In Gewitterzellen


1. Juli | in Gewitterzellen

Vor einem halben Jahr stand ich im nassen Rauch eines Lagerfeuers, ein Jahr, von dem ich annahm, es würde länger schon währende Entwicklungen in feste Formen bringen. Ich begann mit dem Schreiben, ein Schreiben, für das ich noch immer keinen passenden Namen habe. Chronik 2024? Chronik eines Übergangs? Chronik des Schlafwandelns? Chronik der unnötigen Panikmache?

Und jetzt, heute? Ich gleite ins Freibadwasser und versuche, gerade Bahnen zu ziehen. Was habe ich Anfang Januar angenommen, was hat mich damals bewogen zu schreiben, würde es mich heute noch beschäftigen? Die Bauernproteste als Sinnbild. Ein Thema für alle, das Anlass (Dieselgeld) für wenige, die schlechteste aller Lösungen dafür gefunden. Sich beeindrucken lassen von der Wuchtigkeit von Maschinen und nicht die Notwendigkeit gesehen, als Gesellschaft eine ernsthafte Diskussion darüber zu führen: Wie essen wir? Woher kommt unser Essen? Ist es gesund? Für uns? Für die Tiere? Für die Natur? Wer verdient dabei und wer nicht? Als Resultat werden die wirtschaftlichen Fuck-Ups nicht angetastet, was getan wurde, ging auf Kosten der Umwelt. Was etwas ist, das die Lage verschlechtern wird. Die Traktoren werden wieder rollen. Vereinnahmung weiterhin, aus der amerikanischen Landwirtschaft mit ähnlichen Rahmenbedingungen flüstert H5N1 leise.

Das andere Protestereignis des Jahres, immerhin die größten Demonstrationen seit 1989, hat welche Resonanz erfahren? Unterstützung, natürlich. Hat Stimmen gekostet. Dennoch das Gefühl, dass die Größe sich nicht in politischen Aktionen niedergeschlagen haben. Das Migrationsthema, immerhin Auslöser der Proteste, seitdem eher im Sinne der Potsdamer Konferenz beantwortet. Für was die Proteste sorgten, das war in Thüringen zu sehen: Sichtbarkeit in Kleinen. Vernetzungen. Knoten geschafft, die länger bestehen werden. Weil eben auch klar wurde in den letzten Monaten: Die Gegenwart ist kein Moment, sie ist ein Zustand, der andauern wird.

Dagegen die Kommunalwahlen. In Sachsen Kreistage und Städte, in denen AfD und Freie Sachsen zusammen auf 40 % kommen, keine Mehrheit, aber die Hoheit. Das ist das, das ist die nächsten Jahre da sein wird. In Amerika rutscht das Land potentiell in einen evangelikalen Autoritarismus. Frankreich entscheidet sich gerade, den Rechtsextremismus auszuprobieren, in Österreich wird die FPÖ stärkste Partei werden. Europa zerbricht, während wir die Europameisterschaft schauen. Ein Hineingleiten, nichts, was auf einen Schlag alles verändert, nasser Rauch, der sich in Gewitterzellen sammelt.

2. Juli | VAR

Der VAR am Freitag, die deutsche Fußballnationalmannschaft gewinnt deshalb. Der VAR ist umstritten, er löst Bauchgefühl und Augenmaß ab, der VAR vernichtet Grauzonen und Emotionen. Denn der VAR macht genau den Moment deutlich, wenn Regeln überschritten sind. Die Fußspitze einen Zentimeter im Abseits. Der Ball, der den Arm touchiert. Das ist pedantisch und kleinlich. Aber der eine Zentimeter war einer zu viel. So genau, wie es geht. Ein Messgerät für Gerechtigkeit, Gerechtigkeit, die mühsam ist, die nervt, die nicht sofort zu erkennen ist, auf deren Verkündung man sich gedulden muss.

