Dickes Brett


1. Juni | 2x BSW-Parteitag, das dicke Brett bohren

Am Eingang des Steigerwaldstadions in Erfurt heißt uns ein ehemaliger MDR-Moderator willkommen. Er hat seine Anstellung gekündigt und kandidiert für Listenplatz 3 des BSW, was ihm mit großer Sicherheit ab Herbst im Landtag sitzen lassen wird. »Wir versuchen heute das Unmögliche«, sagt er uns, »zwei Parteitage in einem.« Vormittags soll der Inhalt bestätigt werden, nachmittags die Listen. Deshalb ist an diesem Tag, so wird immer wieder gesagt werden, der größte Feind der BSW Thüringen – die Zeit.

Ein großer Raum, Tische, Stühle, viel Platz für die 47 Mitglieder des Landesverbands. 41 sind anwesend, später wird die Zahl auf 40 korrigiert, noch später auf 39. Mehrmals wird von einem »dicken Brett« die Rede sein, das man »gebohrt« habe. Damit ist gemeint, dass man innerhalb weniger Monate Strukturen geschaffen hat, die die Teilnahme an gleich drei Wahlen nicht nur ermöglichen, sondern ziemlich sicher schon zum Mitbestimmen führen werden.

Bester Beweise ist die Kommunalwahl von letztem Samstag. Etliche Gewinner werden vor die Bühne geholt, auch ein Bürgermeister ist darunter, Blumensträuße, Zufriedenheit, Fotos. Anschließend, weil die Zeit drängt, stellen in kurzen Wortbeiträgen Teilnehmer von Arbeitsgruppen inhaltliche Schwerpunkte vor. Dieser Inhalt wird anschließend ohne große Diskussion beschlossen. Was hinten auf den Medienbänken zu einigem Erstaunen führt: Parteitage, auf denen so wenig inhaltlich diskutiert werde, habe man selten erlebt.

Und so ist das auch ein RB-Leipzig-Feeling: Den Kreis der Vereinsmitglieder möglichst klein halten, damit das Entscheidende erstmal geräuschlos durchgewunken werden kann. Was Sinn macht, weil niemand auf so zeitlich knapp bemessenen Parteisonnabenden halbstündige Proseminarreferate von pensionierten Studienräten über die NATO möchte. Anderseits hat sich das BSW gerade Bürgernähe und direkte Demokratie auf die Fahnen geschrieben und das passt dann wieder nicht zu handverlesenen Entscheidenden.

Jemand zitiert einen Weimarer Kulturschaffenden, der sagt, dass er bei BSW mitmache, weil er wieder auf ehrliche Politik hoffe. »Wir werden Fehler machen und dann offen damit umgehen«, verspricht der Redner. Werdet ihr nicht, denke ich, niemand tut das. In der nächsten Sekunde frage ich mich, ob ich zynisch bin, ob man automatisch zynisch wird, wenn man drei Mal hinten auf der Medienbank bei Parteitagen gesessen hat.

Doch es geht hier um Hoffnung, das wird öfter vorn gesagt, Hoffen auf Veränderung, Hoffen darauf, in die als verheerend empfundene aktuelle politische Lage eingreifen zu können. Ja, dieses Wort Hoffen im Mund fühlen. Nach hundert Minuten schwebt Sinnbild dieses Hoffens in den Tagungsraum des Steigerwaldstadions, Sahra Wagenknecht. Wie letztens schon beim Unterstützertreffen landet sie, alle Augen auf sie gerichtet, umstandslos wird sie zur Bühne geführt, dort, wo sie hingehört.

Und dann redet sie, ohne Papier, ohne Laptop, die Sätze kommen druckreif in aller natürlichen Deutlichkeit. Sie dosiert Satzenden genau in den Applaus hinein, unglaublich froh, toll, gigantisch, ich habe mich so gefreut, sagt sie in kurzer Abfolge, als sie über die jüngsten Erfolge ihrer Partei spricht.

