Dieses Maximum an Gleichzeitigkeiten


1. April | Neues Land

Gestern auf einer Lesung von August Modersohn, der für die Zeit im Osten schreibt und sein aktuelles Buch In einem neuen Land hier vorstellt. Im Bühnengespräch über seine Reportagen sofort der Fokus auf der AfD. Ich merke eine innere Abwehr gegen dieses Sprechen. Denke, dass die AfD nicht das Problem (des Ostens) ist. Auch, aber nicht nur. Das Sprechen über die AfD hat auch eine Entlastungsfunktion: ein Gegner, an dem man sich notwendigerweise abarbeitet und dadurch doch anderes, Entscheidenderes, aus dem Blick verliert.

August Modersohn greift diesen Gedanken auf. Er berichtet von Sonneberg, dem ersten Landkreis mit AfD-Landrat, vom Bratwurstfreitag und einem Bürgerbündnis, in dem Menschen mit sehr unterschiedlichen Weltsichten sich zusammenfinden und aktiv werden, dieses Aktivwerden auch als Befreiung aus einer politischen Lähmung empfinden. Die unterschiedlichen Sichten werden zusammengehalten durch einen gemeinsamen Gegner. Das Versprechen dieses Bündnisses: Wir verhindern etwas. Wir sorgen dafür, dass es nicht ganz so schlimm wird.

August Modersohn fragt, ob dieses nicht ganz so schlimm auf Dauer genügen wird, ob das ein Versprechen auf eine Zukunft sein kann, das langfristig motivieren kann. Er beschreibt diesen gemeinsamen Gegner und dessen Versprechen, wie gutgelaunt der blaue Zukunftsentwurf von den Anhängern begleitet wird, damit ein Gemeinschaftsgefühl schafft. Ich erinnere mich an die Demonstrationen von Anfang 2024, wie ich damals dachte, dass es wichtig wäre, neben dem gegen etwas auch ein für etwas anzubieten. Und dass dieses für nicht die Schlagworte sein können, die ich routiniert an diese Stelle setzen würde: Demokratie, Freiheit, Toleranz, Gerechtigkeit etc.

Weil ich weiß, dass diese Versprechen nicht mehr eins zu eins umgesetzt werden. Ich stimme diesen Werten zu, aber ich kann deren Verwirklichung nicht mehr vorbehaltlos glauben. Dieses ritualisierte Versprechen kann nicht mehr das zukünftige sein. Weil es auch leer geworden ist. Mir fehlt ein Versprechen, dessen Umsetzung ich für möglich halte.

Später zitiert August Modersohn Steffen Mau und dessen Zahlen aus Ungleich vereint: die finanziellen Unterschiede zwischen Ost / West in Sachen Vermögen, Lohn, Erbschaften, Immobilien etc. August Modersohn sagt, dass diese Zahlen stehen und sich nicht wegdiskutieren lassen und dass er diese Zahlen den Leuten in die Köpfe hämmern möchte. Der Moderator nickt, fragt, warum diese offensichtliche Ungerechtigkeit so selten Thema sei. Mau erkläre sich das so, sagt August Modersohn, dass sich politisch und medial leicht gegen solche Gerechtigkeitsdebatten angehen lasse – der Staat sei eh schon zu aufgebläht etc. Diese Debatten versanden, sie nehmen keine Fahrt auf. Aber das Sehen und Spüren dieser Ungerechtigkeiten, dieser Ungleichheiten ist ja dennoch weiter da und wohin fließt die Wut, die daraus folgt, was macht die?

Ich denke an diesem Abend, dass auch das keine Ost-Sache ist. Zieht man den Rahmen der Gerechtigkeitslücken größer, weg von Görlitz vs. Gelsenkirchen, hinzu den reichsten 10% vs. alle anderen, dann lässt sich dieses vergebliche Hämmern und Versanden leicht auf die deutsche Gegenwart übertragen. Und ich denke auch, dass das wirkliche Schließen dieser Gerechtigkeitslücken das Versprechen sein müsste, das müsste die Zukunft, für die ich Kraft aufwende.

Noch später stehen wir am Büchertisch, sprechen darüber, weshalb dieses Hämmern nicht funktioniert, obwohl es doch so viele betrifft. Wir sprechen über Lars Klingbeil und seinen Vorschlag zum Ehegattensplitting, eine Forderung, die an dieser Gerechtigkeit ansetzen würde und weshalb der Beschuss dagegen so gewaltig ist, dass eine Umsetzung wenig wahrscheinlich ist.