Ich wünschte, es gäbe einen VAR auch für gesellschaftliche Verschiebungen. Der VAR bestimmt uns den exakten Moment, in dem eine Entwicklung unvermeidlich war. Der BREXIT damals? Die Wahl heute in Frankreich? Das Fernsehduell als Untergang der amerikanischen Demokratie oder als ihre Rettung, weil ein Kandidat ausgewechselt wurde? Der Tag, an dem Supreme Court dem Präsidenten fast unbegrenzte Immunität zusprach? Was war der eine Zentimeter?

3. Juli | Immunität

Was Joe Biden jetzt erlaubt ist: Als amerikanischer Präsident kann er das Navy Seal Team 6 anweisen, die sechs Richter des Supreme Courts, die geurteilt haben, dass Ex-Präsidenten »absolute Immunität« für Handlungen genießen, die sie eindeutig in Ausübung ihres Amts vollzogen haben, auszuschalten, weil die Richter mit der Zustimmung zu diesem Urteil die Rechtstaatlichkeit Amerikas gefährden. Beziehungsweise haben Republikaner erklärt, dass eine solche Immunität nicht für Joe Biden gelten würde. Sondern nur für den Präsidenten danach, vorausgesetzt, einer seiner Vornamen lautet Donald.

4. Juli | Dieses seltsame Wir

Ein Teil der Beschäftigung mit der Gegenwart besteht auch darin, herauszufinden, auf welche Weise wir uns durch diese Gegenwart bewegen. »Schlafwandeln« ist so ein Begriff, der öfter fällt. Der ist geprägt durch Christopher Clarks Buch über die Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges, schlafwandeln dort als »Fehlwahrnehmungen, die kurzsichtigen Kalküle und blinden Flecken der Akteure jener Zeit.« Oder, wie er selbst sagt, dass Schlafwandler »fähig sind, Absichten zu fassen und Handlungen durchzuführen, bloß sie wissen um den äußeren Kontext der Handlungen nicht.« Mittlerweile hat sich der Begriff verselbstständigt, wird eher im Sinn gebraucht, dass man blind und unwissend in eine Katastrophe hineinstolpert.

Lässt sich mit Schlafwandeln die Bewegung der letzten Jahre beschreiben? Ist es nicht eher so, dass es sehr viel Wissen gibt, sehr viele Vergleiche zu vergangenen Vorgängen gezogen werden, dass sehr viele Beispiele und Warnungen kursieren, dass nur blind ist, wer nicht sehen will? Ist es nicht, dass wir uns sehend und wissend auf einen Abgrund zubewegen und die Tragik darin liegt, trotz dieses Wissens die Bewegung nicht stoppen zu können?

Als Beispiel, denn daran musste ich denken, als ich Texte über den Beschluss des Supreme Courts las. Wir wissen, welche ungeheuren legalen Möglichkeiten dieses Urteil den amerikanischen Präsidenten aushändigt. Wir wissen, von welchem Charakter Donald Trump ist. Wir wissen, was die Republikanische Partei bereit ist, zuzulassen. Wir wissen, welche Zahlen die Umfragen sagen. Wir wissen, was Donald Trump von der Anerkennung von Wahlergebnissen hält. Wir wissen, dass er am ersten Tag Diktator sein möchte. Wir wissen das alles. Wir sind nicht blind, wir schlafwandeln nicht. Die zielgerichtete Bewegung hin auf einen Abgrund ist eine sehr wahrscheinliche Bewegung.

(Wie schnell bin ich, wenn ich davon schreibe, dass eine Gruppe etwas sieht und eine andere Gruppe nicht, in bizarren, konspirativ anmutenden Gefilden. Aber das muss ich aushalten, diese Verkehrung von Begrifflichkeiten, Schlaf, Sehen, Aufwachen, Erwachen, Blindsein.)

