Hocken und Kauern


1. August | Es

Irgendwann mal gedacht: In Prävention sind wir nicht so gut. Aber wenn es da ist, wenn es nicht mehr zu übersehen ist, geht’s gar nicht anders, als was gegen es zu machen. Ganz offensichtlich ist dieser Sommer dieses es, spätestens: Hitze in Wellen, so und so viele Tage lungern bei 40°, die Dürre, die verbrennenden Ernten, die vollen Krematorien, die versiegenden Flüsse, das braune Gras, die erhitzenden Meeresoberflächen, alles noch ohne El Niño. Es ist da. Und viele der Verantwortlichen bringen es nicht mal fertig, es zu benennen. Es zu benennen wäre das absolute Mindeste, das absolut Vernünftige wäre, etwas gegen es zu tun. Ich war mal optimistisch, ich habe mal gedacht, wenn es da ist. Der Juli hat gekippt. In Ceuta scheitert die europäische Solidarität, Google bietet an, auf Maps mit KI Fantasieorte einzutragen. Jeder nächste Sommer wird der kühlste Sommer deines restlichen Lebens sein. Lass uns die Flüsse tiefer baggern anstatt zu verbreiten.

2. August | Ceuta Brandbrief

Europa: Anstatt zu helfen, lieber einen Brandbrief schreiben gegen. 70 Menschen ertranken.

3. August | in Prävention sind wir nicht so gut

Wenn Bärbel Bas im Interview auf die Frage, was die SPD machen wird, wenn die AfD eine Mehrheit im Landtag bekommt, mit »Das weiß ich doch jetzt noch nicht«.

5. August | Leipzig Drohne fremde Mächte

Am Leipziger Flughafen fängt ein Busfahrer eine mit Sprengsatz bestückte Drohne nahe ukrainischer Frachtflugzeuge mit der Hand aus der Luft. Eine zweite Drohne schlägt in einem Triebwerk ein. Der Innenminister schließt »fremde Mächte« als Drahtzieher nicht aus.

6. August | Niedrigwasserkonferenz

Wegen des Rekord:Niedrig Wassers in deutschen Flüssen, dem versiegenden Rhein heute Einladung zu einer Niedrigwasserkonferenz. Wetter lässt sich nicht ändern, sagt der Verkehrsminister, so ist das, aber die Frachten müssten geliefert werden. Deshalb der Vorschlag, das Sonntagsfahrverbot für LKW-Fahrten aufzuheben, damit die Kohle transportiert werden kann.

7. August | in Prävention sind wir nicht so gut

Neue Prioritäten bei der Bundeszentrale für politische Bildung: inhaltliche Arbeit künftig stärker entlang ihres Kernauftrags ausrichten und sich dabei verstärkt den Themen Linksextremismus und Islamismus zuwenden.

8. August | rauskommt aus Russland

Was eigentlich, wenn rauskommt, dass die Leipziger Sprengsatzdrohne aus Russland stammt? Was müsste dann gesagt werden, was getan?

10. August | Hocken und Kauern

Die Vorstellung, wie Donald Trump hockt und kauert, den schweren Körper zwängt, der, der sich sonst so groß wie möglich macht, sich so klein wie möglich macht in einem Servierwagen, mit dem er aus der Air Force One geschmuggelt wird, weil ein Raketenabschuss durch den Iran befürchtet wird. Und die Vorstellung, wie die Air Force One ohne ihn dennoch abhebt, mit all den entbehrlichen Menschen an Bord.

11. August | Geheimpolizei

Die deutsche Regierung beschließt eine Geheimpolizei. Gab wohl nie einen besseren Zeitpunkt dafür.

12. August | ausschwitzen

Heute einer dieser Tage, an dem ich wieder an diesem ganzen Schreiben – das ja kein literarisches, nicht mal ein kreatives Schreiben ist – zutiefst zweifle. Für wen, wofür mache ich das? Es bereitet ja wenig Freude, sich mit dem all zu dem beschäftigen. Die vergangenen Wochen, in denen ich kaum in das Weltwasser eintauchte, waren so viel gewinnbringender, als sich jeden Tag paar dürre Sätze rausschwitzen und viel zu Großes in meine kleine Tastatur tropfen zu lassen. Anders als bei den Coronamonaten hilft mir das Auslagern von Angelesenem nicht mehr. Besser wird es auch nicht. Verzichtete ich darauf, könnte ich abends zumindest wieder mehr Musik hören.

