Nicht der Krieg


1. März | Nicht der Krieg

Der Krieg zerstört eine Mädchenschule im Iran und tötet* über >fünfzig Schülerinnen. Der Krieg tötet* Ali Chamenei, den iranischen Verteidigungsminister, den Befehlshaber der Iranischen Revolutionsgarde, den Generalstabschef der iranischen Streitkräfte, den iranischen Ex-Präsidenten Mahmud Ahmadineschad. Der amerikanische Präsident sagt, der Kriege dauere von jetzt an noch vier Wochen. Der deutsche Kanzler sagt, dass völkerrechtliche Einordnungen »relativ wenig bewirken« werden. Das russische Außenministerium bezeichnet den Krieg als »Bruch des Völkerrechts«. Europäische Regierungschefs zeigen entsetzt von den »rücksichtslosen« Angriffen Irans auf andere Länder. Im Iran stürzen Menschen eine Statue Chameneis. Viele Berichte von Jubel über den Krieg. Deutsche Influencerinnen teilen Reels, in denen sie informieren, dass sie wegen der Luftangriffe Dubai nicht verlassen können. Der deutsche Außenminister prüft, inwieweit die Deutsche Luftwaffe deutsche Urlauber ausfliegen kann. Ein Tag vor Kriegsbeginn werden auf der Prognoseplattform Polymarket neue Konten erstellt, die auf einen Angriff auf den Iran wetten und damit mehr als eine Million Dollar verdienen. *Nicht der Krieg tötet, sondern KI Menschen treffen Entscheidungen, entscheiden, zu töten.

2. März | Frühling in Kiew

Frühling in den letzten Tagen. Sonnennachmittage. Grüne Wiesen, getrocknete Pfützen. Schneeglöckchen. Von Vogelstimmen erfüllte Luft. Ein Eichhörnchen krallt sich an einen Baumstamm. Straßencafégeräusche. Stets die falsche Übergangsjacke tragen. Nach Wochen mit minus zwanzig Grad und Russlands Armee, die Energie, Wärme und Leben wegbombt, auch Frühling in Kiew. Der härteste Kriegswinter beendet, ein nächster Kriegsfrühling beginnt, lese ich.

3. März | Zum Scheitern verurteilt

Zum Scheitern verurteilt der Versuch, Einträge über den nächsten Krieg zu schreiben. Das naive Projekt, Zusammenhänge erkennen zu wollen und mir selbst Muster zu erklären. Hilflos eingeschoben moralische Bewertung, ja, wofür eigentlich, für wen? Um meiner Position auf die Schliche zu kommen? Die ist einfach und stößt in einer Welt, die immer auch komplex ist, viel zu oft an Grenzen. Und erweist sich dadurch als brüchig. Damit auch: ich? Meine Moral?

Jedenfalls so viel Wissen, über das ich nicht verfüge. Die Frage, wie ich mir dieses Wissen aneigne. Welches von diesem vielen Wissen aneigne. Vor allem: ob ich aneigne. Möchte ich wirklich verstehen, wie ein Tarnkappen-Tomahawk funktioniert? Wie es gelang, das Treffen, auf dem Chamenei getötet wurde, auszuspionieren? Welche Verkehrskameras von wem gehackt wurden? Wer welche Interessen / Waffen / Beziehungen / Rechnungen zu begleichen hat? Was davon will ich wissen, es wird mich ja beschäftigen. Was muss ich wissen um zumindest einen geraden Satz in einem Eintrag zu schreiben oder mich dieser frühlingshaften, kriegshaften Gegenwart zugehörig zu fühlen?

Was aber ist, ein Gefühl, dass von den vielen Handlungen aus dem Umfeld des amerikanischen Präsidenten – die Hungertoten durch DOGE, die Deportationen von ICE – dieser Krieg eine der folgenreichste werden könnte. Das ohne momentanen Blick darauf, wie allumfassend diese Folgen sein werden, welche Spirale in Gang gesetzt wurde. Raketen fliegen auf viele Länder, Allianzen werden geschmiedet / bröckeln, man positioniert sich und feuert aufeinander, das Feuer wächst und wächst. Der amerikanische Kriegsminister erklärt stolz, keinen Plan für Nach-Das-Feuern zu haben. Das amerikanische Militär wird mit der Mission, dass es sich auf einen Heiligen Krieg befinde, der Armageddon und damit die Wiederkehr Christus ermöglichen soll, losgeschickt. Der amerikanische Präsident faselt nachts auf Social Media vom Einsatz von Atomwaffen. Was davon ist nicht zum Scheitern verurteilt?

4. März | raus aus, tätscheln, zufrieden nicken

Topthema: Wie kriegen wir »unsere« Urlauber raus aus den Urlaubskriegsgebieten? Der spanische Präsident untersagt dem amerikanischen Präsidenten, spanische Militärbasen für Angriffe auf Iran zu nutzen, der französische Präsident springt ihm bei, der deutsche Kanzler lässt sich währenddessen vom amerikanischen Präsidenten devot das Knie tätscheln. Der deutsche Beauftragte der Bundesregierung für Kulturkampf und Medien Wolfram Ewimer lässt die Auszeichnung für drei Buchhandlungen wegen zu links verfassungsschutzrelevanten Erkenntnissen zurücknehmen, Julian Reichelt nickt zufrieden.