Nur, was soll dieses seltsame Wir? Weil: Für einen bedeutsamen Teil dieses Wirs ist es kein Abgrund, sondern das Gelobte Land. Für einen ebenfalls bedeutsamen Teil dieses Wirs ist es kein Abgrund, sondern ein schmaler Graben, in dem es möglicherweise holprig werden könnte. Und der Rest vom Wir, der einen Abgrund sieht, wie kann er sie diese wissende Bewegung daraufzu einstellen? Wie kann der Rest des Wirs Einfluss nehmen auf Supreme Court, Republikanische Partei, Demokratische Partei? Wie kann der Rest des Wirs Einfluss nehmen auf französische Wahl, russischen Krieg, israelischen Krieg? Oder, konkret regional: Wie kann der Rest des Wirs Einfluss nehmen auf die Landtagswahlen?

Das Schöne ist: Das Wir kann ja Einfluss nehmen. Weil es ein Wir gibt. Weil es sich addiert. Das hat dieses Jahr auch gezeigt. Heute las ich diesen Gedanken: »Warum wird Zeitreisenden in Filmen immer gesagt sie müssten vorsichtig sein um durch kleine Aktionen in der Vergangenheit nicht die Zukunft zu verändern, aber fast niemand glaubt man könne durch kleine Aktionen in der Gegenwart die Zukunft ändern?«

5. Juli | Wölfe, Mäuse, Gruß

Merih Demiral, der beim Spiel seiner Mannschaft gegen Österreich den Wolfsgruß zeigte, wird zwei Spiele gesperrt. Der Gruß ist das Zeichen der Grauen Wölfe, türkische Rechtsextreme. Die Verteidigung seines Grußes: Er hat mit seinem Gruß nur auf die Grüße anderer reagiert. Der Gruß hat keine Bedeutung. Er wusste nicht, dass der Gruß eine Bedeutung hat. Er wusste nicht, dass der Gruß diese Bedeutung hat. Er dachte, der Gruß habe eine andere Bedeutung. Die Bedeutung des Grußes ist anders, als die Kritiker das vorwerfen. Der Gruß hat mehrere Bedeutungen, wie sollen wir wissen, welche Bedeutung er meinte? Die Bedeutung ist gar nicht so schlimm. Andere machen auch Grüße. Andere haben auch Verbrechen begangen etc.

Die Verteidigung seines Grußes verläuft ähnlich wie bei Grüßen von Gruppen, die ähnliche Absichten verfolgen, Verteidigung von Zeichen, Symbolen, Worten, Melodien, Schlümpfen, Ok, L’Amour Toujours, etc. Zeichen, Symbole, Worte, Melodien, die mindestens doppelt belegt sind und deshalb alle Verteidigungen zumindest symbolisch erlauben. Die österreichischen Fans singen auf die Melodie von L’amour Toujours Deutschland den Deutschen, Ausländer raus, beim Sommerfest der AfD-Bundestagsfraktion wird von einer Zufallsliste Partymusik abgespielt, darunter L‘amour toujours, woraufhin der Fraktionsmanager das Lied spontan mit einem parodistischen Refrain versieht, Mausland den Mäusen, Maushändler Klaus, alles Symbole, Zeichen, Verweise, Referenzen, Signifikanten, Signifikat, signierte Botschaften, alles entschuldbar, alles zu erklären.

6. Juli | absurde Prioritäten

Ein Gespräch über Prioritäten. Anlass ist ein Video, das ich zugeschickt bekam, ein Insta-Reel der Bundeszentrale für Politische Bildung über das Sommermärchen 2006 und den »Party-Patriotismus«, zu dem die Moderatorin, wie sie sagt, zuspitzt die Frage: Sind Poldi, Klinsmann und Co schuld am Rechtsruck in Deutschland?

Wir sprechen darüber, auch, auf welchen Kanälen wie darüber gesprochen wird. Meine Gegenüber sagt, dass dieser Reel das Absurdeste ist, was ihr die letzten drei Wochen begegnet ist. Ich bin irritiert: Von allen Dingen überhaupt in den letzten drei Wochen? Jetzt ist sie irritiert. Ich überlege, was für mich das Absurdeste (was in diesem Fall nicht albern, ungereimt, bizarr meint, sondern etwas, das einen im gesellschaftlich-politischen Diskurs maßlos wider Vernunft erschien, was einen im besonderen Maße erzürnte und triggerte) und sage: Die Entscheidung des Supreme Court zur Immunität des amerikanischen Präsidenten. Und auch die Information, dass, wenn Deutschland eine Vermögenssteuer in den letzten 28 Jahren gehabt hätte, fast 500 Mrd. Euro eingenommen wären.

