Nicht der Krieg
1. März | Nicht der Krieg
Der Krieg zerstört eine Mädchenschule im Iran und tötet* über >fünfzig Schülerinnen. Der Krieg tötet* Ali Chamenei, den iranischen Verteidigungsminister, den Befehlshaber der Iranischen Revolutionsgarde, den Generalstabschef der iranischen Streitkräfte, den iranischen Ex-Präsidenten Mahmud Ahmadineschad. Der amerikanische Präsident sagt, der Kriege dauere von jetzt an noch vier Wochen. Der deutsche Kanzler sagt, dass völkerrechtliche Einordnungen »relativ wenig bewirken« werden. Das russische Außenministerium bezeichnet den Krieg als »Bruch des Völkerrechts«. Europäische Regierungschefs zeigen entsetzt von den »rücksichtslosen« Angriffen Irans auf andere Länder. Im Iran stürzen Menschen eine Statue Chameneis. Viele Berichte von Jubel über den Krieg. Deutsche Influencerinnen teilen Reels, in denen sie informieren, dass sie wegen der Luftangriffe Dubai nicht verlassen können. Der deutsche Außenminister prüft, inwieweit die Deutsche Luftwaffe deutsche Urlauber ausfliegen kann. Ein Tag vor Kriegsbeginn werden auf der Prognoseplattform Polymarket neue Konten erstellt, die auf einen Angriff auf den Iran wetten und damit mehr als eine Million Dollar verdienen. *Nicht der Krieg tötet, sondern KI Menschen treffen Entscheidungen, entscheiden, zu töten.
2. März | Frühling in Kiew

Frühling in den letzten Tagen. Sonnennachmittage. Grüne Wiesen, getrocknete Pfützen. Schneeglöckchen. Von Vogelstimmen erfüllte Luft. Ein Eichhörnchen krallt sich an einen Baumstamm. Straßencafégeräusche. Stets die falsche Übergangsjacke tragen. Nach Wochen mit minus zwanzig Grad und Russlands Armee, die Energie, Wärme und Leben wegbombt, auch Frühling in Kiew. Der härteste Kriegswinter beendet, ein nächster Kriegsfrühling beginnt, lese ich.
3. März | Zum Scheitern verurteilt
Zum Scheitern verurteilt der Versuch, Einträge über den nächsten Krieg zu schreiben. Das naive Projekt, Zusammenhänge erkennen zu wollen und mir selbst Muster zu erklären. Hilflos eingeschoben moralische Bewertung, ja, wofür eigentlich, für wen? Um meiner Position auf die Schliche zu kommen? Die ist einfach und stößt in einer Welt, die immer auch komplex ist, viel zu oft an Grenzen. Und erweist sich dadurch als brüchig. Damit auch: ich? Meine Moral?
Jedenfalls so viel Wissen, über das ich nicht verfüge. Die Frage, wie ich mir dieses Wissen aneigne. Welches von diesem vielen Wissen aneigne. Vor allem: ob ich aneigne. Möchte ich wirklich verstehen, wie ein Tarnkappen-Tomahawk funktioniert? Wie es gelang, das Treffen, auf dem Chamenei getötet wurde, auszuspionieren? Welche Verkehrskameras von wem gehackt wurden? Wer welche Interessen / Waffen / Beziehungen / Rechnungen zu begleichen hat? Was davon will ich wissen, es wird mich ja beschäftigen. Was muss ich wissen um zumindest einen geraden Satz in einem Eintrag zu schreiben oder mich dieser frühlingshaften, kriegshaften Gegenwart zugehörig zu fühlen?
