Vollkasko Feelings in der Hitzewelle


1. Juni | Metaphernfülle

Erneute Metaphernfülle aus den USA. Das Weiße Haus zu einem Drittel Ruine, davor ein gigantischer Käfig aufgebaut, in dem Gladiatorenkämpfe Ultimate Fighting zur Geburtstagsfeier des Präsidenten ausgetragen werden sollen. Auch: Jede Menge gebuchte Legacy Acts wie Milli Vanilli oder Young MC sagen ihre Auftritte für die 250-Jahres-Feier ab, der Präsident, dessen entschlossenes Gesicht bald die 250-Dollar-Note zieren soll, schreibt daraufhin: »…so I am thinking about bringing the Number One Attraction anywhere in the World, the man who gets much larger audiences than Elvis in his prime, and he does so without a guitar, DONALD J. TRUMP”

Und: Die amerikanische Regierung schaltet eine Webseite frei, auf der im Stil von Matrix / The X-Files die Jagd auf Aliens erklärt wird, Aliens hier keine Außenirdischen, sondern als Wortspiel für ausländisch / fremd / nicht weiß. Das nächste Beispiel für die aktuelle Faschisierung als Meme, als Popkultur, als Genuss an der Grausamkeit.

2. Juni | Bafögbärvollkasko

Achselzuckend erklärt die Bundesministerin für Forschung die Bafög-Reform für gescheitert und sagt dazu Sätze wie »kein Drama, wenn Studierende neben dem Studium jobben – viele sammeln dabei sogar wichtige Erfahrungen fürs Leben und den Beruf« und »Es wird kein Vollkaskostudium geben, jeder muss seinen Teil dazu beitragen«.

Vollkaskostudium ein Begriff wie Lifestyle-Teilzeit, direkt aus der mitleidslosen Neoliberalismushölle, das permanente christlich-soziale Unterstellen von Faulheit, bewusst so gewählt für den Klassenkampf von oben, wieder ein gegendemokratisches Türenöffnen, wieder eine kalkulierte Absage ans Morgen etc. Jede Menge wütende Gegenreden, ich denke an die eigene Studienzeit, an das, was die Studierenden aus meinen Kursen erzählen, wie Vollkasko eben aussieht bei einer Mietpauschale von 380€, wenn man wie Dorothee Bär einst kein Studien-Stipendium der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung erhält.

3. Juni | Return hubs

Die Friedensnobelpreisträgerin EU verschärft / härtere Regeln / Abschiebeverfahren sollen effizienter / Rückführungsverordnung / Abschiebeverordnungen / Abschiebehaft verlängern / Rückführungen konsequent / Einrichtung von sogenannten Abschiebezentren in Drittländern / Errichtung in Ruanda, Libyen, Mauretanien, Usbekistan und Äthiopien / sogenannte Return hubs / keine verbindlichen Rechtsrahmen / keine Garantie auf Wahrung der Grundrechte / EU liefert /

4. Juni | KI für mehr Deutsch

Dreißig Jahre nach HR Kunzes Deutschquote im Radio fordern Ministerpräsidenten von Thüringen und Sachsen-Anhalt im Meinungsartikel in WELT »mehr Raum für deutsche Stimmen« im Radio. Stellt sich heraus: Meinungsartikel über »Unsere Sprache ist ein solcher Anker. Unsere Kultur ist ein solcher Anker« wurde in der Staatskanzlei mit KI geschrieben. Vor wenigen Tagen erst Pressekonferenz vom österreichischen »Plagiatsjäger« mit dem Vorsitzenden der Thüringer AfD, mit dem Ziel, den Thüringer Ministerpräsident wegen Plagiatsvorwürfen zu stürzen. Jetzt, ohne Not, fahrlässig mit KI geschriebener Kulturkampf-Meinungsartikel, die Türen wieder sperrangelweit aufreißen wegen solchen Nichtigkeiten.

5. Juni | Wachstum

In Deutschland leben so viele Menschen in Armut wie seit 2020 nicht mehr, 16% der Bevölkerung. Die Zahl der Menschen, die zu vermögenden Privatpersonen gehören, ist in Deutschland um 11% gewachsen.

6. Juni | Soufflé

Der Kulturstaatsminister mit Zuversicht und neuer Metapher: »Die AfD wird noch in dieser Legislaturperiode zusammenfallen wie ein Soufflé.« Weitere Bilder: »Die Mitte ist leitbildhaft unterzuckert« & »Das Gehäuse der Bürgerlichen ist immer die Eigentlichkeit, nicht die Möglichkeit.«

7. Juni | good news bad news

Die letzten Einträge hier hauptsächlich eine Ansammlung von schlechten Nachrichten. Wer das liest (liest das jemand?), muss annehmen, alles ginge den Bach runter, alles wäre schlimm und furchtbar und nur das Schreckliche noch wäre anwesend. Was natürlich nicht stimmt. Es ist die Auswahl, ich wähle aus, so ergibt sich dieses Bild. Auch.

