Balancieren an aufgekratzten Kipppunkten


1. Juli | Möglichwerdung

Klimaneutral erzeugter Strom im ersten Halbjahr in Deutschland mit so großem Anteil am Stromverbrauch wie noch nie in diesem Zeitraum.

2. Juli | das Paket

Die Regierung präsentiert ein Paket, ein Reformpaket. Und der dringende Wunsch, dass dieses Paket aufgeht, weil damit Dinge angegangen werden, ohne dabei alles zu zerschlagen, der Wunsch auch, dass mal etwas klappt und Stabilität simuliert und nicht im [kommunikativen] Desaster endet. Im »Paket« dann Verbot von Wohnungsvergesellschaftungen, endlose Befristungen, besonders fatal: die geplante Abschaffung des Informationsfreiheitsgesetz. Der größe öffentliche Zorn entlädt sich über die Krankschreibung ab Tag 1, weil sich in der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung Misstrauen und Bürokratie gekonnt bündeln. Am Tag selbst noch Absetzbewegung der Regierung vom eigenen Paket, quasi doppeltes Desaster. Das Gefühl, dass gerade alles dafür getan wird, damit die anstehenden Landtagswahlen auch ganz sicher in die Hose gehen.

2. Juli | Schleifen

Moderation einer Lesung. Danach zusammensitzen, reden über die Gegenwart, über die möglichem Folgen der Landtagswahlen, was sich wie ändern würde. L sagt, dass er ein grundsätzliches Vertrauen in die Anständigkeit der Menschen habe, das Menschen verstünden, wenn etwas falsch ist, dass selbst regressive Politik diesen Kompass nicht komplett durcheinbringen könnte. Ich stimme zu, auch ich setze auf diese Anständigkeit, aber auch, dass gerade viel getan wird, um dieses Gefühl der Anständigkeit zu schleifen, dass eine Lust an der Unanständigkeit, der Häme, der Freude am Gemein-Sein geschürt werde.

3. Juli | bevor es zu spät ist

Am Tag vor dem Parteitag der AfD in Erfurt ein öffentliches Symposium unter dem Namen »Bevor es zu spät ist. Wissenschaftliche Perspektiven auf die faschistische Gefahr.« Vom Hauptbahnhof aus zum Zughafen laufen, drei Bühnen aufgebaut, in der Sonne sitzen, drei x drei Panels anhören über z.B. Klassenpolitik der Rechten, Was wäre, wenn und Die (Anti-)Klimapolitik der neuen Rechte

Etwa 600 Anwesende, viele aus der Wissenschaft, auch jede Menge sonstige Interessierte. Hier wird ein weiterer Raum geschaffen, Schilder stehen bereit für die Demonstrationen morgen. Dem Reden wohnt – neben dem Vermitteln von Informationen – auch eine Art Rückzugsbewegung inne, eine Defensive, wenn es heißt: »40% heißt, dass 60% das nicht wollen.« Ein Vorbereiten auf Szenarien, von denen die Rednerinnen auf den Bühnen annehmen, dass sie eintreten werden.

Aber dieser Zughafen auch ein Ort, in dem etwas geschmiedet werden soll, Bündnisse für die Zukunft, für dann, wenn Räume gehalten werden müssen. Appelle werden gerichtet und Strategien diskutiert, an Kipppunkten balanciert, die Regression als Verräterin des Möglichen. Dieses Symposium wird als Momentum begriffen: Heute über Theorie und Empirie sprechen, am nächsten Tag den Gagarin-Ring entlanglaufen zur Messe und übermorgen einander stützen.

Im Vorfeld des 4. Julis werden Horrorszenarien gezeichnet, bürgerkriegsähnliche Zustände auf Erfurt projiziert, wenn 50.000 gewaltbereite Chaoten einen rechtmäßigen Parteitag mit Pflastersteinen verhindern wollen, gruseln sich auch große Medien vor. An diesem Tag das Vergewissern, dass der Protest durch die Stadt geht – Kirche, AWO, Gewerkschaften, Universitäten etc. – und dieser Protest die Pflastersteine explizit ausspart.

