Ab jetzt beginnt die Entzauberung


1. September | wie oft noch schwimmen

Wie oft werde ich noch schwimmen in diesem Jahr? Das Wasser hat 21 Grad, das ist okay, drei Mal durch die Dusche geweht, der Wind wischt über die Bahnen, schwere Wolken brechen auf, Andeutungen kommender Ereignisse. Abtauchen. Zwei mit mir im großen Becken, der Monatsanfang räkelt sich, wie oft noch schwimmen in diesem Jahr?

2. September | diese Gleichzeitigkeiten

Die Regierung verkündet den Urheber des Drohnenanschlags von Leipzig: Russland.
Um diesen Tag herum mehrere Sabotageakte auf Strominfrastruktur, Draht von den Abschussrampen auf Stromleitungen gefeuert.
UNO verkündet, dass das Überschreiten von 1.5° unvermeidlich sei, momentaner Weg auf 2.6°, optimistischstes Szenario 1.8°.
In Thüringen verlassen drei Abgeordnete die BSW-Fraktion, die AfD fordert Neuwahlen.

3. September | Sachsen-Anhalt Streams

Die vergangenen Wochen viele Streams gesehen, so viele Streams, nur Streams aus Sachsen-Anhalt, live gestreamt von Kleinstadtmarktplätzen, Sommerfesten, Familienfesten, Dorffesten, Wahlkampfständen, aus Reden, vor Reden, AfD-Wähler stehen Schlange für Autogramm von Ulrich Siegmund, eine Gruppe von Jungz in Thor Steinar, jemand lallt was in Mikros, jemand schubst jemand, jemand hebt halb den Arm, BjrönBanane richtet sein Ministativ aus, Marcant wird von der Polizei beschützt, Stream Stream Stream aus Sachsen-Anhalt.

Und vielleicht gab es eine Zeit, in der die AfD und ihre Anhänger mal eine Black Box waren, als diffus war, wie die so sind, wie sind die eigentlich so, menschlich, politisch, was für ein Schlag Mensch isser der Wähler, als es eine große Neugier gab zu erfahren, wie die ticken, weil die sich abschirmen und gleich Lügenpresse in Mikros bellen und außer sich die schwarz-rote-weiße Schirmmütze aufs Kameraobjektiv drücken.

Aber heute lassen alle mit sich reden und alle lassen sich filmen und alle filmen alles und alle erkennen einander als jemanden und alle richten Kameras und Mikrofone aufeinander, fünf AfD-Streamer umringen jemanden von der Heute-Show und dann wird Content gemacht, so viel Content, hundert tausend millionen Stunden Content aus dem Sachsen-Anhalt-Sommer 2026, die Black Box als das Offensichtlichste, aber dennoch Kitzel, vor allem Unterhaltung, wenn jemand austickt was Doofes sagt sich widerspricht rassistisch wütend spricht sprechen Zahlencodes ins Bild halten alles alles immer abfilmen ein ewiges Archiv aus in Echtzeit abgefilmter Prä-AfD-Regierungszeit, so ist das jetzt, so war das damals, Sommer 2026, jedes Prozent der 42 Prozent mindestens dreiunddreißig Mal abgefilmt und da ist nichts Neues mehr, nichts ist mehr zu erfahren, man guckt es doch gern, wenn Felix Banaszak ins Gespräch kommt mit einer AfD-Familie und warum nicht noch mal jemand im Rammsteinshirt, nichtendender Contentstrom, der nicht hilft zu verstehen: Warum das eigentlich so in diesem Sommer in Sachsen-Anhalt so, genauso? Der Content zeigt nichts, weil er alles zeigt und doch kommen so Informationen und Welten in diesem Sommer zu uns, die wir nicht in Sachsen-Anhalt sind, der Stream als ultimativer Hingucker, der nichts mehr offenlässt, der nichts mehr offenlegen muss.

Und dann gibt es diesen Stream, Marcant geht in die Zora in Halberstadt und fragt die Menschen dort, lässt sie sprechen und zeigen, da dreht sich die Kamera um 180°, auch das ist möglich, der sich drehender Stream.