Stattdessen die Schlagzeilen von achtzig Prozent Syrerinnen und Syrer, die abgeschoben remigriert werden sollen und wie wir alle zehn Stunden die Woche mehr arbeiten sollen und dieses mehr verdiente Geld dann in die von den Kommissionen vorgeschlagenen höheren Krankenkassenbeiträge fließen sollen. Aber die Schlagzeilen gehören niemals Vermögen, Lohn, Erbschaften, Immobilien. Diese Themen lösen keine Affekte aus, das triggert uns nicht, jedenfalls nicht so. Und wenn wir dann doch etwas spüren, entlasten wir uns im Fürchten und Schimpfen auf die AfD, die unser schönes Land und unsere gerechte Demokratie kaputtmacht.

Beim Signieren drückt August Modersohn dann den Kugelschreiber so fest aufs Buch, dass die Spitze durchs Papier sticht, ein Loch reißt, ein Loch ist da, eine gewaltige Lücke.

2. April | utopisch

Der Astronaut Project Hail Mary gesehen: eine globale Katastrophe bringt die Menschheit dazu, zusammenzuarbeiten. Die Begegnung mit dem Anderen, dem Fremden bringt den Menschen dazu, zusammenzuarbeiten, zu versuchen, einander zu verstehen, miteinander zu kommunizieren, Probleme zu lösen. Ein Film ohne Laserschüsse und Lichtschwertkämpfe, ohne den Kampf gegeneinander, eine Geschichte über Kooperation, die Fiktion an dem Tag, als nach über fünfzig Jahren wieder Menschen zum Mond aufbrechen, endlich wieder eine Utopie.

4. April | Bild von der Erde

Die Artemis II schickt ein Foto von der Erde, die Sonne als gleißender Rand um das Blau und auch, wenn das schon hunderttausend Mal beschrieben und besungen und gedichtet wurde, packt mich dieses Bild bei allem, was ist, darum geht es, ein Punkt in der Leere ist, was wir haben, so fragil.

5. April | you crazy bastards

Alle paar Wochen verschwindet der amerikanische Präsident für ein paar Tage und kehrt dann zurück mit kranken Flecken auf dem Handrücken und besonders aggressiver Rhetorik. Diesmal: »Open the Fuckin‘ Strait, you crazy bastards, or you’ll be living in Hell – JUST WATCH! Praise be to Allah.« Schreibt der Präsident. Und ein Problem ist, wenn das in Nachrichtensprech übersetzt wird als: der Präsident verschärft die Drohungen etc. Die Form ist die Nachricht, nicht der Inhalt.

6. April | High-Noon-Preis-Schranke

Liveticker von den steigenden Benzinpreisen, Analysen, warum Diesel schneller steigt als Benzin, warum die High-Noon-Preis-Schranke nicht funktioniert, steigen steigen steigen und Krisensitzungen, Pläne B-Z, um der steigenden Benzinpreise Herr zu werden. Und ich verstehe das, Mobilität wird ganz konkret teurer und auch als Thema verstehe ich das, ein Preis steigt und daran lässt sich ganz konkret die Komplexität der Welt und ihrer momentanen Krisen verstehen, Super 2 EURO 50, das macht deutlich, da verlieren wir die Kontrolle. Und zugleich lese ich – nicht im Liveticker, sondern irgendwo weiter »unten« – dass die Mieten in Städten in den vergangenen Jahren um fast fünfzig Prozent gestiegen sind. Und da lese ich keine Pläne B-Z, nicht einmal einen Plan A lese ich und keinen Liveticker und keine Krisensitzungen. Und warum das so ist, warum Benzinpreise etwas auslösen und Mieten (als ein Beispiel von vielen) nicht.

7. April | dieses Maximum an Gleichzeitigkeiten

Nachdem der amerikanische Präsident für diesen Dienstag, 20.00 Uhr Eastern Standard Time, etwas angekündigt hat, legt er nach: »A whole civilization will die tonight, never to be brought back again.« Das Auslöschen einer ganzen Zivilisation kündigt er an. Unterschiedliche Reaktionen; ausbleibend (z.B. von der deutschen Regierung), Erklärung der Madman theory von Nixon und die Vermutung einer Ankündigung des Einsatzes von Atomwaffen.