13. August | Volks Kunst

»Die Kinder- und Jugendabteilung von Each One Teach One (EOTO) e. V. wurde von der Berliner Volksbühne eingeladen, am morgigen Freitag, 14.8. von 12-18 Uhr das Volksbad für eine geschlossene Veranstaltung zu nutzen … Ziel war es, einen schönen Sommerferien-Nachmittag für die teilnehmenden Kinder und Jugendlichen und ihre Angehörigen zu organisieren. Aufgrund der bundesweiten und zumeist sehr polemischen Berichterstattung ist nun aber ein Klima entstanden, in dem wir nicht mehr darauf vertrauen können, dass es eine positive Erfahrung für die jungen Menschen wird und dass die physische und psychische Sicherheit der Kinder und Jugendlichen am morgigen Freitag im Volksbad in der Volksbühne gewährleistet werden kann. Seit Beginn der öffentlichen Diskussion über die Veranstaltung erhalten wir rassistische Droh-E-Mails sowie Gewaltandrohungen und diskriminierende Kommentare auf Social-Media. Wir können daher nicht ausschließen, dass die Kinder und Jugendlichen an dem Tag weiteren Gefahren ausgesetzt wären. Auch steht durch die exponierte Lage des Schwimmbeckens zu befürchten, dass die Wahrung von Persönlichkeitsrechten, der Schutz vor potenziellen diskriminierenden und diffamierenden Äußerungen gegenüber einzelnen Personen sowie eine schadlose An- und Abreise nicht garantiert werden können … [Wir wollten] einen Raum schaffen, in dem Schwarze Kinder und Jugendliche ein paar schöne Stunden im Volksbad erleben können. Aus den oben genannten Gründen ist dies nun nicht mehr möglich. Wir bitten die angemeldeten Teilnehmenden, die sich auf das Event gefreut haben, dafür um ihr Verständnis, dass wir gezwungen sind, die morgige Veranstaltung abzusagen.«

14. August | die gefährlichste Titelgeschichte Deutschlands

Der Spiegel mit Titelbild/Story über den AfD-Spitzenkandidaten Sachsen-Anhalt, unter der Überschrift: »Der gefährlichste Mann Deutschlands«. Wer sich diesen Titel wohl rahmen lassen wird.

15. August | ein Viertel für Count Binface

Nigel Farage gewinnt die Nachwahl in Clacton mit 63%, das Müllgesicht Count Binface erhält 27%. Wegen der Korruptionsvorwürfe gegen Farage könnte es zu einer weiteren Nachwahl kommen, Count Binface hat dafür eine erneute Kandidatur in Aussicht gestellt.

16. August | fickt euch ist keine Kunst

Mitarbeiter:innen der Volksbühne hängen ans Volksbad ein Transparent, auf dem FICKT EUCH geschrieben steht, als Kommentar zum abgesagten Schwimmen des EOTO-Vereins. Aber das reicht nicht. FICKT EUCH ist keine Kunst. FICKT EUCH ist keine Aktion, ist kein Handeln, ist keine Hilfe. FICKT EUCH ist eine Kapitulation.

17. August | ein Weltuntergang wäre es nicht

In drei Wochen wissen wir Bescheid, die Wahl Sachsen-Anhalt wird Geschichte sein. Bis dahin schlagen die Meinungsforschungsinstitute alle paar Tage einen halben Prozentpunkt auf den AfD-Balken drauf und rechnen – je nach politischer Präferenz des Auftraggebers – die kleinen Parteien unter oder über die 5%. Einerseits der Wunderheilung-Skandal der CDU, andererseits der AfD-Spitzenkandidat, der vernügt seinen Spiegel-Titel signiert und zurück in die friedlichen Baseballschlägerjahre möchte, auch der Europaabgeordnete, der in Stendal zwei 14-Jährige mit einem Baseballschläger vom Roller drischt und einen Tag später betrunken autofährt. Auch Männer wie Jan Josef Liefers und Richard David Precht, die aus der Gemütlichkeit des Podcast-Home-Offices analysieren, ein Weltuntergang werde es nicht sein, so eine absolute Mehrheit, so fünf Jahre Remigrationsoffensive, die Demokratie sei resilient. Insgesamt schon klar auch Sorge, ein Aufwachen und Hektischwerden und Warnen auf dem letzten Drücker. Aber auch schon ein präventives Akzeptieren und Abfinden, auch ein bisschen Neugier in der Luft, der Kitzel, aus der sicheren Entfernung einem solch exotischen Experiment mal beiwohnen zu können.