Was aber ist, ein Gefühl, dass von den vielen Handlungen aus dem Umfeld des amerikanischen Präsidenten – die Hungertoten durch DOGE, die Deportationen von ICE – dieser Krieg eine der folgenreichste werden könnte. Das ohne momentanen Blick darauf, wie allumfassend diese Folgen sein werden, welche Spirale in Gang gesetzt wurde. Raketen fliegen auf viele Länder, Allianzen werden geschmiedet / bröckeln, man positioniert sich und feuert aufeinander, das Feuer wächst und wächst. Der amerikanische Kriegsminister erklärt stolz, keinen Plan für Nach-Das-Feuern zu haben. Das amerikanische Militär wird mit der Mission, dass es sich auf einen Heiligen Krieg befinde, der Armageddon und damit die Wiederkehr Christus ermöglichen soll, losgeschickt. Der amerikanische Präsident faselt nachts auf Social Media vom Einsatz von Atomwaffen. Was davon ist nicht zum Scheitern verurteilt?
4. März | raus aus, tätscheln, zufrieden nicken
Topthema: Wie kriegen wir »unsere« Urlauber raus aus den Urlaubskriegsgebieten? Der spanische Präsident untersagt dem amerikanischen Präsidenten, spanische Militärbasen für Angriffe auf Iran zu nutzen, der französische Präsident springt ihm bei, der deutsche Kanzler lässt sich währenddessen vom amerikanischen Präsidenten devot das Knie tätscheln. Der deutsche Beauftragte der Bundesregierung für Kulturkampf und Medien Wolfram Ewimer lässt die Auszeichnung für drei Buchhandlungen wegen zu links verfassungsschutzrelevanten Erkenntnissen zurücknehmen, Julian Reichelt nickt zufrieden.
5. März | Wehrpflicht

Vor dem Bauhausmuseum, am ehemaligen Gauforum, neben der Weimarhalle, in der an diesem Tag das Forum Zukunft stattfindet, auf dem Impulse für die strategische Entwicklung von Immobilienverwaltungen gegeben werden, demonstrieren Weimarer Schülerinnen gegen die Wehrpflicht. »Where have all the flowers gone« wird gespielt, ein Sprechchor ruft »Kein Mensch, kein Cent der Bundeswehr«, in den Redebeiträgen die Rede von Politikern, die ohne mit der Wimper zu zucken an die Front schicken würden.
Ein Protest wie dieser heute in vielen Städten. In den Kommentarspalten unter den Berichten darüber sind sich die nichtjugendlichen Kommentatoren uneins. Einerseits: Ein Jahr Armee hat noch niemanden geschadet, In der DDR wurden alle eingezogen, Aber baller Spiele im Internet spielen, Sollten lieber in die Schule gehen, Diese Generation ist einfach nur noch lächerlich, Weicheier, Die Wänste schaffen ja nicht mal mehr ihr Zimmer aufzuräumen, Generation Doof, Rennen Freitags für Greta auf die Straße und heute gegen die Wehrpflicht, Dafür sollte es Strafen geben, Wohlstandsverwahrloste Jugend etc. Andererseits: Richtig so, unsere Jugend ist kein Kanonenfutter für unsere Kriegsgeilen Politiker, Meine Kinder und Enkel gehen für kriegsgeile Politiker nicht zur Armee, Für diese Kriegstreiber die wir zur Zeit in Regierung haben, Lasst Euch nicht verheizen.

6. März | Drohnenkompetenz
Eigentlich der Vorsatz, keine Texte über angewandte Taktik und Strategie im Irankrieg zu lesen. Weil das dann Mindset wird, weil Krieg dann rational wird, weil ich dann beginne, Verständnis zu entwickeln, weil ich dann mitfiebere, ob Strategie und Taktik aufgehen, weil das dann zu einem Computerspiel wird, wie der Reel des Weißen Hauses, in dem Ausschnitte aus Top Gun, Marvel-Filmen mit Ausschnitten von Shootern mit Bildern vom Irankrieg, in dem Menschen sterben, launig zusammengeschnitten werden. Also keine Taktiktexte.