Werden die USA den Iran mit Atomraketen schießen? Ein Satz, der sich nicht so leicht dahinschreibt. Ein Satz, der sich gar nicht dahinschreibt. Wie auch? Fallen heute Nacht Atombomben? Wie soll man denn so etwas dahinschreiben? Ernsthaft?

Ich schwanke zwischen … nein, eigentlich nicht. Eigentlich muss ich das so annehmen, jetzt gerade, fünf Stunden von Eastern Standard Time. Ich muss das aus vielerlei Gründen so annehmen, dass, wenn ich morgen aufwache, Atomwaffen eingesetzt worden sind.

Kann ich solch einen Satz schreiben, eine Prognose, einen Konjunktiv?

Heute war ein sonniger Frühlingstag, viel Licht, aber auch Wind, die Jacken schon halb abgelegt und jeder freundet sich mit dem Blühen und Sprießen an, man geht seine Wege und weiß, jetzt ist er da, dieser Frühling. Wie denkt man da an einen Einsatz von Atomwaffen? Wieviel Liter Wasser sollte ich vorrätig haben und die Powerbank aufgeladen und das Kurbelradio vom Boden geholt und lieber drei Konserven heute noch mal extra eingekauft? Oder denke ich: Apokalypseidiotie. Die wahre Katastrophe ist die Störung der Lieferketten, der Dünger, der nicht eingesetzt werden wird und die Millionen, die hungern werden, an dem Hunger sterben.

Was ist der Satz, den ich an diesem 7.4.2026 schreibe, ein Satz, den ich mir später auch einmal glauben werde. Der Tag nach Ostermontag? Oder der Tag, an dem der Mad King, von dem alle wussten, dass er Mad ist, den Atomraketenkoffer öffnete? Oder einfach nur ein Tweet, ein paar Zeichen, einfach nur eine Strategie, eine Ablenkung, einfach nur am Ende Taco? Jedenfalls, ein diabolischer Countdown tickt runter.

Wenn ich den Wecker auf in fünf Stunden stelle, weiß ich, wie ich diesen Eintrag hätte schreiben müssen. Jetzt gerade, fünf Stunden davor, halte ich alle Szenarien für möglich, wie auch sonst in dieser Zeit. Jetzt lese ich erst einmal auf der Webseite des Bundesamts fürs Strahlenschutz Aktuelle Informationen zur radiologischen Lage im Iran. Jetzt lese ich erst einmal, dass Israel dem iranischen Volk rät, keine Eisenbahn mehr zu benutzen und die USA ankündigen, Infrastruktur zu zerbomben und wie das iranische Regime ihre Männer, Frauen und Kinder auf Brücken und vor Kraftwerke beordert, um dort als Menschenketten sich den Raketen entgegenzustellen.

Es ist schon viel verlangt, dieses Maximum an Gleichzeitigkeiten aushalten zu können, unfassbar eigentlich, unschreibbar. Einerseits eine Menschheit, die es soweit wie nie zuvor hinaus in Weltraum schafft, täglich diese überwältigenden Fotos von Erde, Mond, den Farben seiner Rückseite, einem Krater, benannt nach der toten Frau des Kommandanten, all das, zu dem wir als Zivilisation imstande sind, Forschungsdrang, Empathie, Schönheit. Und dagegen, auch in diesen Tagen, Atomwaffen gegen uns selbst, das Auslöschen von Zivilisationen. Was ist das für ein Satz?

8. April | kurzer Fiebertraum

Morgens vor dem Aufwachen der erste Griff nach dem Liveticker, ich will wissen, ob Atombomben gefallen sind, lese fett in einer Überschrift das Wort »Rückzieher«, das reicht schon, das reicht schon, heute also noch keine Apokalypse. Noch mal rumdrehen, kurz denken, dass, wenn ich die vergangenen dreißig Stunden irgendwo gewesen wäre, ich nichts mitbekommen hätte von dem Möglichkeitsraum Atomkrieg o.ä., dann wäre das einfach nur ein schöner Frühlingstag gewesen. So erscheint gestern auch wie ein Fiebertraum.