Ich finde das nicht hilfreich. Es soll nicht die Chronik eines Untergangs sein. Kurz der Gedanke, einen Monat nur Hoffnungsvolles und Mutmachenes zu sammeln und vermerken. Verwerfe den Gedanken. Aber nehme mir vor, öfter darüber zu schreiben, vielleicht nicht täglich, aber etwas einfügen wie: In Tibet verwandelt ein großer Solarpark die Wüste, in der er steht, in fruchtbaren Boden. In den USA entwickelt eine 18jährige ein praxistaugliches Filtersystem, mit dem sich Mikroplastik aus Trinkwasser entfernen lässt.

8. Juni | Aue-Schlema

Weltweit (New York Times) beachtete Oberbürgermeisterwahl in Aue-Schlema mit glücklichem Ausgang: 53% wählen den CDU-Kandidaten, nur 47% geben ihre Stimme einem Rechtsextremen (Neo-Nazi Party Member, NYT). Um 20:00 Uhr wird der Kandidat der Freien Sachsen in der Tagesschau mit Einstufung des Verfassungsschutzes konfrontiert, Neonazi zu sein, er verneint, er habe sich selbst nie als Neonazi empfunden, kommt er 20:00 Uhr in der Tagesschau zu Wort, Objektivität, Neutralität.

9. Juni | wer dazu

»Im Osten sind die Menschen noch Deutsche«, sagt der Thüringer AfD-Vorsitzende in einem Podcast mit Roger Köppel, im Westen hingegen herrsche eine »Ersatzidentität«: »die europäische Integration beziehungsweise die amerikanische Kultur«,Westdeutsche = »deutschsprechende Amerikaner«, Westdeutsche also keine echten Deutschen, sagt der Westdeutsche Höcke. Zahlreiche Berichterstattungen über diese rhetorische Ausweitung der Kampfzone, die als »wirr«, »krude«, »eigenwillig« bezeichnet wird. Wo der Informationsmehrwert, wenn Björn Höcke entscheidet, wer zum deutschen Volk gehören darf?

10. Juni | Belfast Pogrom

Wie beschreiben, um Kausalitäten zu vermeiden bzw. herzustellen. Seit einigen Wochen der Mord an einem Briten in den Algorithmen, bei dem Polizei Hilfe unterließ. Diese Woche der versuchte Mord an einem Briten. Täter jeweils Migrationshintergrund. Deshalb Aufrufe von Rechtsextremen wie Tommy Robinson oder Elon Musk zu Rache und Gewalt, Zurückkämpfen, Reconquista etc. In Belfast ein Mob, der durch Wohnviertel mit migrantischer Bevölkerung zieht, Fenster einschlägt, Türen eintritt, Häuser in Brand setzt, Belfast Pogrom, in deutscher Berichterstattung »Proteste« oder »Nein, das Hauptproblem ist nicht „rechtsradikale Gewalt“«, die Anführungsstriche so im Original.

11. Juni | WM / KI Beginn

Beginn der Fußballweltmeisterschaft in Kanada Mexiko USA. Selten so große Abneigung gegen ein Großereignis verspürt. USA verweigert somalischen Schiedsrichter die Einreise, iranische Mannschaft Einreise, marrokanische Fans Einreise etc. FIFA nimmt das hin, weil FIFA-Friedenspreis und die WM 80 Milliarden Dollar generien soll. Dutzende solcher Beispiele schon vor diesem Tag, Dutzende werden folgen, insgeheim die Hoffnung, dass es zum Abbruch der Spiele kommt, niemand mehr Weltmeister werden möchte.

In Deutschland depubliziert die FAZ einen Gastbeitrag des Thüringer Ministerpräsidenten über Digitalkompetenz (»Smartphone 14, Social Media 16«), weil Beitrag mit KI verfasst wurde, ebenso wie auch Buchenwald-Rede des MPs. Die Staatskanzlei schreibt daraufhin: »Die Thüringer Landesregierung verfolgt mit ihrer KI-Strategie das Ziel, die Verwaltung fit für die Zukunft zu machen – digitaler, effizienter, bürger- und unternehmerfreundlicher … Auch die Thüringer Staatskanzlei nutzt daher KI-Anwendungen als unterstützendes Werkzeug. Die Systeme werden unterstützend bei der Erstellung von Reden, Texten und Beiträgen eingesetzt.« Spüre, wie gut ich es finde, dass der Einsatz von KI noch als beschämend empfunden wird.

