Einheiten


1. Oktober | Gütesiegel der Verfassungsmäßigkeit

Anhörung zum Verbotsverfahren im Thüringer Landtag. Ich wäre beim Dreh eigentlich dabei gewesen, aus Krankheitsgründen dann leider doch nicht, ich erwähne das, weil das Gefühl ist, bei etwas Wichtigem nicht anwesend zu sein. Weil hier zum ersten Mal umfassender in einem Parlament darüber verhandelt wird, nicht nur auf einer Theaterbühne. Parlament dennoch auch Bühne, deshalb spricht dort auch Hape Kerkeling und andere, die nicht allein aus juristischen Gründen geladen sind.

Teile der Anhörung im Livestream mitschauen und verstehen, dass es einerseits das Juristische ist – und auf dieser Ebene entschieden werden wird – aber das Juristische auch übersetzt werden muss, weil es darüber hinaus so viele Aspekte gibt. Und jetzt schon erklärt und übersetzt werden muss, weil natürlich kaum jemand viele Stunden davon anschauen wird.

Zusehen, wie selbstbewusst und siegessicher die Partei auftritt, sich jetzt schon das »Gütesiegel der Verfassungsmäßigkeit« ausstellt, wie vorbereitet sie ist, wie oft in ihrem Namen argumentiert wird. Zusehen, wie gelangweilt der Leiter der Fragerunde, der aus der Partei kommt, die kritischen Fragen behandelt und damit anleitet und abbügelt, was auch Bild ist, wo die Partei sitzt: an Leitungsstelle. Zusehen, wie die in der »Mitte« die Nachfragen stellt – was, wenn es nicht klappt bzw. wenn es klappt, kommt sofort die Neugründung bzw. was ist mit dem Wählerwillen. Zusehen, wie potentiellen Antragssteller sehr oft das Vertrauen in die Gerichte betonen und das Plan A B und C zu sein scheint.

Es ist anstrengend, das über mehrere Stunden zu verfolgen, aber hilfreich, es zu tun. Weil es die nächsten Jahre weiterhin stattfinden wird, weil es hier einen ersten Einblick gibt, wie das ablaufen könnte. Und stattfinden wird es, weil die anderen Optionen (verschwindet selbst, wegregieren, medial ignorieren) gescheitert sind, und deshalb nur noch drei Wege bleiben: Verbotsverfahren, Entzauberung oder Machtübernahme. Aber, und das gehört dazu: Es ist ein aktiver Vorgang. Die Gesellschaft läuft nicht nach. Sie gibt vor.

2. Oktober | Bewusstsein

Die Meldung, wie Anthropic den Papst dazu drängt, »to take the possibility of model consciousness seriously«.

2. Oktober | Am Beispiel der Bahn

Um Dresden herum werden mehrere Regionalbahnstrecken eingestellt bzw. Bahnhöfe nicht mehr angefahren. Von Rostock aus kein ICE-Halt mehr in Hamburg. Die Umleitung wegen Streckensanierung kann nicht über Ausweichstrecke erfolgen, weil Sanierung der Ausweichstrecke deutlich länger als geplant dauert etc.

Vieles über die Gegenwart ließe sich am Beispiel der Deutschen Bahn erzählen erklären. Die Geschichte, wie Anfang der 2000er eine rot-grünen Regierung eine Einrichtung, die allen zu Gute kommen sollte, auf Rendite trimmt. In der Folge ausgewöhnliche Löhne für wenige, Einsparungen bei viele, Zerren von Substanz, Verzicht auf Prävention, Stilllegen, Ausdünnen, Einstellen, Pferchen, Erhöhen etc. Heute vieles aus dem Takt, viele leiden darunter, dass Rendite maximiert wurde. Die notwendigen Instandhaltungen kosten viel mehr Kraft und Zeit und Geld, als wenn man das früher getan hätte. Zugleich der Tankrabatt bei gleichzeitig Erhöhung eines Bahntickets, als politische Zukunftsvision.

3. Oktober | Einheiten

Vor zwei Tagen die Moderation einer Lesung zu Postwendekinder. Darin Beiträge von 20-30jährigen zum Thema, sehr reflektiert an vielen Stellen, sich des Diskurses bewusst, der, manchmal tastende Versuch, eine eigene Sprecherinnenposition zu finden bzw. einzufordern. Eben sagen: Der Tag der Einheit ist auch die Geschichte von 2010-2026. Fast zwei Stunden sprechen wir über weggehen, wiederkommen, bleiben, Identitäten, Stadt, Land, keine Antworten haben.

Vorher am Tag lese ich einen Artikel eine Polemik, die sinngemäß schlussfolgert, dass die übermäßige Beschäftigung mit ostdeutscher Identität ein Wir konstruiert hat, Räume geschaffen hat, in die die Radikalen bequem reinstoßen können. Das ist polemisch, weil ich mich natürlich damit beschäftigen muss, woher ich komme, wo ich bin, wie ist das geworden, wie ist es gerade.