Gelbe Westen werden verteilt. Auf dem Gelände das Zughafens wird gemeinschaftlich Pizza gebacken. Vor mir laufen zwei ältere Damen, sie sagen: »Wenn die Parteien das nicht hinbekommen, müssen wir das eben machen.«

4. Juli | Blockflöte

Genau hundert Jahre nach der Wiedergründung der NSDAP in Weimar heute in Erfurt der AfD-Parteitag, die sehnsuchtsvoll heraufbeschworenen bürgerkriegsähnlichen Zustände auf den Demos finden nicht statt.

Stattdessen das Zusammenwirken verschiedener Gruppen, auch die aufwendige Vorarbeit, die Demonstrationen in zehntausenden Haustürbesuchen zu erklären. Bühnen in der ganzen Stadt, Hirschgarten, Anger, CKB, Oma-Oase, Schattenspender, zwei Demozüge, Kaffeestände, Kneipenchor, über Fünfzigtausend unterwegs. Zu spät auch, weil die blauen Parteitagsgänger nachts um drei schon mit Bussen zur Messe gekarrt werden, um damit der Blockierung der Zufahrtsstraßen zu entgehen.

Mittags brechen die Liveticker latent entäuscht, mindestens gelangweilt wegen der ausbleibenden Eskalation auf den Erfurter Straßen die Berichterstattung ab. Nur einmal Videos, wie in der Halle eine Blockflöte den Imperial March spielt, passenderweise zur Rede des neuen Vize. Leicht panisch klettern Securitys die Messewände empor, um die Blockflötebluetoothboxen zu finden, ein kleiner, gesunder Moment der Absurdität.

Was ansonsten in der Halle geschieht, gespenstig: dieser aufgekratzte Rausch, dieses mit launigen Pointen durchsetzte Selbstbewusstsein, dieser fröhliche Zuwachs des Extremen, diese deutschstolz geschwellte Brust, dieses konstruktive Kadersuhlen in den 30 40 41 Prozent, dieses professionalisierte Abarbeiten demokratischer Prozesse. Das Schicksal der Geschichte schlägt zurück, um die Nation auf die Couch zu legen und das Volk mit sich selbst zu befreunden, die Partei der großen Psychologen will die Seelenverwundeten mit den gebrochenen Identitäten heilen, um wieder Normalität herzustellen. Schaut auf den Zustand der Autobahntoiletten eines Landes und Ihr erkennt den Zustand einer Gesellschaft.

Die Vorstellung, wie es in einem spartanischen Gemeindesaal in Oberursel Februar 2013 war und jetzt, keine dreizehn Jahre später, eine unmögliche Schneise geschlagen in die Zeit, eine Kathedrale zukünftiger Gewalten errichtet.

5. Juli | Unabhängigkeitstag

250 Jahre USA. Drei 83jährige Leben würden dafür genügen, ich finde das nicht viel. Wenn heute das vierte Leben wäre, was würde es sehen? Feuerwerke und LEDs-Drohnenformationsflüge. Vor dem Weißen Haus Aufmarsch der Patriot Front in Khakihosen, Tuchmasken vor dem Gesicht, Konföderiertenflaggen in den Fäusten. Den eingezäunten Reflecting Pool. Trumps Krypto-Coin, bei dem eine Millionen Anleger vier Milliarden Dollar verlieren, der Präsident 700 Millionen Gewinn macht. Absage von Parade wegen Hitze. Verschiebung von Feiern wegen Unwettern. Ein Birthright citizenship, gerade noch so von der Klinge gesprungen. Pro-Transgender, »we will find you and we will kill you«, unterschrieben vom Präsidenten. Der Präsident schaut sich im TV eine Liveübertragung an, die ihm beim Liveübertragung-Schauen zeigt.

6. Juli | Publikumsbeschimpfung als USP

Kulturpessimisten, Untergangspropheten, Nöler, Nörgler, empörte Berufskritiker: Wegtreten!