18. August | Damoklesschwert

Wieder einmal ein »Showdown in Thüringen«, wieder einmal mit dem Bündnis für Vernunft und Gerechtigkeit. AfD bietet BSW an, Brombeerkoalition platzen zu lassen und dafür Sahra Wagenknecht zur Ministerpräsidentin wählen zu lassen. Sahra Wagenknecht lehnt ab, will Brombeerkoalition platzen lassen, um »unabhängigen« Ministerpräsidenten wählen zu lassen aus Rache für Sachsen-Anhalt-Wahl weitere Destruktionen. Thüringer BSW-Fraktion lehnt mit 13 von 15 Stimmen, nichts ist geplatzt, dafür bald Landesparteitag, ein weiterer Endkampf Showdown. Alles Erschütterungen in einem eh schon erschütterten Land, den Beteiligten ist klar, dass bei einer derzeitigen Neuwahl Vernunft und Gerechtigkeit und Sozialdemokratie aus dem Landtag flögen, die CDU unter zwanzig Prozentpunkte käme, eine absolute AfD-Mehrheit absolut wahrscheinlich ist. Das als Damoklesschwert, 2029 minus x Jahre, an diesem Damoklesschwert misst sich gerade das politische Handeln in Thüringen.

19. August | eingepreist

Weiterhin Diskussionen um den Der Spiegel-Titel »Der gefährlichste Mann Deutschlands«; Ablehnung, Dämonisierungsvorwürfe, Vorschläge, anstatt des Kandidaten die Zivilgesellschaft Sachsen-Anhalts auf den Titel zu nehmen, den Lehrer Max Heckel, der gegen seine Abmahnung wegen eines vermeintlichen Verstoßes gegen das Neutralitätsgebot klagt etc., eben andere Sichtbarkeiten schaffen, weniger Superlative, weil das Nüchterne eindringlich genug wäre. Und auch: man muss die inhaltlichen Vorwürfe so groß bringen, weil sie so schwerwiegend sind.

Bei ebay wird inzwischen ein von Ulrich Siegmund signierter Spiegel für 500€ versteigt (»Sie bieten auf ein original handsigniertes (keine Kopie oder Druck) Autogramm von Ulrich Siegmund auf Spiegel-Ausgabe. Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Bieten!«), Ein Händler bietet das Cover als Blechschild (Blechschild AFD SPIEGEL ULRICH SIEGMUND Retro Vintage) für 19.95€ an, alles eingestellt, mit einem Preis versehen, nach Angebot und Nachfrage.

20. August | wenn man nicht weg ist, kann man auch nicht wieder da sein

Einige Aufmerksamkeit gerade auf die Abwesenheit des Kanzlers, der vor drei Wochen schrieb: »Schöne Ferien. Tschüss.« und jetzt noch einmal eine Woche Urlaubszeit dranhängt, vielleicht aus medizinischen Gründen, vielleicht, weil es am Wolfgangsee Tegernsee so schön ist. Was Irritationen hervorruft, weil vom Kanzler bisher mehrmals der Vorwurf, man wir das deutsche Volk ich würde zu wenig arbeiten, auch, weil es durchaus Anlässe gäbe, sich zu Wort zu melden (Hitzetote, Leipziger Drohne, Sachsen-Anhalt-Wahl etc.) Die offiziellen Stellen erklären tapfer:
»Aus der Tatsache, dass der Bundeskanzler keine öffentlichen Termine wahrnimmt, zu schließen, der Bundeskanzler sei im Urlaub, ist nicht zutreffend«.
»Der Bundeskanzler nimmt sogar auch nicht öffentliche, aber physische Termine, beispielsweise mit anderen Leuten, im Urlaub wahr, ohne dass ich dabei zu sehr ins Detail gehe.«
»Wenn man nicht weg ist, nie wirklich weg ist, sozusagen nur weil man öffentlich nicht auftritt, kann man auch nicht wieder da sein.«