Die gute Nachricht: Ein deutsches Gericht verfügt, dass Google für die KI-Zusammenfassung bei Suchanfragen für Fehlinformationen haftbar gemacht werden kann.

12. Juni | Planspiel

Im Bundestag politisches Planspiel »Jugend und Parlament«, alle Fraktionen laden Jugendliche dazu ein. Bald darauf erzürnte TikTok-Videos der AfD-Fraktion, Vorwurf: Meinungen werden unterdrückt und »ihre« Jugendlichen sogar ausgeschlossen von der politischen Teilhabe. Stellt sich heraus: einer »ihrer« Jugendlichen spreizt die Finger zum White-Power-O ab, daraufhin gemeinsame Abstimmung aller Beteiligten über Ausschluss, demokratische Mehrheit entscheidet dafür. Opferinszenierung, Beschwichtigungen (Bundestagspräsidentin: »aber auch nicht überskandalisieren«), Taucher-Ok, (zer)Störung – das Planspiel keine Simulation, sondern Abbild der Wirklichkeit. Aber eben auch, wie es sein könnte: Konsequenz.

13. Juni | Billionär

Elon Musk wird Dollar-Billionär, auf dem Papier, durch den Börsengang von SpaceX, sein Vermögen vor zehn Jahren noch etwas über zehn Milliarden, heute das Hundertfache davon. Lese gerade Muskism, in dem u.a. beschrieben wird, wie Musk Technik, die durch vom Staat finanzierte Grundlagenforschung erst entstehen konnte (Internet, Raumfahrt bswp.) nutzte, weiterentwickelte und dann dem Staat zurückverkaufte. Musk, der, man kann es nicht oft genug schreiben, im letzten Jahr durch DOGE die amerikanische Entwicklungshilfe strich, Zitat » Eine Prognose geht bis 2030 von 14 Millionen verfrühten Todesfällen weltweit durch Einstellung des Programms aus.«

In London werden Plakate aufgehängt: If you have a trillion dollars in a world where children are starving, you’re not a visionary, you’re just a cunt.

14. Juni | Brombeerland

Vor zwei Jahren habe ich beim Dreh für einen Dokumentarfilm über die Regierungsbildung in Thüringen mitgearbeitet. Daraus ist eine 14-teilige Serie entstanden, von Yvonne und Wolfgang Andrä, die es seit heute im Stream zu schauen gibt: www.brombeerland-serie.de

Die Serie erzählt vom Wahlkampf, von der Sinnhaftigkeit von Plakatplakaten, Wahlkampfständen vor Supermärkten, dem Wahlabend. Der wesentlich umfangreiche Blick der Dokumentation richtet sich auf das Zusammenfinden einer Regierung, das Aushandeln von Kompromissen, dem Überzeugen der Basis, dem Einfluss von Bundespolitik, Arbeitsgruppen, Optionsgesprächen, Sondierungsgesprächen, Koalitionsverhandlungen, Arbeitsebenen. Viele Beteiligte kommen zu Wort und das ist in vierzehn Stunden zu verfolgen, die Wege, die Prozesse, die Blockaden, die unnötigen Hürden ist etwas, das auch anstrengend ist, gerade in der Ausführlichkeit sehr vielsagend.

Und klar, die Übertragung von politischen Prozessen in eine Erzählung, die auch verstanden werden kann ohne Politikstudium, hat immer etwas Naives Idealistisches an sich. Eben, weil sich nur ein Teil der Geschehnisse abbilden lassen. Weil viel vom Gezeigten unerzählbare Vorgeschichten hat. Viel hinter sogenannten »verschlossenen Türen« stattfand. Beteiligte natürlich immer Interessen verfolgen. Man nie alles wissen kann. Es beim Aushandeln von Machtpositionen zwangsläufig zum »Machtkampf« kommt und der, neben dem Politischen, etwas menschliche Abgründe erzählt.

Und auch, wenn solche Auseinandersetzungen das Spektakuläre sind, das Bestätigende wären, sind sie im Fall diesr Dokumentation vielleicht gar nicht mal das Entscheidende. Sondern eher: Menschen mit sehr unterschiedlichen Positionen und Charakteren kommen zusammen, um in einem Hase-und-Igel-Spiel zwischen Öffentlichkeit und Vertraulichkeit innerhalb bestimmter systemischer Vorgaben soweit zueinanderzufinden, dass man gemeinsam Entscheidungen treffen kann, die uns alle betreffen.