7. Juli | Balogun

Der amerikanischen Präsident erste FIFA-Friedenspreis-Träger für herausragende Leistungen für Frieden und Völkerverständigung ruft mehrmals beim FIFA-Präsidenten wegen der roten Karte für den amerikanischen Stürmer Folarin Balogun an, woraufhin die FIFA die rote Karte Baloguns für das nächste Spiel der USA »aussetzt«, natürlich, muss man schreiben, natürlich macht die FIFA das. Für das Spiel hat das keine Folgen: Die USA verlieren 1:4 gegen Belgien. Anschließend imitieren die belgischen Spieler Trump beim Tanzen und texten später: »Overturn this!«

8. Juli | Fußfesseln

Marine Le Pen darf französische Präsidentin werden. Mit Fußfesseln. Als ob das genügen würde.

9. Juli | Paket II

Je mehr über das Reform»Paket« bekannt wird, desto verheerender. Maßnahmen, aus denen pauschales Misstrauen spricht, der Wunsch zu bestrafen, auch Abscheu vor dem Schwachen. Wer nicht produktiv ist, wird unter Generalverdacht gestellt, aus dem ein Zwang zur Leistung erfolgt. Allein die absoluten Zahlen: Die größten Streichungen bei Bildung und Gesundheit. Abbau Einstellung der Unterstützung von psychotherapeutischer Versorgung. Elterngeldkürzung in einer Zeit historisch niedriger Geburtenraten. Wohngeldkürzung. Kürzung Unterhaltsvorschuss für Alleinerziehende. Dazu die Abschaffung der Informationsfreiheit. Besenrein wollen die Verantwortlichen das Kanzleramt übergeben.

10. Juli | was man weiß was man tut was man nicht getan haben wird

Diese Woche die Zahlen zur Übersterblichkeit in der Hitzewelle vor zwei Wochen, 5000 Tote aufgrund der Hitze. Deshalb beschließt die Regierung, zukünftig mehr auf Gas- und Ölheizungen zu setzen und beschließt entsprechende Gesetze. VW kündigt die Schließung mehrerer Werke an, darunter auch Zwickau. Grund sind Missmanagement und weniger Absatz von Verbrennermodellen. Würde gern einen Schlaumeierabsatz schreiben zum Verhältnis der deutschen Autoindustrie zur Zukunft. Stattdessen die Schließung in meiner Heimatregion, von der klar ist, dass es nur einen Gewinner geben wird. Was man weiß was man tut was man nicht getan haben wird, im ständigen destruktivem Loop.

11. Juli | Count Binface

Wegen Vorwürfen von Korruption tritt der mögliche nächste britische Premierminister Nigel Farage in einer Nachwahl an. Die anderen Parteien verzichten auf eigene Kandidaten. Allein Count Binface stellt sich dem Rechtsextremen entgegen.

Binface, das Mülleimergesicht, der 5900 Jahre alte Mülleimerkandidat vom Planeten Sigma IX, der den Videobeweis im Fußball abschaffen, die Sängerin Adele verstaatlichen und Manager von Wasserfirmen in jenen Flüssen baden lassen will, in die ihre Unternehmen Abwasser geleitet haben. Lese unabhängig davon: »Es wird mit diesem politischen und wirtschaftlichen System keine sinnvolle Zukunft geben … Alles, was sich ändern muss, muss aus der Gesamtgesellschaft kommen. Wir werden nicht von oben gerettet. Wie das gehen soll, weiß ich auch nicht.« Das ist der Eintrag, das ist der Mood in dieser Monatsmitte, Count Binface als einzig verbliebener Kandidat.

12. Juli | Etwas Besonderes

Im Kino gewesen, Etwas ganz Besonderes gesehen. Nicht nur, weil der Film in Greiz spielt, auch in der historischen Tuchfabrik Crimmitschau stattfindet, meine Geburtsstadt Werdau erwähnt wird, sehr berührt gewesen. Fängt etwas ein, die Regisseurin wird später im Filmgespräch sagen, Stimmungen in ein Gefäß gießen.

In diesem Gefäß, in diesen Bildern das Festhalten eines Zustands, der sich nur schwer vermitteln lässt, was ich auch als typisch empfinde für diesen Landstrich, vielleicht grundsätzlich für Teile Ostdeutschlands; das Immer-etwas-kleiner-machen-als-man-ist, eine gewisse Normalität von Resignation, Isso, klar, die wirtschaftliche Situation, dort Freiburg mit den Fördergeldern, hier die schöne Landschaft und darin die Industrieruinen, die im besten Fall Industriemuseum werden oder meistens eben abgerissen, jede Leerfläche ist auch ein Portal.

