverkehr von und nach Indien wird weitestgehend gestoppt. Mehrere Länder schicken Sauerstoff und Beatmungsgeräte nach Indien. Weil bei einem Reiserückkehrer das Virus nachgewiesen wird, wird in West-Australien eine dreitägige Ausgangssperre verhängt. Die Hälfte der britischen Bevölkerung hat eine Erstimpfung erhalten. Weltweit wurden eine Milliarde Corona-Impfdosen verabreicht. Weil einer Mitarbeiterin in einem Impfzentrum eine Ampulle Biontech kaputt geht, spritzt sie den Patientinnen ohne deren Wissen Kochsalzlösung. Als Reaktion auf #allesdichtmachen trendet #allemalneschichtmachen. 1 Jahr COVID-19.

25. April | sweet summer child

Jemand rechnet: Wenn ab Mai, ab Mitte Mai genügend Impfstoffe vorhanden sind, können pro Woche bis zu 5% der Leute geimpft werden. Dann sind das bis Ende Juni die Hälfte aller.

Ich sage: Im Sommer ist das Schlimmste geschafft.

Jemand fragt Aber was ist mit den Varianten? Mit den Escape-Mutationen? Was ist mit den 12 Millionen unter 18 Jahren, für die es noch keine Impfung gibt? Was ist mit den Impfverweigerinnen? Was ist, wenn das Virus in diesen Gruppen freiläuft?

Ich sage: Im Sommer ist das Schlimmste geschafft. Anders könnte ich bis Sommer nichts sagen.

24. April | #allesdichtmachen

Über fünfzig Schauspieler, auffällig viele Tatort-Kommissarinnen darunter, nehmen verschiedene Videos auf, in denen sie sich zu Corona äußern: über Maßnahmen, Berichterstattung, Beobachtungen des sozialen Miteinanders. Donnerstagabend schaue ich die Videos, ich bin irritiert. Ich verstehe sie nicht. Ich verstehe, dass die meisten das Gegenteil meinen, wenn sie im Video sagen, dass sie Corona ernst nehmen und sich die Maßnahmen strenger wünschen. Ich verstehe nicht den Grund dafür. Geht es um Kritik? Geht es darum, ein Gespräch zu starten? Geht es um eine Positionierung? Geht es um die Überhöhung der Wirklichkeit als ästhetisches Mittel? Am Ende um genau die Irritation, die ich empfinde?

Eigentlich sollte ich beglückt sein von den Videos. Sie sind von Künstlerinnen als Kunst gedacht. Kunst soll nicht eindeutig sein. Kunst soll sich aus dem Staub machen, wenn ich sie fassen will. Aber ich merke, dass da nicht nur Irritation ist. Da ist auch Unbehagen, das Gefühl, dass die Videos falsch sind, dass sie mich mehrheitlich abstoßen. Sind es die Lofts, aus denen heraus die Darstellerinnen sprechen? Die Plastiktüten, in die sie atmen? Die Diskrepanz zwischen Worten und Mimik, die affektiert wirken? Sind es die auffallenden Leerstellen, die in den fein gedrechselten Monologen bleiben? Die augenzwinkernde Attitüde, mit der die meisten sprechen, als würden die Darstellerinnen mir kumpelhaft auf die Schultern klopfen? Fühle ich mich dadurch bevormundet?

Ich denke weiterhin: Warum? Warum jetzt? Warum so? Warum diese Leute? Ich denke: Was wird daraus folgen? Bestätigung, Widerspruch, der augenblicklich als Cancel-Culture gebrandmarkt werden wird, die ewige Scheindiskursspirale. Ich merke, wie ich Abstand nehme zu den Videos. Ich positioniere mich dagegen. Und mehr noch: Ich scrolle mich durch die Videoliste und schaue auf die Namen. Ich ordne sie ein, sie gehören nicht zu »meinem« Team. Ich will so nicht sortieren, ich sortiere dennoch.

Noch am selben Abend toben Lob und Gegenrede los. Ich denke: Wenn sich Hans-Georg Maaßen lobend über deine Aktion äußert und Erika Steinbach sie empfiehlt, kann etwas mit deiner Aktion nicht stimmen. Doch die Wucht der Auseinandersetzung überrascht mich, auch die Klarheit der Gegenrede. Scheinbar krachen zwei Seiten aufeinander: Die, die das Virus für eine Bedrohung halten und die, das nicht tun. Aber ist es so einfach? Geht es nicht um eine fehlende dritte Seite? Contralockdown und Contraquerdenken? Kann es diese Seite geben? Wie kann sie aussehen? Versuchen die Videos eine Form für diese dritte Seite zu finden?

Vielleicht ist das die Frage: Wie lässt sich der persönliche, gesellschaftliche und politische Umgang mit dem Virus kritisieren. Aber ist das wirklich eine Frage? Wird nicht ständig kritisiert, sich beschwert, vorgeworfen? Nur, was ist der Unterschied zwischen Kritik und Kritik?

Geht es um »freie Meinungsäußerung«? Die ist ja gegeben. Die Schauspielerinnen haben sich geäußert und viele Menschen erreicht, die Kritikerinnen äußern sich ebenfalls. Geht es um den Inhalt? Geht es um ein Gemeinmachen mit antidemokratischen Kräften? Sicher. Wenn Jan Josef Liefers davon spricht, dass die Medienlandschaft gleichgeschaltet ist, dann entspricht das dem Bild einer sogenannten »Lügenpresse«. Wenn in vielen Videos der Vorwurf eines Corona-Totalitarismus mitschwingt, dann entspricht das auch dem Bild, das Querdenker zeichnen. Die Absichten der Schauspielerinnen bedienen sich dieser rechten Erzählungen und sind zugleich nicht antidemokratisch. Wie kann das aufgehen?

Ich verstehe das nicht. Wer kann solche Videos aufnehmen und nach mehr als einem Jahr Pandemie die Reaktionen nicht mitdenken? Genügt als Abgrenzung gegen Applaus von der falschen Seite, ans Ende der Webseite ein FCKNZS-Hashtag zu setzen? Oder braucht es mehr für diese Abgrenzung? Eine andere Form, weil Ironie, die Sarkasmus ist und von artifiziellem Zynismus durchzogen ist, nicht die optimale Art ist, Kritik zu verlautbaren? Vielleicht mehr Inhalt? Vielleicht führt die Zuspitzung, dieses künstlerische Mittel in den Videos, zu einer Vereinfachung, letztlich einer Schlichtheit, die zu viel außen vorlässt, als dass daraus ein konstruktives Gespräch entstehen könnte. Führt das Absolute der Aussagen zu einer zwangsweisen Positionierung? Aber muss Kunst das leisten? Muss sie vollständig sein, muss sie konstruktive Vorschläge machen? Nein, niemals und doch muss sie mehr sein wollen als schlicht.

Ein Video – es ist diesem Eintrag vorangestellt – gelingt, was den anderen nicht gelingt. Es macht einen Widerspruch deutlich, ein selbstgerechtes Handeln. Das Video zeigt nicht auf andere, es zeigt auf sich selbst.

Ich habe das Bedürfnis, mich darüber zu äußern, einen Eintrag zu schreiben. Aber es gelingt mir nicht, die Gedanken zu ordnen. Sie reißen ab, verirren sich. Was bleibt, ist das Unbehagen, das Abgestoßensein, der Zynismus, auch der Ärger, dass die Beteiligten so leichthin die Vereinnahmung in Kauf genommen haben, dass sie Aufmerksamkeit abziehen, ihre Position nicht anders nutzen, dass die Videos das Sprechen nicht voranbringen, sondern zementieren, was ist. Die Videos scheitern, dieser Eintrag auch, denke ich bis zum Nachmittag. Dann kommt die Nachricht aus dem Kindergarten, dass dieser der gestiegenen Zahlen wegen ab nächster Woche geschlossen sein wird und Lofts und Tatortschauspielerinnen, die ewige Kommunikationsspirale, das ständige Positionieren interessiert mich mit einem Mal kaum noch.

Ansonsten: Der Gesundheitsminister lädt die Initiatoren von #allesdichtmachen zu einem Gespräch ein. Anfang Juni soll die Impf-Priorisierung aufgehoben werden. Erster Covid19-Fall im Basislager am Mount Everest. Erstmals seit zehn Monaten keine Coronatoten in Israel. Studien zeigen, dass zehn Prozent der Infizierten Long-Covid-Symptome aufweisen. Wegen der hohen Zahlen ruft Wladimir Putin zwischen 1. und 10. Mai eine arbeitsfreie Zeit aus.

23. April | im Testzentrum

Ich gehe mich testen lassen, in einem ehemaligen Aldi am Rande der Stadt. Drinnen ist es wie in einem Flugzeughangar mit Trennwänden, Absperrbändern und Desinfektionsstationen und leer, sehr leer, was auffällt, weil wahnsinnig viel vorgesehener Platz für viele Zutestende vorhanden ist und ich der einzige Zutestende bin, den ich sehe. Die Testenden ist von überschäumender Freundlichkeit, was verständlich ist, nachdem sich die Weimarer Inzidenz in den letzten Tagen beharrlich an die 200 heranzirkuliert hat.

Ich unterschreibe, dann werde ich umgehend in eine Kabine gebeten. Eine Frau im Ganzkörperschutz weist mich ein. Ich nehme die Maske ab und sie führt das Teststäbchen in meine Nase ein. Ich habe zuvor die Schaubilder ausgiebig studiert, die anhand eines Querschnittes des Kopfes zeigen, wie tief der Stab in mich muss, um eine aussagekräftige Menge Ich aufnehmen zu können. Im Prinzip habe ich seit gestern an nichts anderes mehr denken können als an dieses Gefühl der Okkupation meiner Nase, das schmatzende Geräusch, mit dem der Stab in mein Gehirn dringt, das Überschreiten von nicht vorstellbaren Grenzen, diesen vermuteten Schmerz des Bohrens in mich auf der Suche nach dem Virus, die qualvolle Notwendigkeit, die Unannehmlichkeit aushalten zu müssen.

Doch der Stab ist wesentlich dünner als erwartet und das Schaben wehrt nur einen Augenblick und als es zu kratzen beginnt, hört es auch schon auf. Es ist nicht einmal ein Gefühl, es ist nur ein Augenblick. Die geschützte, freundliche, ihr Handwerk verstehende Frau sagt, dass man sich nicht daran gewöhne, an dieses seltsame Gefühl und ich weiß gar nicht, was passiert ist. Das Erstaunen über das Vorbeisein-bevor-es-anfing ist so gewaltig, dass ich zustimmend nicke, obwohl ich ihr nicht zustimmen kann.

Mit einem Klemmblock werde ich in den Wartebereich in den hinteren Teil des alten Aldis geschickt. Zwanzig Minuten braucht die Überprüfung des Abgenommenen. Zum Glück steht dafür dort ein absurd großer Screen mit Uhrzeit bereit. Ich setze mich auf einen der dreißig mintgrünen Stühle, die im Abstand von 1,5 Meter voneinander aufgestellt sind. Ich bin doch nicht der einzige, fünf weitere warten, doomscrollen auf ihren Handys. Ich überlege, wie ich diesen Eintrag beginnen soll, vielleicht ich gehe mich testen lassen in einem ehemaligen

Dann sind die zwanzig Minuten vergangen, so schnell verflogen wie der Stab in der Nase. An der Abmeldung wird mir mit gleicher überschäumender Freundlichkeit mein Ergebnis mitgeteilt – negativ – und ich gehe, desinfiziere die Hände, trete erleichtert in den Sonnentag, glaube für einen Moment, ich wäre gerettet, die Pandemie wäre mit diesem Test beendet.

Ansonsten: Mit nur 519 bestätigten Fällen gibt es in diesem Jahr keine Grippewelle. Mit über 300000 Neuinfektion in Indien wird der weltweite Tageshöchstwert seit Beginn der Pandemie gemeldet. Aufgrund der vielen Erkrankten wird in Indien der medizinische Sauerstoff knapp. Um die vielen Corona-Toten beerdigen zu können, werden auf dem Teheraner Zentralfriedhof vierstöckige Gräber angelegt. In den USA wird das von Präsident Biden ausgegebene Ziel von 200 Millionen Impfungen in hundert Tagen vorzeitig erreicht. Um trotz der bestehenden Coronaregelungen öffnen zu können, eröffnet das Londoner Design-Museum als Supermarkt. Nachdem in Sachsen ein Ladenbesitzer fünftausend Rollen Klopapier gekauft hat, gilt sein Geschäft als systemrelevant und darf öffnen, nun unter dem neuen Namen »Klopapier Super Store«.

22. April | Frühlinge

Ich liege auf der Wiese und schaue in den Himmel, was man eben im Frühling tut. Auf einem Zweig sitzt der Vogel des Jahres und Stadttauben bauen Nester und Hunde scheuchen Enten auf und jemand mit Bluetoothbox im Rucksack rollt mit einem Fatbike den Bauhausmuseumshügel hinab und ein anderer spielt mit Bluetoothbox »Narcotic« im HBz & Adwegno Bounce Remix und der dort bei der Parkbank, auf deren weiße Lehne jemand mit schwarzem Edding »Faschoschweine« geschrieben hat, spielt mit Bluetoothbox »Danket den Herren« von den Onkelz, alles im Umkreis von hundert Metern, in diesen hundert Metern spielen Kinder Fußball, küssen sich Paare, trinken Freunde Energiedrinks, angeln Kinder aus dem Teich grünen Schlick, krabbeln Kleinkinder über Decken, zeichnet eine Frau in ein Skizzenbuch, telefoniert ein Student mit seiner russischen Heimat, beißt ein Mädchen in eine Eiskugel, kugelt sich ein Junge über den Rasen, lässt an Mann seinen Hund an einem anderen Hund schnüffeln, schauen sich zwei Senioren die Blumenbeete an, tröstet ein Vater seine Tochter, reicht eine Mutter ihrem Sohn einen Quetschie, balanciert eine Studentin auf einer Slackline, raucht jemand, läuft jemand, schaut jemand, wartet jemand, atmet jemand tief ein, tief diesen Tag ein, der mehr Frühling ist als jeder andere Tag in diesem Jahr zuvor.

Frühlinge in der Pandemie. Ich denke ein Jahr zurück, 21. April 2020. Auch damals war Frühling, die Rotkehlchen, die Tauben, das Blühen und Brummen. Aber gab es damals einen Umkreis? Lag ich auch auf der Wiese, habe ich auch diese Beobachtungen gemacht? Ich schaue auf die Zahlen. Am 21. April 2020 wurden 1388 Neuinfektionen gemeldet, am 21. April 2021 24884 Neuinfektionen. Andere Frühlinge, die Belegung der Wiesen jeweils entgegengesetzt.

Ich überlege: Finde ich es gut, sinnvoll und notwendig, auf der Wiese zu liegen und in den Himmel zu schauen, mir wie jeder im Umkreis von hundert Metern einen Raum genommen zu haben, aus dem die Welt und damit das Virus verbannt ist? Finde ich es unangemessen? Auf gewisse Weise interessant, die so augenfällig absurde Diskrepanz zwischen den Zahlen, den Jahren, der Frühlinge?

Ansonsten: Im Bundestag wird das Infektionsschutzgesetz beschlossen. Die Coronaapp wird auf eine Check-in-Funktion geupdatet. 300000 Neuinfektionen in Indien. Während der Pandemie verlieren Sportvereine eine Million Mitglieder. In weiteren Bundesländern wird die Priorisierung bei AstraZeneca aufgehoben.

21. April | Impfbild

Eine Medizinische Fachangestellte im Impfzentrum beschwert sich: Obwohl sie die Geimpften extra darum bittet, es nicht zu sein, ist sie bei deren Handyfotos vom Impfvorgang dennoch mit im Bild. Ich frage mich, wie ich meinen Impfvorgang dokumentieren werde. Hebe ich mein Smartphone schräg über den Kopf und halte den Moment, nachdem die Nadel in mich stach, fest? Werde ich in diesem Moment posen oder wird das Foto ehrliche, ungeschminkte Erleichterung in meinem Gesicht offenbaren? Werde ich, überwältigt von Freude, das Knipsen vergessen? Wird es mir unangemessen narzisstisch erscheinen? Oder angemessen, weil in diesem Moment siebzehn oder mehr Monate Last von mir fallen?

Und später, was fange ich an mit dem Foto? Teile ich es in den Kanälen und sammele Likes ein? Nutze ich es hier zur Bebilderung des unweigerlich folgenden Eintrags? Drucke ich es für fünfzehn Cent aus? Rahme ich den Druck? Welchen Platz wird das Foto vom Impfen in meiner Fotohistorie einnehmen? Wird es unter den anderen Fotos untergehen, wird es ein Foto des Jahres sein, wird es in fünfzig Jahren ausgebleicht von mir und dieser Zeit erzählen? Wie wird es bei den anderen sein? Werden viele Impffotos machen, vielleicht die meisten, wird nur Alexander Gauland eines vermeiden? Welche Impfvorgangästhetik wird sich durchsetzen? Der Arm nur, der Oberkörper, der Raum? Werden es Selfies. Wird den Impfenden neben dem Impfvorgang auch die Aufgabe des Fotografierens übertragen werden? Wird es Memes geben, Fakes, Impffotofilter?

Ansonsten: Jede 5. Deutsche hat eine Erstimpfung erhalten. Sachsen gibt in Praxen AstraZeneca für alle Altersgruppen frei. Das Verwaltungsgericht Weimar bestätigt die Maskenpflicht im Unterricht und widerspricht damit dem Amtsgericht Weimar, das die Maskenpflicht an zwei Thüringer Schulen aufgehoben hatte. Die Regierung verteidigt den Inzidenzwert von 165 für Schulschließungen in der Bundesnotbremse. Im American Museum of Natural History kann man sich unter dem lebensgroßen Modell eines Wals impfen lassen, auf dem ein metergroßes Pflaster geklebt ist.

20. April | Intensivstation

Eine Konstante der Pandemie ist, dass ständig neues Wissen über die Pandemie entsteht. Nicht selten bezieht sich dieses neue Wissen auf Aspekte, denen ich davor wenig Aufmerksamkeit schenkte bzw. auf Bereiche, von denen ich glaubte, mein Wissen würde zum Verstehen genügen. Durch verschiedene Faktoren wird klar: Es genügt nicht.

Aktuell betrifft dieses Wissen die Intensivstationen. Durch Dokumentationen, Artikel, Interviews, Augenzeugenberichte, Interpretation von Zahlen, all die Warnrufe der Medizinerinnen, durch die Dringlichkeit, die die dritte Welle mit sich bringt, durch die Argumentation gegen die Aussagen von Maßnahmengegnerinnen, lerne ich: Die Zahlen der Intensivbetten sind nicht gesunken, sondern wurden nach der ersten Erhebung neu bewertet. Intensivbett ist nicht gleich Intensivbett. Covid19-Patentinnen benötigen eine besondere medizinische Betreuung, die oft nur in größeren Krankenhäusern vorhanden ist. Deshalb werden die schweren Fälle aus kleineren Krankenhäusern verlegt, was zur Folge hat, dass tatsächlich Krankenhäuser leerer als in pandemielosen Zeiten sein können. Dass auch in großen Krankenhäusern weniger Patientinnen aufgenommen werden, weil das Personal und die Kapazitäten, die für schwere Eingriffe notwendig wären, für Covid19 benötigt werden. Deshalb kann es sein, dass Krankenhäuser im letzten Jahr weniger Umsatz machten, obwohl die Belastung eine größere war.

Ich lerne, was ECMO ist. Dass in Jena wegen der angespannten Lage Soldatinnen aushelfen und Patientinnen in andere Krankenhäuser geflogen werden müssen. Dass als Richtwert für die Bewertung der Situation die Belegung von Intensivbetten nicht geeignet ist. Dass sich die aktuelle Situation vom Winter unterscheidet, weil damals die Patentinnen älter waren und im Durchschnitt schneller starben, weshalb die Betten schneller verfügbar waren. Heute sind die Kranken jünger und liegen länger. Ich lerne, dass in der Statistik als »genesen« gilt, wer das Krankenhaus verlässt und in diesem »genesen« LongCovid nicht vorkommt.

Nicht all diese Informationen sind leicht zugänglich. Ich muss klicken, scrollen, interpretieren, mich verlassen, sortieren, auch durchhalten beim Schauen. Und wie nicht wenige Informationen in der Pandemie erscheinen sie auf den ersten Blick nicht eindeutig, erfordern sie ein Aushalten von Widersprüchen, auch die Bereitschaft, sich einlassen zu wollen auf genauere Betrachtung, müssen in einzelnen Punkten später möglicherweise durch neues Wissen erweitert, vielleicht sogar korrigiert werden.

Und eine weitere Konstante ist: Nur wenn ich das annehme, erhalte ich ein realistisches Bild der Pandemie, selbst wenn es bedeutet, dass ich zuweilen zweifele.

Ansonsten: Wegen der drohenden Schulschließungen durch das Infektionsschutzgesetz sprechen sich mehrere Politikerinnen für Unterricht unter freiem Himmel aus. Nach den stark steigenden Infektionszahlen in Indien wird für Neu-Delhi ein Lockdown verhängt. Dieser Anstieg ist vermutlich auf die sogenannte Doppelmutante B1617 zurückzuführen, die eine Fusion aus britischer und südafrikanischer Variante ist.

19. April | Rückläufe

Ein Schreibwarengeschäft. Hat im Lockdown erst geschlossen, öffnet dann, »weil Thalia offen ist und auch Schreibsachen verkauft.« Letzten Freitag ist es zugesperrt. Die Inhaberin berichtet, dass ihr tags zuvor eine Kundin erzählt, wie nachts die Rückläufe bei den Impfungen kommen und deshalb sehr kurzfristig Termine verfügbar sein können. Die Inhaberin setzt sich noch in der gleichen Nacht vor den Computer und ergattert tatsächlich einen Impftermin. Der ist um 9.00 Uhr am selben Tag, in wenigen Stunden also. Sie ist so aufgeregt, dass sie nicht selbst fahren kann. Der Mann muss mit, fährt sie eine Stunde nach Gera. Der Laden bleibt deshalb an diesem Tag geschlossen. 

Als ich die Geschichte höre, träume ich nachts erstmals vom Impfen. Im Traum erfahre ich von den Rückläufen, suche einen Termin, erhalte einen, den ich umgehend wahrnehme. Außer mir ist nur eine weitere Person geladen. Die Ärztin klärt mich über den Impfstoff auf. Es handelt sich um Dogecoin, einen Impfstoff aus Peer-to-Peer-Kryptowährung. Während die Ärztin die Spritze aufzieht, sagt sie: Ja, die Entwicklung ist schon etwas hoppladihopp gegangen. Sie untersucht meinen Hals, meint: Aber da ist genügend Platz zum Atmen.

Ich überlege, was ich tun soll. Dogecoin nehmen? Besser nach Biotechn fragen? Die Ärztin erklärt, dass ich dann meine Pole Position verlöre und ganz nach hinten in der Liste rutschen würde. Soll ich also das Risiko mit Dogecoin eingehen? Natürlich, sagt mein Kopf, das Risiko bei Covid ist wesentlich größer. Nein, sagt der Bauch und erinnert mich an hoppladihopp. Kopf und Bauch werfen mir vor, dass ich vor dem Termin nicht Dogecoin gegoogelt habe. »Sie müssen sich jetzt entscheiden«, sagt die Ärztin und hält die Spritze an meinen Hals. Dann beginnt sie runterzuzählen und fängt leider bei 2 an.

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Und dann, wieder immer in solchen Traummomenten, wache ich auf.

Ansonsten: Mehrere Gouverneure brasilianischer Bundesstaaten bitten bei den Vereinten Nationen um humanitäre Hilfe. Laut einer Untersuchung waren die wirksamsten Anti-Corona-Maßnahmen Grenzschließungen und Social Distancing. In Israel wird die Maskenpflicht im Freien aufgehoben. Gedenkfeier in Berlin für die 80000 deutschen Coronatoten. Wegen der Pandemie verlieren Künstlerinnen ihre Krankenversicherung.

https://twitter.com/comeinorstayout/status/1383456691119824908

18. April | Impfsolidarität

Vorgestern wurden Kanzlerin und Vizekanzler geimpft. Mit AstraZeneca. Horst Seehofer sollte als Ü60 auch diesen Impfstoff bekommen. Er verlangte nach Biontech. Ich könnte schreiben, dass das Impfen von Prominenten nicht Impfen allein ist, sondern auch Symbol. Stattdessen verweise ich auf Texte, die um das Wort »Impfsolidarität« kreisen, die davon sprechen, dass jene Ü60, die AstraZeneca ablehnen und stattdessen Biontech oder Moderna fordern, das Impfen eines Jüngeren nach hinten schieben, ein moralischer Aspekt des Impfens, bei dem das Konkrete (Wie ergeht es mir bei Impfen?) gegen das Abstrakte (Eine mir Unbekannte profitiert von meinem Verzicht) steht.

Ansonsten: Laut einer Studie erkranken und sterben sozial Benachteiligte häufiger an Covid19. Mehrere Querdenken-Demonstrationen werden untersagt. Als jährlichen nationalen Gedenktag für die Coronatoten wird der 27. Dezember vorgeschlagen, der Tag der ersten Impfung. Proteste in Sarajevo wegen der schleppenden Beschaffung von Impfstoffen. Hausarzt bekommt Impfstoff nicht los.

17. April | Superzyklus Allzeithoch

Zum vorläufigen Abschluss der Wirtschaftsthemenwoche in diesen Einträgen schaue ich Börse vor acht. Wäre Börse vor acht die einzige Information, die ich von der Welt empfinge, müsste ich annehmen, ich lebte in der besten aller möglichen Zeiten. Von Rekorden ist die Rede, Paukenschlägen, reißendem Absatz, bester Jahresauftakt in der Geschichte, von Euphorie, von einem Konsumrausch, einem Superzyklus, Allzeithoch, Pandemiebezwinger, Postcoronaboom, davon, dass Stresssituationen beflügeln können. Am Ende wünscht die Moderatorin gerührt von all den Superlativen ein ganz formidables Wochenende.

Tatsächlich bringe ich diese Flut von Ekstasebegriffen in keinster Weise in Einklang mit der Zeit, wie ich sie erlebe. Ich kann sie nicht legen über das seit Monaten Geschlossene und Abgesagte, über die Modelle und Verläufe, all die Hilferufe und Warnungen, das Beschneiden und Kämpfen um jeden Tag. Natürlich freue ich mich ungemein, dass es »der Wirtschaft«, die in diesem Fernsehformat anhand der Börse abgebildet wird, so außergewöhnlich hervorragend geht.

Zugleich frage ich mich: Warum ist das so? Warum geht es »der Börse« so gut, dass sie euphorisch einen Superzyklus ausruft, während der Superzyklus, der mein Leben prägt, die dritte Welle ist und das dortige »super« ganz anders gemeint ist? Wo laufen die Realitäten auseinander, warum tun sie das scheinbar ungebrochen seit Jahrzehnten? Warum freue ich mich dann doch nicht aufrichtig über die vier Minuten Gute Laune am Tag, sondern bin gewissermaßen abgestoßen von den Paukenschlägen? Warum möchte ich nichts über Allzeithochs hören, wenn Verbände gegen eine mögliche Testpflicht klagen, nichts von Pandemiebezwinger, während sich das Parlament auf dem Nebenschauplatz Ausgangssperre zerfetzt?

Es sind immer mehrere Realitäten, die zugleich geschehen, sie verstehen Paukenschläge und Rekorde grundsätzlich anders. Und warum, frage ich mich vor dem ganz formidablen Wochenende, warum gibt es zwar Börse vor acht, aber nicht Intensivstation vor acht? Oder Konzertgitarristin vor acht? Oder Schule vor acht?

 Ansonsten: Gefälschte Impfausweise für 150€ das Stück sind im Umlauf. Bhutan impft in zwei Wochen über 700000 Erwachsene und damit 94% der Bevölkerung. 15 Millionen Geimpfte in Deutschland. Kanzlerin und Vizekanzler werden mit AstraZeneca geimpft. Nicht mehr als Corona-Risikogebiet gilt Großbritannien. Sportpädagogen sprechen von einer »Bewegungsmangel-Pandemie«. Mehrere Pflegedienste enthalten ihren Beschäftigten teilweise die Coronaprämie vor.

16. April | Innenstadt

Auf einem meiner ersten besuchten Poetry Slams beschrieb ein Slammer den typischen Weg zu seinen Auftritten: Bahnhof, aussteigen, Nordsee, Subway, McDonalds, McPaper, Hunkemöller, H&M, C&A, Pimkie, Starbucks, Saturn, Kaufhof, Burger King, nächster Auftritt Bahnhof, aussteigen, Nordsee, Subway, McDonalds, McPaper, Hunkemöller, H&M, C&A, Pimkie, Starbucks, Saturn, Kaufhof, Burger King usw. usf.

Daran musste ich denken, als ich letztens über die Innenstädte las. Die Pandemie, besser: der ewige Lockdown bedroht sie. Die Menschen bestellen online, die gewerkschaftslosen Logistikzentren wachsen, die Innenstädte schrumpfen, sie sterben seit sechs Monaten. Genau genommen sterben sie seit 1994.

Die Modellprojekte zur Öffnung der Innenstädte sollen die Innenstädte am Leben erhalten. Dieses Leben bedeutet das Leben der Geschäfte. Ich frage mich, ob die Gleichsetzung Innenstadt=Geschäft irgendwo festgeschrieben steht, im Grundgesetz verankert ist: shopping=leben. Ob diese Zeit, die ja neben der Dystopie auch mit einer Utopie begann – der Überlegung, ob die Ausnahmesituation nicht auch Gelegenheit geben könnte, jahrzehntelange Gewissheiten zu hinterfragen und Routinen zu brechen – auch ein Ändern der Innenstadt bedeuten könnte. Die Mietpreise der Innenstädte zu hinterfragen, als Stadt dagegenzusteuern, die Ketten u.a. zu belassen, die kleinen Einzelhändlerinnen sowieso, neben ihnen aber Raum an Volkshochschulen und Musikschulen geben, Räume für kleinere Handwerksbetriebe mit offenen Werkstätten zu schaffen, Orte, an denen nicht nur konsumiert, sondern gelebt wird. Nach der Pandemie die Innenstadt nicht mehr nur als Shoppingpoint mißverstehen.

Und ja, ich schreibe diesen Eintrag am Tag, nachdem das Gegenteil dieser Utopie geschah, nach dem Aufheben des Berliner Mietdeckels, ein Jahr Pandemie und Neues Wohnen fordert umgehend Mietnachzahlungen, was die Aktie steigen lässt und wer dem nicht folgt, dem droht die Kündigung, leben=Dividende, die ewige Dystopie, letztlich irgendwie auch Pandemiekonzept.

Ansonsten:  Nach der Wiedereröffnung verzeichnen englische Pubs Rekordeinnahmen. Wegen steigender Patientenzahlen werden in Indien Betten und medizinischer Sauerstoff knapp. Sachsen-Anhalt impft Wahlhelferinnen. Vierzig Prozent der Ungeimpften beneiden die Geimpften, im Osten liegt die Zahl bei 29%, im Westen bei 42%. Weltweit sind eine Milliarde Impfdosen produziert, die nächste Milliarde wird Ende Mai erreicht. 100000 Coronatote in Frankreich. Um die um auf die Zunahme der Covid-Patientinnen vorbereitet zu sein, fahren viele Krankenhäuser den Regelbetrieb runter. Aufgrund der großen Auslastung des Uniklinikums Jena helfen ab sofort Pflegekräfte der Bundeswehr bei der Betreuung von Patienten auf der Intensivstation. Zur Lage in Jena.

15. April | selbstverständlich

Dafür, dass die Situation wenig Anlass zu Zuversicht bietet, bin ich relativ gelassen. Ich esse sogar Spargel. Und dass, obwohl die Notbremse des geänderten Infektionsschutzgesetzes noch einige gemütliche Runden drehen wird, bis sie wirksam wird, was ohnehin nicht von entscheidender Bedeutung ist angesichts der nicht geplanten Änderungen am Bisherigen, die weiterhin das Private verknappen und das Andere zu wenig die Pflicht nehmen. Dass trotz zumindest in Thüringen nur lauwarm funktionierenden Selbsttests in Schulen. Dem Aussetzen des Impfstoffes von Johnson&Johnson. Dass trotz der knapp 30000 Neuinfektionen, dem höchsten Stand seit Anfang des Jahres. Den unablässigen Warnungen der Intensivmediziner:innen, die vorrechnen, wie die Situation angesichts heutiger Zahlen in drei Wochen aussehen wird; jüngere Kranke, die länger die Betten belegen. Dass trotz des Einsatzes von Wirtschaftsverbänden, die gegen die Bitte der Regierung, doch wenn möglich ab und an zu testen, aus Kostengründen klagen. Dass die Coronapolitik der Union momentan nur eine Funktion hat: die des Gradmessers für die Tauglichkeit des noch zu bestimmenden Kanzlerkandidaten.

Warum bin ich gelassen? Vielleicht weil in dieser Phase der Pandemie so viel selbstverständlich geworden ist. Es ist selbstverständlich, dass die Maßnahmen nicht wirksamer gestaltet werden, weshalb meine Beschwerden darüber selbstverständlich geworden sind. Es ist selbstverständlich, dass es in den Schulen während der Pandemie nicht läuft. Es ist selbstverständlich, dass die Grenzwerte, anhand derer eine Bedrohungslage zu erkennen ist, je nach Bedarf verschoben werden. Selbstverständlich, dass Teile der Wirtschaft die Lasten tragen, genauso wie es selbstverständlich ist, dass der Großteil der restlichen Wirtschaft diese Lasten nicht trägt, sondern klagt, wenn es Teile der Last tragen soll. Es ist selbstverständlich, dass ich davon ausgehe, dass alles irgendwie auf dieser Ebene bleiben wird, selbstverständlich, dass ich keine Kraft/Interesse/Zeit habe, einen anderen Blickwinkel auf die Pandemie zu finden als das erschöpfte Klagen, selbstverständlich, dass diese Einträge selbstverständlich sind, sie ist mir selbst unverständlich, diese Selbstverständlichkeit.

Ansonsten: Überlegungen, dass die seltenen schweren Nebenwirkungen nach einer Impfung AstraZeneca und Johnson & Johnson mit dem Vektorimpfstoff in Verbindung stehen können. Wegen Corona sinkt die Zahl der Ausbildungen um zehn Prozent. Deutsche Aerolsol-Forscher halten Ausgehverbote für kontraproduktiv und fordern stärkere Maßnahmen in Innenräumen. Mehr als 50 Millionen Biontech-Impfstoffdosen sollen bis Ende Juni zusätzlich an die EU geliefert werden. Weil Dänemark kein AstraZeneca mehr impfen will, will Tschechien diese Dosen abkaufen. In England entstehen 83 Long-Covid-Zentren, in denen die Langzeitfolgen einer Covid-19-Erkrankung behandelt werden. Alltag in Flüchtlingsunterkünften während der Pandemie.

14. April | Weimarer Urteil

Auch wenn ich in diesen Einträgen öfter festhalte, dass das, was Ursache der Pandemie ist, in meiner unmittelbaren Umgebung kaum stattfindet, findet die Pandemie doch statt. Aber anders, geradezu als Gegenteil der Pandemie.

Eine kurze Chronologie über Corona-Weimar. Weimar ist die erste Stadt, die nach der ersten Welle die Außengastronomie wieder öffnet. Im Juni ist Weimar einen Monat lang die Stadt mit der Inzidenz von Null. Im Oktober, während der ansteigenden Zahlen der zweiten Welle, findet in Weimar ein Volksfest mit 70000 Besucher:innen statt. Erst kurz vor Weihnachten wird der Weimarer Weihnachtsmarkt abgesagt. Mitten in der dritten Welle öffnet Weimar im Rahmen des »Weimarer Modells« die Geschäfte.

Und dann sind noch Urteile und Beschlüsse, die am Weimarer Amtsgericht, in dem Gebäude, das Drehort des Polizeipräsidiums des Weimarer Tatorts ist, getroffen werden. Anfang des Jahres erklärt ein Richter aus Weimar die während der ersten Welle getroffenen Maßnahmen für rechtswidrig. Und vor wenigen Tagen der Beschluss, der die Maskenpflicht an Schulen aufheben soll.

Der Beschluss umfasst fast zweihundert Seiten. Wenig liegt mir ferner, als diese zu lesen, aus Zeitgründen, aus Gründen der juristischen, der wissenschaftlichen Verständlichkeit. Andererseits wüsste ich schon gern, was darinsteht. Ich bin, wie nahezu ausschließlich in der Pandemie, auf Texte angewiesen, die Sachverhalte zusammenfassen und erklären.

Juristisch wird der Beschluss auseinandergenommen. Von Rechtsbeugung ist die Rede, unzureichender Begründung, einem Einzelfall, der unrechtmäßig aufs Ganze hochskaliert wird, von einer gezielten Klage, die an einen bestimmten Richter adressiert war, Unstimmigkeiten, Unsauberkeiten werden benannt, »wird nicht haltbar sein« wird in den Metatexten deutlich.

Wissenschaftlich ebenso vernichtende Beurteilungen. Der Beschluss als eine Art Greatest Hits der Coronaleugnermythen; von Virenzyklen über PCR-Tests bis hin zur Maskenfrage finden sich dort jene Beweisführungen, die auch in den Channels kursieren. Durch diese Channels wandert der Beschluss, wird gefeiert, das »Weimarer Urteil« wird selbst Mythos, als Beweis eingereiht zu den anderen Beweisen, das Gegenteil der Pandemie.

Ansonsten: Eine Änderung des Infektionsschutzgesetzes tritt den Weg durch Beschlussrunden an. Mehrere Wirtschaftsverbände kündigen an, gegen das geplante Angebotsgebot zum Testen in Firmen zu klagen. Für vollständige Geimpfte sollen zukünftig keine Tests oder Quarantäne mehr nötig sein. Laut einer Studie ist B117 ansteckender, aber nicht tödlicher als der Wildtyp. Coronagegner:innen machen mobil gegen Dr. Kasperls Coronatest, ein Video der Augsburger Puppenkiste, in dem Kindern Coronatests erklärt werden. Coronagegner:innen machen mobil gegen Schülervertreter:innen, die eine Coronatestpflicht an Schulen fordern.

https://twitter.com/dergazetteur/status/1381975792498974726

13. April | kleiner Klopfer

Es gibt sie noch, die guten Nachrichten. Samstagvormittag lief ich durch den Park. Auf einer Bank vor dem Bauhaus-Museum sah ich mehrere leergetrunkene Kleinstflaschen alkoholischer Getränke. Ich fotografierte, wie so vieles, und stellte wenig später das Bild auf Instagram. Dazu schrieb ich »Symbolbild nächtliche Ausgangssperre«. Wie immer verwendete ich drei Hashtags, diesmal #pandemie #parkbank sowie #kleinerklopfer, weil die Flaschen sogenannte Kleiner Klopfer waren.

Zwei Tage später kommentierte kleiner.klopfer unter dem Bild. Er schrieb, dass ich einer von drei Preisträgern der Aktion »Kleiner Klopfer auf Fotoreisen« sei und den 25er Sunshine Mix inklusive einem Sun Visor gewonnen habe. Das ist das Gute an der Pandemie: Ohne sie hätte ich nie das Foto hochgeladen, weil es ohne pandemiebezogene Bildunterschrift keinen Grund dafür gegeben hätte; es wären einfach nur leere Alkoflaschen gewesen. Die Pandemie lieferte den Kontext, ohne Pandemie hätte ich diesen Preis nie erringen können. Und auch wenn ich lieber ein Asthmaspray Budesonid von AstraZeneca gewonnen hätte, ist angesichts der angestrebten Beschlüsse zur Notfallbremse ein 25er Sunshine Mix möglicherweise nicht vollkommen nutzlos.

Ansonsten: Aufgrund des Todes von Prinz Philip verschiebt Boris Johnson das angekündigte Trinken eines Bieres in einem nun wieder geöffneten Pub. Kritik an der geplanten Ausgangssperre. Mit einer Million Coronatoten ist Europa die am stärksten von der Pandemie betroffene Region der Welt. Über leere Intensivstationen.

12. April | der Markt regelt

Je nachdem, mit welchem Blick man darauf schaut, wird der Satz »Der Markt regelt das« überzeugt, hoffnungsvoll, sarkastisch oder angewidert ausgesprochen. Im Grunde setzt der Satz etwas Unmögliches voraus: den Markt als luftleeren, objektiven Raum, in dem keine Subjekte unterwegs sind. Die unsichtbare Hand ist eine Illusion, vgl. Joseph Vogl, Das Gespenst des Kapitals.

Auch in der Pandemie geht der Satz »Der Markt regelt das« nicht auf. Bestes Beispiel ist die Impfstoffentwicklung und -produktion; gefördert mit massiver staatlicher Unterstützung, die superneoliberalen USA und GB schränken den Markt ein, indem sie kaum Exporte zulassen. Auch nur bedingt regelt der Markt die durch die Pandemie so offensichtlich werdenden Diskrepanzen, ein Beispiel die Situation im Krankenwesen im Vergleich zu den Aktionärsgewinnen, viele Beispiele lassen sich finden und nicht allen ist eine rote Nelke angeheftet.

Gestern, wiedermal im Supermarkt, dachte ich, dass Markt schon etwas regelt. Vor der Kasse ein kleines Regal, in dem FFP2-Masken für 79 Cent das Stück lagen. Vor drei Monaten, als die FFP2-Pflicht Thema wurde, war ein Thema – auch hier in den Einträgen – dass diese Masken zu teuer sind. Die Bundesregierung bestellte Millionen Masken für 6€ das Stück, im Handel waren 3-4 Euro angesagt, ich orderte im Januar ein Paket für 2 Euro das Stück. Heute hat der Markt und die Nachfrage und die Produktion geregelt, dass Stoffmasken kaum noch angeboten werden, dafür der FFP2-Preis unter einem Euro liegt. Neben den Masken werden Selbsttests angeboten, das Stück unter 5€, niemand muss mehr am Samstag früh um 6 Uhr vor dem Aldi anstehen, um eine Packung zu ergattern. Der Markt regelt.