Dann doch einen Text lesen darüber, wie die sehr teuren amerikanischen Verteidigungssysteme gegen die kleinteiligen iranischen Angriffswellen versagen. Der amerikanische Milliarden-Abwehrcomputer erkennt die iranische Zehntausend-Dollar-Drohne nicht = gegen jede Zehntausend-Dollar-Drohne müsste eine Drei-Millionen-Dollar-Abwehrrakete eingesetzt werden. Gegen die Schwärme versagt das amerikanische Kriegsdenken. Deshalb sucht das amerikanische Kriegsministerium nun Hilfe bei einem Land, das in den vergangenen Jahren unfreiwillig sehr viel Erfahrungen gesammelt hat mit einem Krieg, der viel über Drohnen ausgetragen wird – Ukraine.
7. März | Die Monster selber schaffen
Im Leitmedium ZEIT einen Text lesen über ein Schloss in Oberbayern, auf dem sich vor einigen Tagen Intellektuelle trafen, um unter dem Titel World in Pieces über den VibeShift zu diskutieren, »Does Liberal Democracy Deserve to Survive?«. Neben Peter Sloterdijk, Eva Illouz und anderen auch dabei: Curtis Yarvin aka Mencius Moldbug, philosophischer Protagonist des Dark Enlightenment, Inspirator der TechOligarchen, jemand, der Hitler für ein Genie hält und eine Welt will, in der es keine Staaten mehr gibt, sondern Firmen und der CEO darin als Monarch herrscht etc.
Der Text über die Tage im Schloss liest sich, als hätte Christian Kracht launig die faschisierte Fassung vom Zauberberg geschrieben. Zwischen genussvollen Beschreibungen von Oberflächen Faszination für das Dunkle und Böse und Gevibtshifte, das am Ende wie alle am Tisch sitzt und Rotwein trinkt oder teuren Scotch und manchmal im Spa weint. Und eigentlich ist das etwas, das für die Wenigsten relevant ist: Mencius Moldbug goutiert rosa geschmorte Entenbrust und verweist vor Vordenkern auf Franklin Roosevelt. Aber das liest sich so süffig weg, ich lese gern weg und würde auch mehr lesen, der Informatiker, der einen Code für diese Zeit geschrieben hat, umringt von interessierten Geistesgrößen auf einem mondänen Schloss im Luxus schwelgend, während draußen die Flugabwehrraketen sausen und ICE leere Warenhäuser kauft, um darin Konzentrationslager einzurichten, und frage mich: Warum nicht? Warum nicht beschreiben, wie das ist auf diesem Schloss und wie die sich verhalten, warum nicht die Faszination fühlbar machen auf diese literarische Weise? S. Strick schreibt: »Deswegen sind die leitmedien so zentral: sie regulieren wann und wie eine figur von social media in die normale öffentlichkeit wechselt. ohne mainstreaming in der NYT hätte krastev gar keine ahnung wer moldbug eigentlich ist, und frau knobloch wohl auch nicht. man schafft sich die monster selber.«
8. März | vom Himmel brennendes Öl
Israel bombardiert Öllager in Teheran. Explosionen, schwarze Wolken als Himmel, brennendes Öl strömt die Straßen hinab, verbranntes Öl regnet auf die Stadt, auf die Menschen, die hier leben, Millionen im Ölfeuer.
9. März | in Baden-Württemberg
Gestern die Wahl in Baden-Württemberg, die Grünen gewinnen mit einem halben Prozent Vorsprung, weshalb die zweitplatzierte CDU vorschlägt, das Amt des Ministerpräsidenten zu teilen, politischer Teilzeit-Lifestyle. Auch Vorwürfe seitens der Zweiplatzierten wegen »Schmutzkampagne«. Zwei Videos mit drei Talking-Points in den vergangenen Wochen über den Ministerpräsidentenkandidaten; rehbraune Augen einer Schülerin, der verfehlte Versuch, den Treibhaus-Effekt zu erklären, das Über-den-Mund-Fahren einer Lehrerin.
