Stellungskampf der Gegebenheiten
1. Mai | unpolitisch

Der 1. Mai ist DGB rotes Fahnenmeer, Simsonkorsi, eine als Familienfest getarnte AfD-Wahlkampfgroßveranstaltung in Sachsen-Anhalt, eine Flinta-Demo mit spätem Tanz auf dem Goetheplatz etc. Der 1. Mai in Weimar ist ein Flohmarkt, der sich über die Stadt zieht, ein vielstündiges Seifenkistenrennen, sind Konzerte an der Sternbrücke, Feste, Feiern, Draußensein mit Tausenden. Die traditionelle Eröffnung des Sonnenhalbjahrs. Trotz einiger roter Nelken am Hemd auch das Gefühl, dass man auch dankbar ist, heute, am Tag der Arbeit, eher unpolitisch unterwegs sein zu können, dass es so ein grundsätzliches Sehnen danach gibt, wie alles weniger politisch sein müsste.

2. Mai | nie vor mir
Zum einjährigen Dienstjubiläum gibt der Kanzler ein Interview. Im sogenannten Internet wird es mit dem Ragebait »KEIN BUNDESKANZLER VOR MIR HAT SO ETWAS ERTRAGEN MÜSSEN« übertitelt, in der gedruckten Ausgabe heißt es zurückhaltender »Ich kann da in der Tat noch besser werden«.
Jedenfalls wieder im Gespräch, wie der Kanzler auf sich selbst sieht. Auf einem Bürgerforum fragt ihn die Mutter eines beeinträchtigten Kindes, warum die Regierung in Erwägung zieht, bei der Hilfe von beeinträchtigten Kindern zu sparen. Der Kanzler antwortet mit Zahlen, geht nicht auf seine Gegenüber ein, wehrt ab, wie damals bei Ein Herz für Kinder, als er seine Spende für kranke Kinder mit dem Wahlergebnis seiner Partei verknüpfte. Oder, auch aus einem Bürgerdialog, die Überschrift: »Merz weist todkranke Wählerin schroff zurecht«. Empathielosigkeit kein Bug, sondern Feature.
3. Mai | Weibcheck
Unwichtig, aber so geschehen: Der Nachrichtenchef des Ressorts News schreibt in der Berliner Zeitung einen wütenden Kommentar über das Neo Magazin Royal, weil er das Wort Vibeshift als Weibcheck missversteht. »Machst du zu Beginn einer Sendung über Frauenunterdrückung einen „Weibcheck“, als wärst du Peter Pussy vom ZDF und würdest über eine 16-jährige Miss Rhein-Ruhr herziehen?« Ein Missverständnis, auf dem ein ganzer empörter Text aufbaut, ein Text, den niemand gegencheckt, nicht nachrecherchiert, Meinung, Empörung, Kulturkampf am Beispiel seiner Peinlichkeit.
4. Mai | über den Iran sprechen
Über den Iran sprechen mit jemanden, dessen Familie noch dort ist. Seit der Sperre keine Informationen, ganz selten nur zehnsekündige Nachrichten, »Es geht uns gut«, mehr nicht, um niemanden mit konkreten Informationen in Gefahr / in Sorge zu bringen. Zu Beginn des Kriegs trotz besseren Wissens die Hoffnung, dass sich die Dinge ändern könnten. Jetzt die Aussage, dass Trump das Regime auf ewig gefestigt habe. Wie sprechen jene im Exil über den Iran? Sprachlosigkeit ist eine Beschreibung. Eine andere: Witze. Über den Krieg und das Grauen wird gewitzelt. Weil es sonst nicht zu ertragen wäre.
5. Mai | in Bunkern
Berichte, wie Putin sich aus Angst vor einem Attentat in Bunkern versteckt, einsam, abgeschottet, wer zu ihm Zugang erhält, wird überwacht. So ist das Ende fast aller Diktatoren: angsterfüllt, freudlos und grässlich.