4. September | heute ein seltenes Glücksgefühl

Bekennerschreiber für die Sabotageakte auf Strominfrastruktur, in Handschrift als Motiv »unermessliches Leid, das die Nutzung fossiler Brennstoffe verursache«.
Die Weltorganisation für Meteorologie warnt vor El-Niño und fordert »außergewöhnliche Vorbereitungs- und Reaktionsmaßnahmen«, denn »dieses El-Niño-Ereignis habe das Potenzial, Gesellschaften und Volkswirtschaften auf der ganzen Welt einen massiven Schlag zu versetzen.«
In Thüringen verlassen zehn Abgeordnete die BSW-Fraktion.
Nachdem VW ankündigt, 50000 Stellen zu streichen und vier Werke (u.a. Zwickau) schließen will, führt die Aktie den deutschen Leitindex an und gewinnt sechs Prozent dazu, erleben »Aktionäre des Volkswagen-Konzerns heute ein seltenes Glücksgefühl.«
Das Neutralitätsgebot am Anschlag: Im KIKA lässt LOGO eine Schülersprecherin Ulrich Siegmund eine halbe Stunde befragen.
Solarer Kipppunkt: 64 Länder erzeugen mehr die Hälfte ihres Stroms mit Wind, Wasser und Sonne, 14 Länder mit auf über 95 Prozent, Albanien, Bhutan, Nepal, Island und Lesotho komplett.

4. September | Die Apokalypse die ich gerade brauche

Am Abend in der Nacht zu einer Performance gewesen, Funeral Doom, Renaissancelaute und Drone-Klänge auf der Bühne, davor laufen bleiche Schaufensterpuppen mit Kabeln aus den dürren Körpern und zucken, sie zucken, neunzig Minuten lang zucken sie, liegen am Boden, zucken, zucken, dazu der immergleiche Drone, der Klang von Disruption und davor laufen die Puppen mit Kabeln, die Kanäle sind, über die diese Disruption in sie eingespeist wird, das bringt sie zum Zucken, sie zucken unablässig, die Gegenwart bringt sie zum Zucken, dazu der Droneteppich, ich denke in dieser Nacht, in der später ein Fuchs an mir vorbeihuscht, dass dies die Apokalypse ist, die ich gerade brauche.

5. September | Glücksgefühle

Alphaville werden vom Glücksgefühle-Festival am Hockenheim-Ring ausgeladen, weil sie nicht politisch sprechen sollen auf der Bühne, weil »Wir möchten den Menschen ein Wochenende ermöglichen, an dem sie den Alltag hinter sich lassen, abschalten und einfach eine gute Zeit haben können … Genau deshalb haben wir darum gebeten, politische Äußerungen auf unserer Bühne zu unterlassen.«

Ausladung geht viral, wird geteilt, Die Toten Hosen holen Alphaville auf die Bühne, Glücksgefühleveranstalter Lukas Podolski gibt PK, Alphaville werden wieder eingeladen, lehnen ab. Beim Festival selbst singt jeder zweite Act dann Forever Young oder macht Statement oder reckt Mittelfinger, das unpolitische Glücksgefühle wird also voll politisch.

Und das ist schon eine interessante Frage: Gibt das Recht darauf, von Politik, gesellschaftlichen Fragen etc. nicht behelligt werden zu dürfen? Darf man auch mal abschalten von der Gegenwart? Muss, denke ich, unbedingt, absolut notwendig. Aber geht das vielleicht nur, wenn ich allein im Wald bin (nicht im Thüringer Fichtenwald)? Und was, wenn jemand Zweites dazu kommt? Kann es da gar nicht anders als politisch oder gesellschaftlich werden? Habe ich das Recht, meinem Gegenüber zu verbieten, politisch zu sein? Außer, ich gehe weg? Und auf einem Festival, mit zehntausenden? Wie soll das gehen, nichtpolitisch sein, 2026, was ist 2026 noch unpolitisch?

6. September | Liebe Regie, wie geht es jetzt weiter?

Die Moderatorin sagt Mit uns fiebern alle auf den Wahlpartys in Sachsen-Anhalt
Sven Schulze sagt Das ist Demokratie
Tino Chrupalla sagt Sehr gern
Der Außenkorrespondent sagt Das war hier wirklich ein Tollhaus
Die Moderatorin fragt Liebe Regie, wie geht es jetzt weiter?

7. September | ab jetzt beginnt die Entzauberung

Gestern war ein schöner Tag, eigentlich. Der Schaffner im Zug von Halle/Saale bringt das Abteil mit seinen Pointen zum Lachen, im Park spielt eine Kleinfamilie Federball, jemand macht ein Picknick, jemand datet, die Kinder beim Wasserspielplatz, ich bekomme von einem guten Freund eine Bildnachricht von der Fotothek und hole mir dafür ein altes Foto aus dem Kiosk ab, bekomme später ein chinesisches Puzzle geschenkt, die Ofenkartoffeln sind auf den Punkt kross. Zwischendurch immer wieder die Information über die hohe Wahlbeteiligung in Sachsen-Anhalt. Die Frage: Ist das jetzt gut oder nicht? Die Antwort: Natürlich, das muss gut sein, wenn so viele wie nie zuvor sich an demokratischen Prozessen beteiligen! Denn das Verheerendste in einer Demokratie sind die Nichtwähler, so wurde mir das in der Demokratie beigebracht.