Später dann doch das Zusammensammeln von Informationen; Waffenruhe, zwei Wochen, Pakistan, Diplomatie, 10-Punkte-Plan, zwei Millionen pro Schiff fürs Passierenlassen für den Iran. Später die Clips aus den Finanzsendungen nachschauen, in denen Expert:innen fachsimpelten, was für Anlagestrategien für Investoren im Fall von Atombomben lukrativer wären

»Let’s talk about tonight, this deadline that President Trump has set 8 p.m., has threatened to destroy a civilization. How does an investor process that? Is it a bigger upside risk or downside risk?«

Später die fallenden Ölpreise, später die Information, dass der amerikanische Präsident seinen Teil von der Zwei-Millionen-Maut möchte. Später Analysten, die das Auslöschen einer Zivilisation als erfolgreiche Politikstrategie analysieren. Später die Einschätzungen, wer denn hier der eigentliche Gewinner sei. Später checken, wer wann wie bei Polymarket auf die Waffenruhe wettete. Später Israel, das den Libanon angreift. Später Iran, der Raketen auf Saudi-Arabien feuert. Später, später, später, so kann das doch nicht weitergehen, es kann doch nicht jeder Tag ein Fiebertraum sein, dessen Fallout man erstmal im Ticker gegenchecken muss.

10. April | iranisches LEGO

Iranische KI-Propagandavideos schauen, in denen die amerikanischen MAGAs als LEGO-Figuren zu Rapmusik lächerlich gemacht werden, während Melania Trump wie auf einem Catwalk zu Mikrofonen läuft, um so sich präventiv von Epstein zu distanzieren, die (falschen) Pointen, die gemacht werden: Mit Epstein will sie vom Irankrieg ablenken.

11. April | wassern

Die Artemis II wassert im Pazifik und wie wäre es, zukünftig zum Ausgleich auf jede globale Katastrophe eine solche Weltraummission zu starten. Der Immobilienmann Trump zeigt neue Entwürfe vom Triumphbogen, den er in Washington errichten lassen will, zwei Kilometer weit in den Himmel hinein, größer wurde nie etwas erbaut, etwas, das bleiben soll und ich frage mich, wenn es so wäre, wenn dieser Triumphbögen errichtet werden würde, wie herrlich wäre es, ihn danach abzureißen, das als ewige Geplante in Schutt und Asche zu legen, wie viele würden dafür nach Washington reisen, mit goldenen Hämmern im Gepäck, am schönsten noch in Trumps Lebenszeit. In Frankreich verbietet der Premierminister Gasheizungen, in Deutschland währenddessen seit zwei Wochen Krisensitzung der Regierung, um auf die Energiekrise fossile Energiekrise reagieren zu können eventuell.

12. April | Ungarn

Heute die Wahl in Ungarn. Vor zwei Tagen die Bilder, wie Zehntausende auf dem Heldenplatz in Budapest Lichter gegen Orbán entzündeten. Gegen acht Uhr am Abend die ersten Zahlen, die die Prognosen bestätigen, die schnell Gewissheit werden. Bald darauf gratuliert Viktor Orbán Péter Magyar zum Sieg, dessen Partei gewinnt über zwei Drittel der Sitze. Erleichterung, die große Freude ist, Euphorie, auch Erstaunen, dass eine solche Wahl gegen so viele Widerstände, in solch einem geriggten System möglich war. So etwas wie Hoffnung auf eine Art Wendepunkt, dass neben den konkreten strukturellen Veränderungen und der wahrscheinlichen Zerschlagung eines Knotenpunktes hier auch eine Art Blaupause zu sehen ist, wie sich dem scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg der Autoritäten etwas Pragmatisches entgegenstellen lässt. Die Freude und zugleich wenig Wissen, wofür Magyar steht, was er, der vor zwei Jahren noch im Sinne Orbáns agierte, ändern will, versuchen, zu verstehen, was notwendig war, was notwendig sein wird.

13. April | auch surreal


In der Villa Borsig findet die Regierung eine Antwort auf die Krise und führt einen Zuschuss für Mineralölkonzerne Benzinrabatt ein, die Vorsitzende der, immerhin, Wirtschaftsweisen erklärt, dass dies »die schlechteste aller bisher diskutierten Optionen« sei. Der amerikanische Präsident bestellt sich was von McDonalds ins Weiße Haus. Als die Lieferantin – eine Frau im roten Shirt, auf dem Doordash Grandma geschrieben steht – die bestellten Burger liefert, gibt der Präsident neben ihr eine Pressekonferenz, auf der er über seinen Beef mit dem Papst spricht (»Pope Leo is WEAK on Crime, and terrible for Foreign Policy«) sowie das KI-generierte Foto verteidigt, das der Präsident postete und das ihn, den Präsidenten, als Jesus Christus beim Heilen zeigt.