Und dann stehen diese Politiker / Menschen / mediale Figuren / Rollenbilder im Lichthauskino Weimar zur Premiere der Serie vor der Leinwand. Haben zwei oder drei Stunden lang einen Blick zurückgeworfen auf dieses Aushandeln, das fast zwei Jahre her ist. Und sie sind weiterhin in politischer Verantwortung und diese Machtkämpfe finden weiterhin täglich statt, täglich muss sich behauptet werden, verteidigt und in die Offensive gegangen, die eigene Haltung vs. Tagespolitik gesetzt werden. Und doch ist das auch ein Teil des Lebens, den sie und wir gesehen haben, Arbeit, ja, aber Einschnitte in die Zeit.

Und ich sitze dann eher im hinteren Teil des Kinos und betrachte alles aus der Ferne, war bei einigem selbst dabei, aber vielem nicht. Die Serie zeigt Zusammenhänge auf, Leerstellen, Probleme, Dinge, bei denen ich die Hände über den Kopf zusammenschlage, ich bin ergriffen, geschockt, fiebere mich, bin erschöpft, wütend, sorge mich – aber ich gucke aus der Ferne, obwohl das auch Teil meines Lebens ist.

3x wurden ausgewählte Folgen gezeigt. Neben Unterstützerinnen des Films und Gästen waren auch und vor allem in der letzten Vorstellung viele Zuschauerinnen aus dem politischen Betrieb Thüringens dabei, aus fast allen Fraktionen – solche, die im Film eine Rolle spielen (Ministerpräsident, Innenminister, Finanzministerin, Kandidatinnen, Strategen, Journalisten etc.) und aus deren Umfeld. Und es gab unterschiedliche Reaktionen, je nachdem, wer im Publikum saß, wie wurde gelacht / geklatscht / geschwiegen, als die 2024 Frage zu KI an Mario Voigt kam, als es Höcke in Saalfeld die Stimme verzerrte, die Lichter in Ilmenau blinkten, Sahra Wagenknecht aus Berlin einpeitschte etc.

Auch unterschiedliche Erwartungshaltungen. Eine Fraktion, die während des Drehs die Türen eher geschlossen hielt und nun gern auch auf der Bühne stehen möchte. Die Frage aus einer Fraktion danach, ob die Zeit, die jede Partei im Film erscheine, per Stoppuhr ausbalanciert sei, so, als würde für eine Dokumentation Talkshow-Regeln gelten. Auch die Irritation der Journalisten, dass die Politikerinnen teilweise gedutzt wurden, etwas, so die Journalisten, sie niemals machen würden.

Hier stoßen Erwartungen aus unterschiedlichen Bereichen aufeinander (Politik, Journalismus, Dokumentarfilm), die jeweils eigene Rituale und Formen haben. Diese Stoßem sorgt für Reibung, wenn diese Bräuche eben unterlaufen werden. Die Beziehung Politik – Journalismus ist ein wichtiger Bestandteil der Serie, der an den stärksten Stellen gar nicht so sehr das Formelhafte politischer Kommunikation ausstellt, sondern zeigt, dass der Widerspruch manchmal nicht zu lösen ist: Politik sollte so transparent wie möglich sein und manchmal macht es schon Sinn, wenn hinter verschlossenen Türen beraten wird.

Wird die Serie einmal ein historisches Dokument? So hat man Politik Mitte der 2020er Jahre gemacht? Wird man später viel klarsichtiger schon erkennen, welche Prozesse woraufhin zuliefen? Ich hoffe, die Serie wird geschaut werden. Die Einträge von damals sind hier gesammelt und lassen sich nachlesen: Brombeerland-Texte.

15. Juni | UFC im Weißen Haus

Gestern 80 Jahre Donald Trump, Feier im Weißen Haus mit aufgebautem Käfig The Claw fürs Ultimate Fighting Championship, Dehnübungen im Präsidentenflügel, die Mixed-Martial-Arts-Kämpfer werden in The Claw vom Militär eskortiert, eingeschlagene Gesichter, blutende Fressen, Joe Rogan moderiert, Thunderbirds der US-Luftwaffe und die Blue Angels der US-Marine führen einen Überflug vor. Lauter Geschenke des Präsidenten an sich selbst, lauter Symbolbilder, auch der Algenwuchs im umgebauten Reflexionsbeckens vor dem Lincoln Memorial.