Die Historie, was war, die unausgesprochene, uneingestandene Traurigkeit darüber, was verlorengegangen ist und vielleicht gar nicht anders kommen konnte, was dafür hätte kommen können und nicht kam. eine Tristesse Melancholie, die sich festgekrallt hat, in Häuserfassaden ebenso wie in Blicken, die fehlenden Alterskohorten, die leeren Vernissagen. Und die Versprechungen des Kapitalismus, der damit einhergehende Zynismus, die Hoffnung darauf, auserwählt zu werden vom GELD und dann doch nur zweiter werden, hier in Form einer Castingshow, Emotionen nur dann, wenn der Animateur das einfordert.

Ein Film über Abbrüche und das Alltagsleben damit, das ist das Wasser, in dem wir schwimmen, elliptisch, einen Spiegel vorhaltend, nach innen wie für außen. Was sagt dieser Spiegel? Das hier ist die Verliererseite. Was Quatsch ist, natürlich, weil die schöne Landschaft und die vielen engagierten Menschen und die Carports. Aber so richtig die Gewinnerseite ist es auch nicht, jedenfalls im Vergleich.

In dieser Gegenwart realisiert man: Trotz Einigkeit wird die Gewinnerseite immer mehr haben; Vermögen, Erbschaften, Immobilien, Plattformen, Sichtbarkeit. Hier werden auf immer Fördergelder hertransferiert werden. Und nicht umgekehrt. Was tun? Beherzt anpacken und was an den Strukturen ändern, vielleicht 20% der börsennotierten Unternehmen eigenhändig nach Dessau verfrachten? Die Gegebenheiten akzeptieren? Weitermachen? Wütend sein und am Ende dann doch trotzig und braun OstOstOstdeutschland rufen?

Das alles fragt Etwas Ganz Besonderes, in den Bildern, vor allem dazwischen. Der Film spricht. Zehn Leute sind im Kino, klar, sehr sonniger Samstagnachmittag, nicht optimal programmiert. Dennoch. Zehn Leute. Plus Eva Trobisch, Frida Hornemann, Florian Lukas und die Moderatorin. Zehn Leute, die sich dieser Gegenwart aussetzen.

Nach dem Film laufe ich durch Weimar zur Werkschau der Bauhaus-Universität, wo Menschen Anfang 20 jede Menge interessante Sachen machen (u.a. einen Dokufilm über den Borkenkäfer in Thüringen oder Graffiti in Mexiko Stadt).

Und eine von ihnen, einer, der mit Mitte Zwanzig in Berlin sein wird oder in Leipzig, spricht mich aufgebracht an: »Da bekommt Ihr Ossis endlich Eure so lange geforderte Sichtbarkeit und dann setzt Ihr Euch lieber aufs Moselweinfest am Frauenplan und sauft zu einer Westernhagencoverband einen 0,2 Liter Elbling als Euch fragen zu lassen, warum hier Vieles so schief ist, dass sich die politische Gegenwart anfühlt wie ein vom Borkenkäfer zerfressener Fichtenforst.« Er hat natürlich leicht reden, er ist jung und bald wieder weg, aber natürlich nicke ich und denke daran, wie ich die Fotos für diesen Eintrag damals in der Tuchfabrik Crimmitschau gemacht hatte, in meiner Heimat war, einem Industriemuseum.

13. Juli | Transformation

Lindsey Graham stirbt, von Mitch McConnell wird verzweifelt versucht, den Eindruck zu erwecken, er könnte noch am Leben sein, jedenfalls zwei der Republikaner, die maßgeblich für die Transformation der Partei in den heutigen Zustand verantwortlich sind, aus dem Spiel genommen, die Übergangsleute obsolet, wenn der Übergang vollzogen ist.

14. Juli | Tattoo auf der Haut

Nichts ist festgeschrieben. Nichts ist sicher, im Guten wie im Schlechten. Nichts muss so geschehen (außer 1,5°). Das immer auch als Tattoo gut sichtbar auf der Haut tragen.

