Balancieren an Kipppunkten


1. Juli | Das werden Sie noch bereuen

Mainstory heute, noch alles im könnte-so-gewesen-sein: Wie Matthias Döpfner Friedrich Merz zur Zusammenarbeit mit der AfD bringen wollte und Merz sagt: »Nur über meine Leiche« und Döpfner daraufhin gesagt haben soll: »Das werden Sie noch bereuen.«

2. Juli | das Paket

Die Regierung präsentiert ein Paket, ein Reformpaket. Und der dringende Wunsch, dass dieses Paket aufgeht, weil damit Dinge angegangen werden, ohne dabei alles zu zerschlagen, der Wunsch auch, dass mal etwas klappt und Stabilität simuliert und nicht im [kommunikativen] Desaster endet. Im »Paket« dann Verbot von Wohnungsvergesellschaftungen, endlose Befristungen, besonders fatal: die geplante Abschaffung des Informationsfreiheitsgesetz. Der größe öffentliche Zorn entlädt sich über die Krankschreibung ab Tag 1, weil sich in der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung Misstrauen und Bürokratie gekonnt bündeln. Am Tag selbst noch Absetzbewegung der Regierung vom eigenen Paket, quasi doppeltes Desaster. Das Gefühl, dass gerade alles dafür getan wird, damit die anstehenden Landtagswahlen auch ganz sicher in die Hose gehen.

2. Juli | Schleifen

Moderation einer Lesung. Danach zusammensitzen, reden über die Gegenwart, über die möglichem Folgen der Landtagswahlen, was sich wie ändern würde. L sagt, dass er ein grundsätzliches Vertrauen in die Anständigkeit der Menschen habe, das Menschen verstünden, wenn etwas falsch ist, dass selbst regressive Politik diesen Kompass nicht komplett durcheinbringen könnte. Ich stimme zu, auch ich setze auf diese Anständigkeit, aber auch, dass gerade viel getan wird, um dieses Gefühl der Anständigkeit zu schleifen, dass eine Lust an der Unanständigkeit, der Häme, der Freude am Gemein-Sein geschürt werde.

3. Juli | bevor es zu spät ist

Am Tag vor dem Parteitag der AfD in Erfurt ein öffentliches Symposium unter dem Namen »Bevor es zu spät ist. Wissenschaftliche Perspektiven auf die faschistische Gefahr.« Vom Hauptbahnhof aus zum Zughafen laufen, drei Bühnen aufgebaut, in der Sonne sitzen, drei x drei Panels anhören über z.B. Klassenpolitik der Rechten, Was wäre, wenn und Die (Anti-)Klimapolitik der neuen Rechte

Etwa 600 Anwesende, viele aus der Wissenschaft, auch jede Menge sonstige Interessierte. Hier wird ein weiterer Raum geschaffen, Schilder stehen bereit für die Demonstrationen morgen. Dem Reden wohnt – neben dem Vermitteln von Informationen – auch eine Art Rückzugsbewegung inne, ein Vorbereiten auf Szenarien, von denen die Rednerinnen auf den Bühnen annehmen, dass sie eintreten werden. Aber dieser Zughafen auch ein Ort, in dem etwas geschmiedet werden soll, Bündnisse für die Zukunft, für dann, wenn Räume gehalten werden müssen. Appelle werden gerichtet und Strategien diskutiert, an Kipppunkten balanciert, die Regression als Verräterin des Möglichen. Dieses Symposium wird als Momentum begriffen, über Theorie und Empirie sprechen und am nächsten Tag den Gagarin-Ring entlanglaufen zur Messe.

Im Vorfeld des 4. Julis werden Horrorszenarien gezeichnet, bürgerkriegsähnliche Zustände auf Erfurt projiziert, wenn 50.000 gewaltbereite Chaoten einen rechtmäßigen Parteitag mit Pflastersteinen verhindern wollen, gruseln sich auch große Medien vor. An diesem Tag das Vergewissern, dass der Protest durch die Stadt geht – Kirche, AWO, Gewerkschaften, Universitäten etc. – und dieser Protest die Pflastersteine explizit ausspart.

Das Aktionsbündnis Widersetzen verteilt gelbe Westen. Auf dem Gelände das Zughafens wird gemeinschaftlich Pizza gebacken. Vor mir laufen zwei ältere Damen, sie sagen: »Wenn die Parteien das nicht hinbekommen, müssen wir das eben machen.«