Ich schreibe das nicht auf, um mich oder meine Gegenüber darzustellen. Sondern, weil wir danach darüber sprechen, weshalb wir so unterschiedliche Prioritäten bei Themen setzen. Wie kommt das zustande? Wie gewichten wir? Wie erreichen uns überhaupt die Themen? Ist es die innere Einstellung? Die Wahl der Kanäle? Sind es Zufälle?

Wir sprechen weiter, über Migration und den Krieg in der Ukraine, nicht über Gaza und die Wahl in UK, über Betrugsvorwürfe gegen die deutsche Regierung im Zusammenhang mit vorgetäuschten Klimaschutzprojekten in China, über Reichensteuer und wieder Migration. Themen, die wir in unserem gemeinsamen Gespräch ansprechen, wieder Prioritäten, die wir setzen. Was ist das Absurdeste, was du in den letzten drei Wochen wahrgenommen hast? Was nicht?

7. Juli | Platz 3

Zwanzig Uhr abwarten, dann die Farben sehen, die Sitze, sehen, Unbeugsames Frankreich vor Wiedergeburt und beide vor der Nationalen Sammelbewegung; wie Jordan Bardella vor die eigenen Anhänger tritt, wie Marine Le Pen sagt: »Die Flut steigt. Sie ist dieses Mal nicht hoch genug gestiegen, aber sie steigt weiter und deshalb ist unser Sieg nur aufgeschoben.«, die Bilder vom Place de la République.

8. Juli | Eigentlich schreiben müssen

Eigentlich schreiben müssen. Eigentlich schreiben müssen über die Wahl in Frankreich, die Erleichterung. Eigentlich schreiben müssen über die Irritation, die manche Positionen des Unbeugsamen Frankreichs auslöst. Darüber schreiben, wie sich das Widersprüchliche in den Hintergrund drängt angesichts des Übergeordneten, die Fragen, die sich daraus ergeben.

Eigentlich schreiben müssen über die Wahl in UK. Wie seltsam, dass beide Länder so nah beieinander wählen und der Verlauf so viele Gemeinsamkeiten hat. Dass bei beiden Abstimmungen die Rechtsextremen deutlich dazu gewinnen, die Konservativen deutlich verlieren, ein Rechtsruck, der mit einer linken(?) Regierung endet. Eigentlich schreiben müssen, was das bedeuten könnte, schreiben, wie andere darüber schreiben.

Eigentlich schreiben müssen darüber, wie eine russische Rakete auf ein Kinderkrankenhaus in Kiew fliegt. Wie eine russische Rakete ein Kinderkrankenhaus zerstört. Wie Wladimir Putin krebskranke Kinder angreifen lässt. Eigentlich schreiben müssen über die sogenannte Friedensmission des ungarischen Präsidenten. Schreiben, wer das lobt. Eigentlich schreiben müssen über Diplomatie und ein Kinderkrankenhaus, krebskranke Kinder vor den Trümmern des Krankenhauses. Eigentlich schreiben müssen über den Satz: »Wenn der Angriff auf ein Kinderkrankenhaus keine Haltung ändert, dann ändert nichts die Haltung.« Eigentlich schreiben müssen über die Frage, warum mich der Angriff auf das Kinderkrankenhaus so beschäftigt, mehr beschäftigt, als wenn israelische Raketen auf Kinder fliegen. Eigentlich schreiben müssen darüber, wann ich daran erinnert werde, dass palästinensische Hamassoldaten israelische Kinder entführt haben und noch immer gefangen halten, palästinensische Terroristen die Eltern dieser Kinder ermordet haben.