21. August | ein paar wache Jahrzehnte

Vor vier Tagen geschrieben: »Auch Männer wie Jan Josef Liefers und Richard David Precht, die aus der Gemütlichkeit des Podcast-Home-Offices analysieren, ein Weltuntergang werde es nicht sein, so eine absolute Mehrheit, so fünf Jahre Remigrationsoffensive, die Demokratie sei resilient. « Darauf eine Reaktion, der Hinweis, wie Bodo Ramelow genau das Gleiche gesagt habe: Die Demokratie ist resilient.

Auf dem Weg in den Park denke ich über diesen berechtigten Einwurf nach. Ich denke: Natürlich sagt er das, was soll er auch sonst sagen? Soll er sagen: Die Demokratie hält das nicht aus, wir sind verloren, alles ist dem Untergang geweiht? Nein, ich bin froh, dass er so denkt, auch froh, dass Jan Josef Liefers so denkt und so ein Verständnis im Millionenpodcast Lanz/Precht artikuliert, ein Demokrat, der an die Demokratie glaubt. Im Grunde denke ich genauso. Das Weltbild eines Tillschneiders, der Baseballschläger eines Bausemers wird niemals Bestand haben. Diese Gewalt wird immer untergehen, immer der Loser sein am Ende.

Aber wenn es ein Ende gibt, dann eben auch ein Dazwischen. Und vor diesem Dazwischen fürchte ich mich auch. Nein, nicht nur Furcht. Vielmehr auch Traurigkeit. Traurigkeit, weil es so unnötig ist. Wir müssten das nicht so haben. Der Weg in die Zukunft durch solch einen rechtsextremen Umweg. Wir bräuchten das nicht. Wir hätten so viel Besseres zu tun. Das kostet uns Zeit, Zeit, die wir für anderes viel besser verwenden könnten. Müssten. Da ist auch Wut. Ich fühle mich belästigt. Ich möchte das nicht. Mich nicht mit Titelbildern und Blechschildern und dem ganzen patinaschimmelnden Schwalbe-Simme-Kosmos beschäftigen, irgendwelche Zitate anlesen und rhetorische Kniffe entlarven, kein Duftbaumgrinsen und gereckte Daumen in Social-Media-Kameras, kein Blutlinienziehen. Jede/r verfügt nur über ein paar wache Jahrzehnte in 13 Milliarden Jahre Erde und ausgerechnet das ist jetzt – Deutschland wieder normal – damit ist die Zeit belegt und die Aufmerksamkeit, dahin geht die Energie. Natürlich sind wir resilient und die blauen Remigrationsflugzeugluftballons werden im Rückblick ganz schön schlaff und peinlich sein. Aber das Dazwischen ist meine Lebenszeit, ein paar wache Jahrzehnte noch, deshalb das Schreiben.

24. August | TMI

Jeden Tag dutzende Porträts über Uli Siegmund, jeden Tag dutzende Clips, wie jemand von der Heute-Show auf Granit beißt beim Versuch von Satire mit Rechtsextremen, jeden Tag dutzende Szenarien, die gezeichnet werden für ab 6. September – Kirche, Justiz, MDR, NGO, Schulen, Kultur, das Bauhaus, Universitäten, Behörden etc. – jeden Tag dutzende Meinungsartikel. Jeden Tag dutzende Livestreams von dutzenden AfD-Familienfesten, auf denen sich dutzende Livestreamer gegenseitig filmen, alles ausleuchten und von drei auf Handstativ geschraubten Handys festhalten, wie sich gegenseitig befragt und belauert wird, rechte Aktivisten Spiegel-TV-Teams wegschubsen und niederbrüllen, wie Leute mit gesundem Menschenverstand Linksfaschisten in die Handykameras brüllen, wie verstrahlt die seien und bezahlt vom Staat und man sich selbst auf die Bordsteinkante legen müsste, um auf Augenhöhe sprechen zu können, tausendfach das Brüllen auf den Familienfesten. Dazu die Vorsitzenden mit den Siegerlächeln in den großen Sommerinterviews ohne lästigen Live-Faktencheck, dazu die wiederaufflammende Ost/West-Debatte – Zieht die Mauer wieder hoch! Aufstand der Jammer-Wessis! Wehe, wenn die Langmut im Westen endet! Diese Ossis wollen Sünde ohne Reue! Ostdeutschland ist die Avantgarde der Bundesrepublik! etc. Ohne Ostdeutschland Sachsen-Anhalt die AfD bliebe das deutsche Internet momentan zur Hälfte leer, inklusive dieser Chronik hier.