18.00 Uhr dann die Balken. Der blaue Balken drei Prozente über den Prognosen, nahe der absoluten Mehrheit. Die Balken versprechen ein Fünf-Parteien-Parlament, wahrscheinlich sogar sechs Parteien. Demokratie! Das Bedürfnis, diesen Tag, dieses Ereignis auf einen knappen, lakonischen, im Rückblick leicht zu zitierenden Tagebuchsatz zu reduzieren. Etwas wie: »6.September, Sachsen-Anhalt-Wahl, Desaster, tiefste Bestürzung.«

Und klar, das isses auch: das Knappe, das Lakonische, dass diese Balken Teil der Gegenwart werden. Das Wissen darum: Das ist voll dysfunktional. Eine 5-Parteien-Koalition von Links bis CDU, Grüne bis BSW, mit einer Stimme Mehrheit: Wie soll das irgendwie gehen? Und wie soll das gehen, AfD mit BSW? Wie soll das gehen außer destruktiv, dysfunktional, desaster? Gleich, bei welchem Balken noch 0,3 Prozente dazukommen oder weggehen: Das liegen fünf maximale instabile, disruptive Jahre vor uns. Die Wahlbeteiligung so hoch wie nie, so viele Nichtwähler wie nie mobilisiert. Maximal demokratisch. Maximal am Abgrund.

Aber eigentlich beginnt es danach erst so richtig reinzufleddern. Weil die Maschine einfach weiterläuft. Von wegen Zäsur oder erstmals, nein. Es schnurrt weiter, einfach weiter wie am Schnürchen.

Die Instrumente, die man immer verwendet hat, verwendet man einfach so weiter, »Das ist Demokratie« sagt der abgewählte MP. Und wenn der zukünftige MP im ÖRR dem ÖRR-Journalisten ins Gesicht sagt, Euch schaffen wir als Erstes ab, dann nickt der ÖRR-Journalist das freundlich weg. Weil in der Maschine nickt man dem Wahlgewinner freundlich zu. Und wenn die SPD sich bei 9% für stabil hält und die Grünen sich erleichtert in die Arme fallen, dann ist das auch erstmal die Maschine.

Die Maschine ist der größte Politik-Talk um 21:45 Uhr, in dem die ewiggleichen, nie aus Sachsen-Anhalt-Kommenden, nie selbst Betroffenen erklären, dass die Kartellparteien halt das Thema Migration nicht ernst genommen hätten. Und ein Professur der TU Darmstadt erklärt, dass Ethnopluralismus halt okayer Bestandteil des demokratischen Ideenaustauschs ist. Und das ebenso hingenommen wird. Und Tino Chrupalla als Eingangsstatement ankündigt, dass sich die Demokratie-Verein jetzte mal frisch machen können. Und dann geht’s in die nächste Liveschalte und Bild titelt »Kuss auf den Siegmund – seine Frau Jule gratuliert« und Party-Party Bilder und im AfD-Livestream läuft eine EBM-Version des Wehrmacht-Klassikers Erika und sehr viel Grinsen und jemand bastelt schon einen Meinungsartikel, in dem Friedrich Merz endgültig angezählt wird.

Weils im Grunde nur darum geht, so ein Abend ist ein Sportreport, sind Gewinner/Verlierer, sind Balken und übergroße Touchscreens. An so einem Abend dominiert die Arithmetik. Louis Klamroth ruft schon die potentiellen Gäste an, die Lanz nicht angefragt hat, das wird ein langer Abend, wir geben jetzt ab zum Wahlgewinner, dann reicht nicht mal »6.September, Sachsen-Anhalt-Nachwahlberichtserstattung, Desaster, tiefste Bestürzung.«

Weil niemand in der Maschinen zu verstehen scheint oder zu verstehen gibt, was hier gerade geschehen ist. Weil trotz monatelangem Trommelns und tausender Prognosen alle überrascht und unvorbereitet sind. Weil niemand irgendetwas in Petto hat, wenn Trump und Musk den blauen Balken reposten und dazu MGGA postulieren, MAKE GERMANY GREAT AGAIN. Wenn mich das zynisch gemacht hätte, würde ich schreiben: Jetzt beginnt die Entzauberung. Aber hauptsächlich bin ich: traurig. Über das, was dazu geführt hat. Darüber, was daraus erwachsen wird.

8. September | zwei Welten

Mit jemanden aus Sachsen-Anhalt telefonieren und gemeinsam beschließen, dass es okay ist, ein paar Tage erst mal nichts mehr dazu sagen müssen. Später mit jemanden aus Hessen sprechen, der sagt, dass er von der Sache in Sachsen-Anhalt nur am Rande mitbekommen hat.