5. März | Wehrpflicht

Vor dem Bauhausmuseum, am ehemaligen Gauforum, neben der Weimarhalle, in der an diesem Tag das Forum Zukunft stattfindet, auf dem Impulse für die strategische Entwicklung von Immobilienverwaltungen gegeben werden, demonstrieren Weimarer Schülerinnen gegen die Wehrpflicht. »Where have all the flowers gone« wird gespielt, ein Sprechchor ruft »Kein Mensch, kein Cent der Bundeswehr«, in den Redebeiträgen die Rede von Politikern, die ohne mit der Wimper zu zucken an die Front schicken würden.

Ein Protest wie dieser heute in vielen Städten. In den Kommentarspalten unter den Berichten darüber sind sich die nichtjugendlichen Kommentatoren uneins. Einerseits: Ein Jahr Armee hat noch niemanden geschadet, In der DDR wurden alle eingezogen, Aber baller Spiele im Internet spielen, Sollten lieber in die Schule gehen, Diese Generation ist einfach nur noch lächerlich, Weicheier, Die Wänste schaffen ja nicht mal mehr ihr Zimmer aufzuräumen, Generation Doof, Rennen Freitags für Greta auf die Straße und heute gegen die Wehrpflicht, Dafür sollte es Strafen geben, Wohlstandsverwahrloste Jugend etc. Andererseits: Richtig so, unsere Jugend ist kein Kanonenfutter für unsere Kriegsgeilen Politiker, Meine Kinder und Enkel gehen für kriegsgeile Politiker nicht zur Armee, Für diese Kriegstreiber die wir zur Zeit in Regierung haben, Lasst Euch nicht verheizen.

6. März | Drohnenkompetenz

Eigentlich der Vorsatz, keine Texte über angewandte Taktik und Strategie im Irankrieg zu lesen. Weil das dann Mindset wird, weil Krieg dann rational wird, weil ich dann beginne, Verständnis zu entwickeln, weil ich dann mitfiebere, ob Strategie und Taktik aufgehen, weil das dann zu einem Computerspiel wird, wie der Reel des Weißen Hauses, in dem Ausschnitte aus Top Gun, Marvel-Filmen mit Ausschnitten von Shootern mit Bildern vom Irankrieg, in dem Menschen sterben, launig zusammengeschnitten werden. Also keine Taktiktexte.

Dann doch einen Text lesen darüber, wie die sehr teuren amerikanischen Verteidigungssysteme gegen die kleinteiligen iranischen Angriffswellen versagen. Der amerikanische Milliarden-Abwehrcomputer erkennt die iranische Zehntausend-Dollar-Drohne nicht = gegen jede Zehntausend-Dollar-Drohne müsste eine Drei-Millionen-Dollar-Abwehrrakete eingesetzt werden. Gegen die Schwärme versagt das amerikanische Kriegsdenken. Deshalb sucht das amerikanische Kriegsministerium nun Hilfe bei einem Land, das in den vergangenen Jahren unfreiwillig sehr viel Erfahrungen gesammelt hat mit einem Krieg, der viel über Drohnen ausgetragen wird – Ukraine.

7. März | Die Monster selber schaffen

Im Leitmedium ZEIT einen Text lesen über ein Schloss in Oberbayern, auf dem sich vor einigen Tagen Intellektuelle trafen, um unter dem Titel World in Pieces über den VibeShift zu diskutieren, »Does Liberal Democracy Deserve to Survive?«. Neben Peter Sloterdijk, Eva Illouz und anderen auch dabei: Curtis Yarvin aka Mencius Moldbug, philosophischer Protagonist des Dark Enlightenment, Inspirator der TechOligarchen, jemand, der Hitler für ein Genie hält und eine Welt will, in der es keine Staaten mehr gibt, sondern Firmen und der CEO darin als Monarch herrscht etc.

Der Text über die Tage im Schloss liest sich, als hätte Christian Kracht launig die faschisierte Fassung vom Zauberberg geschrieben. Zwischen genussvollen Beschreibungen von Oberflächen Faszination für das Dunkle und Böse und Gevibtshifte, das am Ende wie alle am Tisch sitzt und Rotwein trinkt oder teuren Scotch und manchmal im Spa weint. Und eigentlich ist das etwas, das für die Wenigsten relevant ist: Mencius Moldbug goutiert rosa geschmorte Entenbrust und verweist vor Vordenkern auf Franklin Roosevelt. Aber das liest sich so süffig weg, ich lese gern weg und würde auch mehr lesen, der Informatiker, der einen Code für diese Zeit geschrieben hat, umringt von interessierten Geistesgrößen auf einem mondänen Schloss im Luxus schwelgend, während draußen die Flugabwehrraketen sausen und ICE leere Warenhäuser kauft, um darin Konzentrationslager einzurichten, und frage mich: Warum nicht? Warum nicht beschreiben, wie das ist auf diesem Schloss und wie die sich verhalten, warum nicht die Faszination fühlbar machen auf diese literarische Weise? S. Strick schreibt: »Deswegen sind die leitmedien so zentral: sie regulieren wann und wie eine figur von social media in die normale öffentlichkeit wechselt. ohne mainstreaming in der NYT hätte krastev gar keine ahnung wer moldbug eigentlich ist, und frau knobloch wohl auch nicht. man schafft sich die monster selber.«

