Weil der Bürger Frust hat


1. Mai 2024 | Tag der Arbeit

Am Tag der Arbeit sprechen über die Arbeit. Ein Essay fragt: Sind die Deutschen einfach zu faul? Der Arbeitgeberpräsident fordert: Die Deutschen müssen mehr und länger arbeiten. Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit der Deutschen im europäischen Vergleich (über 6 Stunden hinter Griechenland). Die hedonistische und angesichts des Fachkräftemangels vollkommen lebensferne Forderung der GenZ nach einer ausgeglichenen Work-Life-Balance. Steuerbefreiung für Überstunden, um die Arbeitnehmer zu mehr Überstunden anzuregen.

Aber auch: 700 Millionen unbezahlte Überstunden im vergangenen Jahr. 700 Millionen. Unbezahlt. Hohe Fehl- und Krankenzeiten, die sich auch auf hohe Arbeitsbelastung zurückführen lassen. Entwicklung des Lohns im Vergleich zu Entwicklung Vermögen.

Wir können sagen: Arbeitergeber / Arbeitnehmer. Wir können auch sagen: Arbeitskraftnehmer / Arbeitskraftgeber.

2. Mai 2024 | Anfang Mai

Ron DeSantis unterzeichnet ein Verbot von im Labor gezüchtetem Fleisch in Florida, weil Eliten es durchsetzen würden. Trump erläutert im TIMES-Interview seinen militärischen Plan, 15 bis 20 Millionen Menschen zu deportieren. An der Columbia Universität in New York teilen einige propalästinensische Demonstranten Juden in gute und schlechte Juden ein, später stürmen räumen befrieden bekriegen Polizisten den Campus.

3. Mai 2024 | Frat

Pro-Palästina-Demonstration an der Universität Mississippi. Den 30 mit »Stop the Genocide«-Schildern stellen sich mehrere hundert Southern frat boys entgegen, gehüllt in Amerikaflaggen, mit Trump-Schildern, MAGA-Caps, brüllen die anderen nieder, Lock them Up, Your Nose is huge, Hit The Showers, Blutlust in den Gesichtern, sie würden auch lynchen, wenn man sie ließe.

4. Mai 2024 | einer der Gründe

In Dresden wird der Spitzenkandidat der sächsischen Sozialdemokraten für die kommende Europawahl beim Plakataufhängen so zusammengeschlagen, dass er notoperiert werden muss. Die Tage davor die Übergriffe in Essen, Lunow-Stolzenhagen, Zwickau. Am Donnerstag bei einer Podiumsdiskussion: Gründe, weshalb sich 1920er Jahre nicht so ohne Weiteres auf die Gegenwart übertragen lassen können. Einer der Gründe: Die Gewalt, die damals auf die Straße getragen wurde.

5. Mai 2024 | Kicherkanzler, Dämonenkanzlerkandidat

Kicherkanzler als Beschreibung einiger für Olaf Scholz, weil er bei einem Bürgerdialog in einer Art Rollenspiel imitiert und sagt: »Natürlich traue ich meinen Freunden. Trotzdem würde ich nicht jedem alle Waffen geben«. Dann lacht er kurz los, wie damals, als er vom Umstieg von Elektro- auf Gasofen sprach.

Kanzlerkandidat mit Dämonen als Beschreibung in einer Titelgeschichte über Friedrich Merz. Darin werden mit großer Lust Szenen aufgeführt, die ihn jähzornig, wehleidig, unkontrolliert, aggressiv erscheinen lassen.

Aktueller Kanzler, baldiger Kanzler, ihre öffentliche Wahrnehmung.

7. Mai 2024 | normalität

Putin ordnet Übungen mit taktischen Atomwaffen nahe der ukrainischen Grenze an. Die mögliche republikanische Vizepräsidentinkandidatin Kristi Noem spricht sich für das Töten von Hunden aus.

8. Mai 2024 | Erfindungen

»Unsere #Klima-Politik ist das Gegenteil von dem, was die #Grünen wollen und tun. Wir wollen nicht dirigieren und bevormunden, sondern gute Rahmenbedingungen schaffen und Ziele formulieren, aber es dann Ingenieuren und Erfindern überlassen, wie wir diese Ziele erreichen.« tweetet Team Friedrich Merz.

Dann könnte hier etwas von Erfindungen stehen, die Ingenieure schon mal gemacht haben, z.B. Solarpanels, Windräder, Batteriespeicher, Elektroautos, Wärmepumpen. Und den Tweet als Hilfe lesen, um das Denken dahinter besser zu verstehen: Ein Warten auf die eine Erfindung, mit der man nichts ändern muss, damit alles so bleibt, wie man es gewohnt ist.

9. Mai 2024 | Überschreiben

In Malmö protestiert Greta Thunberg zusammen mit anderen gegen die Teilnahme Israels am Eurovision Song Contest. Wie eine Person der Zeitgeschichte ihr Bild innerhalb weniger Monate umschreibt und neu definiert.