9. September | emotional abholen

Wollte eigentlich einen launigen Eintrag schreiben darüber, wie der Kanzler uns verspricht, uns zukünftig »emotional abzuholen« und wie diese Abholung aussehen könnte und bisher aussah, so als Beleg für dies und das. Aber dann suche ich dieses Zitat und dann sagt er das gar nicht genauso wie es in den Kanälen verbreitet wird, sondern: »Wir müssen versuchen – ich selbst auch – die Menschen in ihrer ganzen Emotionalität stärker zu erreichen« und ja, so weit weg ist das nicht von »emotional abholen«, aber eben nicht genau und vielleicht geht es auch um das Wort »Reformen« und was das euphemisiert und geht weniger um Emotionen und wenn es um Emotionen geht, dann vielleicht doch, dass der Kanzler genau das an Emotionen zeigt, was er an Inhalten abholen will.

9. September | instabil

Wieder instabiles Thüringen, BSW-Fraktion löst sich auf, zehn Mitglieder verlassen die Partei, gründen neue Partei Thüringen.Gerecht, Spontangründung aus juristischen Gründen in einem Erfurter Restaurant. Austritt und Gründung, um die Regierungskoalition zu retten, das ist das Ziel, weiterzuregieren, weil den Beteiligten bewusst ist, was ein Scheitern bedeuten würde, eine Neuwahl, deshalb die Legislatur über irgendwie stabil bleiben, und so habe ich den Kern bei den Brombeerland-Dreharbeiten erlebt, Menschen, denen bewusst ist, was auf dem Spiel steht und die auch danach ihr Handeln ausrichten, aber das alles so auf Kante genäht, jederzeit ein Crashout möglich.

10. September | Vaterland

Vaterland von Paweł Pawlikowski gesehen, über die halbfiktive Reise von Thomas und Erika Mann 1949 nach West- und Ostdeutschland, nach Frankfurt und Weimar. Streng, genau, knapp fragen strikte Schwarz-Weiß-Bilder, wie in Ruinen eine andere Welt entstehen kann, während die alte, zerstörte, zerstörende Welt noch in allen Gesichtern und Fassaden sichtbar ist, wie Versöhnung und Vergebung in Ruinen aussehen kann, ob Worte helfen, wie Worte in den Dienst gestellt werden, um aus den Ruinen zu kommen, wie unmöglich es ist, sich den Widersprüchen mit Reden in Kirchen und Theatern zu entledigen, die falschen Standing Ovations, rhythmisches Klatschen als nachträgliches Abfeuern.

Ein Film, der unmittelbar im Danach spielt. Während des Schauens frage ich mich, ob es von diesen Jahren ausgehend aus auch eine Form des Danachs geben wird, wie dieses Danach aussehen wird, in welche Gesichter wird dann geblickt werden, in welche Gesichter blicken wir, welche Gesichter werden wir danach haben.

10. September | vom Himmel fallen

»Vielen Dank für diese Frage. Also auch sehr viele Bürger haben uns dazu gefragt. Und waren auch für unsere Position dazu dankbar. Unsere Position ist ganz klar, dass wir sagen, wir verteufeln nicht pauschal die Produktion von Rüstungsgütern. Weil wir bei späteren Remigrations- und Abschiebeoffensiven natürlich auch entsprechend Hilfsmittel brauchen. Natürlich auch im Sinne der inneren Sicherheit. Der eigenen Stabilität. Auch der Landesverteidigung. Das ist uns bewusst. Das fällt nicht vom Himmel.«

11. September | nie wieder ein Gespräch

Vor zwei Wochen der Eintrag über die Podiumsdiskussion »Wie können wir im Gespräch bleiben?«, wie sich sehr viel Mühe gegeben wird, darüber nachzudenken, wie man miteinanderspricht, wie man besser spricht, wie man das Gegenüber besser versteht, sich reinversetzt, Beweggründe nachvollzieht etc.

Merke, dass ich momentan null Interesse daran habe, dass alles gesagt ist, auch von jedem, alles ist ausgeleuchtet, jeder ist drei Mal zu allem befragt, tausende Studien, die bis auf die Mikrosekunde Herkunft einteilen und nachvollziehbar machen, dass alles auf dem Tisch liegt und das seit Jahren, dass nichts mehr ans Licht gebracht werden muss, keine Geheimnisse mehr oder unbeantwortete Fragen. Ich merke, wie wenig Interesse ich daran hätte, mein Gegenüber zu überzeugen, es nicht mehr als meine Aufgabe in einem Gespräch betrachte, Sorgen ernst zu nehmen. Weil der Ernst der Sorgen ist der Sog der Gegenwart.