15. Juli | Steimle Ostalgie

Heute gelernt, dass der Begriff »Ostalgie« wohl von Uwe Steimle stammt. Anfang der 1990er Jahre nannte der Dresdener so sein Kabarettprogramm. Ich schaue das nach, weil ich einen Livestream ansehe mit Steimle von einer Veranstaltung im Golf-Park Dessau. Dort unterstützt Steimle Ulrich Siegmund und Tino Chrupalla für die anstehende »Schicksalswahl« im September 2026.

Für die Unterstützung gibt Steimle den krächzenden Erich Honecker. Vorgeblich, um damit auf die friedliche, antimilitaristische DDR zu verweisen, singt Steimle das Lied von der Kleinen Weißen Friedenstaube. Steimle als Kaffeesachse teilt aus, klar, bringt Angela Merkel in Verbindung mit Wörtern wie »hängen« und »an die Wand« stellen, in Düsseldorf würde man das nicht verstehen, aber hier schon, bei uns weiß man, was damit gemeint ist. Steimle sagt: »Wenn ich Friedrich Merz sehe, frage ich mich manchmal, wo ist eigentlich Stauffenberg, wenn man ihn mal wirklich mal braucht.«, weil damals, 1944 hätte man Staufenberg nicht wirklich gebraucht. Heute schon.

Hier und heute und bei uns meint DDR Ostdeutschland, die Rentnerinnen und Nachgeborenen klatschen begeistert in den Saal hinein. Steimle erzählt – vielleicht noch viel mehr als Höcke, der sich auf eine Simson setzt – etwas über das Verhältnis von Ostdeutschland zur Gegenwart.

Etwas über die Einigelung, das Ostidentitäre, die Dämse im Kopf, die sich anstaut, während man enttäuscht vom Heute ins Gestern schaut. Ein Ventil wird gesucht, wird gefunden. Beispielhaft verkörpert Steimle diese Ostverknöcherung. Man könnte seine Biografie parallel lesen zu einer Entwicklung einer relevanten Größe von Bevölkerungsteilen; gesamtdeutsche Teilhabe durch den kleinen Bruder des Tatorts, den Polizeiruf 110, dann die Selbstermächtigung Pegida, Corona, Friedenstauben, Remigrationswunderland.

So geht sächsisch, denke ich, wenn ich Steimle sehe, der so bodenständig ist in seinem Dagegensein, es so sehr genießt, andere abzuwerten und dafür Pointe um Pointe rauswemst, so schön reinsächselt in die Mordfantasien, alle Sachsenanhaltinierrentner frenetisch zum Füßestampfen peitscht, für die Wende von der Kehre.

Am Ende stimmt Steimle die Nationalhymne der DDR an – Und wir zwingen sie vereint – und der zukunftszugewandte Saal singt mit, spürt Selbstwirksamkeit, Vollende die Wende, Ostalgieende, der Übergang geglückt, von gestern ins Vorgestern, das Gegenteil von etwa ganz Besonderem.

16. Juli | Odyssee

Im Kino gewesen, die Odyssee geschaut, Männer, tagelang zusammengepfercht im hölzernen Pferd, wie Circe Männergesichter in Schweinefratzen verzerrt, wie die Laistrygonen in ihren Rüstungen Schiffe zerschlagen, Blut auf dem schwarzen Hadesstrand, der zweifelnde, zaudernde, bereuende Odysseus, die heruntergezogenen Mundwinkel Athenes.

Im Vorfeld eine Kampagne von maskulistischer neurechter extremrechter protofaschistischer Seite, Elon Musk, all die Incels und Rassisten ergehen sich in Triaden über das Casting. Nachdem ich den Film gesehen habe, verstehe ich ihre Wut. Denn die Odyssee könnte auch ihre Geschichte sein: untergehende Zivilisationen, Städte im Feuer, Völker vor der Auslöschung, ein Mann, der eine Bürde auf sich genommen hat, Kampf, Ehre, gefallene Kameraden, Frauen allein als Spiegel des Manns, die entweder Hexe sind, die den Mann vom rechten Weg abbringen wollen oder Weib sind, das treu auf den Mann wartet, Kampf, Ehreerweisen etc. So ließe sich die Odyssee auch erzählen und verstehen lassen. Und dann ist in dieser Endzeiterzählung Elliot Page ein Held und die schönste Frau der Welt ist Lupita Nyong’o, das ist die Störung, da geht das geschlossene Weltbild nicht mehr auf.