8. März | vom Himmel brennendes Öl

Israel bombardiert Öllager in Teheran. Explosionen, schwarze Wolken als Himmel, brennendes Öl strömt die Straßen hinab, verbranntes Öl regnet auf die Stadt, auf die Menschen, die hier leben, Millionen im Ölfeuer.

9. März | in Baden-Württemberg

Gestern die Wahl in Baden-Württemberg, die Grünen gewinnen mit einem halben Prozent Vorsprung, weshalb die zweitplatzierte CDU vorschlägt, das Amt des Ministerpräsidenten zu teilen, politischer Teilzeit-Lifestyle. Auch Vorwürfe seitens der Zweiplatzierten wegen »Schmutzkampagne«. Zwei Videos mit drei Talking-Points in den vergangenen Wochen über den Ministerpräsidentenkandidaten; rehbraune Augen einer Schülerin, der verfehlte Versuch, den Treibhaus-Effekt zu erklären, das Über-den-Mund-Fahren einer Lehrerin.

Im Wahlkampf hunderte Wahlkampftermine für jeden Beteiligten, kaum einer dringt nach draußen. Was dringt nach draußen, warum löst das was aus und das andere nicht, was stößt auf Resonanz, etwas an? Was beschäftigt mich und trägt zu meiner Wahlentscheidung bei? Autobau? Brückenbau? Heizungshammer? Inflation? Gendern? Migration? Überheiße Sommer? Ausfallstunden an Schulen?

Und jedes Video für sich, was würde mir das zeigen über: das Schauen auf Mädchen & Frauen, Klimakompetenz, Umgang mit Stresssituationen? Die Videos in der Summe, was für einen Einblick in einen Charakter gewähren sie? Beeinflusst das meine Entscheidung? Was ist wichtig, was Rauschen? Der SPD-Kandidat bestellt sich nach einem Besuch bei der Tafel Entenpastete, seine Partei schafft es gerade noch so in den Landtag. Der Kandidat von Russland der AfD beschäftigt diese und diese Vettern und fährt damit ein Ergebnis ein, wie seine Partei vor einigen Jahren schon in Ostdeutschland. Wo ordnen sich da Treibhaus und rehbraune Augen ein?

10. März | Klimaberichterstattung

Laut einer Statistik hat sich die Klimaberichterstattung in den deutschen Öffentlich-Rechtlichen-Sendern seit 2023 halbiert.

11. März | wie man verliert    

Weiterhin reden über die Wahl in Baden-Württemberg. Der Vorschlag, das Ministerpräsidentenamt zu teilen, scheint ernstgemeint (was, zu Ende gedacht, bedeuten würde: 2027 Lars Klingbeil deutscher Kanzler). Das hauptsächliche Reden aber über die Frau, die eines der beiden Videos teilte. Hauptsächlich Vorwürfe wegen des Veröffentlichens eines öffentlich verfügbaren Videos. Diese Vorwürfe drehen ihre Runden in der Diskursmaschine, die Diskursmaschine dreht bereitwillig mit, in Talkshows, Kommentaren, Kolumnen. Der Vorwurf des Veröffentlichens als eigentlicher Skandal, das soll der eigentliche Gesprächspunkt sein, das soll hängenblieben. Die Maschine der radikalisierten Konservativen rattert, die schlechten Verlierer, die, die Wahl verloren haben, drehen am Diskurs, solange, solange bis die schlechten Verlierer »Wahlbetrug« schreien und konsequent die roten Mützen tragen, auf denen steht: Make Länd Great Again.

Ein zweiter schlechter Verlierer der Kulturstaatsminister, der kürzlich drei prämierte Buchhandlungen vom Buchhandlungspreis ausschloss. Daraufhin jede Menge Kritik, Gegenwind, Solidarisierung, so dass der Kulturstaatsminister nun nicht der Kritik entgegentreten oder argumentieren mag, sondern feige vorsichtshalber die komplette Preisverleihung absagt, weil »eine angemessene Würdigung … in einem solchen Kontext kaum noch möglich« sei.