Ein Haken dahinter, nichts mehr erfragen, sondern was ist, als gegeben annehmen und damit arbeiten, mit dem »Denkzettel« dem »Schuss vor dem Bug«, diesem »Stein ins Rad«, diesen »klaren Worte«, diesem »neuen Wind«, dem Rechtsextremismus, diesem »Humbug«. Worüber im Gespräch bleiben, mit wem ein Gespräch, wieder ein Gespräch

11. September | immersiver Geschichtenbruch

25 Jahre Nine Eleven, Retro-Liveticker informieren in Echtzeit über die Ereignisse (»Flug 93 stürzt in Pennsylvania ab«, »Der Südturm des World Trade Centers stürzt ein«, »Im Innenhof sinkt Yates unter einen Baum und reißt sich die brennenden Kleider vom Leib. Mehr als ein Drittel seiner Körperoberfläche ist verbrannt.« etc.) Warum diesen schrecklichen Tag noch einmal so immersiv erleben, als wäre wieder damals?

12. September | Trumpslop

Der amerikanische Präsident wieder mit irren KI-Bildern; er als Master of the Universe, als Starship Trooper etc. Ein Bild, das ganz Nordamerika plus Grönland unter amerikanischer Flagge zeigt. Und das Versprechen, jeder US-Bürger werde 5000$ erhalten, wenn seine Partei die Midterms gewinnt. Lauter Slops, die – und das ist vielleicht das minimal Neue – nur ein bisschen Schulterzucken hervorrufen. Es ist nicht mehr von großem Interesse, von Bedeutung, dieser Trumpslop.

13. September | in vertraulichen Gesprächen Planspiele

Jetzt werden sie geschrieben, die Artikel, jetzt zirkulieren sie in der Öffentlichkeit, die Szenarien, wie und wer Friedrich Merz als Kanzler nach Berlin / Meck-Pom / bis Jahresende abgelöst wird; Boris Rhein Hendrik Wüst Markus Söder Alexander Dobrindt Minderheitsregierung. »Es gibt keine Autorität mehr«, »Er kann es nicht«, »Er wird es wohl auch nicht mehr lernen«, »Seit Wochen schon werden in vertraulichen Gesprächen Planspiele gemacht«. Kaum Verteidigungsreden. Wieder eine aufgeregte Sportberichterstattung, so ist die Stimmung, wer rechnet gerade noch damit, dass Ende 2026 der Kanzler Merz heißen wird. Und das die rhetorische Frage: Holt mich ein Kanzler RheinSöderDobrintWüst emotional mehr ab und geht es hier um etwas viel Grundsätzlicheres?

14. September | P(doom)

Die Börsengänge von OpenAI, Anthropic werden verschoben. Die KI-Firmen warnen vor dem P(doom) – der Wahrscheinlichkeit, mit der die KI die Menschheit auslöschen wird. (10-25% bis 2030 sagen die KI-Firmen). Die amerikanischen KI-Firmen appellieren, die Geschwindigkeit der Entwicklung zu verlangsamen. Sie flehen darum, stärker kontrolliert zu werden. Elon Musk stimmt dem zu. Lauter Red Flags in einer notwendigen Entwicklung. Weil doch alles komplizierter ist als P(doom): KI-Geldblase, Cashflowknappheit, die Überlegenheit Chinas, der gesellschaftliche Widerstand gegen die Datencenter, der abgehängte Grok etc. Nur der amerikanische Präsident hält dagegen: »The only control or “guardrails” that AI needs is a STRONG AND SMART (High IQ!) PRESIDENT.«

15. September | Entlastung

»Ich bin der Meinung, dass wir handeln müssen«, sagt der Bundeskanzler zu:
A) August als der weltweit wärmste Monat seit Beginn der Aufzeichnungen
oder
B) Allzeithoch der Benzinpreise ?

16. September | Völlige Verständnislosigkeit

Auf dem Weg vom Kindergarten kommt mir ein Mann entgegen, er schlendert, sein Kind fährt auf dem Fahrrad vor ihm her. Er trägt ein graues T-Shirt, auf dem eine Pistole abgebildet ist, dazu steht: »Luger Treffsicher seit 1908« und »Si vis pacem, para bellum«, Wenn du den Frieden willst, bereite den Krieg vor.

Die Luger, »Kulturelle Bedeutung Popkultur: Durch Filme und Dokumentationen gilt die Luger P08 bis heute als das stereotype Symbol und die Standardrequisite für deutsche Offiziere und Soldaten der NS-Zeit«, das T-Shirt lässt über die Webseite wehrmacht_1945 bestellen etc.

Ich denke: Die Nazis können gerade richtig gut entspannen. Ein paar Schritte weiter überlege ich, ob der Begriff Nazi angemessen ist, ob ich hier nicht etwas relativiere, ob das Shirt zwar eine deutliche Sprache spricht, aber reicht das schon, um…? Dann passiert etwas – ein Hund bellt, ein Vogel zwitschert, eine Mitnehm-Kiste mit interessanten Sachen auf dem Gehweg – und ich denke nicht mehr an den schlendernden Nazi.