6. Mai | Bilanz ziehen
Viele Berichte anlässlich von einem Jahr Regierung, dieser »letzten Patrone der Demokratie«, ausgestellte Zeugnisse und gezogene Bilanzen dieser 365 Tage: Ernüchterung, viel Zoff, Entfremdung, eine 3 von 10, wir brauchen keinen Außenkanzler, verheerend, vernichtend, durchwachsene Bilanz, noch ist nicht alles verloren, nur zehn Prozent zufrieden, überwiegend negativ, bitter, Deutschlands liebster Sündenbock.
7. Mai | Stimmung
Der gestrige Eintrag auch deshalb, weil diese Chronik im Rückblick Zeugnis einer damals gewesenen Stimmung sein soll. »Stimmung« natürlich ein maximal angreifbares Wort, das sich gar nicht belegen lassen kann. Denn immer schwer, jemanden zu finden, der mit einer aktuellen Regierung einverstanden ist. Doch scheint es gerade nahezu unmöglich, jemanden zu finden, der die Regierung überhaupt in irgend etwas verteidigen würde. Gerade bei denen, die sie wählten. Enttäuschung überall. Und dabei ist es ja so, dass niemand erwartet hat, dass diese Regierung alle Probleme löst. Aber zumindest Probleme erkennt und daraus eine konstruktive Dynamik entwickelt. Das, so sagt die Stimmung, geschieht nicht. Die Stimmung sagt Zoff, Disruption Lobbyismus, so, als würden Gedanken und Werkzeuge aus den 1980er Jahren auf ein neues Jahrtausend gelegt. Dabei schon ein Sehnen der Mehrheit danach, dass diese Regierung Probleme angeht und sie beginnt zu lösen, so könnte die Stimmung auch sein.
8. Mai | verschämt verschweigen

Vernissage und Lesung des Thüringer Blumenwurfs in Weimar. Ich lese auch die Passage, in der ich darüber schreibe, wie bei den ersten Terminen im Frühjahr 2024 von den Befragten niemand darüber sprach, ob sie blau wählen. Im Gespräch nach der Lesung meint jemand, heute wäre das anders. Heute würde die Wähler unbefangen damit umgehen, heute wäre man sich sicherer, man würde sich eher brüsten als verschämt verschweigen.
10. Mai | Letzte Tage
Waffenruhe zur Parade in Moskau, Zelensky garantiert, den Roten Platz mit Drohnenangriffen zu verschonen und übermittelt Putin die Koordinationen des Roten Platzes. Gerrymandering in den USA, mit dem Segen des Obersten Gerichtshofs werden demokratische und schwarze Wahlbezirke zusammengestrichen. In einer aktuellen Wahlumfrage für Sachsen-Anhalt die AfD drei Sitze von der absoluten Mehrheit entfernt. Elon Musk schreibt auf X als seine Mutter, sein Vater und als er. Im ungarischen Parlament wird nach vielen Jahren wieder die Europahymne gesungen. Labour verliert die Kommunalwahl in UK. Klage gegen OpenAI, weil ChatGTP dem Amokläufer der Florida State University auf Anfrage genaue Informationen liefert, wie der größte Schaden anzurichten wäre – »ChatGPT said that it’s much more likely for a shooting to gain national attention “if children are involved, even 2-3 victims can draw more attention.”«
11. Mai | Kommunalwahlen in Ostdeutschland
Gestern verschiedene Kommunalwahlen in Ostdeutschland, darunter auch in meiner Geburtsstadt. Dort drei Kandidaten, 1x Linke und 2x Bürgerlisten. Der Amtsinhaber gewinnt eindeutig, die Wahlbeteiligung unter 50%. In die Schlagzeilen kommen die Orte, in denen die Rechtsextremen gewinnen. Diese Orte aber in der deutlichen Unterzahl. Wie das bewerten? Erleichtert sein, dass kommunal verlässlich mehrheitlich die demokratischen Kandidaten gewinnen? Oder entsetzt sein, dass dies schon als Erfolg / erwähnenswert gilt?