Aber an Tagen wie diesen wünschte ich wieder mal, ich müsste mich nicht damit beschäftigen, hätte keine vier Regalreihen mit Sachbüchern oder autobiografischen Romanen zum Thema. Weil man alles zum Thema Ostdeutschland wüsste, nicht nur zwischen Kap Arkona und dem Fichtelberg, sondern auch von Sylt bis zum Bodensee. Ich wünschte, 17% aller deutschen Unternehmen hätten ihren Sitz in den 5 NEUEN Bundesländern und die Löhne und die Erbschaften und die Immobilien auch. Weil ich solange über Identitätsheimaten und Transformationserfahrungen sprechen kann, wie ich will, wenn die Struktur ist, wie sie ist – und nein, der drei Mal sanierte Verkehrskreisel in Sondershausen ist kein Beweis für etwas.

Nein, so ist das nicht und wäre ich in Nürtingen geboren, hätte ich vielleicht auch nur Kruso gelesen und mir ginge das alles ziemlich auf die Nerven und ich bin bei Zwickau geboren und mir geht das alles ziemlich auf die Nerven, weiterhin, natürlich und wird es, und ich freue mich, wenn am 3. Oktober die Medien, die bis auf die Frakturzeitschrift OAZ alle im WESTEN sitzen und nur von 2% der Ostdeutschen gelesen werden, ihre jährlichen Interviews mit den Osterklärern machen. Weil damit zumindest ein bisschen Information fließt und was wird das nächste Ost-Buch der Saison, der nächste Aufreger, man weiß es nicht, man ahnt es schon, einfach mal auf die Buchmesse von Halle schauen.

Vor der Lesung stelle ich eine Playlist zusammen mit »ostdeutschen« Liedern. Und mir fällt auf, dass die Songs, denen ich zuneigt sind, die das Widersprüchliche und Abgefuckte zum Thema machen, entsprechend hart und niedergeschlagen und grauer Beton sind, während die Ost-Ost-Ostdeutschland-Lieder mehrheitlich mit hellen Farben kommen, mehr feiern, mehr Einheit sind, mehr mit der Schwalbe durch Brandenburg als Gefühl von Freiheit rasen.

Irgendwie lauter Einheiten an diesem Tag, so scheint mir das, und manchmal denke ich, dass auch hier gilt: viel ergiebiger als die Ost-West-Frage nach Identität und Zugehörigkeit und Biografie wäre die Oben-Unten-Frage. Dass so vieles, über das wir reden, was wir in unseren Werdegängen und Frakturen zu finden glauben, auch Ablenkung ist.

4. Oktober | Werkseinstellung

Der Focus wirft Hape Kerkeling vor, dass dessen Großvater kein echter KZ-Häftling gewesen sei. Einer aus dem Vorstand der AfD-Jugend schreibt, dass die deutsche Einheit von 1990 ein »Etappensieg« zur Vereinigung des gesamten deutschen Volks sein sei und postet dazu ein Bild des Großdeutschen Reichs. Die WELD veröffentlicht einen Meinungsbeitrag, in dem Ulf Poschardt zum Großen Wähleraustausch wütet. Dem Programm für die Neurechte Buchmesse in Halle ist zu entnehmen, dass dort Harald Martenstein und Alexander Dugin sprechen werden. Das Rechtsextreme, das Relativieren des Faschistischen, die Talking Points der Faschisierung sind nicht mehr edgy, sie sind auf dem Weg zur Werkseinstellung in bürgerlichen Kreisen.

5. Oktober | Brückeneinstürze

Die Reportagen lesen, wie Russland Kiew in die Unbewohnbarkeit bombt, wie die Drohnen auf die Brücken zielen, zum Einsturz bringen wollen, damit die Stadt teilen werden, wie der Tod aus der Luft allgegenwärtig ist. Was das bedeutet – jederzeit eine Sprengladung über mir, die explodiert, die mich oder die, die liebe töten könnte.

Weiterhin die unanständigen Beiträge der selbsternannten Friedenstauben, die das weiterhin nicht zur Kenntnis nehmen. Auch der Kanzler, der nach Kiew reist, währenddessen mehrere Drohnenangriffe, der Kanzler, der sagt: »Auf unsere Hilfe könnt ihr weiter zählen«, der Kanzler in Begleitung von Hensoldt, Quantum Systems, Diehl Defence, Helsing, der sagt: »Die Unternehmer der Verteidigungsindustrie, die mich heute begleiten, lernen aus der ukrainischen Kriegserfahrung und umgekehrt« und von Tempo spricht, das jetzt in die Produktion kommen werde.