Gleich holt sie den populistischen Werkzeugkasten der Gegenwart heraus; abgehobene Politiker, die Grünen in Berlin Mitte, die sich nur ums Lastenrad kümmern etc. Das ist ein anderer Ton als vor Wochen beim Unterstützertreffen, als sie mehr wie ein salbungsvoller Lifecoach klang. Hier soll Blut in Wallung geraten, was wie ein Fremdkörper wirkt im Vergleich zu den Ergebnissen der Arbeitsgruppen, die regionale Probleme angehen wollen und dabei nicht unbedingt Meinungskorridore im Sinn haben. Ich denke darüber nach, ob das so sein muss, ob diese Instrumente gespielt werden müssen, um die Protestwähler einzufangen, die ansonsten Höcke wählen würden und das letztlich rhetorischer Schnickschnack ist, um Mindestlohnerhöhung und Enteignung durchsetzen zu können. Oder ob dieser Werkzeugkasten Kern der Partei ist, ob das die Vernunft ist, die ihr Schlagwort sein soll.

Besonders fällt dieser Spagat beim Reden des BSW über Russland auf. Wenn man hier über den Krieg spricht, klingt es, als wäre die Ukraine Aggressor. Manchmal wird pflichtschuldig der Satz vorangestellt, dass Russland schon einst überfiel. Anschließend folgen stundenlange Aufzählungen über militärische Aktionen der Ukraine. Sich vorstellen, als fiebriger Tagtraum vielleicht, Sahra Wagenknecht könnte erzählen: vom russischen Angriff auf einen Supermarkt, wie Russland mit Atomwaffen an der ukrainischen Grenze aufmarschierte etc. Stattdessen zerstört die Ukraine russische Frühwarnsysteme und ist deshalb derjenige von zwei gleichermaßen schuldigen Partnern, der eskaliert. Und wir, der Westen, gleich mit. Agnes Strack-Zimmermann wird hier grundsätzlich nur Agnes Flak-Zimmermann genannt.

In der Mittagspause dürfen alle Kandidaten Fotos mit Sahra machen. Sie stellt dafür ihre Handtasche hinter dem Roll-Up-Banner ab und lässt die nächsten zwanzig Minuten über sich ergehen. Jeder will Fotos, weil sie Gesicht ist und Gesicht zeigt und es ist immer ein Gesicht, mit dem sie den Kameras zuwendet, wie auch sonst. Und wer sich nicht mit ihr fotografieren lässt, fotografiert, wie alle sie fotografieren.

Bald danach schwebt sie wieder aus dem Stadion. Im Gegensatz zu anderen der Partei, die umarmen und berühren und Kontakt suchen, hält sie sich auffallend zurück, vermeidet Nähe, so, als könnte sie dann Dinge entdecken, die sie vielleicht gar nicht mal in dem Bündnis, das ihren Namen trägt, haben wollte.

Nach der Pause beginnt der zweite Parteitag. Kandidaten werden gewählt, die einstelligen Listenplätze werden sehr wahrscheinlich ab Herbst im Landtag sitzen. Der MDR-Moderator stellt sich in seiner Bewerbungsrede als der nette Medienmensch von nebenan vor und liest dabei vom Laptop ab. Was einen der 39 stimmberechtigten Parteimitglieder zu der Frage bringt, weshalb man als gedienter Moderator eine 3-Minuten-Rede vom Laptop ablesen muss und ich merke mir das, weil mir das Parteimitglied auffiel, weil er davor bei Abstimmung anstatt dem ausgegebenen grünen Stimmzettel mit dem grünen Deckel seiner Brotdose hochhielt.

Jedenfalls ist zu spüren, dass da trotz dieses Parteitags, bei dem der einzige Feind die Zeit war und es darum ging, das dicke Brett gebohrt zu haben und deshalb Inhalt und Personen geräuschlos durchzubringen, Konflikte lauern und die Frage ist, wie die Partei mit diesen Konflikten bald umgehen wird. Das BSW hat nun schon die dritte rote Farbe im Spektrum, eine vierte sollte, das ist zumindest der Wunsch, erst einmal nicht dazu kommen.

2. Juni | Mannheim, KI

Der Polizist, der den islamistischen Attentäter in Mannheim überwältigte, stirbt an den Stichverletzungen. Alice Weidel entschuldigt sich, in der Stadthalle von Kirchheimbolanden eine Stellungnahme von Bundesinnenministerin Nancy Faeser zum Anschlag in Mannheim vorgetragen zu haben; der Text wurde durch ChatGPT von einem AfD-Abgeordneten erstellt.  

3. Juni | Jahrhundert der Jahrhunderthochwasser

Man steht in Stiefel am Schlamm der Regen und sieht, wie sich das Klima durch die Auen wälzt, Strom und Strudel gegen die Sandsäcke und fragt sich entgeistert: Wie konnte das passieren? Wir haben doch das Gendern verboten!