Aber auch: die Kämpfer werden in Trumps Cryptowährung bezahlt, Trump lässt zum Andenken an diesen Tag Goldmünzen für 12000$ das Stück verkaufen, Fundraisertreffen für eine Million Dollar, das Freedom250-Spektakel für alle Amerikaner, kann nur im Abo beim gerade gemergten Paramount+ gekauft werden.

16. Juni | keine saubere Antwort

Weiterhin KI-Diskussionen, jetzt auch im Journalismus. Ein Tagesspiegel-Chefredakteur wird vom Amt entbunden, weil er Meinungsartikel von KI schrieben ließ. Der Springer-Vorstandsvorsitzender lässt von Gemini einen Text verfassen, der die Position der FAZ »fulminant entkräftet« und erklärt, am vorgeschlagenen Text keine Änderungen vorgenommen zu haben. Die OAZ schreibt, dass ihre Holding eh seit sechs Jahren systematisch KI einsetzt und verteidigt Mario Voigt für dessen KI-Buchenwald-Gedenkrede mit: Hinter vielen KI-Unternehmen stehen »in entscheidenden Funktionen jüdische Gründer, Investoren und Forscher, Nachkommen jener Menschen also, an die Voigt erinnern wollte. … Ist es wirklich so absurd zu fragen, ob es nicht moralisch eher angemessener ist, Gedenkworte mit Hilfe von Modellen zu formulieren, die in Unternehmen entstanden sind, die von Nachkommen der Opfer maßgeblich geprägt wurden, als sie ausschließlich von Nachkommen der Täter formulieren zu lassen? Wir stellen die Frage rhetorisch, sie hat keine saubere Antwort…«

17. Juni | Send Them back

Das EU-Parlament beschließt Abschiebelager in Drittstaaten, 2 ½ Jahre ohne Papiere und Rechte irgendwohin deportiert werden können. Daraufhin Jubel, Standing Ovations, minutenlange »Send them back«-Rufe im Parlament, das Feiern von Grausamkeit, die Lust an der Kälte, jetzt als gemeinschaftliches Singen europäischer Volksvertreter.

18. Juni | Vertrag von Versailles

Im Schloss von Versailles, am Tag, nachdem der Bundeskanzler ihm ein Trikot der deutschen Nationalmannschaft mit der Rückennummer 47 übergeben hat (Schließlich gehören wir zum selben Team), unterschreibt der amerikanische Präsident die Absichtserklärung für ein Konfliktende mit dem Iran.

19. Juni | algengrüner Pool

Eine nächste Metapher, man weiß gar nicht mehr hin mit den Sinnbildern. Trump lässt für viele Millionen Dollar den Lincoln Memorial Reflecting Pool in »American flag blue« streichen. Innerhalb von Tagen explosionsartiges Algen-Wachstum, das Wasser wird zu einer grünen Brühe. Männer kippen Wasserstoffperoxid hinein, die blaue Farbe löst sich vom Boden und treibt als Klumpen durch den Swamp.

20. Juni | Hundstage I

Die Hitzetage beginnen. Nicht sollte politischer sein als das.

21. Juni | was es ist was ist es

Der gerade so neu gewählte Die Linke-Parteivorsitzende sagt in einem Interview: »Letztlich gibt es gerade gar keinen Unterschied zwischen der CDU, die faschistische Politik macht, der AfD oder den Faschisten selbst«.

Diese Äußerung ruft empörte Gegenreden quer durch alle Parteien hervor. z.B. von Ricarda Lang, die sagt: »Die Gleichsetzung von CDU und AfD ist inhaltlich falsch, geschichtsvergessen und mit Blick auf die Verteidigung der Demokratie gefährlich«

Auch die Bitte darum, mit dem Begriff Faschismus »sorgsam« umzugehen, weil für das, »was die Union macht gibt es viele andere Bezeichnungen«, was wiederum empörte Gegenreden hervorruft.

In Krefeld erklärt ein 23-jähriges CDU-Mitglied »Wir haben früher die Juden vergast, und jetzt vergasen wir die Muslime«. Was empörte Gegenreden hervorruft, ein Parteiausschlussverfahren wird angekündigt.

Kurz vor dem WM-Spiel Deutschland-Elfenbeinküste Samstagabend wird von der Regierung die Pressemitteilung zu einer Rente nach »schwedischem Modell« rausgeschickt.

Bei einer Umfrage steht die AfD bei 29%, die CDU bei 20%, die Asylanträge befinden sich auf dem niedrigsten Stand seit 13 Jahren.