Eigentlich schreiben müssen, dass ich nicht schreiben muss, weil ich nichts davon beeinflussen kann; die Raketen, die Wahlen in anderen Ländern, die Raketen.

Deshalb eigentlich mehr schreiben müssen über etwas, das ich beeinflussen kann. Was ich wählen kann. Deshalb eigentlich mehr schreiben müssen über den deutschen Haushalt. Eigentlich schreiben müssen über die sechs Stunden tägliche Fahrtzeit zur Arbeitsstelle, die Bürgergeldempfänger zukünftig in Kauf nehmen müssen für eine zumutbare Arbeit. Eigentlich schreiben müssen über 5 Euro Kindergelderhöhung im Monat, während die Kosten für ein Mittagessen im Kindergarten im letzten Jahr um einen Euro pro Mahlzeit gestiegen sind. Eigentlich schreiben müssen über den langsamen Tod eines großen Tiers, das 49-Euro-Ticket. Den Autobahnen, die gebaut und zehnspurig erweitert werden. Eigentlich schreiben müssen von Vermögenssteuer und was sie erbrächte was sie spart was ihr Aussparen anderen spart woran gespart wird von was was ausgegeben wird was nicht erhoben wird was wird Eigentlich so viel schreiben müssen eigentlich schreien müssen deshalb schreiben müssen festhalten irgendwie.

9. Juli | Top Gun

Zwischen dem Halbfinale Nachrichtenbilder aus Alaska sehen, Arctic Defender, eine NATO-Übung. Geschmeidig gleiten Düsenjäger im Tiefflug über die Wälder des fernen Westens, der fast schon wieder Osten ist, nahe der Bering-Straße. Bilder, die den beliebtesten Politiker der Deutschen, den Verteidigungsminister, scherzend im Austausch mit Kampfpiloten zeigen. Ein Inspekteur der Deutschen Luftwaffe erklärt stolz, dass Deutschland vorangehe. Top Gun als Aufmacher der Nachrichten.

Die Außenhülle mancher Kampfjäger sind farblich markiert. Sie simulieren den Feind, sie sind Russland. Weil, erklärt ein Kampfpilot, man habe sich den Realitäten angepasst. Zehn dieser Maschinen würden ein Jahr das teuer gewordene 49-Euro-Ticket finanzieren, vielleicht auch acht.

Es ist ein Manöver, das Soldaten auf hypothetische Bedrohungsszenarien vorbereitet. Der 24.2.2022 war auch einmal hypothetisch gewesen, auch nur Bedrohung, auch nur Szenario. Und jetzt sagen Experten, wie viele Panzer Russland im Jahr baut und deshalb in fünf Jahren haben wird und wie viele Panzer »wir« haben und eine russische Rakete ist in ein Kinderkrankenhaus geflogen, nichts davon ist mehr hypothetisch und deshalb ist in den Nachrichten Top-Gun-Zeit, angepasst an die Realität.

Und im Sommerhort ist morgen Spielzeugtag, auf dem Wochenplan steht als Bemerkung: »Spielzeug mitbringen, aber kein Militärspielzeug.«

10. Juli | Das Leiden anderer

Wieder Das Leiden anderer betrachten in die Hand nehmen und nachlesen, welche Gedanken Virginia Woolf und Susan Sontag dazu hatten. Gleich auf den ersten Seiten Sätze finden wie

»…daß die Erschütterung, die von solchen Bildern ausgeht, unweigerlich zwischen Menschen guten Willens Einigkeit stiften muß. Aber tut sie das?«

»wo es um das Betrachten des Leidens anderer geht, sollte man kein ‚Wir’ als selbstverständlich voraussetzen«

»Fotos von einer Greueltat können gegensätzliche Reaktionen hervorrufen. Den Ruf nach Frieden. Den Schrei nach Rache. Oder einfach das dumpfe, ständig mit neuen fotografischen Informationen versorgte Bewusstsein, dass immer wieder Schreckliches geschieht.«

11. Juli | Modus unzufrieden

Jeder ist immer auch unzufrieden. Gerade mit denen die regieren. Keiner von hundert, gut sagen vier von hundert, achtunddreißig von hundert sagen mangelhaft oder ungenügend.