Das ist ein Take zum Hochwasser in Süddeutschland. Ein anderer ist, darauf hinzuweisen, dass die bayrische Regierung auf Drängen der Freien Wähler den Hochwasserschutz streichen ließ, danach beschloss, nach Naturkatastrophen nicht mehr zu zahlen und heute steht Markus Söder sinnierend mit Regenschirm an den gefluteten Dämmen und fordert finanzielle Solidarität vom Bund.

Ein weiterer Take ist der Hinweis auf die Rekordhitze in Indien, den Beginn der Hurrikansaison und wie viel Energie das Meer schon zu diesem frühen Zeitpunkt aufgenommen hat und der Verweis darauf, dass alles Reden über Fluchtbewegungen nur Geplänkel ist angesichts dessen, was aus der zunehmenden Zuspitzung erwachsen wird.

Gleich ist diesen Takes eins: eine Verbitterung, oder anders, verloren gegangene Hoffnung, dass aus Flut und Dürre Lehren gezogen werden könnten, weil: zu wenige Extreme bedeuten kein Grund ernsthaft zu handeln, zu viel Extreme bedeuten Gewöhnung und Abstumpfung, der schmale Grat dazwischen scheint unmöglich mehr zu treffen und am Ende steht Markus Söder in Regenjacke vor Mikrofonen und sagt »Hier entstehen Ereignisse, die es vorher nicht gab. Damit konnte auch, oder hat normalerweise keiner gerechnet.«

4. Juni | Ministerium für Humankapital

In Argentinien verpflichtet ein Gericht den Präsidenten und Anarchokapitalisten Javier Milei mehrere Tausend Tonnen Lebensmittel freigegeben, die auf dessen Geheiß vom »Ministerium für Humankapital« gehortet worden waren, damit in Armenküchen keine Nahrung mehr an Hungernde ausgegeben werden können.

5. Juni | Oszillieren

Vor der Europawahl ein Oszillieren zwischen: Mannheim (Migration, Abschiebungen nach Afghanistan, Messerverbote, Islamverbände) & Hochwasser in Süddeutschland (Klimakatastrophe).

6. Juni | freie unabhängige Bürger für Listen

Letztens beim Besuch in meinem Geburtsort, wo diesen Sonntag auch kommunal gewählt, aufgefallen, dass es mehrere Listen gibt, alle mit Chance, in den Stadtrat einziehen. Zusammenschlüsse, weil die Angebote der Parteien nicht auszureichen scheinen, eine eigene Liste, unabhängig, frei, Bürger für Zersplitterungen, weil es nicht möglich ist, unter einem Dach zusammenzukommen, das Kleinteilige als Zeichen, Partikular als demokratischer Zustand.

7. Juni | Wahlbilder

8. Juni | Eisenberg, idyllisch beunruhigt

Der vierte Blumenwurf, heute auf dem Stadtfest in Eisenberg. Wir sind für den Schlosspark vorgesehen; grüne Wiesen, plätschernde Brunnen, Weinverkostungen, Elfen auf Stelzen, Drehorgelspieler, idyllisch. In Gesprächen die Wut an sich über ein als dysfunktional wahrgenommenes System. Die Themen Krieg und Migration, danach lange nichts, irgendwann die Inflation. Ausweg aus dieser Wut ist das Kreuz, das man bei den nächsten Wahlen setzen wird. Gespräche aller Art, viele Geschenke auch, und auch viel Unzufriedenheit, zum Teil so viel, dass es schwerfällt, sich vorzustellen, wie das ins Lot kommen könnte. Die Fragen, die diese Themen aufwerfen, so komplex, dass sie in kurzer Zeit nicht gelöst werden können. Weil es auf diese Fragen keine einfache Antworten gibt. Die Antworten wird es nicht geben oder die Antworten, die es geben wird, die wird diese Art von Unzufriedenheit, diese Art von Erwartung, die an das Gesicht einer Gesellschaft gestellt wird, nicht lösen. Was dann? Was, wenn sich die Wut nicht löst, weil sie sich nicht lösen lassen will? Wie lange staut sich eine solche Wut auf? Ich fahre mit großer Beunruhigung aus Eisenberg ab.