12. März | große Schuhe

Die Geschichten, die man sich vom amerikanischen Präsidenten erzählt, taugen nicht als Legenden, als Anekdoten, die man sich leicht amüsiert teilt, weil damit immer auch Grausamkeit verbunden ist. Aber auch: Die Geschichte, wie er die Schuhgröße seiner männlichen Untergebenen schätzt und ihnen dann schwarze Schuhe der Marke Florsheim zuschicken lässt, die sie dann beflissen und devot tragen, um den Präsidenten nicht zu erzürnen und weil sich der Präsident öfter mal verschätzt, sind die Schuhe öfter mal zu groß und dann stecken die Füße des Außenministers oder die Füße des Vizepräsidenten öfter mal in viel zu großen Schuhen, dann stehen diese Führer der Welt in Clownsschuhen und schlenkern ihre Füße, weil der Präsident falsch schätzt oder das genauso abgeschätzt hat.

13. März | Krieg Öl Automatismus

Irankrieg USA Israel, Iran vermint die Straße von Hormus, Öltanker brennen, Ölinfrastruktur zerstört, Ölverknappung, Ölpreis explodiert, Benzinpreis explodiert, wütende Autofahrer vor deutschen Tankstellen explodieren, sofortige Krisengipfel, Freigabe von Ölreserven, Aufhebung Ölembargo gegen Russland, Russland durch Geld aus Ölverkauf mit Geld für Angriffskrieg, Inflation, Krise, Krieg, Wirtschaft, Öl Öl Öl Automatismus. Die Zahl der durch einen amerikanischen Raketenangriff auf eine Schule im Iran getöteten Schülerinnen wird auf 175 beziffert Krieg Krieg Krieg Automatismus

14. März | planlos

Vollkommen unmissverständlich mittlerweile, dass die USA keinen Plan haben. Oder besser, der Plan war wie jener von Russland, drei Tage Krieg, dann gewonnen. Der Satz, den ich am 28.2. so stolz hier reinschrieb – Hoffen, dass durch den Krieg das Regime fällt und zugleich diesen Krieg verachten – natürlich damals schon naiv. Ein Regime fällt, wohin worauf was dann? Stattdessen ein Prozess von vielen Jahren. Den die Angreifer nicht mitdenken, natürlich nicht. Kein Plan, was jetzt, nach zwei Wochen geschehen soll, Boots on the Ground, Verminung, Eskalation? Der Flächenbrand längst da, Drohnen explodieren in Hochhäuser im Influencerparadies Dubai, was die Influencer dort nicht posten dürfen, weil ansonsten Gefängnis. Dutzend Länder im Krieg, asymmetrisch, die größte Öl-Versorgungsstörung der Geschichte schon jetzt und kein Plan, wie daraus kommen.

15. März | kaum zu fassen

Lese von Eva von Redecker: »Nicht, dass Faschismus je gelegen käme. Aber dass er in dem Moment die Zukunft verstellt, in dem es gerade noch möglich wäre, das in die Erdgeschichte übertragene Vernichtungspotenzial des Klimawandels abzumildern, können wir vermutlich in seiner Tragweite noch kaum fassen.«

Ein Satz wie dieser schlägt während des sich formlos ausbreitenden Irankriegs noch mal härter zu. Und klar ist da die Wut auf die Kriegsführenden und Profiteure. Aber klar, die sind so. Das ist so in denen eingeschrieben, Bomben, Öl, Macht, Enthemmung, Autoritär etc. Deshalb vielleicht noch viel intensiver die Wut gegenüber denen, die es besser wissen, die andere Anlagen haben sollten. Keine drei Wochen her der stolze Ausspruch von »Heizungskeller wieder Privatsache«. Die Bundeswirtschaftsministerin seitdem auf jedes deutsche Dach geklettert und eigenhändig jedes gaslose Solarmodul runtergerissen. Das Ausrufen der Renaissance der Atomkraft. Absprachen im EU-Parlament von Konservativen mit Rechtsextremen inklusive Schulterklopfen etc.

Dieses kollektive Wegsehen, der Unwillen, sich etwas einzugestehen, die Unfähigkeit, einfachste Zusammenhänge zu erkennen, die dumpfe Bräsigkeit, die aus Privilegien resultiert, das boshafte Verweigern eines jeden Veränderungswillen, das daraus folgende Schließen des schmalen Zeitfensters – Raketen fliegen, Hitze steigt, Wasser versickert – jeder kurze Moment des Lichts wird doppelt und dreifach in den Boden geprügelt, kaum zu fassen, diese Destruktivität derer, die es besser wissen.