14. April | Villa Borsig

Zu viele Einträge zuletzt über die USA, über den unvermeidlichen und viel zu oft beschriebenen amerikanischen Präsidenten, zu viel Oberfläche und Blendung. Dabei ließe sich auch tiefer schauen, Hormus in Bezug auf den Imperialismus USA/China, die Geschichte hinter der Doordash Grandma etc. genauso golden schimmernd die Ablenkung, wie beabsichtigt. Ich schreibe über diese Bilder, weil diese Bilder leicht zu verstehen sind und in all ihrer Absurdität auch das Schreckliche dahinter verwischen. Kriegsschiffe blockieren eine Meeresstraße, um dessen freien Zugang diese Kriegsschiffe gerade erst kämpften. Ein gigantisches Monument für das Ego. Der Präsident imaginiert sich selbst als göttlich etc.

Was kein solch einfaches, absurdes Bild ist: Die Regierung trifft sich in einer Villa und beschließt, sehr viel Geld für Benzin auszugeben. Und wenn doch, dann muss ich mir dieses Bild selbst zusammenreimen. Das Bild einer Regierung, von der ich annehmen muss, dass sie das Ausmaß der aktuellen Krise nicht erfasst. Und wenn sie die Bedeutung der Situation begreift, vermag sie nur mit aus der Zeit gefallenem Instrumentarium darauf zu reagieren: Ein Gut (Benzin) ist knapp und wird in der nächsten Zeit knapper werden, die Reaktion ist, den Preis für dieses Gut zu senken. Anstatt mit Maßnahmen dahin zu lenken, dass die Bedeutung dieses Guts (Benzin) weniger wichtiger wird. Stattdessen eine erneute Um- und Hochverteilung von Geld, die keinerlei zukunftsgewandte Lenkungswirkung hat.

Vielleicht ist das etwas, für das ein Bild gefunden werden muss: Ein Moment in der Zeit, der deutlich zeigt, wo Probleme sind, eine Krise, die als Anlass genommen werden könnte, diese Probleme anzugehen – und dann ein unbildhaftes, fatales Verstreichenlassen dieser Gelegenheit zum Nutzen weniger, zum Schaden der Meisten.

16. April | Der langsame Tod eines sehr großen Tieres

Timmy, der Buckelwal, sterbend vor der Insel Poel, Menschen wollen ihm helfen, wieder hinaus aufs Meer zu gelangen. Seit Wochen wollen sie. Ich verfolge das. Zum einen wegen Poel. Nicht Rügen oder Sylt, nicht Balaton oder Mallorca war Urlaubsidylle meiner Kindheit. Sondern Poel, die vielen Wochen in Kirchdorf. Vor allem aber: Weil die Rettungsaktion auch Sinnbild ist. Etwas sehr Großes, etwas Unübersehbares hat sich verhakt. Es geht nicht weiter. Kann die Blockade behoben werden, wie kann das geschehen?

Die Vorgänge vor Kirchdorf auch unverhältnismäßig, absurd. Menschen, die vor lauter Schaulust Absperrgitter überrennen. Politiker, die täglich Pressekonferenzen geben. Walinfluencer, die Rettungskräfte influencen und als das Retten deshalb fehlschlägt, abtauchen. Medien natürlich, Blitzticker, Liveschalten. Millionärinnen, die Millionen für die Rettung ausgeben wollen. Das Abspielen von Walgesängen. Das Graben von Rettungsrinnen. Ein Lkw-Konvoi mit Mobilkränen und riesigen Schwimmpontons.

Was ist das? Ein Symbol der Hoffnung? Menschen sind empathisch, sorgen sich um ein Leben, versuchen es zu schützen? Ein Vergleich zu: wie viele Wale / Schweine / Hühner / Menschen sterben täglich? Warum bewegt uns das Schicksal eines Wals und nicht das Schicksal von allem anderen, was gerade ist? Wie sinnvoll sind solche Fragen?

Aber da ist ein Wal und er ist gestrandet. Er steckt fest. Und wir stehen am Ufer und schauen zu.