26. August | Sturzflut

Die Videos aus Nepal sehen, dieses vergebliche Wegrennen, die schiere Größe des Wassers, die Dauer der Sturzflut, der schwarze Schlamm. Wohin dann flüchten, wie in Sekunden?

27. August | im Gespräch bleiben

Gestern im Rahmen des Kunstfests auf den Weimarer Kontroversen gewesen, volles Haus im Lichthaus, wir alle sind hier, die Präsidentin einer Stiftung, die Chefredakteurin einer Medien-Gruppe, von Galerien sind wir, Musiker sind wir, Lehrerinnen, wir schreiben, wir hören zu beim Podiumsgespräch zu »Wie können wir im Gespräch bleiben?«, :: An diesem Abend geht es um den gemeinsamen gesellschaftlichen Umgang mit extremen politischen Meinungsverschiedenheiten sowie dem gezielten Schüren und Instrumentalisieren von Ängsten und Unsicherheitsgefühlen::

Ein Sprechen übers Sprechen, die Defizite unseres Sprechens benennen, die Fehler unseres politischen Sprechens, die Analyse eines Versagens, das Rekapitulieren von Dynamiken, das selbstkritische Benennen von Sprachroutinen, Bubble Bubble Blasen, auf Plauderbänken Gespräche führen, diese inhaltlich vorbereiten, konstruktive Emotionalität, was passiert eigentlich, wenn unser Gegenüber komplett in seiner Emotionalität gefangen ist und wir ihm mit Fakten kommen (oder umgedreht), wer gewinnt denn da, Emotion / Fakt / Affekt / Ratio.

Und da sitzen wir, wir die Kunstinteressierten, wir die Kulturgenießenden, wir die Bildungsbürger auf einer Debatte des Kunstfests über die Herausforderungen einer offenen Gesellschaft und geben uns sehr viel Mühe, über ein besseres Gespräch nachzudenken und Sorgen zu formulieren und kritisch zu hinterfragen, wir reflektieren während unseres Sprechens unser Sprechen und nehmen das Reflektierte als Sprungbrett für die nächste Erkenntnis, als Handlungsaufforderung an uns, über den Gartenzaun hinweg ins Gespräch zu gehen mit dem Nachbarn, die Zeilen sollen nicht hämisch klingen oder zynisch, denn das war gut so und erkenntnisreich und hilfreich, hundert Minuten lang war das so, und auch ein wenig hilflos hat sich das angefühlt, nein, nicht hilflos, auch nicht vergebens, sondern eher, wie in einer Zeitschleife sitzend, ewig schon am guten Gespräch feilend, so lange feilend schon, wie lange feilend noch, jemals aufhören zu feilen, wir geben uns Mühe beim gemeinsamen gesellschaftlichen Umgang mit extremen politischen Meinungsverschiedenheiten.

28. August | kein Teil der Gegenwart

Ja, die Sommerpause ist vorbei, der Urlaub geschafft, der Kanzler zurück im Alltag und eigentlich möchte ich das nicht schreiben, nicht einen weiteren Eintrag in diese eigentlich öde Kategorie einfügen.

Aber auch das Gefühl, dass dies festgehalten werden muss: eine Zeitspanne, in der jede Äußerung des Kanzlers Irritation hervorruft, als ungeschickt und widersprüchlich empfunden wird, so einmal quer durchs Spektrum (anders als bei Annalena Baerbock, wo zumindest ein Teil der Gesellschaft bestimmte rhetorische Ungeschicklichkeiten verteidigte).