Wirtschaft, Markt, Pandemie. Vor einigen Tagen die Meldung, dass in Weimar 63 Gewerbetreibende ihr Gewerbe im letzten Jahr abmeldeten, auch größere Geschäfte darunter. Gestern die Nachricht, dass ein Viertel der gastronomischen Betriebe aufgeben wird. Eine Studie, die zeigt, dass ein Lockdown, der das meiste für kurze Zeit schließt, wirtschaftlich viel sinnvoller ist als ein ewiger Lockdown, der manches total, vieles nicht und manches halb schließt. Ich denke an das Weimarer Modellprojekt der geöffneten Innenstadt, seitdem auch schon wieder zwei Wochen vergangen sind, die Zahlen in der Stadt leicht, aber nicht signifikant gestiegen, ist das die Osterverzögerung, ist das Modell doch aufgegangen, hat das Modell vielleicht sogar die Innenstadt vor der Verödung bewahrt? In einem Tweet lese ich: Wenn die Wirtschaft sagt, man müsse mit dem Virus leben, sagt sie, man müsse für die Wirtschaft sterben.

Der Markt regelt das. Was regelt er? Für wen regelt er? Was ist der Markt? Was »die« Wirtschaft? Ich bin Wirtschaft. Sarah Wagenknecht ist Wirtschaft. Der AfD-Parteitag ist Wirtschaft. Mein Lieblingsbuchladen ist Wirtschaft. Wirtschaft ist der nächste Urlaub, Wirtschaft ist, wenn ich die neue Godspeed You! Black Emperor direkt beim Label bestelle, Impfen ist Wirtschaft, Lockdown ist Wirtschaft, kein Lockdown ist mehr Wirtschaft, was anders gemeint ist, als wie es zuerst klingen könnte, Selbsttests sind Wirtschaft, Querdenken ist Wirtschaft, Wirtschaft werden diese Coronamonate sein.

Ansonsten: Die deutschen Landkreise verurteilen die anstehende Bundesnotbremse. Der Arbeitsminister will eine Testpflicht für Unternehmen einführen. In Leipzig und Halle verhindert die Polizei verbotene Querdenken-Demonstrationen. Ein Beschluss des Amtsgerichts Weimar verbietet das Tragen von Masken in Schulen. Gerüchte, dass der Tod Prinz Philips mit seiner kürzlich erfolgten Impfung in Zusammenhang stehen. Wegen der Überlastung der Intensivstationen in Paris wird Triage angewandt. Eine Studie legt dar, dass das frei verfügbare Asthmaspray Budesonid von AstraZeneca das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs nach der Infektion um 90% senkt. June Almeida, die Entdeckerin des Coronavirus.

11. April | Notbremsengesetzgebungszeitraum

Für die Bund-Länder-Runde findet sich kein Termin. Dafür wird ein landesweit gültiges Notbremsengesetz erwogen. Bin ich zufrieden, weil ich denke: Endlich wird das offensichtlich unzureichende Instrument der föderalen Runde aufgegeben und etwas Neues probiert? Bin ich desillusioniert, weil ich denke: Nicht mal einen gemeinsamen Termin schaffen »die« zu vereinbaren?

Was frage ich mich, wenn ich über das beabsichtigte Notbremsengesetz lese? Was ist das Neue daran? Warum wird das Entscheidende weiterhin ausgespart? Wie kann angenommen werden, damit die Zahlen vertretbar zu senken? Was heißt es, wenn die Zahlen so bis zur Vollimpfung um die 100 pendeln werden? Wie oft kann ich schreiben: Was, wenn es nur darum geht, den Raum des Ertragbaren maximal auszureizen?

Vor allem denke ich: die Zeit. Warum diese Ruhe, diese Gemütlichkeit, dieses Abwägen und Verhandeln, dieses Ausruhen auf den so offensichtlich unzuverlässigen Osterzahlen? Alle Modelle sind seit Monaten auf dem Tisch und immer ist nächste Woche, wenn etwas beschlossen werden wird, was es schon längst gibt. Wenn das Notbremsengesetz gegen die aktuellen Zahlen antritt, werden zwei Wochen seit Gründonnerstag vergangen sein, ungehört verklungen die Rufe der Intensivmediziner:innen, die diese Zeit nicht haben, diese Ruhe, dieses Abwägen.

Ansonsten: Biontech beantragt die Notfallzulassung ihres Impfstoffes für Kinder ab 12 Jahre. Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie erklärt, dass ein harter Lockdown das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts in diesem Jahr kosten werde und man mit dem Virus leben lernen müsse. Laut einer Umfrage steht in der Gastronomie jeder vierte Betrieb vor dem Aus.

10. April | Humor

Warum sollte ich über die Katastrophe lachen? Ich lache nicht über hungernde Kinder, nicht über Malaria, habe nie über Fukushima gelacht. Warum sollte ich über die Pandemie lachen? Ich habe in der Pandemie über die Pandemie gelacht. Worüber ich nicht gelacht habe:

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9. April | sehen / vermeiden

Als ich im gestrigen Eintrag die Links zu den vier Episoden der Dokumentation über die Arbeit auf einer Covid-19-Station postete, überlegte ich dazu zu schreiben: Diese zwei Stunden sollten eine Woche lang in allen Programmen um 20.15 Uhr ausgestrahlt werden.

Was ich damit hätte sagen wollen: Jeder sollte sehen, welche Folgen die Krankheit hat, was es bedeutet, wenn Intensivstationen überbelegt sind, wie die Arbeit der Ärzt:innen unter solchen Bedingungen abläuft. Es sind Bilder einer Katastrophe, in der für die meisten das Katastrophale abwesend ist, es sind Bilder, die fehlen, die es zwar gibt, die aber selten nur Teil der Bebilderung sind und durch ihr Fehlen den Blick auf die Katastrophe bestimmen.

Jede sollte diese Bilder sehen. Ich bin mir nicht sicher. Sollte das so sein? Die Pandemie begleitet jede einzelne schon über ein Jahr lang. Gehört es nicht dazu, sich auch über diesen, so elementaren Aspekt davon zu informieren? Oder ist es notwendig, das gerade bewusst auszublenden, zu sagen: Seit über einem Jahr bin ich damit beschäftigt, meine Tage sind davon betroffen, ich brauche Abstand, ich schaue das nicht, 20.15 Uhr am Abend will ich gerade nicht davon Kenntnis nehmen?

Welche Erkenntnisse gewinne ich aus dem Schauen? Was sind die neuen Informationen, die ich erhalte, wenn ich Ärzt:innen zwei Stunden lang zuschaue, wie sie um die Leben von Covid19-Kranken kämpfen, wie sie diese Leben verlieren? Sind es weniger Informationen als Gefühle, die mir durch diese Bilder vermittelt werden? Denke ich: Nicht ich sollte diese Dokumentation sehen, auch nicht jene, die das Virus seit einem Jahr ernst nehmen, sondern jene, die von der Grippe sprechen, die davon sprechen, dass man mit Corona stirbt, dass die Intensivstationen nie ausgelastet waren, die sagen, das Virus stellt keine Gefahr dar, die, die unter dem Hastag #Lauterbachsopfer posten. Die Dokumentation als Möglichkeit einen Meinungswandel herbeizuführen. Dieses Sehen ist, was ich letztlich will.

Ich habe anderthalb Folgen geschaut. Dann habe ich entschieden, abzubrechen. Die gesehenen Bilder, die Vorgänge, das Sterben zu viel für einen Abend, diesen Abend. In den nächsten beiden Tagen kann ich das Gesehene nicht abschütteln. Immer wieder brechen Bilder aus Station 43 in den Alltag. Ich schneide Brot, sehe eine auf dem Bauch gedrehte Kranke, putze die Zähne, sehe die Schläuche der ECMO, durch die mit Sauerstoff angereichertes Blut läuft, lese Mithu M. Sanyal, höre dabei das Fiepen der Geräte. Ich verstehe, warum nicht jede sehen kann, verstehe, warum jeder sollte.

Ansonsten: Mehr als 650000 Impfdosen werden an einem Tag verabreicht, doppelt so viele wie tags zuvor, die Hälfte davon verabreicht von Hausärzt:innen. Aufgrund der Massentötung dänischer Nerze genehmigt die EU-Kommission Entschädigungszahlen von 1,75 Milliarden Euro. Hautärzt:innen raten zu Desinfektionsmitteln, weil ständiges Händewaschen mit Seife während der Pandemie vermehrt zu Handekzemen geführt hat. Nachdem ein Schwarzfahrer sich auf dem Zug nach Sylt übergibt, wird bei ihm Corona nachgewiesen und der Zug wird evakuiert. Kritik am bayrischen Alleingang bei der Beschaffung des Impfstoffes Sputnik V. Wegen der wachsenden Belastung der Intensivstationen fordern Fachleute das Ergreifen wirksamerer Maßnahmen zu Senkung der Neuinfektionen. Ermittler verhindern einen Sprengstoffanschlag auf ein niederländisches Impfzentrum. Nach zahlreichen Verstößen bei der letzten »Querdenken«-Demonstration in Stuttgart will die Stadt zukünftig diese Demonstrationen untersagen. In Basel fälschen drei Gymnasiasten ihren Corona-Test, um in Quarantäne zu dürfen und nicht in die Schule zu müssen. Mehr als 4000 Coronatote an einem Tag in Brasilien. Impfstrategie.

8. April | Station 43

Sterben

Kämpfen

Hoffen

Glauben

7. April | unvermeidlich

Es hat geschneit. Ein hartes, hässliches Graupelrieseln, getrieben von schneidendem Wind, die Wärme der letzten Tage sackt in sich zusammen. Später bedeckt eine dünne Eisdecke die Wiesen, in deren Gras eben noch Lindthasen und die mit sorbischem Muster bemalten Eierschalen lagen, das Bunt der Blüten und Blumen verschwindet unter der Kälte. Der Frühling ist erst einmal weg und damit auch die Metapher, an die ich mich klammern möchte. Was mich umgibt, wird seit Monaten Metapher für die Pandemie, das ist nicht gesund.

Gestern die Nachricht, dass sich die Hebamme angesteckt hat. Bei den Hausbesuchen, in der Praxis trug sie Maske, hielt Abstand. Nun ist sie krank. Die schlimme Vorstellung, dass jene, die sie besucht und betreut hat, die Mütter und Väter mit den Neugeborenen, betroffen sein könnten. Das ist einer der Fälle, bei denen Infektiosität doppelt und dreifach zuschlägt und man sich doppelt und dreifach schützen kann und dennoch kann es geschehen. Doch ohne Hebamme, ohne Hausbesuche, wie wäre das vorstellbar?

Dabei auch der Gedanke, dass die eigene Infektion durchaus unvermeidlich sein könnte, der persönlichen Umstände wegen, der Zahlen wegen. »Kurz vor dem Ziel« nennen manche Entscheider diese Tage. Vier, fünf, sechs Monate wird dieser Ziellauf dauern und damit alles andere als kurz, ein Viertel der Pandemie als Schlussspurt, die Kräfte müssen so lange noch tragen.

Und ein weiterer Gedanke züchtet sich heran. Dann soll es eben so sein, flüstert der Gedanke, dann steckst du dich an, dann hast du es hinter dir, die Wahrscheinlichkeit ernsthafter Konsequenzen laut den Telegramchannels und WhatsAppVideos ohnehin im Promillebereich. Es ist ein fatales Heranwachsen von Überlegungen, die nur zwei Sekunden währen, bevor der gesunde Menschenverstand, der in diesen Tagen und vielleicht grundsätzlich so schwer durchzuhalten ist, wieder einsetzt.

Der ausgesetzte Frühling, die erkrankte Hebamme, der lange Schlussspurt, wie passt das zusammen?

Ansonsten: Die Hausärzte impfen. Boris Johnson kündigt an, nächste Woche in einem Pub ein Bier zu trinken. Kritik und Zustimmung für den Brückenlockdown. Kein EU-Staat erreicht das selbstauferlegte Ziel, bis Ende März mindestens achtzig Prozent der über 80-Jährigen zu impfen. Im »Saarland-Modell« werden im Saarland verschiedene Einrichtungen des öffentlichen Lebens wieder geöffnet. Im Kreis Vorpommern-Greifswald wird eine systematische Verzögerung von Neuinfektionsmeldungen vermutet, die zum Ziel hat, die Inzidenzzahlen niedrig zu halten.

6. April | Brückenlockdown

Die Form schließt an gestern an. Weil über Ostern weniger gemeldet und getestet wird, »sinken« die Zahlen, weshalb Öffnungen beschlossen werden. Zu den zahlreichen Pandemieneologismen wie atmende Öffnungsmatrix oder Wellenbrecherlockdown stellen sich zwei neue Begriffe: Bundeslockdown und Brückenlockdown, letzterer das Ergebnis der Osterüberlegungen des CDU-Vorsitzenden, ungewiss, ob die Worte ein Rebranding des Bisherigen sind oder anderes bringen sollen. Diskutiert wird, ob der Zeitpunkt für ein nächstes Entscheiden möglicherweise um eine Woche vorgezogen werden soll. Die nichtgetroffene Gründonnerstagentscheidung ist auch schon wieder zwei Wochen her.

Währenddessen werden auf Twitter die Profilbilder in der Inzidenzfarbe rot gefärbt. Die Berichte der Ärzt:innen, die dort seit Monaten von den Intensivstationen erzählen, werden zunehmend bitterer, so, als hätten sie jede Zuversicht aufgegeben, dass die dritte Welle die Stationen nicht volllaufen lassen würde.

Auch wenn ich Kriegsmetaphern grundsätzlich vermeiden sollte, fühlt sich diese Osterruhe an wie ein Stellungskampf; verschanzt und vergraben, jede Bewegung wird so lang wie möglich vermieden, nein, dieses Bild geht vorn und hinten nicht auf, dann schon ein Bild dieser Zeit, ein Eiertanz im Auge des Hurrikans, diese angenommene Ruhe, diese gefühlte Sicherheit, dieses ewige Ausharren, diese anstrengende Gleichgültigkeit, ob Anfang Mai schon 20% der Deutschen geimpft sind oder Ende Juli alle, die es wollen, zumindest einmal, weil ich erschöpft annehme, dass bis dahin weitere Worte erfunden werden, die einen eigenen Eintrag abwerfen, aber letztlich das gleiche sagen wie in den vergangenen Monaten, ich mag das weder mehr schreiben noch lesen, während die Modelle rattern.

Ansonsten: Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft schlägt, der Pandemie wegen in diesem Jahr die Abiturprüfungen ausfallen zu lassen. Nur Geimpfte und Genesene sollen an Pilgerfahrt Hadsch und Umrah teilnehmen dürfen.

5. April | Osterruhe

Armin Laschet kündigte an, über die Ostertage gemeinsam nachdenken zu wollen; »wo können wir weitere Schutzmechanismen einführen, wo können wir das Leben herunterführen…« Auf Twitter kursiert seither der Hashtag #laschetdenktnach. Darunter werden Fotos von einem nachdenklichen Armin Laschet gezeigt und Sätze geschrieben wie »Warum landen Meteoriten eigentlich immer in Kratern?« oder »Warum bestellen wir runde Pizzen in viereckigen Schachteln und essen sie dann als Dreiecke?« oder »Warum heißt es überhaupt Fallzahlen wenn sie doch immer steigen?«. Ein Twitterbot zählt die Tage, seitdem Angela Merkel in einer Talkshow sagte, dass man nicht mehr warten könne, der Bot steht bei 8.

Armin Laschet in der Pandemie ist Symbol fürs Öffnen und Zögern geworden, Angela Merkel Symbol für das Begreifen der Situation und der fehlenden Autorität, diese zu verändern. Im Grunde geht es nicht um diese beiden oder Bots oder Tags, das ist alles Folklore und Unterhaltung, sondern darum, mitten in einer Krise, die sofortiges Handeln erfordert, die Ostertage abzuwarten und den R-Wert weiterlaufen zu lassen.

Währenddessen rechnen Modelle vor, was jeder weitere abgewartete Tag nach den Ostertagen mit den Fallzahlen macht, sind die gemeldeten Zahlen der Gesundheitsämter der Osterruhe wegen nur unvollständig und erlauben keinen realistischen Blick auf die aktuelle Situation, demonstrieren in Stuttgart 15000 selbstbewusst und viruszugeneigt und zeigen sich Verantwortliche in Stadt, Land, bei der Polizei erstaunt und zerknirscht über das Verhalten der 15000 und geloben, dass beim nächsten Mal die Pandemieauflagen verantwortungsbewusst und kompromisslos durchgesetzt werden müssen, Ostern 2021.

4. April | Gegenüber

In letzter Zeit mehrere Gespräche übers Impfen. Die verschiedenen Gegenüber eint eins: Sie werden sich nicht impfen lassen. Es sind keine Gespräche, in denen Bedenken geteilt werden oder Unsicherheit spürbar ist. Die Entscheidung ist längst gefällt, ist definitiv. Die Gründe sind u.a. mein Immunsystem ist stark genug für das Virus. Oder: Ich möchte nicht Teil eines Menschenexperiments werden.

Die Rede gerät (natürlich) auf AstraZeneca Vaxzevria. Es kommt nicht dazu, dass ich meine Sorgen teilen kann, meine Kritik am Vorgehen, die Zustimmung für das Aussetzen von AstraZeneca, letztlich auch meine insgeheime Erleichterung darüber, dass ich durch den Impfstopp für unter 60jährige kein Vaxzevria erhalten werde. Meine Gegenüber sind auf Hochtouren, sofort die Nebenwirkungen, die Erkrankungen, die Hirnvenenthrombose, die Toten. Sofort die Toten als Beleg für das Experiment.

Die Gespräche gehen dahin, dass ich meine Impfabsicht verteidigen muss. Die Gegenüber sind zum Teil ehrlich überrascht, dass ich mich impfen lassen werde, weil die Informationen, die in ihren Channels geteilt werden, gar keinen Zweifel daran lassen, wie gefährlich und unverantwortlich Impfen ist. Ich überlege, die sieben oder neun Toten gegen hunderte Tote am Tag zu stellen und lasse es, weil ich annehme, dass diese für mich so elementare Überlegung am Blick meiner Gegenüber nichts ändern würde, dass sie die hunderten Toten am Tag anzweifeln würden, dass ihre Logik eine andere ist: vom Virus geht keine Gefahr aus, von der Impfung schon.

Die Gespräche wühlen mich auf. Ich habe angenommen, im Grunde gehofft, dass etwas die Meinung der Gegenüber ändert: die zweite Welle, die dritte Welle, drei Millionen Tote, die Augenzeugeberichte der Ärztin:innen, die Bilder aus den Intensivstationen. Zumindest nahm ich an, dass am Ende, beim Impfen die bekannten Welterklärungsmodelle der Gegenüber nicht greifen würden, dass sie, vor die Wahl gestellt, den Impfstoff nicht in Frage stellen würden.

Nun muss ich erkennen, dass sich selbst bei dieser so klaren Sache – die viel höhere Wahrscheinlichkeit des Schutzes des eigenen Lebens durch eine Impfung – nichts ändert an den Mechanismen ihres Denkens und Erklärens. Der Blick auf Corona wird bei den Coronaleugner:innen, den Maßnahmekritiker:innen, den Querdenker:innen, den Coronawütenden – ich habe ihn immer noch nicht gefunden, den passenden Begriff, der exakt festhält, was meine Gegenüber ausmacht – so bleiben. Es wird keine Diskussionen geben, kein Austausch von Informationen. Der Blick ist fest und endgültig. Meine Gegenüber und ich – wir stehen uns in dieser Sache gegenüber, unmöglich, nebeneinander zu sein, selbst beim Schutz nicht, gerade dort.

Ansonsten: Die Initiative »Querdenken« feiert ihr Jubiläum mit zehntausend Demonstrant:innen in Stuttgart. Mehr als 100 Millionen Erstimpfungen in den USA. Coronaausschreitungen in Brüssel und St. Gallen. Die Bundesagentur für Arbeit erklärt sich zur Mithilfe bei Impfungen von Arbeitslosen bereit. In Niedersachsen werden 14 Städte für Öffnungsmodelle ausgewählt. Nach dem Impfstopp von AstraZeneca für Unter-60-Jährige kommt es in NRW zu überlasteten Leitungen wegen der Anrufe von Über-60-Jährigen, die sich nun außer der Reihe impfen lassen können. Nachdem Daimler während des Lockdowns etwa 700 Millionen Euro durch Kurzarbeitergeld eingespart hat, zahlt der Konzern seinen Aktionären eine Dividende von insgesamt 1,4 Milliarden Euro. Um in Pandemiezeiten die Spargelernte zu gewährleisten, erwirkt das Ministerium für Landwirtschaft die Ausweitung sozialversicherungsfreier Beschäftigung von drei auf vier Monate. In Berlin tritt einer Maskenverweigerer einer schwangeren Verkäuferin in den Bauch.

https://twitter.com/derWillacker/status/1377249899083874306

3. April | Morgellons

In meiner Maske, auf meinen Schnellteststäbchen leben Parasiten, kleine, schwarze Würmer, die sich im Stoff bewegen, Morgellons, die ich einatme und verschlucke, eine Geschichte, die nicht erfunden ist; wahr für jene, die daran glauben wollen und nicht anders können, eine Form des Dermatozoenwahns, die krankhafte Vorstellung, die eigene Haut wäre von Parasiten befallen.

1. April | Weimarer Modell

Ich habe gezögert, an diesem Gründonnerstag, der die Osterruhe hätte einleiten können, etwas über die Modellstadt Weimar zu schreiben. Der Grund dafür: Es gibt nicht allzu viel zu berichten. Drei Tage lang sind in der Stadt die Geschäfte geöffnet, die seit Monaten geschlossen haben. Wer kaufen will, braucht einen negativen Test, Maske und Luca/Adressliste. Vor dem Kasseturm, ein Studentenklub, in den nun ein citynahes Testzentrum eingezogen ist, zieht sich die Schlange hin bis zum Moni Ami, ein Kulturzentrum, in das nun ein Impfzentrum eingezogen ist. Davor warten die Getesteten auf ihre Ergebnisse. Mit negativem Test geht es zu den Geschäften. Davor sind Stehtische aufgebaut, an denen Mitarbeiter:innen die Tests begutachten, Adressdaten aufnehmen und Einkaufskörbe austeilen.

Die Einkaufsstraße ist nicht leer, aber auch nicht tübingenvoll. Die Junisonne scheint freundlich, die Stimmung ist gelöst, auch weil eine Hundertschaft Polizisten zur Räumung einer Hausbesetzung abgezogen ist, die Besetzer haben zuvor coronagerechte Handlungsanweisungen an die Mitstreiter:innen verteilt. Jugendliche spielen aus der Bluetoothbox Ischgl Fieber von Tommy Tellerlift, husti husti heh. Ein Mann kommt aus einer Parfümerie und sagt zu seiner Frau: »Wenn das die neue Welt ist … mir steht das hoch bis zum Kranz«. Viel mehr gibt es nicht zu beschreiben.

Interessanter sind die Äußerungen von Expert:innen, die Modellversuche wie diese nicht grundsätzlich ablehnen, sie vielleicht sogar als Möglichkeit sehen, möglichst viele Menschen zum Testen zu animieren. Aber zugleich fragen, ob während einer Zeit exponentiellen Wachstums der geeignete Moment dafür ist, Bilder von kontaktvollen Flaniermeilen in die coronamüden Köpfe zu zaubern. Sie fragen auch, nach welchen wissenschaftlichen Kriterien solche Modelle durchgeführt werden, welche Erkenntnisse daraus gewonnen werden sollen, was Erfolgskriterien sind. Wenn als Erfolg gilt, dass wieder Menschen in der Einkaufsstraße unterwegs sind, wäre das kein erfolgreiches wissenschaftliches Modell.

Für eine wissenschaftliche Betrachtung ließen sich verschiedene Kriterien ansetzen: Inzidenz, Krankenhausbelegung, Wirtschaftsleistung in einem Sektor. Um das mit zeitlichem Abstand bewerten zu können, braucht es Vergleiche, also Städte mit ähnlicher Struktur, die während des Öffnungszeitraums geschlossen waren. Es geht darum, ein solches Modell als seriöse Möglichkeit zu nehmen, um Informationen zu sammeln. Das Modellhafte sollte kein Vorwand sein, um Geschäfte zu öffnen.

Als ich gestern in der Einkaufsstraße war, fühlte sich alles nicht wirklich entspannt, aber auch nicht fundamental falsch an. Die 23° halfen dabei, obwohl ich das Geschehen im Grunde genommen wahnsinnig und surreal fand, wobei es schon surreal ist, für das Einkaufen anderer Leute ein Wort wie surreal zu wählen.

Ich betrat kein Geschäft, sah zu, wie die, die betraten, Zettel mit ihren negativen Tests entfalteten, Tests, die zu einem großen Prozentsatz verlässlich sind. Viele hatten keine Papiere dabei und keine Tests vornehmen lassen, u.a. ich, und wir waren dennoch anwesend und hielten uns dort auf, wo Kontakte gemacht werden und man kam doch mal ins Gespräch und sich näher oder stand vor dem Eiscafé vor jemanden, der recht dicht aufrückte und ich bin gespannt auf die Ergebnisse des Weimarer Modells, die Auswertung, die Erfolgskriterien, wie es sich in Zahlen lesen wird, das Flanieren in der dritten Welle.

Ansonsten: Das Weimarer Modell wird um einen Tag verlängert. Wegen deutlich gestiegener Inzidenzwerte schränkt die Stadt das Tübinger Modell ein. Der Handelsverband rechnet damit, dass nach der Pandemie 82000 Einzelhandelsgeschäfte schließen werden. Wegen steigender Zahlen verhängt Mallorca eine Ausgangssperre. Wegen stark gestiegener Zahlen verhängt Frankreich für vier Wochen einen landesweiten Lockdown. Nach einem Gerichtsurteil muss Belgien die vierwöchige Osterruhe zurücknehmen. Der Anteil von B117 an den Neuinfektionen liegt in Deutschland bei etwa 90%. Bayern plant, die Impfreihenfolge zugunsten großer Betriebe zu ändern. Eine Studie zeigt, dass die während der Pandemie errichteten, provisorischen Radwege dazu führen, dass mehr Menschen aufs Auto verzichten.

https://twitter.com/d4meyer/status/1376984585112797199

31. März | AstraZeneca III

Die letzten Tage wieder mehrere Gespräche über die Bedenken vor dem Impfen. Sorgen und Befürchtungen werden geäußert, auch die Absicht, abzuwarten, lange abzuwarten. Meine Meinung hat sich während dieser Gespräche nicht geändert: Weiterhin würde ich mich umgehend impfen lassen. Der Grund ist ein hoffender, vor allem ein mathematischer: Die Wahrscheinlichkeit eines schweren, möglicherweise tödlichen Krankheitsverlaufs ist so viel größer als der einer schweren, möglicherweise tödlichen Impfreaktion.

Heute der Beschluss, dass AstraZeneca, dessen Impfstoff nun den Namen »Vaxzevria« trägt, aufgrund einer Häufung von Hirnvenenthrombosenfällen nur noch an Über-60jährige geimpft werden kann. Fast alle Expert:innen begrüßen die Entscheidung. Die Häufung ist statistisch auffällig, neun Todesfälle werden damit in Verbindung gebracht. Automatisch könnte ich diese neun Todesfälle über einen Zeitraum von mehreren Wochen gegen die Todesfälle durch Covid in Relation setzen.

Zugleich wäre das auch wohlfein. Die Häufung der Fälle fand bei Frauen unter 50 statt. Was, wenn sie bei Männern unter 50 stattgefunden hätte? Würde ich dann auch leichthin in Relation setzen, hätte ich nicht zumindest ein mulmiges Gefühl, wenn ich im Spätsommer einen Termin bekäme und erführe, dass mein Impfstoff Vaxzevria wäre? Und sollte bei einem Heilmittel nicht das einzig mulmige Gefühl sein, dass man es zu spät bekommt?

Viele Fragen sind offen, z.B. weshalb es in Großbritannien, wo wesentlich mehr Impfungen mit Vaxzevria stattfanden, es keine Häufung gibt, offenbar auch keine Todesfälle. Dazu die Irritation: Als AstraZeneca zugelassen wurde, wurde es nur für unter 65 zugelassen. Nun nur für über 60. Expert:innen, die sich vor zwei Wochen noch energisch dafür aussprachen, trotz einer Häufung weiter zu impfen, unterstützen nun die veränderten Maßgaben.

Es sind diese schon mehrmals geschehenen Widersprüche der Pandemie – der bekannteste die veränderte Bewertung der Schutzwirkung von Masken – die Zweifel säen an den Aussagen der Expert:innen, Zweifel an der Wissenschaft. Es ist nicht einfach, diese auszuhalten, sich das Gegensätzliche selbst zu erklären. Auch die nächsten Gespräche über Impfbedenken werden dadurch nicht leichter, das mulmige Gefühl wird nicht mehr verfliegen.

Ansonsten: Sachsen erklärt, nach Ostern unabhängig von den Inzidenzwerten die Schulen und Kindergärten zu öffnen. In Tübingen, wo seit einigen Tagen das Modellprojekt einer offenen Stadt stattfindet, vervierfacht sich die Inzidenz seit Mitte März, verdoppelt sich seit Donnerstag. Kanzler Kurz droht mit einer Bestellblockade von 100 Millionen Impfdosen für Europa, wenn Österreich nicht zusätzliche Menge Impfstoff bekommt – Kanzler Kurz hatte im vergangenen Jahr aus Kostengründen deutlich weniger Impfstoff geordert, als Österreich eigentlich zugestanden hätte. »Testen ist auch eine Bürgerpflicht«, sagt Ministerpräsidentin Dreyer. Mehrere Einzelhandelsketten planen den Aufbau von Schnelltest-Zentren. Thüringen ist das Bundesland, in dem die meisten der gelieferten Impfstoffdosen schon verabreicht wurden. Wegen der inhaltlichen Ähnlichkeit zur Coronapandemie hält der Kindersender Nickelodeon die Folge »Kwarantined Crab« der Serie SpongeBob zurück; darin findet ein Gesundheitsinspektor im Restaurant Krosse Krabbe einen Fall von Muschelgrippe und stellt deshalb alle Gäste unter Quarantäne. Verdopplung der deutschlandweiten Inzidenz innerhalb drei Wochen.

30. März | popkulturell geübt

Eigentlich hätte ich heute, da die Inzidenz in Weimar auf 99 gestiegen ist, in der Innenstadt sein sollen und Zeuge werden sollen der Modellstadt Weimar. Stattdessen bin ich vorerst im Park gelandet und habe diesen Text geschrieben:

Vor etwa einem Jahr fragte ich in einem Eintrag, ob ich diese Ausnahmesituation einer Pandemie popkulturell geübt nicht schon einmal geübt hätte; durch Filme, Bücher, Comics, Geschichten, die Extremszenarien beschreiben, all die erfolgreichen Apokalypsen und Katastrophen der letzten hundert Jahre. Ich fand diesen Gedanken reizvoll. Mittlerweile nehme ich an, dass diese Vorstellung weniger oder bestenfalls für mein Umfeld bedingt nur zutreffend ist.

Warum? Zum einen unterscheidet sich diese Apokalypse in ihrem Wesen von den Imaginierten; kein Big Bang am Anfang, kein Feuer aus dem Himmel, keine auseinanderbrechenden Erdschollen, statt FXs oder zumindest entsättigten Endzeitlandschaften eine unsichtbare Katastrophe, die für die meisten im Verborgenen abläuft (ein Grund dafür ist, weshalb die Zahlen immer wieder eskalieren). Vor allem geschieht die Handhabung der Katastrophe anderes, ist das, was die Pandemie zumindest hier ausmacht, wesentlich kleinteiliger, sind die offensichtlichen Probleme organisatorischer Natur. Anstatt abgeschotteten Distrikten werden Passierscheine verteilt und das Lesen eines Buches auf der Parkbank kostet 400€. Der Endgegner ist die Ministerpräsidentenkonferenz, auf der Candy Crush gespielt wird.

Und das, was die eigentliche Dynamik steuert, ist komplexer und bürokratischer – Exportverbote von Impfstoffen, Einbeziehung von Hausärzten ins Impfen, Arbeitergeberpräsidenten, die sich gegen eine Testpflicht aussprechen, Knappheit von Masken, Kinderfreibeträge, Finanzierung von Lüftungsanlagen in Schulen, Digitalisierung in Gesundheitsämtern, lauter Puzzlestücke, aus denen sich das Bild der Katastrophe zusammensetzt, die aber niemals ansprechend und spannend in einer Katastrophenerzählung auftauchen könnten.

Dazu verläuft die Katastrophe an den Orten sehr unterschiedlich. Es gibt nicht »die Welt«, die gleich unter einer Katastrophe leidet. Canberra stellt sich komplett anders dar als Lagos als Wuhan als Brasilia als Wuppertal.  Zugleich gibt es die Bilder, die sich in Fiktion und Wirklichkeit wiederfinden:  überfüllte Krankenhäuser, Kolonen von Militärfahrzeugen, futuristische Spezialisten in Schutzanzügen, die ganze Stadtteile desinfizieren, Sperrzonen, Abriegelungen, leere Orte, stillgelegte Städte.

Verbunden durch Figuren, die im Erzählten Blaupausen sind für diese Realität: Wissenschaftlerinnen, die nicht gehört werden, Wohlhabende, die sich Kraft ihres Geldes aus der Gefahr nehmen, Larry Vaughn, der Bürgermeister von Amity aus Jaws, der trotz Warnungen den Strand wieder öffnet, die das Chaos herbeisehnenden Verschwörungsmystiker, die Heldengeschichten; der hundertjährige Tom Moore aus England, der Arzt Li Wenlian aus Wuhan, der von dem Virus warnte und kurz darauf daran starb, die Krankenschwestern, Ärztinnen, die Unermüdlichen.

Bei allen Gemeinsamkeiten und Unterschieden wird diese echte Katastrophe in Geschichten enden, wird es Filme, Bücher, Comics geben, gibt es sie schon, wird selbst das Bürokratische und Kleinteilige Eingang finden in die Erzählung über das tatsächliche Extreme.

Ansonsten: Die stark steigende Zahl von Covid-19-Patienten bringt die Krankenhäuser in Paris an die Belastungsgrenze. Der Arbeitgeberpräsident spricht sich gegen verpflichtende Tests in Unternehmen aus. Der venezolanische Präsident bietet im Tausch gegen Coronaimpfstoffe Erdöl an. Die Expertinnen der WHO erklären, dass von der Fledermaus der Erreger »wahrscheinlich bis sehr wahrscheinlich« auf ein anderes Tier und von diesem auf den Menschen übergegangen sei. Von den weltweit verfügbaren Impfdosen haben sich zehn Länder 76 Prozent gesichert.

29. März | Modellstadt

Ab Montag ist Weimar Modellstadt. Alle Geschäfte geöffnet, betreten und eingekauft werden kann mit negativem Test, Maske und Luca. Drei Tage läuft das Shopping-Modell. Die Weimarer 7-Tage-Inzidenz liegt bei 85, damit unter den bundesweiten Zahlen (130) und weit entfernt von Hot Spots wie Saale-Orla-Kreis mit fast 500. In diesem Kontext erscheint die 85 wie eine helle Zahl. Setzt man der 85 die ehemalige 50 entgegen, oder die einstige 35, oder die frühe 10, welcher Kompromiss zwischen Virus und ??? ist die 85 dann?

Auch Tübingen, wo die Inzidenz, diese magische Zahl bei 35 liegt, ist Modellstadt. Mit Test gibt es eine Tageskarte und damit steht die gesamte geöffnete Innenstadt zur freien Verfügung. Das ist die eine Geschichte. Die andere Geschichte ist der Landkreis mit Inzidenz 100. Sind die Tageskarten, die testlos weitergegeben werden. Ist die Studie, nach der bei einem Modellprojekt für eine Großveranstaltung alle Beteiligten negative Tests vorwiesen und später waren 25% der Anwesenden doch infiziert.

Ich höre zu, wie zwei sicher nette Menschen in einem Tübinger Straßencafé bei Latte Macchiato sitzen und von ihrem Shoppingnachmittag berichten und ich gönne ihnen jede Sekunde Modellstadtglück und den Geschäften jeden Cent und denke zugleich: Ist das das Signal, dass ich an diesem Wochenende empfangen möchte? Testen und Bummeln? Sollte das Symbol dieser Tage nicht ein komplett anderes sein?

Aber – geht es wirklich darum? Geht es wirklich um die Geschäfte, um Latte Macchiato? Lenken all diese Überlegungen nicht ab? Niemand will einen Lockdown. Der Lockdownfanatiker existiert nicht. Wenn wer wählen könnte zwischen offen und geschlossen, wer würde geschlossen wählen? Wenn wer wählen könnte zwischen offen und Durchseuchung sowie eine Zeit lang geschlossen und einigermaßen kontrollierbar, wer würde dann offen wählen? Die Mehrheit jedenfalls nicht.

Niemand will sechs Monate den Einzelhandel und die Eiscafés schließen, niemand will sechs Monate die Freunde nicht umarmen. Jede Sympathie dem Eisverkäufer und den Freunden. Doch dieses Andauern, dieses Niemals-konsequent-Sein, dieses Immer-nur-einen-Teil, führt dazu, dass Ministerpräsidenten sagen, sie öffnen, weil Öffnungen »den Menschen« Hoffnung geben, die gleichen Ministerpräsidenten, die dadurch der Hoffnung das Wasser abgraben. Nicht der Lockdown ist das Problem, sondern der ewige Lockdown. Öffnung löst dieses Problem nicht.

Später sitzt die Bundeskanzlerin in einem strategischen Vier-Augen-Gespräch und sagt: »Es wird dazu kommen, dass wir das Richtige tun« und das ist ein Zwischen-den-Zeilen-Satz, der politische Ansage ist an die Öffnenden, der den Zusehenden Mut machen soll und zugleich in seiner zeitverschobenen Ohnmacht in diese hilflosen Tage passt, in dieses bange Warten darauf, wann der Moment kommt, in dem »das Richtige« nicht nur erkannt, sondern auch getan ist.

Ansonsten: Mexiko korrigiert die Zahl seiner Todesopfer um 60% nach oben. Intensivmediziner fordern einen harten Lockdown. Berlin beschließt, dass Büros nur noch zu 50% belegt sein dürfen, woran der Industrieverband Kritik übt. 3640 Coronatote in Brasilien. Der präsidentenahe Bürgermeister im brasilanischen Porto Alegre ordnet an, Geschäfte, Bars und Restaurants zu öffnen. Intensivmediziner berichten. Intensivmediziner warnen.

28. März | kein ansonsten

Jeden Tag gibt es Ansonsten, die mich erschüttern. Dieses besonders:

Ansonsten: Im hessischen Korbach greifen zwei Männer eine Frau an, reißen ihr mit den Worten »Nix Corona« den Mund-Nase-Schutz vom Gesicht und treten ihren Kinderwagen um. Das darin liegende sechsmonatige Baby wird dabei so schwer verletzt, dass es mit dem Hubschrauber in eine Spezialklinik geflogen werden muss.

27. März | Maßnahmen generieren

Die Bundesregierung beschließt: Impfzentren so schnell wie möglich schließen. Die Bundesregierung beschließt: Flughäfen bei einem R-Wert unter 1 nur für Geimpfte öffnen lassen. Die Bundesregierung beschließt: Querdenker-Demos abweichend von den letzten Beschlüssen testen lassen. Die Bundesregierung beschließt: Kinos so schnell wie möglich sprengen lassen. Die Bundesregierung beschließt: Rückreisende mit einem Augenzwinkern durchimpfen. Die Bundesregierung beschließt: Kosmetiksalons von 8 bis 12 Uhr ins Lipsync-Battle schicken. Die Bundesregierung beschließt: Kaufhäuser bei Inzidenz >50 vom Markt regeln lassen. Die Bundesregierung beschließt: Gottesdienste wenn Toxic von Britney Spears auswendig gesungen werden kann öffnen. Die Bundesregierung beschließt: Arbeitgeberverband in den Sommerferien öffnen. Die Bundesregierung beschließt: Fitnesstudios wenn die Sonne im Zenit steht eine Packung Merci spendieren.

Aus: Corona-Maßnahmen-Generator

26. März | ratlos

Momentan gibt es keine Beobachtungen aus dem alltäglichen Leben, nichts Privates, keine Anekdoten. Die Aufmerksamkeit fließt in die politische Entwicklung, ein fassungsloses Beiwohnen und Bewerten dessen, was gerade besprochen, beschlossen und vor allem nicht beschlossen wird.

Ich halte einen echten Lockdown für notwendig, aber glaube nicht, dass er das Virus aus der Welt bringt, dass die Situation danach eine ist wie in Neuseeland oder Australien. Was ist die Funktion eines Lockdowns? Kontakte zu unterbinden. Jeder Ort, an dem Menschen aufeinandertreffen, schafft die Möglichkeit einer Übertragung. Je weniger solche Möglichkeiten bestehen, desto weniger Übertragungsmöglichkeiten. Eine einfache Logik. Um die Zahlen deutlich und schnell zu senken, so, dass sie beherrschbar sind, müssen so viele Kontakte wie möglich unterbunden werden. Wenn Gaststätten und Museen schließen, hilft das. Wenn 87% der restlichen Arbeitswelt weiterlaufen, dann gibt es weiterhin 87% Möglichkeiten.

Die Aufgabe eines Lockdowns besteht nicht darin, ein halbes Jahr zu dauern, Insolvenzen zu produzieren, Kinder dauerhaft von Freunden zu trennen. Es folgt einer Logik, für einen begrenzten Zeitraum konsequent zu sein, auch bei Orten, die »eigentlich« sicher sind. Auch in einem Museum kann sich angesteckt werden. Es deshalb für eine bestimmte Zeit zu schließen, ist sinnvoll. Ist das eigentlich sichere Museum aber ein halbes Jahr geschlossen und laufen dafür die Schulen ohne Testung und rollen die Bänder weiter, verliert sich der Sinn. Der Widerspruch, der sich daraus ergibt, wird unerträglich. Er führt zu Wut.

Am Montag gab es den (handwerklich schlecht gemachten) Versuch, einen solchen unsinnigen Widerspruch zu durchbrechen, einen Versuch, über einen (sehr) begrenzten Zeitraum möglichst viele Kontakte zu unterbinden. Der Versuch ist gescheitert, es gibt verschiedene Gründe dafür. Ein Grund ist die Uneinigkeit darüber, was dieser Tag in Bezug auf Lohnkostenfortzahlungen und eventuelle Feiertagsaufschläge bedeuten könnte. Als jemand, der in einem Bereich der Wirtschaft verortet ist, in dem seit einem Jahr, seit über 365 Tagen kein normales Arbeiten mehr möglich ist, musste ich kurz lachen, als ich das Wort Feiertagsaufschlag las, es war kein schönes Geräusch.