12. Mai | Stellungskampf der Gegebenheiten

Irgendwie so, als ob dieses Jahr, das so kaskadenartig begann, mittlerweile geronnen ist. Herausgearbeitet und verfestigt die großen Felder von 2026: Irankrieg mit schon im Verlauf befindlicher Weltwirtschaftskrise, in Deutschland die Lähmung der Regierung, irgendwelche irren, auch symbolträchtigen Aktionen in den USA, Hin- und Her Demokratie vs. Nichtdemokratie. Ohne große Bewegungen oder Trends in den vergangenen Wochen, ein Stellungskampf der Gegebenheiten. Und zugleich auch ein In-Stellung-bringen für die zweite Jahreshälfte – in den USA der destruktive Kampf um die Wahlen, in Deutschland die nicht unwahrscheinliche Möglichkeit einer ersten AfD-Regierung, die konkreten Auswirkungen und Disruptionen des Irankriegs, die in einigen Wochen deutlich spürbar werden . Regen, viel Regen in diesem Mai, ein Einsickern, ein Verharren, Ausblicke.
13. Mai | so wie zuvor
Der Benzinpreis wieder wie zuvor, vor dem Irankrieg, der Irankrieg unter dem Radar, Edeka bietet 17 Cent Nachlass – den Tankrabattgap – auf Waren des täglichen Bedarfs an, ja, die Inflation, wir kaufen uns jetzt einfach ein Buch pro Jahr weniger und kündigen endlich das Netflix-Abo, es fühlt sich wieder an so wie zuvor, vor dem Irankrieg. Aber auch: 1400 Schiffe stapeln sich stauen sich bei Hormus, der letzte Megafrachter mit Rohöl hat in den USA angelegt, so und so viele Raffinerien zerstört, das wars erst einmal auf absehbare Zeit mit: Öl Helium Dünger etc. Lieferketten durchgehen, wie bewerten JP Morgan, Bloomberg, Goldman die Lage? Was ist mit Kerosin? Sollen die strategischen Reserven jetzt schon aufgebraucht werden oder erst in acht Wochen? Jedenfalls denen, die zur WM in die USA fliegen viel Glück beim Zurückkommen und das nicht wegen ICE. Ja, was nun, wieder Home Office, Kurzarbeit, Alarmismus, Hamsterkäufe, Urlaubsausfall, Rationierungsmaßnahmen, Exportverbote, Wirtschaftseinbruch, globale Krise auf die vielen Krisen gewuchtet? Oder: Gelassenheit, weil es wieder wird: so wie zuvor?
14. Mai | so wie zuvor
Nach Putins Betteln um Waffenruhe am 9. Mai auf dem Roten Platz nun wieder die russischen Drohnen auf ukrainische Städte, hunderte Angriffe, dutzende Tote, Kinder, immer wieder Kinder in den beschossenen, brennenden, einstürzenden Wohnhäusern.
15. Mai | zweihunderttausend
200.000 Tote, ertrunken im Mittelmeer, schätzt der Präsident des Italienischen Roten Kreuzes, in den vergangenen zehn Jahren 200.000 Tote, 200.000 Tote, eine Zahl für die Friedensnobelpreisträgerin Europa.
16. Mai | Hope
Vor Dänemark treibt ein toter Wal. Behörden bestätigen, dass es sich um Timmy Hope handelt, den Buckelwal von Poel. Der Umweltminister von MP zeigt sich enttäuscht: »Leider hat das Tier seine Chance nicht nutzen können«. Dutzende KI-Lieder über den Abschied von Hope werden auf youtube geladen. Livestream, wie Möwen den Kadaver auffressen. Das Ende einer Metapher als finale Metapher.
17. Mai | War Ihre Familie

Seit Wochen auf den Titelseiten großer Online-Publikationen ein Angebot, dass KI die vom deutschen Bundesarchiv veröffentlichten NSDAP-Akten nach Familienmitgliedern durchsucht, »Finden Sie hier heraus, was Ihre Familie unter Hitler getan hat«, »Ist Ihr Opa dabei?«, »War deine Familie in der NSDAP?«, »Waren Ihr Vater, Ihre Großmutter oder Ihr Ur-Opa in der NSDAP?«, »Es waren keine Monster, es waren Oma, Opa und die eigene Familie«, millionenfach aufgerufen, dazu dutzende begleitende Texte über Erinnerungskultur, Erinnerungstheater, Schuld etc.