Im Gleichklang zur Kampagne gegen Odyssee von dieser Seite Lobeshymnen für Citizen Vigilante, das Musk kostenlos auf X zur Verfügung stellt, eine Rachefantasie, ein Weißer, der Selbstjustiz übt, indem er alles Nichtweiße wegballert. Das wird gefeiert. Und vielleicht ist es so, dass der Maskuline Neurechte Extremrechte Protofaschist anstatt Nolan eben Uwe Boll hat und genießen muss, dass das die verdiente Kunst dieses Weltbilds ist.

17. Juli | Midterms Schatten

Eine Rede von Trump davon, wie China in großem Stil versucht habe, die Präsidentschaftswahl 2020 zu manipulieren etc. Die Rede seit Tagen angekündigt und dafür getrommelt. Die Erwartung, dass Trump damit den Grundstein legen wird für staatliche Eingriffe in die Wahlen im November. Warnung vor solchen Eingriffen schon seit Wochen und Monaten, auch, weil schon seit Wochen und Monaten längst Grundsteine gelegt und Tatsachen geschaffen werden: Neuzuschnitt von Wahlbezirken, Austausch von Wahlkommissionen, Beschneidung von Wahlrechten, Klagen gegen Wahlmaschinen etc.

Die Erwartung ist, dass die Regierung versuchen wird, Infrastruktur und Bedingungen so zu ändern, dass sie von nun an alle Wahlen gewinnen wird, angefangen bei den Midterms. Vielleicht kommt es nicht so, wenn die Stimmenabgabe massiv ist. Was aber, wenn nicht? Wenn eine deutliche Mehrheit die Regierung abwählen will und die Regierung sich nicht abwählen lässt? Wenn man das schwarz auf weiß hätte und aber nichts änderte sich? Was würden die Mehrzahl der Amerikanerinnen dann tun?

18. Juli | Spahn

Im Auto sitzen, ein Feature hören über Jens Spahn und den allgemeinen Unmut über seine scheinheilige Inanspruchnahme einer Leihmutterschaft. Zwei Stunden später hören, dass er deswegen als Fraktionsvorsitzender zurücktritt. Jemand schreibt: »Frauen kennen das: Kaum ist das Kind da, ist die Karriere vorbei.« Und: »Dieses Baby hat mehr für Deutschland getan als die ganze Regierung.«

Und, auch: Peter Thiel erhält den Axel-Springer-Award. Weil er »neue Märkte geschaffen, bestehende Märkte verändert und die technologischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Debatten unserer Zeit nachhaltig geprägt hat«. Springer Spahn Thiel, wird nicht zum letzten Mal gemeinsam in einem Eintrag gestanden haben.

19. Juli | Keine Angst

Mehrere Sondersendungen über die Auslandung Danger Dans aus dem ZDF. In Keine Angst gibt Dan praktische Tipps im Kampf gegen Rechtsextreme und lässt wenig Zweifel, dass Gewalt dabei ein notwendiges Mittel sein könnte. Deshalb die Ausladung, viel Kritik an der Ausladung und ebenso energisch die Kritik am Gewaltaufruf, gerade von linker Seite. Das ist die unangenehme Frage: Was tun im Ernstfall? Und: Wie nah ist man am Ernstfall? Da fallen die Antworten in Mainz und Kahla durchaus unterschiedlich aus.

20. Juli | Finale

Ein mitleiderregendes Bild: Wie sich der amerikanische Präsident nach dem 1:0 Sieg Spaniens über Argentinien weigert, von der Bühne zu gehen, stattdessen neben den jubelnden Weltmeistern am Rand verharrt, solange, bis er auch sicher auf jedem Foto präsent ist. Bei Polymarket kann auf Waldbrände gewettet werden; wie viele Quadratkilometer die Feuer vernichten, welche Orte die Flammen erreichen und wann sie unter Kontrolle gebracht werden. Auf Kiew wieder die ballistischen Raketen.