Im Wahlkampf hunderte Wahlkampftermine für jeden Beteiligten, kaum einer dringt nach draußen. Was dringt nach draußen, warum löst das was aus und das andere nicht, was stößt auf Resonanz, etwas an? Was beschäftigt mich und trägt zu meiner Wahlentscheidung bei? Autobau? Brückenbau? Heizungshammer? Inflation? Gendern? Migration? Überheiße Sommer? Ausfallstunden an Schulen?
Und jedes Video für sich, was würde mir das zeigen über: das Schauen auf Mädchen & Frauen, Klimakompetenz, Umgang mit Stresssituationen? Die Videos in der Summe, was für einen Einblick in einen Charakter gewähren sie? Beeinflusst das meine Entscheidung? Was ist wichtig, was Rauschen? Der SPD-Kandidat bestellt sich nach einem Besuch bei der Tafel Entenpastete, seine Partei schafft es gerade noch so in den Landtag. Der Kandidat von Russland der AfD beschäftigt diese und diese Vettern und fährt damit ein Ergebnis ein, wie seine Partei vor einigen Jahren schon in Ostdeutschland. Wo ordnen sich da Treibhaus und rehbraune Augen ein?
10. März | Klimaberichterstattung
Laut einer Statistik hat sich die Klimaberichterstattung in den deutschen Öffentlich-Rechtlichen-Sendern seit 2023 halbiert.
11. März | wie man verliert
Weiterhin reden über die Wahl in Baden-Württemberg. Der Vorschlag, das Ministerpräsidentenamt zu teilen, scheint ernstgemeint (was, zu Ende gedacht, bedeuten würde: 2027 Lars Klingbeil deutscher Kanzler). Das hauptsächliche Reden aber über die Frau, die eines der beiden Videos teilte. Hauptsächlich Vorwürfe wegen des Veröffentlichens eines öffentlich verfügbaren Videos. Diese Vorwürfe drehen ihre Runden in der Diskursmaschine, die Diskursmaschine dreht bereitwillig mit, in Talkshows, Kommentaren, Kolumnen. Der Vorwurf des Veröffentlichens als eigentlicher Skandal, das soll der eigentliche Gesprächspunkt sein, das soll hängenblieben. Die Maschine der radikalisierten Konservativen rattert, die schlechten Verlierer, die, die Wahl verloren haben, drehen am Diskurs, solange, solange bis die schlechten Verlierer »Wahlbetrug« schreien und konsequent die roten Mützen tragen, auf denen steht: Make Länd Great Again.
Ein zweiter schlechter Verlierer der Kulturstaatsminister, der kürzlich drei prämierte Buchhandlungen vom Buchhandlungspreis ausschloss. Daraufhin jede Menge Kritik, Gegenwind, Solidarisierung, so dass der Kulturstaatsminister nun nicht der Kritik entgegentreten oder argumentieren mag, sondern feige vorsichtshalber die komplette Preisverleihung absagt, weil »eine angemessene Würdigung … in einem solchen Kontext kaum noch möglich« sei.
12. März | große Schuhe
Die Geschichten, die man sich vom amerikanischen Präsidenten erzählt, taugen nicht als Legenden, als Anekdoten, die man sich leicht amüsiert teilt, weil damit immer auch Grausamkeit verbunden ist. Aber auch: Die Geschichte, wie er die Schuhgröße seiner männlichen Untergebenen schätzt und ihnen dann schwarze Schuhe der Marke Florsheim zuschicken lässt, die sie dann beflissen und devot tragen, um den Präsidenten nicht zu erzürnen und weil sich der Präsident öfter mal verschätzt, sind die Schuhe öfter mal zu groß und dann stecken die Füße des Außenministers oder die Füße des Vizepräsidenten öfter mal in viel zu großen Schuhen, dann stehen diese Führer der Welt in Clownsschuhen und schlenkern ihre Füße, weil der Präsident falsch schätzt oder das genauso abgeschätzt hat.
13. März | Krieg Öl Automatismus
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