Mehrere Wirtschaftsverbände begrüßten die Absage der Osterruhe. Das hat u.a. auch juristische Gründe, das meine ich u.a. mit »handwerklich schlecht gemacht«. Ich bin ein bisschen ratlos, wirklich ratlos, weil ich nicht glaube, dass es ohne Lockdown, der viele Kontakte unterbindet, möglich sein wird, die Dynamik der Zahlen bis zur Vollimpfung zu brechen. Und ich sehe, dass es nicht möglich ist, einen Tag, auch noch ein Tag vor mehreren Feiertagen, die auch noch unterbrochen sein sollten von einem offenen Tag, eine solche notwendige Maßnahme durchzusetzen. Die Bänder können keinen Tag stillstehen. Es ist nicht vorgesehen, selbst wenn es bedeutet, dass andere dafür anderthalb Jahre stehenbleiben.

Ich sehe die Länder, die ihre Zahlen senken mit dieser Maßnahme (Portugal, auch Großbritannien gehört(e) dazu), sehe Belgien, das vier Wochen lang in Osterruhe geht und sehe das Land, mein Land, meine Stadt, mein Umfeld, diese Zahlen, sehe die Graphen der Wissenschaftlerinnen, einen prognostizierten Inzidenzwert von 1200 im Mai sehe ich, sehe einen Kanzlerkandidaten, der irgendwie genervt ist, dass die Frühlingssonne B117 nicht vertreibt, einen anderen Kandidaten, der Gott bittet, weiter auf das Land achtzugeben, höre, dass das Saarland nach Ostern öffnen will, lese, dass die Zahl der unverimpften Dosen wöchentlich weitersteigt und momentan bei 3,5 Millionen liegt und ich bin ratlos, wirklich ratlos, ratloser als letztes Mal, als ich schrieb, dass ich ratlos bin, wie diese dritte Welle zu schaffen sein wird.

Ansonsten: Wegen der Grenznähe zu Frankreich und der dortigen größeren Verbreitung der südafrikanischen Variante bekommt das Saarland mehr Dosen Biontech zugeteilt. In einem Modellprojekt will das Saarland nach Ostern die Geschäfte, Kinos und Gaststätten wieder öffnen. AstraZeneca korrigiert die Angaben zu Wirksamkeit leicht nach unten. 5 Millionen und damit die Hälfte aller Israelis sind zwei Mal geimpft. 62 Millionen EU-Bürgerinnen sind mindestens einmal geimpft. 300000 Coronatote in Brasilien.

Bei jeweils Inzidenzwerten von über 100: Notbremse in Bremen, keine in Berlin. Die Regierung zieht die Bitte an Kirchen, während Ostern auf Präsenzgottesdienste zu verzichten, zurück. Der Prozess wegen Coronaansteckungen in Ischgl wird wegen aktueller hoher Infektionszahlen auf unbestimmte Zeit verschoben. In Indien breitet sich eine Mutante aus, die ansteckender und resistent gegen Impfstoffe sein soll. Um ein gleiches Tempo aller kreisfreien Städte und Landkreise bei den Impfungen zu gewährleisten, muss Wuppertal solange mit den Impfungen aussetzen, bis die anderen aufgeholt haben.

25. März | die Mütenden

Gegen Mittag entschuldigt sich die Kanzlerin für den Ruhetaglockdown und nimmt ihn zurück. Armin Laschet erklärt: »Wir alle hatten die Hoffnung … dass im Frühling die Zahlen weniger werden … wir erleben im Moment das Gegenteil. Das ist nervig.« Volker Bouffier sagt: »Wer behauptet, das hätte man alles schon vor 8 Wochen wissen müssen – mit sowas will ich mich gar nicht auseinandersetzen.« Reiner Haseloff sagt: »Ä«. Bodo Ramelow sagt: »ÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄ«. Die Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie begrüßt den Stopp der Osterruhe und sagt: »Einen Fehler einzuräumen, zeugt von Größe.«

Seit einigen Tagen ist der Begriff »mütend« in der Welt. Müde von der Belastung durch die Pandemie, müde wegen des halbjährigen Halblockdowns. Wütend auf die Art und Weise, wie Coronapolitik gemacht wird.

Die Mütenden sind nicht die Coronaleugnerinnen, nicht die Querdenker, nicht die Merkel-muss-weg-Rufenden, nicht die Pegidaisten, die Gaulands, die behaupten, das Impfen würde wegen des Holocausts so langsam vorwärtsgehen, nicht die Nenas, die Kassel Beifall klatschen.

Es sind die, die sich seit einem Jahr in Umfragen für wirksamere Maßnahmen aussprechen, jene, die lange Zeit angaben, mit den Maßnahmen einverstanden zu sein. Es sind die, die Masken im Supermarkt tragen, ihre Familien über Weihnachten nicht treffen, die Sonntagabend Arbeitsblätter für das Homeschooling ausdrucken, die den Update-Podcast hören oder Markus Lanz schauen oder in der Tageszeitung die Kurvengrafik studieren, die, die Impftermine für ihre Großeltern oder Eltern über die Hotline vereinbaren, die sich nicht mit Freunden treffen, seit einem Jahr.

Die Mütenden sind erschöpft und ausgelaugt von diesem Coronajahr, das sie mitgetragen und verstanden haben und sind mittlerweile so unzufrieden, dass diese Unzufriedenheit das Mittragen und Verstehen grundsätzlich in Frage stellt. Sie würden weiter mittragen und verstehen, wenn sie glauben könnten, die Entbehrungen wären gerecht verteilt, ihre Opfer würden gesehen von der Politik, die Politik hätte den Willen und die Fähigkeit, diese Opfer zu minimieren.

Die Mütenden sehen, dass jene, denen sie – bei aller Kritik – immer Kompetenz zusprachen, nicht über diese Kompetenz verfügen. Die politischen Entscheider – nicht alle, aber in der Summe – verfügen nicht über die Fähigkeit, die Pandemie, das Virus, die Krankheit zu verstehen. Sie verstehen die Wissenschaft nicht. Es ist kein Nichtwollen. Es ist ihnen nicht möglich, den wissenschaftlichen Blick in ihr politisches Handeln einzubeziehen, so einzubeziehen, dass sie entsprechend handeln könnten. Die Entscheider fahren auf Sicht, ihr Horizont ist die Schiebetür des Konferenzraums.

Die Mütenden haben ein Jahr lang auf dieses Handeln vertraut, es verteidigt. Eine Pandemie ist eine Ausnahmesituation, für alle ein Paradigmenwechsel. Die Anforderungen an jene, die entscheiden müssen, die Unvereinbares vereinen, die Entscheidungen auf Grundlagen wenigen Wissens treffen, die sofort reagieren und zugleich die Zukunft im Blick behalten mussten, ist gewaltig. Ein Jahr lang Verteidigung. Aber was nach einem Jahr? Was mit den Lehren aus diesem Jahr, dem deshalb verändertem Vorgehen? Wenn nicht einmal einen Tag lang ein umfassender Lockdown möglich ist, während sich die Zahlen auf einem exponentiellen Kurs befinden, was dann?

Die Mütenden sind müde. Sie haben nicht die Kraft, ihre Wut zu artikulieren. Jemand schreibt: »3 Monate Homeschooling + Arbeit dürften zumindest bei vielen wütenden Eltern dazu führen, dass es kaum noch Ressourcen gibt, die nicht direkt in die Alltagsbewältigung wandern.« Aber so wird es nicht bleiben. Die Wahlumfragen, die Wahlen später sind eine Sache. Das andere, das größere ist der veränderte Blick auf das demokratische System, auf das Dysfunktionale darin, das Mäandern, das Vertrauen. Wie werden die Mütenden reagieren? Nach der Pandemie vergessen, sich in Fatalismus flüchten, zu Querdenkern werden, werden sie aktiv, wie?

Ansonsten: Belgien beschließt eine vierwöchige Osterpause. In Italien werden 29 Millionen Dosen AstraZeneca in einem Lager gefunden, was zu Verwunderung führt, weil die Firma Lieferzusagen an die EU mehrfach gekürzt hatte. Auf dem Flughafen von Mallorca wird ein Coronatestzentrum eröffnet. Aus Ärger über die Coronaregeln wirft ein Mann einen Molotowcocktail ins Delmenhorster Rathaus.

24. März | Superminiosternlockdown

Der gestrige Eintrag war auch einer Hilflosigkeit geschuldet, eine Ohnmacht nach den Vorabverlautbarungen, dass die nächtliche Ausgangssperre die entscheidende Maßnahme gegen die aktuellen und zukünftigen Zahlen sein soll. Nach dem Schreiben die Meldung, dass die Zusammenkunft der Ministerpräsidentinnen unterbrochen ist, es großen Dissens gibt. Schließlich ein Durchsickern eines wirklichen harten Lockdowns, mehrere Tage alles geschlossen, inklusive Lebensmittelläden.

Mein erster Impuls: Ich bin elektrisiert. Sollten tatsächlich andere Wege probiert werden, gibt es tatsächlich die politische Erkenntnis der medizinischen Notwendigkeit? Ein kleiner Schub setzt ein, so etwas wie Energie, ein Anpacken. Könnte das ein Wendepunkt sein; nicht nur für diese eine Maßnahme, sondern für das absolut festgefahrene, überholte, nicht mehr funktionsfähige, mittlerweile gefährliche Ritual der Zusammenkunft der Ministerpräsidenten? Wird von nun an die Pandemie gehandhabt und nicht länger mehr ausgesessen und abgewälzt?

Nach dem Impuls ein praktischer Gedanke: Wird das Schließen zu einem erhöhten Einkaufsverhalten vor dem 1. April führen? Was macht das mit denen, die auf das überwiesene Geld am 1. April angewiesen sind? Gleich danach schaue ich auf den Kalender, stelle fest, dass es sich im Wesentlichen um einen Tag handelt, der als »Ruhetag« betrachtet werden soll, zuzüglich zum wegen Ostern sowieso Runtergefahrenen.

Der Wendepunkt schnurrt auf die kleinstmöglichste Anstrengung zusammen. Und schnurrt weiter, weil die anderen Leerstellen der deutschen Coronapolitik weiterhin unbesetzt bleiben; wenn die Schnelltests für Betriebe und Firmen nicht verpflichtend gelten, wenn jene aus der Pflicht entlassen werden, die seit einem Jahr stets in geringster Pflicht standen.

Ich sehe eine Grafik, die aufschlüsselt, welche Wirtschaftsbereiche direkt vom Lockdown betroffen sind: Es sind 13 Prozent. Im roten Bereich tummeln sich Gastronomie, Einzelhandel, Erziehung, Kultur, die bekannten eben. Die Verpflichtungen für den gewaltigen anderen Teil der Wirtschaft sind lasche Appelle, immer noch, werden es bis zur Herdenimmunität sein, undenkbar, dass dort etwas konkret angetastet werden könnte.

Das Scheitern und Versagen in dieser Nacht des 23. März ist gewaltig, der Tiefpunkt ein inhaltlicher, auch einer der Kommunikation; Feiertage als einen harten Lockdown anzupinseln, die Unklarheit darüber, was »Ruhetag« meint, der legere ÄÄÄ-Tweet des Thüringer Ministerpräsidenten, lauter Tiefschläge. Ein Text berichtet, dass Armin Laschet in der Zusammenkunft sagt, dass »wir jetzt nichts per Verordnung regeln, sondern noch abwarten«. Ich frage mich: Worauf? Worauf noch warten? Was braucht es noch? Das schreibe ich nach 13 Monaten Coronamonaten, worauf warten?

Ansonsten: Die dänischen Parteien einigen sich darauf, die Coronamaßnahmen zu beenden, sobald die Risikogruppen und Menschen über 50 geimpft sind. Zweifel an Daten einer neuen AstraZeneca-Studie über deren hohe Wirksamkeit. Als einziges der Unternehmen, die Coronaimpfstoffe herstellen, erklärt AstraZeneca, während der Pandemie auf Profite durch den Impfstoff zu verzichten und zudem die Lizenz freizugeben, damit mehr produziert werden kann. Die katholische Kirche erklärt, Ostern Präsenzgottesdienste abzuhalten. Die Intensivstationen in Wien sind überlastet. Modellierung Inzidenz-Peak 1200.

23. März | Letzte Sperre

Als es Nacht wurde, verließ ich das Haus. Ich war nicht alleine. Die gesamte Stadt war unterwegs, so, wie sie in jeder Nacht unterwegs war, um sich anzustecken. Uns war schwer ums Herz, da wir annahmen, es würde vorerst die letzte dieser wunderbaren Dunkelheiten sein.

In Berlin tagte die Zusammenkunft. Wir mussten annehmen, dass sie uns untersagen würde, zukünftig nachts das Haus zu verlassen. Wir würden diese Ausgangssperre begrüßen, denn nur mit diesem Verbot würden wir die Zahlen auf den notwendigen Wert von unter 200 oder 300 senken können.

Von den Fenstern der Großraumbüros winkten uns freudig Festangestellte zu. Ausgelassen ließen sie Schnelltests wie Kamelle auf uns niedergehen; sie würden diese Tests bis zum Ende der Pandemie nicht mehr benötigen. Wirtschaftsweise zeigten mit den Fingern auf uns Nachtwanderer und riefen: »Ihr seid schuld«.

An einer Ziegelsteinmauer, die mit einem Armin-Laschet-Stencil (»erstmal abwarten«) von Banksy besprayt war, lehnten zwei Wolfgang Kubickis; einmal einer von Oktober 2020, einmal einer vom März 2021. Beide hatten die obersten drei Knöpfe ihrer strahlendweißen Hemden geöffnet. Der Oktoberkubicki sagte in ein Mikrofon, das ihm Frank Plasberg demütig hinhielt, dass die Maßnahmen auf gar keinen Fall zu streng ausfallen dürften, der Märzkubicki gestand Anne Will, wie sehr ihn die Versäumnisse der letzten Monate aufregten.

Querdenkentouristinnen, die seit einem Jahr jede Woche von Demonstration zu Demonstration reisten und gar nicht mehr wussten, wo sie eigentlich herkamen, schlüpften in ihre Pippi-Langstrumpf-Kostüme, auf die sie gelbe Sterne genäht hatten und öffneten anschließend ihre Münder, um sich gegenseitig Aerosole in die unbefleckten Lungen zu pusten. Damit wollten sie ihre Immunabwehr stärken.

Sie gruppierten sich um ein goldenes Kalb, das aussah wie ein monumentales Grippevirus und begannen zur Musik des Grundgesetzes eine Polonaise zu tanzen. Eine Polizistin formte mit den Händen ein Herzchen, ein anderer hob den Daumen, während er den Kopf einer jungen Frau gegen den Sattel ihres Fahrrads schlug und einem Passanten eine Geldstrafe von 4000€ für das unerlaubte Lesen eines Buches aussprach.

Aus einer Villa taumelte ein zerzaust wirkender Gesundheitsminister. Er war unterwegs zu einer Zeitmaschine, die ihn in das Jahr 2025 bringen sollte oder in Neros brennendes Rom, Hauptsache weg. Aus einer Hausarztpraxis drang ein leises Schluchzen, aus einer Schule das summende Geräusch eines sich mit der Datenautobahn verbindenden 56k-Modems. In einem Fernsehstudio übte Dieter Nuhr eine Pointe, in welcher er Genderstern und Lockdownfanatiker zusammenführte, ein anderer Comedian feilte an einem Wortwitz, der aus »Mutante« etwas mit »Tante« machte.

Während Mitarbeiterinnen von TUI damit beschäftigt waren, 9 Milliarden Euro zu einem Haufen aufzuschichten, den sie verbrennen konnten, um mit der Asche Flüge für unter dreißig Euro nach Mallorca anbieten zu können, wartete eine dreiköpfige Familie aus Herne mit gepackten Koffern auf den Abflug in das 17. Bundesland, »Wir müssen mal raus« murmelten sie patzig und erschöpft.

Mein Nachbar wetzte die Messer, auf deren Griffe er »Karl Lauterbach« geritzt hatte. In seinem Keller lagen schon die erstochenen Graphen von Christian Drosten. »Niemand«, so sagte mein Nachbar, der mir lange als gutmütiger Mann erschienen war, »niemand sagt mir, wie meine Zukunft aussieht, schon gar nicht Kurven.«

Die Philosophin Thea Dorn stand neben einer Intensivstation, wo Krankenschwestern eine 35jährige auf den Bauch drehten und hielt einen süffigen Vortrag darüber, wie sehr Werte wie Liebe, Gutes tun, Schönheit und soziales Engagement gerade hinter einem Imperativ zurücktreten würden und las danach das erste Kapitel ihres Corona-Bestsellers Trost mit hochgezogenen Augenbrauen vor.

So lief ich in dieser letzten Nacht durch die Stadt und genoss noch einmal die Freiheit, weil ich wusste, dass sich am nächsten Tag nichts ändern würde.

Ansonsten: Neun Prozent der Deutschen sind mindestens einmal geimpft. Ein Gericht hebt Coronabeschränkungen im Einzelhandel für NRW auf, ein anderes Gericht setzt diese wenige Stunden später wieder in Kraft. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl von Haustieren in deutschen Haushalten um eine Million. Das geplante Exportverbot von Impfstoffen aus der EU nach Großbritannien drückt den Kurs des Pfunds. Weimar kauft die Luca-App. Der Shutdown wird bis Mitte April verlängert.

22. März | PIMS

Ich lese von PIMS, einer Entzündungserkrankung verschiedener Organe bei Kindern und Jugendlichen, eine überschießende Immunreaktion auf Covid. Ich lese, dass Kinder und Jugendliche gerade Treiber der Pandemie sind, dass, während bei den über 80jährigen die Zahlen zurückgehen, dort die Zahlen rot werden, welche Rolle B117 dabei spielt. Die Wahrscheinlichkeit auf PIMS bei Kindern ist gering, je höher die Zahlen, desto größer diese Wahrscheinlichkeit.

Die geimpfte Erzieherin, eine Gruppe mit 20, macht mindestens 40 Kontakte, eher deutlich mehr: Das Kind geschützter zu wissen, hieße es aus der Gruppe zu nehmen, solange, bis die mindestens 40 Kontakte geimpft sind. Das wären sechs Monate Schutz und Kontaktlosigkeit von jetzt an.

Und dann? Ist die Impfung, die Herdenimmunität der Schutz? Nicht alle der mindestens 40 Kontakte werden sich impfen lassen, das Virus wird sich verändern. Ein Impfstoff für Kinder ist erst in der Testphase, Ende des Jahres könnte er zugelassen sein. Was bis dahin? Das Risiko aushalten, so wie viele anderen Risiken auch? Mindern, wenn ja, wie? Den Schutz aufrechnen gegen all das andere? Wie kann eine solche Rechnung aussehen?

Ansonsten: Der Geschäftsführer der TUI erklärt, dass Reisende von Pauschalurlauben kein Risiko seien, weil sich die Gäste verantwortungsvoll im Urlaub verhalten. Auf Mallorca wird die Mutante P1 festgestellt. Wegen der hohen Infektionszahlen werden in Brasilien die Strände gesperrt. 79 Prozent der Brasilianer sagen, die Pandemie ist außer Kontrolle.

21. März | Impfstoffbeschaffung

Ich lese von Großbritannien und die USA, den beiden Ländern, die aufgrund der desolaten Führung ein Jahr lang lauter Worst-Cast-Scenarios produzierten und die seit Beginn der Impfungen den meisten meilenweit enteilt sind. Das Despotische, das Autoritäre, das Kalte schafft plötzlich das Gegenteil dessen, was ich darin sehe, das, was ich als erstrebenswert wahrnehme, schlittert dagegen ins Desaster. Eine unerwartete, unwirkliche, zutiefst beunruhigende Beobachtung, etwas, das ich nicht begreifen kann, das dem widerspricht, was ich verteidige.

Ich lese über das Impfvorgehen der beiden Länder. Im späten Frühjahr 2020 in den USA und UK schon die Gründung von Impfkommissionen, besetzt mit Leuten, die nicht allein aus dem Politischen kommen, ausgestattet mit viel Macht, die das KleinKlein so gering wie möglich halten sollen. Früh die Einbeziehung des Militärs für die Logistik.

Dagegen könnte ich die EU setzen, die Einigkeit mit 27 Ländern finden muss. In Deutschland etwas wie die »Taskforce Testlogistik«, die März 2021 einberufen wird, die Entscheidungsfindungsprozesse, wie Hausärzte in die Impfungen einbezogen werden, die auch im März 2021 allmählich erst in die Gänge kommen, lauter unbegreifliche, verantwortungslose Verschleppungen und Versäumnisse. Das sind die Geschichten, die erklären, weshalb in Amerika an einem Tag so viele Impfungen stattfinden wie in Deutschland in zwei Monaten, weshalb in Großbritannien die Hälfte der Erwachsenen mindestes einmal geimpft ist.

Das ist eine Geschichte, die offensichtliche, die ins Auge springt. Die andere Geschichte ist die von der Impfstoffbeschaffung. Davon, wie die amerikanische Regierung schon im März 2020 Biontech exklusiv für Amerika aufkaufen wollte. Die Geschichte, dass die Oxford-Entwickler mit einem amerikanischen Produzenten zusammengehen wollten, was die britische Regierung unterband und die Zusammenarbeit mit der britisch-schwedischen Firma AstraZeneca vorschrieb. Vor allem ist es die Geschichte, wie GB und USA die auf ihrem Territorium hergestellten Impfmittel zuallererst für die eigene Bevölkerung in Anspruch nimmt und Exporte unterbindet. Während die in Europa produzierten Dosen nicht für die EU exklusiv sind. Was dazu führt, dass Biontech, obwohl es auch in Amerika hergestellt wird, aus Europa nach Kanada exportiert wird, weil die USA erst liefern werden, wenn die Amerikaner geimpft werden.

Das ist stark vereinfacht, auch vereinfacht, wenn ich schreibe: Die USA und GB stellen das Eigene bedingungslos über alles andere, während die EU das nicht tut, nicht tun kann, lange getragen war vom Gedanken, dass in der Krise nicht jeder für sich steht. Die Geschichten erweitern den Blick auf das pauschale »Die haben komplett versagt«, rücken das Bild ein klein wenig gerader, nehmen ein klein wenig vom Widerspruch. Ein klein wenig. Gerade reicht das kein bisschen.

Ansonsten: Weil AstraZeneca nur einen begrenzten Schutz gegen die südafrikanische Mutante bietet, verkauft Südafrika eine Million Dosen AstraZeneca. Berichte über eine französische Mutante, die mit PCR-Tests nicht mehr erkannt werden kann. Wegen der hohen Inzidenz wird in Flensburg eine Bombenentschärfung abgesagt. Beim Spring-Break in Miami sitzt ein Mann mit Jokermaske auf einem Autodach, schwenkt die amerikanische Flagge und ruft »Corona is over«.

20. März | 99,9

Die 7-Tages-Inzidenz steht bei 99,9. Wenn der Wert, bei dem eine »Notbremse« gezogen werden müsste, 100 ist, steht die 99,9 dort seit Wochen und wird so stehenbleiben. Und wenn am Montag die nächste Entscheidungsrunde Entscheidungen treffen wird, welche Entscheidungen werden das sein? Schulschließungen? Frisörschließungen? Mehr Tests? Ein landesweit einheitliches Vorgehen? Hausarztimpfungen nach Ostern? Kontaktbeschränkung auf eine Person pro Haushalt? Die Grenzwerte verschieben (200)? Was gibt es noch, das bisher nicht versucht wurde? Was wäre durchsetzbar? Wäre ein nächster Lockdown ein nächster Lockdown oder wäre es weiterhin Lockdown 2? Wäre es überhaupt ein Lockdown? Was sagt man den Mallorca-Urlauberinnen? Was den 20000 in Kassel, die sich dicht an dicht »Frieden, Freiheit, keine Diktatur« skandieren? Was der Polizistin, die dazu mit ihren Händen ein Herzchen formt? Und wenn die plus 0,1 die Not sein wird, was wird die Bremse sein?

Ansonsten: Corona-Proteste in Amsterdam, Wien, Bukarest und Stockholm. Forscherinnen finden eine mögliche Erklärung für Thrombosen nach einer AstraZeneca-Impfung; ein Immunreaktion des Körpers, die sich gegen die eigenen Blutplättchen richten. In Frankreich sollen vorerst nur Ältere mit AstraZeneca geimpft werden. Jair Bolsonaro will von Bundesstaaten beschlossene Maßnahmen gegen Corona rückgängig machen. In Brasilien sterben 3000 Menschen am Tag an Covid19. Das Mar-a-Lago in Florida wird wegen eines Corona-Ausbruchs geschlossen. In Rostock, eine Stadt mit einer der geringsten Inzidenz, findet ein 3.Liga-Fußballspiel vor 700 Zuschauerinnen statt. Der Radiosender Jam FM verlost stündlich Corona-Schnelltests. Eine Million Coronatote in Europa.

18. März | Maskenraffkes

Maskenraffke, der die Unionspolitiker bezeichnet, die unrechtmäßig finanzielle Vorteile aus der Maskenbeschaffung gezogen haben, ist ein schwieriger, ein boulevardesker, ein framender Begriff. Raffke verniedlicht und verharmlost und lenkt damit ab, lenkt ab von Mechanismen, die solche Vorfälle ermöglichen und dulden, Raffke ein Comicbegriff wie Panzerknacker, ein letztlich niedliches Nagetier, das gar nicht anders kann als zu horten und zu raffen.

Im Dezember 2020 wurden FFP2-Masken an alle über 60jährigen und Risikogruppen verteilt. Den Apotheken wurden die Kosten für Masken vom Staat erstattet, 6€ gab es für jede Maske, der Einkaufpreis lag unter zwei Euro. Die Differenz, abzüglich weiterer Kosten, war die Gewinnmarge der Apotheken, von insgesamt 2 Milliarden Euro ist die Rede.

Ich schreibe das sachlich nieder, weil ich an keinem Stammtisch sitze. Zugleich wühlt mich diese Rechnung auf, mehr als vieles sonst. Alle weiteren Informationen – der Gesundheitsminister setzte den hohen Erstattungsbetrag gegen Widerstände von eigenen Fachleuten durch, dem Apothekerdachverband missfällt, wenn Apotheken ihre damaligen Gewinn spenden etc. – machen es nicht besser. Die Aktion als Beispiel für grobe Ungerechtigkeit, für Inkompetenz, für Vorsatz, fürs Raffen, in diesem Fall legal. Auch als Beispiel dafür, wie ich mich in diesen Einträgen von der Oberfläche verzaubern lasse und am 16.Dezember lieber von der Menschenschlange vor der Apotheke schreibe, als mir darüber Gedanken zu machen, was hinter dem Augenfälligen steckt.

Diese Häufung von Raffkevorfällen, ihr Bekanntwerden fällt in Tage, in denen so viel mehr so viel wichtiger ist, als sich vollkommen zu Recht über das systemische Raffen zu entrüsten, eine Zeit, in der es Verbündete bräuchte, um durch die nächsten Wochen und Monate zu kommen und keine Raffkes, solche, die sich in der Notlage bedienen. Und so fließt der Raffkes wegen viel zu viel Energie zu den Raffkes.

Ansonsten: Einige Bundesländer wollen der dritten Welle wegen nicht weiteröffnen, andere Länder bleiben bei den Öffnungen. Der höchste Anstieg von Neuinfektionen seit Anfang Januar wird gemeldet. Mittlerweile sind 13 Blutgerinnselvorfälle im Zusammenhang mit der AstraZeneca-Impfung gemeldet. Die WHO Europa spricht sich für eine Fortsetzung der Impfungen mit AstraZeneca aus. In Bergamo wird den 103000 italienischen Coronatoten gedacht, dafür soll ein Gedenkwald gepflanzt werden. In der Antarktis wird die erste Corona-Impfung verabreicht. Fast jedes fünfte deutsche Unternehmen sieht sich durch Corona in der Existenz bedroht. Coronanachverfolgung.

17. März | Angst VII

Ist »Angst« die passende Kategorie für diesen Eintrag? Ich hoffe es nicht. Wäre dann »Sorge« der treffendere Begriff? Ich sehe die Zahlen, sie entwickeln sich in etwa so wie prognostiziert, sie steigen, die Mutante verdoppelt sich alle zwei Wochen, in dieser Rechnung werden es zu Ostern Zahlen wie zu Weihnachten sein, diese Bemerkung geht durch die Nachrichten.

Was sagt die Mathematik zur Wahrscheinlichkeit, dass es so eintrifft, zu den Faktoren, die dafür, die dagegen arbeiten? Osterferien vs. Osterbesuche? Weitere Lockerungen vs. mehr Aufenthalte an frischer Luft? Geöffnete Außengastronomie vs. geschlossenes Großraumbüro über Ostern? Die höhere Ansteckrate von B117 vs. Impfungen? Was gibt Anlass zur Vermutung, die Zahlen würden auf einem Plateau bleiben, würden sinken?

Und wenn sie weiter steigen, was geschieht dann? Ein Lockdown nach Ostern? Wie sollte dieser aussehen? Kultur bleibt geschlossen, Gaststätten auch, Schulen dazu, was noch? Was noch wird mitgetragen? Genügen die gleichen Maßnahmen wie bei Lockdown 2 bei einem R-Wert von 1.3? Wie weit werden die Inzidenzwerte mit Hinweis auf die geimpften Risikogruppen und die Müdigkeit aller verschoben? Wird das Verschieben andauern, bis September ist? Wie wird dieser Sommer dann sein? Wer wird sich welchen Risiken aussetzen wollen und müssen?

Vielleicht ist das keine Angst, vielleicht denke ich, irgendwie wird »man« um das maximal Eskalierende herumkurven, wird sich die dritte Welle zwischen 1. und 2. einsortieren. Vielleicht denke ich das nicht, vielleicht denke ich, diese medizinischen Fragen sind diesmal gar nicht mal die entscheidenden, sondern die gesellschaftlichen und deshalb schreibe ich es nur nicht auf, weil aus der VII dann eine VIII werden würde.

Ich lese von der brasilianischen Mutante, die all das vereint, was »man« nicht von einem mutierten Virus möchte, lese, wie die menschenfeindliche Regierung in Brasilien P1 erst ermöglicht hat, lese von Kollapsen, den Dramen, den Todeszahlen, von Intensivstationbelegungen um 80%, von einer Ansteckungsrate jenseits von B117, von erneuten Infektionen, von E484K, von Impfresistenz und denke: Was, wenn das die vierte Welle wäre, die Angst davor einen Ozean entfernt, die Sorge schon hier, ich formuliere diese Sorge, damit ich sie einmal niedergeschrieben habe und danach ignorieren kann, ich unke, ich möchte diesen Eintrag nicht geschrieben haben.

Ansonsten: Mehrere Politikerinnen erklären, dass sie sich mit AstraZeneca würden impfen lassen. Der sächsische Ministerpräsident plädiert dafür, wieder stärker auf die Wissenschaft zu hören. 2800 Coronatote in Brasilien. Das Virus in Lagos.

16. März | AstraZeneca II

Kurz nach dem vorherigen Eintrag über AstraZeneca die Meldung, dass die Impfung mit AstraZeneca vorerst ausgesetzt wird. Der spontane Impuls Verständnis, weil so den Thrombosefällen nachgegangen werden kann, damit notwendiges Wissen in Erfahrung gebracht wird.

Eine Sekunde später schon setzt das Erinnern an den gestrigen Eintrag ein, fällt der Blick auf die Zahlen (7 Fälle), beginnt das Vergleichen. Vor allem das Erstaunen, wie unterschiedlich Risiken bewertet werden. Einmal sieben Fälle. Und einmal der Präsenzunterricht, die Großraumbüros, die Lockerungen, das »Bereinigen« und Verschieben der Inzidenzwerte, die 300 Extraflüge nach Mallorca, das Aussetzen von tausenden, vielleicht hunderttausenden Impfungen, all die Risiken, die damit in Kauf genommen werden, dagegen sieben Fälle.

Direkt nach der Bekanntgabe kocht die Wut, die Enttäuschung, die Häme über die Entscheidung. Verwiesen wird auf das erhöhte Thromboserisiko bei der Einnahme der Pille, das Thromboserisiko bei Flugreisen (z.B. über Ostern nach Mallorca), auf die Postcovidfälle bei Kindern und Jugendlichen bei gleichzeitiger Öffnung der Schulen wird verwiesen, eben die so unterschiedliche Risikobewertung, kritisiert, dass die Politik die falschen Prioritäten setzt beim Impfstoffrisiko im Vergleich bei Lockerungen knietief in roter Inzidenz. Das Fazit: Die Politik hat erneut Mal versagt.

Kurz darauf weitere Informationen. Bei den festgestellten Fällen handelt es sich um eine sehr seltene Form der Thrombose, die Zahl, so gering sie auch ist, ist auffällig, nicht nur in Deutschland, auch in anderen Ländern. Die Empfehlung zum Impfstoffstopp kommt von einer Behörde, die allein auf den Wirkstoff schaut und nicht das Ganze im Blick hat. Die Behörde, die abwägt zwischen Impfschaden und Pandemiebekämpfung, empfiehlt ein Weiterimpfen bei gleichzeitiger Prüfung.

So oder so wird die Sache weniger klar, weniger eindeutig. Die gestrigen Verweise auf die Statistik müssen mit der neuen Information in einem anderen Licht erscheinen. Die Politik muss eine Entscheidung treffen, abwägen, sichern, vorsorgen. Politik muss informieren. Wäre nicht die Information, dass eine Krankheit selten auftritt, sondern dass eine sehr seltene Krankheit statistisch auffällig auftritt, von Anfang verbreitet wurden, wie wäre der Blick gewesen? Hätte es nicht auch Verständnis gegeben, bei aller Kritik, allen anderen Meinungen? Und wäre es nicht möglich gewesen, mit diesem Wissen jede, die von da an AstraZeneca erhalten soll, selbst entscheiden zu lassen?

Es wird geschätzt, dass sich die Impfungen durch den Stopp um einen Monat verlängern könnten. Und sicher ist, dass es nun, durch das Aussetzen, durch die unzureichende Kommunikation, durch das Schwirren des Buzzwortes Impfschaden sich die einfache Verbindung AstraZeneca=Thrombose festsetzen wird, Zweiklassen-Impfstoffe, ein weiteres Buzzwort. Oder, wie die Frau, die gestern im Park telefoniert und lautstark von ihrer Mutter erzählte, die geimpft werden soll, mit »Pfizer, der guten Impfe«.

Ansonsten: Weitere Länder setzen die Impfungen AstraZeneca vorerst aus, Tschechien impft bei einem Inzidenzwert von über 700 weiter mit AstraZeneca. Nach AstraZeneca soll auch der Impfstoff von Johnson & Johnson in Dessau abgefüllt werden. 60 Verfahren wegen des Verdachts der Terrorismusfinanzierung durch Coronahilfen. In Tel Aviv schließt die letzte Coronastation.

15. März | AstraZeneca

Ich werde hellhörig. Blutgerinnsel nach der Impfung mit AstraZeneca, Todesfälle nach der Impfung mit AstraZeneca, viele Länder setzen die Impfung mit AstraZeneca aus. Es ist, was Impfgegnerinnen beschwören, ist, was ich in manchen Gesprächen hörte; die Bedenken, das Lieber-abwarten-wollen scheinen gerechtfertigt.

Gleich darauf werde ich beruhigt. In Deutschland bei 1,2 Millionen Impfungen elf Meldungen über unterschiedliche thromboembolische Ereignisse. In Großbritannien 10 Millionen Dosen AstraZeneca verimpft, bei den auffälligen Ereignissen, die geprüft sind, lässt sich keine Verbindung zum Impfstoff ziehen. Mehr noch: Die Blutgerinnsel, die Todesfälle müssen geschehen. Statistisch gesehen müssen von den über 300 Millionen Menschen, die weltweit geimpft wurden, innerhalb der nächsten Stunden und Tage einige erkranken und sterben, es wäre auffällig, wenn es nicht so geschähe. Auch bei anderen Impfstoffen geschieht das, Blutgerinnsel nach Biontech, der Tod nach Moderna.

Dennoch erfahre ich von AstraZeneca. AstraZeneca, das Chaos-Unternehmen, das nicht ausreichend Studien präsentieren kann, das mit dem geringsten Wirkungsgrad, das erst mit Verspätung für Ältere zugelassen wird, AstraZeneca, das nicht wie versprochen produzieren und liefern kann, AstraZeneca, der preiswerteste Impfstoff, der billigste? Ich werde hellhörig bei den genannten Beispielen; die Jungen aus Norwegen, die 35jährige aus der Schweiz, der Soldat auf Sizilien, die Lehrkraft aus Piemont, die Lungenembolie, die Gerinnungsstörung.

Die Einzelfälle erregen meine Aufmerksamkeit. Daran leite ich meine Gedanken. Leite ich meine Gedanken an den Einzelfällen der Covid19-Erkrankten, die Einzelfälle der Coronatoten, wie setze ich sie ins Verhältnis, was mache ich mit der Information, dass die Wahrscheinlichkeit von Blutgerinnseln mit Covid19 in die Höhe schießt?

Was, wenn ich im August einen Termin erhalte und AstraZeneca in der Spritze schwappt, welche logischen Überlegungen der Wahrscheinlichkeitsrechnung werde ich dann vor Augen haben, welche Informationen werden mich beruhigen, an welche Einzelschicksale werde ich denken.

Ansonsten: AstraZeneca erklärt, dass nach Analyse der Sicherheitsdaten keine Hinweise für ein erhöhtes Blutgerinnsel-Risiko gefunden wurden. AstraZeneca erklärt, dass es anstatt 300 Millionen Impfdosen nur 100 Millionen Impfdosen bis Jahresmitte wird liefern können. Nach der unrechtmäßigen vorzeitigen Impfung sollen dem Oberbürgermeister von Halle die Dienstgeschäfte untersagt werden. Wegen der großen Nachfrage legt Eurowings 300 Extraflüge zu Ostern nach Mallorca auf. Die Generaldirektorin der WTO fordert die Lizenzfreigabe der Impfstoffe, damit diese auch für ärmere Länder produziert werden können und kritisiert, dass reichere Länder der Covax-Initiative knappe Impfstoffe, die für arme Länder gedacht sind, wegkaufen. In London bringt ein Vaxi Taxi Bedürftige zu ihrer Impfung bzw. wird direkt im Taxi geimpft. 25000 Strafverfahren mit Pandemie-Bezug. Das wegen Corona begründete Fehlen von Zuschauerinnen verleiht den Schiedsrichtern in Fußballspielen größere Autorität. Ischgl-Fieber Husti Husti Husti Husti! Heh!.

13. März | Modellende

Das »Weimarer Modell« ist erst einmal Geschichte. Etwa ein Tag hielt sich die Idee, Lockerungen von der Belegung der Intensivbetten abhängig zu machen. Die Gründe sind juristischer, politischer, organisatorischer Natur, ist die Furcht, dass bei ab Montag geöffneten Geschäften das inzidenzrote Umland zum Einkauf nach Weimar fährt und B117 mitbringt, sind die Intensivbetten, die nur von einem Krankenhaus gezählt werden sollten, obwohl die Weimarer Covidkranken auch in anderen Hospitälern liegen, ist die Logik, dass die Intensivbetten lang nach den Ansteckungen belegt werden, dass jede Maßnahme so um Wochen zu spät geschehen würde. Letztlich bin ich froh, in keiner Modellstadt zu leben.

Währenddessen tanzen Demonstrantinnen am Marienplatz Polonaise, muss in Dresden ein Impfzentrum mit Wasserwerfern vor Demonstrantinnen geschützt werden, steigen die Zahlen wie prognostiziert, steigen die Zahlen besonders bei Kindern und Jugendlichen, erwirken in Berlin Eltern per Klage Präsenzunterricht für ihre Kinder, verkündet AstraZeneca, dass es in den nächsten Monaten hundert Millionen Impfdosen weniger als geplant liefern wird und der Landrat von Elbe-Elster sagt angesichts steigender Zahlen: »Wir wären eigentlich gefordert zu handeln, haben uns aktuell aber anders entschieden.«

Ansonsten: In NRW soll die Notbremse bei einem Inzidenzwert von über 100 nicht automatisch erfolgen. In Thüringen wird wegen der AstraZeneca-Lieferproblemen die Impfterminvergabe gestoppt. Auf dem Lebensmittelmarkt Central de Abasto in Mexiko-Stadt suchen Lucha-Libre-Wrestler nach Maskenverweigerern und setzen ihnen Masken auf.

12. März | Impfen und Husten

Heute die erste Zugfahrt seit einem halben Jahr, das schlechte Gewissen löst gratis eine Karte am Automaten. Nach Neudietendorf greift eine Frau zum Telefon und informiert in zehn verschiedenen Telefonaten Freunde darüber, dass sie nächste Woche geimpft wird, Donnerstag 15.30 Uhr. Beim ersten Telefonat freut sich der Wagon, spätestens ab dem fünften schlägt die Begeisterung um in Gereiztheit, was auch daran liegt, dass sie, wenn sie nicht informiert, hustet. Ab Hopfgarten hustet sie bis Weimar durch. Jeder im Abteil prüft an den Rändern der FFP2, ob die Maske tatsächlich eng anliegt. Nach dem Aussteigen kneift mich das schlechte Gewissen in die Seite und sagt: »Na, hat sich doch gelohnt«.

Ansonsten: Das »Weimarer Modell« wird wegen inhaltlicher Bedenken verschoben. Um Berichten über das Auftreten von Blutgerinnseln nach der Impfung nachzugehen, setzen mehrere Länder mit der Verteilung von AstraZeneca aus. In den USA werden bis Mai für alel Erwachsenen die Impfstoffe freigegeben. Wegen geringem Absatz schlägt der italienische Winzerverband eine Notdestillation von übrig gebliebenem Wein vor; Desinfektionsgele sollen daraus gemacht werden.

11. März | Weimarer Modell

Viel passiert. Der Impfstart für Hausärzte wird auf Mitte April festgelegt. Es gibt Kritik; warum warten, selbst wenn noch nicht ausreichend Impfstoffe für alle Praxen vorhanden ist? Die Sorge, dass »schwarze Schafe« gegen die Impfreihenfolgen verstoßen, sich selbst und Familie impfen, zuerst Privatpatientinnen. Jemand argumentiert, dass, um Betrug weitestgehend auszuschließen, eine Struktur der Kontrolle geschaffen werden müsste, die das Impfen deutlich verlangsame. Man müsse diese schwarzen Schafe hinnehmen, damit so schnell wie möglich so viel wie möglich geimpft werden kann.