10. Mai 2024 | Wurm

Robert F. Kennedy Jr., parteiloser Kandidat für die amerikanische Präsidentenwahl, berichtet von einem Wurm, »der in mein Gehirn eingedrungen war, einen Teil davon gefressen hatte und dann starb.«

11. Mai 2024 | absurd

Nächste Islamistendemo in Hamburg. Nach mehreren Auflagen tragen die über 2000 Demonstrierenden auf den Schildern, auf denen davor »Kalifat ist die Lösung« stand, nun »Censored«. Demonstriert werden darf auch, weil Sympathiebekundungen für ein Kalifat in Deutschland als »absurd« eingestuft werden und das Bundesverfassungsgericht festgestellt hat, dass absurde Meinungen als Teil des geistigen Meinungskampfes ertragen werden müssen.

12. Mai 2024 | schwarze Regenschirme

Die Bilder des Aufmarschs der Neonazis in Paris, das Schwarz, die weißen Symbole auf schwarzen Flaggen, das Feuer, die Fackeln, die schwarzen Regenschirme, mit denen die Nazis den Marsch vor den Blicken von außen abschirmen wollen, wie sie die Spitzen in Objektive rammen wollen.

13. Mai 2024 | vier Jahre montags

Seit vier Jahren ist der Montag der Weimarer Theaterplatz stets für die Spaziergänger reserviert. An diesem 13. Mai nicht. Da wird neben dem Denkmal alerta alerta gerufen. Eigentlich ist es entspannt – auch am Abend noch 25° – und trotzdem ein unbehagliches Gefühl der Belagerung, außerhalb des Platzes, dieses geschützten Raums. Die Veranstalter weisen zwischen den Redebeiträgen auf die Situationen hin; wir werden gefilmt / fotografiert / beobachtet von außen, jemand sucht Stress, wird gerade von der Polizei festgesetzt, seid vorsichtig, wenn ihr von der Demo nach Hause geht, gebt acht, dort am Goethekaufhaus sind ein paar Faschokids auf Stunk aus.

Auf dem Rückweg die Spaziergänger kreuzen. Mit ihren Trommeln und Flaggen marschieren sie über den Pflasterstein Richtung Herderplatz, umkreisen einmal den Theaterplatz. Vor dem Schwarzbierhaus, von den Pizzerien sitzen entspannt die Touristen – auch am Abend noch 25° – und lassen die Demonstrationszüge beim Aperol vorbeiziehen: alles nebeneinander, alles im Zentrum, braun, gold, rollende Demo, Russlandfahre, Pridefahne, Urlaubsfeeling, Aufmarschfeeling, Montagsfeeling in Weimar.  

Außerdem: In Münster beschließt das Gericht, dass der Verfassungsschutz die AfD weiter beobachten darf. In Schnellroda wird das »Institut für Staatspolitik« aufgelöst, um möglichen Durchsuchungen und Verboten zuvorzukommen. In Halle werfen Unbekannte einen Brandsatz und Steine auf das Haus eines AfD-Stadtratsmitglieds.

14. Mai 2024 | Gewaltstatistiken

Weiterhin Diskussion über Statistiken. Ein Ringen darum: Die Politikerinnen welcher Partei wurden am öftesten tätlich angegriffen? Eine erste, oft zitierte Statistik, nach der Politikerinnen der Grünen fast drei Mal so viel Gewalt erfuhren wie die der zweitplatzierten AfD.

Nachdem BILD, Nius und andere üblicherweise um Differenzierung bemühte Kanäle um Differenzierung bitten, wird die Statistik aufgeschlüsselt in: Gewaltdelikte (AfD vorn), Äußerungsdelikte (Grüne vorn). Damit einher der Vorwurf, Mainstreammedien verfälschten, die vermeintlichen Täter (AfD) in Wahrheit die eigentlichen Opfer. Und umgekehrt. Seither wird mehrheitlich die zweite Statistik in Verbindung mit der aktuellen Diskussion um Gewalt gegen Politikerinnen gebracht.

Weiter wird hingewiesen darauf, wie die Zahlen der Statistik zustande kommen. Jede Anzeige wird ohne Prüfung zur absoluten Zahl, z.B. jedes AfD-Kantholz, jeder Polizist, der auf einer AfD-Demonstration von Gegendemonstranten geschubst wird, ist ein Gewaltdelikt gegen die AfD.

Wer anzeigt, erhöht die Zahl. Und die Zahl wird zu Zahlen wird zur Statistik wird zum Beweis wird zum Beweis für die Voreingenommenheit wird am Ende alles eins, am Ende ist alles differenziert und jeder ist Täter und jeder ist Opfer, absolut und aufgeschlüsselt, Vorwurf, Gegenvorwurf, Gegengegenvorwurfwurf und irgendjemand zitiert Churchill falsch.

15. Mai 2024 | Handlová

In Handlová schießt ein Schriftsteller auf den slowenischen Premierminister und verletzt diesen schwer. Björn Höcke wird wegen der Verwendung einer Losung der SA zu 100 Tagessätzen a 130€ verurteilt und gilt, sollte das Urteil rechtskräftig werden, damit als vorbestraft.