18. Mai | New York
Der Bürgermeister von New York erklärt, das Budget der Stadt formal ausgeglichen zu haben, u.a. mit höheren Steuern auf Luxuswohnungen. Keinesfalls eine blindgläubige Betrachtung, als mit viel ABER. Doch Zohran Mamdani vielleicht einer der wichtigsten Politiker momentan, weil er einen möglichen Weg aufzeigt, wie Politik pragmatisch auf Ungleichheit reagieren und ganz konkret Verbesserungen im Lokalen schaffen könnte.
19. Mai | langer Marsch
Alle fahren nach China, um zu erfahren, um gesagt zu bekommen, wie es mit ihnen weitergehen soll.
20. Mai | Selbstbedienungsladen
Die amerikanische Regierung setzt einen »Anti-Weaponization Fund« von zwei Milliarden Dollar auf für alle, die während der Biden-Zeit sich ungerecht behandelt fühlten, speziell jene, die am 6. Januar das Capitol stürmten und dafür verurteilt wurden, können nun Entschädigungszahlungen aus Steuergeldern beantragen. Nachdem der amerikanische Präsident die amerikanische Steuerbehörde verklagt hat, erzielt er eine Einigung: Die Steuerbehörde darf niemals wieder seine alten Steuererklärungen, die seiner Familie oder seinen Firmen prüfen, was ihn schätzungsweise eine halbe Milliarde Doller sparen wird.
21. Mai | Meinungsbekundungen
Beim Bundeskongress des Deutschen Gewerkschaftsbunds und beim Katholikentag wird dem Kanzler mit {Pfiffen, Buhrufen, Zwischenrufen, höhnischem Gelächter} begegnet. Der CDU-Generalsekretär empfindet diese Reaktionen als »verroht«. Der Normenkontrollrat hält den Gesetzentwurf des Heizungsgesetztes eines der »handwerklich schwächsten und praxisfernsten Vorhaben«. In Bezug auf das Vorhaben der Regierung, den Sozialstaat »zukunftsfähig« zu machen, konstatiert der Kanzler: »Wir haben in beachtlichen Teilen unserer Gesellschaft immer noch ein Erkenntnisproblem.« Die Bundessprecherin der AfD empfindet das als eine »beispiellose Geringschätzung gegenüber den Bürgern«.
22. Mai | entgegenlaufen

Ich merke, dass ich es auch sehr ermüdend finde, so wie gestern einmal die Woche darauf hinzuweisen, dass dieser und jene der Regierung ausgebuht hat und der Kanzler manche beschimpft hat etc. Also dieses hartnäckige, glibbrige Festhalten des allgemeinen Missmuts, der ja auch meiner ist. Letztlich ist das kaum produktiv und auch sehr erwartbar. Isso, dass niemand erwartet, dass diese Regierung mit diesem Personal noch mal ernsthaft aus den Puschen kommt und allen ist ja klar, dass es Änderungen / Reformen / Umbrüche braucht, eine Umfrage sagt, dass es mehr als 2/3 der Befragten so sehen und von diesen 2/3 sagen 2/3: »Bitte keine Belastung bei mir«. Und meine Kritik ist ja nicht die Änderung, sondern die Frage danach, wer belastet wird, wer also »zukunftsfähig« gemacht werden soll und wer noch wie 1980/ BRD Noir bleiben darf. Und eine andere Umfrage sagt, dass 72% der Deutschen die AfD für eine Gefahr für die Demokratie halten (Osten 61%), was ja Zahlen sind, die der Erzählung der letzten Wochen, der schon beschlossenen Machtübernahme erst in Sachsen-Anhalt, 2029 dann mit Kanzlerin Weidel, wuchtig entgegenlaufen. Was das also gerade ist, in diesem Regenmai, der jetzt zu einem Klimahitzemai wird, während wir alle darauf warten, dass Timmy Hope vor der dänischen Küste explodiert, frage mich im Rückblick nochmal.
23. Mai | Haselstrauch
In der Nacht schwerste Luftangriffe von Russland auf die Ukraine, neunzig Raketen, sechshundert Drohnen auf Kyjiw und die Region. Hyperschallrakete Haselstrauch, auf Wohnhäuser und Schulen, massive Druckwellen explodierender Raketen und Drohnen, das kürzlich renovierte Tschernobyl-Museum weitestgehend zerstört, Tote.