In den USA wird in Apotheken in Supermärkten, in Drive-Ins, in Stadien geimpft, viele Orte, an denen ein Impfen möglich ist, sehr viele Impfstoffe sind vorhanden. Doch erfordert die Anmeldung zum Impfen auch einen Zeitaufwand, ist es so, dass sich Menschen in prekären Lagen auch seltener impfen lassen, weil ihnen die Zeit fehlt, sich aufwendig in Hotlines einzuwählen oder durch Seiten zu klicken. Die Frage wieder nach Gerechtigkeit oder Schnelligkeit, weshalb kein und.

Dazu passen auch die Meldungen der Städte, Landkreise und Länder in Deutschland, welche die Inzidenzwerte, ab denen geschlossen werden muss, nach oben schieben bzw. die Infektionszahlen »bereinigen« und nach unten rechnen – pro Haushalt wird nur ein Infizierter für die Statistik gezählt, lokal begrenzte Ausbrüche werden aus den Zahlen herausgerechnet etc.

Vielleicht waren die Maßnahmenbeschlüsse der letzten Woche nie als Lockerung gedacht: Weil klar war, dass die Zahlen nach oben gehen, werden die Bedingungen für Lockerungen sowieso vorerst nicht eintreffen können.

Doch dann, wenn Zahlen »bereinigt« werden, bedeutet dies, dass im Grunde genommen die Maßnahme der Kontaktvermeidung als Werkzeug gegen das Virus aufgegeben wird, dass als deutsche Pandemiestrategien noch Schnelltests und Impfungen vorgesehen sind. Wenn es so wäre und das Impfen ein dreifach abgesichertes und mit fünf Stempeln beglaubigtes und damit verlangsamtes Impfen ist, kann diese Strategie nicht aufgehen.

In Weimar wird das »Weimarer Modell« eingeführt: Die Eindämmungsmaßnahmen orientieren sich künftig an der Belegung der Intensivstation des örtlichen Krankenhauses. Solange nicht 20 Patientinnen gemeldet sind, wird laut des großen Maßnahmenplans geöffnet, ab Montag Geschäfte, die Woche später die Museen. Aktuell sind 5 Intensivbetten belegt, die Inzidenz liegt – anders als in den meisten Teilen von Thüringen – deutlich unter 100. Weimar wird Coronamodellstadt.

Ansonsten: Der Gesundheitsminister nennt die Zahl von zehn Millionen Impfungen ab April unrealistisch. Mehrere große Musikfestivals werden wegen des Virus für 2021 abgesagt. In den sächsischen Grenzregionen wird wegen der hohen Zahlen und der Nähe zu Tschechien die Impfreihenfolge aufgehoben. Laut einer Studie ist B117 tödlicher als die bisherige Variante. In Westminster Abbey sollen 2000 Person in der Woche geimpft werden. 30000 Neuinfektionen in Frankreich, mehr als 2000 Coronatote in Brasilien. Kambodscha meldet den ersten Coronatoten. LEGO steigert den Umsatz 2020 um 13%. Patentfreier Impfstoff aus Finnland.

10. März | Luca

Luca ist ein gutes Beispiel. Die App – welche die Kontaktlisten in der Gastronomie digital mit sogenannten Check-Ins ersetzen kann – füllt eine wichtige Leerstelle, um das Leben in der Pandemie zu vereinfachen. Seit Wochen wird die App, verbunden mit Auftritten von Smudo, euphorisiert. Wo der Staat versagt, springen Private ein.

Hinter der App stehen Investoren. Die finanziellen Verbindungen sind nicht klar zurückzuverfolgen. Der Code der App ist nicht offengelegt, die Art, wie Daten erfasst, verarbeitet und gespeichert werden, wird zumindest kritisch gesehen.

Die Coronawarn-App ist das Gegenteil. Der Quellcode ist für jeden einsehbar, der Datenschutz verbindlich und offen geregelt. Diese App, mit einem zweistelligen Millionenbetrag entwickelt und auf fast 26 Millionen Smartphones installiert, erfüllt hohe Standards und gilt als Flop, weil sie kompliziert ist, nicht so funktioniert, wie sie sollte und zudem keine praktische Funktion wie die Luca-App hat. Das liegt auch daran, dass es von staatlicher Seite wenig Bemühen gab, eine solche Funktion einzubauen.

So gibt es auf der einen Seite eine sichere, unvollständige, mit Absicht beschränkte und damit zu Teilen wirkungslose App und auf der anderen Seite eine Anwendung, die auch intransparent ist, aber ihre Funktion erfüllt, Beispiele jeweils für beide Seiten.

Ansonsten: Wegen mehrerer Betrugsfälle werden Coronahilfszahlungen vorerst ausgesetzt. Wegen sinkender Zahlen schließt Großbritannien ab April seine Coronalazarette. Laut einer Studie erhöht Pollenflug das Infektionsrisiko. Im Coronajahr büßt der deutsche Profifußball etwa eine Milliarde Euro ein. Im letzten Jahr stieg der Stromverbrauch für private Haushalte um 5%. Die Gartenbrance mit Rekordumsätzen 2020. 2020 steigen die Immobilienpreise um 10%. Japan will bei den Olympischen Spielen keine ausländischen Zuschauer zulassen. Chile ist nun das schnellimpfenste Land der Welt.

9. März | Jubiläen

In den letzten Tagen öfter gesehen, wie sich erinnert wurde: erinnert an den Tag, als man begriff, dass das Virus gefährlich ist, an den Tag, als klar wurde, das ist eine Pandemie, erinnert an die ersten Worte, die man darüber schrieb, die erste bewusst wahrgenommene Veränderung der kommenden neuen Realität.

Ein Jahr. Lauter Coronajubiläen. Auch ich schwelge in Erinnerungen und stöbere in alten Eintragungen. Mir fallen die Zahlen auf, die ich damals bestürzt wahrnahm; 20 Tote am Tag, über 800 Neuinfektionen, der Inzidenzwert strebt besorgniserregend auf einen zweistelligen Wert zu. Es sind Zahlen, die heute in weiter Ferne liegen.

Die Interpretation von Zahlen ändert sich, eine Definition von Besorgnis wird neu gefunden, die Grenze von Werten verschoben. Von 35 auf 50 auf 100, Brandenburg schiebt auf die 200, in Österreich ebenfalls, in Frankreich gilt 300 akzeptabel.

Nach dieser Logik ergeben die Ausweitungen Sinn. Jetzt, da ein größerer Teil der Hochrisikogruppe geimpft ist, sind auch mehr Infektionen von weniger potentiell Krankwerdenden zu ertragen. Es gleicht sich aus. Am Ende steht eine Anzahl von Schwerkranken und Toten, an die man gewöhnt ist, ein furchtbar kalter Satz ein Jahr später.

Ansonsten: Brandenburg erhöht die »Notbremse« für die 7-Tages-Inzidenz auf 200. Die österreichische Stadt Wiener Neustadt, wo die Inzidenz bei 560 liegt, wird abgeriegelt. In Großbritannien sinkt die Zahl der Neuinfektionen auf den tiefsten Wert seit September. Zum ersten Mal seit fast vier Monaten in den USA weniger als tausend Coronatote am Tag. Über zwei Drittel aller Japanerinnen sind gegen die Einreise ausländischer Zuschauerinnen zu den Olympischen Spielen in Tokio. Wegen weniger Erkältungskrankheiten aufgrund AHA sinkt der Verkauf von Erkältungsmitteln über 20%. Die Zahl der Pflegekräfte ist während der Pandemie zurückgegangen. In Italien wird ein Sputnik-V-Werk gebaut.

8. März | Geschmack von Weinbrandbohnen

Was ich sehe: Mehrere Unionspolitiker bereichern sich an der Pandemie, das Bekanntwerden fällt in eine Woche, in der wegen politischer Entscheidungen die Worte Verdrossenheit und Versagen sowieso schon Konjunktur haben, neben der Kritik am Handwerklichen, am Können nun die moralische Kritik, ist das ein Versagen Einzelner oder lenkt deren Versagen von einem systemischen Versagen ab und wird für dieses systemische Versagen jetzt so schnell Abbitte geleistet, weil unmittelbar Wahlen anstehen und ich denke, eigentlich möchte ich nicht in einen Chor der Entrüstung einstimmen, der immer auch den Geschmack von Weinbrandbohnen hat, aber welche Reaktion wäre ansonsten angemessen in dieser verheerenden, entblößenden, lange nachwirkenden politischen Woche?

Ich sehe, wie Discounter Schnelltests verkaufen, fünf Stück für fünfundzwanzig Euro, sieben Uhr am Morgen öffnen die Märkte und sieben Uhr fünfzehn sind die Tests ausverkauft und es wird gesagt, der Discounterverkauf, der vor einer landesweiten kostenlosen Testung stattfindet, sei ein Versagen des Staats, wiege die Testenden auch in falsche Sicherheit, der Kauf wälze die Verantwortung auf den Einzelnen ab und statte ihn zugleich mit Freiheiten aus, sei sozial ungerecht, der Kauf sollte eine Momentaufnahme sein, in zwei Wochen sollte niemand mehr an einem Samstag Früh an die Türen eines Discounters klopfen müssen, um als erste in der langen Schlange vor dem schmalen Schnelltestregal zu stehen.

Ich lese von den nach wie vor Millionen unverimpften Dosen und lese erneut vom Versagen der Politik und lese eine Verteidigung, dass diese Zahl – Millionen Dosen unverimpft – auch dadurch zustande kommt, dass, sobald die Impfdosen das Werk verlassen, sie als ausgeliefert gelistet werden, obwohl es noch Tage braucht, bis sie überhaupt in einer Spritze in einem Impfzentrum sein könnten und denke, wieso braucht es Tage und wie funktioniert eigentlich die Impfstofflogistik und wer verantwortet diese und wo wird zwischengelagert und wie werden eigentlich diese Millionen Informationen erhoben und wie wenig ich doch eigentlich weiß von konkreten Abläufen, ich Zahlen sehe, aber nicht die Wege.

Ich sehe eine Halle, eine Veranstaltung, die Ende März 2020 hätte stattfinden sollen, die verschoben wurde auf März 2021 und nun einen finalen Termin hat: März 2022, zwei Jahre dazwischen, zwei Jahre verschoben, verloren.

Ansonsten: Übrig gebliebene, nicht lagerfähige Impfdosen werden im Kreis Borken über eine digitale Restimpfdosenbörse an Impfwillige verteilt. Nach Vorwürfen, dass er für die Lobbyarbeit für das Vermitteln von Masken 660000 Euro Provision erhalten haben soll, zieht sich Politiker Nüßlein aus der Politik zurück. Nach Vorwürfen, dass er für die Lobbyarbeit für das Vermitteln von Masken 250000 Euro Provision erhalten haben soll, zieht sich Politiker Löbel nach und nach aus der Politik zurück.

Wegen des großen Andrangs beim Buchen von Zeitfenstern für eine Andy-Warhol-Ausstellung in Köln fällt die Webseite aus. In Barcelona sind die 5000 Karten für das Konzert der Band Love of Lesbian in Stunden ausverkauft, es ist das erste Großkonzert seit Beginn der Pandemie. In Israel besuchen 500 Geimpfte in einem Stadion in Tel Aviv ein Konzert des Sängers Ivri Lider. Im Zoo San Diego werden Menschenaffen mit einem speziell für Tiere entwickelten Wirkstoff geimpft. In Spanien sinken neun Monate nach dem Lockdown die Geburtenzahlen um ein Viertel. Der Finanzminister kündigt an, dass es ab Ende des Monats bis zu zehn Millionen Impfungen pro Woche geben soll. LongCovid.

Der Dalai Lama wird geimpft. Als Dolly Parton die Impfung mit dem Wirkstoff erhält, den sie mitfinanziert hatte, singt sie eine neugetextete Fassung ihres Hits Jolene: »Vaccine, vaccine, vaccine, vaccine, I’m begging of you please don’t hesitate, Vaccine, vaccine, vaccine, vaccine, ’cause once you’re dead then that’s a bit too late.« Die Pandemie findet Eingang in die klingonische Sprache: Covid-19 qo’vID wa’maH Hut, Coronavirus qoro’na javtIm und #StayAtHome #juHDaqratlhjay’.

5. März | die Tabelle

Die Ministerpräsidentinnenkonferenz hält eine Tabelle hoch. Die Tabelle ist farbig gestaltet, sie enthält viele Spalten und Zeilen, in denen vermerkt ist, wann was unter welchen Bedingungen geöffnet werden darf.

Die Tabelle ist voller Details. Sie versucht, viele Belange einzubeziehen. Sie ist ein Kompromiss. Aus manchen Kompromissen gehen die Beteiligten zufrieden heraus; niemand hat alles bekommen, aber alle etwas Entscheidendes. Diese Tabelle kann kein Kompromiss sein, weil die Seite »Schutz vor B117« nicht am Tisch saß. Diese Tabelle ist auch eine Erklärung, eine Bankrotterklärung für viele, eine Erklärung dafür, dass offiziellen Wortkonstruktionen wie »atmende Öffnungsmatrix« und »Taskforce Testlogistik« Worte wie Staatsversagen, Enttäuschung und Desaster entgegengesetzt werden.

Die Tabelle ist eine Botschaft. Sie sagt: Unsere Strategie ist Hoffnung. Die Hoffnung, bis zur durch Impfung erreichten Herdenimmunität durchzukommen. Und im Grunde wäre das auch verständlich, wenn die Dinge, die es dafür braucht, so laufen würden, wie es notwendig wäre: die Organisation des Verimpfens, die Bereitstellung der Schnelltests, die Konzepte für die sensiblen Orte. Doch bei allem funktionieren wesentliche Bestandteile nicht, wie sie sollten, funktionieren bisher in einer Weise nicht, welche die Strategie der Tabelle nicht aufgehen lassen kann.

Die Gründe sind viele, vieles läuft darauf hinaus, dass es nicht möglich ist, in einer Ausnahmesituation jahrzehntelang geübte Wege abzukürzen, dass jahrzehntelange Versäumnisse jetzt die notwendigen Wege behindern. Es ist keine menschenfeindliche Boshaftigkeit wie bei der brasilianischen Regierung. Es ist eine Mischung aus Überforderung, Inkompetenz, Systemhaftigkeit, Resignation, Hilflosigkeit, Getriebenheit, es sind Entscheidungen, die ratlos machen; Benennung von Verantwortlichen, die offensichtlich ungeeignet sind, ein Fehlen von Strategien, ein Fahren auf Sicht, ein Mangel an Kommunikation, ratlos, weil sie so offensichtlich falsch, ungeschickt und gedankenlos sind.

Und das war etwas, was die wählende Mehrheit bisher – bei allen Kritikpunkten – immer unterstellt hat: »Die« kriegen was auf die Reihe. Der Eindruck, die Zahlen, die Tabelle zeigen: Sie kriegen es nicht. Und die Ahnung, dass sich im Spätsommer nach Hunderttausend Toten trotzdem jemand hinstellen und sagen wird: Eigentlich sind wir ganz gut durchgekommen. Ganz gut sind »wir« durch die erste Welle gekommen, auch durch den Sommer. Durch den Herbst schon mal nicht und den Winter auch nicht. Jetzt ist Frühling und ich frage mich, ab welchen Punkt »wir« begonnen haben, Tabellen zu schreiben. Frage mich, wohin die Enttäuschung, die an Grundlegendem zu zerren scheint, in den Wahlen fließen wird, wie diese Enttäuschung den Blick auf »uns« auf lange Sicht ändert, was diese Enttäuschung ändert.

Die Ministerpräsidentinnenkonferenz hält die Tabelle nicht hoch. Sie klammert sich daran fest.

Ansonsten: Etwa die Hälfte aller Neuinfektionen ist B117. Zwei Drittel aller Gesundheitsämter sind noch nicht an eine Software angeschlossen, die das Nachverfolgen von Infizierten erleichtern soll. Mehrere Handelsverbände zeigen sich maßlos enttäuscht wegen der nicht ausreichenden Lockerungen. Mehrere Unternehmen erklären sich bereit, Impfungen durch die hauseigenen Betriebsärztinnen vornehmen zu lassen. Eine Studie kommt zu dem Schluss, dass Berufe, in denen mehrheitlich Frauen arbeiten, ein höheres Infektionsrisiko aufweisen. Die WHO lehnt die von der EU geplanten Impfpässe ab, weil die Pandemie Anfang 2020 vorbei sein wird. Tabu.

03. März | Impfstau Impfdrängler Impfreihenfolge Impfverordnung Impfstart Impfbereitschaft

Viel zu viele Worte in der Überschrift. Sie zeigen an, dass es viel zu sagen gibt. Schon mehrmals habe ich über die Impfdrängler geschrieben, meist in einem moralischen Kontext. Ich verteidige diese Einträge. Wenn Impfstoff knapp ist, ist das vorsätzliche Erlangen außer der Reihe unredlich und schäbig.

Mittlerweile ist Impfstoff nicht mehr knapp. Fast zwei Millionen Dosen sind ungenutzt, in den nächsten Wochen werden Millionen dazukommen. Heute erscheint es unredlich, einerseits fürs Drängeln zu bestrafen, andererseits den Impfstoff nicht zu gebrauchen. Jede Geimpfte ist ein Damm.

Die Frage des Impfens ist auch eine Frage der Gerechtigkeit. Es ist gerecht, wenn zuerst jene geimpft werden, die am stärksten betroffen sein könnten. Es ist nicht gerecht, wenn jene, die über Autorität verfügen, sich Impfstoff organisieren, allein deshalb, weil sie es können.

Wenn Impfstoffe ungebraucht sind, dann sollten sie schnell in Gebrauch kommen. Es ist seltsam, einen solchen Satz in der Pandemie, am Beginn einer dritten Welle zu schreiben. Unter anderen Umständen würde ich schreiben: Das Ungebrauchte sollte so schnell wie möglich den nächsten Prioritätengruppen zugänglich gemacht werden. Oder: Ein Zufallsgenerator sollte über das Ungebrauchte entscheiden, einer, der nicht nur die privaten Telefonnummern im Handy des Landrats abtelefoniert.

Nur was, wenn das Organisieren nicht so funktioniert, wie es sollte. Wenn die Hürden – fehlende Informationen, fehlende Digitalisierung, Bürokratie, Datenschutzbedenken – lieber den Impfstoff im Lager belassen, als nach draußen geben? Wie sollte ich glauben können, dass ein anderes Organisieren den Stau beseitigt? Was, wenn das Freigeben des Impfstoffes für alle die Lager am schnellsten leerräumt? Wäre das eine Kapitulation vor der Gerechtigkeit?

Ansonsten: Fünf Prozent der Deutschen haben zwei Monate nach Beginn der Impfungen mindestens eine Dosis erhalten. Joe Biden erklärt, dass bis Ende Mai Impfstoff für alle Amerikanerinnen zur Verfügung stehen soll. Die Covax-Initiative liefert weitere Impfstoffe an arme Länder, die bisher keine Impfstoffe erhalten hatten, aus. An einem niederländischen Corona-Testzentrum explodiert ein Sprengkörper. In Tel Aviv startet eine Konzertreihe für Corona-Geimpfte, Teilnehmerinnenzahl: 500. Texas hebt die Maskenpflicht auf. Mehrere deutsche Bundesländer helfen Tschechien mit Impfstoffen aus. Aus Angst vor Nebenwirkungen oder weil es eine biologische Waffe sein könnte, wollen sich 62 Prozent der Russinnen nicht mit Sputnik V impfen lassen.

1. März | Fürsorgeradikalismus & Verweilverbot

Es tat gut, die letzten Tage nicht zu schreiben. Zwar teilnehmen an der Pandemie, aber nicht überlegen zu müssen, was davon Eintrag sein könnte. Die Geschehnisse zogen vorbei, größtenteils hatten sie nichts mit meinem Leben zu tun. Trotzdem frage ich mich, wie reiht sich die verlorene Woche ein in die Pandemie, welche Verschiebungen haben sich ergeben, wohin bewegt sich das Geschehen, was bewegt mich dennoch.

Ich lese, wie jemand das Szenario – täglich hunderttausend Neuinfektionen im Frühsommer – ausformuliert: Öffnungen, Verzicht auf die AHA mit Verweis auf die bereits geimpften Hochrisikogruppen, eine bevorstehende Wahl, die jedes politisches Maßnahmen-Engagement aussetzt, der Sommer, die Erschöpfung aller. Es klingt nicht komplett unplausibel, im Grunde erschreckt mich die Vorstellung, dass ich nicht augenblicklich Argumente finde, welche die Annahme von der Durchseuchung widerlegen.

Als Gegensatz dazu lese ich eine recht umfangreiche Beschreibung davon, wie der Lockdown in die Lebensbereiche aller eingreift und welche Verheerungen der Stillstand und das Ausgesetzte anrichten; die verlorene »Generation Corona«, die bedrohten Existenzen, Kinder, Studentinnen, Gastronominnen, Gläubige, Schausteller, Künstlerinnen, lauter Schadensberichte.

Und es ist wieder das Alte: Es gibt kein Szenario, in dem man beides los wäre, Virus und Maßnahmen. Beides bedingt sich, das Mittendrin, den Kompromiss zu organisieren, dafür schwinden die Kräfte und die Bereitschaft, verlieren sich die Aktivitäten im Detail und in Worten wie:

Fürsorgeradikalismus. Ich lese, wie ein Feuilletonist von einem »aseptischen Gesundheitsverständnis« spricht, lese eine Besprechung von Thea Dorns Buch Trost, ein Briefroman, in dem sie ihr Alter Ego gegen die Maßnahmen wüten lässt und plädiert für einen »Aufstand der Schönheitstrunkenen, Würdesüchtigen, Lebensverliebten, einen Aufstand gegen die Technokratie. Gegen die Thanatophobie.« Ich denke, wie einfach es wäre, das zu fordern, Genieße das Leben, Tanze vor dem Virus, Schüttle die Maßnahmen ab, wie viel dieses ins Romanhafte übertragene Denken bereitwillig ausklammert und wie viel Applaus Thea Dorn dafür bekommen wird, dann, wenn Lesungen wieder stattfinden und man bei Rotwein zusammensitzt und nach der Pandemie sagt, ja, man hätte sich in der Pandemie nicht einschränken sollen, wie bequem diese Art Applaus wäre.

Impfverzicht. Ich lese, wie der Schwimmer und Olympiasieger Michael Groß vorschlägt, dass die, die einen Impftermin haben, ihre Impfdosis Sportlerinnen überlassen, damit diese zu Olympia 2021 nach Tokyo fahren können und ich denke, jeder kann vorschlagen und jeder kann verzichten.

Verweilverbot. Ich lese die Berichte, wie das Ordnungsamt Spaziergängerinnen mit Bußgeldern belegen und denke polemisch, denke, jedes Bußgeld fürs Verweilen ein Keil, das Verweilen bestrafen, wie poetisch und wie kafkaesk, die Strafe an sich und dann dieser Name, wie viel unnötiges Wasser das ist auf die Mühlen der lebenstrunkenen Fürsorgeradikalismusgegnerinnen.

Impfstau. Ich lese davon, wie eins Komma sieben Million Dosen des AstraZeneca-Impfstoffs ungenutzt sind, auch, weil sich geweigert wird, damit impfen zu lassen, aber viel mehr noch, weil das Organisieren des Verimpfens aus dem Ruder läuft, was dieser Impfstau für Widersprüche ausmacht, fragte mich, wie es Impfstau und Impfdrängler zugleich geben kann.

Luca. Ich sehe, wie Smudo die App Luca vorstellt, mit deren Hilfe sich auf einfache Weise Kontakte zurückverfolgen lassen, so, dass Gesundheitsämter leichter Cluster ausfindig machen können und höre, wie der Kanzleramtschef gefragt wird, warum diese Funktion nicht in der vom Staat finanzierten Warnapp integriert ist und der Chef sagt, dass der Staat nicht alles tun könne und denke, nein, aber das Wichtige, gerade in einer Pandemie und selbst, wenn es anders wäre, würde ich mir mehr Konstruktives wünschen, wünschen, dass der Chef sagt, tolle Funktion, das ist längst angeleiert, oder, zumindest, tolle Funktion, ich setze Himmel und Hölle in Bewegung, dass wir ein weiteres Hilfsmittel haben, das Virus klein zu halten, ich wünsche mir weniger Bräsigkeit.

Das wünsche ich am Vorabend der nächsten Konferenz, die diesmal richtungsweisender als die davor werden, weil grundsätzliches entschieden wird: Nimmt man die steigenden Zahlen ernst oder nimmt man die Lockdownmüdigkeit ernst und weil man beides ernst nehmen muss, wie spricht man so darüber, ohne dass man bräsig wird, es sich bequem macht in Romanen und Gedanken oder wegduckt unter Verweilverbotvorgangsprüfungskommissionsparagraphen, lauter virusfreundliche Leviathans.

Ansonsten: Düsseldorf verhängt ein »Verweilverbot«; in bestimmten Teil der Stadt darf nicht mehr länger stehen geblieben, sich hingesetzt oder auf eine Wiese gelegt werden. Nach der Wiederöffnung für Frisöre öffnen manche Salons schon um Mitternacht. Die Zahl der Infizierten, Erkrankten und Verstorbenen in Pflegeheimen geht zurück. Um auf die Situation der Kinos hinzuweisen, werden über 300 Kinos eine Nacht lang beleuchtet. Der Mode- und Schuhhandel warnt vor Massenschließungen, sollten die Geschäfte nicht im März geöffnet werden. Die Kanzlerin erklärt, dass sie sich erst impfen lässt, wenn sie nach der empfohlenen Priorisierung an der Reihe ist. Die Covax-Initiative, die gegründet wurde, um ärmere Länder mit Impfstoff zu versorgen, liefert eine Millionen Dosen AstraZeneca nach Ghana. Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen dürfen nun geimpft werden. In Großbritannien wird die Corona-Warnstufe von 5 auf 4 gesenkt. In den vergangenen Wochen wurden Regierungen 900 Millionen Impfstoffdosen im Wert von 12,7 Milliarden Euro von Betrügerinnen angeboten. Bahrain bietet den Formel1-Teams an, sie zum Auftakt der Saison zu impfen, die Teams lehnen ab. Mit 191 km/h wird ein 88-Jähriger auf dem Weg zu seinem Impftermin gestoppt. Am Frankfurter Hauptbahnhof werden Roboter, die mit ozonisiertem Wasser Viren beseitigen, getestet. Portugal kündigt an, 5% seiner Impfstoffe mit afrikanischen Ländern zu teilen. Özlem Türeci und Uğur Şahin, die BNT162b2 entwickelten, erhalten das Bundesverdienstkreuz. Bestechungsvorwürfe gegen einen CSU-Politiker bei der Maskenbeschaffung. Die Hälfte der Bevölkerung Israels hat die erste Impfung erhalten. Die Queen kritisiert Impfgegnerinnen. Aufregung um »Windimpfungen« in Brasilien, bei denen ältere Menschen nur zum Schein geimpft werden. Der Podcast »Coronavirus-Update« wird ein Jahr alt. Auf der Intensivstation.

24. Februar | Coronajahr

12 Monate Coronamonate, ein Coronajahr. Am 24. Februar beginne ich mit dem Notieren, damals unvorstellbar, dass ich ein Jahr daran sitzen werde. Heute, 130000 Wörter später, schreibe ich: Es gab nie ein anderes Ziel außer aufschreiben, wenn notwendig. Notwendig heißt jeden Abend. Als mir klar wird, dass Coronamonate nicht den Plural von zwei Monaten meint, wird das Ziel erweitert auf: bis Sommer weiterzumachen. Dann bis Jahresende. Dann ein Jahr vollzuschreiben. Das Jahr ist vorbei, die Pandemie noch lange nicht.

Ist es noch notwendig zu schreiben? Und selbst wenn: Was ist notwendiger für mich? Ich fühle mich ausgelaugt und erschöpft, leergeschrieben, leergedacht, leerempfunden. Ich nehme mir vor, von nun an tatsächlich weniger zu notieren, weniger Einträge die Woche, keinesfalls täglich. Das ständige Kreisen um das Eine, das anfangs so geholfen hat, zerrt an mir, drückt mich ständig in eine Ecke, lässt mich nicht heraus.

Ich wäre gern in der Lage, eine Art Resümee zu ziehen, rückblickend zu schauen und Erkenntnisse mich selbst und alles andere betreffend aus den Untiefen des Ansonsten zu ziehen. Was ist noch nicht geschrieben, was nicht geschehen? Dass ein Impfstoff verschmäht wird? Die Zahlen, die gerade heute »rund« werden? Eine weitere Welle, eine weitere Skepsis, eine weitere Maske auf dem Gehweg? Corona ist Bestandteil meiner Biografie, Bestandteil jeder Biografie. Die Monate, die Jahre werden bleiben, die Zeit angeheftet, stets mit mir tragend, auch geimpft wird sich das Virus niemals mehr abschütteln lassen.

Ich bin froh, mein Coronagedächtnis hier abgelegt zu haben. Der Ballast ist ausgelagert, von hier an kann ich weitergehen. Ich kann zurückschauen und alles anders betrachten, aber dann werde ich nicht mehr mittendrin sein, nicht mehr schwimmen. Ich werde an Land stehen und aus der Ferne ein Urteil fällen.

Ich laufe durch den Park. Von der Ilm weht kühle Luft, der Winter steigt aus dem Wasser. Von oben arbeitet die klimakatastrophenerprobte Februarsonne die Schneeberge ab. Auf den Wiesen längst mehr Grün als Weiß. Am Römischen Haus spielen Trompeten, bei der Ruine des Tempelherrenhauses schlagen Männer den Rhythmus von They Don’t Care About Us gegen Cajóns. Ich bleibe nicht stehen, ich höre nicht zu, ich laufe weiter, immer weiter, spüre nichts als den Wunsch, etwas Neues zu beginnen, etwas, das die Tage nicht füllt mit Corona.

Ansonsten: AstraZeneca plant, die zugesagte Impfstoff-Menge für das zweite Jahresquartal zu halbieren. Weiterhin verbleiben viele AstraZeneca-Impfdosen unverimpft. In England wird für das geplante Ende der Coronamaßnahmen am 21. Juni ein Feiertag gefordert. Der B117-Anteil in Deutschland liegt bei 30%, eine Steigerung von 10% im Vergleich zur letzten Woche. Zum Impfstart in Afghanistan wird zuerst eine Journalistin geimpft, die für ihre Berichterstattung über Corona bekannt ist. Attila Hildmann wird per Haftbefehl gesucht. Das Virus als Animation. 68000 Coronatote in Deutschland. Eine halbe Million Coronatote in den USA. Weltweit fast 2,5 Millionen Coronatote.

23. Februar | was notwendig ist

Endlich bekomme ich Antwort auf eine Frage, die ich mich beschäftigt, seitdem bekannt ist, welche Rolle Aerosole bei der Übertragung spielen: Wie viele Viren sind eigentlich für eine Ansteckung notwendig? Ich lese, dass »man zwischen 400 und 3000 Viren einatmen muss, damit eine Infektion starten kann.« Eine weitere Zahl: Bis zu 400000 Viren pro Minute werden ausgeatmet. Und: 75% der Infizierten atmen keine Viren aus. Und: »Wenn ich im Büro sitze und vier Stunden arbeite, dann habe ich ungefähr 100 Millionen Viren in den Raum gepustet.« Und: All diese Zahlen gelten für die alte Variante.

Ansonsten: In den meisten Bundesländern öffnen die Kindergärten und Grundschulen wieder. In mehreren Bundesländern soll Schul- und Kindergartenpersonal schnell eine Impfung mit dem Wirkstoff von AstraZeneca angeboten werden. Boris Johnson erklärt, dass bis Ende Juni alle Corona-Maßnahmen in Großbritannien beendet sein sollen.

22. Februar | Handlungsverläufe

Es wäre so viel schöner, wenn kurz vor dem Finale zu einem Jahr Coronamonate die Geschichte auf ein Ende zusteuern würde: die Handlungsbögen, ebenso wie die 2. Welle, allmählich auslaufend und vertrocknend, die wenige Zeit, die es bis zur Impfung braucht, lässt sich angesichts niedriggehaltener Zahlen bedenkenlos überbrücken, bis dahin ein vernünftiges und vorfreudiges Spazieren durch einen Frühling hinein in einen Sommer, der die Pandemie beenden wird.

Doch nichts endet, niemand spaziert. Stattdessen die Aussicht auf ein weitergehendes Nebeneinander sich widersprechender Ersetzungen: das Virus, das uns ein Jahr begleitet hat, verschwindet in der Bedeutungslosigkeit, während eine aggressivere Variante davon die Zahlen steigen lassen wird. In dieses Steigen hinein erfolgen die Öffnungen, die Wünsche nach weiteren Öffnungen.

Weiterhin ein »Fahren auf Sicht«, obwohl die Kurven längst viel weiter in die Zukunft hineinragen. Die Risikogruppe bald geimpft (und ich kann nicht oft genug schreiben, was für ein Wunder, was für ein Triumph, schon nach einem Jahr Pandemie zweihundert Millionen Mal geimpft zu haben) und deshalb die Gefahr für alle anderen um so größer.

Die Impfzahlen, die nicht schlecht sind im Vergleich zu anderen Ländern, im Vergleich zu anderen Ländern aber jede Menge Zweifel am Vorwärtsgehen wecken. Ein Mangel an Impfstoffen und zugleich zehntausende Dosen verschmäht, weil viele lieber auf das »gute« Impfen warten. Impfen als einzige Möglichkeit, das Virus zu kontrollieren und zugleich die Bedrohung von Impfzentren, von Fehlinformationen, Agitationen.

Ich weiß nicht, wie dieses Nebeneinander auszuhalten sein wird, diese unterschiedlichen Stimmen und Situationen, welche Reibung entsteht, wohin die Energie fließen wird, wohin die Aufmerksamkeit, was mit der Kraft geschieht, die dabei freigesetzt wird, ob gemeinschaftlich noch eine Kraftanstrengung möglich sein wird, wie diese ausgesprochen werden sollte, wie ich und alle anderen angesprochen werden müssten, wie wir uns selbst ansprechen müssten.

Im Briefkasten liegt das Flugblatt eines Professors, der gegen das Virus, dessen Existenz und Gefährlichkeit er ausdrücklich anerkennt, Vitamin D empfiehlt und keine Angst zu haben. Weil Ängste und Sorgen das Immunsystem schwächten und so dem Virus leichter Zugriff auf den Körper gewährten. Selbstverständlich habe ich das Flugblatt, so wie die Spitzen der CDU ihre Hanau-Rassismus-Zettel zerknüllt haben, zerknüllt und in den Papierkorb geworfen. Sonne scheint genug, so dass sich die Schlange vor dem 40-Sorten-Eiscafé wortwörtlich mehrere hundert Meter die Schillerstraße entlangzieht. Ohne Angst hätte ich nur wenige Worte von diesen Coronamonaten geschrieben.

Diese Coronamonate sind fast ein Jahr alt und die Geschichten gehen weiter, anders, ähnlich, nichts hört auf, obwohl es das ist, was jetzt stehen sollte: ein Ende.

Ansonsten: Fast zehn Millionen Menschen sehen »Heile Welt«, den ersten Tatort, der in der Coronawelt stattfindet. Die Macherinnen des Kinderbuchs »Conni macht Mut in Zeiten von Corona« erhalten Morddrohungen von Coronaleugnerinnen. Im Ostseebad Kühlungsborn löst die Polizei eine Line-Dance-Aufführung mit 50 Beteiligten auf. Der Landesgruppenchef der CSU spricht sich für nationale Alleingänge bei Versäumnissen der EU aus. Um die Impfbereitschaft anzukurbeln, öffnet in Tel Aviv eine Bar, in der man sich auch impfen lassen. Auch im israelischen IKEA kann man sich impfen lassen. Ein Friseur aus Bayreuth versteigert den ersten Termin nach dem Lockdown für 422 Euro (für einen guten Zweck). Russland lässt mit Cowiwac den dritten Impfstoff zu. Der katholische Präsident Tansanias erklärt, dass sein Land keine Impfstoffe brauche, weil Gott das Land beschützen werde.

21. Februar | aushalten

Ein ungeheurer Gedanke: Ich bin nicht gerettet, obwohl ich gerettet sein könnte. Es gibt einen Schutz vor dem, was seit einem Jahr alles bestimmt, ein Schutz, der mich mit allergrößter Wahrscheinlichkeit vor dem Schlimmsten bewahren würde und es gibt keine redliche Möglichkeit, diesen Schutz in Anspruch zu nehmen.

Natürlich ist der Gedanke auszuhalten. 7,4 Milliarden halten ihn aus. Täglich ertragen ihn die Ungeimpften. Es gibt Rettung. Für uns erst in Monaten oder Jahren.

Werner Herzog hat gesagt: »Schicke alle Hunde los, einer könnte mit Beute zurückkommen.« Was sind die Hunde? Wie erhöhe ich die Wahrscheinlichkeit auf die Beute, einen glücklichen Zufall: ein verschmähtes AstraZeneca, einen Stromausfall, dem ein Kühlschrank voll mit Moderna zum Opfer fällt, ein übriggebliebenes Biontech? Steht mir diese Annahme überhaupt zu, dieses Denken?

Ich bin nicht gerettet, obwohl ich es sein könnte. Der Gedanke ist kaum auszuhalten.

Ansonsten: Weltweit sind über 200 Millionen Impfdosen verabreicht, etwa die Hälfte davon in den sieben führenden Industriestaaten. Mars 2020, der Rover, der momentan auf dem Mars fährt, führt eine Aluminiumplatte mit sich, um »an die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie zu erinnern und die Beharrlichkeit der Mitarbeiterinnen im Gesundheitswesen auf der ganzen Welt zu würdigen«.

20. Februar | Tauen III

Gang durch die Stadt. Auf einem Balkon eine Wäschespinne, auf der ein Familiensatz FFP2 zum Trocknen hängt. Umarmungen. Viele Geschäfte haben geöffnet, sie verkaufen aus der Tür heraus. Die Temperaturen steigen in den zweistelligen Bereich. Die Sonne schmilzt die letzten Schneehaufen weg, darunter treten die weggeworfenen Operationsmasken zu Tage. In Flensburg wird eine Ausgangsbeschränkung verhängt, der R-Wert steigt über 1, die Uni-Hamburg gibt eine Studie frei, nach der das Virus aus einem Labor stammt, Karl Lauterbach kann nicht als Impfarzt arbeiten, weil das Impfzentrum bedroht wird. Mir fehlt die Vorstellungskraft dafür, wie der März aussehen könnte: ein Beenden des Lockdowns, eine Verlängerung, ein dritter Lockdown, nichts von alledem, alles.

Ansonsten: Wegen der vielen Neuinfektionen mit B117 in Flensburg schließt Dänemark mehrere Grenzübergänge. Eine Studie beschreibt, dass der Impfstoff von AstraZeneca besser wirkt, wenn die zweite Dosis um sechs Wochen verschoben wird. Der Reiseveranstalter Alltours beherbergt ab Herbst nur noch geimpfte Gäste. Weil die Daten eines britischen 32jährigen falsch aufgenommen werden und er bei 6 cm Körpergröße ein Body-Mass-Index von 28000 aufweist und deshalb in die Risikogruppe fällt, wird ihm ein Impftermin zugewiesen. In Florida verkleiden sich zwei junge Frauen als Seniorinnen, um eine Impfung zu erhalten; bei der ersten Dosis klappt das, bei der zweiten nicht.

19. Februar | Tauen II

Das Tauen hält an und ich frage mich, ob »Tauen« überhaupt als Metapher geeignet ist für diese Tage. Tauen als ein Übergang zwischen zwei Zuständen, etwas Festes verflüssigt sich erst und verschwindet dann. Tauen legt etwas frei und mit Tauen ist ein Aufbruch verbunden, etwas Neues geschieht, Zuversicht kommt.

Passt dies in diese Phase der Pandemie? Befinden wir uns tatsächlich in einer Übergangszeit, verflüssigt diese Februarwoche die Lockdownstarre, was wird sehr bald verschwunden sein, wird es verschwunden sein? Was ist der nächste Zustand? Ist der nächste Zustand wie Ende Mai 2020? Ist der nächste Teilabschnitt der Pandemie das dänemarknahe Flensburg, wo die Mutante die treibende Kraft ist, wo geschlossen und verhängt wird? Was haben die seit Tagen nicht mehr fallenden, sondern stagnierenden Infektionszahlen zu bedeuten?

Die Eltern sind ratlos. Sie haben Respekt vor den Zahlen. Sie sprechen miteinander, wollen herausfinden, welche Kinder ab nächster Woche in den eingeschränkten Regelbetrieb geschickt werden. Ein geschicktes Kind könnte wie ein Dominostein das sorgsam gebaute und geschützte System der wenigen Kontakte zum Kollabieren bringen. Tut jemand den ersten Schritt, werden die anderen folgen müssen. Die Hälfte aller Kinder sind ohnehin schon seit Wochen in Notbetreuung. Warum sollte die andere Hälfte weiterhin verzichten, wenn das Bundesland mit dem höchsten Inzidenzwert öffnet?

Nein, Tauen ist keine Metapher für diese Tage. Eis vielleicht, das trügerische Sicherheit verspricht, oder ein Schlitten in Zeitlupe, dahin, wo es keinen Halt mehr gibt.

Ansonsten: In Frankreich liegt der Anteil von B117 bei allen Getesteten bei knapp vierzig Prozent. Laut einer Umfrage würde mehr als ein Drittel der Befragten sich nur mit dem Lieblingspräparat impfen lassen. Karl Lauterbach spricht sich mit dem Bayern-München-Trainer aus. Bei einer Impfverweigerung droht den Angestellten des Vatikans die Entlassung. Mehr als eine halbe Million Coronatote in der EU. In Sachsen bleiben tausende Impftermine ungenutzt. Die FDP und die BILD-Zeitung fordern eine öffentliche Impfung des Bundespräsidenten und der Bundeskanzlerin. Ein Weimarer Unternehmen spendet der Stadt 5000 Schnelltests aus eigener Produktion, die bei der Öffnung der Kindergärten zum Einsatz kommen sollen. In Thüringen steigen die Infektionszahlen an. Thüringen verlängert den Lockdown bis Mitte März.

18. Februar | großes Tauen

Das große Tauen hat begonnen. Die Schneeauftürmungen sacken zusammen, wer läuft, läuft durch Wasser. Und ich merke, wie ich mich gerade kaum um Meinungsbildung zu den Coronathemen dieser Tage aufraffen kann.