So allumfassend mockiert sich jederman über den Kanzler, ironisiert, das Material gibt es her: der stets von uns verdrossene und von unserer Leistung missmutig gestimmte Kanzler, der fordert: »Wir müssen raus aus diesem Klima der Verdrießlichkeit und des Verdrusses. Wir müssen den weit verbreiteten Missmut abschütteln, der unser Land lähmt«. Der Kanzler im Schlagabtausch mit Kinderärztin! Harsche Kritik von Familienvater! Der Klimakanzler, der beim Thema Klimaschutz alle zur Mitarbeit auffordert und empfiehlt, wie in Israel Kindern in die Schule eine Flasche Wasser mitzugeben als Maßnahme gegen die Klimakatastrophe, eine Flasche Wasser für die Kinder gegen die 2°, als praktischer Tipp.

Lauter Nuggets, die sich als Beispiele für – bestenfalls – eine sehr unglückliche Kommunikation nehmen lassen, lauter viral in die allgemeine Unzufriedenheit gehende Zitatkacheln, Belege dafür, als stünde der Kanzler außerhalb dieser Zeit, wäre Fremdkörper in dieser Gegenwart, nicht Teil dieses Jetzt.

29. August | am Riemen reißen

Das Gefühl, dass man sich in Sachsen-Anhalt in den letzten Metern gerade demokratisch am Riemen reißt: 800 singen im Magdeburger Dom mit Herbert Grönemeyer »Mensch«, das Prinzip taktischen Wählens scheint verstanden, aktuelle Umfragen deuten auf ein 5-Parteien-Parlament hin und damit ohne Absolutheit einer Partei, dafür tiefergehende Berichterstattung zur rechtsextremen Streaming-Infrastruktur, TV-Streitgespräche, in denen auch über Inhalte gesprochen wird, jede zweite Meldung zur AfD mittlerweile: »…wurde bekannt, dass ein enger Mitarbeiter vor einigen Jahren Mitglied der rechtsextremen…« etc. Man wirft noch einmal alles, was man hat, in die Waagschale, damit ein 2.1 Millionen Bundesland nicht Präzedenzfall wird und das fühlt sich gerade anders als noch vor Wochen, im Schlussspurt die Demokratie gerettet? Und dann? Ab dem 6. September? Wie geht die Rettung weiter? Wie oft lässt sich alles werfen, alles auf eine Karte setzen, wie vielen Appellen folge ich noch, wie viele West-Ost-Debatten halte ich noch aus, wie oft Atemanhalten, wie viel Riemen ist vorhanden?

30. August | die Russentasse

BILD-Reporter Paul Ronzheimer besucht den kulturpolitischen Sprecher der AfD-Landtagsfraktion Sachsen-Anhalt Hans-Thomas Tillschneider in dessen Büro. Dabei entdeckt Ronzheimer eine Tasse.

Ronzheimer: Da steht russische Armee drauf.

Tillschneider: Ja, die habe ich mal geschenkt bekommen.

Ronzheimer: Von wem?

Tillschneider: In Berlin mal von jemandem.

Ronzheimer: Ja, warum haben Sie eine russische Armeetasse hier stehen?

Tillschneider: Die hat mir mal jemand geschenkt. Ich wollte sie jetzt nicht wegtun. Warum nicht?

Ronzheimer: Aber gut, das ist ja nun die Armee, die die Ukraine angreift, die in Deutschland hybriden Krieg führt…

Tillschneider: Ich verbinde damit jetzt nichts Besonderes. Das ist halt eine Tasse, die mir hier geschenkt wurde. Die herumsteht. Neben anderem Zeug.

Ronzheimer: Was verbinden Sie denn mit der russischen Armee?

Tillschneider: Ja, das ist eigentlich nicht unser Krieg. Ja, das ist nicht unser Krieg. Und die Tasse steht einfach rum. Ich verbinde nichts Großes. Die ist mir irgendwann geschenkt worden, ich weiß gar nicht genau…

Ronzheimer: Und wie stehen Sie zur russischen Armee?

Tillschneider: Das ist nicht mein Business. Dieser Krieg in der Ukraine ist nicht unser Krieg. Und wie soll ich sagen…

Ronzheimer: Aber unterstützen Sie die?