16. März | keine Meinungen mehr, nur noch Fakten und Haltung

Auf Lesung von Ines Geipel, »Landschaft ohne Zeugen«, über den Buchenwaldmythos, wie immer in ihren Büchern das schmerzhafte, notwendige Freilegen von Gründen. Drei Sätze, die sie an diesem Abend sagt: »Wissen kann den Boden unter den Füßen wegziehen, Wissen kann Boden zurückgeben.« »Der Osten ist noch nicht an seinem Schmerzpunkt.« Und: »Keine Meinungen mehr, nur noch Fakten und Haltung.«

17. März | Schritte-App Maximum

Ich lese in Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus, »wie die Wettbewerbslogik … in nahezu allen Bereichen zum dominanten Interaktionsmodus geworden ist … wenn gesellschaftliche Geltung vom sozialen Vergleich abhängt, entsteht ein permanenter Druck zur potenziell nie abgeschlossener Selbstverbesserung, selbst kleinste Wettbewerbsvorteile werden bewirtschaftet.«

Ich habe seit einigen Wochen wieder eine Schritte-App aktiviert, die meine Schritte zählt und damit meine zurücklegten Kilometer und auf Wunsch meinen Herzschlag misst, die Werte in Diagrammen aufbereitet, die Sterne an mich vergibt, die ein virtuelles Feuerwerk explodieren lässt, wenn ich eine bestimmte Zielzahl erreicht habe, die mir Zahlen liefert, die auf meine Schultern klopfen oder mir das Herz rausreißen, meine Tage so in erfolgreich und nichterfolgreich abkanzelt.

Eine Schritt-App als Beispiel von vielen Von allem Alles heute quantifizieren Alles vermessen Alles messbar machen Um alles in Vergleich setzen zu können Alles in Konkurrenz zu etwas / jemanden Alles Leistung Alles immer schlechter als das eine was das Beste ist Alles kein Höchstwert außer dem Höchstwert Alles mit Zweck Alles ein Ziel Alles ein Datenpunkt der mich verarbeitet Der mich motivieren soll Um mich zu optimieren Um mir zu sagen: »Ich bin besser als andere. Ich bin besser als das ICH, das ich gestern war.«

Und fast immer – bis auf das eine Mal, wenn ich es bin – bin ich es nicht. Fast immer bin ich nicht das Maximum, das ich sein könnte. In dieser Welt sollte ich das Maximum sein um nicht in den Verdacht von Teilzeit-Lifestyle zu geraten Immer sollte ich Leistung erbringen um mir damit eine Berechtigung zu verdienen Muss was ich tue ein Zweck verfolgen Ich muss verwertbar sein Eine Zahl muss ich sein Das was mich ausmacht muss zu einer Zahl schrumpfen Ich muss mich und mein Tun minimieren auf einen Vergleichswert So wird das eingespeist Werde ich eingespeist Werde ich vergleichbar gemacht So wird alles untergehen inklusive: mir.

18. März | Allianz für Deutschland

Heute in Weimar Demonstration vor dem Marie-Juchacz-Saal, in dem der Weimarer Stadtrat über den Haushalt entscheidet. Vor zwei Tagen ein Änderungsantrag im Namen von CDU und Weimarwerk – mit potentieller Zustimmung mindestens einer der beiden Weimarer AfDs –, die finanzielle Unterstützung für mehrere zivilgesellschaftliche Aktionsbündnisse komplett zu streichen, auch für das Weimarer Bürgerbündnis gegen Rechtsextremismus. Das gewonnene Geld könnte unter anderem für die Bildung einer Kommission verwendet werden, die überprüft, ob der Weimarer Zwiebelmarkt immaterielles Kulturerbe werden kann. Oder für einen hollywoodzeichenähnlichen Schriftzug WEIMAR, der mobil in der Stadt bewegt werden kann und damit Touristinnen als fotogener Fotohintergrund dienen könnte.

Für die Zusammenarbeit auf lokaler Ebene von Rechtsextremen und Konservativen, um zivilgesellschaftliche Projekte zu beenden, lassen sich seit vielen Monaten viele Beispiele gerade in Sachsen und Thüringen finden. Jetzt auch in Weimar. Die Streichung ein symbolischer Akt – die Stadt Weimar beschließt die Beendigung der Förderung von Aktionen gegen Rechtsextremismus. Aber auch konkret, weil das Bündnis dann ganz konkret keine Mahnwachen, Erinnerungsveranstaltungen etc. mehr durchführen könnte.

Die Streichung sehr kurzfristig angekündigt. Dennoch der Platz vor der Stadtverwaltung mit über 400 Personen. Reden werden gehalten, eine Brass-Band spielt Das Model, der Weimarer Kneipenchor singt Lieder von Die Ärzte, Scheint die Sonne auch für Nazis, Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt. Einige Stadtverordnete reden bei der Demonstration, andere Stadtverordnete filmen von den Fenstern aus, sie seien gemeint, sagen die Rednerinnen.

Offiziell lautet die Begründung für die Streichung, dass das Bürgerbündnis gegen das Neutralitätsverbot verstoße habe und sich ja weiterhin wie andere Aktionsbündnisse auch um Fördergelder der Stadt bewerben könne, es gebe Bürgerbudgets, aber keine »Erbhöfe«, stattdessen solle es zukünftig einen Wettbewerb um die besten demokratischen Ideen geben. Was auch als Gründe zu hören sind an diesem Tag, dass die Konservativen sich vom Bürgerbündnis angegriffen fühlten, weil das Bürgerbündnis zu oft konservativ mit rechtsextrem gleichgesetzt, zu verschwenderisch den Begriff Faschismus verwendet haben soll.