Die Diskussion um Schnelltests, dass sie viel zu spät kommen, dass sie ein so notwendiges Mittel zur Begleitung der Lockerungen sein werden, dass der Gesundheitsminister die Einführung verschleppt, da das Funktionieren aller Tests nicht gewährleistet werden kann. Eine Äußerung Armin Laschets, der wieder einmal gegen die Wissenschaft poltert, und dass diese immer neue Grenzwerte erfindet, »um zu verhindern, dass Leben wieder stattfindet«. Der Artikel eines Mitglieds aus Laschets Expertenrat Corona, der Lebensschutz gegen »die Wirtschaft« stellt. Die überraschenden Grenzschließungen Deutschlands, die Lieferketten unterbrechen und diesmal tatsächlich für leere Regale in den Supermärkten sorgen könnten. Die Zahlen, die von einem 20% B117-Anteil bei den Neuinfektionen sprechen, eine Verdopplung pro Woche.

Ich frage mich, warum ich mich nicht näher damit beschäftige. Warum ich bei der Wirtschaftsaussage nicht getriggert werde, zumindest die offensichtlichen Widersprüche hinterfrage. Warum ich nicht wieder von B117 schreibe und den im Gegensatz dazu stehenden geplanten Lockerungen, nicht vom Primat der Wissenschaft schreibe oder Supermarktankedoten notiere. Vielleicht weil alles, was geschieht schon einmal geschehen ist in der Pandemie. Es schneite, jetzt taut es. Wenn ich laufe, laufe ich im Wasser.

Ansonsten: Nach einem Corona-Massenausbruch in einer Eiscremefabrik müssen 1000 Menschen in Quarantäne, nach einem Ausbruch in einer Physiopraxis 400. Weltweit geht die Zahl von Neuinfektionen zurück. Das Saarland beschließt ein Werbeverbot für bestimmte Produkte, um Anreize zum Aufsuchen von Geschäften zu unterbinden. Die Schließung der Museen in Großbritannien führt zu einer Zunahme von Schädlingen. Die Hälfte aller Israelis über 30 sind geimpft. Ein Großteil des Impfstoffs von AstraZeneca verbleibt in Berlin ungenutzt.

17. Februar | außer leicht

Es sind kleine Meldungen, keine Schlagzeilen, nichts fürs Ansonsten: Kurz nach Wiederöffnung schließen im dänischen Ishøj wegen mehreren B117-Infektionen die Schulen wieder. Kurz nach Wiedereröffnung schließen im italienischen Corzano wegen mehreren B117-Infektionen die Kindergärten und Schulen. Aus Israel wird ein Anstieg von Infektionen bei Jüngeren gemeldet. Im schwedischen Astrid-Lingren-Krankenhaus werden über zweihundert Kinder mit LongCovid-Symptomen behandelt; Müdigkeit, Kopfschmerzen, Übelkeit, Konzentrations-Gedächtnisprobleme, Durchschnittsalter 11-13 Jahre. In Großbritannien wird von einem Anstieg von Covid-Folgeerkrankungen bei Kindern berichtet.

Mitte März überlegte ich in den Coronamonaten, ob das Verhalten aller ein anderes wäre, wenn das Virus andere Eigenschaften und Folgen hätte. Ich schrieb: »Und was, wenn der Virus besonders gefährlich für Kinder wäre? Wären dann die Spielplätze trotzdem voll? Wann wären Schulen und Kindergärten geschlossen worden?«

Seit einigen Tagen raunen sich die Eltern ein Datum zu: 22.2.2021. Dann sollen die Kindergärten und Grundschulen wieder öffnen. Die Eltern flüstern, weil sie es nicht wirklich glauben, es aber glauben wollen. Es könnte so sein. Das reicht schon fast.

Das wäre das Szenario: Das Virus als größere Gefahr als bisher. Das wäre das andere Szenario: In den fünften Monat des Kindergarten/Grundschulen-Lockdowns zu stolpern. Wie kann da eine Entscheidung fallen außer leicht?

Ansonsten: In Dänemark findet sich in der Hälfte der Positivtests B117. Nach Klagen über Nebenwirkungen nach dem Impfen mit AstraZeneca wird das Impfen an mehreren Orten vorerst ausgesetzt. Karl Lauterbach erklärt, sich mit AstraZeneca impfen zu lassen, um zu zeigen, dass der Impfstoff Vertrauen verdient. Nach seiner Kritik an Karl Lauterbach bietet der Trainer Bayern Münchens Lauterbach ein Gespräch an. Der Gesundheitsminister stellt kostenlose Schnelltests ab März in Aussicht.

16. Februar | Ausrufezeichen

Ich lese im gestrigen Ansonsten, dass im ersten Lockdown die Gesellschaft zusammengerückt sei, und im zweiten das Verhalten als »eher egoistisch und auseinanderdriftend« eingeschätzt wird. Ich lese in einem Interview mit dem Zittauer Bürgermeister, der Stadt, die besonders von der zweiten Welle betroffen war: »Damals, im Frühjahr, pflegten viele in der Stadt ihr soziales Netz. Es gab Videochallenges, Onlinemusikaufführungen, Fotowettbewerbe … Das war so eine Zeit, in der sich alle zusammenrissen und versuchten, da gemeinsam durchzukommen.«

Ich denke zurück, ich nicke. Im Rückblick erscheint es mir, dass im LD1 – neben der Ungewissheit, der Sorge, dem Bedrücktsein – mehr Platz für Experimente war, ein spielerischerer Umgang mit der Notsituation, ein Ausprobieren, auch eine Neugier herauszufinden, was sich dem Beschränkten abtrotzen lässt: Balkonkonzerte, Onlinelesungen/Konzerte als neue Form von Veranstaltungen, Kniffeln mit Freunden über Zoom, mehr Memes, mehr Singen, mehr Staunen.

Ich kann diese Aussage nicht belegen, das Gefühl nicht in Zahlen wiedergeben. Ich kann durch die Coronamonate scrollen und schauen, was ich für wichtig erachtet habe zu notieren, meine Erinnerung und meine Wahrnehmung als Beweisstücke anführen, beide sind trügerisch.

Heute, im LD2 schreibe ich viel öfter vom Durchkommen als vom Staunen. Die Notsituation war eine Ausnahmesituation. Doch weil sie es ein / halbes Jahr lang schon ist, kann sie keine Ausnahme mehr sein. Das Erstaunen hat sich verstetigt.

Das, was ich anfangs als ungewöhnlich, als abweichend zur vorherigen Realität wahrgenommen habe, ist notwendiger Alltag, muss längst integriert sein in meine Wirklichkeit, damit alles halbwegs funktioniert. Für das Originelle, was es darüber hinaus geben könnte, das, was unsinnig und nichtig ist und deshalb Spaß verspricht, habe ich wegen all der Pauschalisierungen, der Bitterkeit, des erschöpften Schielens auf die nächste Ministerpräsidentenkonferenz kaum Geduld.

Und Geduld werde ich brauchen. Ich weiß, dass ich mit Bitterkeit und Gereiztheit nicht durchkommen werde. Außer bei der Bewertung des Profifußballs komme ich nicht durch mit Pauschalisierungen: Die Politik hat versagt! Die Impfstrategie ist gescheitert! Die Schulen haben versagt! Alle denken das Virus, keiner an die Kinder! Alle Bürgermeister drängeln sich beim Impfen vor! Der Lockdown ist das Schlimmste, was geschehen konnte!

Wenn ich all die Ausrufezeichen in mein Leben lasse, werde ich bitter. Dann hätte das Virus ganz sicher gewonnen.

Ansonsten: Weil der Rosenmontagszug ausfällt, rollt stattdessen ein Puppenumzug im Kölner Karnevalsmuseum (und wird im TV übertragen). Nach Kritik an einer vorzeitigen Impfung tritt Perus Außenministerin zurück. Aufgrund der Einreisekontrollen bilden sich kilometerlange Staus an der deutsch-tschechischen Grenze. Bei einer Impfung im Saarland erscheinen die Hälfte der Angemeldeten nicht, weil mit AstraZeneca geimpft wird. Diskussion um die Aussage des sächsischen Ministerpräsidenten, dass es in diesem Jahr keinen Osterurlaub geben kann. Diskussion über Schnelltests. Nach einem Gerichtsurteil muss das Jobcenter einem Hartz-IV-Empfänger monatlich 129 Euro für FFP2-Masken zahlen.

15. Februar | Autosuggestion

Momentan verfüge ich über mehr Fotos als Worte dafür, was es zu erzählen gibt. Was gibt es denn zu erzählen? Wie oft kann ich ausgelaugt und zermürbt schreiben? Wie oft: Der Lockdown ist mittlerweile in seinem sechsten Monat und fühlt sich an wie in seinem sechsten Jahr?

Abgesehen von Frisörinnen lässt der aktuelle Zustand alle unzufrieden zurück. Für die einen wird zu wenig getan, die anderen taggen sich bei #allesoffen und verweisen noch mal selbstbewusst auf die niedrige Mortalitätsrate von Covid19 und in den Umfragen bleibt seit einem Jahr die stabile Mehrheit bei »die Maßnahmen sind genau richtig«. Jede zweite, die ich spreche, müsste zufrieden sein. Aber zufrieden ist niemand. Was keine hilfreiche Aussage ist, weil a, wer ist schon jemals zufrieden und b, Zufriedenheit nur einer von vielen Parametern in einer Pandemie sein kann.

Nach einem Tiefpunkt Mitte der letzten Woche befinde ich mich mittlerweile in einem Zustand erleichteter Zuversicht. Noch drei Wochen, dann ist der Lockdown und damit die Pandemie vorbei. Diese Autosuggestion funktioniert ganz gut bei Minusgraden, ist notwendig und blendet bereitwillig entscheidende Teile der Wirklichkeit aus. So schaue ich nur auf die Kurve mit dem »alten« Virenstamm, der in drei Wochen auf eine Inzidenz unter 35 gefallen sein wird, der »magischen Marke«. Dabei lasse ich gutgelaunt außer Acht, wo die Inzidenz am Ende des ersten Lockdowns lag, wo sie liegen müsste, um einigermaßen die Kontrolle behalten zu können.

Ich blende die Kurve mit der Mutante aus. Auch auf das Überschneiden der alten und der neuen Kurve schaue ich nicht, sondern setze darauf, dass dieser kurze Moment im März, wenn beide Zahlen freundlich scheinen, von Dauer sein wird. Ich setze darauf, dass doch alles ganz anders kommt, dass nach dem 7. März alles Notwendige öffnet und dennoch alle vernünftig bleiben und die Mutanten nicht ihre Mathematik umsetzen können, setze darauf, dass ab Juli Impfstoff für Priorgruppe 4 vorhanden sein wird und ab da Hundertausende am Tag geimpft werden und dass der Impfstoff halten wird gegen die Veränderungen.

Ich setze darauf, dass die geplanten Veranstaltungen, Lesungen, Ausstellungen ab Mai stattfinden können, anders als jene Lesungen fürs Frühjahr, die längst abgesagt und auf »später« verschoben sind. Ich setze darauf, dass alles langsam wieder Fahrt aufnimmt und das Versäumte durch gutes Neues ersetzt werden wird.

Ich setze nicht darauf, dass bald nach Ostern ein dritter Lockdown notwendig wird, der diesmal wirklich von allen eingehalten werden muss und der kaum durchsetzbar sein wird, wegen der allgemeinen Erschöpfung, Gereiztheit, Unzufriedenheit. Ich setze darauf, dass die freudige Erleichterung anhält und nicht Häme als letztes Mittel gegen die Kurven bleibt. Ich setze auf Autosuggestion.

Ansonsten: Der Trainer Bayern Münchens erklärt auf einer Pressekonferenz, dass er die sogenannten Coronaexperten nicht mehr hören kann. Aus Vergeltung fordert die tschechische Protestbewegung »Chcipl Pes« (Der Hund ist verreckt) eine Schließung der Grenzen zu Deutschland, um tschechisches Gesundheitspersonal am Grenzübertritt zu hindern. Wegen Lieferproblemen aufgrund der Testpflicht an den Grenzen schließen mehrere Autofirmen ihre Fabriken. Eine Ampulle aus der ersten Charge des Impfstoffs wird im Bonner »Haus der Geschichte« ausgestellt. Laut einer Studie aus dem Saarland ist die Lebenszufriedenheit deutlich zurückgegangen, sind Sorgen, Stress und Depressivität gestiegen, anders als zu Beginn der Pandemie, als die Befragten erklärten, dass die Gesellschaft zusammenrücke, schätzten sie das Verhalten nun als »eher egoistisch und auseinanderdriftend« ein. Nach drei Infektionen wird ein Lockdown über die neuseeländische Stadt Auckland verhängt. Über Hass.

https://twitter.com/caschy/status/1360300651222245377

14. Februar | Coronamaßnahmenkritiker

An diesem Wochenende werde ich zum Coronamaßnahmenkritiker. Das Saarland verbietet Werbung für Produkte, die nicht dem täglichen Bedarf oder der Grundversorgung dienen. Um. Menschen. Keine. Anreize. Zu. Bieten. In. Geschäfte. Zu. Gehen. Wo. Zusätzliche. Kontakte. Entstehen. Könnten.
Um Saša Stanišić zu zitieren: AHAHHHHAHAAHAHAHAHAHAHHAHAHAHAHAHAahahahahaha HAHAHAHAHAHAHAHAHAHCHR chrAHAHAHHAHAHAHAHAHAHAHAhahahahah

Ansonsten: Alle Bundesländer sinken unter eine 7-Tages-Inzidenz von 100. Eine auf einer polnischen Nerzfarm entdeckte Mutante ist auf den Menschen übertragbar. Der Vorsitzende der EVP-Fraktion schlägt einen Exportstopp für den BioNtech-Impfstoff vor. Um die aufgestaute Ware verkaufen zu können, rechnen Modehändler nach Öffnung mit Preisnachlässen bis 90%. Der Fußballspieler Thomas Müller kehrt nach seinem positiven Coronatest aus Quatar zurück nach München und begibt sich in Quarantäne.

13. Februar | Impfdrängler

Erstaunt bin ich öfter, wie vielfältig der Themenbereich »Impfen« doch ist. Das hätte ich, bevor es einen Impfstoff gab und Impfen damit zu einem realen Erzählstrang innerhalb der Pandemie wurde, nicht erwartet; diese eigene Welt, die sich innerhalb der anderen Welt auftut, all die praktischen und moralischen Fragen, das Beiwohnen der konkreten Umsetzung, Milliarden Menschen zu impfen, die Geschichten, die sich dabei ergeben, die Widersprüche, die Versäumnisse, das Unlösbare, das Wissen, das ich dabei erlernen muss, jeden Tag ein Puzzlestück, weil es eben nicht so einfach ist: Impfstoff gefunden = Pandemie beendet.

Die eigentlich ganz simple Frage, was ein Impfstoff tut: Schützt er vor dem Tod, vor schweren Verläufen, vor der Krankheit, verhindert er, dass ich mich anstecke, dass ich andere anstecke? Wenn ich es genauer wissen will: Auf welche Weise funktioniert so ein Impfstoff überhaupt in meinem Körper? Was bedeuten die unterschiedlichen Herangehensweisen (mRNA, Vektor etc.)? Die Frage, was »Wirksamkeit« bei einem Impfstoff meint und wie die Prozentzahlen einzuordnen sind. Ob es »guten« und »schlechten« Impfstoff gibt, woran sich dieses Urteil bemisst, wie ich reagiere, wenn ich »schlechten« Impfstoff angeboten bekäme…

Die Information, dass das Finden des Impfstoffes mit sehr viel staatlicher finanzieller Unterstützung geschehen ist, der gesellschaftliche Gewinn für alle da ist (Schutz vor dem Virus), der finanzielle Gewinn aber an die Firmen geht. Ob es mit dieser Information (nicht der Markt hat das Finden des Impfstoffs geregelt, sondern die Gesellschaft) es nicht legitim ist zu fragen, ob mit dem Impfstoff Gewinne erzielt werden sollten oder ob den Firmen nicht eine angemessene Vergütung zustehen sollte, aber kein übergroßer Profit. Ob es in einer Situation der Impfstoffknappheit während einer Pandemie nicht angebracht wäre, die Patente so lange freizugeben, bis die Pandemie offiziell für beendet erklärt ist, damit so schnell wie möglich so viele Produzenten wie möglich so viel Impfstoff wie möglich herstellen können.

Ein Wort, das ich vor dem Eintreten in die Impfphase der Pandemie niemals erwartet hätte, ist »Impfdrängler« bzw. Impfdränglerin. Das meint Leute, die sich in der Impfreihenfolge aktiv vorschieben. Beispiele dafür gibt es seit Beginn der Impfungen. Die Bürgermeister aus Österreich, die sich wortwörtlich in den Altenheimen vordrängelten, die Landräte aus Sachsen-Anhalte, Freunde von Kommunalpolitikerinnen, Entscheidungsträger in gemeinnützigen Verbänden. Meist wird das Impfdrängeln in Verbindung mit politischen Entscheidern gebracht und die Beispiele, von denen die Rede ist, wirken entsprechend schäbig, charakterlos, unanständig, niederträchtig und unsozial, sind die Erklärungen für das vorzeitige Erhalten einer Impfdosis oft erbärmlich.

Nicht immer ist die Situation eindeutig anrüchig. Das macht es leider so schwer, pauschal zu urteilen, eine Art Impfshaming zu betreiben, jeden, der unter 80 ist, keiner Risikogruppe angehört oder nicht im Gesundheitswesen arbeitet, ein ehrloses Wesen zu unterstellen. Es gibt eben auch die zahlreichen Beispiele dafür, dass Impfdosen übrig waren und dann die anwesenden Feuerwehrleute diese ansonsten verfallenden Dosen erhielten. Es wäre auch Unsinn, wenn es anders gehandhabt worden wäre.

Ein Freund, der in einer Klinik arbeitet, erzählt von einer Liste, in die sich Nachrückende eintragen können, einen internen Link für »übrigbleibende« Dosen. Weil das Zeitfenster der Terminvergabe nur für kurze Zeit offen ist, muss dafür »aktualisieren« gedrückt werden, wie, als wollte man online eine Karte fürs Wacken kaufen, »wilder Westen« nennt der Freund das. Ein Text schreibt von Urlaubsimpfreisen, die für viel Geld angeboten werden; man fliegt in warme Länder (Dubai, Israel, Kuba) und lässt sich dort impfen, ein Shot am Anfang, ein Shot am Ende des Wellnesstrips.

Es ist wichtig, zu differenzieren und es gibt diese Reisen, es gibt diesen Westen, und ich bin froh, dass dieses Wort in der Welt ist, Impfdrängler, jemand, der mit 95% Wirksamkeit geschützt ist mit mRNA dank staatlicher Unterstützung, der es eigentlich noch nicht sein sollte, jemand, der sich in einen ewigen, die Pandemie überdauernden Lockdown der Schande, der Ehrlosigkeit versetzt hat.

Ansonsten: Der Gesundheitsminister erwägt Sanktionen gegen Impfvordrängler. In Israel wird beobachtet, dass nach einer Corona-Impfung Infizierte weniger ansteckend sind. Laut einer Berechnung haben Deutsche durch Covid19 mehr als 300000 Jahre Lebenszeit verloren. Angesichts sinkender Zahlen sieht das Robert-Koch-Institut Deutschland auf einem guten Weg. Eine Studie ergibt, dass handelsübliches Asthmaspray schwere Krankheitsverläufe bei Covid19 verhindert. Weil wegen eines Coronaausbruchs ein erneuter Lockdown für Melbourne verhängt wird, müssen die Zuschauer eines Tennisspieles der Australian Open das Spiel während des Spiels verlassen. Weimar erklärt das nächtliche Ausgehverbot für beendet.

12 02 2021 | Eiszapfen

Die veränderte Welt bleibt weiterhin ästhetisch. Aber sie wird auch gefährlicher. Von den Dachrinnen hängen metergroße Eiszapfen, ihre Spitzen auf die glücklich schlitternden Passanten gerichtet. Lauter Damoklesschwerter, lauter Metaphern. Auch eine Metapher: Der Teich ist mit Absperrband gesichert, damit niemand seine zu Eis gefrorene Wasserfläche betritt. Selbstverständlich liegt das Absperrband lose und übertreten im Schnee, sind auf der Eisfläche Menschen. Keine Metapher, sondern kostenlos: Vor der Herderkirche ist einer der Stände aufgebaut, an dem heute in Weimar bei Vorlage des Personalausweises Masken verteilt werden, 8000x FFP2, 23000x Operationsmasken.

Eine Studie der TU Berlin untersucht den R-Wert in verschiedenen Räumen, an welchen Orten unter welchen Umständen in welchen Größenordnungen wahrscheinlich Ansteckungen stattfinden. Hinten liegen Theater, Museen, Frisöre, vorn, ohne Maske, Oberschulen, Großraumbüros, Fitnessstudios. Damoklesschwerter.

Ansonsten: In den meisten Bundesländern werden Kindergärten und Grundschulen ab übernächster Woche wieder geöffnet. Mehrere Klageandrohungen gegen die Lockdownverlängerung, u.a. von Modehändlern, Einzelhändlern, der Veranstaltungswirtschaft. Aufgrund zahlreicher Nachfragen erklärt Israel, dass Touristen nicht geimpft werden.Um unbemerkt entkommen zu können, legt ein Covid19-Patient Feuer in einem spanischen Krankenhaus. Ein Weihwasser-Spender im Kölner Dom ermöglicht es den Gläubigen, coronasicher an Weihwasser zu gelangen.Für die Ausreisekontrolle aus Tirol werden 1200 Einsatzkräfte abgestellt. Die Bundeskanzlerin erklärt im Bundestag, dass das Vorgehen zu Beginn des Herbstes zu zögerlich gewesen sei. Der Fußballspieler Thomas Müller wird kurz vor Austragung des WM-Klubfinales positiv getestet und kann deshalb am Spiel nicht teilnehmen.

11. Februar | Flockdown Frustration

Ein weiterer Tag im Schnee. Die Seen sind gefroren, begehbare Wege in die Schneeberge geschlagen, Absperrbänder warnen vor Dachlawinen und tödlichen Eiszapfen, die gelben Stellen im schönen weißen Schnee mehren sich. Heute kann ich den gestern vermiedenen Satz schreiben. Der Lockdown wird bis Ende der ersten Märzwoche verlängert.

Und wieder ist alles Matsch: Ich bin froh darüber, weil es absurd wäre, bei den aktuellen Zahlen etwas zu lockern (heute schlug jemand vor, anstatt »lockern« »riskieren« zu verwenden). Gleichzeitig wird an dem seit Monaten beschrittenen zähen Mittelweg stur festgehalten. Es wird ein nächster Termin für ein Lockdownende benannt und zugleich wird dieses Ende an einen Inzidenzwert gekoppelt.

Diese Form des unentschiedenen Verkündens ist unglaublich frustrierend. Bei aller dringlicher Notwendigkeit des Zahlensenkens fehlt jede Form von Zuversicht, ministerpräsidentenkonferenzfarbener Schlack, der sich schmatzend alles einverleibt, was keinem bürokratischen Vorgang entspricht, ein grauer Kompromiss aus zäh und Weiterso, ein Gefangensein in einem einmal ausgeworfenen Netz, in dem sich nun die Gegenwart verheddert hat, oder, um im Bild dieser Tage zu bleiben, so, als ob man wieder und wieder in die einmal gemachten Fußspuren im Schnee tritt, immer denselben Weg beschreiten, panisch bemüht, nur keine neue Fährte auszulegen.

Diese grundsätzliche, irgendwie so schon erwartete Frustration möchte ich zum Anlass nehmen für die Aufzählung von Ähnlichem. Karl-Heinz Rummenige z.B., der Fußballprofis gern bevorzugt geimpft sähe, der Karl-Heinz Rummenige, der gerade für ein unwichtiges Turnier um die halbe Welt fliegt, der Karl-Heinz Rummenige aus jener Sportart, bei der internationale Spiele der Mutanten wegen nicht in Deutschland stattfinden dürfen, weshalb man nach Osteuropa ausweicht, der Sportart, dessen Profibereich den Umständen entsprechend alles ermöglicht wurde, der Sportart, bei dem die Profi sicher vieles sind, aber keine Risikogruppe, dieser Karl-Heinz Rummenige möchte bevorzugt impfen und da wünsche ich mir, dass der Profibereich für den Rest des Jahres mal mit dem Amateurbereich tauscht, so lange, bis alle geimpft sind, rein aus Solidarität.

Getriggert auch vom Schulkonzept, vorgestellt von der Bildungsministerin, Expertengremien, die nach zehn Monaten Pandemie Lüften, Masken und Abstand halten empfehlen. Ich weiß, dass dies eine verkürzte Darstellung ist, aber zugleich lese ich von Lehrerinnern, die kein Digitalunterricht mehr geben können, weil ihr privates Datenvolumen aufgebraucht ist und von der Schule keines bereitgestellt werden kann.

Ich will nicht glauben, dass für Schulen eine »Priorität« beschworen wird, aber nur, wenn es darum geht, was zuerst geöffnet werden darf und nicht, wie dieses Geöffnetsein aussieht. Dass man in zehn Monaten der Pandemie nicht wirklich begonnen hat, die Versäumnisse und zurückgehaltenen Förderungen nachzuholen, dass nicht im Bildungswesen Geldmassen bewegt werden, endlich, und ich weiß, auch dies ist vereinfacht und nicht fair, weil viele gute Leute Gutes tun und sich aufopfern.

Im Ganzen bleibt ein unglaublich zäher Wulst, eine träge, der Gegenwart Jahrzehnte hinterherhinkte Masse (so, wie damals die Musiklehrerin, die für uns »junge Leute« Musicals als modernste Form von Musik auf dem Plan hatte), ein System, das nicht einmal in so einer Ausnahmesituation zu Veränderungen fähig scheint, nicht einmal zu sehen scheint, dass diese notwendig sind.

Getriggert auf jeden Fall von Tirol, dem Land der Mutanten. Nicht nur, dass dort die Verantwortlichen nach zehn Monaten Pandemie nicht verstanden haben wollen, wie eine Pandemie verläuft, Tirol ist buchstäblich das Land, das für eine wesentliche Eskalation der Pandemie verantwortlich war. Mit diesem Wissen in dieser vollumfänglichen Arroganz aufzutreten, die so viel Schaden verursacht hat und verursachen wird, macht mich fassungslos.

Nicht getriggert, aber zumindest interessiert an der Diskussion um die Öffnung der Frisörsalons. Frisieren als Toppriorität, u.a. auch, weil so viel schwarz frisiert wird, was nicht coronasicher abläuft, mit der Öffnung soll zumindest dieses Sichere gewährleistet werden. Diese Öffnung ist wahlweise ein Votum des Volkes oder eine Kapitulation.

Auf ebenfalls interessierte Weise triggert mich die Geschichte des Unternehmers, der in Eigenregie einen funktionierenden Impfstoff gegen das Sars-CoV-2-Virus erfand. Der Unternehmer und studierte Mediziner, der sich mehrmals rassistisch und sexistisch äußerte und 2015 den Sturz Merkels forderte, ist Besitzer eines Kaufhauses in Görlitz, in dem Wes Anderson »Grand Budapest Hotel« drehte. Den Totimpfstoff hatte der Unternehmer bereits im Frühjahr 2020 an sich und seiner Familie probiert und mittlerweile an weiteren 60 Freiwilligen. Christian Drosten und Hendrik Streeck bestätigten die Wirksamkeit. Verklagt wird der Unternehmer der Tests wegen, in dem Verfahren wird er von Wolfgang Kubicki vertreten. Von allen seltsamen Geschichten, die in der Pandemie geschehen sind, ist das eine der seltsamsten.

Ansonsten: BioNtech beginnt mit der Impfstoffproduktion in Marburg. Ab Ende Februar soll es in Israel Impfausweise geben, »Grüne Ausweise«, mit denen bestimmte Örtlichkeiten wieder betreten werden dürfen. Pro Tag werden in Amerika 1,5 Millionen Menschen geimpft. In Deutschland sind über 2 Millionen Menschen geimpft. Weil in Jena bei -10° die Fernwärme ausfällt, werden die coronabedingten Kontaktbeschränkungen für die Betroffenen aufgehoben, es sei »zulässig, wenn Angehörige eines Haushalts sämtliche Angehörige eines von der Kälte bedrohten Haushalts aufnehmen«. Ein Mathematiker berechnet, dass alle derzeit existierenden Sars-CoV-2-Viren in eine Coladose passen würden. Brauer müssen Million Liter momentan unverkäuflichen Fassbiers wegschütten.

10. Februar | Flockdown II

Im Schnee gewesen. Anschließend keine Lust, den Satz zu schreiben »sickerte durch, dass der Lockdown voraussichtlich bis März verlängert wird«.

Ansonsten: Laut einer Studie trugen die Antimaßnahmen-Demonstrationen im November zu einer starken Ausbreitung des Virus und bis zu 21000 Infektionen bei. Sachsen beschließt, ab Montag die Schulen wieder zu öffnen. Österreich beschließt, dass eine Ausreise aus Tirol für zehn Tage nur mit negativem Corona-Test erlaubt ist. Die politische Führung in Tirol bezeichnet die Maßnahmen als »Rülpser aus Wien«. Die Fachleute der WHO haben in China nicht klären können, auf welche Weise das Virus auf den Menschen übergegangen ist. Weltweit ist die Nachfrage nach dem russischen Impfstoff Sputnik V sehr groß. Weil Fußballprofis als Vorbilder einen gesellschaftlichen Beitrag leisten könnten, sollten sie laut Karl-Heinz Rummenige bei der Impfung bevorzugt werden. Die 117jährige Ordensschwester André übersteht eine Corona-Infektion. Die Sieben-Tage-Inzidenz sinkt unter 75.

9. Februar | Flockdown

Es ist wunderschön. Über Nacht bringt der große Polarwirbelsplit hüfthoch Neuschnee. Am nächsten Tag sind die SUVs bis zum Dach eingeschneit, ziehen Eltern ihre Kinder auf Schlitten über die nahezu autofreie Fahrbahn, wie überhaupt alle auf den Straßen laufen, mit Skiern geht es durch die Stadt, Schulen sind ausgesetzt, es wird empfohlen, wenn möglich, nicht zur Arbeit zur erscheinen. Über Nacht sieht die Welt nicht nur wie eine andere aus, man muss sich auch anders in ihr verhalten.

Wieder mal, müsste ich nach einem Jahr Pandemie schreiben, wieder einmal eine veränderte Welt. Aber diesmal ist die Veränderung nicht nur in den Newstickern, sondern vor jedem Fenster zu sehen, ist das Chaos, das einsetzt, ein gutes, eines mit roten Wangen und einer beherzt eingesetzten Anarchie des Möglichen. In diesem Ausnahmezustand fotografiert man, weil man sich daran erinnern möchte.

Gestern hat jemand den Begriff Flockdown für diese Welt gefunden – der Lockdown im Winter der Pandemie. Das, was der Lockdown nicht in vollem Umfang schafft, schaffen die Flocken: die Arbeit wird aufs Home Office verlegt, der Nahverkehr fällt aus, der Fernverkehr wird stark eingeschränkt, Schulen und Kindergärten sind geschlossen. Die Cluster gefrieren bei minus zehn Grad, für die nächsten Tage soll dieser reproduktionszahlsenkende Zustand so bestehen bleiben. Wie schön wäre es, wenn sich in einer Woche eine Delle in den Kurven zeigte, ein Abfall der Zahlen, der Flockdowneffekt, der uns näher an die Inzidenz 10 bringt, der Polarwirbelsplit als Befürworter von No Covid?

Das wäre wunderschön, wenn nicht zeitgleich die Nachricht käme, dass der Impfstoff von AstraZeneca kaum gegen die südafrikanische Mutante wirkt, AstraZeneca, deren Impfstoff flächendeckend auf dem afrikanischen Kontinent eingesetzt werden sollte. Die Nachricht, dass Tirol, das Gebiet mit dem höchsten Anteil der südafrikanischen Mutante außerhalb Südafrikas, den Lockdown lockert. Wenn mittlerweile jeder schon mal einen Blick auf die Animationen mit der Verbreitungsgeschwindigkeit der britischen Variante in verschiedenen Ländern geworfen hat und insgeheim jeder in einem wachen Moment hochgerechnet und festgestellt hat, was es heißt, wenn aus dem Flockdown das F wieder verschwindet.

Ansonsten: Bayern erwägt eine Grenzschließung zu Tirol. Am 8. Februar nehmen in NRW die Impfzentren ihren Betrieb auf. Laut einer Studie wirkt der BioNTech-Impfstoff gegen beide Mutanten. In Südkorea werden kostenlose Covid19-Tests für Haustiere ausgegeben. Weitere Fußballspiele werden der Mutante wegen in den osteuropäischen Raum verlegt. Unter den 25000 Zuschauerinnen beim Super Bowl befinden sich 7500 bereits Geimpfte aus dem Gesundheitswesen. Die Gesamtzahl der Coronatote in den USA steigt auf 463911. In Deutschland sinken weiterhin die Werte.

8. Februar | Fixed Where We Are

Eine Familie steht vor drei Mikrofonen. Auf die Melodie von »Total Eclipse of the Heart« singen zwei Erwachsene und vier Kinder über den Lockdown, ihren Lockdown.

Ich schaue das Video mehrmals, es berührt mich. Sechs sind zusammen, durch äußere Umstände gezwungen auf engem Raum viel Zeit miteinander zu verbringen. Sie müssen das gemeinsam durchstehen und doch hat jede hat ihren eigenen Blick darauf. Die Mutter singt, dass es sich anfühle, als wäre sie der Room Service für die anderen. Die Mädchen singen, dass sie manchmal Angst haben. Die Jungen singen, dass sie niemand anderen treffen können. Die Kinder singen, dass sie längst alle roten Linien ihrer Eltern überschritten haben, dass sie grundlos Streit anzetteln, dass sie sich auf die Nerven gehen, dass sie größer werden, wachsen, ein Teil der Kindheit im Lockdown verbringen.

Die Familie ist ehrlich zueinander. Die Zeilen, die sie geschrieben haben, erzählen davon, was sie in den letzten Wochen und Monaten gefühlt haben. Es ist schwer, miteinander zu sein und das ständig. Und zugleich – sie singen. Sie haben sich etwas gesucht, das sie gemeinsam tun können. Sie haben gemeinsam einen Text geschrieben, gemeinsam geübt, gemeinsam einen Tanz einstudiert. Gemeinsam stehen sie dort und singen miteinander.

Das, was sie beschäftigt, sicher auch belastet, der ewige Alltag im Lockdown, das Verharren der Zeit, das Einfrieren der Tage, das Immergleiche, das zermürbt und anstrengt, bei dem jeder Funken ein Tropfen sein kann, der ein Fass zum Überlaufen bringt, das Zähe, das aufs Gemüt schlägt und zum Streit führt, zum Ärger aufeinander, all der Wahnsinn, den, wenn man ihm im Rückblick beschreiben sollte, nichtig, banal und klein wirken wird, der aber jetzt, Anfang/Mitte Februar, nach Wochen und Monaten im Lockdown, draußen die Pandemie, relevant ist und die ganze Welt ist, weil die ganze Welt stayathome ist, diesen widrigen Zustand haben sie in dieses Lied gepackt. Gemeinsam stehen sie vor drei Mikrofonen und singen »There is nothing we can do / we`re totally fixed where we are«

Wenn ich ein Bild suchen würde für Resilienz in der Pandemie, dann wäre es dieses Video.

Ansonsten: Die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie fordert eine Öffnung der Autohäuser ab 15.2. Der Deutsche Städtetag fordert, dass Lehrerinnen und Erzieherinnen früher geimpft werden. Ministerpräsident Kretschmann bezeichnet den Lockdown light von November als Irrtum. Die Thüringer Regierung erarbeitet einen Stufenplan für mögliche Lockerungen vor, diese sind an sechs Inzidenzstufen gebunden.

Laut einer Studie schützt der Impfstoff von AstraZeneca nicht vor leichten und mittelschweren Erkrankungen bei der Südafrika-Mutation. Weil das Fußballspiel zwischen Liverpool und Leipzig wegen der Mutanten nicht in Leipzig stattfinden darf, fliegen die Mannschaften nach Budapest, um dort gegeneinander zu spielen. Der heftige Schneefall führt zu dem Neologismus Flockdown. Eine Privatperson aus Görlitz entwickelt einen funktionierenden Impfstoff gegen das Sars-CoV-2-Virus, weshalb die Staatsanwaltschaft Lübeck nun gegen ihn ermittelt.

7. Februar | Verhandeln

Ein Tag der extremen Nebeneinander. Saharastaub im Süden des Landes, im Norden Jahrhundertschneefall. Auf dem Theaterplatz zwei Demonstrationen. Erst »Wach auf! Die gefährlichste VERSUCHung seit es Impfungen gibt«, danach »Solidarisch durch die Krise«. Auch im Zeitempfinden heute eine extreme Gleichzeitigkeit: der gutmütig ahnungslose Februar 2020, dieser verklumpte und verklebte Februar, die mit wenig Zuversicht beladene naheste Zukunft, darüber hinaus die kommenden Monate, das Jahr.

Für die nächsten Wochen zeichnet sich eine Verlängerung des Lockdowns bis Februarende ab, vier Monate Lockdown dann im Ganzen. Die Notiz, dass, um den Durchhaltewillen zu stärken, kleine Maßnahmen für etwas »Aufhellung« sorgen sollen. Als Beispiel Lockerungen beim Blumenverkauf vor Valentinstag. Eine liebe Geste, deren Symbolik ins Gegenteil umschlägt, weil Blumenkaufen von den Dingen, die man gern wieder tun würde, nicht allzu weit oben rangiert, weil es höhnisch und hämisch erscheint, obwohl es doch auch nett gemeint sein könnte.

Ich lese einen Satz über den deutschen Mittelweg, der mit monatelangem Lockdown Light alle psychisch belastet und zugleich ausreichend Raum lässt für im Durchschnitt über 670 Tote am Tag, der Satz ist bitter gemeint, als Kritik. Dazu ein Interview mit der Virologin Melanie Brinkmann. Sie beschreibt darin ihre Sicht auf die Pandemie, die Maßnahmen, den kommenden Verlauf und vor allem ihre Erfahrungen bei der Beratung der politischen Entscheidungsträgerinnen. Einmal sagt sie: Geschacher. Man verhandelt über Inzidenzwerte, Wissenschaftler empfehlen 10, maximal 35, die Ministerpräsidenten sind sich uneins, die Politik einigt sich auf 50, obwohl es dafür keine wissenschaftliche Basis gibt.

Bei dem Wort »Geschacher« halte ich an. Aus ihrer Sicht, der Sicht der Wissenschaft, muss das so klingen. Einen »Basar« nennt sie das. Aus Sicht der Politik ist das anders. Von verschiedenen Seiten aus zu einem Kompromiss zu kommen, ist Politik.

Als ich das lese, denke ich an einen der berühmten Pandemie-Spruch: »Das Virus verhandelt nicht.« Aber Politik verhandelt. Ich denke an Luhmanns Systemtheorie. Dort sind es verschiedene gesellschaftliche Bereiche, die sich alle nach ihren eigenen Regeln organisieren. Treffen unterschiedliche Bereiche aufeinander, verursacht das Reibung. Die Systeme werden gestört, weil sich die verschiedene Regeln übereinanderlagern, erst geklärt werden muss, was in diesem Zusammenspiel der Bereiche gültig ist.

Hier sind es zwei Bereiche. Wissenschaft und Politik. Die Regel der Politik ist: Verhandeln. Nur: Die Basisreproduktionszahl lässt sich nicht verhandeln. Exponentielles Wachstum lässt sich nicht verhandeln. Verhandeln lässt sich, wie verschiedene Szenarien bewertet werden sollen. Dazu müssen diese Szenarien aber benannt und als mögliche Zukunft erachtet werden.

Dieses Fehlen der Gegenüberstellung der Folgen der Wege, die man gehen könnte, ist auch, was dem Instagramvideo neulich abging. Es genügt nicht zu sagen: Der Lockdown bringt Schaden und dieser Schaden sieht so aus. Dazu muss auch gesagt werden: Das Virus bringt Schaden und dieser Schaden sieht so aus. Ab da kann verhandelt werden. Und wenn man gemeinschaftlich zu dem Schluss kommt, dass der Schaden durch den Lockdown größer ist als der Schaden, den ein freilaufendes Virus verursacht, dann kann der Lockdown aufgehoben werden. Das Virus wird dann aber dennoch freilaufen.

Diese Rechnung gilt auch für B117 und B1351. Die Reproduktionszahlen stehen. Sie sind nicht verhandelbar. Es ist nicht verhandelbar, dass die Mutanten ansteckender sind und die dominierenden Varianten sein werden. Verhandelbar ist, was man mit diesem Wissen macht. Was daraus erfolgt.

Ein weiteres Bild kursiert. Ein Graph zeigt zwei Kurven der Infektionen. Eine Kurve sinkt, das bisherige Virus. Die andere Kurve steigt. Die Mutante. Anfang Februar ist sie kaum wahrzunehmen, unvorstellbar, dass aus dieser Zahl eine Bedrohung erwachsen könnte. Im Mai ist die Kurve zu einem steilen Berg gewachsen. Der berechnete Verlauf aus den bekannten Zahlen, ein Szenario.

Es ist wie eine Zeitreise, ein Jahr zurück: Im gutmütigen Februar beginnt eine Kurve anzusteigen, von deren Ursache viele glauben, sie wäre verhandelbar. Nur sind die Zahlen diesmal höher sind, ansteckender. Die Kurve ist wie eine neue Pandemie, die aus der alten erwächst. Verhandelbar ist dieses Szenario nicht. Verhandelbar ist, was wir mit diesem Wissen tun, ob wir schachern.

Ansonsten: In Colorado ermöglicht ein Umarmungszelt Umarmungen in einem Heim für betreutes Wohnen. In Sachsen-Anhalt wird diskutiert, weil Polizisten und Politiker abseits der Impfreihenfolge geimpft wurden. Als Termin für eine zentrale Gedenkfeier für die Toten der Pandemie wird der 18. April genannt.

6. Februar | Wo ist eigentlich die Grippe hin

Grippe und Influenza wurden laut offiziellen Stellen eingedämmt, weil die Menschen die Aha-Regeln so gut befolgen. Corona verbreitet sich so rasant, weil die Menschen die Aha-Regeln nicht befolgen. Beides passiert auf dem gleichen Planeten. Phänomenal.