17. April | Autokolone

Auch ein Sinnbild: Ein Autokorso von Ostfriesland nach Berlin, als Protest gegen die hohen Kraftstoffpreise. »Da platzt uns als Bürgern natürlich irgendwann die Hutschnur«, sagt der Veranstalter aus Emden, wie es in der Überschrift heißt: »Auto-Kolonne rollt auf Reichstag zu«, Benzin gegen Benzin.

18. April | die Herausforderung

CDU-Vordenker Andreas Rödder schreibt unter dem Schlagwort »Bürgerliche Politik« in Süddeutsche Zeitung, dass Konservative sich der Herausforderung durch die Neue Rechte mit Offenheit und Respekt annehmen sollen, Politik sei Kampfsport, »Soll Revolution sein, so wollen wir sie lieber machen als erleiden.« Das wird gedruckt, so ist der Stand der Debatte, wie sie wohl aussehen wird, diese bürgerliche Revolution?  

19. April | Pulp Fiction

Der amerikanische Verteidigungsminister Kriegsminister betet mit seiner Armee und spricht dabei einen Psalm aus Pulp Fiction, Blessed is he who, in the name of camaraderie and duty, shepherd the lost through the valley of darkness…  Das amerikanische Militär schließt den amerikanischen Präsidenten während der Bergung eines abgeschossenen US-Fliegers im Iran absichtlich aus dem Kommandoraum aus, weil die Verantwortlichen fürchten, Trumps unberechenbares Verhalten könnte die Mission gefährden. Einerseits Karikaturen. Aber auch: die Armee, der Zorn, die Religion, Militär, das eigenständig handelt, ohne Präsidenten.

20. April | Effizienter Ressourceneinsatz

Leak einer Streichliste aus dem Kanzleramt, Name: »Effizienter Ressourceneinsatz bei Leistungsgesetzen«. Diesmal nicht Kahlschlag Einsparungen bei Demokratieprojekten oder Bürgergeld, sondern siebzig Kürzungsvorschläge mit Sparpotential von 8,6 Milliarden Euro bei Kindern, Jugendlichen und Menschen mit Behinderung: soziale Unterstützungsleistungen, individuelle Rechtsansprüche auf Schulbegleitung, Nachbetreuung junger Erwachsener, geringerer Unterhaltsvorschuss für Alleinerziehende etc.

Vor ein paar Wochen noch die aufgeregte Diskussion über ein Social-Media-Verbot, um damit Kinder und Jugendliche zu schützen. Diese offensichtliche Unterschiedlichkeiten, wie man schützen versteht, tauchen beim effizienter Ressourceneinsatz nicht auf.

21. April | Was auf dem Spiel steht

Auf Schloss Ettersburg gewesen, bei den Ettersburger Gesprächen, »Was auf dem Spiel steht«. Die Ettersburger Gespräche eine regelmäßige Gesprächsreihe, zu der das bürgerliche Weimar strömt, das seinen Faust im Regal stehen hat und einige sicher auch ihren Spengler, ein Weimar, das Harald Schmidt ausverkauft und den Neue-Rechte-Vordenker Karlheinz Weißmann über die Neue Rechte sprechen hören möchte und im Oktober wird Andreas Rödder zu Gast sein, um über den eisernen Käfig der deutschen Konservativen zu räsonieren.

Jedenfalls heute im ausverkauften Gewehrsaal sein, um »Mario Voigt und Holger Friedrich im Gespräch über Freiheit, Demokratie und Medien« zu erleben. Ich bin auch hier, weil ich dem Verleger der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung zuhören möchte, besser verstehen, in welchem Resonanzraum Holger Friedrich und seine Publikationen agieren, welche Reaktionen sie im Gewehrsaal hervorrufen. Drei Momente, die ich an diesem Abend mitnehme. Wie Moderator Peter Krause Holger Friedrich Sätze verschiedener kritischer Stimmen zur OAZ vorliest und der Verleger diese Zitate sofort bestimmten Medien zuordnen kann und der Ministerpräsident darauf hinweist, dass man Kritik abkönnen sollte, wenn man mit so einem lauten Projekt in die Öffentlichkeit tritt und der Verleger sich sichtbar schwer mit dem Abfinden tut, es schimmert, so empfinde ich das, jede Menge Enttäuschung, nein, Kränkung durch, der Verleger scheint gekränkt.