Heute dann hier Nägel mit Köpfen, die gemacht werden sollen, das Streichen von Geldern. Einer der Redner sagt, dass der 18. März eine besondere Bedeutung für ihn habe, vor 36 Jahren die ersten und einzigen freien Wahlen in der DDR. Damals gewann die AFD, die Allianz für Deutschland, ein Zusammenschluss konservativer Kräfte, eine Wahl, die den Weg freimachte für die schnellmöglichste Wiedervereinigung und jeden Gedanken an einen gemeinsamen dritten, neuen Staat beendete.

Heute hier die Demo, Wehret den Anfängen, die goldenen Seiten der Rettungsdecken flattern in der frühlingshaften Luft. Viele bekannte Gesichter, den Anwesenden bewusst, dass Pflöcke eingeschlagen werden, dass hier etwas Grundlegendes für Weimar geschehen könnte.

Am Ende dann, nach drei Stunden Stadtratssitzung, wird die Streichung durchgesetzt. Die Konservativen in Überstimmung mit Rechtsextremen setzen sich mit einer Stimme Mehrheit durch, dieser Erfolg auch möglich, weil einige Abgeordnete der Mitte/Linken-Fraktionen nicht anwesend waren und ein Abgeordneter der SPD zufällig vor der entscheidenden Abstimmung den Saal verließ.

19. März | Weimer Weimar

Nachtrag zu gestern. Dauerte länger, den Eintrag zu schreiben, weil über die Beschreibung der Demonstration hinaus das Zusammentragen der verschiedenen Informationen – wer ging wann, was war die offizielle Begründung, welche der AfDs stimmte auch dafür und welche nicht, was bedeutet »Bürgerbudget« – Zeit in Anspruch nahm, nicht schon vorformuliert war, die Angaben sich zum Teil widersprachen.

Heute jedenfalls der gestrige Stadtratsbeschluss auch im nationalen Diskurs. Weimar in Verbindung mit Weimer. Der Kulturstaatsminister auf der Buchmesse in Leipzig. Bzw. gerade nicht in Leipzig. Weil er alle Termine bis auf die Eröffnung abgesagt hat. Dort dann jede Menge Buhrufe, auf dem Branchentreff die Branche gegen den Kulturstaatsminister.

E A – Ein Buchstabe Unterschied und doch Gemeinsamkeiten in den Fällen zwischen Finanzierungstopp für linke Buchhandlungen und Finanzierungstopp für linke Bürgerbündnisse durch konservative Kräfte, fast so, als wollten konservative Kräfte die Gunst des Vibe Shifts nutzen, um ein paar Rechnungen zu begleichen. Und unterfüttern damit den Vibe Shift, werden damit der Vibe Shift. Bzw. kein Vibe Shift mehr, keine Bewegung mehr, sondern ein Ankommen an bestimmten Zielkoordinaten.

Dazu Agenturmeldungen und recherchierte Artikel über den Weimarer Stadtratsbeschluss, alle bebildert mit fotogenen Bildern von idyllischen Orten in Weimar. Darüber steht dann eben »Weimar beendet Kampf gegen Rechtsextremismus«. Und dann kann sich Weimar vom so eingesparten Geld für die Außenwahrnehmung und den touristischen Effekt hundert Hollywoodzeichen mit dem Namen WEIMAR an diese idyllischen Orte schieben, die Außenwahrnehmung bleibt eben: Weimar beendet Kampf gegen Rechtsextremismus. Was im Vibe Shift noch relevant ist für den Teil Deutschlands, für den das etwas Grundlegendes darstellt.