Diese Zeilen lese ich unter einem maßnahmekritischen Beitrag. Ich stolpere darüber, ich hänge mich daran fest. Ein offensichtlicher Widerspruch wird formuliert, für den ich keine Erklärung habe. Die Zeilen nagen an mir. Ich will ihnen nicht recht geben, aber etwas entgegnen kann ich auch nicht. Ich muss annehmen, etwas stimmt nicht; etwas, das vieles in Frage stellen würde. Ich werde unruhig, ein Bhakdi-Zittern befällt mich. Zugleich habe ich Vertrauen. Aus der Erfahrung der letzten elf Monate habe ich gelernt, dass solche Widersprüche auftreten und dass es dafür Betrachtungen gibt, die helfen beim Verstehen.

Noch am selben Tag lese ich – ohne, dass ich danach gesucht hätte – einen Text, der eine Erklärung versucht: »The Pandemic Broke the Flu«. Der Text beschreibt, dass in den letzten Wochen und Monaten kaum Grippeviren nachgewiesen wurden, dass die Labore, die Virologinnen deshalb erstaunt und beunruhigt sind. Erklärungen werden gefunden: Gegen das Grippevirus gibt es bei allen Infizierten eine Grundimmunität, während Sars-CoV-2 für das Immunsystem neu ist. Die Pandemieregeln unterbinden die typischen Übertragungswege bei der Grippe effektiver als bei Sars-CoV-2, das Coronavirus ist ansteckender. Zusammengefasst: Sars-CoV-2 ist wesentlich erfolgreicher beim Verbreiten und verdrängt die typischen Viren der Wintersaison.

Die Beunruhigung ist: So wird es nicht bleiben. Die Grippesaison ist wichtig, weil es Laboren ermöglicht, mit den Informationen den Impfstoff für das nächste Jahr zu entwickeln. Durch eine Ansteckung kann das Immunsystem Antikörper bilden, die so nicht gebildet werden. Die Befürchtung ist, dass durch das Ausbleiben der Grippe die Grippe in der nächsten Saison umso heftiger wirken könnte.

Dann würden jene, die die Zeilen oben verbreiten, sich bestätigt fühlen in ihrem Bauchgefühl, weil sie zwar einen Widerspruch formulieren, damit aber stehenbleiben, nicht weiterfragen, nicht neugierig sind, nicht wissen wollen.

Und zugleich legt sich mein Zittern. Auch wenn es keine definitive Antwort gibt, gibt es ein Suchen danach, ein erstes Erklären, ein Nichtzufriedengeben.

Ansonsten: Die letzten lebenden dänischen Nerze sind getötet, womit wegen der Anfälligkeit für das Virus landesweit 15 Millionen Tiere gekeult wurden. In der Slowakei beträgt der Anteil von B117 an den Neuinfektionen über siebzig Prozent. In Polen öffnen ab kommender Woche wieder Kinos und Theater. Gegen die Stimmen der Republikaner wird im amerikanischen Senat das Corona-Hilfsprogramm gebilligt. Die Bundesregierung beschließt Corona-Hilfen für nicht festangestellte Schauspielerinnen. Um seine schwerkranke Frau vor einer Erkrankung zu schützen, entwendet ein Arzt eine Impfdosis und wird später dafür entlassen, die Frau wird die notwendige zweite Impfung erhalten. 13000 Neuinfektionen und 855 Coronatodesfälle in Deutschland.

5. Februar | Abschottung der Vernunft

Weil sich Tirol zu einem Hot Spot der Mutanten entwickelt hat, empfiehlt die Virologie Dorothee von Laer die Abriegelung des österreichischen Bundeslandes.

Wenn im Ansonsten der letzten Wochen Österreich auftauchte, dann oft in Verbindung mit Tirol: Hoteliers, die Urlaub in Südafrika machten, Impfstoffe an Privatkliniken, die Skiunfälle behandeln, Bürgermeister, die die Impfreihenfolge umgehen, Après-Ski in St. Anton, Razzia gegen Urlauber aus ganz Europa, die in Tirol Skifahren. In Tirol liegt Ischgl, das Ausgangspunkt der europäischen Virenverbreitung in der ersten Welle war.

Letztens habe ich einen Text gelesen, in dem sich jemand Gedanken macht, weshalb die Pandemie in Deutschland den bekannten Verlauf genommen hat: »Wenn sich die Menschen alle diszipliniert an die Regeln gehalten hätten, wären die Zahlen nicht so in die Höhe geschnellt … [Die Regierung Merkel] ist davon ausgegangen, dass alle – oder zumindest mehr – Menschen in Deutschland vernünftig sind … Womit sie auch nicht gerechnet hat ist, dass so viele Menschen ihre Strategie des “aufeinander Achtens” und das Prinzip der Selbstverantwortung regelrecht sabotieren.«

Daran muss ich denken, als ich von einer möglichen Abschottung Tirols höre. Tirol, ausgerechnet Tirol. Was ist die Alternative zur Vernunft?

Ansonsten: Expertinnen empfehlen, dass auch bereits Covid19 Erkrankte geimpft werden. Die Patente für die Impfstoffe werden vorerst nicht freigegeben. Die EU-Kommissionspräsidentin erklärt, dass man von heute aus gesehen hätte »stärker parallel über die Herausforderungen der Massenproduktion nachdenken müssen«. Laut WHO schlägt sich die Pandemie dramatisch auf die Diagnose und Behandlung von Krebserkrankungen in Europa nieder. Intensivmedizinerinnen fordern eine Verlängerung des Lockdowns um zwei Wochen. Die Regierung beschließt einen weiteren Kindergeldbonus in Höhe von 150€. Nach einem Streit um die Gesichtsmaske wird in Erfurt ein Mann von einem Auto angefahren und mehrere Meter mitgeschleift. Wegen der Mutanten darf die Mannschaft des FC Liverpool nicht für ein Fußballspiel nach Leipzig reisen.

4. Februar | ein Video, zehn Millionen Mal geschaut

Eine Moderation spricht in einem auf Instagram hochgeladenen Video über die Pandemie. Sie möchte den Blick darauf lenken, was der Lockdown für Folgen hat, wie stark er die Menschen belastet. Sie spricht von der Situation der Kinder, von der Zunahme häuslicher Gewalt, der Zunahme von Depressionserkrankungen. Sie fragt, ob der Lockdown nicht mehr schade als er nutzt. Sie distanziert sich von Querdenkern, von Hildmann, von Wendler, von Verschwörungstheorien. Bis heute ist das Video zehn Millionen Mal abgerufen.

Videos wie diese tauchen in der Pandemie regelmäßig auf. Jemand, die keine Expertin ist und expliziert auch nicht als solche verstanden werden will, spricht über die Pandemie. Sie tritt als Privatperson auf und verfügt deshalb über eine besondere Form der Authentizität. Sie ist echt. Sie ist die Stimme, die nicht gehört wird. Deshalb wird sie oft geteilt.

Wenig später höre ich den neuen Update-Podcast. Auch dort sind Kinder das Thema. Der Experte erklärt, weshalb Kinder, anders als bei einer Influenza-Pandemie, bei Corona keine sogenannten Beschleuniger der Ausbreitung sind. Er sagt, dass es etwa 13 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland gebe und erklärt, dass es virologischer Sicht vertretbar sei, Schulen und Kindergärten zu öffnen, wenn dafür diese 13 Millionen Kontakte an anderer Stelle vermieden werden.

Und er sagt, dass aus virologischer Sicht erst einmal alles gesagt sei zum Thema Schulöffnungen, jetzt müssten die anderen Fachbereiche kommen und ihre Anmerkungen machen: »Also es ist genau richtig, wenn die Kinderärzte sagen, Infektionsepidemiologie hin oder her, aber wir sehen die Kinder und wir sehen, wie die leiden. Das hat auch medizinische Folgen, sowohl körperliche wie auch seelische Folgen. Und wir sind als Ärzte am Kindeswohl insgesamt interessiert. Die Pädagogen natürlich, die das von ihrer Seite reflektieren und die auch noch mal für den Schulbetrieb andere Lösung beitragen können, da ist dann irgendwann einfach der Virologe außen vor.« (ab Seite 8)

In dieser Art der Weltenerklärung fühle ich mich heimisch. Es ist eine geordnete Beschreibung der Situation, der aktuelle Istzustand wird erläutert, Veränderungen und Probleme werden benannt, in die Vergangenheit wird geschaut, Szenarien werden entwickelt, die Lösungsvorschläge enthalten, es werden die Grenzen des Machbaren aufgezeigt, die weißen Flecken im Wissen werden nicht verschwiegen, die Widersprüche. Das Berichtete ist nicht absolut. Es ist komplex, aber nachvollziehbar und wird immer wieder in Verbindung gebracht zum Alltag, zu einer praktischen Umsetzung. Dieses Erklären dient dem Verstehen, nicht dem Fühlen.

Das Video der Moderatorin erklärt auch. Aber dieses Erklären will nicht verstehen. Es wägt nicht ab, es zeigt nicht Für-und-Wider, es will nicht nüchtern sein. Dieses Video will mich überwältigen mit Fühlen, mit einem Angegriffensein, ist eine Fünfzehn-Minuten-Fassung des Simpsons-Meme »Denkt doch mal jemand an die Kinder«. Dagegen kann ich schwer sein. Jeder denkt an die Kinder. Jeder will, dass der Lockdown vorbei ist. Jeder will keine Zunahme häuslicher Gewalt und depressiver Gewalt.

Ich bin einverstanden mit diesem Wollen, natürlich, wie könnte es anders sein. Aber mehr erzählt mir dieses Video nicht. Es ist unvollständig, weil es verschweigt, was geschieht, wenn seine Forderung – die Beendigung des Lockdowns – umgesetzt wird. Was es bedeutet, wenn das Virus einmal durch die Bevölkerung läuft. Dieses Szenario spart die Moderatorin aus. Doch um entscheiden zu können, braucht es diese Information. Das Video ist unvollständig – und damit auch unredlich.

Ansonsten: Der Gesundheitsminister stellt eine Wahlmöglichkeit bei den Impfstoffen in Aussicht. In Großbritannien sind zehn Millionen Menschen geimpft. Der Ticketverkäufer Eventim schlägt vor, dass Konzertveranstalter die Teilnahme an Veranstaltungen von einer Impfung gegen Corona abhängig machen. Kleinere Veranstaltungen oder Restaurantbesuche könnten mithilfe von trainierten Spürhunden sicherer gegen das Virus gemacht werden.

Bei dem im Juni beschlossenen Hilfen erweist sich der Kindergeldbonus als wirkungsvoller als die Senkung der Mehrwertsteuer. Nachdem bei einem Hotelmitarbeiter eine Infektion festgestellt wird, müssen 500 Tennisspielerinnen für die Australian Open in Quarantäne verbleiben. Für Dienstag werden 9705 Neuinfektionen und 975 neue Todesfälle gemeldet.

3. Februar | Atmen im Park

Momentan gibt es nichts, dass ich neu fühlen müsste. Ich bin zwischen den Zeiten, stecke hüfttief im Treibsand des Lockdows, ein Zustand, der für Thüringen heute um eine Woche verlängert wurde. Anstatt Gereiztheit eine Art überdrehte Gleichgültigkeit, vorerst gehe ich verhältnismäßig gutgelaunt in Gespräche und Artikel über die Pandemie.

Gestern fand ein sogenannter Impfgipfel statt, ein Treffen von Entscheidungsträgern, dem keine Entscheidungen folgten, ein Termin, welcher der Repräsentation dient. Einziger Beschluss: Dem Impfstart in Deutschland darf nun offiziell das Wort »verkorkst« vorangestellt werden.

Natürlich ist alles komplexer. Man könnte daraufhin hinweisen, dass der geringeren Zahl der bestellten Impfdosen durch die EU bessere Preise und eine abgewendete Haftungspflicht gegenübersteht, es wurde verhandelt und am Ende standen diese Ergebnisse. Ich könnte fragen, ob das die Priorität sein sollte, ob das, was mich glücklich macht, eine abgewendete Haftungspflicht oder ein früherer Impftermin sein sollte. Die Augen der Entscheiderinnen und Entscheider, die im letzten Jahr darüber entscheiden mussten, sind gerötet, die blasse Farbe ihrer zu wenig Schlaf bekommenden Haut überträgt sich auch auf die Argumentation.

Unabhängige Studien schreiben dem russischen Impfstoff Sputnik V eine Wirksamkeit von über neunzig Prozent zu. Über Sputnik V habe ich in den Coronamonaten skeptisch geschrieben, lässig, auch lästernd, habe auf die fehlenden Studien verwiesen. Ernst genommen habe ich den Impfstoff nicht. Sollten sich die Zahlen bestätigen, muss ich Abbitte leisten und freue mich, dass es einen weiteren wirkungsvollen Schutz vor dem Virus gibt.

Am Abend laufe ich durch den Park. Es ist dunkel und kalt. Während des Laufens fällt mir auf, dass ich atme. Ich atme aus und meine Aerosole visualisieren sich in Dampfwölkchen. Interessiert betrachte ich die Ausbreitung meines Atmens, sie verflüchtigt sich wesentlich später als gedacht. Weil ich allein im Park bin, spreche ich, ich singe, ich huste, um zu sehen, wie weit die unterschiedlichen Laute treiben. Mir wird klar, dass aller Abstand, den ich in den letzten Wochen zu denen hielt, die ich draußen traf und sprach, innerhalb dieser Wolkenbewegung lag.

Dieser Erkenntnis könnte wichtig sein, denke ich, die Lichter des seit November geschlossenen Bauhaus-Museums spiegeln sich auf den Eisschollen im Teich. Später lese ich von den E484K-Mutanten, einer Genveränderung der Virenstämme aus Südafrika und Brasilien, die nun in der britischen Corona-Variante auftreten, jeweils unabhängig voneinander entwickelt, was den Schluss zulassen könnte, dass dies die Evolution von SARS-CoV-2 darstellen könnte, eine natürliche Weiterentwicklung, ansteckender und, wie neue Ergebnisse zumindest andeuten, auch tödlicher.

Ansonsten: Thüringen verlängert den Lockdown bis zum 19. Februar. In Nürnberg streiken Schülerinnen gegen die Präsenzpflicht am Unterricht. Zum Anglizismus des Jahres wird »Lockdown« gewählt, »überzeugt hat die Jury … seine schnelle Integration in den Wortschatz des Deutschen«. In Berlin wird eine Maskenpflicht für alle Mitfahrerinnen in einem Auto beschlossen. Die Kanzlerin bittet die Bürger »noch eine Weile durchzuhalten«. In Köln sind zehn Prozent aller Infektionen auf die Mutanten zurückzuführen, im Großraum Paris liegt das Auftreten von B117 bei zwanzig Prozent.

700 Millionen Menschen sollen in diesem Jahr mit Sputnik V geimpft werden. Weil er vergisst, dass er eine Schutzmaske trägt, schlägt die Bissattacke eines Reisenden gegen eine Fahrkartenkontrolleurin in Hessen fehl. Der hundertjährige Tom Moore, der im letzten Jahr in einem Spendenlauf mit Rollator 32 Millionen Pfund für den Nationalen Gesundheitsdienst gesammelt hatte und dafür von der Queen zum Ritter geschlagen wurde, stirbt nach einer Covid19-Erkrankung.

2. Februar | endlich Erkältung

Ein Video mutmaßt über das Ende der Pandemie: SARS-CoV-2 könnte als jährlich wiederkehrende Erkältung enden, dann, wenn die meisten geimpft sind oder sich schon infizierten, dann, wenn das Immunsystem das Virus kennt und eine Erkrankung deshalb mild verlaufen wird. Die ohne Antikörper werden (Klein)Kinder sein, bei Kindern ist der Verlauf ohnehin milde, und wenn sich herausstellen sollte, dass das anders ist, erhalten die Kleinkinder bei der U4 eine SARS-CoV-2-Impfung, so wie gegen Pneumokokken oder Diphtherie.

In diesem Szenario wird sich SARS-CoV-2 einreihen in die Schlange der besiegten Viren. SARS-CoV-2 wird keine Gefahr mehr darstellen, keine Sorgen verursachen. SARS-CoV-2 wird eines von vielen sein und die Kinder werden später als Erwachsene nur schwer nachvollziehen können, warum dieses SARS-CoV-2 für zwei Jahre die Welt lahmlegte.

Die Herleitung zu dieser Vorstellung eines domestizierten SARS-CoV-2 ist nachvollziehbar, die Gründe, weshalb das Virus heute noch eine so große Gefahr darstellt, in einem Jahr schon nicht mehr, sind gut zu verstehen. Über die Logik, mit der Bedrohungen einmal im Sand verlaufen, habe ich vorher nie nachgedacht und jetzt, da es vor meinen Augen geschieht, erscheint mir dieser Verlauf beeindruckend schlüssig.

Bevor das Video dieses Ende zeichnet, beschreibt es den Weg dahin und die Fehlannahmen, die diesen Weg erschweren und verlängern könnten. Das Video erklärt den R-Wert und weshalb es nicht damit getan ist, die Risikogruppen zu impfen, unter welchen Bedingungen welche Teile der Bevölkerung geimpft sein müssen, damit SARS-CoV-2 einmal als Erkältung, vielleicht harmloser als die Grippe, endet und nicht zu einem erneuten Aufflammen der Zahlen kommt.

Dass dieser Weg nicht vorgezeichnet ist, machen verschiedene Vorstöße aus den letzten Tagen deutlich. Vorgestoßen wird durch Überlegungen, Vorschläge, Forderungen zu Lockerungen. Die Zahlen sinken beharrlich, bei 11000 Neuinfektionen liegt der 7-Tages-Durchschnittswert. Eine Zahl, die vom Dezember und Januar aus gesehen Anlass zu Freude gibt, vom März 2020 aus gesehen, als die Horrorzahl bei 6000 lag, erscheint es seltsam, über ein Rückfahren der Maßnahmen zu sprechen.

Im Maße, wie die Zahlen sinken, steigen die Rufe nach Lockerungen. Ich wünschte, dieser zermürbende Coronawinter wäre schnell vorbei und noch mehr wünsche ich mir das Szenario von SARS-CoV-2 als Erkältung.

Ansonsten: In Österreich wird beschlossen, ab nächste Woche die Maßnahmen zu lockern. Bei polnischen Nerzen wird Covid19 festgestellt. Die Bundesregierung rechnet mit 300 Millionen Impfdosen bis Jahresende, genug für jeden Impfwilligen. In Israel werden die Impfungen in Alters- und Pflegeheimen abgeschlossen, in Großbritannien alle Erstimpfungen in Altersheimen. Wegen der Fälschung von Impfstoffen mit Kochsalzlösung werden in China 80 Verdächtige festgenommen. Im Südthüringer Landkreis Schmalkalden-Meiningen ziehen hundert Närrinnen bei einem illegalen Lichtmess-Umzug kostümiert durch den Ort. 120 treffen sich in Weimar zu einem Coronaspaziergang.

1. Februar | Übersterblichkeit

Seit einigen Tagen sind Zahlen zur Übersterblichkeit verfügbar, Zahlen, die Auskunft geben, ob 2020 mehr Menschen als in den Jahren zuvor starben, Zahlen schließlich, die, je nach Blick auf die Pandemie, beweisen, dass das Virus gefährlich ist oder nicht.

Es müsste eindeutig sein: einfach eine absolute Zahl neben eine andere legen. Bei näherer Beschäftigung stellt sich alles etwas komplexer dar. Ja, die absolute Zahl ist größer als in den Jahren zuvor. Nein, eine deutliche Übersterblichkeit kann deshalb nicht festgestellt werden, interpretieren einige Texte. Eine Übersterblichkeit ist vorhanden, steht in anderen geschrieben.

Verschiedene Faktoren werden genannt: Der Anteil Älterer an den Toten. Die Anzahl Älterer im Vergleich zu den vergangenen Jahren. Eine Hitzewelle im Sommer. Eine ausbleibende Grippewelle. Eine Übersterblichkeit im März/April. Danach eine Untersterblichkeit. Ab Mitte Oktober eine Übersterblichkeit. In Sachsen in einigen Wochen eine Übersterblichkeit von über 40%. Eine allgemeine Untersterblichkeit von Jüngeren. Der Vergleich mit den vergangenen Jahren, in dem ein Jahr besonders hohe Zahlen aufwies, was deshalb die Statistik beeinflusst. Der Blick in andere Länder. Dazu erklären die Statistikerinnen, dass noch nicht alle Zahlen vorhanden sind, ab Jahresmitte werde damit gerechnet, erst dann lasse sich der Einfluss von Covid19 auf die Todeszahlen wissenschaftlich fundiert nachweisen oder nicht.

Es sind Zahlen, aus denen sich so alles herauslesen lässt. Wer will, schaut auf die geringe Anzahl von Grippetoten und verrechnet diese siegesgewiss mit den Coronatoten. Wer will, der rechnet die Todeszahlen aus Sachsen, die höher sind als die Coronatoten, gegen und sieht sich in den verheerenden Auswirkungen des Lockdowns bestätigt. Wer will, greift sich Monate heraus und sieht dort eine Untersterblichkeit. Wer will, schaut auf den ständig steigenden Altersschnitt und muss zu dem Schluss kommen, dass die hohe Todeszahl wenig überraschend ist und nichts mit dem Virus zu tun hat.

Ich wünschte, es würde diese eine unumstößliche Zahl geben, eine Zahl wie ein Monument, das mit einem Mal alle Spekulationen, alles Querdenken beendet würde, eine Zahl, nach der Sucharit Bhakdi Abbitte leisten müsste, eine Zahl, die ich in allen Diskussionen wie einen Feuerschweif tragen könnte.

Stattdessen lege ich den zeitlichen Ablauf des Coronajahres, den Wechsel zwischen Infektionshöchstwerten und Lockdowns über die Sterblichkeitszahlen und sehe nach, wie die Linien verlaufen, murmele »No Glory in Prevention«, habe in der Pandemie gelernt, dass eine Pandemie komplex und vielschichtig ist, dass sich die Zahlen darin zum Teil zu widersprechen scheinen, dass eine Zahl immer Teil ihrer Umgebung ist, dass dieses Verstehen elementar ist für jeden Feuerschweif.

Ansonsten: Zur Eindämmung der Virusverbreitung schließt Portugal seine Grenzen. Um den überlasteten Krankenhäusern zu helfen, werden mit der Bundeswehr mehrere Notfallteams nach Portugal entsendet. Nachdem der Sicherheitsmann eines Quarantänehotels positiv getestet wird, wird die Millionenstadt Perth in einen Lockdown versetzt. Weil in einem Krankenhaus in Seattle ein Kühlschrank defekt ist und die Impfdosen schnell verabreicht werden müssen, werden 1600 Menschen außerplanmäßig geimpft.

In Wien treffen sich 5000 zu einem nicht genehmigten »Corona-Spaziergang«. Der hundertjährige Tom Moore, der im letzten Jahr in einem Spendenlauf mit Rollator 32 Millionen Pfund für den Nationalen Gesundheitsdienst gesammelt hatte und dafür von der Queen zum Ritter geschlagen wurde, erkrankt schwer an Covid19. Zum dritten Mal lehnt die Bürgerschaft in Hamburg es ab, Obdachlose in wegen des Lockdowns leerstehenden Hotelzimmern unterzubringen, bisher sind in diesem Winter elf Obdachlose in der Stadt erfroren.

31. Januar | Denkmal

Jeden Morgen werfe ich einen schnellen Blick auf die Zahlen. Wenn die Zahl der Toten unter 800 liegt, freue ich mich, es ist ein guter Tag, es sind nicht tausend Tote. Diese Form der Freude ist ein Ritual der Pandemie, ich reflektiere nicht mehr, wie schrecklich diese Freude ist.

Ich frage mich, ob es einmal ein Denkmal für die Coronatoten geben wird. So wie Pestsäulen? Wie die Weltkriegsdenkmäler in den Dörfern? Oder ein zentrales Denkmal in Berlin, in Heinsberg, in Zittau oder Tirschenreuth? Wie wird man den Toten gedenken? Wird man ihnen gedenken? Wird es einen Tag im Jahr für das Gedenken geben, mit einem Staatsakt, einer Kranzniederlegung? Ein Datum, an dem in einigen Jahren Deutschlandfunk verlässlich Features senden und in den Feuilletons Aufmacher erscheinen werden? Wird es einen Eventfilm geben mit Florian David Fitz als Virologen, der vergeblich vor der zweiten Welle warnt und Karoline Herfurth als sich aufopfernde Krankenschwester?

Wird das Gedenken in Romanen fortgeschrieben werden, Romane, die in den nächsten Jahrzehnten die Pandemie in ihre Geschichten über das 21. Jahrhundert wie selbstverständlich einweben werden? Wird das so geschehen, wie die Weltkriege dauerhaft Stoff für Geschichten bieten, wird das in kleinerer Form geschehen wie bei 9/11, wo Andeutungen – Hochhaus, Flugzeugschatten, Teppichmesser – genügen, um das Bild einer Epoche zu zeichnen? Werden die Erzählungen redundant sein, das Gleiche und Gleiche wieder und wieder darstellen, so, wie die 1920er heute entweder der Börsencrash oder Roaring Twenties sind, werden wir den Bildern von FFP2-Masken und den irrsten Trumpcoronaaktionen überdrüssig werden?

Werden wir das Gedenken wegschieben wollen? Wird es uns lästig werden, an die Coronajahre erinnert zu werden? Werden wir das Gedenken ins Private verlegen? Wird es mit Scham behaftet sein, nicht nur das Gedenken an die Toten, auch die Erinnerung, wie man selbst die Zeit verbracht hat – das Verstummen, das Verschwinden, das Nichtgeschaffte, die Wut, die Belastung, der Druck? Wie wird dieses Gedenken aussehen? Welche Fotos von den Coronajahren werden wir in unsere Fotoalben von dm drucken lassen, welche Gedenksäulen werden wir sehen, werden wir uns dann erinnern, woran?

Ansonsten: Für Freitag werden 794 Tote vermeldet. Expertinnen der WHO untersuchen in Wuhan den Ursprung der Pandemie. Die Lieferungen des Moderna-Impfstoffs werden reduziert, dafür soll es mehr Lieferungen des BionTech-Impfstoffes geben. Nur sieben Intensivbetten sind in Portugal frei. Bei einer Razzia im Skigebiet Tirol werden 96 Anzeigen gegen Briten, Dänen, Schweden, Rumänen, Deutsche, Australier, Iren und Polen erstattet. Nachdem die Stadt chinesische Stadt Tonghua über Nacht in einen Lockdown versetzt wird und Türen mit Eisenstangen zugeschweißt werden, gibt es Berichte, dass Menschen aus Hunger ihre eigenen Haustiere, z.B. Schildkröten, essen.

30. Januar | stoppen sprengen auflösen

Was die Polizei stoppt sprengt auflöst

eine Firmenfeier in Nürnberg, einen Frisörsalon im Keller, Hochzeiten, Gottesdienste, Kindergeburtstage, eine Party in einer Düsseldorfer Apotheke, auf Koh Phangan eine Party mit hundert, in London eine Party mit dreihundert, in Frankreich eine Party mit zweitausend, einen Weihnachtsmarkt, Glühweinspaziergänge, eine Fetischparty, eine Karaokeparty, eine Garagenparty, eine Kleingartenparty

Ich bin gewöhnt an diese Art von Meldungen. In der Pandemie bin ich gewöhnt daran, dass die Polizei stoppt sprengt auflöst Veranstaltungen, die im weitesten Sinne gute Zusammenkünfte sind, Treffen, die dazu gedacht sind, Wohlbefinden zu verbreiten. Die Polizei unterbindet sie, bestraft die Teilnehmenden dafür.

Ich nehme diese Meldungen hin. Sie erzählen etwas Absurdes, sie unterhalten mich. In gewisser Weise lauere ich darauf, auf die exzentrischen Verfehlungen anderer, bei manchen spüre ich eine Spur Genugtuung, jemand verstößt gegen Regeln, an die ich mich halte und wird dafür zu Recht gemaßregelt.

Was gestoppt gesprengt und aufgelöst wird, sind Dinge der Freude. In so gut wie jeder denkbaren Situation wäre es grotesk, einen Kindergeburtstag mit einem Sondereinsatzkommando zu stürmen, die Erwachsenen verstecken sich mit den Kindern im Schrank vor den Einsatzkräften. Aber jetzt ist Pandemie, jetzt ist ein gesprengter Kindergeburtstag der Normalfall, eine Sprengung, die ich nicht nur nachvollziehen kann, die ich bejahen und fordern muss. Draußen sind die Mutanten unterwegs und drinnen feiern dreißig Kinder.

Ich bin es gewöhnt bin, ich nehme es hin, ich teile. Ich hoffe, dass diese Gewöhnung so schnell wie möglich verschwinden wird.

Ansonsten: Nach zwei Fällen mit der Mutante B117 am Weimarer Krankenhaus wird dort ein Besuchsverbot von einer Woche verhängt. Der Impfstoff von AstraZeneca erhält die Zulassung für die EU, in Deutschland wird er für alle unter 65jährige empfohlen, was bedeutet, dass unter 65jährige eher als geplant geimpft werden können. Pharmakonzerne, die mit der EU Lieferverträge geschlossen haben, müssen Ausfuhrgenehmigungen beantragen. Die Europäische Arzneimittel Behörde stellt einen Monat nach Impfbeginn keinen Todesfall in Zusammenhang mit den Impfungen fest.

Die Regierung beschließt ein Einreiseverbote aus Ländern mit den Mutanten. Der Kanzleramtsminister lobt die Deutschen für ihr vorbildliches Verhalten, weil der befürchtete Anstieg der Infektionen wegen Weihnachten ausblieb. Nach falschen Attesten für Maskenbefreiungen findet bei einem Arzt in Hessen eine Razzia statt. Bis zum Frühjahr werden im Gesundheitsbereich mehr als eine Milliarde FFP2-Masken benötigt.

Die Leipziger Buchmesse wird erneut abgesagt. Nachdem der neue James-Bond-Film von April 2020 auf Winter 2021 verschoben ist, fordern mehrere Sponsoren den Nachdreh bestimmter Szenen, in denen veraltete Produkte mit neuen ersetzt werden können. Nachdem ein Radiosender in fiktiven Nachrichten von 2022 vom Ende der Pandemie berichtet, melden sich »aufgeregte Bürger« beim Sender. Der Gesundheitsminister sagt: Der Weg aus der Jahrhundertpandemie hat begonnen. Übersterblichkeit 2020.

29. Januar | Impfprivileg

Caroline Emcke schreibt: »Als jemand, die vermutlich erst im Sommer geimpft wird, fallen mir keine vernünftigen Einwände ein, warum andere Menschen, die schon geimpft wurden, nicht auch wieder ins Theater oder Kino dürfen sollten. Ich gewinne doch nichts durch deren Verlust.«

Mein erster Impuls gegen diese Worte ist Widerspruch. Ich sehe eine Zwei-Klassen-Gesellschaft wie in jeder auf den ersten Blick utopisch scheinenden Dystopie; die Geimpften als sorgenfreie Elois, die alle Freuden des Lebens genießen, die Ungeimpften als Morlocks, die in Quarantäne unter Tage ausharren müssen. Schon im Moment, als ich diese Analogie ziehe, wird mir klar, dass sie nicht aufgeht, literarisch nicht und auch nicht auf die Corona-Pandemie bezogen.

Ich lese Emckes letzten Satz. Ich gewänne und verlöre nichts, wenn den Geimpften etwas erlaubt wäre. Der einzige Grund, sie ebenfalls den gleichen Beschränkungen wie den Ungeimpften zu unterwerfen, wäre Neid. Die Geimpften in die Kinos und Lesesäle gehen zu lassen, wäre für die Kinos und Lesesäle ein Gewinn.

Dann denke ich: Aber wäre es nicht nett, wenn die Geimpften der Risikogruppen sich solidarisch zeigen würden, so, wie ich es getan habe in den letzten Monaten? Ich habe verzichtet, obwohl ich keiner Risikogruppe angehöre. Kann ich jetzt etwas ähnliches erwarten von den Geimpften? Ist es so wie das Gedankenspiel, das Eckart von Hirschhausen letztens entwarf; weil das Virus für die Älteren gefährlicher ist, haben die Jüngeren verzichtet – weil die Erderwärmung für die Jüngeren gefährlicher sein wird, sollten nun auch die Älteren verzichten, auf Kreuzfahrten oder SUVs? Eine sich ausgleichende und deshalb gerechte Balance der Solidarität?

Dann denke ich: Und was ist mit der Krankenschwester, dem Pfleger, der Intensivärztin? Sollte sie, die auch zeitig geimpft wurden und nicht nur ein Jahr ihres Lebens gegeben haben, sondern dieses Jahr unter besonderen Druck standen, nicht erst recht so zeitig wie möglich zurück ins normale Leben kehren, zurück zu den Freuden?

Dann denke ich an die Impfreihenfolge, die gerecht und solidarisch – die Gefährdeten zuerst – geplant ist und denke an die österreichischen Bürgermeisterrinnen, die sich in ihren Gemeinden Impfdosen erschleichen, denke an den Milliardär aus Südafrika, der sich in seiner Schweizer Privatklinik außer der Reihe impfen lässt, denke an Führungskräfte bei DRK und Feuerwehr, die sich außer der Reihe »bedienen«, wie in Beverly Hills Ärzten zehntausend Dollar für ein Impfen geboten werden, lauter Beispiele, die das Gerechte ins Gegenteil verkehren, denke, warum sollten diese schäbigen Geimpften weitere Vorteile genießen dürfen?

Dann denke ich an die Studien, die Übertragungszahlen der Geimpften, von kaum vorhanden bis 40%, fast jeder zweite der mit einem bestimmten Impfstoff Geimpften wird das Virus weiterverbreiten können, wie soll dann eine Rückkehr aussehen?

Und dann denke ich: Was, wenn am Ende alles auf den letzten Satz hinausläuft? Ich gewinne nichts durch deren Verlust.

Ansonsten: Die EU-Kommission berät über die Einführung eines Corona-Impfpasses, mit dem sich der Impfstatus einer Person schnell feststellen lassen soll. Im ersten Monat der Impfungen gab es in Deutschland pro 1000 Impfdosen 0,1 Meldungen über schwerwiegende Nebenwirkungen. Die Impfkommission empfiehlt, den AstraZeneca-Impfstoff nur für unter 65-Jährige anzuwenden. Im Tausch gegen die derzeit knappen Elektrochips bittet Taiwan Deutschland um Impfstoff.

Zum Neujahrsfest schränkt China die Reisemöglichkeiten stark ein. In Portugal werden die höchsten Werte bei Infektionen und Todeszahlen gemeldet. Wissenschaftlerinnen werben für eine gemeinsame europaweite NoCovid-Strategie, nach der dauerhaft der Inzidenzwert auf unter zehn Fälle pro 100000 Einwohner gesenkt werden soll. Zum ersten Mal seit Oktober liegt die Sieben-Tage-Inzidenz in Deutschland unter 100.

Auf dem Bodensee wird die MS Thurgau zu einem schwimmenden Impfzentrum umgebaut. Ein Covid-Patient aus Wiesbaden verlässt das Krankenhaus, um in Mainz einzukaufen. Empfängerinnen der Grundsicherung sollen zehn kostenlose FFP2-Masken erhalten. Weil seine Handynummer fast identisch ist mit jener der Impfhotline, bekommt ein LKW-Fahrer hunderte Anrufe verzweifelter Rentnerinnen. In einem Index über das effizienteste Coronamanagement wird Deutschland auf Platz 55 gelistet, an der Spitze steht Neuseeland.

28. Januar | Mittwochsklammer

In meinem Zimmer ist eine Leine gespannt. An der Leine hängen sieben Klammern. Sie haben verschiedene Farben. An der Mittwochsklammer hängt eine Maske. Sie schützt mit 95prozentiger Sicherheit vor dem Virus.

Seit Dienstag sind FFP2- oder Operationsmasken verpflichtend beim Einkauf. Heute bin ich zum ersten Mal dieser Verpflichtung nachgekommen. Ich habe bis zum letzten Moment gewartet und mich davor ausreichend informiert. Und je mehr ich über FFP2 erfuhr, desto größer die Frage: Wieso habe ich das nicht schon die letzten zehn Monate so gemacht? Ich hätte es mich selbst schützen können, die ganze Zeit über.

Dann fällt es mir wieder ein: Geld. Ich hätte die letzten 300 Tage FFP2 getragen, die Maske zu 3€ das Stück. Ich denke, was sind tausend Euro für die eigene SARS-CoV-2-Losigkeit? Dann denke ich, dass ich ja dennoch durchgekommen bin.

Dann lege ich FFP2 an und nehme sie ab und merke, wie viel umständlich ich das im Vergleich zu bisher handhabe, wie sehr ich darum bemüht bin, alles so zu machen wie in den Anleitungsvideos; jede Berührung und damit jede Kontamination vermeiden, mehrere Aufbewahrungsbeutel, im Zimmer die Leine mit den sieben verschiedenfarbigen Klammern, eine für jeden Tag, damit das Virus eine Woche lang austrocknen kann, bis ich meine Mittwochsmaske wieder verwenden kann, einen Monat laut Videos und Handlungsanweisungen. FFP2 ist aufreibende Routine, die sich erst noch integrieren muss in den Alltag, so anders als die Stoffmasken, das liebgewonnene und achtlos Herunterreißen und Verwahren und Waschen.

Dann lese ich über FFP2, und mit jeder Zeile mehr wird klarer, dass FFP2 ein weiterer Gegenstand ist, an dem sich die Pandemie beispielhaft erzählen lässt. Den Schutz, den die Maske bietet, die Reduktion der Verbreitung, die Kosten lächerlich niedrig im Vergleich zu den anderen Maßnahmen. Das zuerst. Doch die Kosten schwer bezahlbar für die, die sowieso schon um jeden Euro kämpfen. Zugleich in einem der reichsten Länder kein Angebot, kein System für eine dauerhafte kostenfreie Bereitstellung für die, die das brauchen. Die Anforderungen, die die schützende Maske stellt und dass diese nicht so ohne weiteres umzusetzen sind. Die verunglückte Kommunikation über Masken, das Hin- und Her zu Beginn, damit auch ein Verspielen von Vertrauen. Später ein politisches Zögern, Masken bereitzustellen. Noch später die Erklärungen dafür, die vielen Fehler, die Unsicherheit, schließlich die Maßnahmen mit kurzem Vorlauf, die steigenden Preise des freien Markts, auch solidarische Aktionen. Die Stoffmaske ist Pandemiegeschichte, FFP2 ebenso. Die Mittwochsklammer ist zinnoberrot.

Ansonsten: Ein Treffen zwischen Vertretern von AstraZeneca und der EU endet ohne Klärung der Frage nach Behebung der Lieferschwierigkeiten. Nachdem in einem Freiburger Kindergarten mehrere Infektionen mit den Mutanten aufgetreten sind, verschiebt Baden-Württemberg die für nächste Woche geplante Öffnung der Kindergärten und Schulen. Weil Nerze besonders anfällig sind für das SARS-CoV-2-Virus, untersagt Schweden für 2021 die Züchtung von Nerzen. Laut Studien stecken sich in Israel nur 0,01% der Geimpften an. Nach dem Flughafen schließt Israel nun seine Landesgrenzen. Wegen eines sprunghaften Anstiegs von Infektionen wird in Hongkong ein Stadtviertel ohne Vorwarnung abgeriegelt. Galeria Karstadt Kaufhof erhält Staatshilfen in Höhe von 500 Millionen Euro. Weltweit waren und sind über Einhundertmillionen Menschen mit dem SARS-CoV-2-Virus infiziert.

27. Januar | Candy Crush Trash Talk

Was erwarte ich von guten Entscheiderinnen und Entscheidern? Ich erwarte, dass sie auf dem aktuellen Wissensstand sind und sich ständig schlauer machen. Ich erwarte, dass sie aus diesem Wissen Schlüsse ziehen, mit Ernst, Respekt, Demut erwägen und Entscheidungen treffen. Ich erwarte, dass sie über die Autorität verfügen, um dieses Entschiedene durchzusetzen oder zumindest einen Kompromiss zu erzielen, welcher der Entscheidung nicht entgegenläuft. Ich erwarte, dass sie ihre Entscheidungen so vermitteln können, dass ich diese nachvollziehen kann.

Ich erwarte nicht, dass ich mit jeder Entscheidung einverstanden bin. Ich erwarte keine Perfektion, ich erwarte Fehler. Ich erwarte Schwächen, erwarte, dass die Entscheider nicht immer Entscheider sind und dann anderes tun sollten, erwarte, dass sie zweifeln und auch scheitern. Ich erwarte nicht, dass es einfach ist, Entscheiderin zu sein, erwarte nicht, dass jeder das kann, entscheiden.

Einer der Entscheider berichtet in einem Trash Talk, dass er während der Entscheidungsrunden Candy Crush gespielt hat. Candy Crush ist eine Spielapp, mit der sich Zeit vertreiben lässt. Candy Crush während langandauernder Entscheidungsrunden zu spielen, ist nichts, das ein Drama wert ist. Dennoch bin ich irritiert. Das Bild irritiert. Es widerspricht meiner Vorstellung von dem, was ein Entscheider in einer Krisensituation tun sollte. Candy Crush-Spielen in der Pandemie wirkt lässig, unkonzentriert, respektlos.

In diesem Trash Talk berichtet der Entscheider ebenfalls, dass er den Namen der Kanzlerin im Diminutiv verwendet. Dieses Diminutiv dient der Herabsetzung. Es gäbe viele Gründe, die Entscheidungen der Regierung in den letzten Monate zu hinterfragen und zu kritisieren. Das Diminutiv ist keine solche Kritik.

Das Diminutiv aus dem Mund des Entscheiders zu hören, lässt ihn pubertär, patriarchal, altbacken, albern wirken, so, wie der der AfD zuneigende Großonkel bei der Familienfeier nach dem zehnten Bier spricht, die als Triumph empfundene Plumpheit von jemanden, der ansonsten wenig Triumphales empfindet. Es lässt den Entscheider sehr klein erscheinen, das Diminutiv ist unter seiner Würde.

Andere Entscheider fordern deshalb seinen Rücktritt. Sie sprechen ihm die Eignung ab, Entscheidungen zu treffen. Es gäbe viele Gründe, die politischen Entscheidungen der letzten Monate zu hinterfragen und zu kritisieren, auch für diesen Entscheider. Das Spielen von Candy Crush gehört nicht dazu.

Der eine spielt Candy Crush, der andere fordert deshalb einen Rücktritt, der dritte schreibt darüber einen Eintrag. Trash Talk.