22. Juni | Brexit Graveyard

Zum zehnjährigen Jubiläum des Brexit-Referendums tritt der britische Premierminister Keir Starmer zurück, der sechste Regierungschef in zehn Jahren. Lese irgendwo den Begriff Brexit Graveyard, die unstete britische Politik eine Folge des Brexits. Aber auch: eine ehemalige Arbeiterpartei, die auch deshalb scheitert, weil sie versucht, die Politik von Rechtsextremen zu kopieren.

23. Juni | zurückgenommen

Linke-Chef nimmt die Aussage, wenn CDU faschistische Politik mache, dann keine Unterscheidung zwischen AfD oder den Faschisten mehr möglich, zurück. Entschuldigt sich, Carsten Linnemann nimmt die Entschuldigung nicht an, denn »Wer so eines Geistes Kind ist, darf keine Verantwortung in unserem Land tragen«, sagt der Generalsekretär jener Partei, über dessen Fraktionsvorsitzenden neulich erst bekannt wurde, dass dieser mehrmals an Netzwerktreffen von Peter »I no longer believe that freedom and democracy are compatible« Thiel teilnahm, der Partei, die die Linke ohnehin durch den Unvereinbarkeitsbeschluss gern mit der AfD gleichsetzt und/oder als extremistisch bezeichnet etc.

Jede Menge Widersprüchlichkeiten, die auch Ausdruck einer politischen und medialen Unwucht in der Bewertung von Aussagen ist. So oder so mitten in einem ablenkenden, ungeschickt ausgelösten Diskursspektakel. Nähme Die Linke diese Aussage ernst, würde dies ein Regieren in Ostdeutschland unmöglich machen.

Viel produktiver die Frage, inwieweit aktuelle bürgerlich-konservative Politiken (gern auch: sozialdemokratische / linke etc.) rechtsextremen autoritären neurechten totalitären populistischen faschistischen etc. Dynamiken Raum schaffen / in Kauf nehmen / gewähren lassen / aktiv fördern. (Söder will »absolutes verfassungsrechtliches Minimum« beim Bürgergeld / Wohngeld-Kahlschlag: SPD-Ministerin Hubertz streicht ein Drittel der Berechtigten aus der Liste / Mersedeh Ghazaei Die Linke erklärt: die größten Verbrecher sitzen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk / Hilfe bei Abschiebungen: Bundesregierung will mehr Taliban-Vertreter in Deutschland / Baden-Württemberg: Grüne geben Polizeidaten für Palantir frei etc.)

24. Juni | Sabotage

In Washington patrouillieren Soldaten am Reflecting Pool, um vermeintliche Sabotageakte zu verhindern, das Algenbecken wird zum Touristen-Hotspot. In Frankreich Temperaturen über 40°. Beim Werkstattgespräch der CDU zum Klimaschutz ist kein klimapolitischer Sprecher der Partei dabei, dafür mehrere Vertreter der Wirtschaft, Klimaschutz, wird gesagt, führe zur Deindustrialisierung der deutschen Wirtschaft, »Muss man nicht erstmal die ersten 80 Prozent CO₂-Reduktion schaffen und dann, wenn die Welt uns wirklich folgt, die letzten 20 Prozent?« Am Abend in den Wetterberichten korrigieren die Metrologinnen die Zahlen für die kommenden Tage nach oben, bis über 40 Grad seien auch hier zu erwarten.

25. Juni | Fest der Demokratie

Fest der Demokratie in Weimar, es »bringt Menschen zusammen, um über die Zukunft unserer Gesellschaft ins Gespräch zu kommen – offen, respektvoll und generationsübergreifend«, weil »die Stadt erinnert auch daran, wie fragil demokratische Systeme sein können und welche Verantwortung damit einhergeht. Gerade dieser Spannungsbogen macht Weimar zu einem besonders passenden Ort.«

Marion Walsmann spricht, Christiane Lieberknecht, die Workshops in der Weimarhalle sind alle ausgebucht. Im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte beschließt die AfD mit Unterstützung der CDU, künftig auf Mittel aus dem Programm Demokratie leben! zu verzichten, dieser Beschluss möglich, weil fast die Hälfte der gemeinsamen Fraktion von FDP und SPD abwesend war. In Thüringen bereitet man sich auf den 4. Juli vor, den Parteitag der AfD.

Dreizehn Monate wertet ein Expertenteam drei Millionen Datenpunkte aus und kommt zu dem Schluss, dass die AfD verfassungswidrig ist und ein Parteiverbot erfolgreich wäre. Der grüne Ministerpräsident Özedmir will sich einsetzten, dass das Gutachten »sorgfältig ausgewertet« wird und erklärt, dass »auch ein Parteiverbot wird die Probleme Deutschlands niemals lösen. Wir müssen die Themen aufgreifen, die die Menschen zur AfD treiben, und wir müssen dorthin gehen, wo sie besonders stark ist.« Im hessischen Schalmstadt übernimmt ein unbekannter Bürger während der Sommerferien die Kosten fürs Freibad für alle bis 15 Jahre.