20. März | Nicht einsteigen

Am Bahnsteig 8a in Erfurt. Auf der Anzeigetafel wird vor der Ankunft meines Zugs die Ankunft eines anderen Zugs angezeigt, mit dem Hinweis:
NICHT EINSTEIGEN.
Der andere Zug fährt ein, an jedem Abteil zeigt eine digitale Anzeige an:
NICHT EINSTEIGEN.
NICHT EINSTEIGEN
also, und nachdem alle Mitfahrenden ausgestiegen sind, steigen die Leute, die am Bahnsteig stehen, ein in den Zug, an dem steht:
NICHT EINSTEIGEN.
Eine gewisse Unsicherheit macht sich breit bei den 1/3 der Leute, die am Bahnsteig stehen und die wir jetzt zunehmend unsicherer werden. Liegen wir richtig? Ist das nicht der Zug, den wir nehmen sollten? Obwohl dieser sich mit:
NICHT EINSTEIGEN
markiert hat?
Oder ist es doch, wie laut Anzeigetafel vermeldet, der nächste Zug? Wen soll man trauen? Der Deutschen Bahn oder der Weisheit der Masse? Die Masse ist ja in den Zug eingestiegen, an dem steht
NICHT EINSTEIGEN.
Da geht im Zug das Licht aus. Es wird dunkel und damit wird den Menschen signalisiert: Dieser Zug wird nicht fahren.
Die 2/3 steigen aus, leicht zerknirscht, wie es scheint. Während ich noch überlege, was das für eine Metapher sein könnte für z.B. Politik, gesellschaftliche Dynamiken, die Gegenwart und ob das einen Eintrag wert sein könnte, obwohl es ja nichts Abgegriffeneres gibt, als über Erlebnisse beim Zugfahren zu schreiben, vermeldet eine Stimme über Lautsprecher, dass der nächste Zug, auf den alle hier am Bahnsteig 8a warten, in zwei Minuten von Bahnsteig 10 abfährt.
60-80 Leute laufen los, einmal um den Erfurter Bahnhof herum, erreichen gerade so Bahnsteig 10, stapeln sich in den Regionalexpress hinein. Platz ist knapp, Luft ist schwer. Zug fährt los, ein paar Minuten lang, dann kommt an in:
Vieselbach.
Zug hält.
Zug hält und hält und hält.
Fünfundzwanzig Minuten steht er und damit wir und damit ich in schwerer, enger Luft, ohne jede Information, aber auch ohne, dass jemand wütend wird. Und da es sonst nichts zu tun gibt, denke ich, ich denke, wie krass das doch ist, wenn andere über die eigene Lebenszeit verfügen,
NICHT EINSTEIGEN
und dann sind 25 Minuten Leben einfach mal so mit Stehen in Vieselbach weg, einfach so haben andere entschieden: Du verbringst 25 Minuten deines knappen Lebens mit Stehen in Vieselbach.
Denke, wie politisch das eigentlich ist, und wie erstaunlich es doch ist, wie wenig Wut so etwas hervorruft und warum wir das in Vieselbach so gelassen ertragen und warum es deshalb keine Krisengipfel gibt, keine Expertenrunden, keine Notfallpläne, wie krass eigentlich.

21. März | Ulmen

»Die Monstrosität des Einzelnen ist für das Patriarchat eine bequeme Denkfigur, weil die Gewalt in der Banalität der Strukturen liegt. Die Gefahr lauert nicht außerhalb des Vertrauten, sie ist Teil davon.«

»Deshalb trifft mich an diesen Debatten am meisten die billige Sehnsucht nach dem Einzelfall. Der Einzelfall beruhigt. Er erlaubt es, den Mann vom System zu trennen, die Kultur von der Tat, die Liebe von der Macht. Aber das ist eine Lüge.«

22. März | Demokratie leben sterben

Die Bundesbildungsministerin streicht zweihundert zivilgesellschaftlichen Projekten des Programms »Demokratie leben« die Förderung. Die strikte Konsequenz aus den 551 Anfragen und damit eine Arbeit, die eine zukünftige rechtsautoritäre Regierung nicht mehr leisten muss: zivilgesellschaftliches Engagement handlungsunfähig zu machen.

23. März | wer weshalb

Gestern Wahlen in Rheinland-Pfalz. AfD bei 20%. 18:01 zucke ich unüberrascht die Schulter und merke später erst, wie unnormal es ist, wie normal das schon geworden ist. Heute ein Suchen nach Gründen für den freien Fall der SPD. Und damit auch für die Gründe, weshalb die AfD gewählt wird. ‪Saša Stanišić schreibt: »Dieses permanente „Analysieren“, wer weshalb die AfD wählt, dabei wissen es alle, dann wird aber so getan, als könne das ein Mißverständnis sein oder dass irgendein anderer parteiprogrammatischer Punkt wichtig sei … Aber nein, Hans-Jürgen sitzt da in seiner Datscha und blättert durch das Parteiprogramm, und über Prenzlau geht die Sonne unter, er macht sich ein Bierchen auf, seufzt und sagt „Hach, die AfD will die Erbschaftssteuer abschaffen, die kriegen meine Stimme!“«

24. März | auf die Zukunft wetten

Seltsam: Einige Minuten, bevor der amerikanische Präsident Absichtserklärungen auf Truth Social postet, werden in den von ihm genannten Belangen Wetten platziert, die kurz darauf Millionenerträge generieren.

25. März | Themenwechsel

Der Fall Ulmen seit Tagen. Demonstrationen, viele Texte, viele Stellungsnahmen. Seit Tagen auch ein Gegendiskurs eine Kampagne auf den entsprechenden Kanälen und Polarisierungsunternehmern. Dort zwei Redenschleifen: Einmal der Vorwurf, das Opfer würde sich inszenieren. Und: Migranten. Eine dieser Rhetoriken erreicht auch den Kanzler. Im Bundestag gefragt, was er gegen digitale Gewalt gegen Frauen tun wolle, antwortet er: »Wir haben eine explodierende Gewalt in unserer Gesellschaft, und zwar im analogen wie im digitalen Raum … Dann müssen wir auch über die Ursachen miteinander reden. Dann müssen wir auch darüber sprechen, wo diese Gewalt herkommt. Und dann müssen wir auch ansprechen, dass ein beachtlicher Teil dieser Gewalt aus den Gruppen der Zuwanderer in die Bundesrepublik Deutschland kommt.« Alles kann Migration sein, das Thema erfolgreich gedreht, nun folgen notwendigerweise Gegenreden und Verteidigungen, der Fokus verschiebt sich, so ist das gewollt. Anstatt Auseinandersetzung in einer Sache wieder Migration. Collien Fernandes sagt die Teilnahme an einer Demonstration wegen Morddrohungen ab.