Jeder ist auch unzufrieden mit dem Haushalt. Mit den Bürgergeldpflichten, der fehlenden Kindergrundsicherung, dem fehlenden Geld fürs Militär, zu viel Geld fürs Militär, mit den zeitlich begrenzten Steuererleichterungen für Facharbeiterinnen aus dem aus Ausland, »Ausländer«. Grundsätzlich Unzufriedenheit.

Nicht jeder ist auch unzufrieden. Die prozentual höchsten Zuwächse mit Vermögen erzielten im vergangenen Jahr die Superreichen Überhyperreichen, zehn Prozent im Durchschnitt für jene, die mehr als 100 Millionen Vermögen besitzen. Am wenigsten prozentual die, die wenig haben.

Eine Vermögenssteuer komme allerdings leider nicht in Frage, schreibt der Justizminister, weil »In der Praxis frisst der komplexe Bewertungsaufwand (Was ist ein Gemälde wert? Und was die vererbte Vase?) die Erträge daraus auf.« Und diese Sichtweise macht wieder die vierunddreißig von hundert zufrieden, die keine Vermögenssteuer einführen möchten.

12. Juli | Versprechen

Biden nennt beim NaTo-Treffen Selenskyj Putin. Seine Vizepräsidentin Harris nennt er Trump. Augenblicklich wieder die Diskussionen, ob er geeignet ist fürs Präsidentenamt. Ob es einen Kandidatenwechsel braucht.

Was möglicherweise eine Chance wäre. Über das Schlechte wurde 2016 und 2020 fast ausschließlich gesprochen, über Trump. Das Schlechte ist 2024 nichts Neues mehr. Über einen anderen Kandidaten, eine Kandidatin zu sprechen, zu besprechen, was er oder sie besser machen könnte, auch im Vergleich zu den anderen Mitbewerbern, mal nicht über Trump sprechen, das wäre dann möglich. Vielleicht könnte dieser Versprecher der Beginn eines Umschwungs sein.

13. Juli | Detox

Versuchen, mich vorerst eine Woche rauszunehmen aus der Welt. Nach Möglichkeit wenig mitzubekommen von außen, detoxen von der viel zu präsenten Gegenwart.

14. Juli | Attentat

Ganz so richtig geklappt hat nichts davon. Rausnehmen. Und nicht weiter über das Schlechte sprechen. Die Informationen im jetzt schon historischen Liveticker, am Morgen nachzulesen. Schüsse auf Donald Trump auf einer Wahlkampfveranstaltung in Butler. Ein Toter, zwei Schwerverletzte. Trump am Ohr getroffen, Blut im Gesicht reckt er die Faust in die Kamera, Niemand kann mir etwas. Der Schütze ein registrierter Republikaner, der Anfang des Jahres für Biden gespendet hat. Die Demokraten stellen vorerst die Wahlkampfspots ein. Republikaner machen sofort Biden, Antifa, Trans-Aktivisten als die eigentlichen Täter aus.

Und, gleich in Echtzeit die Überlegungen: Ist es nun so, dass es dieser Attentatsversuch unmöglich macht, Trump bis November ernsthaft zu kritisieren, weil das der Nährboden ist für den Hass, der zu diesem Schuss führte? Ist es zynisch, nicht zuerst zu schreiben, dass ein Mensch glücklicherweise überlebt hat, sondern Welche Folgen ergeben sich daraus? Ist dieser Versuch das, was seit 2016 im Prinzip erwartbar war? Ist das die Vorentscheidung im Wahlkampf: Da der Präsident, der blutüberströmt seinen Feinden trotzt, dort der trottelige Greis, der keinen geraden Satz mehr herausbringt?