Später lese ich einen Text von Robin Detje. Er beschreibt, wie in der Grundschule ein älteres Kind ihn jeden Morgen verprügelte und wie er sich nicht wehrte, weil er nicht verstand, warum das Kind, das er nicht kannte, das ihn nicht kannte, verprügelte. Irgendwann gab er dem Kind eine Ohrfeige und danach griff es ihn nie wieder an. »Und das verstand ich auch nicht. Der Fluch war von mir gewichen, ohne dass ich wusste warum. Ich hatte kein Triumphgefühl. Ich verstehe bis heute nicht, dass es Menschen gibt, die anderen Gewalt antun und bei denen man sich Respekt verschaffen muss, mit Gegengewalt. Das scheint aber eine gesamtgesellschaftlich akzeptierte Verhaltensweise zu sein.«

Darüber schreibt er. Und macht dann einen Vorschlag: »Das ist mein Angebot. Das kann ich beitragen zu der Situation, in der wir uns jetzt befinden, als Utopie: Gewaltlosigkeit. Kampflosigkeit. Unsportlichkeit. Völlige Verständnislosigkeit.«

Ich finde das einen hilfreichen Gedanken. Völlige Verständnislosigkeit. Nicht mit Verständnis zu reagieren, nicht verstehen zu wollen, sich nicht hineinversetzen wollen, nicht den eigenen Impuls zu prüfen, nicht zu reflektieren, ob der Fehler vielleicht bei einem selbst liegt. Sondern: völlige Verständnislosigkeit.

Da schlendert jemand mit einem Wehrmachtswaffen-T-Shirt an mir vorbei: völlige Verständnislosigkeit. Das lässt sich erweitern: Da lässt der Kinderkanal eine Schülersprecherin eine halbe Stunde einen Rechtsextremen befragen: völlige Verständnislosigkeit. Da fordert der Schatzmeister eines CDU-Stadtverbandes in Aue, dass der Reichstag wieder brennen müsse, DEUTSCHE WEHRT EUCH, drei Feuer-Emojis: völlige Verständnislosigkeit. Da beschließt der Stadtrat in Heidenau, dass die Stadt künftig keine Stolpersteine mehr verlegen wird, völlige Verständnislosigkeit. Und noch weiter ausdehnen: Da ist der heißeste Monat und eine Deckelung der Spritpreise / mehr Gaskraftwerke / Netzpaket / Verbrennerausaus: völlige Verständnislosigkeit.

Ja, völlige Verständnislosigkeit als Instrument der Kommunikation: über Gegenwart, über die Dynamiken der Gegenwart, zu bestimmten Akteuren der Gegenwart, deren Gegenwart in der Gegenwart als selbstverständlich betrachtet wird, das, was sie tun, als hinnehmbarer Bestandteil der Gegenwart geduldet wird, vielleicht sogar als Standard gilt, als Ist-Zustand, als Ziel. Damit deutlich machen: Ist mir völlig unbegreiflich, warum das jetzt geschehen muss, wenn es doch so viele andere, bessere Wege gibt.

17. September | positiver Patriotismus

Erste Pressekonferenz von Jürgen Klopp als Nationaltrainer, auf seiner Kappe steht Einer von 83 Millionen. Mehr Aufmerksamkeit als die Kadernominierungen bekommen diese Sätze: »Ich würde mir oder uns gerne die Fahne zurückholen … Ich möchte, dass wir sie immer so schwingen, dass niemand denkt: Was ist mit dir nicht in Ordnung? Sondern, dass man einfach nur das Gefühl hat, du bist happy und verstehst, dass du Glück hattest, dass du in diesem wundervollen Land geboren, aufgewachsen und zugezogen bist … Ich möchte Nationalstolz nicht den falschen Leuten überlassen…Mir wurde dann gesagt, man könne das als Positiven Patriotismus bezeichnen. Gerne.«

19. September | gedeckelt

Spritpreisdeckel fix. Damit auch die 5-Prozent-Hürde?

20. September | Wahlen

Wieder Wahlabend, diesmal für Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. 2x rrg Mehrheit, 2x Zugewinn AfD. Gleich 18:01 Uhr hält der Kanzler eine Rede und erklärt, Kanzler bleiben zu wollen. Später rutscht die CDU in MV unter die 5% und ist damals erstmals seit 1949 nicht einem Landtag vertreten. Das als Aufreger dieses Abends. Ansonsten schon eine Art Gewöhnung trotz dieser beiden außergewöhnlichen Vorgänge, so ganz anders als der Wahnsinn vor zwei Wochen.