Ein weiterer Moment im Gespräch über Bildung, als deutlich wird, dass für Holger Friedrich die Bezugspunkte Benchmark die Welt – London, Dubai, China, Russland – ist, dort die Eliten sind, er mehrfach beschreibt, dass eine Zeitung über Ostdeutschland zu machen nie sein Lebensplan war, nur halb im Spaß erklärt, dass er wieder in London leben wolle anstatt in Ostdeutschland. Das überrascht dann doch, der Verleger, der eine Zeitung über Ostdeutschland macht, Ostdeutschland nicht als Ort betrachtet, an dem er sein möchte. Ist sein Engagement weniger ideologisch als unternehmerisch getrieben – er bewirtschaftet eine Identität, weil sich damit Geld verdienen lässt? Noch später glaube ich zu erahnen, dass er das Ostdeutsche überwinden möchte. Ostdeutsch soll keine Zuschreibung mehr sein, die ostdeutsche Herkunft und das, was damit verbunden ist, keine Relevanz mehr haben. Ob das allen, die wegen des ostdeutschen Gefühls hierher gekommen sind und die vielleicht schon ein Abo der OAZ haben, auch so vorkommen könnte?

Ein dritter Moment ein Zusammenspiel verschiedener Momente, Zungenschläge, Sätze, Monologe des Verlegers, die in die bekannten Empörungskerben schlagen und dabei stets das Trennende, das Aufgewühlte, das Untergehende und Verfallende herausarbeiten (viel Applaus), während der Ministerpräsident an diesem Abend eher Zusammenhalt beschwört. Und doch noch ein viertes Mal, dann, als Peter Krause – ein Schlusswort ist eigentlich längst gefunden – lauernd nachfragt, wie es denn um die Brandmauer stehe und die Bürgerlichen nicht doch die Herausforderung durch die Neue Rechte annehmen sollen, aus dem eisernen Käfig ausbrechen sollten? Aus seinen Worten und dem des Verlegers wird deutlich, dass diese beiden nicht so viel dagegen hätten, der Ministerpräsident, das wird auch deutlich, schon. Für beide Positionen gibt es hier im bürgerlichen Gewehrsaal in Ettersburg einigen Applaus.

22. April | Bequem geworden

Ich laufe über eine Wiese. Blumenbestückt das Gras, Sonnenlicht versieht alles Grüne mit einer gleißenden Aura, will sagen: eine herrliche Frühlingssituation. Es geht mir also gut. Da werde ich aus dem schönen Moment gerissen. Jemand tippt brüsk und penetrant auf meine Schulter. Es ist der Kanzler. »Wir sind ein bisschen zu bequem geworden«, sagt er ernst und staatstragend und nennt meine Rente »Basisabsicherung«. Dann reibt er die Hände und geht weiter, geht zum Nächsten, der Nächsten, jeder jedem muss er sagen, wir sind zu bequem geworden, er ist der Kanzler.

23. April | Bequemer Traum

Noch mal der gestrige Traum. Jede/r Kanzlerin bleibt im Nachhinein nicht im Ganzen im Kopf, sondern als eine Farbe, eine Ahnung bleibt dann, bei ihm könnte es die Beschimpfung der Deutschen sein, sagt mir dieser Traum, es könnte Berufung und Vermächtnis sein.

Ich erzähle danach jemandem vom gestrigen Traum und füge hinzu, dass die Worte »Wir sind ein bisschen zu bequem geworden« auf dem Empfang zum 75. Geburtstag des Bankenverbands gefallen seien. Ich suche das Gespräch, denn ich möchte mich empören. Die Aussage zur Rente als Basisabsicherung fällt in Tage, wo Kürzungen im Gesund, Pflege, Kinder, Jugend, Demokratieprojekte etc. verkündet, Kürzungen zu harmlos, es gilt um grundlegende Verschiebungen. Doch mein Gegenüber zeigt sich nicht empört, die Rente werde nicht sicher sein, das sei jedem klar, das müsse auch so deutlich ausgesprochen werden, man werde sich auch selbst kümmern müssen. Klar werden sich Dinge ändern müssen.

Der Kanzler jemand, der schmerzhafte Wahrheiten ausspricht. Mein Einwand in diesem Gespräch: Wenn einerseits diese tiefgreifenden Einschnitte, die viel aus- und umlagern, dann braucht es ein Ziel, für das diese Last getragen, eine Hand, die gereicht wird, einen Weg, der beschritten werden kann, etwas, das mehr sagt: Du bist bequem.