24. Mai | Schlawittchen
Das Weiße Haus veröffentlicht ein Deepfake-Video, in dem Donald Trump Stephen Colbert in eine Mülltonne wirft und dazu tanzt. Das KI als Beweis für Dünnhäutigkeit, keine Witze über sich ertragen zu können. Vor allem aber Machtdemonstration. Gleich, wie sehr Colberts Abschiedssendung mit Bruce Springsteen, Tom Hanks etc. gefeiert wird: Es ist eine Abschiedssendung. MAGA hat erfolgreich einem Kritiker die Plattform entzogen. Das KI-Video ist noch mal mehr: In den Berichten darüber Screenshots daraus, das Bild: Ein grinsender Donald Trump packt einen panischen Stephen Colbert am Schlawittchen, bildliche Kontrolle und Demütigung.
25. Mai | scheinbar verfestigter
Markus Söder in Bezug auf die AfD: »Ich hatte schon gehofft, dass die klare Veränderung der Migrationspolitik mit dem Rückgang der Asylbewerberzahlen – weit mehr als die Hälfte –, der Erhöhung der Abschiebezahlen und ähnlichem mehr, dass das schon etwas ausmacht. Scheinbar reicht es nicht aus. Scheinbar ist es verfestigter, als man denkt.« Frage mich, an wen diese Aussage gerichtet ist, ob das eine Erkenntnis ist, aus der »man« Schlussfolgerungen ziehen wird, vielleicht ja sogar handeln wird, oder ob das verpufft an diesen heißen Pfingsttagen und »man« besser weiterhin den Acker bestellt, die Türen sperrangelweit öffnet, den Ast sägt, auf dem man sitzt.
26. Mai | Heißluftglocke
Hitzewelle in Europa, bis vierzig Grad in vielen Ländern, die Temperaturen mehrere ° über dem Mittel, Warnung vor Wasserknappheit. Das keine Handvoll Tage, nachdem das RCP8.5 -Szenario, welches die maximale Eskalation der Klimakrise annimmt, ausgeschlossen wurde und die üblichen Verdächtigen daraufhin von »Klimalügen« und »hinters Licht führen«, »Müll hinein, Untergangs-Prophezeiungen heraus« schrieben.
27. Mai | Notizen für später

Diese Einträge sind ja auch als Notizen für später gedacht, als Erinnerung daran: Das also hat die Welt einen mich damals beschäftigt und das konnte man damals schon wissen und damals schon etwas tun und was wurde eigentlich getan und was unterlassen.
So sind diese Einträge nicht nur moralisch oder als Empörung zu verstehen, sondern auch als ein Nebeneinander von unterschiedlichen Bewegungen, die ich viel deutlicher benennen könnte mit meiner Wut Empörung Meinung Haltung, dann aber immer wieder Sätze rausstreiche, weil ich mir gern vorgaukeln möchte, das alles wäre auch objektiver machbar.
Gestern zum Beispiel. Da ist eine gute Nachricht: Das allerschlimmste aller Klimakatastrophenszenarien ist abgesagt. Und da sind Kräfte, die diese Information umgehend instrumentalisieren, um noch ein paar Jahr länger Ölkohlegas verkaufen zu können. Und das geschieht genau dann, wenn die unnatürliche Hitze schon klarmacht: Wir sind mittendrin. Klar ist das eine moralische Einordnung, aber auch: Es gibt Informationen. Es gibt konkrete, für alle spürbare Folgen. Und dennoch wird dagegen gehandelt. Das muss festgehalten werden, so fatal war das 2026.
Auch der Eintrag von Montag. Unwichtig ja, was Markus Söder sagt, weil Markus Söder, diese mystische, ausgedachte, bis zum Erbrechen durchkomponierte Politikerfigur, die alles sagt und alles frisst isst, was im eigenen Sinne nutzt und andere unterhält. Gleichzeitig auch hier eine Information. Ein wichtiger Politiker einer konservativen Partei gibt öffentlich zu Protokoll, dass die momentane Strategie der Konservativen – die Rechtsextremen inhaltlich ein- und zu überholen – gescheitert ist.