Ansonsten: Verwirrung. AstraZeneca widerspricht der Behauptung, dass der Impfstoff bei Älteren kaum wirkt; die Zahl 8% beziehe sich nicht auf den Wirkungsgrad, sondern sei bezogen auf die Zahl der Testpersonen über 65 Jahre. Aufgrund der geringen Wirksamkeit des AstraZeneca-Impfstoffes für Ältere wird erwogen, die Impfreihenfolge zu ändern und Jüngere eher zu impfen. Es wird bekannt, dass die Lieferschwierigkeiten von AstraZeneca an einem Werk in Belgien begründet liegen.

Mehr als 100000 Coronatote in Großbritannien. Im englischen Surrey stürmen Coronaleugner eine Intensivstation, um einen Covid-Patienten mitzunehmen. Irland verlängert den Lockdown bis März. Wegen des Verdachts von mehreren Infektionen der Mutante B117 werden 3000 Mitarbeiterinnen des Klinikums Bayreuth unter Quarantäne gestellt.

Laut einer Studie hat in der Pandemie europaweit kein Wirtschaftszweig mehr Einbußen hinnehmen müssen als die Kulturindustrie. Die Entschädigungszahlungen für die Keulung von Millionen dänischer Nerze kostet 19 Milliarden Kronen. Das LKA warnt vor betrügerischen Anrufen zur Impfterminvergabe. 2020 wurden in deutschen Krankenhäusern 150000 Patienten mit Covid19 behandelt. Wegen verschobener Operationen melden deutsche Krankenhäuser einen Verlust von 10 Milliarden Euro. Erneut Corona-Krawalle in den Niederlanden.

Hoteliers aus dem Zillertal, die über Weihnachten Urlaub in Südafrika machten, bringen das mutierte Virus mutmaßlich nach Österreich. Wintersportler aus Skandinavien und Großbritannien melden für eine Unterkunft ihren Zweitwohnsitz im Zillertal an. Die österreichische Wirtschaftsministerin erklärt, dass die Skigebiete offenbleiben können und appelliert an Wintersportlerinnen, die Corona-Regeln einzuhalten. Mindestnähe: Normalität.

https://twitter.com/Buchkolumne/status/1354002258959212544

26. Januar | Schutzschild

Ich lese die Einträge der letzten Tage. Sie sind voll von Fatalismus und Defätismus, sprechen von einer zermürbten, niedergeschmetterten Zeit. Dafür gibt es berechtigte Gründe: meine Wahrnehmung der Welt, deshalb mein Fühlen, meine Annahmen, die langen, gleichen Tage. Dazu im Freundeskreis Covid-Fälle, zum Teil ernster, ein Todesfall auch, Freunde, denen die Umstände viel Kraft abverlangen, Freunde, die zu kämpfen haben, finanziell, mit dem Druck, der Belastung, Freunde, die längst am Limit sind und darüber hinaus und wissen, dass dieses Darüberhinaussein noch Wochen, wenn nicht Monate andauern wird.

Isoliert voneinander bleiben die Worte, manchmal nur kurze Nachrichten, zwei Sätze in einem Chat. Ich leide mit und setze zugleich die Situationen gegen die eigene und muss zu dem Schluss kommen: Ich sollte dankbar sein, es geht mir gut. Gleichzeitig weiß ich genau, dass es mir nicht ausschließlich nur gut geht. Diese Diskrepanz angemessen zu formulieren, gelingt so selten, dass ich es gar nicht erst versuchen will.

Worst-Case war gestern. Ich spüre, dass ich dem etwas entgegensetzen muss. Warum sonst sollte ich schreiben? Ich möchte ein anderes Szenario vor Augen haben: das von den Festen im Sommer und dem befreiten Herbst, weil sich die Mutationen verlaufen, weil jeder um den kleinstmöglichen R-Wert fightet, weil sich nicht jeder nach Ostern die FFP2 vom Gesicht reißt, weil keiner vergisst, was im letzten Jahr war, weil sich endlich jene in der nötigen Konsequenz durchsetzen, die nicht auf Zeit und Schauen-wir-mal spielen, sondern die Graphen ernst nehmen, jene, die dem Impfen die höchste Priorität einräumen und nicht den Skiliften und deshalb Pläne entwickeln und umsetzen, die das schleppende Impfen beschleunigen und das um jeden Preis, jene, die sich real schützende Konzepte für Schulen und Kindergärten überlegen und nicht von denen gebremst werden, die sagen: Aber die Prüfungen, jene verstummen, die Kinderbetreuung mit Home Office gleichsetzen, jene endlich das Geld in die Hand nehmen für FFP2 kostenfrei bis Lockdownende für die, die es sich nicht leisten können.

Das wäre mein Szenario, welches ich wie ein Schild vor mir tragen möchte, gegen die Zermürbung, gegen die Wut, gegen das Bangen.

Ansonsten: Laut eines Berichts soll der AstraZeneca-Impfstoff bei Menschen über 65 kaum wirksam sein. Der Pharmakonzern Merck gibt nach mehreren Rückschlägen die Entwicklung eines Corona-Impfstoffes auf. Der Moderna-Impfstoff wirkt auch bei den Mutanten B117 und 501Y.V2. Die Impftermin-Website 116117.de bricht wegen der großen Nachfrage zusammen. In Thüringen startet ein Coronabürgerrat, in dem zufällig ausgewählte Thüringerinnen die Entscheider beraten. Laut einer Studie verschärft die Pandemie weltweit die soziale Ungleichheit; die zehn Reichsten gewinnen während Corona 540 Milliarden Dollar dazu. In Dubai starten Restaurants die Kampagne »Verbreite Liebe, nicht Rona«, nach der geimpfte Kundinnen einen Preisnachlass erhalten.

25. Januar | Kipppunkte

Was eigentlich, wenn es das gesamte Jahr so bleibt? Was, wenn die verschiedenen Szenarien nicht gegeneinander arbeiten, sondern sich ergänzen und begünstigen: ein Sinken der Zahlen, deshalb leichte Lockerungen Anfang März, sprunghafter Anstieg wenige Wochen später wegen der exponentiellen Verbreitung von B117 und 501Y.V2. Verzögerung von Impfstofflieferungen. Ab einer bestimmten Impfquote ein verändertes Sozialverhalten, weiterer Anstieg der Zahlen in der Prioritätengruppe 4, solange, bis 2/3 Drittel geimpft sind und die Verbreitung von allein zurückgeht, am Ende des Jahres? Was, wenn Experten insgeheim raten würden, sich für 2021 nichts weiter vorzunehmen?

Wäre ein Lockdown – immer wieder unterbrochen von einem Atemholen – unter diesen Bedingungen zehn, elf Monate denkbar? Ab wann wird es nicht mehr möglich sein – die geschlossenen Schulen, die Geschäfte, die Konzerte und Kinos, die verschobenen Vorhaben, der Druck, die Enge, das Graue, das Angespannte und Reduzierte – wann wird man all das eintauschen gegen »Das Risiko ist ein individuelles, jeder muss selbst entscheiden, was er in Kauf nimmt«? Und es wird Verständnis dafür geben, sogar Erleichterung, dass jeder viele nun die Wahl haben, wenn die Wahl verlockender erscheint, als weitere Monate im Stillstand?

Es sind dunkle Gedankenspiele, eine schwarzmalende Szenarienkette von vielen. Mein vorstellbares Szenario ist, dass der Sommer kommt und im Herbst geimpft wird, ich plane dafür, mache Termine. Aber was, wenn im Mai No Covid angewandt wird und sich im Juli herausstellt, dass die Strategie nicht das erhoffte Beherrschen der Zahlen bringt? Was, wenn sich herausstellt, dass gegen die Mutation der Impfstoff nur noch ein Wirkungsgrad von 50% hat? Was, wenn sich herausstellt, dass die Mutation bei SARS-CoV-2 nicht die Ausnahme ist, sondern Muster? Wenn sich das Virus wie die Grippe alle paar Monate, jedes Jahr soweit ändert, dass jedes Jahr neue Impfstoffe gefunden werden müssen? Wie wäre die Reaktion der Gesellschaft darauf? Was sind die Kipppunkte, wann geschehen sie, ab welcher Diskussion werde ich zögerlich, aber zustimmend nicken, wie lange wäge ich ab, wie oft ist das möglich, in welchem Szenario werde ich diesen Eintrag nie geschrieben haben, nicht schwarzmalen?

Ansonsten: Um das Einschleppen neuer Mutationen zu verhindern, riegelt Israel ab Montag bis auf wenige Ausnahmen den Flugverkehr »hermetisch« ab. Kanzleramtschef Braun geht davon aus, dass B117 in Deutschland der vorherrschende Virusstamm werden wird. Laut zweier Studien sind die bisherigen Impfstoffe weniger wirksam gegen die südafrikanische Mutation 501Y.V2. Österreichische Supermärkte händigen FFP2-Masken gratis aus.

Bei Protesten gegen die Coronamaßnahmen kommt es zu Ausschreitungen in Eindhoven und Jerusalem. Wegen strengerer Kontrollen des Grenzverkehrs aus Risikogebieten wie Spanien wird mit Lieferengpässen bei Obst und Gemüse gerechnet. In der neuen Gesprächsapp Clubhouse berichtet der Thüringer Ministerpräsident, dass er während der Coronakonferenzen Candy Crush spielt und nennt die Bundeskanzlerin »Merkelchen«, wofür er sich kurz darauf entschuldigt. Über die Massenproduktion von Impfstoffen.

24. Januar | elf von zwölf

Vor elf Monaten mit dem Schreiben hier begonnen. Das Schreiben geht von der Hand, das Erleben weniger. Die letzten Wochen waren zäh und anstrengend, auch des Wissens wegen, mittendrin zu sein und nicht kurz vor dem Landgang.

Die einen Entscheider teasern schon mal Ostern als frühestes Lockdownende an, andere sprechen mit Blick auf die sinkenden Zahlen von schnellen Lockerungen. Die No-Covid-Strategie stellt sich dem Lockdown-Überdruss entgegen. Ich frage, wie man das im Rückblick bewerten wird, ob es nicht bescheuert wirken wird, vier fünf Monate im Stillstand verharrt zu haben, anstatt das einmal richtig durchzuziehen? Als ich gestern von »Gereiztheit« schrieb, meinte ich damit auch einen grundsätzlichen Wutpegel, ein Maß, das am Volllaufen ist und das aus sehr unterschiedlichen Gründen, nicht nur bei mir. Das ist nicht gut, dieses Aufgestaute beim gleichzeitigen Verdammtsein zum Ausharren, dabei all die Ungereimtheiten vor Augen.

Gedacht habe ich: Wenn die Pandemie für mich vorbei ist, betrinke ich mich. Ich gehe von einem Sommerfest aus, ein Spätsommerfest, Lampions, ein Garten, 90er-Jahre-Vibes. Ein Abend als Gegenteil aller Lockdownnächte, eine Nacht, die mich auf Reset stellt.

Zugleich bin ich nicht sicher, ob ich einfach so zurück in die Normalität gleiten kann, das Coronajahr abschütteln werde. Werde ich die Selbstverständlichkeit des Feierns, des Treffens mit anderen zurückerlangen können? Werde ich beim Socical-Dedistancing zaudern, werde ich vergessen haben wie es ist, die anderen nicht als potentielle Virenwirte zu sehen? Werde ich das gewissenhaft Angelernte aus 500 Tage vergessen, das Pandemieschutzschild fallen lassen, das Antrainierte, den Pandemieblick abschütteln können? Werde ich das überhaupt wollen? Immerhin blendet die Pandemie ja das meiste andere aus. Außer der Pandemie benötigte ich nichts weiter, um durch das Jahr zu kommen. Es war auch bequem.

In meinem Fall ist die Pandemie auch das Schreiben. Das Schreiben ist ein Halt, eine Bestätigung, Routine gewissermaßen, sich am Abend über alles zu erheben und Worte zu finden. In gewisser Weise brauche ich das Schreiben und damit die Pandemie. Wie wird es ohne beides sein? Ich sehne mich nach einem Ende und fürchte mich davor.

Ich habe heute auf einer Seite, die versprach, anhand meiner Angaben meinen voraussichtlichen Impftermin errechnen zu können, meinen voraussichtlichen Impftermin errechnen lassen. Er ist irgendwann zwischen Juni 2021 und August 2022.

Genauso fühlen sich die Tage an: Alles könnte so kommen oder ganz anders und wahrscheinlich bleibt alles vorerst, wie es ist, auch dieses Schreiben, einen Monat noch. Dann wird es ein Jahr sein und vielleicht wird das ein erstes Ende für mich sein: Wenn schon nicht die Pandemie beendet, dann zumindest das Schreiben darüber.

Ansonsten: Tausend demonstrieren in Erfurt gegen Coronamaßnahmen. Damit die vorgeschriebene FFP2-Maske ordnungsgemäß sitzen kann, lockert Oberammergau das Verbot für alle Mitspieler der Passionsspiele, sich ein Jahr davor nicht mehr zu rasieren. Weil wegen Homeoffice weniger mit Autos unterwegs sind, werden weniger Autos gestohlen. Weil AstraZeneca vorerst 60% weniger Impfstoffe liefert, müssen die Impfpläne neu geschrieben werden. Das Amtsgericht Weimar entscheidet, dass das Kontaktverbot vom ersten Lockdown verfassungswidrig ist und bezeichnet die Lockdown-Maßnahmen in Thüringen als eine »katastrophale politische Fehlentscheidung mit dramatischen Konsequenzen für nahezu alle Lebensbereiche der Menschen«. Brasilien hat einen eigenen Impfsong, in dem die Hörerinnen zum Impfen aufgefordert werden: »Vacina Butantan Remix Bum Bum Tam Tam« von MC Fioti.

23. Januar | gereizte Gleichgültigkeit

War das gestrige Wort »Motivation«, ist es heute »Gleichgültigkeit«. Im Gespräch über den fortgesetzten Lockdown sagt mein Gegenüber, dass er jetzt gleichgültiger sei, alles sei ihm egaler, er halte das für gefährlich, aber so sei eben sein Befinden momentan.

Ich kann das nachfühlen. Auch bei mir eine Gleichgültigkeit dem Geschehen und den Dingen gegenüber, vielleicht als Selbstschutz eine Lähmung der Stunden und aller Blicke, sicher auch getragen von der festgefahrenen Situation, von der gar nicht mal so kleinen Ahnung, dass sich die Lage über den 15. Februar hinaus verlängern wird und dass das notwendig ist und beschissen zugleich. Um dem Zermürbtwerden zu entgehen, lege ich mir einen Panzer zu und lege ihn gewissenhaft beim Aufstehen an, damit ich aufstehe.

Ab und an drängt in diese Gleichgültige eine Art partielle Gereiztheit, ein aufflammendes Reagieren auf Reize, ein temporäres Zürnen, Neid, ein Sich-benachteiligt-Fühlen, ein Spektrum an Ablehnung, lauter Empörungen, eine unangenehme Dieternuhrhaftigkeit, mit der ich im Stillen gegen die Pandemie wüte, mein Gesicht längst so zerfurcht wie das des Kabarettisten suche ich Schuldige.

Einige Gründe, die die Gereiztheit anfachen, sind lächerlich, andere nicht zu ändern, manche erscheinen mir rechtens. Da sind die Appelle, von welcher Bedeutung Schulen und Kindergärten doch sind und zugleich die Bockwurstigkeit beim Homeoffice, dieses sanfte Tätscheln der Chefs und Büroleiter, die larmoyanten Verweise auf Datenschutz, Versicherung und arbeitsrechtliche Bedenken. Die FFP2-Masken und die Bockwurstigkeit, diese Notwendigkeit kostenfrei für jene bereitzustellen, die um jeden Cent kämpfen. Die Bockwurstigkeit bei der Digitalisierung von Schulen und Ämtern, vielzuoft ein Beharren auf dem Vorpandemieprotokoll, das Festhalten an uralten Kommunikationsmustern, das Missachten von wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Unsicher bin ich, ob ich gleichgültig oder gereizt auf ein Szenario von Christian Drosten reagieren sollte. In diesem spricht er von einem gesellschaftlichen Druck, der eintreten könnte, wenn die Risikogruppen geimpft sein werden, ein Druck, die Maßnahmen zu beenden, was viele Infektionen zur Folge haben werde, ein Sommer der Durchseuchung als eines von mehreren möglichen Szenarien.

Die Reaktionen sind unterschiedlich, zwei Lager. Drosten ist eine der Figuren, an der sich der Umgang mit der Pandemie beispielhaft zeigt, besser entzündet, er ist Symbol dieser Zeit. In einem früheren Gespräch einmal wünschte meine Gegenüber, dass Christian Drosten hoffentlich bald an die Wand gestellt werde … ein kurzes Zögern … juristisch, meine sie, vor Gericht und dann abgestraft werde für seine Falschaussagen, der gehört hinter Gitter, für das, was er uns angetan hat. Die Ohnmacht, die Wut projiziert sich nicht auf das Virus, sondern auf ihn, die Gereiztheit längst Hass. Dann lieber gleichgültig sein.

Ansonsten: Laut Untersuchungen in England gibt es Hinweise, dass B117 nicht nur ansteckender, sondern auch tödlicher als frühere Virusvarianten ist. In Großbritannien melden 6000 Bars und Restaurant Insolvenz an. Astrazeneca kann weniger als die Hälfte der angekündigten Impfdosen ausliefern. Die Bundespflegekammer berichtet von einer hohen Impfbereitschaft unter den Pflegerinnen. Bill Gates wird geimpft. Zum dritten Mal wird der James-Bond-Film »Keine Zeit zu sterben« wegen Corona verschoben, diesmal auf Jahresende. Aus dem auch wegen Corona geschlossenen Metropol-Kino in Stuttgart soll eine Boulderhalle werden. Ausbüxen im Lockdown.

22. Januar | Motivation

Ein Lied für diesen Tag, »In The Aeroplane Over The Sea«, denn ein Sommertag ist es fast. Dazu immer deutlicher in den Zahlen, dass sie tatsächlich sinken. Eine Art Aufatmen, draußen, drinnen, in den Graphen.

Dabei hat die nächste Stufe von der eben erst beschlossenen Lockdown-Verlängerung eben erst begonnen, drei Wochen und eine halbe verbleiben in diesem fortgesetzten Stillstand so. Und jetzt, da gewiss ist, dass Covid Zero / No Covid kein Thema für Deutschland sein wird, lese ich einen Text über No Covid.

Darin ist von Motivation die Rede, davon, wie die Bevölkerung nicht auf ein Datum wartet, an dem entschieden wird, sondern wie die Menschen belohnt werden für ihr Engagement, wie sie angespornt werden, das Sinken der Zahlen in ihrer Region (bzw. in der Strategie: ihrer Zone) zu forcieren und zu bejubeln und dafür etwas zurückerhalten, ein Satz wie »Die vorgeschlagene Strategie bezieht die Menschen und ihre Fähigkeit mit ein, für sich selbst zu sorgen und sich im Team für ein gemeinsames Ziel zu verbünden.«

Nach dem Lesen frage ich mich, ob ich motiviert bin. Ob ich jemals motiviert war. Privat ja, natürlich, motiviert, irgendwie durchzukommen, motiviert, die Krankheit zu vermeiden, motiviert, den Umständen das größtmöglichste Glück abzutrotzen, motiviert, jeden Tag zu schreiben, die üblichen Motivationen. Aber darüber hinaus motiviert? Gab es jemals eine Motivation, die Zahlen für alle zu senken? Habe ich mich jemals als Teil eines Teams gesehen, habe ich jemals etwas getan, weil ich eine »Belohnung« erwartet habe?

Als Motivationsprozess habe ich die Pandemie nie empfunden, auch nie so empfunden, als ob ich motiviert werde. Ich habe hingenommen, erwartet, über mich ergehen lassen, geduldet, überdauert, ausgeharrt, durchgehalten, aus Vernunft, aus Sorge. Mich eingerichtet in diesem Warten, versucht, an den Vorabenden der Lockdowngipfel zu verstehen und abzuschätzen, später mitgetragen und kritisiert. Motiviert war ich nie außer: Das muss so gemacht werden, damit es später vorbei sein wird.

Heute, an diesem Sommertag im Januar, die Zeile »how strange it is to be anything at all« im Ohr, ein Donnerstag, an dem Sonnenstrahlen auf den Graphen tanzen, merke ich, dass ich manchmal doch mehr brauche als Abwarten. Einen Aufbruch, einen Moment, in dem vieles gut ist und es den Anschein hat, dass es besser werden könnte. Ich weiß nicht, ob das noch Motivation ist oder schon Zuversicht. Aber die Vorstellung, dass es ernsthaft ein Ziel jenseits von immer-so-weiter-gerade-genug-tun-bis-alle-geimpft-sind, ein Ziel jenseits von die-50-pro-Hunderttausend-müssen-wir-halten, ein Ziel jenseits von dem-Virus-werden-wir-immer-einen-Schritt-hinterher-sein, lockt mich hinaus und hinauf.

Ansonsten: Damit sich Aerosole beim Reden nicht verteilen, fordert der Präsident des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen die Passagiere des öffentlichen Nahverkehrs zum Schweigen während ihrer Fahrten auf. Trotz Lockdown steigen die Infektionszahlen in Großbritannien weiter. In Afrika ist die Corona-Todesrate höher als die weltweite Rate. Für Sachsen wird eine Höchstzahl an Todesfällen für Dezember gemeldet, fast doppelt so viele wie im Dezember 2019.

Um Klagen gegen Lärm durch die wegen Corona aufs Land gezogenen Städter zu unterbinden, erklärt die französische Regierung Landgeräusche wie Blöcken oder Grillenzirpen zum Sinnes- und Kulturerbe. Der neue amerikanische Präsident unterschreibt mehrere Erlasse zur Bekämpfung der Pandemie, darunter eine Maskenpflicht und die Rückkehr zur WHO. Weil Frankreich Verträge auf Impfdosen und nicht Impfstoff-Flaschen abgeschlossen hat und pro Flasche 6 statt 5 Dosen geholt werden können, werden die Flaschenlieferungen entsprechend gekürzt. In Tirol werden Impfstoffe an Privatkliniken ohne Covid-Patienten verteilt, vorrangig auf Skiunfälle spezialisierte Kliniken. Mehr als 50000 Coronatote in Deutschland.

21. Januar | Inauguration

Vor dem Kapitol, dort, wo vor zwei Wochen der Büffelmann und die QAnons mit ihren Galgen standen, findet heute das Ritual der amerikanischen Demokratie statt: die Inauguration des Präsidenten. Der 46. wird vereidigt, der 45. hat zwei Stunden zuvor und nach der Begnadigung von Lil Wayne zur Musik von »YMCA« das Weiße Haus verlassen. Die Anwesenden tragen Maske, anstatt von Hunderttausenden vor der Bühne sind dort Flaggen in die Erde gesteckt. In der Rede nach dem Eid spricht der amerikanische Präsident vom Virus als ernste Bedrohung, er spricht von den Toten, von Trauer und Verlust. Es sind Worte, die ein Jahr lang nicht zu hören waren.

Später singt Garth Brooks »Amazing Grace«. Vor der letzten Strophe unterbricht er. Er bittet die Anwesenden mitzusingen. Er setzt an, singt. Außer ihm ist keiner zu hören. Es bleibt still, gespenstisch, denke ich, was für ein symbolischer Auftakt: Niemand singt mit. Dann verstehe ich. Sie singen mit. Doch unter den Masken ist ihr Gesang nicht zu hören. Die Masken dämpfen die Melodien. Obwohl sie singen, bleiben ihre Stimmen verborgen, ein Moment nur, der eine Strophe dauert und so viel mehr erzählt.

Nachdem er gesungen hat, läuft Garth Brooks, weiterhin maskenlos, zu den ehemaligen Präsidenten hin, Demokraten wie Republikaner und umarmt sie und ihre Frauen, eine versöhnende Geste in Zeiten der Spaltung und doch ist alles, was ich denken kann: So verbreitet sich also das Virus, Inauguration als Cluster, ein Countrysänger als Superspreader, der die amerikanische Politelite infiziert.

Ansonsten: In Cottbus wird eine Arztpraxis wegen Verstößen gegen die Corona-Schutzvorschriften geschlossen. Laut einer englischen Studie wird jeder dritte genesene Covid-Patient innerhalb von fünf Monaten wieder ins Krankenhaus eingewiesen, jeder achte stirbt. Großbritannien wird mit fast 2000 Coronatoten ein Tageshöchstwert vermeldet.

In den USA zahlt Lidl seinen Angestellten eine Impfprämie von 200$. Trotz Lockdown sollen ab Anfang Februar in Baden-Württemberg die Schulen und Kindergärten wieder geöffnet werden. Laut Angaben von Medizinerinnen hat es keinen großen Anstieg der Patientenzahlen nach Weihnachten und Silvester gegeben, auch die Zahl der Intensivpatientinnen sinkt. B117 ist mittlerweile in über 60 Ländern nachgewiesen. Auf Twitter konkurrieren die beiden Hashtags #merkelquaeltkinder und #dankemerkel miteinander.

20. Januar | Lockdownfanatiker und Bart-ab-Challenge

Die Verlängerung des Lockdowns wird beschlossen, mit mehr Masken und mehr Homeoffice, die harten Einschnitte beginnen sich »auszuzahlen«, B117 ist eine »ernstzunehmende Gefahr«, noch ist Zeit, diese einzudämmen, wird gesagt. Der November wird in den vierten Monat gehen, Mitte Februar wird es den nächsten Vorabend der Entscheidung geben.

Erstaunlicher ist, dass nach elf Monaten Pandemie immer noch neue Begriffe und Aktionen in den Tag drängen. Der Expertenrat von Nordrhein-Westfalen bringt das Wort Lockdown-Fanatiker ins Spiel, als Beispiel für einen Akzeptanzverlust im Volk. Der Fanatiker als Gegensatz zum Coronaskeptiker, die Hufeisentheorie für die Pandemie, weil die Extreme immer die Mitte definieren und die Mitte bedeutet, mit dem Virus zu leben, sagt der Expertenrat, Lockdown-Fanatiker sagt er.

Das andere Neue ist die »Bart ab«-Challenge, die ein bayrischer Bürgermeister gestartet hat. Weil Bärte die Schutzwirkung von FFP2-Masken verpuffen lassen, müssen Bärte in der Pandemie ab. Um das zu schaffen, wird spielerisch motiviert: ein Rasierender postet Fotos vom Rasieren und fordert andere Bartträger auf, es ihm gleichzutun, eine Ice-Bucket-Challenge gegen den R-Wert.

Ansonsten: Der Infektiologe Christoph Wenisch, der während der Erstimpfung kurz vor dem Jahreswechsel triumphierend den Arm nach oben riss, erhält seine zweite Impfung und ist damit geschützt. Erste Versuche deuten an, dass der Impfstoff von BionTech auch die Virusübertragung verhindern könnte. In Österreich erschleichen sich mehrere Kommunalpolitiker Impfungen außer der Reihe. Ein Gericht kippt das Alkoholverbot im öffentlichen Raum. Der zweite russische Impfstoff EpiVacCorona hat nach russischen Angaben eine hundertprozentige Wirksamkeit. In Los Angeles wird das Luftverschmutzungsgesetz außer Kraft gesetzt, damit die Krematorien Tag und Nacht weiterarbeiten können. Mehr als 400000 Coronatote in den USA.

19. Januar | in der Waagschale

Ich bin gewöhnt an die Vorabende der Entscheidung. Alle paar Wochen finden sie statt, weil Entscheider sich zusammenfinden und Entscheidungen treffen für die kommenden Wochen, solange, bis der nächste Vorabend erreicht ist.

Wie immer an diesen Vorabenden ein »Durchsickern«. Diesmal wird aufgeregt vermeldet, wie sich die Gruppe der Fachleute zusammensetzt, die den Entscheidern Rat gibt, analysiert, wer welche Position vertreten könnte und allein schon die Zusammensetzung zu erkennen gibt, wie die nächsten Wochen verlaufen werden, ob diese den Regierungskurs stützen. Von einem »Einschwören auf einen harten Lockdown« ist die Rede und dass das mutierte Virus einen »Raketenanzug« angezogen habe.

Zuvor haben viele ihre Argumente in die deutschlandgroße Waagschale geworfen. Die Wirtschaftsverbände warnen vor einem Herunterfahren der Industrie, vor einem Zusammenbrechen von Versorgungsketten, auch vor einer Homeoffice-Pflicht. Elternverbände teilen mit, dass die Eltern des Landes am Limit sind. Die Befürworter von Covid Zero haben ihre Pläne dargelegt. Die Maßnahmenkritiker kramen ihre Statistiken heraus.

Bei aller Unvollständigkeit lassen die Daten der letzten Tage erahnen, dass die Zahlen sinken, zumindest nicht steigen. Zugleich werden in verschiedenen Orten des Landes Mutationen vermeldet. Es geht um die Frage, ob den Vorhersagen der Wissenschaftlerinnen Glauben geschenkt wird, dass, falls B117 im Land ist, die Mutation sich im Februar verteilen könnte, um dann im März mit ihrem exponentiellen Wachstum für Zuwachsraten wie in Großbritannien zu sorgen.

Gehen die Entscheider von diesem Szenario aus? Oder sehen sie die Beruhigung in den aktuellen Zahlen? Welche Waagschale wird wie gewichtet? Schlägt die Ausgangssperre die FFP2-Pflicht, Homeoffice den 15-km-Radius, kommt vielleicht als Alternative zu allem ein Massentest? Ich bin hypnotisiert von diesen Vorabenden, starre meinungsstark, hilflos und gewöhnt auf die lustvoll zuckenden Newsticker, darauf, wie manche entscheiden, wie groß und wie klein meine Welt in den nächsten Wochen sein wird.

Ansonsten: Erneut kritisiert die WHO die große Kluft zwischen den reichen und den armen Ländern bei den Impfungen. Weil die Ersatzspieler für die Coronainfizierten nicht rechtzeitig in Ägypten ankommen, bricht Kap Verde die Teilnahme an der Handball WM ab. Nachdem die südafrikanische Mutation entdeckt wird, werden im Nobelskiort St. Moritz zwei Luxushotels mit mehreren hundert Gästen unter Quarantäne gestellt. Die Polizei löst auf: Hochzeit mit 60 Gästen, Gottesdienst mit 170 Teilnehmerinnen, Frisörladen mit 20 Kunden. Um der Strafe für die Teilnahme an einer illegalen Party im englischen Basingstoke zu gehen, sagen mehrere Gäste, dass sie nichts von einer Pandemie gewusst hätten.

18. Januar | gedimmt und sediert

Heute scheint es mir surreal, dass es in der Pandemie eine Zeit gegeben haben soll, in der ich im Garten eines Restaurants saß und mir eine Lesung anhörte, mit Menschen, zum Teil Fremden gemeinsam alkoholische Getränke austrank, mich unterhielt und war in einer Nacht, die so kurz dauerte, dass es niemals kein Licht gab.

Wie seltsam normal es geworden ist, keine Freunde mehr einzuladen oder eingeladen zu werden, dass sich wie von selbst die Kontakte auf das absolut Minimale beschränken und sich das nicht einmal falsch anfühlt, nicht einmal denke ich daran, dass es das sein könnte und noch Monate dauern wird, bis es wieder anders sein wird.

Das Gleichförmige dimmt mich komplett runter. Ich bin nicht aufgeregt oder empört oder energisch, das ständige Stoppen lässt das Ausbleiben der Welt erträglich, fast angenehm erscheinen. So zermürbt zu leben, so sediert zu sein, so ein Winterschlaf mit offenen Augen; nur manchmal geht der Blick zurück oder vor, dann schrecke ich für einen Moment hoch und greife schmale Absätze für einen Eintrag ab, weil ich ahne, dass es wichtig ist, festzuhalten, dass ich drauf und dran bin, die Vorstellungskraft zu verlieren, was noch sein könnte.

Ansonsten: Das Vorhaben, die Gesundheitsämter bis Anfang 2021 mit aktueller Software auszustatten, die das Verfolgen von Infizierten vereinfacht, scheitert. In Nordrhein-Westfalen kündigt ein Dachdecker an, seine Mitarbeiter zu entlassen, wenn diese sich gegen das Coronavirus impfen lassen. Der Vorschlag des Außenministers, geimpften Menschen Ausnahmen von Corona-Beschränkungen zu ermöglichen, stößt auf viel Kritik. In Österreich gilt nun die FFP2-Pflicht. In Wien demonstrieren zehntausend Menschen gegen den Lockdown. Weil dem Handballteam von Kap Verde nach zu vielen positiven Coronatests nicht genügend Spieler zur Verfügung stehen, erreicht die deutsche Handballmannschaft kampflos die nächste Runde.

17. Januar | Schaufenstershopping

Ein Mann tritt vor ein Schaufenster. Am Schaufenster klebt ein Zettel, auf dem eine Telefonnummer steht. Der Mann ruft diese Nummer an. Aus der Tiefe des Geschäfts kommt eine Verkäuferin. An ihrem Ohr ein Handy. Der Mann spricht in sein Telefon, er verlangt Kissen. Die Verkäuferin hört seine Stimme in ihrem Handy. Sie hält verschiedene Kissen hoch, dreht sie auf seinen Wunsch hin, präsentiert ihm die Ware. Er nickt, entscheidet sich. Die Verkäuferin wird das Kissen einpacken und ihm schicken lassen. Durch die Schaufensterscheibe getrennt, tätigen sie einen Handel, Shopping im Januar der Pandemie.

Ansonsten: Auf dem mehrmals wegen der Pandemie verschobenen Parteitag der CDU wird ein neuer Vorsitzender gewählt. Die Zahl der Impfungen in Deutschland übersteigt die Million. Sofern die Arbeit es zulässt, ist in Schottland von nun an Homeoffice verpflichtend. Proteste wegen der dramatischen Zustände in den brasilianischen Krankenhäusern; in Manaus bringen Verwandte von Kranken privat angeschaffte Sauerstoffflaschen in Krankenhäuser. Der Branchenverband der Gastronomie rechnet mit 70000 Pleiten. Indien startet die weltgrößte Impfkampagne.

16. Januar | Schnee auf

Schnee fällt. Schnee auf den Megalockdown. Schnee auf die britischen, südafrikanischen, amerikanischen, brasilianischen Mutationen. Schnee auf die Statistiken des Bekannten, mit denen er unermüdlich beweisen will, wie wenig Schaden das Virus angerichtet hat. Schnee auf die Tage, ab denen ich FFP2 trage. Schnee auf den Gedanken, dass wir schon mal an diesem Punkt standen. Schnee auf die Vorhersagen. Schnee auf die Zweifel. Schnee auf die Beklemmung. Schnee auf die Ängste, Sorgen und Unsicherheiten. Schnee auf die Freunde, die ich seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen habe. Schnee auf den Rotwein, den ich nicht trinke. Schnee auf das KleinKlein. Schnee auf das Impfzentrum, das in einem Kulturzentrum eröffnet hat. Schnee auf die Veranstaltungen, die geplant waren und nun wieder ausfallen. Schnee auf die Diskussionen um mRNA. Schnee auf die Rückzahlungsforderungen für die im März gewährten Coronagelder. Schnee auf die, die keine drei Euro pro FFP2 haben. Schnee auf den Amazonverkaufsrang von Sucharit Bhakdi. Schnee auf die Länder, die erst Zugriff auf den Impfstoff haben werden, wenn »wir« geimpft sind. Schnee auf den geblurrten Wendler. Schnee auf den zwei Millionsten Toten. Schnee auf all die Brote, die ich im Lockdown nicht gebacken habe. Schnee auf den Schnee als zu offensichtliches Bild. Schnee auf anderthalb Jahre meines Lebens. Schnee auf die Insolvenzen. Schnee auf das Unvermeidliche, die Ambivalenzen, das Notwendige. Schnee auf die gestreamten Kinofilme. Schnee auf den Luxus, den ich lebe. Schnee auf den Luxus, dass ich lebe. Schnee auf alle nicht geschriebenen Wörter. Schnee auf die Intensivärztinnen, die nach einer 14-Stunden-Schicht immer noch wütende Twitterthreads schreiben. Schnee auf die vorgezogenen Treffs der Länderchefs. Schnee auf die Impfgruppe 4. Schnee auf das Plateau in den Graphen. Schnee auf die Zeit, die gerinnt. Schnee auf den Stéphane-Hessel-Platz. Schnee auf das Hygiene-Piktogramm, das metergroß seit dem letzten Frühjahr hier hängt.

Das Weiß, das sich über alles legt, ein Friedensangebot in diesen Tagen.

Ansonsten: Weltweit mehr als zwei Millionen Corona-Tote. Die WHO kritisiert die Ungleichverteilung beim Impfen, zehn Staaten verabreichen 95 Prozent des bereits verfügbaren Impfstoffs. Die Thüringer Theater und Orchesterhäuser bleiben bis Ende März geschlossen, dafür wird ein »geballter« Kultursommer in Aussicht gestellt. In einer ehemaligen Erstaufnahme-Einrichtung für Geflüchtete bei Dresden soll ab nächster Woche ein »Knast für Quarantäne-Verweigerer« in Betrieb gehen.

15. Januar | das schlechte Gewissen der Eltern

Im Park. Ich ziehe zwei Kinder auf dem Schlitten. Eine Bekannte kommt. Wir grüßen uns. Sie fragt: »Wer ist das denn noch auf den Schlitten?« Augenblicklich fühle ich, dass ich die Situation und damit mich verteidigen muss und erkläre, dass die beiden Kinder während der Lockdowns, während der Kindergartenschließungen eine Spiel- und Zweckgemeinschaft bilden, gebe damit zu verstehen, dass nichts an meinem Handeln verantwortungslos sei, sondern mit Bedacht geschehe, ohne, dass die Bekannte mich dazu aufgefordert hätte, das Verteidigen passiert von selbst.

Eine andere Situation: Ein zufälliges Treffen mit einer anderen Bekannten. Wie geht es Euch, Deinem Kind, ja, das ist seit Montag in der Notbetreuung. Ohne ein weiteres Wort erklärt sich die Bekannte, verteidigt sich, es gehe nicht anders, die Berufe lassen keine Betreuung zu, Großeltern fallen aus, der Ton etwas schärfer, die Verteidigung energischer, auch hier das Verteidigen von selbst.

Eltern haben immer auch ein schlechtes Gewissen. Wenn die Kinder in die Notbetreuung gehen und dem Virus wahrscheinlicher ausgesetzt werden. Wenn sie zuhause bleiben und die Freunde nicht sehen können. Wenn weniger Zeit wegen Homeoffice bleibt. Wenn wegen der ständigen Enge Situationen nicht immer so entschleunigt geklärt werden können, wie es die pastellfarbenen Elternratgeberbücher vorschlagen.

Wenn den Kindern erklärt werden muss, weshalb sie nicht auf den mit Absperrband gesperrten Spielplatz spielen dürfen. Das schlechte Gewissen, wenn den Kindern Großeltern, Urgroßeltern, Tanten, Onkels, die Familie vorenthalten werden. Und umgedreht. Das schlechte Gewissen, wenn man erfährt, dass Eltern ihre Kinder in die Notbetreuung schicken und man deshalb vorerst den Kontakt zu diesen Kindern abbrechen muss. Immer, wenn die Pandemie erklärt werden muss, wie lange diese dauert, weshalb das so ist. Das schlechte Gewissen, weil es ein Jahr sein wird, in dem etwas gewonnen wird und vieles verloren.

Eltern haben immer auch ein schlechtes Gewissen. In der Pandemie drei Mal so viel wie sonst.

Ansonsten: In Deutschland wird ein »Megalockdown« diskutiert, u.a. mit Einschränkungen des öffentlichen Nahverkehrs. Mit #ZeroCovid fordert eine Initiative ein europaweites Herunterfahren auch für die Wirtschaft. Laut des Robert-Koch-Instituts sprechen Rechenmodelle für einen härteren Lockdown. Wegen der Pandemie wird die Landtagswahl in Thüringen von April auf September verschoben. In Schottland wird eine 101-jährige Überlebende der Spanischen Grippe gegen Corona geimpft. Köln erklärt die Karnevalstage zu regulären Arbeitstagen.

Die Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin sieht den Scheitelpunkt der Behandlungen auf den Intensivstationen überschritten. Mit 1244 an Corona Gestorbenen wird ein Tageshöchststand für Deutschland vermeldet. Bei Bartträgern geht die Schutzwirkung von FFP2-Masken verloren. Ein Gericht entscheidet, dass Hunde auch während des Lockdowns in einem Salon frisiert werden dürfen. Warum Covid19 nie wieder verschwinden wird.

14. Januar | Die Wege

Der Kindergarten kündigt an, ab dem 1. Februar wieder in die »gelbe Stufe« zu gehen, den eingeschränkten Regelbetrieb. Das Datum ist in meinen Gedanken eine eingeschaltete Lampe, ein Teil möchte das Licht sehen, der Kopf sagt: Vergiss es.

Momentan geht die Diskussionen über die Wege der nächsten Monate in verschiedene Richtungen. Einmal – von linker wie auch rechter Seite – das Schützen der Risikogruppen, indem Altenheime, wo ein erheblicher, zum Teil die Hälfte der Toten ist, sicher gemacht werden. Für alle anderen findet eine Öffnung statt – Geschäfte, Schulen, Veranstaltungen mit den bisherigen Abstandsregeln.

Das andere Vorgehen ist weiterhin Zero Covid. Ausdrücklich empfohlen von vielen Wissenschaftlerinnen, als Beispiele werden Taiwan, die Mongolei, Vietnam, natürlich Neuseeland genannt, alles Länder, in denen das Virus in so geringer Zahl noch existent ist, dass es das öffentliche, private und Arbeitsleben nicht mehr beeinträchtigt.

Der Schutz der Risikogruppen würde – Hand in Hand mit den kommenden ansteckenden Mutationen – eine Durchseuchung der restlichen Bevölkerung bedeuten, mit den vorhersehbaren Folgen und Zahlen. Zero Covid wäre ein »echter« Lockdown; das Runterfahren von allem, ein striktes Zuhausebleiben, ein 500-Meter-Radius, ein schrittweises Hochfahren des Lebens erst nach dem Sinken der Zahlen, das Einzelverfolgungen ermöglicht, eine Zersplitterung des Landes in rote und grüne Zonen. Der dritte Weg ist der bisherige: ein Lockdown wie seit November, der weitergeführt wird in den April hinein, mehrere hunderte Tote im 7-Tages-Mittel bis dahin.