24. April | Übergang

Ich lese das neue Buch von Volha Hapeyeva. Darin schreibt sie: »Alle Übergangsriten sind durch drei Phasen gekennzeichnet: Trennung, Schwellenübertritt und Angliederung«. Übergang ist ein Wort, welches über diesen Einträgen steht, soll ein bisschen These sein, roter Faden, der diese Jahre zusammenhält, wir sind mitten in einem Wechsel, sagt die These. Und falls das so sein sollte: Wo sind wir? Noch in der Trennung? Oder schon beim Schwellenübertritt, über den Volha schreibt: ein »Ort, an dem Magisches passiert. Liminalität ist ein besonderer Zustand, wenn man die Züge einer neuen Dualität annimmt.«

26. April | Pressedinner

Gestern Attentatsversuch beim Pressedinner in Washington. Ein Attentäter wird davon abgehalten, Präsidenten und Regierungsmitglieder zu erschießen, in dem er viele Meter vorher gestoppt wird. Bilder, wie Sicherheitskräfte die prominentesten MAGAs wegbringen, bullige Sicherheitskräftekörper in Anzügen geleiten hektisch RFK hinaus, der Präsident stolpert, kurz Panik. Alles hundertfach von Handys gefilmt. Wieder ein Attentatsversuch, wieder sofort die Einordnungen. Während noch atemlos die Reels bestückt werden, gleich der Dreh: Im neuen Ballsaal wäre das nicht passiert. Also lasst uns den neuen Ballsaal bauen. Auch Spekulationen einer grundsätzlichen Inszenierung.

27. April | die stärkste Kraft

Sonntagsumfragen, welche die AfD mittlerweile gesichert als stärkste politische Kraft in Deutschland abbilden, die CDU je nach Umfrage 2 bis 5 Punkte dahinter. Ein gemeinsames Reden darüber, wie es aussehen würde unter einer blauen Regierung. In unserem Gespräch erst einmal nur das Szenario auf Landesebene, konkret wollen wir besprechen, was passiert in Verwaltung, Kultur, Bildung etc. Eine sagt, die Partei werde sich im Regieren entzaubern, deshalb das etwas, durch das wir hindurch müssten. Einer sagt, wie sehr es ihn ankotzt, dass er von so vielen hört, »Lass die mal machen«, sich ärgert, dass so viele die Sache schon als abgemacht sehen, Ministerpräsident Siegmund, Kanzlerin Weidel etc. Jedenfalls: wir sprechen darüber, als Szenario noch, auch, weil es mit jedem Tag möglicher scheint.

28. April | gesunde Zahlen

Lese Zahlen. Deutschland beim Krankheitsstand im europäischen Mittel. 3 Prozent der Krankgeschriebenen verursachen 40% der Kosten. 40% der Arbeitnehmerinnen sind keinen einzigen Tag im Jahr krankgeschrieben. Zahlen, die gegen die Erzählungen eines faulen, sich leichtfertig krankschreibenden Schmarotzervolks arbeiten. Zahlen, die viel zu leise sind.

29. April | Ballroom

Jede Menge Munkeln über das gescheiterte Attentat. Verschwörungsgeschichten kreisen. Das Attentat wäre inszeniert. Wofür? Damit der Ballroom für 400 Millionen Steuergeldern gebaut werden kann. Alles kann sein, jede Verschwörungsgeschichte von allen Seiten jedermann ist möglich. Das Ziel erreicht, die Realität unwichtig, für jeden von jedem.

30. April | Hope

Timmy Hope, der vor Poel gestrandete Buckelwal, scheint auf dem Weg in die »Freiheit« zu sein. Die Walflotte um den Walschlepper Fortuna B ist in Richtung Kattegat unterwegs, Hope »singt melodischer und kraftvoller. Insgesamt ist er lebhafter, schwebt und floatet in seinem Schwimmbad.«, vermelden die Liveticker rund um die Walrettung. Mittlerweile hat jede/r einmal die Metapher »der Wal ist wie Deutschland« gemacht (siehe Eintrag vom 16. April). Was aber, wenn diese Metapher eine Erfolgsgeschichte erzählte: das Blockierte wird gelöst. Damit raus aus diesem April.