Am Abend wird auf dem Demokratiefest das WM-Spiel Deutschlands gegen Ecuador gezeigt. Ruhig, ohne übermäßige Gefühlsaufwallungen sitzen bielleicht zweihundert auf der Wiese und verfolgen das 1:2. In den Wettberichten korrigieren die Metrologinnen die Zahlen für die kommenden Tage nach oben, mit 43° wird im Osten gerechnet, man habe in der Redaktion lange diskutiert, ob man diese Zahl setzen solle, aber die Szenarien geben diese her.

26. Juni | Hitzeliveticker

Endlich die Hitze-Liveticker (denn nur was einen Liveticker bekommt, hat Relevanz): Winterdienst kühlt Straßen in Thüringen. AKW Beznau heruntergefahren. Schweiz meldet neuen Hitzerekord für Juni. Klimaanlage defekt: Zug bei Bonn evakuiert. Offenbar neuer deutscher Hitze-Rekord: 41,3 Grad in Saarbrücken. Extreme Hitze: Notfallplan für Kliniken in Paris aktiviert. Großbritannien: Dritter Hitzerekord in drei Tagen für Monat Juni. Nachstellung der Schlacht von Waterloo abgesagt. Hitze beschädigt Fahrbahnen auf A3 und A48. Bundestagsvize warnt vor Hitze – Reichstags-Kuppel bleibt geschlossen. Wassertemperatur der Flüsse: Fischsterben an der Mosel droht. Der für diesen Samstag geplante Bevölkerungsschutztag mit Bundesinnenminister Alexander Dobrindt in Freiburg findet wegen der aktuellen Hitze nicht statt. Feuerwehr Stuttgart rettet Turmfalken aus überhitzter Dachverkleidung. Leseempfehlung: Acht Tipps für Sport bei Hitze.

Der Gedanke, ob der Übergang im Titel dieser Chronik nicht auch den Übergang in eine 2°-Welt meinen könnte.

27. Juni | Hitzeplatzangst

Wieder ein heißester Tag, wieder Rekordtemperatur, diesmal Möckern-Drewitz in Sachsen-Anhalt mit 41,5°. Autobahnasphalt platzt, überfüllte Krankenhäuser, brennende Stromtrafos, die Bahn rät vom Fahren ab, Offenbach warnt vor Trinkwasserknappheit. Endlich ein Hitze-Brennpunkt, endlich breitflächig Zahlen und Kurven gegen »So ist Sommer halt« und »Früher hatten wir auch solche Temperaturen, hört mal auf mit eurem Klimagedönspanikmache.« In Leipzig wird wegen verklumpter Schienen der Straßenbahnverkehr eingestellt (»Die außergewöhnlich hohen Lufttemperaturen haben an Schlüsselstellen im Netz dafür gesorgt, dass flüssig gewordene Fugengussmasse in Weichen und Schienen lief.«). Jemand schlägt vor, dass Hitzewellen zukünftig die Namen von Klimaleugnern oder Firmen fossiler Energie erhalten sollten (Hitzewelle Aramco, Hitzewelle Exxon, Hitzewelle Blackrock, Hitzewelle Höcke etc.)

Markus Söder kündigt an, Druck machen zu wollen in Brüssel, damit die europäische CO₂-Flottenregulierung konsequent technologieoffen ausgestaltet werden kann. Der Flughafen Hannover bewässert ununterbrochen Start- und Landebahnen, um den Flugbetrieb aufrechtzuerhalten. Das Umweltministerium empfiehlt, morgens und abends zu lüften.

Ich bin im Bad, ich bin im Schatten, meine Fenster sind verdunkelt, ich lüfte morgens, ich lüfte abends, ich esse was mit kalten Gurken – ich halte die Hitze aus. Dennoch löst die Hitze Platzangst aus. Ich kann der Hitze nicht entkommen. Nicht dauerhaft. Ein Gesetz wird abgeschafft, eine Regierung wird abgewählt, ein Krieg endet. Die Hitze nicht. Die Hitze von heute ist die Entscheidung von vor fünfundzwanzig Jahren. Die nächsten fünfundzwanzig Jahre sind die fünfundzwanzig Jahre danach mit ihrem Öl und Gas und Fleisch und Zement. Selbst, wenn wir ab nächster Woche alles richtig machen würden, die fünfundzwanzig Jahre Hitze bleiben. Sie verändern, sie tauen den Permafrostboden auf, sie dringen vor zu den Kipppunkten wie Karies an die Wurzel geht. Ich kann der Hitze nicht entkommen, sie wird bleiben. Tage wie dieser werden bleiben. Platzangst.