9. Juni | Gewöhnungen

Fünfter Blumenwurf, diesmal im Eichsfeld, in Eichstruth, ein kleines Dorf, das wir seit sechs Jahren kennen. Vor dem selbstgebauten Gemeindehaus, neben der Feuerwehr und Spielplatz, vor dem Friedhof bauen wir unsere Tafel auf. Im Gemeindehaus befindet sich das Wahllokal, das Dorf hat darum gekämpft, trotz Aufgabe der Eigenständigkeit noch im Ort selbst abstimmen zu können. Man sitzt dort, man kommt vorbei, hält Plausch, trinkt was, jemand bringt Pizza vorbei oder Flammkuchen. Wir reden währenddessen über die Wut, lauter Geschenke an Gesprächen, die ein weites Feld abdecken, die quasi einmal einen Querschnitt durch die Gegenwartswut abbilden. Auch hier Unzufriedenheit, viele praktische Beispiele aus Lebens-, Arbeits- und Gemeindewelt über Dysfunktionalitäten. Und trotz dieser geballten Aufzählungen geht die gestrige Beunruhigung zurück, vielleicht weil die Unzufriedenheit mehrmals an konstruktive Reaktionen gekoppelt sind, vielleicht aus Gewöhnung: weil die Unzufriedenheit da ist, Standard, die Wahrnehmung, dass die Gegenwart für viele viele Leerstellen hat.

Am Abend dann die Ergebnisse der Europawahl. Auch hier eher ein Schulterzucken, überraschungsarm, vielleicht aus Selbstschutz die Distanz. Die Annahmen haben sich erfüllt. So ist sie, die Realität, jetzt zementiert auf einige Jahre in Sitzverteilungen. Und nun, damit umgehen.

10. Juni | Sortierungen

Der Tag nach der Europawahl. Nach der Gewöhnung von gestern, die ja keine angemessene Reaktion sein kann, das Ordnen, der Versuch zu fassen. Macron löst das französische Parlament auf, Neuwahlen Ende Juni, dann vermutlich Rassemblement National als stärkste Partei. Die AfD schließt ihren Spitzenkandidaten Krah aus der Fraktion aus. Grundsätzlich die Diskussion über die Zahlen. Die Verluste der Ampel, der Aufstieg von BSW, die Stärke der AfD, die in Ostdeutschland die meisten Stimmen erhielt. Der Westen Deutschlands schwarz, der Osten blau. Und wenig gibt Anlass zu glauben, dass sich daran bis zum Herbst etwas ändern wird.

Und vielleicht ist das so: die FDP, die sich in ihrer Ideologie einmauert, die Grünen, die auf ihren Kern zusammengeschrumpft sind und ihre Politik nicht erklärt bekommen, die SPD, die sich totstellt, in der Hoffnung, dadurch zu überleben, die Linken, denen ihre Partei wie Wasser aus den Händen rinnt, die CDU, die sich als Gewinner wähnt, aber als Kopie längst an ihre Grenzen gestoßen ist. Dagegen die AfD, die trotz Spionage, trotz Korruption, trotz den größten Demonstrationen seit 35 Jahren so viele Stimmen bekommen hat, dagegen das BSW, ein leeres Blatt, auf dem allein Frieden steht und das deshalb viele Hoffnungen weckt, Volt für die Jungen, ja, vielleicht ist es so, dass sich das Parteiensystem gerade nicht nur gefühlt, sondern richtig in Zahlen neu ordnet, dass siecht und wegbricht und Neues geschaffen wird und damit neue Bünde geschaffen werden, etwas, das die nächste Dekade tragen wird.

11. Juni | Abwesenheiten

Wolodymyr Selenskyj kommt nach Berlin, weshalb in Berlin der Nahverkehr für Stunden lahmgelegt wird. Der ukrainische Präsident spricht im Bundestag, AfD und BSW verlassen den Bundestag, man möchte keinem Redner im Tarnanzug anzuhören, keinem Kriegs- und Bettelpräsident, man möchte nicht klatschen für jemanden, der Deutschland in einen weiteren Weltkrieg treibt. Man möchte abwesend sein, jeder leere Sitz ein Faustschlag in das Gesicht Mariupols.

12. Juni | in Brüssel sein

Rückfahrt aus Brüssel. Gestern dort zusammen mit Emma Braslavsky in der Landesvertretung Thüringen aus einem Romanmanuskript lesen dürfen. Etwa 60 Gäste, so ein Abend ist auch ein Abend der Vernetzungen. Im Meetingraum, wo die Lesung stattfindet, zeigen die Roll-Ups mit Blick auf die Rue Guimard den Erfurter Dom, die Herzogin Anna Amalia Bibliothek.