Eine Erkenntnis, die »man« gratis schon vor einigen Jahren aus zahlreichen wissenschaftlichen Studien hätte gewinnen können. Aber jetzt es ist gesagt, und auch, wenn das politische Kommunikation ist, die ja immer auch einen Zweck erfüllt und an jemanden gerichtet ist, ist das so ausgesprochen. Und damit ist für die Zukunft festgehalten: Diese Information war im Mai 2026 vorhanden, »man« wusste also Bescheid. Aber: Tat man etwas?
Das werden die nächsten Einträge zeigen, oder auch nicht, und ich werde hier noch Vieles schreiben, das sehr viele Ebenen und Überlegungen und Wut und Moral weglassen wird, vielleicht, weil ich grundsätzlich das Gute annehmen möchte bei Vielem, nicht abgeklärt werden will, besser naiv als zynisch.
28. Mai | Ebola
Vor wenigen Wochen die mediale befeuerte Sorge – nach den Toten auf dem Kreuzfahrtschiff Hondius – vor einer Hanta-Virus-Pandemie. Seit einigen Tagen die Ebolafälle in der DR Kongo. Dazu auch DOGE der reichste Mann der Welt, der vor einem Jahr die Gelder für die entsprechende Prävention mit der Kettensäge disrupierte.
29. Mai | Kanzlerwechsel
Lustvolles Gerüchteverbreiten über einen Kanzlerwechsel – Friedrich Merz, ausgetauscht gegen Hendrik Wüst. »Wüste Spekulation«, warnt das Kanzleramt vor einer »gefährlichen Lust an der Zündelei«, Ex-Ministerpräsident Koch stellt sich hinter Merz, Wüst sagt Merz volle Unterstützung zu, diese »unfruchtbare Debatte« soll nicht verlängert werden.
30. Mai | diese goldenen Zwanziger

Auf einem Sommerfest in einem Park in Weimar. Thema: die 1920er Jahre. Die meisten Anwesenden mit Knickerbockern, Stresemannanzug, Topfhut, Pailletten, Federboa, Stirnband. Dazu läuft Charleston und ohne, dass ich es will, kriecht bei aller herrlichen Samstag-Abend-Entspanntheit ein leichtes Frösteln über meinen Rücken: Weil diese Ära, diese Goldenen Zwanziger, sich bei mir als die Zeit davor abgespeichert haben, ein Tanzen auf einem schon aktivierten Vulkan. Zwei Tage davor ein ähnliches Erlebnis: auf einer Lesung, es ging im Lotte Reiniger und den Animationsfilm und die 1920er Jahre, die 1930er Jahre, wie sich verhalten und jemand sagte, diese Ähnlichkeit, wie jeweils im ersten Viertel dieser beiden Jahrhunderte die Technik so weit voranschritt und die Kunst veränderte, dabei die gesellschaftlichen Verschiebungen. Tausend berechtigte Einwände gegen solche Gleichsetzungen und viel inneres Widerstreben gegen solche denkfaulen Analogien, trotzdem dieses Frösteln bei den Federboas und dem Charleston an einem lauen Sommerabend Mitte der 20er Jahre in Weimar.
31. Mai | Szenarienlust
In Korrespondenz mit dem gestrigen Eintrag: In den letzten Wochen Dutzende Berichterstattungen: So würde es unter der AfD aussehen. | Drohende AfD-Regierung in Ostdeutschland Das Worst-Case-Szenario | Was Sachsen-Anhalts Wissenschaft erwartet, wenn die AfD das Ministerium übernimmt | Ausgangssperren, Remigrationsbehörde, Eliteschulen – wie die AfD Berlin umbauen würde | So will die AfD die Kirchen ausbluten lassen | Was, wenn die #AfD regierte? | Szenario: Sachsen-Anhalt in den Händen der AfD etc. Eine Mischung aus Sorge und Serviceleistung, vorbereitender Widerstand und Lust am Grusel, auch Aufmerksamkeitsökonomiemaximierung, es scheint auch klicktechnisch gesehen ein Bedarf an solchen Texten zu geben. Jemand merkt an: Man weiß jetzt alles über das Programm der AfD, aber nichts über das der anderen Parteien.