21. September | 0:04

0.04 Uhr die Bestätigung, dass die CDU mit 4,9% den Einzug in den Landtag MV verpasst. Was ist da für ein Gefühl? Genugtuung? Weil der Wähler so einen »Schuss vor den Bug« platziert hat? Damit zu verstehen gegeben hat, dass die Annahme, man müsse eine Partei kopieren, nicht zum Erfolg führt. Oder, wie es auf dem Plakat von Julia Klöckner heißt: »Für das, was ihr wollt, müsst ihr nicht die AfD wählen. Dafür gibt es eine demokratische Alternative: die CDU.«

Aber ist das überhaupt der Grund? 1% der CDU-Wähler in MV sagen, dass Friedrich Merz für das Abschneiden der Partei hilfreich sei. 80% halten ihn für »schädlich«. Liegt es nicht vielmehr an jemanden, der Leistung einfordert, aber selbst keine Leistung bringt, jemand, der nicht liefert, jemand, der nicht abholt? Heute die Meinungsartikel, die beide Wahlen zur Abstimmung über den Kanzler machen. Die Planspiele, die noch mal doppelt so heiß laufen nach der Kanzlerrede um 18.01 Uhr, also sechs Stunden vor 0:04 Uhr. Auch Verteidigungsreden (Ein Herz für Merz). Was ändert das Auswechseln einer Person? Nein, keine Genugtuung. Vielmehr das Gefühl weiterer Instabilität.

22. September | das schönste Bild

Der amerikanische Präsident verbannt mehrere Medien aus dem Weißen Haus. Erstmals solidarisieren sich andere Medien mit den Verbannten und beschließen, zukünftig keine Reden mehr zu übertragen. Das führt zu dem schönsten Bild, wie der Präsident vor Arbeitern steht und spricht und gestikuliert und keines von seinen Worten zu verstehen ist, das Bild zeigt einen Mann, der ins Leere bellt, es wirkt lächerlich und armselig, das schönste Bild. Ein Bild, das von kurzer Dauer ist, das seinen Preis hat. Denn das Weiße Haus kündigt an, zukünftig selbst zu übertragen, Trump TV.

22. September | die gefährlichste Frau Deutschlands

Die Nachwahlberichterstattung verfolgen. Nicht Mecklenburg-Vorpommern ist Thema, sondern Die Linke in Berlin. Ein kraftvolles, konzentriertes Schießen aus einem Rohr, das ein Ziel verfolgt und dabei angsterfült und lustvoll die Begriffe Enteignung und Vergesellschaftung verdreht.

Berlin am Ende | komplett irre | Schlag ins Gesicht rechtschaffener Bürger | Die jungen Berliner Frauen haben das Kalifat gewählt. Burka statt bauchfrei. | Die radikalen Parteien links und rechts | hobbylose, ehrenlose, gottlose Berlin-Mitte-Spacken | Alle haben Angst vor 1933. Die eigentliche Gefahr ist 1949: die Wiederkehr der DDR | Was gerade in Berlin passiert, haben wir im Iran schon erlebt | junge, arme, traurige Menschen, die keinerlei Ahnung von ökonomischen Zusammenhängen haben und deshalb eine Politik wählen, die für Brotschlange, für Menschen, die verhungern, für Elend steht etc.

Fast die Hälfte aller unter 30 haben Die Linke gewählt, mit Abstand wichtigstes Thema war die Miete, das Wohnen. Die Vermutung, dass anders als bei anderen M-Themen die Sorgen dieser Wählerinnen nicht ernst genommen werden könnten, dass nun nicht die nächsten Wochen intensiv über Mieten gesprochen werden wird. Weil in Berlin auch eine Kenia-Koalition möglich wäre. Darauf zielt das Rohr.

23. September | Vergesellschaftung

Erst mal reinlesen in den Unterschied zwischen Vergesellschaftung und Enteignung, endlich mal wieder solche Fragestellungen.

24. September | Resilienz von Demokratien

»Als Mitgründer von Palantir schuf er eines der für die Resilienz von Demokratien wichtigsten Unternehmen unserer Zeit. Dafür erhält Peter Thiel den Axel Springer Award 2026.«