26. März | das gewünschte Ergebnis

Gestern im Bundestag der Kanzler zu den Kürzungen für Demokratie leben: »Und das dabei die ein oder andere Organisation, die ihnen nahesteht nicht mehr ganz so bedacht wird wie in früheren Jahren, ja das ist ein gewünschtes Ergebnis.«

27. März | die Menschen sind bereit Opfer zu bringen

»Die Menschen sind bereit, Opfer zu bringen«, erklärt der Vorsitzender der SPD nach zwei verlorenen Wahlen als großen rhetorischen Befreiungsschlag. Sätze wie diese erklären die Schwäche der SPD, die Schwäche der SPD erklärt auch die Schwäche der deutschen Demokratie.

28. März | No Kings

In den USA acht Millionen bei den No-Kings-Demonstrationen auf den Straßen.

28. März | als wer ich schreiben soll

Der Kanzler legt nach im Fall Christian Ulmen und fordert, über das Familienbild im Islam zu sprechen. So ganz weiß ich nicht, als wer ich dazu schreiben soll. Als vertrauensvoller, vielleicht naiver Bürger, der sich fragt, ob der Kanzler mit dieser wiederholten Erweiterung diesem Themenwechsel integer das Wohl von Frauen im Blick hat. Als gewiefter Politikbeobachter, der sieht, wie der Kanzler glaubt, damit den Rechtsextremen ein paar Wählerstimmen abluchsen zu können. Als zynischer Fatalist, der hier eine Äußerung ganz im Sinne einer Strategie von sich lustvoll radikalisierenden Konservativen sieht.

29. März | dieses Raunen, dieses entsetzliche Raunen

In den letzten Tagen – nicht in den Schlagzeilen, eher in der zweiten und dritten Reihe –Bemerkungen und Beobachtungen zur geschlossenen Straße von Hormus gelesen und gehört, Infos über Helium und dessen Bedeutung für die Herstellung von Microchips, Düngermittelknappheit, Sachen wie: Wenn ich elektronische Geräte aus China kaufen wöllte, würde ich das eher heute als in einigen Wochen machen, Vergleiche mit dem Finanzkollaps von 2007, mit dem pandemischen Welterstarren und dass »es schlimmer« wird, »a shock…probably beyond what we can imagine at the moment« etc. ein apokalyptisches Raunen von Lieferkettenzusammenbrüchen und Ölpreiseskalationen und natürlich lässt mich das nicht kalt, für ein apokalyptisches Raunen bin ich seit einiger Zeit empfänglich wie ein Krokus, der sich der Sonne zuwendet, muss mich dann immer wieder raus aus dem Rabbit Hole Prognose des Verheerens zwingen und frage mich doch, wenn es so sein sollte, wie würde es sein, ein allmähliches Abrutschen oder wird es sich an einem Tag festmachen, an einem Ereignis, einem Kurssturz, einem Ausfall.

30. März | Silver Linings

OpenAI schließt den Bild- und Video-Generator Sora, der vor wenigen Monaten ganz Hollywood überflüssig machen sollte. Meta schließt das Metaverse und heißt dennoch weiterhin Meta. Youtube und Instagram müssen nach einem Gerichtsurteil Millionen Dollar zahlen, weil sie ihre Algorithmen bewusst suchtfördernd gestalten.

31. März | am Ende des Monats

Gestern Lesung in Halle. Davor durch die Stadt spazieren, an den kleinen Kunstläden, Galerien vorbei, all den kulturellen Spinnfäden entlang. Nach der Lesung bei Bauernfrühstück und Spaten zusammensitzen, über dieses sprechen, auch das, auch Politik, über den realen Möglichkeitsraum, dass hier in wenigen Monaten ein blauer Ministerpräsident in alleiniger Verantwortung sein könnte, jemand, der zuerst diese Spinnfäden zerschneiden würde.

In der Wismarbucht Timmy, der gestrandete Buckelwal, die Aufmerksamkeit, auch die Frage, wie »uns« das Schicksal eines Tieres beschäftigt im Vergleich zu dem, was »uns« noch beschäftigen könnte. In Hamburg beißt ein Wolf einer Frau ins Gesicht und springt dann in die Alster, auch viel Aufmerksamkeit. In den USA trainiert ein Mann Krähen darauf, Menschen die roten MAGA-Kappen von den Köpfen zu reißen. Israel führt wieder die Todesstrafe wieder ein, sie gilt nur für Palästinenser und ist dann zwangsläufig, Abgeordnete tragen stolz und grausam goldene Anstecknadeln in Form eines Strangs an ihren Revers.