So seltsam: Zwei Tage zuvor war ich in Eichstruth, kaum hundert Einwohner, ein Dorf, das darum gekämpft hat, in ihrem Dorf selbst für Europa wählen zu dürfen, Feld, Wald, Kirche, dreißig Häuser. Und heute hier, in einer Etage in einem der vielen Glasbauten arbeiten so viele, wie in Eichstruth leben.

Die kleinste politische Struktur, die größte politische Struktur, 100 Einwohner von 450 Millionen. Wie bringt man das zusammen? Wie wird man beidem gerecht, dem Übergeordneten, dem Kleinen? Gerecht, dass die hundert in Eichstruth sich von der großen Einheit gehört und vertreten fühlen? Gerecht, dass die große Einheit 5 Millionen Eichstruths verstehen und begreifen kann und dennoch verallgemeinern muss, um allen gerecht zu werden, ständiges Kompromissefinden also? Was ist der Weg dahin und warum liegen so viele Steine darauf?

»Am Freitag sind wir bei den Bayern«, höre ich jemanden sagen und frage mich, welche Funktionen die Anwesenden haben, welche Netzwerke hier bei Wraps geschaffen werden, auf welche Weise sich hier notwendige Fäden spinnen zwischen Dörfern, Städten, Bundesländern, Staaten, Ausschüssen, Menschen, so Einfluss geschaffen wird, Wraps, die später einmal Worte werden Argumente Gesetze Verständnis Zusammenarbeit Gemeinsamkeit? In Eselmilch gebadet stehen wir beieinander, richten unsere Anstecktücher, zwei Tage nach der Europawahl, dazwischen ich, habe gerade vom Untergang dieser Demokratie gelesen, eine Fiktion.

13. Juni | zweifach

Im Weimarer Stadtrat bricht die AfD miteinander, splittet sich formal in zwei Fraktionen auf, was bedeutet, dass sie in den Ausschüssen zweifach vertreten sein könnte, manche sprechen davon, dass es genau darum gehe.

14. Juni | Europameisterschaft

Deutschlandfahnen an Autoseitenfenstern, Public Viewing auf dem Hermann-Brill-Platz, Männer in weißen Trikots, Markus Söder mit schwarz-rot-goldener Blumenkette um den Hals – fünf Tage nach der Europawahl beginnt die Europawahl der Herzen, EM 24. Kollektiv Hoffen auf ein Sommermärchen, magische Wochen, die uns befrieden, in denen wir nicht über Agrarsubventionen, Putins 6-Punkte-Friedensplan, Hamas-Geiseln und Mannheim sprechen müssen, sondern: Warst du bei dem Trainingsspiel der Three Lions im Ernst-Abbe-Sportfeld? Hast du gehört, dass die schottischen Fans in einem Münchner Café alles Bier weggesoffen haben sollen?

Das Unpolitische soll vom Politischen ablenken. Und weiterhin all die Diskussionen, die mitkommen; der Zeigefinger von Antonio Rüdiger, die pinken Trikots, auch die, wo die Hand liegen sollte, wenn die Nationalhymne gesungen wird (auf dem Herzen) und ob sich die Lippen bewegen sollten, wenn die Nationalhymne gesungen wird.

2006, die Straßen voll von Teenagern, die schwarz-rot-gold tragen, Perücken, Fähnchen, Make-Up. Ich bin überrascht, irritiert über die Partyhaftigkeit, mit der sie das tun, bin diese Bilder nicht gewohnt, diese Schwarz-Rot-Goldene Selbstverständlichkeit. Sage mir selbst vor, dass ich locken lassen solle, es sind Wasserfarben, die auf Wangen aufgetragen sind. Und dann das Gruppenspiel gegen Polen, öffentliches Schauen im Garten einer Kneipe, brechend voll, 90 Minuten gespielt, als David Odonkor den Ball auf Oliver Neuville flankt, Deutschland gewinnt und die Jungs hinter uns aufstehen, den Arm leicht heben und brüllen »FÜHRER FÜHRER« Pause »GRUPPENFÜHRER« und ich weiß, dass ich die Spiele gern schaue und eine Meinung zur Aufstellung habe und Kicktipp mache und hochspringe bei Toren und niemals die Hymne mitsingen werde.


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