Tillschneider: Nein, ich solidarisiere mich natürlich weder mit der russischen Armee noch mit der ukrainischen Armee. Weil es nicht unser Krieg ist. So.

Ronzheimer: Aber es heißt ja schon was, wenn man da so eine Tasse rumstehen hat. Dann würde ich denken…

Tillschneider: Also, wissen Sie, ich prüfe die Geschenke nicht. Da drüben habe ich auch eine Matroschka. Das hat halt jemand mal dagelassen.

Ronzheimer: Von der Bundeswehr haben Sie nichts, oder?

Tillschneider: Da hat mir auch niemand ein Geschenk gebracht. Die würde ich aber auch hinstellen. Hätte auch kein Problem damit.

Ronzheimer: Wenn das ist russische…Sind das Feinde von uns oder nicht?

Tillschneider: Jetzt hören Sie mit dieser blöden Tasse auf. Das sind weder Feinde noch Freunde. Staaten haben keine Freunde. Staaten hab Interessen. Und ja, die steht hier halt rum.

Ronzheimer: Glauben Sie, dass Russland hinter dem hybriden Angriff in Leipzig steckt?

Tillschneider: Das weiß ich nicht. Ich bin kein Spezialist für solche Fragen.

Ronzheimer: Und das ist aus wie vielen Jahren hier alles so aus Ihrem Büro?

Tillschneider: Wann habe ich das eröffnet? Da müsste ich nachdenken. Ich glaube 2022. Ja. 2022.

Ronzheimer: Und das sind hier Bücher…

Tillschneider: Ja, das sollte eigentlich mal eine Bibliothek werden. Eine Volksbibliothek. Da gab’s auch viele Bücherspenden.

Ronzheimer (zeigt auf ein Buch): Das Buch Hitler. Haben Sie es gelesen?

Tillschneider: Nein. Ich habe hier wenig gelesen. Das sind Bücherspenden. Die kamen in Kartons an. Die habe ich halt einsortiert. Genauso wie diese Tasse … Das war in Berlin … Wer war denn das, der mir das geschenkt hat?

Ronzheimer: Die Russentasse?

Tillschneider: Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß nicht mehr. Ich tu es jedenfalls… [Er versucht, die Russentasse in eine Vitrine zu stellen. Doch der Schrank lässt sich nicht öffnen.]

Ronzheimer: Soll ich helfen?

Tillschneider [stellt die Tasse auf den Schrank]: Stellen wir sie hierhin. Gut. Reicht jetzt.

31. August | Nutznießer

Über was reden wir am Ende dieses Sommers? Über die »Wut-Kinderärztin«, die in einem »TV-Eklat« dem Kanzler vorwirft, seinen Amtseid zu brechen, weil er Gesetze wie das Sparpaket bei Gesundheitsausgaben erlässt? Über den Kanzler, der die Ärztin als »Nutznießerin« des Systems bezeichnet und ihr nach dem Eklat mitteilt, dass ihre Aussagen »straffällig« gewesen seien und als die Wutärztin dem Kanzler ein weiteres Treffen vorschlägt, der Kanzler sie auslacht? Sprechen wir über die 500 km/h-schnellen Drohnen, mit denen Russland Kiew unablässig angreift, Nahrungsmittelversorgung und Energieorte zerstört, Züge, Busse, Kinder, Frauen, Männer jagt? Über den AfD-Bundesvorstand, der auf dem Bundeskongress der Generation Deutschland in Magdeburg sagt: »Deutschland braucht keine 80 Millionen Menschen, sondern kann auch mit 60 Millionen leben …  wir brauchen diese Zuwanderung nicht.« [Jubel, Applaus]? Reden wir über Google, das auf Wunsch des amerikanischen Präsidenten in Maps umgehend Lake Ontario in Lake America umbenennt? Reden wir über die Hitzetoten dieses Sommers, deren Zahl regelmäßig nach oben korrigiert wird? Reden wir über den Gletscherabbruch von Nepal? Reden wir über die Zölle für Temu und Shein? Reden wir über Deutschlands größten Batteriespeicher, der in Straßfurt in Sachsen-Anhalt ans Netz geht und eine halbe Million Haushalte versorgen kann?