16. Mai 2024 | Deutungshoheit

Kampf um die Deutungshoheit, ob der »Hobby-Dichter«, der den slowakischen Präsidenten angeschossen hat, links- oder rechtsmotiviert war.

17. Mai 2024 | Trivialisierung

Björn Höcke kündigt an, Cathy Hummels, die Ex-Frau von Fußballspieler Mats Hummels verklagen zu wollen, weil sie im Rahmen einer Werbepartnerschaft in einer Instagramstory unter das Bild eines Fußballs schrieb: Zitat »Das wird ein grandioses Erlebnis. Alles für Deutschland!« Zitatende eines Theaterstücks.

18. Mai 2024 | Weil der Bürger Frust hat

Juli Zeh sagt in einem Interview:

»Ja, daran, dass sich diese Form von Angriffen gegen so verschiedene Leute richtet, auch gegen Politiker verschiedener Parteien, sieht man schon, dass das Frustabbau ist. […] Was man schon zur Kenntnis nehmen muss, ist, dass den Leuten in den letzten zehn Jahren wirklich viel zugemutet worden ist. Und damit meine ich nicht nur Corona, sondern ich meine auch, dass wir im Land wahnsinnig viele Baustellen haben, die in die existentiellen Lebensbereiche rein regieren: Krankenhäuser, Schulen, öffentlicher Nahverkehr, Renten, Pflege […] Da ist so ein krasser Handlungsbedarf und da passiert so wenig, dass Menschen auch nicht ganz zu Unrecht das Gefühl haben, dass Politik zunehmend am Bürger vorbei gemacht wird […]«

Und der Bürger, von dem Juli Zeh spricht, dieser Bürger bin ich. Und als dieser Bürger sehe ich die Baustellen und ich sehe den Handlungsbedarf und ich sehe die existentiellen Lebensbereiche. Als dieser Bürger will ich einen guten Nahverkehr und du bist ein Bürger und du wohnst auf dem Land und du sagst »Warum soll ich als jemand, der keinen Nahverkehr benutzt, mit meinen Steuern das 49-Euro-Ticket finanzieren« und du bist ein Bürger, der nur Auto fährt und du sagst, »Anstatt eines Mitternachtsbus will ich lieber eine sechste Spur auf der Autobahn«. Und ich bin ein Bürger, der gute Schulen will, in denen gut Lesen und Schreiben gelehrt wird und ich will, dass dort die Fassade nicht bröckelt und die Toilettenräume benutzbar sind und Lehrer nicht während der Sommerferien entlassen werden müssen und das kostet Geld und ich bin ein Bürger, der die Schuldenbremse möchte und du bist eine Bürgerin, die sagt, das Geld dafür nehmen wir vom Bürgergeld und du bist ein Bürger, das Geld soll von einer höheren Erbschaftssteuer kommen und deshalb wählst du. Und ich bin ein Bürger, der ein gutes Gesundheitssystem möchte und du bist ein Bürger, der Privatpatient ist und du bist eine Bürgerin, deren Mutter Apothekerin ist und du bist eine Bürgerin, deren Mutter chronisch krank ist.

Der Bürger bist du, der Bürger bin ich und 83 Millionen sind es auch und der Bürger ist ein Ideal, der Bürger ist das gute Gegenstück zu Politikern, der Bürger ist rhetorisches Mittel, der Bürger ist Schlagwort, der Bürger ist Symbol, der Bürger nimmt eine Funktion ein im Sprechen von Juli Zeh, der Bürger ist eins, der Bürger ist alles, was die da oben nicht sind und weil der Bürger Frust hat, darf der Bürger auch seinen Frust abbauen, indem er schlägt, abreißt, rotzt.

19. Mai 2024 | Ursache / Wirkung / Problem ilustriert

In dieser Woche: entscheidet ein Gericht, dass das Klimaschutzprogramm der Regierung methodische Mängel habe und auf unrealistischen Annahmen basiere und deshalb dringend nachgeschärft werden muss.

Einen Tag später beschließt die Regierung das entschärfte Klimaschutzgebiet, nach dem der Ausstoß von Treibhausgasen insgesamt und nicht mehr wie bisher nach einzelnen Sektoren betrachtet werden soll.

Einen Tag später reist der Kanzler ins Saarland, was wegen Extremwetter überschwemmt ist und verspricht den Opfern Unterstützung.

20. Mai 2024 | Helikopter

Nebel in den Bergen Ost-Aserbaidschans. Ein Hubschrauber verliert die Kontrolle, prallt gegen ein Felsenmassiv, stürzt ab. Im Helikopter Irans Präsident Ebrahim Raisi. Im Radio höre ich diese Meldung. Dazu wird der Präsident kurz einordnet, der Begriff Hardliner fällt, Bezug genommen wird auf die Proteste von 2022. Jina Mahsa Aminis Name wird genannt und ich denke, so sollte es sein: Jedes Mal, wenn man Raisis Name nennt, sollte man auch Jina Mahsa Aminis Namen nennen, den Namen jeder Frau und jedes Kindes und jedes Mannes, deren Tode er zu verantworten hat.


Menü schließen