Es gibt Berichte, wie Zero Covid umgesetzt wird. Ein Land schränkt sich radikal und konsequent ein, bejubelt gemeinsam am Abend in den Nachrichten die gesunkenen Zahlen, trägt die scharfen Maßnahmen mit, ist danach wachsam, die Kommunikation ist direkt und eindeutig. Nach den zehn Monaten Pandemie in Deutschland übersteigt es mein Vorstellungsvermögen, dass so etwas auch hier möglich und durchsetzbar wäre und in der notwendigen Enge von allen getragen werden könnte. Die Strukturen sind anders, die Erwartungen, das Sagen, dazu kommt die Gewöhnung an das Bisherige, ein Zermürbtsein, auch Wut und Unverständnis von verschiedenen Seiten aus verschiedenen, sich zum Teil widersprechenden Absichten.

Durchseuchung, Zero Covid, WeiterWieBisher – aus unterschiedlichen Gründen schrecken mich alle drei Wege. Ich schaue auf die Lampe in meinen Gedanken, der Kopf sagt immer noch: Vergiss es.

Ansonsten: Nach der Einführung einer FFP2-Maskenpflicht in Bayern wird Kritik laut, dass es für Einkommensschwache keine kostenlosen Masken zur Verfügung stehen. Als die Polizei zu einem Kindergeburtstag mit dreißig Kindern gerufen wird, verstecken sich die Kinder und anwesenden Erwachsenen in Schränken. Nachdem Tschechien wegen mehrerer positiver Coronafälle im Team die Handball WM in Ägypten absagen, rückt die Schweiz nach. Wegen der Covid-Erkrankung zweier zum Tode Verurteilter wird die Hinrichtung verschoben, um damit den Männern »Gelegenheit zu Genesung« zu geben. Mit 1566 vermeldet England einen Höchstwert an Coronatoten, die USA mit 4470 Toten. Deutschland hat eine höhere Coronatodesrate als die USA. Bruce Willis weigert sich, in einer Apotheke eine Maske zu tragen.

13. Januar | ffp2

In Bayern wird die FFP2-Maskenpflicht für den Nahverkehr und Einzelhandel eingeführt. Ich fühle mich an den ersten Eintrag in den Coronamonaten erinnert, ich schrieb von einem Maskenkauf. Damals wusste ich nichts von Masken, dem Virus, seiner Verbreitung, einer Pandemie. Ein reichliches Jahr später ist das anders. Ich weiß mehr, aber über FFP2 immer noch zu wenig. Mit Stoff als Schutz bin ich durch die Zeit gekommen, hier immer wieder geschrieben, dass ich damit nicht mich schütze, sondern andere und dass dies das Wesen der Corona-Pandemie wäre – auf andere Acht geben.

FFP2 sagt: Jetzt bist auch du geschützt. Das hat seinen Preis. Anders als die Stoffmaske ist FFP2 nicht wiederverwendbar. Und sie kostet, 3-5 Euro, 3-5 Euro jetzt jedes Mal extra für einen Einkauf, viel mehr mache ich gerade ohnehin nicht im öffentlichen Raum, Einkaufen.

Ich frage mich, wieso ich bisher beim Stoff geblieben bin, weshalb ich niemals auf hochwertigere, funktionierende, schützendere Masken umstieg. Bequemlichkeit, auch das Gefühl, dass ich mich im öffentlichen Raum einigermaßen verantwortungsvoll verhalte und potentiell gefährliche Situationen vermeide, der laue Sommer, die Zahlen, die bis November in Weimar teilweise wochenlang bei Null lagen, Geld, sicher das Geld.

Wenn Thüringen dem bayrischen Vorbild folgt, werde ich FFP2 tragen. Angesichts der Zahlen, angesichts der Mutationen eine überfällige, notwendige, eine gute Pflicht. Schutz für mich selbst. Ich werde in eine Apotheke gehen (nicht in die vom 24. Februar 2020) oder eine Drogerie, ich werde nach dem CE-Kennzeichen und der vierstelligen Zahl und einem Markennamen schauen. Ich werde wissen, FFP steht für Filtering Face Piece, ich werde von der Filterung von 94% der Testaerosole wissen, wissen, dass die partikelfiltrierenden Halbmasken eng am Gesicht sitzen müssen, weil sich der Schutz ansonsten ins Gegenteil verkehrt, werde wissen, dass FFP2 nur eine begrenzte Zeit lang getragen werden sollte, ich werde jene mit Ventil in der FFP-Maske für unsozial halten, FFP2 werden gleich aussehen und bestimmt wird bald eine Masken-Individualisierung folgen.

Ich werde mich fragen, ob ich nicht doch in Versuchung kommen werde, die Maske mehr als einmal zu tragen, ob mir das Betreten eines Bäckers drei Euro wert sein wird, ob ich das Bewegen in der Öffentlichkeit in Maskenpreisen rechnen werde.

Und ich werde mich fragen, warum diese sinnvolle Maßnahme erneut so halbfertig ist, warum es nicht ebenso gilt, FFP2 in diesen grimmigen Wochen stets zu tragen, wenn sich mehrere in geschlossenen Arbeitsräumen befinden, warum die Pflicht erneut vorrangig auf das Private gelegt wird.

Ansonsten: Zum Unwort des Jahres wird neben »Rückführungspatenschaften« »Corona-Diktatur« gewählt. Die hochansteckende südafrikanische Mutation B.1.351 wird in Deutschland nachgewiesen. In England sind 2020 so viele Menschen gestorben wie zuletzt im Jahr der Spanischen Grippe. Laut einer Statistik des thüringischen Gesundheitsamtes ist der durchschnittliche Corona-Patient in Thüringen momentan 50 Jahre alt.

Während des Sturms auf das Kapitol haben sich zwei demokratische Abgeordnete infiziert, sie machen dafür republikanische Maskenverweigerer verantwortlich. Um die Ausgangssperre zu umgehen, führt eine Frau in Kanada ihren Partner an einer Leine Gassi aus. Der Berufsverband für Pflegeberufe lehnt eine Impfpflicht für Pflegekräfte ab. Der Zentralverband des deutschen Friseurhandwerks schreibt einen offenen Brief, in dem die gut frisierten Fußballer kritisiert werden, weil deren Frisuren vermehrt zu Kundenanfragen führen, die Frisöre zu Schwarzarbeit und damit zum Brechen der Coronaregeln überreden wollen.

Finnland beginnt die Entwicklung eines Coronaimpfstoffes für Nerze. Das Disneyland in Kalifornien wird zum Impfzentrum. Um eine Untersuchung einleiten zu können, stellt der Oberbürgermeister eine Klage gegen ein Weimarer Altenheim, in dem von 93 Bewohnerinnen in den letzten Wochen 23 an Covid starben. Etwa hundert Teilnehmerinnen laufen auf einem »Coronaspaziergang« durch Weimar.

12. Januar | Erster Eindruck

Ich notiere, was ich finde und empfinde. Was zählt, ist der erste Eindruck. Ist der Reiz stark genug, damit daraus Wörter erwachsen? Ich prüfe nur einmal, korrigiere nur selten nach. Was ich schreibe, bleibt in den allermeisten Fällen so stehen. Selbst, wenn es falsch ist und unvollständig, nicht gerecht oder oberflächlich. Ich warte nicht mehrere Tage ab, bis ein Nebel sich gehoben hat, bis sicher ist, ob eine Meldung sich als wahr erwiesen hat, bis die Argumente abgewogen sind. Ansonsten wäre ich eine Wochenzeitung. Das ist ein Tagebuch, ich schreibe das Unmittelbare auf.

Dabei werden die Fehler festgehalten, das Halbgare. Ein Beispiel: Am Freitag schrieb ich über die Stürmung des Kapitols und schlussfolgerte, dass es dabei um die Bilder gegangen wäre. Es stellt sich heraus, dass dies bestenfalls nur einen Teil der Geschichte erzählt. Neben den Terrorismustouristen in Tierfellen liefen die mit, die ihre Gesichter verbargen, die mit den Kabelbindern, Handschellen, den Bomben und Motolowcocktails, die mit einer Absicht. Das wäre ein zweiter Eindruck, eine Diskrepanz, zumindest einer, der das Bild erweitert.

Das lässt sich auf vieles legen. Wenn ich über die Datenübermittlung der Fallzahlen schreibe, dann prüfe ich nur anhand weniger Informationen nach. Ich sichere nicht vollumfänglich ab, ob ich wem Unrecht tue. Ich schere damit über einen Kamm. Ich schreibe über die niedrige Impfquote in Thüringen und verfüge nur über einen Teil der Informationen. Es liest sich als Vorwurf, ist so gemeint und doch, um die Gründe zu verstehen, müsste ich viel mehr notieren, viel mehr in Erfahrung bringen. Das kann ich in einem Tagebuch nicht machen. Also schreibe ich, wie es bei mir ankommt: In Thüringen wird zu wenig geimpft. Das ist, was ich aus diesen Tagen mitnehme, selbst, wenn mir nach diesen Tagen erklärt wird, dass es nicht stimmte.

Doch öfter taucht ein erster Blick wieder und wieder auf und bleibt beharrlich. Die Situation in den Schulen, die fehlgeschlagene Digitalisierung, die Versäumnisse, das Störrische und das Versagen – es wiederholt sich wiederholt sich wiederholt sich. Gestern, nach Ferienende, ein gleiches Bild wie in den Lockdowns zuvor; die überlasteten Lernportale, die Arbeitsblätterflut, das angekündigte Prüfen, das zeitgleiche Ableisten von Homeoffice, Homeoffice nach wie vor als Sonderfall in der deutschen Pandemie.

Auch B117 ist kein erster Blick mehr. Der Buchstabe, die Zahl taucht wieder und wieder auf, der erste Blick scheint bestätigt, über die Situation in London, die wartenden Notfallwagen, die Überlastung, dazu das exponentielle Wachstum, das Nichtsehen- und Verstehenwollen von Verantwortlichen. Aus dem ersten Eindruck wird ein Muster, einem Eintrag folgen viele. In den meisten Fälle wünschte ich, dem wäre nicht so.

Ansonsten: In San Diego werden zwei Gorillas positiv auf das Virus getestet. Markus Söder bringt eine Impfpflicht für Pflegekräfte ins Spiel. Mit 200 Millionen Euro fördert die Regierung die verstärkte Gen-Sequenzierung von Mutationen in Laboren. Drei von vier Gastronomen bangen um Existenz. Aus Angst vor Infektionen mit dem Virus lüften vier von fünf Deutschen nun häufiger. Biontech will die Produktionszahl der Impfdosen für 2021 auf 2 Milliarden erhöhen. Mindestnähe : Lockdown.

11. Januar | kaltes Denken

Ein Flugzeug ist abgestürzt. 62 Menschen verlieren ihr Leben. Ich setze die Zahl in Vergleich zu der Zahl der täglichen Coronatoten, automatisch, ohne innezuhalten. Später erst wird mir die Kälte dieses Denkens bewusst. Das ist der Kurs von Katastrophen in diesen Wochen, ein Tag in der Pandemie, gerechnet in der Zahl abgestürzter Flugzeuge.

Ansonsten: Gegnerinnen der Coronamaßnahmen suchen das Privatgelände des sächsischen Ministerpräsidenten auf, nachdem eine Frau eine Maske in den Farben der Reichsflagge aufsetzt, bricht dieser das Gespräch ab. Nachdem er vier Wochen mit einer schweren Covid19-Erkrankung auf der Intensivstation lag, bekräftigt ein Bundestagsabgeordneter der AfD in einem Interview seine Auffassung, »dass bislang keine pandemische Lage vorliegt«. Der bayrische Ministerpräsident warnt vor einer Radikalisierung der Proteste, einer »Art Corona-RAF«.

Laut einer Studie in der Schweiz zählen Schulschließungen zu den effektivsten Corona-Maßnahmen, wirksamer sind nur ein Verbot von Treffen mit mehr als fünf Menschen und die Schließung gastronomischer Einrichtungen. Jedem zweiten gastronomischen Betrieb in der Schweiz droht bis März die Insolvenz. Belgien vermeldet insgesamt mehr als 20000 Coronatote, Deutschland über 40000. Der Leibarzt des Papstes stirbt an Covid19.

10. Januar | Belohnung

Es gibt keine Belohnung: für die Entbehrungen und Verluste nicht, die gebrachten Opfer nicht, die schweren Gedanken, das HomeOffice, das Ausharren im Lockdown, den Stress, die fehlenden Kontakte, all den Verzicht, den Verzicht auf Lebensquantität, ein Jahr und ein halbes die Seuche. Den bestmöglichen Gegenwert, den ich dafür erhalte, ist, dass etwas nicht passiert. All die Verzichte für ein Nichstattfinden. Das wäre die Belohnung. Durchhalten bis zur Belohnung, übermorgen, bis dahin Resilienz als Dauerzustand.

Ansonsten: Die Queen wird geimpft. Der Papst ruft zum Impfen auf. In Deutschland sind eine halbe Million Menschen geimpft.

9. Januar | Blindflug

Die Zahlen von gestern: 1188 Todesfälle, 31.849 Neuinfektionen. Es sind nach einiger Zeit wieder Zahlen, die ich notiere, weil es wegen zwischen den Jahren zu einem verzögerten Ablauf der Erhebungen und Meldungen kam. Jetzt, eine Woche nach Silvester erst, stellt sich eine gewisse Verlässlichkeit wieder ein.

Ich verstehe, dass jene, die für die Erhebung und Meldung verantwortlich sind, die ohnehin seit Monaten im Ausnahmezustand sind, Ausnahmen von der Ausnahme brauchen, dass Stellen, Ämter, Labore runtergefahren werden zwischen den Jahren, dass weniger getestet werden kann und will. Und dennoch ist es seltsam, in, im Rückblick gesehen wahrscheinlich einer der unheilvollsten Phasen der Pandemie im Blindflug zu sein, nur über Zahlen zu verfügen, die unzureichend abbilden, was geschieht, anhand der Zahlen aber verstehen müssen, was geschieht, was deshalb getan werden muss.

Der Blindflug setzt sich fort, wenn es um B117 geht, die Mutation, die London momentan zu dem Brennpunkt der Pandemie macht und an die Grenze des Machbaren bringt, B117, dessen Verbreitung in Deutschland aus (politischer) Nachlässigkeit kaum gefunden werden kann.

Auch aus diesem Blindflug ist die Unklarheit: Liegt der Grund an den aktuellen Zahlen an Weihnachten, an Neujahr, sind die Lockdows an der Politik gescheitert, an der Eigenverantwortung der Bevölkerung, trägt B117 zu den Zahlen bei, wie stark?

Ansonsten: Der Thüringer Ministerpräsident bekräftigt seine Forderung nach einem stärken Lockdown, fordert u.a. auch ein Runterfahren der Wirtschaft und gesteht erneut Fehler bei der Bewertung der Situation ein. Nach Kritik widerrufen die Verantwortlichen die Rückkehr zur Präsenzpflicht in Berliner Schulen. Virologinnen befürchten, dass ein zeitliches Aufschieben der zweiten Impfdosis weitere Mutationen begünstigen könnte. Kritik am Alleingang Deutschlands bei der Beschaffung weiterer Impfdosen. Unter den Staaten, die sichere und wirksame Impfstoffe spritzen, befindet sich an Angaben der WHO kein armes Land.

In Irland, wo die Mutation B117 nachgewiesen ist, steigen die Zahlen exponentiell. Die sächsische Regierung bittet ältere Bürger, den öffentlichen Nahverkehr zu meiden. Die örtliche CDU hält in Meißen, den Kreis mit dem höchsten Infektionsstand Deutschlands, ihren Parteitag als Präsenzveranstaltung ab. Ab nächster Woche wird Italien wieder in unterschiedliche Corona-Zonen einteilt werden. Nach dem größten Coronaausbruch seit Monaten riegelt China einige Millionenstädte ab.

6/7/8. Januar | Büffelmann im Capitol

An manchen Tagen schreibe ich den Eintrag aus Zeitgründen vor. Wenn kurz vor Freischaltung etwas Entscheidendes passiert, ist das Geschehene erst am Tag darauf Thema. Und Thema kann nur die Stürmung des amerikanischen Kapitols durch Trump-Anhängerinnen sein.

Es sind Bilder, natürlich, es geht um die Bilder. Die Konföderationsflagge vor dem Gemälde Lincolns. Ein Büffelmann auf dem Sitz des Speakers. Die Senatorinnen, die im Begriff sind, einen neuen Präsidenten zu wählen, mit Gasmasken kauernd zwischen Sitzreihen. MAGA-Hutträgerinnen, die in den Büros der Senatorinnen sitzen und in klassifizierten Dokumenten blättern.

Die Bilder sagen: Wir sind hier, in eurem Zentrum, wir zwingen euch zur Flucht. Und die Bilder sagen noch etwas anderes. Denn der Sturm wirkt weniger ein Sturm als eine aus dem Ruder gelaufene Besichtigungstour. Die Stürmenden haben keine Angst. Sie bewegen sich gelassen und sicher. Sie laufen innerhalb der roten Absperrkordeln. Sie machen Selfies mit den Polizisten. Polizisten helfen zuvorkommend älteren Damen mit Trump-Hut die Stufen des Kapitols hinab. Die Stürmenden können ungehindert das gestürmte Gebäude verlassen, durch eine Tür, an die sie gekratzt haben: Murder The Media.

Sie wissen: Sie haben nichts zu befürchten. Nicht von den Polizisten. Nicht von den Präsidenten, der ihnen zuruft: Ich liebe euch. Ihr seid besonders. Aber geht wieder heim, eure Zeit wird noch kommen. Das sagt er auch jenem Mann, der ein Auschwitz-Hoodie trägt.

Was hat das mit Corona zu tun? Der Sturm als Superspreader-Ereignis? Aber wäre das das Wesentliche dieses Tages? Der Sturm ist für einen Präsidenten, in dessen Amtszeit fast 400000 Amerikanerinnen gestorben sind an einen Virus, das dieser Präsident und dessen Regierung an keiner Stelle ernst genommen haben. 4000 Tote, mehr als bei 9/11, das kann jetzt jeden Tag geschrieben werden und Büffelmann ist bereit, dafür das Kapitol zu stürmen, gewillt, diesen Zustand zu verlängern. Nicht nur er. Laut einer Umfrage befürworten 43% der Republikaner den Sturm, arbeiten die entsprechenden Netzwerke daran, den Sturm sowohl als Aktion der verkleideten Antifa zu erzählen als auch als eine gerechtfertigte Selbstverteidigung enttäuschter Patrioten.

Was hat das mit Corona zu tun? Die Bilder schließen an an den 29. August, an die versuchte Stürmung des Reichstags. Auch hier Treppen, auch hier wenige Schutzkräfte, auch hier Flaggen, die geschwenkt wurden, auch hier die Wut, im Vorfeld die Absprachen, im Gebäude selbst von der AfD eingeschleuste Stürmende. Der damalige Sturm erwuchs aus einer Antimaßnahmen-Demonstration, Corona und Sturm Hand in Hand.

Beide Bilder sind Ausdruck einer Destabilisierung, ein wortwörtlicher Angriff auf das Zentrum einer Gesellschaftsform. Wenn, im nächsten Jahr vielleicht, die Pandemie unter Kontrolle ist und sich der Nebel von der Gegenwart hebt, weil die eingefrorene Gegenwart dann Vergangenheit ist und damit die Verheerungen sichtbar werden – das Verlorene, das Zerstörte, das Erlittene – dann wird es neben dem Vergessenwollen, dem Verzeihen, dem Aufarbeiten Wut geben, viel Wut, viele Büffelmänner und -frauen.

7. Januar | am Limit

Wir sprechen über den Thüringer Ministerpräsidenten. In den letzten Tagen forderte er besonders starke Maßnahmen gegen das Virus und erklärte in einem Interview, dass die Thüringer Krankenhäuser in Kürze »am Limit« seien. Wir sind erstaunt, denn der Ministerpräsident war bisher einer von den Stimmen, die sich gegen zu starke Maßnahmen aussprachen.

Wir sprechen darüber, ob das Reagieren auf das jeweils aktuelle Geschehen ein gutes Bewältigen einer Krise auszeichnet: in Zeiten niedriger Zahlen Öffnungen fordern und durchsetzen, bei hohen Zahlen stark einschränken. Ob ein Satz wie »Wir haben lange gedacht, das Virus macht einen Bogen um Thüringen, und da muss ich zugeben, dass ich mich da sehr getäuscht habe« nicht seltsam naiv und weltfremd anmutet angesichts dessen, was vom Virus und dessen Verbreitung schon lange bekannt ist. Ob das Zugeben von Fehlern eine Tugend ist. Ob das frühzeitige, oft laute Starkmachen für Lockerungen nicht zu einer bestimmten Einstellung, vielleicht Lässigkeit im Land beigetragen haben könnte. Wie es zu den aktuellen Zahlen kommen konnte, ob diese ein gutes Bewältigen einer Krise aufzeigen.

Im Interview erklärt er die niedrigen Impfzahlen in Thüringen damit, dass viel in Krankenhäusern geimpft wurde und sich dort die Meldungen verzögert hätten. Und er nennt einen weiteren Grund, jenen, »dass nur sehr wenige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Krankenhäusern bereit sind, sich impfen zu lassen.«

Vor einigen Tagen sprach ich mit jemanden, der im Weimarer Krankenhaus arbeitet. Er meinte, dass dort jetzt die dritte Covid-Station aufgemacht habe, beim ersten Lockdown habe es nur eine gegeben. Als ich frage, ob die Impfstoffe schon angekommen seien und sage, dass es ja ein Glück sei, dass es diese endlich gebe, entsteht eine ziemlich lange Pause, gefolgert von einem zögerlichen »Naja«. Aus einem Krankenhaus in Stollberg wird berichtet, dass sich das Personal mehrheitlich nicht impfen lassen möchte und Kolleginnen mit Verweis auf mögliche Genveränderungen vom Impfen abgeraten wird.

Das ist Hörensagen. Ich kann diese Aussagen nicht überprüfen. Ich weiß nicht, ob diese Berichte falsch sind, anekdotisch, repräsentativ für die Bevölkerung oder ob sich Pflegepersonal überdurchschnittlich oft einer Impfung entzieht. In einem Artikel heißt es, dass die Impfbereitschaft in den Kliniken unterschiedlich hoch sei. Ein anderer Text ist überschrieben mit »Warum so viele Pflegekräfte die Impfungen scheuen«. Es sind Texte, die nicht geschrieben werden sollten.

Ansonsten: In einer Umfrage erklärt sich mehr als die Hälfte der Befragten einverstanden mit der Verlängerung des Lockdowns, 27% gehen die Maßnahmen zu weit, 18% nicht weit genug. Der Wirtschaftsforscher Michael Hüther spricht sich für finanzielle Sanktionen für Impfverweigerer aus. Die EU-Kommission erklärt die Zulassung für den Impfstoff von Moderna. Wegen Überlastung wird in Tschechien der Betrieb der Krematorien nun landesweit koordiniert. China verzögert die Einreise von Expertinnen der WHO, welche die Ursprünge von SARS-CoV-2 erkunden sollen. In Großbritannien und Deutschland werden jeweils über eintausend Tote gemeldet. Nachdem der Schlagersänger Michael Wendler die Lockdown-Maßnahmen mit einem KZ verglichen hat, schneidet RTL ihn aus den schon produzierten Folgen von Deutschland sucht den Superstar heraus.

6. Januar | Zäher Matsch

Heute der Beschluss: Der Lockdown wird verlängert. Im Wesentlichen geht es so weiter wie bisher. Einzige Neuerungen: Die Anzahl privater Kontakte außerhalb des eigenen Haushalts wird auf einen beschränkt. Und: Ab bestimmten Inzidenzwerten wird der Bewegungsradius auf 15 Kilometer begrenzt.

Gestritten wird über diese 15 Kilometer; ob das wirkungsvoll oder nur Geste ist, wie das überwacht werden soll, als Beleg für eine autoritäre Regierung. Gestritten wird über die fortdauernde Schließung der Geschäfte, unter #wirmachenauf sammeln sich Ladeninhaberinnen, die ab Montag trotz Verbot wieder öffnen wollen. Gestritten wird über weiterhin fehlende Konzepte für Schulen. Gestritten wird, weil die Maßnahmen pauschal sind oder im Einzelfall zu viel Freiräume lassen. Gestritten wird über den Satz: »Das Gesundheitsministerium ist grundsätzlich der Auffassung, dass ein Arbeitnehmer zuhause arbeiten und auf seine Kinder aufpassen kann.« Gestritten wird über eine Fantasielosigkeit der Politik, die nur verbiete, aber keine Freude schenke.

Für mich werden die nächsten Wochen so weitergehen wie die bisherigen. Wenig wird sich ändern; meine Situation ist eine spezielle, ich wäre auch unter anderen Umständen seltener unterwegs. Die Tage sind fordernd, ein jenseits der Notbetreuung geöffneter Kindergarten wäre eine Entlastung. Die Vorstellung, auf diese Weise bis in den Frühling fortzufahren, ist keine gute.

Ich wünsche mir ein ehrliches Bestreben, die Zahlen zu senken, dafür auf Ausnahmen verzichten, für die dafür notwendige Zeit die Maschinen und Bänder konsequent anzuhalten, konsequent die noch offenen Orte der Ansteckung zu benennen und in die Verantwortung zu nehmen, Homeoffice als Normalität und für die mit Kindern eine bezahlbare Lösung finden, ich wünsche mir das Büro als Unort, grundsätzlich die Arbeitswelt noch stärker in die Pflicht zu nehmen zusätzlich zu dem ohnehin schon eingeschnürten Privaten, den Lockdown als gesamtheitliche Fläche zu verstehen, auf die sich für Wochen einmal eine dichte, stille, einschließende Schneedecke legen kann, der Januar soll darunter verschwinden, damit nicht die Monate danach ewiggleicher Lockdown sind, Eis, das nicht taut, zäher Matsch.

Ansonsten: Der Lockdown in England wird bis Mitte Februar verlängert. Die BBC kündigt an, aufgrund der wegen des Lockdowns geschlossenen Schulen ab nächster Woche Unterrichtsstunden im Fernsehen auszustrahlen. Aufgrund des Shutdowns wird die Deutsche Bahn Fahrten im Fernverkehr reduzieren. Das Kinderkrankengeld wird auf zwanzig Tage verdoppelt. Wegen der Überlastung durch Corona sollen Rettungswagen in Los Angeles Patienten mit geringer Überlebenschance nicht mehr in Krankenhäuser bringen. In Deutschland wurden bisher ein Viertel der gelieferten Impfdosen verimpft. Die EU ordert 300 Millionen Impfdosen von Biontech nach.

5. Januar | Zank ums Impfen

Der Schnee von gestern taut. Wer heute über die Parkwiesen läuft, läuft in der aufgeweichten Grasnarbe. Im Matsch liegen Karottenstücke. Montag hat begonnen und damit die erste vollständige Woche des neuen Pandemiejahres. Es wird gezankt: über die Öffnungen der Schulen, über die Gefährlichkeit von B117, über den kommenden Lockdown und wie streng / wie wenig streng dieser ausfallen sollte, übers Impfen wird gezankt, die Impfstrategie Deutschlands und Europa, Versäumnisse werden offenbar.

Es geht darum, dass Europa zu wenig von den momentan erhältlichen und zugelassenen Impfstoffen bestellt hat. Beschlossen war ein gemeinschaftliches Vorgehen, ein Streuen des Risikos und deshalb im Vorfeld ein Bestellen bei verschiedenen Anbietern. Von den teuren und heute wirksamen Impfstoffen wurden weniger geordert, von den günstigen viele.

Dieses Vorgehen wird verteidigt und kritisiert. Im Rückblick ist immer klar, was geschehen hätte müssen, es ist einfach, diesen Vorwurf zu machen. Und dennoch hat die USA mit einer desolaten Regierung ausreichend Dosen bestellt. Es ist ein Streit, bei dem ich unterscheiden muss zwischen den berechtigten und kritischen Fragen und solchen, die sich als besserwisserisch herausstellen.

Ich muss diese Unterscheidung auch beim angelaufenen Impfen treffen; wie ist die Impfquote im Vergleich zu Großbritannien und zu Israel, wann, unter welchen Bedingungen wurde dort mit der Impfung begonnen, wie komplex sind die Prozesse, die ablaufen müssen, bis eine Nadel die Haut durchdringt. Ich lese die Zahlen aus Mecklenburg-Vorpommern und die aus Thüringen, Welten liegen dazwischen. Warum ist das so? Wofür gibt es einleuchtende Erklärungen, wo wurde gezaudert und nicht ordentlich gearbeitet?

Nein, eigentlich will ich das gar nicht im Detail wissen. Eigentlich will ich einen Jahresbeginn, an dem alles unter das Primat des Impfens gestellt wird, einen Januar, in dem alles dafür getan wird, um die Herstellung der Impfstoffe zu erweitern, einen Wochenbeginn, an dem alles dafür getan wird, um die Dosen so rasch wie möglich zu den Impfzentren zu bringen, einen Montag, in dem alles dafür getan wird, möglichst viele vom Impfen zu überzeugen.

Es wundert mich, dass dies nicht die höchste aller Prioritäten zu sein scheint. Weil dies die beste Möglichkeit für ein besseres Ende ist. Und ich verstehe, dass es nicht alles sein kann, weil das andere nicht einfach so verschwindet. Weil morgen nicht alle geimpft sein werden, muss über das Impfen hinaus der große Rest unter den Bedingungen einer Pandemie weitergeführt werden, der Alltag. Impfen ist alles und kann nicht alles sein.

Ansonsten: In einer digitalen Fraktionssitzung kündigt der Gesundheitsminister an, dass im zweiten Jahresquartal ein Impfangebot für alle Interessierten zur Verfügung stehen soll. Feiertagsbedingt werden frühestens Ende der Woche wieder belastbare Zahlen zu den Neuinfektionen erwartet. Knapp 10000 Neuinfektionen werden vermeldet. In New York wird B117 nachgewiesen. Aufgrund der steigenden Zahlen wird ein neuer Lockdown für England verkündet. Die Kultusministerinnen beschließen, dass jedes Bundesland nach eigenem Ermessen Schulen und Kindergärten öffnen darf. Nach Kritik zieht die Niederlande den Impfstart auf Mittwoch vor. Nach dem Ansturm von Ausflüglern soll der Wintersportort Oberhof abgeriegelt werden.

4. Januar | Winterlandschaft ohne Eisläufer

Gestern war es auch magisch. Über Nacht kam der Schnee und am Morgen sah der Park wie ein in vornehmes Weiß gehaltenes Gemälde von Hendrick Avercamp aus, eine »Winterlandschaft mit Eisläufern« im Realen. Während die Kinder den Berg hinabrodeln, rollen die Eltern auf den Wiesen Kugeln zu Schneemännern, Teenager bewerfen sich mit Schnee, Hunde bellen Karotten an.

Eine Art unangestrengte Anarchie hat sich über den Park gelegt. Jedem, der durchs Tor tritt, zaubert es eine in den letzten Monaten ungewohnte Unbeschwertheit aufs Gesicht; den Kindern sowieso, ihren Eltern auch, allen anderen – den älteren Paaren, den Kinderlosen, den Joggerinnen – ebenfalls. So viele uneingeschränkt glückliche Menschen an einem Ort habe ich lange nicht mehr gesehen und ich merke, dass ich dieses Glück vermisst habe.

Ich denke an die Meldungen von den überlaufenen Wintersportorten und denke, dass, solange es keine übervollen Skikabinen, kein langes enges Anstehen und keine umtriebigen Liftbetreiber gibt, ich das nicht nur verstehen kann, sondern für notwendig halte – die bekannten leeren Orte beim Erwachen verändert und damit neu, Schneekugeln, geknetet von Händen, die ansonsten die Tastatur des HomeOffice bedienen und gleichzeitig für die Kinder kochen, nasser Schnee, der auf Newstickern landet, ein gemeinschaftliches Rangeln im Weiß.

Wenn 2021 nett ist, dann lässt es uns den Schnee bis zum Ende des Lockdowns – kein Matsch, keine braun getretenen Wege, sondern fester, formbarer, befahrbarer Schnee.

Es wäre ein Kompromiss, ein kleiner Ausweg aus dem großen Dilemma. Einerseits die geschlossenen Schulen und Kindergärten, das fehlende Zusammensein, das ausgesetzte Wachsen und Lernen, die ausbleibende Entlastung für die Eltern, die unvereinbar miteinander Kinder betreuen, unterrichten und arbeiten.

Andererseits die Studien, die klar formulieren, dass Kinder natürlich sich und andere anstecken, dass Schulen und Kindergärten Orte sind, an denen sich das Virus verbreitet und das möglicherweise viel stärker als angenommen; die Mutation B117, die diese Verbreitung noch einmal beschleunigen könnte und für Kinder und Jugendlich im höheren Maße gefährlich zu sein scheint.

Und ein weiteres Dilemma: Lehren als individueller Akt und damit als hohes Gut, weil es Persönlichkeiten bilden und keine kapitalismuskonformen Formen ausstanzen soll, und zugleich fatal in Krise, wenn jedes Fach sein eigenes Lehrsystem einfordert und damit die Schülerinnen und ihren Eltern maßlos überfordert.

Was, wenn ich morgen entscheiden müsste; Kind zuhause, Kind in der Schule, wie ließe sich das Dilemma lösen? Über die fehlenden Unterrichtsstrategien wurde viel geschrieben, die Versäumnisse vieler Verantwortlicher, die in dreißig Jahren oder zehn Monaten die Gegenwart ignorierten, die Krokodilstränen Friedrich Merz’, auch über das störrische Beharren auf Anwesenheit unabhängig von Inzidenzwerten wurde geschrieben. Und vielleicht doch zu wenig geschrieben, wenn es letztlich wieder darum gehen soll, unbedingt die eine Klassenarbeit schreiben zu müssen, weil ansonsten ein lebenslanger Schaden droht.

Ich stehe in der Winterlandschaft ohne Eisläufer und wüsste gern, wie das ohne Schnee gehen soll, Pandemie und Schulen, Virus und Kindergärten, Covid21 und das Aufwachsen, dieses anarchistische Hinabrodeln.

Ansonsten: Aufgrund des Ansturms sperrt Winterberg alle Pisten bis zum 10. Januar. Der Thüringer Ministerpräsident plädiert für eine Fortsetzung des Lockdowns um drei Wochen bis Anfang Februar, dafür soll der Bewegungsradius auf 15km vom Wohnort entfernt beschränkt werden. Der Papst kritisiert Urlauberinnen, die ins Ausland reisen, um dem Lockdown zuhause zu entgehen. Im Vogtlandkreis, den Landkreis mit der höchsten Sieben-Tage-Inzidenz, sprühen Unbekannte auf das dortige Impfzentrum »Gift«. Mit 277000 Neuinfektionen wird in den USA ein Höchstwert gemeldet, in Deutschland liegt die Zahl bei 10000.

3. Januar | Pandemie im Zeitraffer

B117 ist wie die Pandemie im Zeitraffer. Zuerst ein fernes Dröhnen, ein Raunen, dass etwas Gefährliches im Anmarsch ist, dann ein Vermuten, das zum Alarm wird, schnell ein Erschrecken aufgrund der Aussagen, die aus den wenigen verfügbaren Informationen Bedrohliches herauslesen, Wissenschaftlerinnen, die dem widersprechen, ein Diskurs um diese Informationen, schließlich weitere Informationen, die das Schlimme zu bestätigen scheinen und daraus die Forderung nach Maßnahmen, die trotz der immer noch geringen Faktenlage sofort und konsequent ergriffen werden müssten, weil die Vorsicht im schlimmsten Fall weniger verheerend wäre als das vermutete Übel und umgehend Einspruch dagegen und ein Ignorieren.

Und wie im März lerne ich über das Virus, verstehe, worin die Gefahr zu liegen scheint. Die Mutation B117 scheint zu keinem schlimmeren Krankheitsverlauf zu führen, dafür aber ansteckender zu sein. Und wie im März ist, was ich begreifen muss, das exponentielle Wachstum. Eine Ansteckungsrate von 50% darf ich nicht als das Doppelte lesen, sondern bald und schnell als das Vielfache von momentan. Das lese ich und ich lese, dass Kinder diesmal besonders betroffen sind und ich habe große Sorge deswegen.

Und ich lese in den Texten, dass »wir« – und damit sind »wir« Menschen gemeint – gegen B117 einige Pfeile im Köcher haben: das Bisherige, Maske, Abstand, App, und seit kurzem ein Impfmittel. Und wieder finde ich es nahezu unfassbar, dass jetzt, genau ein Jahr nach Beginn der Pandemie, schon Millionen Menschen geimpft sind. Und ebenso überraschend das Begreifen, dass der Impfstoff nicht das Ende der Geschichte ist, sondern eine andere Geschichte beginnen lässt bzw. zeitgleich zu den anderen läuft; dass eine Aufgabe das Entdecken des Impfstoffes ist und die andere das Verteilen des Impfstoffes und das Erfüllen beider Aufgaben notwendig ist für das Ende der Geschichte.

Und ich lese über diesen stärksten Pfeil im Köcher und dass, wenn sich B117 als das erweisen sollte, was gemutmaßt wird, ein Wettlauf während des Wettlaufs beginnt. Jede gemachte Impfung verringert die Gefahr der Mutation, jede hinausgezögerte vergrößert sie, weiterhin ist das Geschehen exponentiell.

Und ich verstehe, dass jetzt die Gelegenheit ist, das in den letzten Monaten erworbene Wissen einzusetzen, das Lernen aus den Wellen, dem Wachstum, dem Zögern, dem Leid in etwas Konkretes, etwas Notwendiges, etwas Schützendes zu überführen, aus den gemachten Fehlern Schlüsse zu ziehen.

Ansonsten: In Großbritannien erreicht die Zahl der Neuinfektionen erneut einen Höchststand. In Dänemark wird die B117-Mutation schon im November festgestellt. Die Polizei appelliert an die zahlreichen Ausflügler zu den Wintersportorten im Sauerland und im Harz: »Dreht um«. Im sächsischen Vogtlandkreis liegt die Sieben-Tage-Inzidenz bei 900. Kritik, nachdem in Polen mehrere Prominente vor dem medizinischen Personal geimpft wurden. Der Buckingham-Palast erklärt, dass die Impfung Privatsache der Queen sei. Nach dem Auflösen einer illegalen Silvesterparty werden in Frankreich über eintausend gebührenpflichtige Verwarnungen ausgesprochen. In Spanien treffen sich 1000 Menschen in einer Lagerhalle zu einer Silvesterparty, Bilder zeigen Menschen, die ohne Maske unter einem großen Totenkopf mit Weihnachtsmütze tanzen.

2. Januar | neue Karte

Zu den bisherigen Karten – Fälle in den letzten sieben Tagen, Belegung Intensivbetten, Anzahl der durchgeführten Tests, Positivtest, R-Wert, weltweiter Verlauf etc. – kommt nun eine neue hinzu: die mit den Impfquoten. Weltweit (Israel: 1 Millionen Impfung/ 9,18 Impfdosen pro 100 Einwohner, Deutschland: 170000 Impfungen, 0,2 Impfdosen pro 100 Einwohner) und aufgeschlüsselt nach Bundesländern.

Die Impfkarte Deutschland ist hell und weiß, fast leer. Thüringen liegt an letzter Stelle. All die nebeneinanderlaufenden Zahlen und Prozente, die Balkendiagramme mit den unterschiedlich gefärbten Säulen machen deutlich: Das ist ein Rennen, ein Wettbewerb mit Gewinnern und Verlierern.

Ansonsten: B117, der mutierte Virenstamm, verbreitet sich nach Berichten besonders häufig unter Kindern; Krankenhäuser melden vermehrt Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit einer Covid-Erkrankung. In London bleiben für die beiden Wochen die Grundschulen geschlossen. Friedrich Merz fordert eine schnelle Öffnung der Schulen. Das Bundesministerium für Gesundheit erklärt, dass die Bundesländer bis Anfang Februar weitere 2,7 Millionen Dosen des Impfstoffs erhalten soleln. Obwohl in den Niederlanden 200.000 Impfdosen schon gelagert sind, wird mit den Impfungen erst am 8. Januar begonnen. In Frankreich treffen sich 2500 Menschen in einer Lagerhalle zu einer Silvesterparty. Über B117.

1. Januar 2021 | vor zwölf nach zwölf

Neujahr. Mehr Feuerwerk als erwartet erleuchtet den Lockdownhimmel, auch mehr Menschengruppen nach zwölf unterwegs als erwartet und das altbekannte ambivalente Gefühl: Sollte mir das auffallen und was sagt das über mich?

Vor zwölf das Teilen und damit das Erinnern an die genau vor einem Jahr erschienene dpa-Meldung: »Mysteriöse Lungenkrankheit in Zentralchina ausgebrochen«. So reduziert auf fünf Worte klingt das weiterhin wie der Prolog eines hanebüchenen Plots und weiterhin so abstrakt, als ob es mich nicht betreffen müsste.

Eine Minute nach zwölf ist der erste Witz, der gerissen wird: »Gut, dass Corona jetzt vorbei ist« und zwei Minuten nach zwölf setzt die Erkenntnis ein, dass man nun schon im dritten Jahr mit dem Virus ist. Und währenddessen zerstört in Wisconsin ein Impfgegner 500 Dosen des Heilmittels und während ein Reporter über eine Impfung in Essen berichtet, wird dem 49jährigen eine Dosis angeboten und woraufhin BILD seine Reporter losschickt und fragt: »Wie bekomme auch ich eine Reste-Impfung?«

und der Strategie, die Impfzahlen zu verdoppeln, indem jeder erst einmal nur eine von zwei Impfungen erhält, widerspricht der Hersteller und die Erfinder des Impfstoffes wundern sich über die Einkaufspolitik der EU bei den Impfstoffen und eine neue Studie legt beim Virenstamm B117 eine deutliche Erhöhung der Basisreproduktionszahl nahe und Forscherinnen widersprechen dem

und aus einem SUV werden Knallkörper verkauft und im Elsass sprengt sich jemand mit einem Feuerwerkmörser den Kopf weg und in Stuttgart demonstrieren Impfgegnerinnen und der Bundestagspräsident erklärt, dass man nicht jedes Leben um jeden Preis schützen könne und verweist dabei auf komplexe Zusammenhänge

und ich sage, wenn auch nur leise zu mir selbst, so, dass kaum jemand die Worte hören kann, mitten hinein ins Feuerwerk, hinein in den Gesang der WG, die aus dem Fenster heraus »Seven Nation Army« singt, 2020 war auch ein gutes Jahr und 2021 wird das auch werden.


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