15. Juli | Schmaler Luzin

In der Seenlandschaft, Schmaler Lutzin. Glasklares, weil mesotrophes Wasser, Wald zieht sich den Hullerbusch hoch, ab und ab Badestellen, Seile an Ästen, an denen man sich schwingen kann, Nachmittagssonne. An der Luzinfähre legen Padelboote an, auf dem Steg Bockwurst mit Kartoffelsalat, die e-Fähre setzt jede halbe Stunde über. Familien sitzen zusammen, entspannte Paare mit Sekt, Wandergruppen, die hier Rast einlegen. Idyllisch wäre noch untertrieben, die Endmoränenwucht hat hier ganze Arbeit geleistet, um das Schlechte der Welt ausklammern zu können.

Eine regionale Combo baut sich auf, Gitarre, Kontrabass, das Schlagzeug teilt sich das Duo. Nachdem der Soundcheck absolviert ist, öffnet sich der Sänger ein Bier und sagt »Nasdorowje«. Fügt hinzu: »Aber das darf man ja nicht mehr sagen«. Lacht. Anschließend Frotzeleien mit dem Kontrabassspieler (Lets get Rettich), dann: »Trump wurde ja heute angeschossen. Bei dem Kennedy haben DIE das noch richtig hinbekommen.« Ein paar Töne auf den unteren Saiten der Gitarre, dann: »Ich sollte nichts von Politik erzählen. Aber unsere Regierung ist so bescheuert, da kann ich nicht anders«. Ein Mann im Rammstein-T-Shirt (Liebe ist für alle da) nickt. Ein Nachmittag am Schmalen Luzin, die Politik auch hier, die Schüsse in Butler, das grundsätzliche Dagegensein am glasklaren Wasser.

16. Juli | Meta, Ikon, Attentatsfreude, El Hotzo, Vance, what if

Tage nach dem Attentat Meta-Diskurse. Wie ikonenhaft ist das Foto des blutenden, fäusteballenden Trumps vor der amerikanischen Fahne, was macht es ikonenhaft, entscheidet das Ikonenhafte die Wahl, dazu jeweils gestellt das ikonenhafte Foto, eine sich selbst erfüllende Bedeutung. Außerdem das Wort »Attentatsfreude«. Wie moralisch, wie demokratisch, wie charakterlich entblößend ist es, Bedauern zu empfinden angesichts des Überleben Trumps? Beispielhaft dafür El Hotzo, der auf X fragt, was sie gemeinsam haben: »der letzte Bus« & »Donald Trump«: »leider knapp verpasst«. Und schreibt: »Ich finde es absolut fantastisch, wenn Faschisten sterben«. Nachdem Elon Musk von einer rechtsextremen Aktivistin darauf hingewiesen wird, fragt Musk, warum die deutsche Regierung jemanden bezahlt, der dem amerikanischen Präsidentschaftskandidaten den Tod wünscht und verlinkt den X-Account von Olaf Scholz. Unabhängig davon wird El Hotzo vom RRB gefeuert. Ein eigenes Kreisen, längst abgekoppelt vom eigentlichen Ereignis.

In Amerika wird Trump währenddessen offiziell zum Präsidentschaftskandidaten bestimmt und erwählt den Autor von Hillbilly-Elegy zu seinem Vizepräsidentenkandidaten. Und irgendwie der Gedanke, dass das Attentat von Butler möglicherweise doch nicht so historisch war, doch nicht so außergewöhnlich, dass es sich blitzschnell eingereiht hat in einen Reigen von Begebenheiten, die einander rastlos jagen, dass keine Zeit bleibt, daraus irgendetwas abzuleiten, dass es auch nicht möglich ist, weil es immer auch schon weitergeht, dass dieser 13. Juli ein Moment war unter Momenten, vielleicht in Jahrzehnten oft bemühter Ausgangspunkt für what-if-Fiktionen, wie hätte das 21. Jahrhundert anders verlaufen können. Fiktionen, keine Attentatsfreude.


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