25. September | Ambiguitätstoleranzwoche

Weiterhin Ambiguitätstoleranzwoche. Teile der Linke in Berlin mit Antisemitismus / islamistischer Unterwanderung / Verbindungen zu Organisierter Kriminalität. Teile der Linke, die das runterspielen. Teile der Linke, die das massiv kritisieren und Konsequenzen einfordern. Diese Linke-Antisemitismusvorgänge unabhängig von Antisemitismusvorgängen in anderen Parteien sehen. Andere Parteien ebenfalls mit massiven Antisemitismusproblemen, CDU z.B., die Clanchef ins Parlament einlädt, korrupte Antisemitismus-Bekämpfung, CDU, die gemeinsam mit AfD auf Bestreben eines ehemaligen Mitglieds der Skinheads Sächsische Schweiz in Heidenau das Verlegen von Stolpersteinen einstellt, was der CDU-Ministerpräsident Sachsens als eine »andere Form des Gedenkens« (v)erklärt. Wortmeldungen in Medien, die Linke zur Aufarbeitung des parteiinternen Antisemitismus auffordern. Kompletter Meltdown in Medien, zweierlei Maß, Instrumentalisierung, das eigentlich Ziel der Wut dabei nicht Antisemitismus, sondern Vergesellschaftung. Drohungen aus Politik (Aussetzen Hauptstadtfinanzierungsvertrag und der Kulturförderung, Aufforderung, Berliner Polizisten sollen bei Linke-Regierung Asyl in Baden-Württemberg erhalten etc.)

Das alles gleichzeitig, kann das gleichzeitig sein, fragt die Ambiguitätstoleranz, wie kann das gleichzeitig sein, notwendige Aufarbeitung und massive Kampagne zugleich, warum kann das sein? Der Satz von Ulf Poschardt leistet Hilfe: »Alle haben Angst vor 1933. Die eigentliche Gefahr ist 1949: die Wiederkehr der DDR.« Für ihn und solche wie ihn einerseits die Gleichsetzung 33/49, die eigentliche Gefahr nicht Faschismus, sondern Vergesellschaftung.

25. September | Ukraine in Flammen

Beim abendlichen Spaziergang in eine Ausstellungseröffnung stolpern, »Ukraine in Flammen «, eine Serie, wie Vögel Glasfaserkabel der abgeschossenen Drohnen zum Nestbau nutzen, Doppelbelichtungen, der Krieg und der Alltag in einem Bild, an diesem Freitag eine zweisprachige Vernissage im sonnendurchfluteten Park in der Diaspora, während Russland in der Ukraine die Internet-Infrastruktur, die Energieorte, die Nahrungsverteilungszentren wegbombt, damit der kommende Winter der unerträglichste bisher wird.

26. September | zukünftige NGOs

Martin Sellner gründet das »Institut für Remigration« in Sachsen-Anhalt, um zukünftige Fördergelder der zukünftigen Landesregierung geht es, darum, dass sich diese Information verbreitet, dass dieses Wort REMIGRATION uns allen noch selbstverständlicher von den Lippen geht, Begriffe wie »ethnische Kipppunkte« in den Diskurs zu bringen, ein »Demographiedashboard« in den Onlinemedien zu verankern, um Politikerrankings zur »Remigration« geht es, auf die sich dann in Maischberger und im Pro/Contra der ZEIT berufen wird etc., Institutsarbeit

28. September | aktuell so politisiert

Nach einer Politik-Doku muss Phillip Amthor den Strandkorb aus seinem Büro entfernen, nach einem kranken Kind auf Sardinien entfernt sich Jens Spahn aus dem Haushaltsausschuss, sagt: »Alles rund um meine Person ist aktuell so politisiert, dass ein normales Arbeiten kaum möglich sein wird«.

29. September | ein Rascheln wie

Der Sommer kehrt zurück, in kurzen Hosen auf Wiesen wieder picknicken, Sonnencreme aufgetragen. Fühlt sich auch an wie ein bisschen Atemholen nach den vergangenen Wochen und Wahlen, deshalb auch so Nichtigkeiten wie der gestrige Eintrag. Das Laufen durch das sonnenflutete Kastanienlaub ein Rascheln wie, als ob Weichen gestellt sind, von da an geht es weiter, aber heute noch nicht. Die Aussicht, beizuwohnen bei: möglichen Vergesellschaftungen in Berlin, einer rechtsextremen Regierung ab Mitte Dezember in Sachsen-Anhalt, die Prognosen für die Novemberwahl in den USA mit deren Folgen, Russland, das die ukrainischen Städte noch massiver als zuvor angreift, der vorerst abgeblasene Kanzlersturz und das gleichzeitige Ahnen um die Endlichkeit dieser Kanzlerschaft, weiterhin das Spannungsfeld KI, das monetär wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt bzw. KI löscht die Menschheit aus, alles möglich, in diesem Hoch, diesem Atemholen.

30. September | die Zukunft als Rabatt

Am Tag, bevor der Tankrabatt in Kraft tritt und – »Bis zu 30 Cent mehr pro Liter: Öl-Multis kassieren kurz vor Tankrabatt nochmal richtig ab« – wird bekannt, dass sich der Preis fürs Deutschlandticket um 4€ erhöhen wird.