28. Juni | Hitzetriathlon

Etwas Banales: Das einzige Freibad der Stadt schließt an diesem heißesten Tag des Jahres, weil dort ein Triathlon stattfindet. Ich empöre mich unverhältnismäßig darüber, empfinde dies als Eingriff in meine Freiheit, mir wird etwas weggenommen, ein Tag im Bad bei 40°, selbst, wenn ich weiß, dass im Radius von dreißig Kilometern andere Bäder auch erfrischendes Wasser für mich bereithalten würden. Was mich auch triggert: ein Triathlon bei 40°, mir wird gesagt, bei diesen Temperaturen körperliche Anstrengungen vermeide, ich lese von den überfüllten Notaufnahmen mit den Hitzekollabierten.

So erscheint mir ein Triathlon bei 40° als Sinnbild für die Unfähigkeit, sich einer veränderten Situation anzupassen. Es wird weitergemacht wie bisher, fortgefahren, wie die Planung das vorsah, obwohl die Umstände sich geändert haben. (Oder geht es darum, Widersprüche auszuhalten? Die Triathlonstrecke wurde gekürzt, es gibt Kühlwesten für die Teilnehmerinnen, Wasserspendestationen. Es wurde sich angepasst. Und dennoch rennen welche bei 40° Kilometer um Kilometer über den aufbrechenden Asphalt.)

Woanders sind auch 40°. Aber woanders hat sich auf 40° eingestellt, über viele Jahrzehnte sich angepasst. Ich lese: In Deutschland lässt man nachts die Rollläden runter und zieht sie tagsüber hoch. Bei 40° muss es umgedreht sein. Bei 40° müssen die Städte anders sein, die Wohnungen müssen anders sein, das Arbeiten muss anders sein, das Bewegen, die Tagesabläufe. Wenn das Bundesumweltministerium empfiehlt, sich einzucremen und genug zu trinken, dann ist das kein Anders. Das Anders muss gelernt sein, eintrainiert, vorbereitet, akzeptiert, großflächig unterstützt und aufgebaut werden. Wie weit weg wird dieses anders sein, wenn es wieder 20° hat?

29. Juni | Hitzegummistiefel

Zeitweise Regen, Luftfeuchtigkeiten, tagsüber die Fenster auf Durchzug stellen können: der Peak der Hitzewelle überschritten. Wenn Hochwasser ist, kommen Aktionen. Entscheidungsträger steigen in Gummistiefel und gehen zu den Sandsäcken. So ist das Bild. Um im Bild zu bleiben: Bei Hitze zieht niemand Gummistiefel an. Der Umweltminister verweist eher genervt auf die 100 Milliarden, die die Kommunen für genau so was erhalten haben, der Regierungssprecher erklärt, das Thema zur »Chefsache« zu machen, würde das Wetter auch nicht ändern. Sprachlosigkeit als Strategie.

30. Juni | Sechzehntelfinale

Nachdem die deutsche Nationalmannschaft im Sechzehntelfinale der WM gegen Paraguay ausscheidet, erscheint unter dem Namen des Bundeskanzlers: »Auch wenn das Ausscheiden schmerzt: Was für ein Spiel. Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch.« Nachdem viel Kritik und Häme über diese Zeilen ergehen, informiert das Kanzleramt, dass ein junger Mitarbeiter entgegen der vorherigen Absprachen den falschen Tweet veröffentlicht haben soll: »Falscher Tweet, falscher Zeitpunkt, falscher Knopf.« Diese Zeilen mit wenig Relevanz, eher gedacht als Festhalten eines aktuellen Stimmungsbilds.

Mit guten Begebenheiten den Monat beenden: In Leipzig packen viele Freiwillige mit an, um die durch die Hitze des Wochenendes verklumpten Straßenbahngleise freizukratzen, die Leipziger Verkehrsbetriebe bedanken sich: »Wir sind wirklich gerührt und unglaublich dankbar, dass heute so viele von euch gekommen sind, mit angepackt und uns ihre Zeit geschenkt haben. Jede helfende Hand hat dazu beigetragen, einen wichtigen Teil der Gleise von der Fugengussmasse zu befreien.« Nach Jahren des Niedergangs wächst die Population der Mangroven-Bäume – die Millionen vor Stürmen schützen und klimaschädliche Gase aufnehmen – weltweit wieder an.